Vom Alpensee wehte kühl der Odem des keimenden Morgens, und voll Unruhe
irrten die Nebel umher auf den nassen, schlummernden Wiesen.
Kein Auge hatte Veronika, die Gezähmte, geschlossen die ganze Nacht
und sich schlaflos hin und her gewälzt auf dem häuslichen Misthaufen.
„Der Holzlapp’ von Miesbach“ von Xaver Hinterstoißer hatten sie drin im
Saale gespielt gestern abend, und kein Auge war trocken geblieben, als
so der „Pfarrer“ dreiviertelstundenlang laut mit sich selber gekämpft.
„Das nenn’ ich mir halt wahre Heimatskunst“, hatte der fremde Städter
mit der krummen Hahnenfeder auf dem Hute, als er — aus dem Gasthause
getreten — sich für einen Augenblick an den Misthaufen stellte, laut zu
seinem Nebenmann gesagt und dabei voll Inbrunst zum Monde aufgeblickt.
„Alles so grundwahr aus dem Volke herausgewachsen. Oh, Erdgeruch,
du mein Erdgeruch. Und haben Sie auch beobachtet, Herr Meier, was
für ergreifende Töne dem Oberniedertupferseppl als ‚Großknecht‘ zur
Verfügung standen! Es ist doch kaum zu glauben! Dieser schlichte
biedere Bauernsohn!“
„Ja, und gar der prächtige Schnackl-Franz. Dieses urwüchsige
Dudludludl, so naiv und doch so innig — gar nicht mehr los werde ich
die Weise“, hatte der andere freudig zugestimmt. Und dann waren beide
wieder hineingegangen.
Dem Schwein Veronika auf seinem erhöhten Lager aber war kein Wort
entgangen.
Stunde um Stunde verrann, und kein Schlaf kam mehr in seine Augen.
Der Mond war quer über den Himmel geschlichen; vorsichtig hatte der
Misthaufen zuerst auf der linken Seite einen blauschwarzen Schatten
herausgebleckt, ihn allmählich wieder eingezogen, dann rechts
herausgebleckt — weiter, immer weiter, bis er endlich ganz und gar die
Herrschaft über ihn verloren. Und nichts von alldem hatte das Schwein
beachtet, wie doch sonst in hellen Nächten. So sehr jagten sich seine
Gedanken!
Schon quoll der erregende Hauch des Morgengrauens aus der Erde,
brutwarm stank es aus den Bauernhäusern, und immer noch grübelte
Veronika. Grübelte und grübelte. Und Erinnerungen aus der Jugendzeit,
an Alma, die liebliche Stiefschwester, und die andern — — alle — —
alle, wurden wieder neu. Gott, wie war es doch damals nur gewesen?!
Richtig, richtig, ja — — — der schöne Mann mit der Ballonmütze aus
schwarzer Seide und dem blanken Messer als Hüftzier war eines Tages
gekommen und hatte Alma genommen. Und der Papa hatte gesagt: „Es ist
ein Theaterdirektor, er hat Alma entdeckt.“
Und die Mama hatte gesagt: „Wegen ihrer rosa Hautfarbe kam er, — sie
ist nicht wie ihr; — ach, und so verführerisch konnte halt das Mädchen
mit dem Busen wogen. Sie wird bestimmt Koloratursängerin.“
Eine ganze Woche hatten sie dann allesamt auf dem Misthaufen gelegen
und rastlos geübt, verführerisch mit dem Busen zu wogen.
Wohl war von Zeit zu Zeit, wenn die Kirchweih nahte, der
Theaterdirektor mit der Mütze immer wieder gekommen und hatte zur Feier
des frommen Festes ein Familienmitglied an den Ohren weggeführt, aber
von Alma sprach er nie.
„Soll ich denn auch auf ihn warten?“ überlegte Veronika. „Soll ich
nicht?“
Unentschlossen zählte sie an ihren zwölf Knöpfen ab: soll ich, soll ich
nicht — —
Soll ich nicht! — kam heraus. Da erhob sich Veronika, schüttelte den
Tau von den Borsten und blickte in den Himmel. Es gähnte der Morgen,
rosenrot barst der junge Tag. Rosenrot. — — Wie Schminke.
Da frohlockte das Schwein ob des günstigen Zeichens. Und suchend
blickte es umher.
„Ja, was wär’ denn jetzt gar dös?! Ein grünwollenes Futteral liegt da?!“
Schnell biß es vier Stücke davon ab, zog sie über die Waden und setzte
den Lampenschirm aufs Haupt, den grasgrünen, den die Wirtin neulich auf
den Misthaufen geworfen hatte.
So, und jetzt noch eine Träne: „Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten
Triften, — — — ihr Wiesen, die ich wässerte — —,“ und im Trab zum Herrn
Uhrmacher ging’s, die zwölf Knöpfe versilbern lassen. Der machte das
recht gern, wenn auch nicht billig, und sagte dabei ein- ums anderemal:
„A Pferdsketten mit a paar Pfund Eberzähnt, dös fehlet halt no, und auf
’m Huat den Pinsel fein nöt vergessen!“
Denn er durchschaute des Schweines Pläne.
Dann zottelte Veronika von dannen, nach Norden der Hauptstadt zu.
Die Vöglein pfiffen, es glitzerten die Gräser, und hie und da stank ein
Bauernlackel vorüber.
Unendlich rollte sich die Landstraße auf. Dichte Wolken wirbelte
Veronika aus dem weißen verdursteten Boden, daß die engbrüstigen
Pappeln mit ihren staubigen Blättern so husten mußten. Schon war die
Sonne rot wie ein Krebs, und immer noch, in weiter, weiter Ferne, lag
der Dunst der Stadt.
Doch emsig trottete Veronika dahin; ihre versilberten Knöpfe klirrten.
Eine vornehme Equipage rollte vorbei; es saß ein feiner Herr darin mit
seiner Dame, und als er das Schwein erblickte in Landestracht, da ging
ihm das Herz auf. „Grüß’ Gott“, rief er leutselig, dann schloß er die
Augen und gellte mit viereckigem Mund jjjjiiijach-hu-hu, so laut er
konnte, daß die Pferde erschraken und einen kleinen Hopser machten.
Und zu seiner Dame gebeugt, sprach er bewegt von den Fährnissen der
Berge, von dem tosenden Wildbach und — piff — paff — der flüchtigen
Gemse. „Und riechst du es auch, Cläre? Das ist Scholle. Ackerduft! Und
nicht mal gedankt hat das Deandl auf meinen Gruß! Ja, so sind sie alle,
diese stolzen unverdorbenen Naturkinder! Treu wie Gold!“ — — — — — —
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