Das k. k. Korpskommando.“

Also wieder keine Grotte!!

Wutschnaubend verfaßte ich auf der Stelle einen Protest an das

Kriegsministerium in Wien, die unter fächerförmigem Entfalten

sämtlicher zehn Finger vorgebrachten Warnungen Taubingers: „Nor

mit de Balmachomes keinen Streit anfangen; sie sind doch unsere

Hauptlieferanten!“ mißachtend.

Wochenlanges Telephongeklingel mit darauffolgenden Drohungen, da und

dort stünden die Düngerwagen bereit, mir den erworbenen Betriebsstoff

in die Wohnung zu bringen, wenn ich nicht sofort anders verfügte,

warfen mich schließlich aufs Krankenlager.

Nur Taubinger, der eines Morgens melden kam, es sei ihm nach

unsäglicher Mühe gelungen, in der Vorstadt ein leeres Haus zu mieten,

in dessen Keller nunmehr heimlich und nächtlicherweile der Mist

abgeladen würde, habe ich es zu verdanken, daß das Fieberthermometer

endlich sank.

Den Tag meiner Genesung feierte ich jedoch erst, als Bonifazius

Felbermeier, ein mir von der Gärtnerinnung als hervorragender

Champignonzüchter warm empfohlener Schlot und Fachmann, mit Eilzug aus

Wien herbeigeeilt, mein Zimmer betrat und mir alle Qual vom Herzen

nahm, indem er beteuerte: „Dös lassen S’ alles mich mochen, gnä Herr!

— Werden S’ segen, gnä Herr“ — und wie zum Schwur erhob er seine

Palmenblatthände — „wann s’ erst sechs Wochen gärt hat, dö Schwammbrut

— ‚Mühzählium‘ heißen mir’s in die entern Gründ’ — nachher, Herrschaft,

i’ kenn dös, da wurrln’s a so außer wia dö Soldaten.“

Voll neuer Zuversicht atmete ich auf.

Ja! Das Proletariat! Es ist eben immer unsere — Rettung! Der Mann, der

da vor mir stand — verriet nicht schon sein Äußeres, daß es für ihn

keine Champignonfragen, sondern nur Champignon+lösungen+ geben mußte? —

Die gelben Augen, die niedrige Stirn, das hutkrempenartig geschnittene

Haar, überhaupt der ganze Höhlenmenschentypus: kann die Natur noch

deutlicher sprechen? Nein, das Gesetz der Mimikry lügt nicht! Der da

steht, ist mehr als ein sterblicher Mensch: er ist die Personalunion

mit dem Gotte der Champignons! —

Er war sogar viel mehr, sage ich mir heute: er war ein klassenbewußter

Proletarier! Was schon daraus hervorging, daß er fast keinen Tag

verstreichen ließ, ohne sich nicht einen Lohnvorschuß auszahlen zu

lassen oder mir eine Rechnung über allerlei angeschaffte phantastische

Gerätschaften zu präsentieren.

Von nun an jeglicher Mistsorge enthoben, zahlte ich willig und gern,

und fröhlich ging ich wieder daran, meine Rendezvous zu regeln, um das

vernachlässigte, massenhaft angesammelte Material, soweit es meine

erschütterte Gesundheit und die Umstände erlaubten, aufzuarbeiten.

Monat um Monat schwand dahin; wie üblich, begann der Herbst das Laub

zu bräunen; die Lausbuben in den Parkalleen bewarfen den sinnenden

Wanderer bereits hinterrücks mit Wildkastanien, aber immer noch hoffte

ich vergebens der erlösenden Kunde, daß es in dem Vorstadtkeller zu

„wurrln“ begänne.

Allmählich beschlich mich ein tiefes Unbehagen, das sich schließlich

bis zu einem Anfall nicht mehr zu bändigenden Mißtrauens gegenüber

Felbermeier steigerte.

Ich warf mich in einen Fiaker und fuhr auf die Suche nach dem mir bis

dahin nur aus Taubingers Schilderungen bekannten Champignonhaus.

Schon von weitem glotzten mir die blinden Fensterscheiben des

erbarmungswürdigen Gebäudes entgegen.

Übernächtig, ungepflegt, vom gramdurchfurchten Mauermörtel angefangen

bis hinauf zur triefenden Dachrinne, erregte es mein heftigstes Mitleid.

Es hatte förmlich Ringe um die Augen.

„Felbermeier!“ schrie ich in den einsamen Flur hinein.

Keine Antwort; nur ein schwindsüchtiges Echo stöhnte: „— — ber — —

mei — —“

„Felbermeier!“ brüllte ich aus voller Lunge. — Niemand.

Der Höhlenmensch schien abwesend zu sein.

Ich stieg zur Kellertür hinab, faßte die Klinke; sie war glühend heiß.

Ich nahm einen Stein und hämmerte gegen die Pfosten.

Endlich tat sich gespenstisch leise die Pforte auf, und ein Gluthauch,

wie Wüstensamum, schlug mir entgegen.

Mitten in der wabernden Luftsäule stand entblößten Oberleibes, die

Reste einer roten Krawatte um den nackten Hals geschlungen, der

champignonkundige Bonifazius.

„Sie — Sie — Sie entarteter Troglodyt, Sie!“ schrie ich ihn an. „Das

ist ja viel zu heiß! Da muß doch jede Schwammbrut verbrennen!“

„Dös is gar nöt heiß“, erwiderte er gelassen; „dös is nur a so a

g’spannte Luft! — — Murgen, werden S’ segen, gnä Herr, da wurrln s’

scho!“

Zwar hatte ich noch am selben Tage den pflichtvergessenen Schlot

seines Amtes enthoben und ihn nach Begleichung seines vertragsmäßig

ausbedungenen Halbjahrsgehaltes im Schwunge aus dem Hause entfernt;

aber nachts ließ es mir keine Ruhe: Was, wenn sie morgen doch wurrln

sollten?!

Ich fuhr nochmals hin; vielleicht hatte der liebe Gott in letzter

Stunde ein Wunder getan!

Nein! Er hatte keins getan.

Sie wurrlten nicht.

Alles, was ich im Keller vorfand, war:

Stück 1 — geplatztes Thermometer;

Stück 1137 — morsche Sargbretter;

Stück ca. 1016 — Kubikmeter einer tiefschwarzen mir fremden Substanz;

Stück 188 — leere Schnapsflaschen;

Stück 1 — Frauenmieder (Herkunft und Zweck für den Keller nicht zu

erklären);

Stück 1 — infolge übermäßiger Inanspruchnahme zusammengeschmolzener

Koksofen.

Von Champignons war nichts zu sehen.

Nur alle fünf Schritt weit ragten aus dem Humus ein oder zwei

stricknadeldünne, mir gänzlich unbekannte pilzartige Gewächse mit

durchsichtigen winzigen Hütchen auf den unendlich langen Stengeln.

Sie bildeten später den Gegenstand eifrigsten Studiums seitens der

botanischen Stadtkoryphäen. Das Gutachten lautete, es seien zwar

Pilze, aber diese Art käme nur in den heißesten Distrikten der

Äquatorialgegend vor.

Von ihrem Genusse müsse aufs dringendste abgeraten werden.

— — — — — — — — —

Der Winter nahte, trostlos angefüllt mit Eis, Schnee, nicht

endenwollenden Rechnungen, einer Mordsunterbilanz der „Ersten

christlichen Champignonexportfirma“ und schließlich einer Gerichtsklage

des Vorstadthausbesitzers: ich hätte unverzüglich den Roßmist aus dem

Keller zu entfernen, sonst ... Überhaupt sei der ganzen Sauwirtschaft

unverzüglich ein Ende zu bereiten ...

Beim Ausräumen des nebenbei bemerkt unheilbar erkrankten Gebäudes

stellte sich wunderbarerweise heraus, daß, seit die fachmännische

Beaufsichtigung aufgehört hatte, heimlich doch noch sieben Stück

Champignons gewachsen waren. Offenbar hatten sie keine Ausrede mehr

gewußt, ihr mangelndes Gedeihen zu entschuldigen.

Ich habe sie aus Rache ganz allein aufgegessen.

Das Stück hat, wie ich aus meinen Büchern genau nachweisen kann, fl.

öw. 6347 und 41 Kreuzer gekostet.

„Bald wird der Mai kommen,“ tröstete ich mich nach der Mahlzeit, „dann

will ich nur noch der Liebe leben, und alles wird rasch vergessen sein.“

Freilich, der Mai kam — was hätte er auch sonst tun sollen —, aber er

kam nicht allein; ein Brief des Kriegsministeriums aus Wien kam mit,

und drin stand, daß nunmehr meinem Begehren stattgegeben worden und

ich als alleiniger Mieter der Wyschehrader Schanzengänge für 30 Jahre

anzusehen sei!

Kunz Peter Taubinger blickte mir über die Schulter, als ich es ächzend

las, und triumphierte:

„Nu, was hab’ ich gesagt! Das Geld liegt auf der Straße, aber die

Brieftasch’ fallt einem ’eraus, wenn mer sich danach bückt.“

— — — — — — — — —

— — — — — — — — —

— — — — — — — — —

Nachträglicher Stoßseufzer des Autors:

Hoffentlich nimmt mich die neuentstandene tschechoslowakische Republik

nicht beim Wort!

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 29 / 149 题