»Verstehe mich nur recht, Mikelis. Ich bleibe dir gut, und du bleibst
mir gut, und wir lassen nur das Unwetter vorüberziehen.«
Er knirschte mit den Zähnen. »Wegen des Wechsels, nicht wahr? Du
willst nicht geradeaus mit mir brechen -- ich soll der Dumme sein, der
verspielt.«
Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll mir deshalb Angst sein? Das Papier
gilt ja doch nichts.«
»So! Warum gilt es nichts?«
»Weil du mir dein Versprechen gar nicht halten kannst, Mikelis. Wie
kann ich da sagen: ich will nicht?«
Er sah sie ganz verdutzt an. »Ei, du Schlaue!« rief er. »Meinst
du mich so zu überlisten? Ist's denn schon so gewiß, daß ich dir
mein Versprechen nicht halten kann? Heute nicht und morgen nicht --
allerdings. Aber wenn's zehn Jahre dauert, deine Unterschrift löscht
nicht aus. Und mir soll's zu lange nicht dauern -- mir nicht.«
Ewe wendete sich unwillig ab. »Wenn ich dich los werden wollte, wären
mir fünfhundert Taler nicht zu viel dafür.« Sie fing heftig an zu
schluchzen.
Er ärgerte sich, daß er so weit gegangen war, und reichte ihr die Hand
hinüber. »Nimm's vernünftig,« sagte er. »Um was zanken wir denn?«
Diesmal kam eine Versöhnung zustande; doch traute er Ewe nicht mehr
recht.
Er beschloß zu bleiben, aber auch den Wechsel, seinen letzten Halt,
besser zu sichern. In der Brieftasche mochte er bei Tage gut aufgehoben
sein, wenn er sie bei sich trug; aber sie war ihm bei der Arbeit oft
lästig. Und nachts legte er sie zwar unter sein Kopfkissen, aber wußte
auch, daß er fest schlief und schwerlich geweckt wurde, wenn sie ihm
eine geschickte Hand hervorzog. Daß Ewe mit dem Gedanken umgehe, ihm
das Papier mit ihrer Unterschrift fortzunehmen, wurde mehr und mehr
überzeugende Gewißheit. Es galt ihm jetzt nicht die fünfhundert Taler,
sondern in seiner Vorstellung war es der Schein, mit dem Ewe sich ihm
für ihre Person anzugehören verpflichtet hatte; und so, meinte er, sehe
sie's auch selbst an, daß sie sich frei wissen wollte. Daß sie sich ein
Gewissen daraus machen könnte, ihn zu überlisten, wenn es irgend in
ihrer Macht stehe, vermochte er sich eigentlich gar nicht vorzustellen,
so lieb er sie hatte.
Eines Tages zu ungewöhnlicher Zeit ging er in das Futtergelaß neben dem
Stall, wo er sich unbeobachtet glaubte, setzte sich auf die Schwelle,
zog seine Jacke und Weste aus und schnitt mit dem Messer auf der
linken Seite der Weste ins Unterfutter ein. Dann nahm er, nachdem er
noch einmal in den Stall hineingespäht hatte, ob keiner ihm aufpasse,
aus seiner Brieftasche den Wechsel, steckte ihn in den Schlitz und
umnähte die Stelle mit ganz dichten Stichen. Nadel und Faden hatte
er dazu mitgebracht. Dann zog er die Kleidungsstücke wieder an und
entfernte sich. -- Er hatte nur nicht bedacht, daß auf der andern Seite
des Futtergelasses die Schlafkammer der Altsitzerin lag und sich in der
Bretterwand Ritzen und Astlöcher befanden, durch die man sehen konnte,
was in dem Mittelraum vorging.
Ewe fiel's gleich auf, daß Endrullis seine Brieftasche nicht mehr so
ängstlich bewahrte, nachts nicht einmal mehr unter das Kissen steckte.
Als er sie gar einmal beim Weggehen auf dem Tisch hatte liegen lassen,
konnte sie sich nicht enthalten, ihm spöttisch nachzurufen: »Vergiß
nicht die Brieftasche -- ich hätt's sonst gar zu leicht, dir deinen
Wechsel fortzunehmen. Du bist ja deshalb immer so in Sorge.«
»Sieh doch nach«, antwortete er, »ob du ihn da findest. Den hab' ich
für alle Fälle besser bewahrt.«
»Vor mir hast du dich ja auch in acht zu nehmen,« bemerkte sie
achselzuckend.
Nun hätte sie aber doch gern herausgebracht, wo er das Papier gelassen
hatte, das ihm von so großem Wert war. Es hatte gewiß seinen Grund,
daß er mit der Weste schlief; und da zeigte sich auch eine Stelle
abgenäht unter der linken Brust. Es verdroß sie, daß er vor ihr mit
solchen Heimlichkeiten umging, und im Ärger sagte sie: »Du hast es
gemeint recht klug zu machen, Mikelis, aber wer zu klug sein will, der
wird dumm. Wenn du schläfst, kann ich dir freilich die Weste nicht
ausziehen, aber was willst du tun, wenn ich dir den Zipfel mit der
Schere abschneide? Sieh dich vor.«
Diese Reden bestärkten ihn noch mehr in dem Glauben, daß sie ihm
aufpasse und auf eine Gelegenheit lauere, den Wechsel an sich zu
bringen. Nur zu leicht konnte sie ihre Drohung wahr machen.
Deshalb schlich er, als er die Gaidullene mit einer Hacke auf der
Schulter fortgehen sah, wieder in das Futtergelaß, zog die Weste aus,
wickelte sie zusammen und steckte sie, soweit sein ausgestreckter Arm
reichte, unter das Heu links von der Stalltür. Darauf warf er einige
Bund Stroh. Er hatte ganz den Kopf verloren.
Die Altsitzerin war aber leise in ihre Kammer zurückgekehrt und hatte
am Astloch gelauscht. Noch denselben Abend machte sie einen Gang ins
Dorf, und am andern Morgen, als die sämtlichen Bewohner des Hauses aufs
Feld gegangen waren, steckselte sie die hintere Stalltür nach dem
Roßgarten auf und entfernte sich dann ebenfalls.
Am zweiten Tage darauf sagte die Altsitzerin bei einem anscheinend
zufälligen Begegnen auf dem Hofe zu Ewe: »Wenn du etwas suchen
solltest, mein Töchterchen -- ich weiß, wo es zu finden ist.«