Stilles Glück

Wer kennt nicht Frau Veronika Schoißengeyers niedliches Landhaus

draußen ganz am Ende der Vorstadt! Mit spiegelnden, fröhlichen

Fensterlein guckt es gar schelmisch über die Flur, wenn Frau Sonne

gütig herniederlacht.

+Frau+ Veronika +Schoißengeyers Villa+.

Ja, staune du nur, schöne Leserin! +Frau+ Veronika +Schoißengeyers

Villa+. Denn kaum ein paar Jährlein, oder so, waren ins Land gegangen,

seit wir Zeugen von Veronikas Triumphen gewesen, als die Künstlerin

dem wackern Charcutier errötend zum Altare folgte.

Ja, ja, und du, lieber Leser, hättest es wohl auch nicht vermutet! Ja,

ja, demselbigen Charcutier Schoißengeyer, der damals die unbedachte

Äußerung tat.

Und was ihn betrifft, selbst heute noch, wenn der Wackere, — beut das

Kirchweihfest frischfröhliche Lustbarkeit, — ein wenig zu tief in das

Krüglein geguckt, kannst du ihn plötzlich ein gar ernsthaft Gesicht

machen sehen, und hast du ein scharfes Ohr, werden dir auch gewiß seine

gemurmelten Worte nicht entgehen: Ich woaß nöt, i glaub halt allaweil,

’s is a Sau!

Doch du und ich, wir beide, wissen nur zu gut, was er damit meint. Daß

es nur Reminiszenzen sein können an jenen Abend, da sich Veronika in

aller Herzen sang und tanzte. Ein erkleckliches Sümmchen war es, das

das heute so rundliche, aber immer noch so resolute Frauchen so ganz

still und ohne viel Aufhebens durch ihre Kunst erworben hatte, ehe es

den Brettern, die die Welt und — leider muß es gesagt sein — nicht

immer die des Herzensreinen bedeuten, für immer Valet sagte, und von

dessen Zinsen, nicht zu vergessen dessen, was der zielbewußte Gatte

vordem durch nimmerrastender Hände Arbeit geschaffen, das Paar nun

einträglich schaltete und waltete.

Und willst du jetzt, geneigte Leserin, Zeugin sein eines

stillzufriedenen Glückes, — komm, folge mir in das behagliche Stübchen,

wo Vater Schoißengeyer von des Tages Unrast und Mühsal verschnaufend,

an dem grünen Kachelofen sitzend, der derben Stiefel entledigt, in

den stets weißen blitzsaubern Socken die fleißigen Füße — die von

treubesorgt emsigem Auf- und Niedergang in dem schmucken Anwesen so

ermüdeten — Erquickung atmen läßt.

Frau Veronika, wie immer in der geliebten Tracht ihrer Heimat, wehrt

den übermütigen Rangen, die, zwölf an der Zahl, bei der stämmigen

Gestalt ihres Erzeugers doch alle der Mutter wie aus dem Gesicht

geschnitten, sie jauchzend umdrängen. Gestehet, ist das nicht ein

entzückendes Bild?! Ein erhebendes Symbol wahren dauernden Glückes

zweier, die mit klarer Besonnenheit ihren gegenseitigen schlichten Wert

erkannten und jedem Tande abhold, stets ihrem Stande, ihrem Stamme treu

geblieben waren. Die nie zu hoch hinaus gewollt ins Unreale und flugs

zugegriffen, wenn es galt, ehrlichen irdischen Vorteil beim Schopfe zu

fassen. Oh, könnte sich unser Auge, wohin es in der Welt auch blicke,

doch stets an solch inniger Vollkommenheit erlaben!

Doch jetzt geht das Öl der Lampe zur Neige, und alles sucht die

schwellende Lagerstätte auf.

Nur Frau Veronika bleibt noch ein Weilchen und gedenkt im stillen der

bewegten Vergangenheit, der nahen und doch, ach, so fernen.

Wie ihr guter Mann verlegen die Ballonmütze in den Händen gedreht,

damals, und sie ihm ohne viel Federlesens um den Hals gefallen war. Und

der Ärger des verschmähten Freiers, jenes windigen Gecken, dem es ja

doch nur um ihr Geld zu tun gewesen.

Und dann die Hochzeit! Die Hochzeit in Linz, der Vaterstadt ihres

Schoißengeyer — —!!

„Brock’ mer uns a Sträuß-la,

Steck’ mer’s uns aufs Hüat-la.

So san mir Landsleut’,

Linzerische Bua’m — —“

Frau Veronika wiegte summend das Köpfchen, und ihre Augen wurden feucht.

Wiederum, als sei es eben erst gewesen, sah sie im Geiste die

Deputation des oberösterreichischen Dichterbundes feierlich auf

sich zuschreiten und ihr die Ehrengabe überreichen, einen breiten,

wunderschönen roten „Andreas-Hofer“-Gürtel und dazu, wie der

Sprecher schelmisch hervorhob, für ihren künftigen Erstgeborenen

einen prachtvollen künstlichen Kropf aus fleischfarbenem Leder zum

Umschnallen, falls ihn dereinst die Zünfte zum Abgeordneten für die

Alpenländer wählen sollten. Rasch sich in die Lage findend, hatte

Veronika damals in schmuckloser Einfachheit das „Zu Mantua in Banden“

vorgetragen, und als sie mit dem herzzerreißenden Wehruf:

„Franzosen, ach, wie schießt ihr schlecht“

schloß, da wischten sich die bärtigen Männer mit den rauhen Handrücken

über die Augen.

Es ging ein Schluchz durch Österreichs Gaue!

— — — — — — — — —

Selig lächelte Frau Veronika vor sich hin. Dann sehnte auch sie sich

nach der labenden Ruhe des Schlummers an der Seite des geliebten Gatten

—

„Sie nimmt das Licht und geht zu Bett

Und spricht: der Abend war so nett.“

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Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 36 / 149 题