Die heimtückischen Champignons

„Das Geld liegt auf der Straße, man braucht sich nur danach bücken, um

es aufzuheben“, ist ein alter Satz, den ich des öfteren von smarten

Geschäftsleuten äußern hörte, ohne daß es mir jedoch bis heute gelungen

wäre, seine Stichhaltigkeit einwandfrei zu erproben. Um so mehr bin ich

deshalb geneigt, die pessimistische Weltanschauung jener zu teilen, die

auf den — allerdings apokryphen — Nachsatz schwören: „Wer sich bückt,

um es aufzuheben, dem fällt die Brieftasche aus der Jacke.“

Als fanatischen Verfechter dieses hämischen Glaubensbekenntnisses

lernte ich vor Jahren in Prag einen Agenten namens Dowidl Taubeles

kennen; wenn ich nicht irre, war er nebenbei mosaischer Konfession,

wenigstens konnte er mir — insbesondere solange ich mit ihm noch keine

Geschäfte gemacht hatte — nicht oft genug im Sprudelton felsenfester

Überzeugung versichern:

„Ihnen gesagt, junger Mann, die Brieftasch’ fällt einem ’raus!“

Wahrscheinlich, um Widersprüche meinerseits im Keim zu ersticken,

faßte er mich dabei jedesmal beim zweiten Rockknopf und versuchte, ihn

abzudrehen, was jedoch mißlang, da ich den Knopf in weiser Voraussicht

solcher Fälle vom Schneider mit Blumendraht hatte annähen lassen.

Begab es sich, daß Dowidl Taubeles Kenntnis erhielt, ich stünde im

Begriff, mit andern Agenten in Verkehr zu treten, pflegte er mir seine

Warnung sogar dreimal hintereinander, ohne Atem zwischen den Worten zu

schöpfen, zu erteilen.

Ohne Zweifel kannte er die magische Kraft, die derartigen seelischen

Einhämmerungen innewohnt.

Geraume Zeit hindurch war es mir gelungen, den Wackeren nicht mehr

zu Gesicht zu bekommen, da ereignete es sich, daß er mich in einer

einsamen schmalen Gasse, aus der ein Entrinnen unmöglich war, stellte.

Besorgt griff er nach meinem Knopf: Gott sei Dank, ich hatte zum Glück

den Blumendrahtrock an.

Aber das Schicksal wollte es anders; diesmal überlistete mich Taubeles.

Ohne den Knopf Nummer zwei auch nur eines Blickes zu würdigen, faßte

er den dritten, hatte ihn im Nu abgedreht, hielt mir ihn triumphierend

vors Gesicht und sprudelte:

„Ihnen gesagt, junger Mann, Sie wissen doch ...“

„Ja, ja, ich weiß“, stammelte ich niedergeschlagen.

„Nein, Sie wissen nicht!“ fuhr er auf mich los; „nix wissen Sie! — —

Das Geld liegt auf der Straße, mer braucht sich nur dernach zu bücken

und — und mer hat ihn schon!“ Ich bezog seine letzten Worte auf das

Geld; erst viel, viel später wurde mir klar, er könne vielleicht den

Knopf oder gar mich selbst damit gemeint haben.

Ich sah meinen Besieger forschend an: seltsam, wie treuherzig er heute

aus runden Kinderaugen in den brühwarmen Sonnendampf hineinblickte! —

Was für eine merkwürdige Wandlung war in ihm vorgegangen?

„Ich heiß nämlich von jetz an Kunz Peter Taubinger“, vertraute er mir

lächelnd an, als habe er meine Gedanken gelesen.

„Doch nicht etwa meinetwegen?“ fragte ich bestürzt.

„Wie mer’s nimmt“, gab er kopfwiegend zu, und wieder rundeten sich

seine Augen. Ich spürte förmlich, wie seine Seele sich — allerdings

vergebens — abmühte, ihnen die dazugehörige arisch-himmlische Bläue zu

verleihen. — „Wie mer’s nimmt. — Ich hab’ mer nämlich vorgenommen, von

heite ab nur mehr mit die bessern Kreise zu verkehren. — Iebrigens: ich

mach jetz in Schampiohns.“

„Worein?“ forschte ich.

Ohne weiter ein Wort zu verlieren, schleifte er mich in das nächste

Kaffeehaus und machte mir mit einer Eindringlichkeit, die mir außer

den übrigen Rockknöpfen zwei Stunden Zeit kostete, den keine Widerrede

duldenden Vorschlag, mich mit ihm behufs Gründung einer Champignonzucht

zu assoziieren.

Die Vorteile leuchteten mir ohne weiteres ein — wurden doch, wie in

einer Broschüre stand, die er mir wies, jährlich in Paris über fünf

Millionen an Champignons verdient.

Auch die plötzliche Sinnesänderung Taubingers, was die Deutung des

Satzes vom Geldverdienen betraf, schien mir nicht weiter wunderbar;

wußte ich doch vom Gymnasium her, daß weiland der griechische Seher

Teiresias sich über Nacht aus einem Weibe in einen Mann verwandelt

hatte. Warum sollte sich da ein Agent nicht aus einem Pessimisten in

einen Optimisten verwandeln?

„Roßmist!“ unterbrach Taubinger meine Reflexionen und deutete

ringbefingert durch die Spiegelscheibe auf mehrere runde,

spatzenumworbene Gegenstände auf den Pflastersteinen, — „mer braucht

sich nur danach zu bücken. — Roßmist ist alles!“

„Reif sein ist alles!“ verbesserte ich unwillkürlich, das bekannte

Zitat gebrauchend, denn ich hatte Herrn Taubingers sprunghaften

Gedankengängen nicht ganz zu folgen vermocht und erfuhr überdies

erst im Laufe der kommenden Geschäftsverbindung, daß der Champignon

die tadelnswerte Eigentümlichkeit besitzt, sich auf mangelhafte

Beschaffenheit des Pferdedüngers auszureden, wenn er nicht wachsen will.

„Jenne Äppel brauchen nix reif zu sein!“ belehrte mich Taubinger, das

Mißverständnis dadurch ins Uferlose erweiternd.

Das Studium des wissenschaftlichen Elaborates, das er mir sodann mit

geheimnisvoller Miene aushändigte — plötzlich finster werdend, als er

bemerkte, daß ich keinen Knopf mehr zum Abdrehen besaß —, verfolgte

mich in selbiger Nacht bis tief in den Schlaf hinein.

Oh, hätte ich damals doch der holden Traumgöttin ein williges Ohr

geliehen!

Falstaff behauptet, Träume kämen aus dem Bauche; mag sein, daß dies bei

ihm zutraf, — bei mir kamen sie damals aus der verfluchten Broschüre,

die die Rentabilität der Champignonzucht in überschwenglichen Tönen

pries, — das weiß ich bestimmt. Von Grotten war darin die Rede, in

denen zu sprießen — wie einstens des gottseligen Barbarossas Bart —

die Champignons versprächen, wenn man nur gewissenhaft darauf achte,

daß das Wärmemaß den 34. Grad Réaumurs nicht überschreite und genügend

Lüftung vorhanden sei.

Ich wanderte im Traum durch unterirdische dämmerige Gefilde, oft

bis zum Knie einsinkend in rätselhaft weiche Massen — vermutlich

mein Plumeau —, sah mich selbst, als sei ich der leibhaftige Tod,

eine Sense schwingend nach den Scharen bleicher Pilzköpfe, die sich

aber leider jedesmal, wenn mein Hieb sie treffen und in Goldstücke

verwandeln wollte, mißgünstig duckten und meiner Mordgier entzogen.

Immer weiter und weiter ausholend, schwang ich den mähenden Arm,

und wer weiß, vielleicht hätte ich doch noch glücklich die Stunde

verschlafen, wo Kunz Peter Taubinger meiner in einer Advokatenkanzlei

behufs gemeinsamer Besiegelung des Gesellschaftsvertrages harrte, wäre

nicht mein Traum jählings dadurch unterbrochen worden, daß ich mit

wild fuchtelnder Faust meine arglos über dem Bette hängende Geliebte

mitten auf den Bauch traf, das schirmende Glas in sternförmige

Splitterstrahlen verwandelnd.

Eine Stunde später hatte ich mit ähnlichem Schwung den Kontrakt

unterschrieben, der mich berechtigte, monatlich die Hälfte des

zu erwartenden Riesengewinnes mittels Panzerautos abholen zu

lassen, während meine Pflichten — abgesehen von der Einzahlung des

Betriebskapitals — auf umfassende Tatenlosigkeit beschränkt waren.

Da Herr Taubinger, mein nunmehriger Kompagnon, jedoch miserabel

vom Start ging, d. h. deutlicher gesagt: da er, was den Beginn der

geschäftlichen Tätigkeit betraf, in eine seltsame Art Totenstarre

verfiel, die er nur jeden Freitag unterbrach, um sich von mir einen

Gewinnvorschuß geben zu lassen, so beschloß ich, das Rennen nach dem

Mammon selbst zu leiten.

Die Folgen wurden bald sichtbar: „Waas? Ä Grotte suchen Sie?“

war jedesmal die mißtrauische Gegenfrage, wenn ich mich in den

Kaffeehausspielklubs an meine Bekannten forschend gewandt hatte.

„Ä Grotte sucht jenner!“ wurde das Gespräch, halblaut geknurrt, von

Schachbrett zu Schachbrett weitergegeben, bis es nach geraumer Zeit

die intimen Gettoschranken durchbrochen hatte, um in der ganzen Stadt

zu kursieren wie ein Sphinxproblem, das trotz seiner Unlösbarkeit die

Menschengehirne immer wieder zum Grübeln zwingt.

„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich hinter mir dreinraunen, wenn ich,

den Kopf voller Zahlen, schnellen Schrittes Geschäftsleute auf der

Straße überholte.

„Ä Grotte sucht jenner!“ las ich von den murmelnden Lippen der

violettrasierten Herren, wenn sie abends unter dem Vorwand, dem

Kunstgenuß zu frönen, die Theatersperrsitze füllten.

„Ä Grotte sucht jenner!“ fühlte ich, sprachen in stummer Geste die

Dutzende heimlich unter Liderzwinkern auf mich gedrehten Daumen

neugieriger Fahrgäste, wenn ich, des Angestarrtwerdens überdrüssig, die

„Elektrische“ zu verlassen mich anschickte.

„Ä Grotte sucht jenner!“ hörte ich sogar einmal mitten im

Telephongespräch sich eine krächzende Stimme in meine Rede verirren.

Wie ungemein schwierig es ist, Grotten im Weichbilde einer Großstadt

zu entdecken, das weiß nur jemand, der wie ich sich wochenlang darauf

versteift hat, welche zu finden.

Aber Fleiß bricht Eisen! In meinem Falle brach er es auf folgende Weise:

Nahe daran, das Vorhandensein von Grotten überhaupt ins Reich der Fabel

zu verweisen — siehe: Konversationslexikon, Artikel „Untersberg“ —,

hatte ich nach und nach eine mir schon von Kindesbeinen an liebgewordene

Beschäftigung wieder aufgenommen, nämlich die Veranstaltung von

Rendezvous mit jungen Damen, und zu diesem Zwecke mehrere gleichlautende

Briefchen dem Postkasten hinter die gefletschten Zähne geschoben.

Leider fiel mir erst zu spät ein, daß sie auch hinsichtlich des Ortes

und der Zeit des Stelldicheins gleichlautend gewesen waren. Die

Rasseveredelung in Prag zu fördern, hatte ich von je als hohes Ziel

angesehen, aber in diesem Falle schien sie mir kaum durchführbar,

denn angesichts des betrüblichen Überflusses an seelischem Ballast,

der allen meinen Geliebten leider eigen war, durfte es wohl als

ausgeschlossen gelten, sie am gleichen Ort und zu gleicher Stunde

sozusagen unter einen Hut zu bringen.

Als ich im Geiste den Inhalt der Liebeskorrespondenz nochmals überflog,

kam ich gesträubten Haares — ich war damals noch jung — zu dem

Resultat, daß ich nicht weniger als vier Stück auf den Wyschehrad

bestellt hatte. Darunter Msi (eine Abkürzung von: „Mein süßes Julchen“,

denn ich pflegte meine Geliebten des schnelleren Überblicks wegen stets

mit Anagrammen zu bezeichnen), ein junges Mädchen von furienhaftem

Temperamente und einer so gellenden Stimme, daß bei ihrem Ertönen

sicherlich jeder Durchschnittsjochgeier entmutigt die Segel gestrichen

hätte.

Der Wyschehrad ist ein hohes viereckiges Hügelmassiv, das die Stadt

nach Süden, unberufen, abschließt; die eine Seite fällt steil in die

Moldau ab. Uralte Mauerreste, mehrere Meter über dem Flusse, führen den

Namen Libussabad. Hier soll die sagenhafte Königin Libussa einst ein

Bad genommen haben. — Ob seitdem eins fehlt, weiß ich nicht.

Die Tatsache an sich wird von Geschichtsforschern bezweifelt, die

Bevölkerung jedoch hält stolz daran fest.

Einwandfrei läßt die Wahrheit sich heute nicht mehr feststellen;

freilich, trüb ist das Wasser an jener Stelle immer noch.

Den Hügel krönt eine Art Festungswerk, bestehend aus langen, ein

Viereck bildenden Wällen.

Beim Erklimmen der steinernen Stufen fiel mir die bange Ahnung

schwer aufs Herz, daß eine fünfte, in der Nähe wohnende Geliebte

möglicherweise mittels Zeißbinokels Augenzeugin des unabwendbar

bevorstehenden Eifersuchtsdramas werden könnte, aber ich raffte meinen

Mut zusammen und schwang mich auf die oberste Zinne.

Allerdings der Anblick, der sich mir bot, ließ mich erbleichen:

sämtliche vier Stück lustwandelten bereits, scheinbar unbefangen, auf

den Wällen, aber doch schon halb und halb einander umkreisend wie ein

giftgeschwollenes Planetensystem, — keines vom andern weiter als je

fünfzig Meter entfernt.

Unten auf der grünen, von den Schanzen umschlossenen Wiese übte

außerdem noch ein Feldwebel vor schwarzgelbem Schilderhaus rastlos

Angriffssignale auf einer Trompete.

Ein vierfaches Winken mit Sonnenschirmen verriet mir, daß ich erkannt

sei, und bereits im nächsten Augenblick hatte Msi die Situation erfaßt.

In den ersten Sekunden ihrer Unschlüssigkeit, auf welche der Rivalinnen

sie sich stürzen solle, plusterte sich ihr rosa Tüllkleid auf wie das

Gefieder einer Truthenne, dann legte es sich wieder glatt an, und mit

zunehmender Geschwindigkeit sauste Msi auf eine Feindin los.

Die beiden andern lenkten ihre Flugbahn auf mich zu.

Ich flüsterte: jetzt bin ich verloren! Da! — Was tut Gott? — Ein

schriller Schrei! — Msi war verschwunden. Spurlos.

Ich ließ mir keine Zeit zum Überlegen, ob es sich hier vielleicht um

einen ähnlichen Fall handeln könne wie im Altertum bei Proserpina, die

bekanntlich die Erde verschlang, sondern eilte auf die Unglücksstelle

zu.

Kein Zweifel: Msi war in ein kreisrundes Loch, in eine Art Luftschacht,

hinabgestürzt.

Von Entsetzen gepackt, suchten die drei restlichen Geliebten mit

Hechtsprüngen das Weite.

„Wenzel!“ brüllte ich hinunter dem unentwegt schmetternden Feldwebel

zu, — „Wenzel!“ (denn anders konnte der Mann doch nicht gut heißen) —

„Wenzel! — Ein Unglück! Herbei!“

Mit Hilfe des Trefflichen, der mir am Fuße des Luftschachtes eine Tür

aufschloß, gelang es bald, Msi’n nicht nur wohlbehalten zu bergen, denn

sie war lediglich auf einen Reisighaufen gefallen, sondern auch ihre

Eifersucht durch den Hinweis zu beschwichtigen, die drei andern Mädchen

seien zum Teil Luftspiegelungen, zum Teil Bräute des Feldwebels gewesen.

Der bleibende Gewinn, den ich aus jenem Abenteuer zog, war die

Entdeckung einer für Champignonzucht geradezu einzigartigen Brutstätte.

— Vier Schanzengänge tief unter der Erde! Trocken! Dunkel! Und

überdies mit Luftschächten zum Hinabwerfen des Mistes versehen!!

„In dem, was die linksene is, ise sich, här ich, eine Marktweib drin

mit Gemüs’“, erklärte mir Wenzel, nachdem ich ihn eine Weile lang mit

Zehn-Kreuzer-Stücken behagelt hatte, die drei anderen könne ich mir

bestimmt beim k. k. Korpskommando mietweise sichern, wenn ich gegen

entsprechenden Preis eine Pacht von dreißig Jahren nachsuchen würde. —

Hurra, die Grotte war also gefunden! — — —

Ein Gesuch in diesem Sinne gab ich natürlich noch am selben Abend zur

Post.

— — — — — — — — —

„Roßmist sucht jenner!“ fing bereits wieder wenige Tage später ein

neues Gerücht, mit meinem Namen in enge Verbindung gebracht, an, das

alte, bis dato in Handelskreisen umlaufende zu verdrängen.

Die paar Konservativen, die an dem „Ä Grotte sucht jenner“ festhalten

wollten, waren in Bälde von der lawinenhaft anschwellenden Zahl derer,

die dem ein energisches: „Roßmist!-Ihnen-gesagt!-Was-heißt-Grotte?!“

entgegensetzten, niedergestimmt.

Das Bild meiner mich stets belauernden bürgerlichen Umgebung fing an

allmählich den Charakter zu wechseln.

Der roßkammartige Typus im Gesichtsschnitt wurde von Tag zu Tag

ausgeprägter.

Unter den Nebentischen im Caféhaus klirrten „Sporen“ an den

Gummizugstiefeletten von Füßen, die ich früher sicherlich als

ausschließlichen Börsengalopinbesitz angesprochen hätte — Fiakerhalter

mit Pepitahosen baten mich zutraulich auf der Straße um Feuer,

Trainleutnants fixierten mich drohend — Reitpeitschen hingen statt

Regenschirmen reihenweise in den Garderoben der von mir bevorzugten

Restaurants.

Beunruhigend wirkte auf mich jedoch nur das eine, daß, wohin ich auch

meine Schritte lenkte, mich wie mein eigener Schatten ein gewisser Löwy

verfolgte, ein plattfüßiges, hämisches Individuum mit geschäftseilig

zuckenden Hosenbeinrändern, von dem die einen behaupteten, er

sei Akquisiteur für eine Privatirrenanstalt, während die andern

seiner Glaubensgenossen den Verdacht zu mildern suchten, indem sie

versicherten, er sei selber — „meschugge“.

Keineswegs günstig für ihn stimmte mich die Art, wie er mich durch

seine brennglasdicke Brille, hinter der seine Augen etwas unheimlich

glotzend Haifischartiges bekamen, anzugrinsen liebte. Auch daß er

trotz meines unwilligen Stirnrunzelns in immer gleichen Intervallen

krampfhaft im Kehlkopfton gurgelte: „Roßmist sucht jenner“, buchte ich

zu seinen Lasten.

Es ging mir nachgerade auf die Nerven.

— — — — — — — — —

Um mir möglichst viel Betriebsstoff und so rasch wie möglich zu

sichern, hatte ich Taubingern beauftragt, weder Mühe noch Kosten zu

scheuen, sämtlichen in der Stadt verfügbaren Pferdedüngers habhaft zu

werden.

Ein Börsenleben, wie es Prag noch nie gesehen, war die Folge jener

Verfügung.

Eine Unzahl dicker jüdischer Reitlehrer (ich hatte bis dahin gar

nicht geahnt, daß mosaischerseits in Prag so viel geritten wurde)

hatte das sogenannte Hotel „Gänsebristel“ belagert, betrieb eine Art

Kulissenhandel, und bis heraus auf die „Langgasse“ konnte man ihr

emsiges:

„Mit Nulle gebb’ch,“

„Mit dreiviertel kaaf’ch“

hören.

— — — — — — — — —

„Nu, was sagen Sie jetzt?“ fragte mich eines Morgens Taubinger,

als ich ihn in unserem neugemieteten Bureau aufsuchte, und deutete

triumphierend auf die frischlackierte Ladentafel, auf der sein Name,

mit dem meinigen zur Firma legiert, prangte, und darunter:

„Erster christlicher Champignon-Export.“

Ich sagte nichts, denn ich war sprachlos.

Noch sprachloser wurde ich, als mir Taubinger eröffnete, wir seien

nunmehr glückliche Besitzer sämtlichen Pferdedüngers der Stadt auf

Jahre hinaus. Allerdings für einen Preis, der sich ungefähr auf eine

Krone pro Karat belief.

Am sprachlosesten wurde ich jedoch, als ein Soldat hereinkam und mir

einen Brief gab, dem ich ungefähr folgendes entnahm:

„Hierorts eingelaufenes Gesuch des Privaten G. M. um mietweise

Überlassung der Schanzengänge auf dem Wyschehrad behufs Einrichtung

von Pilzkultur wird unter Hinweis auf die kriegsoberstliche

Entscheidung vom 31. Februar 1712, daß zurzeit Privatpersonen

keinerlei Zugang zu den k. k. Festungswällen zu gewähren ist,

und insbesondere unter Beachtung, daß deren Anlage strategischer

Geheimhaltung untersteht, sowie angesichts der damit verbundenen

Mauerschwammgefährdung abschlägig beschieden.

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 28 / 149 题