Da faßte Oberst Sturt meinen Arm: „Ruhig — — — hören Sie nichts?“

Wir horchten gespannt in der Richtung des Ganges, der, von der

kolossalen Statue der Göttin Kala Bhairab verborgen, sich in die

Finsternis zog.

Die Fackeln knisterten — sonst Totenstille.

Eine lauernde Stille, die das Haar sträubt, wo die Seele bebt

und fühlt, daß etwas geheimnisvoll Grauenhaftes blitzartig ins

Leben bricht, wie eine Explosion, und nun unabwendbar eine Folge

todbringender Dinge aus dem Dunkel des Unbekannten, aus Ecken und

Nischen emporschnellen muß.

In solchen Sekunden ringt sich stöhnende Angst aus dem rhythmischen

Hämmern des Herzens — wortähnlich, wie das gurgelnde, schauerliche

Lallen der Taubstummen: +Ugg+ — +ger+, — +Ugg+ — +ger+, — +Ugg+ —

+ger+. —

Wir horchten vergebens — kein Geräusch mehr.

„Es klang wie ein Schrei tief in der Erde“, flüsterte der Oberst.

Mir schien es, als ob das Steinbild der Kala Bhairab, des

Choleradämons, sich bewegte: unter dem zuckenden Lichte der Fackeln

schwankten die sechs Arme des Ungeheuers, und die schwarz und weiß

bemalten Augen flackerten wie der Blick eines Irrsinnigen.

„Gehen wir ins Freie, zum Tempeleingang,“ schlug Hargrave vor, „es ist

ein scheußlicher Ort hier.“

Die Felsenstadt lag im grünen Lichte wie eine steingewordene

Beschwörungsformel.

In breiten Streifen durchglitzerte der Mondschein das Meer, einem

riesigen, weißglühenden Schwerte gleich, dessen Spitze sich in der

Ferne verlor.

Wir legten uns auf die Plattform zur Ruhe — es war windstill und in

den Nischen weicher Sand.

Doch es kam kein rechter Schlaf.

Der Mond stieg höher, und die Schatten der Pagoden und steinernen

Elefanten schrumpften auf dem weißen Felsboden zu krötenähnlichen

phantastischen Flächen zusammen.

„Vor den Raubzügen der Moguln sollen alle diese Götterstatuen von

Juwelen gestrotzt haben — Halsketten aus Smaragden, die Augen aus Onyx

und Opal“, sagte plötzlich Oberst Sturt halblaut zu mir, ungewiß, ob

ich schliefe. — Ich gab keine Antwort.

Kein Laut als die tiefen Atemzüge Akhil Raos.

Plötzlich fuhren wir alle entsetzt empor. Ein gräßlicher Schrei drang

aus dem Tempel — ein kurzes, dreifaches Aufbrüllen oder Auflachen mit

einem Echo wie von zerschellendem Glas und Metall.

Mein Bruder riß ein brennendes Scheit von der Wand, und wir drängten

uns den Gang hinab in das Dunkel.

Wir waren vier, was war da zu fürchten.

Bald warf Hargrave die Fackel fort, denn der Gang mündete in eine

künstliche Schlucht ohne Deckenwölbung, die, von grellem Mondlicht

beschienen, in eine Grotte führte.

Feuerschein drang hinter den Säulen hervor, und von den Schatten

gedeckt schlichen wir näher.

Flammen loderten von einem niedrigen Opferstein, und in ihrem

Lichtkreis bewegte sich taumelnd ein Fakir, behängt mit den grellbunten

Fetzen und Knochenketten der bengalischen Dhurgaanbeter.

Er war in einer Beschwörung begriffen und warf unter schluchzendem

Winseln den Kopf nach Art der tanzenden Derwische mit rasender Schnelle

nach rechts und links, dann wieder in den Nacken, daß seine weißen

Zähne im Lichte blitzten.

Zwei menschliche Körper mit abgeschnittenen Köpfen lagen zu seinen

Füßen, und wir erkannten sehr bald an den Kleidungsstücken die Leichen

zweier unserer Sepoys. Es mußte ihr Todesschrei gewesen sein, der so

gräßlich zu uns emporgeklungen.

Oberst Sturt und der Dolmetsch warfen sich auf den Fakir, wurden aber

von ihm im selben Augenblick an die Wand geschleudert.

Die Kraft, die in dieser abgemergelten Asketengestalt wohnte, schien

unbegreiflich, und ehe wir noch zuspringen konnten, hatte der Fliehende

bereits den Eingang der Grotte gewonnen.

Hinter dem Opferstein fanden wir die abgeschnittenen Köpfe der beiden

Mahratten.“

— — — — — — — — —

Mr. Hargrave Jennings faltete das Manuskript zusammen: „Es fehlt ein

Blatt hier, ich werde Ihnen die Geschichte selber zu Ende erzählen:

„Der Ausdruck in den Gesichtern der Toten war unbeschreiblich. Mir

stockt heute noch der Herzschlag, wenn ich mir das Grauen zurückrufe,

das uns damals alle befiel. Furcht kann man es nicht gut nennen, was

sich da in den Zügen der Ermordeten ausdrückte, — ein verzerrtes,

irrsinniges Lachen schien es. — Die Lippen, die Nasenflügel

emporgezogen, — der Mund weit offen und die Augen, — die Augen, — es

war fürchterlich; stellen Sie sich vor, die Augen — hervorgequollen —

zeigten weder Iris noch Pupille und leuchteten und funkelten in einem

Glanze wie der Stein hier an Miß Hunts Ring.

Und wie wir sie dann untersuchten, zeigte es sich, daß sie wirkliche

Opale geworden waren.

Auch die spätere chemische Analyse ergab nichts anderes. Auf welche

Weise die Augäpfel hatten zu Opalen werden können, wird mir immer ein

Rätsel bleiben. Ein hoher Brahmane, den ich einmal fragte, behauptete,

es geschähe durch sogenannte Tantriks (Wortzauber), — und der Prozeß

gehe blitzschnell, und zwar vom Gehirn aus vor sich; doch wer vermag

das zu glauben! Er setzte damals noch hinzu, daß alle indischen Opale

gleichen Ursprungs seien, und daß sie jedem, der sie trüge, Unglück

brächten, da sie einzig und allein Opfergaben für die Göttin Dhurga,

die Vernichterin alles organischen Lebens, bleiben müßten.“

Die Zuhörer standen ganz unter dem Eindruck der Erzählung und sprachen

kein Wort.

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 31 / 149 题