»Dir wär's wohl lieb,« fuhr er sie zornig an, »wenn's vergeblich wäre.
Du brauchst dann dein Wort nicht zu halten.«
»Mikelis!« rief sie, »das hab' ich nicht verdient. Alles tat ich dir
zu Liebe, was ich konnte. Und wenn du willst, so geh' ich selbst zur
Urte, sie um die Schrift zu bitten. Früher hätt' ich mir eher die Zunge
abgebissen, als ihr ein gut Wort gegeben ... jetzt bin ich nicht mehr
so stolz.«
»So geh,« sagte er, »du richtest vielleicht mehr aus als ich. Und ich
fürchte auch, daß ich heftig werde, wenn ich das boshafte alte Weib
sehe, und alles verderbe.«
Ewe kam traurig zurück. »Sie ist hart wie Stein,« schluchzte sie. »Ich
hab' ihr in meiner Not den Rock geküßt, und sie hat mich mit dem Fuß
fortgestoßen.«
Er ballte die Faust. »So soll sie auf mich nicht warten. Meinetwegen
kann's bleiben, wie es ist. Haben wir uns so lange ohne des Pfarrers
Segen beholfen, mag's auch weiter so gehen. -- Bist du's zufrieden,
Ewe?«
Sie nickte zustimmend, aber antwortete nicht. Das verdroß ihn. Er ging
hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Auf dem Hofe spaltete er Holz,
und so grimmig schwang er die Axt, daß die Splitter nach allen Seiten
flogen. --
Eines Abends fuhr ein kleines Wägelchen mit einem Pferde zwischen der
Gabeldeichsel ins Dorf. Auf dem tiefen Strohgesäß saß ein alter Mann,
der in der einen Hand lose die Leine, in der andern ein Buch hielt.
Er hatte die Pelzmütze aus der kahlen Stirn geschoben und eine große
Brille auf der Nase. Es war kaum möglich, daß er bei der stoßenden
Bewegung des Wagens lesen konnte, aber er sah doch ins Buch. Wer ihm
begegnete, grüßte ehrerbietig. Vor dem Hause der Ewe Purwins hielt er
an und stieg ab. Der Knecht Jons Toleikis eilte sofort vom Hofe herbei
und nahm ihm die Leine ab.
Der Alte mit dem langen weißen Haar war der Vorsteher der Sekte der
»Frommen«, die sich wegen ihrer Zusammenkünfte zu religiösen Übungen
»Surimkimniker« nennen. Er hieß der »Engel«, weil er besonders von
Gott mit der Rede begabt war und seine Gebote zu verkündigen hatte. In
hohem Ansehen stand er auch bei denen, die nicht zur Sekte gehörten;
selbst die Geistlichen in den Kirchdörfern behandelten ihn mit großer
Zuvorkommenheit, da sie seinen Einfluß bei den Littauern kannten. Hätte
er von einem Pfarrer behauptet, er sei nicht rechtgläubig, so würde
er bald vor leeren Bänken gepredigt haben. Ewe ging ihm mit gesenktem
Kopfe entgegen und küßte ihm demütig die Hand. Ihr ahnte, weshalb er
kam.
»Ewe Purwins,« begann er, »ich vernehme zu meiner Betrübnis, daß du
großes Ärgernis gibst durch deinen Lebenswandel. Du hast einen Mann von
seiner Frau getrennt, und so ist's, als ob du selbst die Ehe gebrochen
hast. Aber das ist geschehen, Kind, und nicht mehr zu ändern. Willst
du dich dieserhalb mit Gott versöhnen, so frage an, welche Buße dir
bestimmt ist. Das Fleisch ist schwach, und sündige Menschen sind wir
alle. Weshalb ich aber zu dir komme, das hat nicht den Zweck, dich zu
solcher Buße zu mahnen, sondern das öffentliche Ärgernis zu beseitigen.
Du hast gehofft, nach der Scheidung dich mit Endrullis verbinden zu
können zu einem christlichen Ehebunde. Nun tut aber das Gericht, wie
ich höre, Einspruch, und der Herr Pfarrer weigert sich mit Recht, den
Segen über euch zu sprechen. Du hast also weiter keine Entschuldigung,
wenn du dich an diesen Mann hängst, der dir nicht angehören kann,
sondern verharrst in sträflichem Ungehorsam. Darum schickt der Heilige
Geist mich zu dir, daß ich dich mahne, von ihm abzulassen und ihn seine
Wege zu weisen. Wenn du aber auf seine Stimme nicht achtest, so werden
alle Frommen und Gottesfürchtigen im Lande Wehe über dich rufen, und du
wirst in der Kirche allein sitzen in deiner Schande, von den Gerechten
gemieden. Vernimm es und tue danach!« Dann öffnete er sein Buch und las
näselnd und halb singend einen Psalm.
Ewe kniete nieder, faltete die Hände und betete. Endrullis kam dazu
und wagte nicht zu unterbrechen. Als der Alte aber geendet hatte, trat
er heran und fragte, was diese Litanei solle. »Ich bin nicht gekommen,
mit dir zu reden,« antwortete jener salbungsvoll, »sondern mit diesem
Mädchen, über das du Gottloser keine Gewalt hast. Ich weiß wohl, daß
du schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen bist, denn Gottes Wort
ist dir ein Stachel im Herzen, und so will auch ich nicht vergeblich
sprechen.«
Endrullis lachte auf. »Die Urte ist nicht umsonst zu den Frommen
gegangen. Ich merke, daß sie da Trost gefunden hat. Sie schickt dich
wohl, hier unter uns Unfrieden zu säen?«
»Mich schickt niemand als der Heilige Geist,« sagte der Alte, hob die
Hände hoch auf und schritt langsam hinaus. Er fuhr sogleich wieder ab,
ohne sich im Dorfe zu verweilen.
Daß er nicht ohne Erfolg Ewe ins Gewissen geredet hatte, mußte
Endrullis bald erkennen. War sie schon vorher oft traurig gewesen
und kopfhängerisch im Hause herumgegangen, so verlor sie jetzt alle
Munterkeit und zeigte in seiner Gegenwart ein scheues Wesen, das ihn
wohl besorgt machen mußte. Sie klagte zwar nicht laut, forderte ihn
auch nicht auf, das Haus zu verlassen; wenn er sie aber liebkoste,
schob sie seine Hand sanft fort, und wenn sie etwas zu ihm sprach,
klang's wahrlich, wie sonst gar nicht ihre Art war. »Es kann nicht
anders sein«, sagte er einmal seufzend, »ich muß jetzt zur Urte.«
Einen so schweren Gang hatte er noch sein Leben lang nicht gemacht.
Sein Herz war voll Grimm, und in Gedanken kamen ihm böse Worte auf die
Zunge. Und doch sollte er bitten! Als er zum Hoftor hineinging, sahen
ihm die Leute von der Dorfstraße verwundert nach, und er ärgerte sich
darüber. Als er an die Tür der Wohnstube klopfte, in der er Urte am
Webstuhl arbeiten hörte, biß er die Lippe mit den Zähnen. Es mußte doch
sein.
»Urte,« sagte er finster, nachdem er eingetreten war, »es ist nicht zu
unserm Glück gewesen, daß du mich einmal angerufen hast. Ich kann dir
nichts Übles nachsagen, aber alt und jung paßt nicht zu einander -- das
hättest du besser bedenken können als ich. Nun ist's gekommen, wie's
gewöhnlich so kommt, wenn etwas in der Ehe nicht richtig ist, und
ich bin trotzig fortgegangen und hab' gemeint, die Dinge nach meinem
Willen zwingen zu können. Es ist auch so weit alles in Ordnung, daß wir
geschieden sind und ich der schuldige Teil bin, und ich begehre nichts
von dem, was dir gehört. Du aber trittst mir in den Weg und willst mich
unfrei machen, so lange du lebst, und mir vorenthalten, was mir gehört.
Hätt' ich gewußt, daß es so kommen könnte, ich hätte wohl andere Mittel
gehabt, uns zur Scheidung zu bringen, und dein Vorteil wär's nicht
gewesen. Nun freilich muß ich dich bitten! Aber so schlecht, hoff'
ich, wirst du nicht sein, daß du aus Rachsucht die Bitte abschlägst.
Unterschreibe ein Blatt, daß ich die Ewe heiraten kann.«
Die Frau hatte unbeweglich dagesessen und ihn ohne Unterbrechung
aussprechen lassen. Nur das graue Auge blitzte mitunter unruhig. Nun
warf sie das Webeschiffchen drei-, viermal hin und her durch den Aufzug
und ließ die Kämme knarrend sich auf- und abbewegen, als wollte sie ihn
einer Antwort gar nicht würdigen. Vielleicht dachte sie aber inzwischen
auch nur auf eine recht schneidige, und so richtete sie nun den Kopf
ins Genick und entgegnete: »Ich habe dir's vorausgesagt, Mikelis, daß
du noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen würdest. Das war nun
wohl damals anders gemeint, aber es trifft auch so zu und wird noch
besser zutreffen, wenn wir länger leben. Als ein Bettler kommst du,
und ich antworte: was bin ich dir schuldig? Als du arm warst, habe ich
dich reich gemacht; als du ein Knecht warst, habe ich dich zum Herrn
eingesetzt. Und wie hast du mir vergolten? Statt mit Dank mit Undank,
statt mit Treue mit Untreue, statt mit Lohn mit Schimpf. Und nun soll
ich dir dazu helfen, daß alles dies ungeschehen sei? Was bin ich dir
schuldig? Nicht einmal so viel als einem Bettler. Geh! ich habe nichts
weiter mit dir zu tun.«
Er trat einen Schritt vor und faßte den Ständer des Webegestells.
»Bringe mich nicht in Verzweiflung, Urte,« rief er, »es könnte dich
gereuen! Ich will nicht umsonst gebeten haben.«
Sie ging ans Fenster, um im Notfall den Knecht rufen zu können.
»Dir könnt' ich vielleicht verzeihen,« antwortete sie, »aber der Ewe
nimmermehr. Will sie aufheben, was ich fortwerfe, das kann ich nicht
hindern; aber was ich dir war, das wird sie dir nicht! Kann ich ihr's
sonst vergelten, so geschieht's gern. Und nun geh! Ich habe dir nichts
mehr zu sagen.«
»Urte, gib mir den Schein!«
»Nein!«
»Ich will ihn dir abkaufen mit allem, was ich besitze.«
»Mit dem Wechsel, den die Ewe dir geschrieben hat -- nicht wahr? Ha,
ha, ha!«