Der Opal, den Miß Hunt am Finger trug, fand allgemeine Bewunderung.
„Ich habe ihn von meinem Vater geerbt, der lange in Bengalen diente,
und er stammt aus dem Besitze eines Brahmanen“, sagte sie und strich
mit den Fingerspitzen über den großen schimmernden Stein. „Solches
Feuer sieht man nur an indischen Juwelen. — Liegt es am Schliff oder
an der Beleuchtung, ich weiß es nicht, aber manchmal kommt es mir vor,
als ob der Glanz etwas Bewegliches, Ruheloses an sich hätte, wie ein
lebendiges Auge.“
„Wie ein lebendiges Auge“, wiederholte nachdenklich Mr. Hargrave
Jennings.
„Finden Sie etwas daran, Mr. Jennings?“
— — — — — — — — —
Man sprach von Konzerten, von Bällen und Theater — von allem
möglichen, aber immer wieder kam die Rede auf indische Opale.
„Ich könnte Ihnen etwas über diese Steine, über diese sogenannten
Steine mitteilen,“ sagte schließlich Mr. Jennings, „aber ich fürchte,
Miß Hunt dürfte dadurch der Besitz ihres Ringes für immer verleidet
sein. Wenn Sie übrigens einen Augenblick warten, will ich das
Manuskript in meinen Schriften suchen.“
Die Gesellschaft war sehr gespannt.
„Also hören Sie, bitte. (Was ich Ihnen hier vorlese, ist ein Stück aus
den Reisenotizen meines Bruders — wir haben damals beschlossen, nicht
zu veröffentlichen, was wir gemeinsam erlebten.)
Also: Bei Mahawalipur stößt das Dschungel in einem schmalen Streifen
bis hart ans Meer. Kanalartige Wasserstraßen, von der Regierung
angelegt, durchziehen das Land von Madras fast bis Tritschinopolis,
dennoch ist das Innere unerforscht und einer Wildnis gleich,
undurchdringlich, ein Fieberherd.
Unsere Expedition war eben eingetroffen, und die dunkelhäutigen
tamulischen Diener luden die zahlreichen Zelte, Kisten und Koffer aus
den Booten, um sie von Eingeborenen durch die dichten Reisfelder, aus
denen nur hie und da Gruppen von Palmyrapalmen wie Inseln in einem
wogenden hellgrünen See emporragen, in die Felsenstadt Mahawalipur
schaffen zu lassen.
Oberst Sturt, mein Bruder Hargrave und ich nahmen sofort Besitz von
einem der kleinen Tempel, die, aus einem einzigen Felsen herausgehauen,
eigentlich herausgeschnitzt, wahre Wunderwerke altdrawidischer Baukunst
darstellen. Die Früchte beispielloser Arbeit indischer Frommer, mögen
sie jahrhundertelang den Hymnen der begeisterten Jünger des großen
Erlösers gelauscht haben, — jetzt dienen sie brahminischem Shivakult,
wie auch die sieben aus dem Felsrücken gemeißelten heiligen Pagoden mit
den hohen Säulenhallen.
Aus der Ebene stiegen trübe Nebel, schwebten über den Reisfeldern und
Wiesen und lösten die Konturen heimziehender Buckelochsen vor den
rohgezimmerten indischen Karren in regenbogenartigen Dunst auf. Ein
Gemisch von Licht und geheimnisvoller Dämmerung, das sich schwer um die
Sinne legt und wie Zauberduft von Jasmin und Holunderdolden die Seele
in Träume wiegt.
In der Schlucht vor dem Aufgang zu den Felsen lagerten unsere
Mahratten-Sepoys in ihren wilden malerischen Kostümen und den rot und
blauen Turbans, und wie ein brausender Lobgesang des Meeres an Shiva
den Allzerstörer dröhnten und hallten die Wogenschläge aus den offenen
Höhlengängen der Pagoden, die sich vereinzelt längs des Gestades
hinziehen.
Lauter und grollender schwollen die Töne der Wellen zu uns empor, wie
der Tag hinter den Hügeln versank und Nachtwind sich in den alten
Hallen fing.
Die Diener hatten Fackeln in unseren Tempel gebracht und sich in das
Dorf zu ihren Landsleuten begeben. Wir leuchteten in alle Nischen und
Winkel. Viele dunkle Gänge zogen durch die Felswände, und phantastische
Götterstatuen in tanzender Stellung, die Handflächen vorgestreckt mit
geheimnisvoller Fingerhaltung, deckten mit ihren Schatten die Eingänge
wie Hüter der Schwelle.
Wie wenige wissen, daß alle diese bizarren Figuren, ihre Anordnung und
Stellung zueinander, die Zahl und Höhe der Säulen und Lingams Mysterien
von unerhörter Tiefe andeuten, von denen wir Abendländer kaum eine
Vorstellung haben.
Hargrave zeigte uns ein Ornament an einem Sockel, einen Stab mit
vierundzwanzig Knoten, an dem links und rechts Schnüre herabhingen,
die sich unten teilten: Ein Symbol, das Rückenmark des Menschen
darstellend, und in Bildern daneben Erklärungen der Ekstasen
und übersinnlichen Zustände, deren der Yogi auf dem Wege zu den
Wunderkräften teilhaftig wird, wenn er Gedanken und Gefühl auf die
betreffenden Rückenmarksabschnitte konzentriert. —
„Dies da Pingala, großer Sonnenstrom“, radebrechte bestätigend Akhil
Rao, unser Dolmetsch.