»Die Urte hat den Wechsel ausgeschnitten -- sie hat ihre Rache haben
wollen.« Er erzählte mit hastigen Worten, wie er dahintergekommen.
Ewes eben noch bleiches Gesicht überzog sich mit flammender Röte; die
weißen Zähne waren fest verbissen und die Lippen ein wenig geöffnet;
die Brust hob und senkte sich rasch. Das Bündel hatte sie mit beiden
Händen gefaßt, und die Finger knüpften an dem Tuche. Sie sprach kein
Wort, und Endrullis ließ ihr eine Weile Zeit, mit ihren Gedanken fertig
zu werden. Erst nachdem sie eine Strecke vorwärts gegangen waren,
fragte er: »Kannst du mir verzeihen, Ewe?«
»Verzeihen!« rief sie; »das paßt nicht mehr zu uns beiden. Früher wär's
vielleicht gut genug gewesen, aber jetzt ...« Sie brach in ein heftiges
Weinen aus.
Er legte den Arm um ihre Schulter. »Was hast Du, Ewe?« fragte er
bekümmert.
»Gott hat es so gefügt,« schluchzte sie, »daß wir nicht mehr von
einander können mit leichten Worten. Ich habe dich einmal zu lieb
gehabt, und das wird bald offenkundig werden vor aller Welt. Da ist's
mit dem Verzeihen nichts. Kann's nicht sein, wie es gewesen ist, so
kann's doch auch nicht bleiben, wie es ist. Im Gefängnis, Mikelis, als
ich ganz mit mir allein war -- da ist mir's zur Gewißheit geworden ...
Ach Gott, ach Gott! Warum hat das jetzt geschehen müssen?«
Er horchte auf und glaubte zu verstehen. »Ewe,« rief er, »ist's möglich
--? Eine solche Hoffnung ...! Ja, dann können wir nicht mehr von
einander; dann ist's nicht mehr genug, daß du mir verzeihst -- dann
mußt du mich wieder lieben, wie vordem ... o, mehr noch, viel mehr!« Er
zog sie an sich und küßte ihr die Tränen von den Augen und Wangen.
Sie ließ es eine kurze Weile geschehen. Dann aber schob sie ihn mit
Heftigkeit von sich ab und sagte: »Von einander können wir nicht -- und
zusammen auch nicht. Das rachsüchtige Weib, die Urte, steht zwischen
uns. Es ist nur auf eine Weise gut zu machen -- nur auf eine Weise. Ja,
ja ... nur auf eine Weise. Wenn du ein Mann bist --!«
Sie brach ab und sah ihn mit einem herausfordernden Blick an, der ihn
im Tiefsten erbeben machte. »Woran denkst du?« fragte er mit zitternder
Stimme.
»Wenn du ein Mann bist --« wiederholte sie und ließ ihn wieder den
Schluß erraten. Die Lippen zuckten höhnisch. »Wie bleich du geworden
bist! Du bist Soldat gewesen und hast doch keinen Mut.«
»Ich habe Mut, Ewe ...«
»Aber? Siehst du! Du hast den Mut, dich und mich verächtlich zu machen.
Aber den Mut, die Schande von uns abzuwenden und zu beweisen, daß du
mich liebst und mir ehrlich Wort halten willst, den hast du nicht. Auch
jetzt nicht -- nach dem, was die Urte dir gesagt hat und was ich dir
gesagt habe. Geh! Du bist kein Mann!«
»Ewe -- was soll geschehen ...?«
Sie lachte auf. »Ich weiß es nicht. Weißt du's nicht, so kannst du's
von mir nicht erfahren. Aber laß mich allein! Ich verzeihe dir, weil
ich dich verachte.«
Endrullis riß die Jacke auf und griff in sein rotbuntes Halstuch, das
ihn zu würgen schien. »Du sollst mich nicht verachten,« sagte er, die
Worte aus der Kehle zwingend. »Du hast ganz Recht, Ewe -- ich wäre kein
Mann, wenn das ... Nur Geduld! man muß es klug anfangen. Es kann ja
nicht anders sein -- und die Hexe verdient's. Nur Geduld! Der Wechsel
soll eingelöst werden.«
Er reichte ihr die Hand hin und schüttelte die ihrige wie zur
Bekräftigung seiner Worte. »Wir gehören zu einander,« rief er, »und
wenn Gott uns nicht zusammenbringt, soll's der Teufel tun. Ich fürchte
mich nicht vor ihm. Nur Geduld!«
Auf der Chaussee näherten sich Fuhrwerke. »Es ist besser,« fuhr er
fort, »man sieht uns die nächste Zeit nicht beisammen. Ich habe oben an
der Grenze zu tun. Die Juden wollen einmal ihr Glück an einer andern
Stelle versuchen, man paßt ihnen hier schon zu sehr auf. Wenn sich
etwas ereignen sollte -- ich bin weit weg. Lebe wohl! Wenn wir uns
wiedersehen, kannst du die Hochzeit bestellen.«
Er schwang sich auf den Fuchs und jagte wie toll davon.
[Illustration]
9.
Acht Tage darauf fand man die Wirtsfrau Urte Endrullene des Morgens tot
in ihrem Bette. Der Schädel war ihr gespalten; augenscheinlich war sie
im Schlaf getroffen, und ein einziger Hieb hatte hingereicht, sie für
ewig stumm zu machen.
Das Gericht wurde herausbeordert. Die Ärzte stellten fest, daß der
Schlag von hinten her mit einem scharfen und wuchtigen Instrumente
geführt sein mußte, einer Axt oder einem Beil. Das Handbeil, das
stets auf dem Herd lag, war vermißt worden und trotz allen Suchens
nicht aufgefunden. Der Knecht schlief im Stall bei den Pferden, die
Magd in einer entlegenen Kammer; sie hatten in jener Nacht nichts
Verdächtiges wahrgenommen, nicht einmal die Hunde bellen gehört. An
dem hintern Giebel des Hauses war eine Leiter angelehnt; die Luke
nach dem Heuboden stand offen, der hölzerne Riegel, welcher sonst die
Lade von innen schloß, zeigte sich abgebrochen. Der Knecht meinte,
es hätte keines großen Aufwandes von Kraft dazu bedurft, da das Holz
morsch gewesen. Schon bei der letzten Heuernte wäre davon gesprochen
worden, daß nächstens ein neuer Riegel eingezogen werden müsse. Der
Heuboden war von dem übrigen Bodenraum nur durch eine leichte Holzwand
getrennt; hier war am Schornstein, wo sie ohnedies nicht genau
anschloß, ein Brett vom untern Nagel gelöst und zur Seite geschoben;
durch die Öffnung konnte sich ein Mensch zwängen. Nun war leicht die
Treppe zu erreichen gewesen, die in den Herdflur hinabführte, von
dort die Schlafstube. Zurück hatte der Eindringling nicht denselben
Weg genommen, sondern ein Fenster in der anstoßenden Kammer geöffnet
und durch dasselbe einen Sprung ins Freie getan. Auf den Dielen waren
Blutstropfen bemerkbar, die wahrscheinlich von dem Beil, das er in der
Hand gehalten haben mußte, abgefallen waren. Unter dem Fenster befand
sich ein Steinpflaster, das keine Fußspur festhalten konnte. Kästen und
Schränke waren unversehrt bis auf eine Schieblade unten in dem großen
eichenen Kleiderspind, in der die Wirtsfrau ihre Papiere aufbewahrte.
Sie war mit dem richtigen Schlüssel geöffnet und offenbar durchsucht,
da die Dokumente und Briefschaften teilweise auf dem Fußboden lagen. Ob
irgendetwas von dem früheren Inhalte fehlte, ließ sich nicht ermitteln.
Die Untersuchung wurde mit aller Peinlichkeit geführt, ergab aber nicht
das geringste Resultat. Unzweifelhaft war die Frau ermordet; sehr
wahrscheinlich handelte es sich um einen Akt der Rache, aber auf den
Täter führte keine sichere Spur.
Auch gegen Mikelis Endrullis lenkte sich natürlich der Verdacht, aus
gewichtigen Gründen gegen ihn zunächst. Aber man wußte ja nichts davon,
daß Urte ihm den Wechsel entwendet hatte, und selbst die Vermutung,
daß er sich ihrer habe entledigen wollen, um Ewe Purwins heiraten
zu können, wurde dadurch sehr geschwächt, daß die Nachbarn bezeugen
mußten, die beiden wären im Streit geschieden. Hatte er sich dann doch
auch nicht gescheut, sie auf die Anklagebank zu bringen! Dazu kam,
daß er seit jenem Gerichtstage nicht mehr im Dorfe gesehen war und
nachweisen konnte, sich mehrere Meilen davon diesseit und jenseit der
Grenze aufgehalten zu haben. In jener Nacht war er mit zwei Fäßchen
voll Schnittwaren hinübergeritten und hatte am Morgen ein Rencontre mit
russischen Soldaten gehabt. Sie hatten ihn verfolgt, und sein Pferd war
gestürzt; die kannten den Fuchs genau und wußten, welcher Reiter dazu
gehörte, auch wenn derselbe ihnen zu Fuß im Heidegestrüpp entkommen
war. Die Zeitangaben der Zeugen konnten freilich nicht für ganz
zuverlässig gelten, zumal sie unter sich selbst erheblich abwichen;
aber die Nacht stand fest, und es blieb höchst unwahrscheinlich, daß
jemand, der abends spät und morgens früh dort gesehen war, in den
wenigen Stunden, über die er sich nicht bestimmt ausweisen konnte,
in dem meilenweit entfernten Dorfe tätig gewesen war. So ergab sich
nicht einmal genügender Grund zu seiner Verhaftung. Nachdem viel Tinte
verschrieben war, mußte doch der Staatsanwalt die Akten zurücklegen, da
auf die dunkle Tat kein Licht fallen wollte.
Nun hielt Endrullis es nicht mehr für gewagt, sich wieder im Dorf
blicken zu lassen. Er kehrte bei seinem Schwager Grillus ein und
arbeitete für ihn. Es hieß, er habe in Rußland sein Pferd verloren und
könne deshalb nicht mehr über die Grenze reiten. Die Nachbarn selbst
meinten, er täte am besten, sich mit Ewe wieder auszusöhnen, da ihrer
Verbindung ja jetzt kein Hindernis mehr entgegenstehe. Die Frauen
übernahmen die Vermittelung und fanden Ewe nicht abgeneigt. Sie hatte
ja auch in ihren Augen den besten Grund, sich dem Ausgleich nicht zu
widersetzen. So kam's, daß Endrullis nach einigen Wochen wieder zu ihr
zog und das Aufgebot bestellt wurde.
An dem Tage, als der Pfarrer ihre Namen von der Kanzel verkündete,
waren sie in der Kirche. Endrullis kniete während des ganzen
Gottesdienstes und hatte meist den Kopf auf die Arme gestützt oder die
Augen fest auf das Gesangbuch geheftet. Er versuchte auch mitzusingen,
aber es war, als ob der Ton nicht aus der Kehle wollte. Als sein
Blick einmal auf den gekreuzigten Christus über dem Altar fiel, dem
die großen Blutstropfen unter der Dornenkrone über die Stirn perlten,
schauerte er sichtlich zusammen und stützte die Schulter gegen den
Holzpfeiler. Noch ehe der letzte Vers gesungen war, verließ er die
Kirche. Er mußte an der Bank vorüber, auf der die Gaidullene saß; sie
nickte ihm grüßend zu.
Er fuhr mit Ewe nach Hause. Die Altsitzerin konnte zu Fuß gehen, da in
ihrer Verschreibung Kirchenfuhren nicht vorgesehen waren. Als er die
Pferde abgeschirrt und gefüttert hatte, kam sie an der Stalltür vorbei
und sagte: »Es hätte deine Braunen wenig beschwert, wenn die alte Frau
auf den Wagen genommen wäre.«
»Mach's ein andermal mit der Ewe aus,« antwortete er, »sie ist die
Wirtin.«
»Und du willst der Wirt werden, darum halte ich mich an dich. Mit der
Ewe spreche ich nur, wenn ich muß, aber dir rate ich, keinen Platz
frei zu lassen, wenn du am Kirchhof vorüberfährst. Es könnte da leicht
jemand aufsitzen, der den Pferden zu schwer ist.«
»Was willst du damit sagen?« fuhr er sie an. Es war zu merken, wie er
erschrak und im Gesicht bleich wurde.
»Nichts, mein Söhnchen, nichts,« zischelte sie, »es ist nur ein
Aberglaube -- der Herr Pfarrer hält nichts davon. Die Toten sind tot
und begraben. Aber ich hätte letzte Nacht schwören mögen, daß die Urte
unter den Erlen am Bach heranschlich und durch die Hintertür in den
Stall eintrat -- in diesen Stall. Sie hatte ein weißes Tuch um den Kopf
gebunden, damit der Schädel besser zusammenhielt.«
»Was geht mich die Urte an?« rief er mit gepreßter Stimme, scheu in die
Ecke des Stalles blickend.
Die Alte trat auf die Schwelle. »Sie ist doch deine Frau gewesen,
Mikelis, und jetzt soll die Ewe deine Frau werden, und heut war das
erste Aufgebot. Da ist's doch kein Wunder, daß sie sich meldet. Die
Herren haben gesagt, daß sie mit einem Beil erschlagen worden sei. Du
weißt doch, wo sie ihr Beil neben dem Herd zu verwahren pflegte? Bist
ja lange genug in ihrem Hause der Wirt gewesen. Kein anderer weiß das
so gut.«
Er hob die Pferdeleine vom Pflock und schüttelte sie in der
aufgehobenen Hand. »Fort da, du Hexe!« schrie er, ganz blau im Gesicht.
»Fort da, oder ...«
Sie stand ganz ruhig. »Schlage mich nicht, Mikelis, es könnte dich
gereuen,« sagte sie. »Alte Leute haben keinen festen Schlaf, und nicht
immer wird man ihnen auf den Kopf sagen können, daß sie geträumt haben.
Ich kann meine Zunge hüten, und wenn wir gute Freunde sind, Mikelis,
nehme ich in's Grab mit, was ich weiß.«
Er ließ den Arm sinken und mühte sich zu lachen. »Was weißt du denn,
was --?« fragte er spöttisch. »Hast du belauscht, was die Elstern auf
dem Dach zusammen plappern, oder hat dir die schwarze Katze mit den
grünen Augen etwas erzählt? Die Erdme will behaupten, daß du sie stets
zu dir in's Bett nimmst.«
»Sie kommt gern zu mir -- hi, hi, hi! denn ich tu' ihr Gutes. In jener
Nacht aber sprang sie von meinem Bett und schlüpfte durch das Loch
unter der Tür. Es ist möglich, daß sie etwas gesehen hat mit ihren
grünen Augen. Die Katzen sehen auch im Dunkeln.«
»Und ein altes Weib, das mit einer schwarzen Katze verkehrt, sollte man
als Hexe verbrennen -- hi, hi, hi!«
»Lache nur, mein Söhnchen, lache nur -- du kannst lachen. Die Urte ist
tot, und du wirst die Ewe heiraten und wirst hier der Wirt werden. Du
kannst lachen. Aber sicher ist sicher. Warum willst du dich nicht mit
mir gut stellen? Wenn ich Frieden habe, ist alles gut. Die Ewe gibt
mir unreines Getreide und schlecht geschwungenen Flachs und sandiges
Kartoffelland; sie streitet mir die Eier ab, die meine Hühner legen,
und schlägt die Äpfel von meinem Baum, ehe sie reif sind. Und jetzt,
nachdem ich gegen sie hab' zeugen müssen, treibt sie's gar arg und
möcht' mich am liebsten vom Hofe jagen. Nicht die Stelle auf dem
Feuerherd gönnt sie mir, worauf ich meinen Kochtopf stelle. Sieh' zu,
daß das anders wird, wenn du Wirt bist. Ich kann schweigen, aber ich
kann auch sprechen.«
»Die Ewe behandelt dich, wie du's für deine Lästerzunge verdienst. Was
kannst du sprechen? Sag's in Teufels Namen.«
»Du bist klug, Mikelis, aber so dumm, wie du denkst, bin ich auch
nicht. Du sollst mir noch hundert Taler zahlen, damit ich nur still
bin. Ich will dich etwas fragen, mein Söhnchen. Wo ist denn dein Fuchs
geblieben?«
Er lachte. »Das ist kein Geheimniß. Er ist drüben gefallen, als die
Grenzreiter mich verfolgten.«
»Und weshalb ist er gefallen? Er war ein kräftiges, schnelles Tier und
hat dich schon manchmal gut durchgebracht. Aber in der Nacht war er so
viele Meilen gelaufen, daß ihm die Kniee zitterten, und hatte überdies
ein Hufeisen verloren --«
»Wer will das behaupten ...?«
»Einer, der die Fußspur im Bruchlande gesehen hat. Ich bringe täglich
meine Kuh auf die Weide, wo die Erlen anfangen. Auf dem harten Wege war
freilich nichts davon zu bemerken. Das Eisen am rechten Vorderhuf, mein
Söhnchen. Und wie mag's gekommen sein, daß hinten an unserm Holzstall
ein Brett losgerissen und nur leicht mit den Nägeln wieder eingesteckt
war? Wer da hinein gegangen ist, hat sich tüchtig zwängen müssen.«
»Das kann wohl sein. Wer aus des Nachbars Stall Holz holt, mag zusehen,
wie er hinein- und hinauskommt -- das hast du wohl schon erfahren.«
»Glaubst du? Passe nur gut auf, wenn du der Wirt bist. Aber zum dritten
und letzten will ich dich fragen; wo sind die zwei Knöpfe von deiner
Jacke geblieben, Mikelis?«
Er ließ scheu einen raschen Blick über seine Brust hinabgleiten.
»Zwei?«
»Ja, zwei. Es sind ihrer freilich noch genug an der Jacke.«
»Was geht es dich an?«
»Nichts. Aber wenn einer davon etwa gefunden sein sollte, was gibst du
dafür? Hundert Taler sind nicht zu viel.«
Er trat vor und stieß sie gegen die Brust, daß sie von der Schwelle
zurücktaumelte. »Keinen Pfennig, verdammte Hexe,« schrie er, »keinen
Pfennig! Meinst du klüger zu sein als die Gerichtsherren und mich
schröpfen zu können? Bin ich der Erste, dem die Knöpfe an der alten
Jacke nicht festsitzen? Trolle dich und hüte dich, mir in den Weg zu
kommen, wenn dir deine Knochen nicht weh tun sollen. Ich verstehe
keinen Spaß.«
Die Alte humpelte fort. »Wie du willst, mein Söhnchen, wie du willst,«
zischelte sie. »Aber wenn du dich anders besinnen solltest -- hundert
Taler sind jetzt zu wenig. Du hast mich vor die Brust gestoßen, das
kostet noch fünfzig. Wenn du so viel Geld nicht gleich bei der Hand
hast, ich bin auch mit einem Papier zufrieden -- so einem, wie die Ewe
dir gegeben hat. Du verstehst dich ja darauf. Vierzehn Tage will ich
dir Zeit lassen, die Sache zu überlegen; aber vor der Hochzeit muß ich
wissen, woran ich bin.«
Endrullis biß die Zähne zusammen und murmelte etwas in sich hinein.
Eine Weile stützte er den Kopf gegen den Pfeiler und versenkte sich
in seine Gedanken. »Unsinn!« rief er dann. »Was kann sie wissen? Sie
reimt sich's zusammen. Keinen Pfennig soll sie haben, aber bei nächster
Gelegenheit eine tüchtige Tracht Schläge. Merkt sie, daß man Furcht vor
ihr hat, so hört sie nicht auf zu fordern.« Er sah dabei doch nicht aus
wie einer, dem wohl zu Mute war.
Zu Ewe sagte er: »Das alte Weib hat nichts Gutes im Sinn. Nach ihren
Jahren hätte der Teufel sie schon längst holen können.« Und nachts,
als er nicht schlafen konnte, weckte er sie und erzählte ihr, was die
Gaidullene gesprochen hatte. Ewe antwortete nur: »So ist's Zeit.«
[Illustration]
10.
Hatte die Altsitzerin sich früher oft genug über Ewe's Unfreundlichkeit
zu beklagen gehabt, so änderte sich nun plötzlich ihr Benehmen ganz und
gar. Sie gab ihr gute Worte, zog sie zu leichter Arbeit im Hause heran
und bezahlte sie dafür über Gebühr. Auch schenkte sie ihr einen neuen
Rock und ein Tuch und ein schönes Gesangbuch, und einmal sagte sie ihr:
»Du kannst es gut bei mir haben, wenn du auf meiner Seite stehst. Ich
kann dem Mikelis nicht überall aufpassen, und ich glaube, die Erdme
gefällt ihm mehr, als der Frau lieb sein kann. Habe die Augen darauf
und laß mich wissen, was du siehst. Wir wollen zusammenhalten.« Dabei
zwinkerte sie listig mit den Augen.
Die Alte traute ihr doch nicht recht. Einige Tage vor der Hochzeit
hatte Ewe Flinsen gebacken. Sie rief die Gaidullene hinein, gab ihr
einen Topf Kaffee und bot ihr von dem Gebäck an. Sie teilte mit ihr,
was sie auf dem Teller hatte, und aß selbst davon. »Sage mir, ob die
Flinsen gut geraten sind,« bat sie, »ich will sie gerade so bei der
Hochzeit für die Gäste backen lassen und die Eier nicht sparen.« Auf
einem andern Teller lag noch mehr davon. »Ich habe zu reichlich für die
Probe Mehl genommen,« fuhr sie fort, »und es bleibt mir zu viel übrig.
Nimm diese Flinsen in deine Kammer mit und iß, wenn du Hunger hast.«
Sie streute dick Zucker darauf und wickelte sie in ein Papier. Die Alte
dankte und ging.
Aber die Freigebigkeit der Wirtin kam ihr doch sehr verdächtig vor. Sie
wußte, daß sich schon mancher Altsitzer in Littauen an solchen Flinsen
den Tod gegessen hatte, und der Zucker hatte so eigen geglitzert. Sie
entschloß sich rasch und warf das Päckchen beim Vorübergehen in den
Schweinetrog.
Wenige Stunden später hörte sie Endrullis laut fluchen und wettern.
Das größte von den Tieren war dem Verenden nahe. Die Magd wußte keine
andere Erklärung zu geben, als daß das Schwein eine giftige Ratte
gefressen haben müßte. Die Gaidullene hielt's für geraten, sich eiligst
aus dem Staube zu machen und nicht so bald wieder blicken zu lassen.
Als Ewe ihre Kammer leer fand, meinte sie: »Die ist über Land gegangen
und hat Wegekost mitgenommen. Wer weiß, in welchem Graben man sie
findet.«
Am Hochzeitstage, als sich in dem geschmückten Hause die Gäste schon
versammelt hatten und die Fuhrwerke in langer Reihe vor der Tür
standen, sie nach der Kirche zu bringen, und Ewe die Glückwünsche
in Empfang nahm: daß nun doch endlich alles so gekommen sei, wie es
nach der richtigen Art hätte von Anfang an kommen müssen -- fuhr ein
städtischer Wagen auf der Dorfstraße vor. Er hielt vor dem Hause. Zwei
Herren sprangen ab.
»Der Herr Kreisrichter!« lief's von Mund zu Mund, und alle Blicke
richteten sich auf Endrullis, der Ewe bei der Hand hielt und scharf
von der Seite ansah, als erwartete er von ihr einen Rat. »Schnell zu
Pferde,« zischelte sie, »und über die Grenze!«