Ewe wurde aufmerksam. »Was meinst du?«

»Ich hoffe, daß du mir das Getreide nicht wieder so schlecht messen

wirst, wie letzten Herbst. Als meine Verschreibung gemacht wurde, galt

hier überall der alte littauische Scheffel, und der hielt gut zwei

Metzen mehr als der, den man in der Stadt braucht. Wir Littauer haben

ihn stets von Weiden geflochten gehabt, und von diesen Neuerungen will

ich nichts wissen.«

»Wir wollen sehen, Mare. Aber wovon sprachst du vorhin?«

Die Alte hüstelte und sah nach allen Seiten um, ob sie nicht belauscht

würden. »Es geht mich nichts an,« sagte sie, »aber dich vielleicht --

der Mikelis ist ja auch noch nicht dein Mann.«

»Was sprichst du von Mikelis?«

»Nur was ich weiß, Töchterchen, nur was ich weiß. Ich wollte mir lieber

die Zunge abbeißen, als etwas sagen, was ich nicht weiß. Er hat neulich

seine Weste unter dem Heu in der Futterkammer versteckt -- links vor

der Tür im Winkel, und Stroh darüber gelegt. Hä -- hä -- hä ... um die

Weste wird er wohl nicht so besorgt gewesen sein. Aber ich sage nur,

was ich gesehen habe, und es ist mir ganz gleich, ob du es ihm erzählst

oder nicht.«

»Schweige du nur still,« bat Ewe, »daß es nicht ein Anderer erfährt.«

Die Alte grinste. »Lehre du mich, was ich zu tun habe.« Damit kehrte

sie ihr den Rücken und ging in ihre Kammer.

Ewe wußte nun, wo die Weste geblieben war. Bald hätte sie's lieber

nicht gewußt; denn der Gedanke ließ ihr keine Ruhe mehr, daß sie

Mikelis einen Streich spielen könnte. Sie wollte ihm den Wechsel nicht

fortnehmen, aber ihn damit ängstigen, daß er verschwunden sei. Nur

eine Weile. Dann sollte er ihn zurück haben und beschämt bekennen,

daß er ihr mit seiner Heimlichkeit unrecht getan. Es wäre eine Strafe

für ihn, meinte sie, und zugleich ein gutes Mittel, sein Vertrauen

wiederzugewinnen. Wer konnte aber auch wissen, ob die Alte reinen Mund

hielt? Und wie leicht hatte es dann ein Anderer, die Weste zu stehlen!

Für sie selbst war es gar nicht unbedenklich, wenn das Papier mit

ihrer Unterschrift in fremde Hände kam. Schon deshalb schien es klug

einzuschreiten.

Nach einigen Stunden also, als Endrullis fortgegangen war, begab sie

sich in den Stall und nahm einen Milcheimer mit, als ob sie die Kühe

melken wollte. Auf dem Hofe arbeitete der Knecht Jons Toleikis; der

sah sie hineingehen. Ewe öffnete die Tür zum Futtergelaß und trat in

den halbdunkeln Raum. Sie hob ein Bund Stroh fort und griff mit der

Hand unter das Heu. Nicht lange durfte sie suchen, so fühlte sie etwas

Weiches, das sie nun hervorzog. Es war die Weste. Sie schien nicht

einmal zusammengerollt, sondern unordentlich untergesteckt zu sein. Als

sie nach der Stelle tastete, wo das Papier eingenäht sein mußte, faßte

sie zu ihrer Überraschung mit der Hand durch. Hatte sie das Ärmelloch,

oder die Tasche getroffen? Jede Vorsicht vergessend, ging sie rasch

nach der Tür und stieß dieselbe auf, um sich im Hellen zu überzeugen,

wie es damit stehe. So stand sie nun auf der Schwelle und hielt die

Weste in der Hand. Ein viereckiges Stück Zeug mitsamt dem Futter war

ausgeschnitten -- gerade an der Stelle, wo vordem der Wechsel eingenäht

gewesen war. Wer hatte das getan?

Jetzt erst bemerkte sie, daß die Magd Erdme Pleikis ihr nachgegangen

war, den Eimer genommen und zu melken angefangen hatte. Die sah ihr

gerade ins Gesicht und auf die Hände. Rasch wickelte Ewe die Weste

zusammen und warf sie in die Futterkammer zurück. Ebenso rasch aber

fiel ihr ein, daß sie sich dadurch verdächtig machen könnte. Deshalb

trat sie vor und sagte: »Hast du gesehen, Erdme, was ich da in der Hand

hielt?«

»Es war Endrullis' Weste,« bestätigte die Magd.

»Und ist dir etwas daran aufgefallen?«

»Ei freilich! Es war ein Stück ausgeschnitten wie mit der Schere.«

»Ganz richtig. So habe ich sie dort in der Kammer gefunden. Wer kann

das Stück ausgeschnitten haben?«

Erdme gab darauf keine Antwort. Als aber Ewe fortgegangen war, rief sie

sogleich den Jons Toleikis vom Hofe herein und sagte: Ȇberzeuge dich,

daß da in der Kammer die Weste des Endrullis liegt, von der ein Stück

ausgeschnitten ist. Du weißt doch, daß ich nach der Wirtin in den Stall

gegangen bin? Es ist gut, daß man sich's merkt. Ich will mich nicht

hinterher ohne Grund beschuldigen lassen.«

»Die Herrin ging vor dir hinein,« bestätigte Jons.

»War's lange vorher?«

»Ich denke, keine Viertelstunde.«

»Das ist lange genug,« meinte die Magd. Sie ließ sich nicht weiter

darüber aus, wozu die Zeit lang genug gewesen sei, und Toleikis fragte

auch nicht danach.

Während sie noch an der Stalltür zusammenstanden, kam die Gaidullene

aus ihrer Kammer.

»Hast du gehört,« erkundigte sich Erdme, »daß Jemand im Futtergelaß

gewesen ist?«

»Ich hörte das Stroh rascheln,« antwortete die Alte, »und hinterher die

Ewe sprechen. Sprach sie mit dir?«

»Ja, als sie aus der Futterkammer herauskam.«

»Was geht es mich an?« sagte die Gaidullene und schlug mit der Hand in

die Luft. Sie entfernte sich vom Hofe.

»Ich werde mich aber auf dich beziehen,« rief Erdme ihr nach, »wenn es

nötig sein sollte.«

Bald darauf kam Endrullis vom Felde zurück und brachte seinen Fuchs in

den Stall. Ehe er noch Gelegenheit gehabt hatte, mit Ewe zu sprechen,

trat Jons Toleikis an ihn heran und sagte: »Daß du es nur weißt -- auf

dem Heu liegt deine Weste, und es ist ein Stück ausgeschnitten. Die

Erdme meint, das könne nur mit der Schere geschehen sein.«

Er wurde bleich und im nächsten Moment wieder feuerrot. »Wer hat

mir das getan?« lallte er mit schwerer Zunge. Er riß die Türe der

Futterkammer auf und stürzte hinein. Gleich darauf kam er zurück, die

Weste in der Hand. »Wer hat mir das getan?« wiederholte er, aber jetzt

schreiend. Die Adern auf seiner Stirn zuckten. »Ich bin bestohlen!

Der Wechsel ist ausgeschnitten! Das ist eine Spitzbüberei. Ich bin

bestohlen!« Er taumelte gegen den Ständer und stützte den Kopf an

denselben; so hatte es ihn erschreckt.

Nun begann ein strenges Verhör. Bald wußte er, was die Dienstleute und

die Altsitzerin mitzuteilen hatten. Schäumend vor Wut eilte er ins

Haus, faßte Ewe bei den Schultern, rüttelte sie derb und schrie: »Gib

mir meinen Wechsel heraus, wenn dir das Leben lieb ist. Du hast ihn aus

der Weste herausgeschnitten.«

Sie suchte sich loszumachen. »Du bist toll,« rief sie. »Was willst du

von mir? Ich habe deinen Wechsel nicht.«

»Lügnerin, schändliche Lügnerin!« herrschte er sie von neuem an und

legte die Hand um ihren Hals. »Willst du's bestreiten, daß du in der

Futterkammer gewesen bist, daß du die Weste unter dem Heu vorgezogen

hast? Es ist noch an der Stelle zerwühlt.«

»Laß mich los, Unsinniger,« befahl sie streng, »oder ich wehre mich mit

den Nägeln. Ich habe die Weste gefunden, aber das Stück Zeug war schon

ausgeschnitten.«

Er lachte wild auf. »Es war schon ausgeschnitten? Wer anders hat es

ausgeschnitten als du? Wer anders als du konnte vermuten, was in der

Weste eingenäht war? Und hast du mir nicht gedroht? Du leugnest wohl

auch das! Ich weiß alles. Du bist mir nachgeschlichen, hast gesehen,

wo ich die Weste versteckte --«

»Nein,« unterbrach sie, immer bemüht, ihn abzuschütteln. »Nein, das ist

nicht wahr.«

»Und wie erfuhrst du --?«

»Durch die Gaidullene. Frage sie, wie sie dahinter gekommen ist.«

»Ich brauche sie nicht zu fragen. Es ist auch gleichgiltig. Aber

du hast doch die Weste unter dem Heu vorgezogen -- du? Weshalb, du

Arglistige? Antworte doch darauf --! weshalb?«

Ewe setzte trotzig den Mund auf und sagte: »Denke davon, was du willst.

Ich habe deinen Wechsel nicht genommen und weiß nicht, wer ihn genommen

hat. Ich fand die Weste so.«

Er drang, die Faust ballend, wieder auf sie ein. Sie stieß ihn aber

zurück: und rief: »Besinne dich! Wenn ich vor Gott und den Menschen

versichere: es ist nicht wahr --«

»So ist es doch wahr! Du hast mich betrogen,« schrie er ganz außer sich.

Ewe stand eine Weile wie unschlüssig, was sie tun sollte. Ihre Lippe

zuckte, die Augen waren auf den Boden geheftet und blitzten nur

manchmal auf, die Arme mit den geschlossenen Händen drückte sie straff

an den Leib. »Gut denn --« sagte sie nach einer Weile dumpf, »so mag es

wahr sein. Wenn ich aber so schlecht bin als du meinst -- was willst

du länger hier? Mit einer Lügnerin und Diebin wirft du nichts gemein

haben wollen. Geh, wir sind geschieden. Es ist aus zwischen uns. Geh!«

»Ihr hört's!« rief Endrullis den Dienstleuten zu. »Sie macht ein Ende

-- sie treibt mich fort. Deshalb ist's ja geschehen, daß sie sagen

kann: geh! Ja, ich werde gehen. Aber aus ist's zwischen uns nicht!

Erwarte von mir nichts Gutes. Ich will mein Recht haben! Und ich weiß

noch Mittel, dich zum Geständnis zu bringen.«

Damit stürmte er fort. Und wieder zog er seinen Fuchs aus dem Stall,

warf die zerschnittene Weste über den Sattel, schwang sich auf und

jagte fort.

[Illustration]

8.

Da war nun der Urte Drohung wahr geworden; es fehlte nicht mehr viel

zu einem Bettler auf der Landstraße. Sein Herz war voll Bitterkeit.

Hatte er Ewe geliebt, so meinte er, sie jetzt um so tiefer hassen

zu müssen. Wollte sie ihn verderben, warum sollte er sie schonen?

Den Wechsel mußte er zurück haben, auf welche Weise immer. Ohne sich

Zeit zur Überlegung zu gönnen, ritt er nach der Stadt und stieg bei

einem Winkelschreiber ab, der von Geburt ein Littauer war und einige

Jahre bei einem Anwalt gearbeitet hatte, dann aber fortgejagt war und

jetzt auf eigene Hand praktizierte. An ihn pflegten sich alle seine

Landsleute zu wenden, wenn sie etwas betreiben wollten, wozu sich

ein Anwalt nicht hergab. Dem trug er seinen Fall vor und forderte

guten Rat. »Ich will dir eine Eingabe machen,« sagte der verschlagene

Mann, »damit die Sache untersucht wird. Aber hüte dich, jemand zu

beschuldigen. Damit muß man sehr vorsichtig sein. Sprich überhaupt zu

andern gar nicht davon. Mögen die Herren den Fall untersuchen; es ist

genug, wenn wir schreiben, was geschehen ist, und die Zeugen benennen.

Kommt wider Erwarten nichts heraus, so können sie dir doch nichts

anhaben.«

Michel war mit allem einverstanden. »Das Übrige ist mir ganz gleich,«

meinte er, »wenn ich nur meinen Wechsel zurückbekomme. Hilft er mir

nichts gegen die Ewe, so soll mich doch die Urte nicht auslachen.«

Im Dorfe logierte er sich wieder bei seinem Schwager ein und ritt mit

Waren über die Grenze, sich einen Verdienst zu machen.

Einige Wochen vergingen, ohne daß sich von der Tätigkeit des Schreibers

eine Wirkung zeigte. Schon wurde er ungeduldig, als er erfuhr, daß Ewe,

die Altsitzerin, Jons Toleikis und die Magd Erdme aufs Amt geladen

seien. Wieder einige Wochen später erhielten dieselben Personen

Vorladung aufs Gericht in der Stadt, und auch ihm wurde eine solche

Schrift behändigt Er wurde nicht recht klug daraus, um was es sich

handelte. Als er am Termintage in den Gerichtssaal gerufen wurde, sah

er links vom Richtertische die Ewe in einem abgegrenzten Raume stehen.

Gegenüber hatte der Staatsanwalt seinen Platz. Nun ging ihm ein Licht

auf. »Das hab' ich nicht gewollt!« rief er laut.

»Was hast du nicht gewollt?« fragte der Vorsitzende.

»Daß die Ewe deshalb als eine Diebin bestraft werden soll.«

»Aber du hast doch diese Eingabe für dich schreiben lassen?«

»Ja -- weil ich meinen Wechsel zurück haben wollte.«

»Den Wechsel, den die Ewe Purwins dir weggenommen hat.«

Endrullis zögerte mit der Antwort. Er warf einen Blick: seitwärts auf

das Mädchen, das die Augen fest auf ihn heftete. »Ich weiß nicht, wer

mir den Wechsel weggenommen hat,« sagte er dann.

»Es wird sich ja finden,« mischte sich der Staatsanwalt ein. »Ich

bitte, weiter in der Sache zu verhandeln.«

Ewe bestritt die Anklage; aber sie mußte zugeben, nach dem Wechsel

gesucht und die Weste in der Hand gehabt zu haben, ohne genügend

erklären zu können, was sie dazu veranlaßte. Die Gaidullene bezeugte,

wie sie durch das Astloch in der Wand gesehen, daß Endrullis ein

Papier in die Weste einnähte und sie dann unter das Heu schob, daß

sie der Ewe Purwins davon Mitteilung gemacht und daß diese darauf in

die Futterkammer getreten sei und an der bezeichneten Stelle gebückt

gestanden und im Heu gewühlt habe. Weil sie aber die Tür hinter

sich zugezogen, sei in der Kammer nur ein schwaches Dämmerlicht

gewesen, sodaß sie nicht genau hätte sehen können, was sie dort tat.

Als dann aber Ewe die Tür aufgestoßen, hätte sie in ihrer Hand die

Weste bemerkt; gleich darauf sei auch die Magd Erdme vom Stall her

hinzugetreten. Sie hatte ihre Aussage so eingerichtet, daß sie mit

aller Sicherheit den Eid leisten konnte. Was sie nicht gefragt wurde,

das hatte sie ja nicht nötig zu sagen. Die Aussagen der Dienstleute

schlossen sich an. »Hat die Angeklagte gegen diese Zeugnisse etwas

einzuwenden?« fragte der Vorsitzende.

»Nein,« antwortete Ewe fest, »es ist alles so richtig. Aber die Weste

hat mehrere Tage da unter dem Heu gelegen -- es kann auch ein Anderer

den Wechsel ausgeschnitten haben.«

»Kann -- kann! Hast du gegen irgendjemand gegründeten Verdacht?«

Ewe senkte finster die Augen und schwieg.

»Hast du noch einen Andern in der Futterkammer gesehen?« wandte der

Richter sich an die Gaidullene.

»Nein,« bestätigte dieselbe, »ich habe keinen Andern gesehen. Gott soll

mich strafen, wenn ich die Unwahrheit sage.« Es war sicher so: sie

hatte keinen Andern gesehen; sie antwortete, wie sie gefragt wurde.

Ewe wischte rasch mit der Hand eine Träne von der Backe fort.

»Aber warum sollte ich den Wechsel nehmen?« rief sie, von Angst

getrieben. »Ich habe mich ja niemals geweigert, den Endrullis zu

heiraten. Mag er's selbst sagen.«

»Und würdest du ihn auch jetzt noch heiraten?« fragte der Richter.

Sie warf trotzig den Kopf zurück. »Jetzt --! Wenn ich seinetwegen

bestraft werde ...! Er wird mich dann nicht mehr fragen, ob ich will.

Ich bin ihm zu schlecht ...« Sie setzte sich auf die Bank nieder,

bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, stützte den Kopf auf die

Barriere und schluchzte laut.

Die Richter berieten nur kurze seit. Dann verkündete der Vorsitzende

den Spruch, der Ewe Purwins zu drei Wochen Gefängnis verurteilte. »Ich

bin unschuldig,« sagte sie, »aber ich sehe wohl ein, daß ich dies

leiden muß.«

Sie bat, gleich ins Gefängnis gehen zu dürfen, damit man sie nicht von

ihrem Hofe abhole, was ihr eine Schande wäre.

Als sie abgeführt wurde, drängte Endrullis an sie heran. »Geh nicht ins

Gefängnis, Ewe,« bat er dringend. »Ich selbst werde den König bitten,

daß er dich begnadigt -- noch heute schreibe ich.«

Sie wendete das Gesicht ab. »Ich will nicht begnadigt sein,« sagte sie,

»du glaubst ja doch nicht, daß ich unschuldig bin.«

»Ewe -- wie kann ich ...?«

Sie zuckte die Achseln. »Wie kannst du --?! -- Gut -- geh nur. Du hast

ja nun deinen Wechsel.«

Er griff nach ihrer Hand, aber sie wich ihm aus. »Geh nur!« Sie winkte

Jons Toleikis heran und gab ihm Anweisung wegen der Wirtschaft. Dann

folgte sie dem Gerichtsboten.

Die drei Wochen waren bis auf einen Tag vergangen. Michel Endrullis

hatte in der ganzen Zeit keine rechte Ruhe gehabt. Meist ritt er in

der Nacht jenseits der Grenze und schlief bei Tage. Es war ihm, als

ob etwas sein Gewissen schwer belastete und ihm alle Freude am Leben

verderbe. Der Wechsel war ihm ganz gleichgültig; er verwunderte sich

nur darüber, daß er sich deshalb mit der Ewe hatte erzürnen können.

Und wenn sie ihn genommen und vernichtet hatte -- war sie nicht so gut

wie sein Weib gewesen? Nun sie ihm verloren war, meinte er, sie gar

nicht missen zu können. Und sie war ihm verloren ... nie konnte sie ihm

verzeihen.

Am späten Abend, als er an seinem frühem Hofe vorbeiritt, stand die

Urte am Heck und winkte ihn heran. »Was willst du?« fragte er, den

Zügel anziehend.

»Komm auf dem Feldwege hinter das Haus, wo uns niemand sieht,«

antwortete sie. »Ich will dir unter vier Augen sagen, wo dein Wechsel

geblieben ist.«

»Du --?«

»Ich. Die drei Wochen sind ja wohl morgen herum? Da braucht's für dich

kein Geheimnis mehr zu sein.«

Die Worte klangen ihm so feindlich, daß es ihn durchschauerte. »Was

weißt du von dem Wechsel?« fragte er zitternd.

»Das sollst du dort erfahren. Man kann nicht wissen, was man hier auf

der Landstraße für Zeugen hat.« Sie zeigte mit der Hand über das Haus

hinweg und entfernte sich.

Er überlegte, ob er ihr folgen sollte. Einen Augenblick dachte er an

die Möglichkeit, daß sie ihm einen Hinterhalt gestellt haben könnte.

Mit ein paar Knechten aber meinte er's aufnehmen zu können. Er öffnete

also nur sein Messer in der Tasche, sprang am Gartenzaun ab, band das

Pferd an eine Latte und ging um das Gehöft herum. Dort stand schon die

Urte vor der hintern Haustür. »Was hast du mir nun zu sagen?« sprach er

sie an.

»Daß ich meine Rache habe,« antwortete sie. »Die Ewe hat im Gefängnis

gesessen, und einer von des Königs Gardisten heiratet keine Frau, die

im Gefängnis gesessen und ihren ehrlichen Namen verloren hat.«

»Und das nennst du deine Rache?«

»Mit Fug und Recht; denn du mußt wissen, daß die Ewe unschuldig ist.«

»Unschuldig! Und wer ...?«

Die Augen der Frau blitzten, wie die einer Katze, die auf die Maus

lauert. »Ich habe den Wechsel aus deiner Weste geschnitten.«

Endrullis prallte zurück. »Du --?! Das ist nicht wahr. Wie konntest du

wissen --?«

»Das ist gleichgültig, wie ich's erfuhr. Genug, ich hab's getan, als

ihr sämtlich drüben auf der Sandscholle bei den Kartoffeln waret.

Die hintere Stalltür fand ich offen. Ihr beide seid bestraft. Der

Wechsel ist verbrannt. Aber damit du mir glaubst ... hier ist das

ausgeschnittene Stück Zeug. Passe es nur in das Loch ein, es wird kein

Fädchen fehlen.« Sie warf ihm den Lappen zu.

»Hexe, verfluchte Hexe,« schrie er auf und stürzte sich mit dem Messer

gegen sie, »nimm deinen Lohn!«

Sie mochte sich auf einen solchen Angriff gefaßt gemacht haben, sprang

zurück, riß die Tür auf und flüchtete hinter dieselbe. Das Messer fuhr

ins Holz. Er hörte nur noch ihr heiseres Lachen.

Da stand er nun und starrte die Wand an. In seinem Kopf wirbelte es,

als ob da alle Trommeln seines Regiments gerührt würden. Ewe unschuldig

-- doch unschuldig! Und Urte war die Diebin gewesen. Gerächt hatte sie

sich an ihm und ihr. Es war nichts wieder gut zu machen. Ewe hatte ihre

Strafe verbüßt. Und hatte er jetzt Zeugen gegen das boshafte Weib? Wer

würde ihm glauben?

Er steckte das Stück Zeug in seine Brieftasche und führte den Fuchs

an der Hand durch das Dorf zurück in seines Schwagers Stall. Seine

Schwester fragte, was ihm geschehen sei; er sähe so verstört aus. Ob er

denn diese Nacht nicht reite? »Nein,« sagte er, »aber morgen früh. Ich

will die Ewe aus der Stadt abholen.«

»Gib dich mit der schlechten Person nicht weiter ab,« meinte sein

Schwager Grillus. Er aber faßte ihn dafür bei der Brust und schüttelte

ihn. »Wer sie eine schlechte Person nennt,« schrie er, »der mag sich

vor mir in Acht nehmen. Ich schone Schwester und Bruder nicht!«

Er brachte eine schlaflose Nacht zu. In der Frühe ritt er fort in der

Richtung nach der Stadt. »Sie wird mir glauben,« tröstete er sich.

Nicht weit von den letzten Häusern der Vorstadt sprang er ab, legte

sich in den Chausseegraben und ließ seinen Gaul neben sich grasen.

Ewe mußte hier vorüberkommen. Und es dauerte keine Stunde, da kam sie

wirklich. Sie hatte die Schuhe und Strümpfe ausgezogen und in ein Tuch

geknüpft, das sie in der Hand hielt. Sie sang leise vor sich hin ein

littauisches Wiegenlied, das recht schwermütig klang, und hatte die

Augen auf den Boden gerichtet. »Ewe!« rief er sie an.

Novellenbuch, 2. Band: Dorfgeschichten · 第 20 / 27 题