»Lies nach, wenn du's vergessen hast. Das Pferd will ich nun haben, und
es muß ein gutes Pferd sein, auf das ich mich verlassen kann.«
»Ein besseres, als ich selbst habe, kann ich dir doch nicht geben.«
»Auf dem Pferdemarkt hat man die Auswahl.«
»Dränge mich nicht, Mikelis. Willst du's mit Geld ausgleichen, so sage,
was du forderst. Zahle ich nicht gleich, so zahle ich mit guten
Zinsen.«
»Nein, ich will das Pferd haben.«
»So komm in den Stall. Du sollst wählen dürfen -- nur den Fuchs nehm'
ich aus.«
Sie gingen in den Stall. Die Frau kam mit. »Fange nicht gleich wieder
Hände! an,« bat sie ihren Bruder.
Die Pferde wurden herausgeführt, besehen, zur Probe geritten. »Da ist
keins für mich passend,« sagte Michel Endrullis, »als der Fuchs.«
Es gab Lärm und Streit. Endlich mußte Grillus sich doch fügen. Die
Schwäger kamen überein, daß Michel vorläufig im Hause bleiben und für
seinen Unterhalt arbeiten, das Pferd aber noch den Herbst über im Stall
lassen sollte. Der Wirt dürfte es in der Wirtschaft brauchen, müßte ihm
aber dafür das Futter geben. Wolle Michel es »zum Reiten«, das hieß zum
Schmuggeln, brauchen, so stehe das bei ihm.
Darauf wurde noch denselben Abend mit den Nachbarn ein guter Trunk
getan.
Als die Nächte dunkel wurden, ritt Endrullis für die Juden mit Spiritus
über die Grenze. Auch die beiden Purwins waren dabei. Für den Gewinn
kaufte er ein kurzes Gewehr. Einmal kam's auch zu einem Gefecht mit
russischen Soldaten, und einer von ihnen erhielt einen Schuß. Im Dorfe
erzählten sich die Mädchen von seiner Waghalsigkeit, und Ewe sagte:
»Wenn er auf dem Fuchs sitzt, sieht er aus wie ein General. Das macht,
weil er bei der Garde gedient hat.« Es war bald gar kein Geheimnis
mehr, daß sie ganz toll in ihn verliebt war. Endrullis ließ sich's
gefallen, band sich aber doch nicht. Dazu war er, wie er selbst rühmte,
»zu klug«.
Täglich führte ihn sein Weg, wenn er zur Feldarbeit ging, auch an
dem Hofe der Naujokene vorbei. Die Frau sah er oft in der Tür stehen
und grüßte freundlich. Sie war immer sehr ordentlich und reinlich
gekleidet, als ob sie zur Kirche gehen wollte. Die Mägde wußten sich
etwas darauf, daß ihre Herrin stets sechs Röcke über einander trüge;
denn das war ein Zeichen von Wohlhabenheit. Übrigens wählte sie dunkle
Farben, wie einer Witwe zukam, schwarz oder schwarzblau, und trug die
Jacke hoch bis unter das Kinn zugehakt, nur den weißen Hemdenkragen
ein wenig überstehend. Die Figur sah stattlich genug aus, und auch das
Gesicht war noch ziemlich glatt, wenn sie es stillhielt. Sprach sie
freilich, so zog die Stirn Falten, und wurde sie ärgerlich, so rötete
sich plötzlich die Nase und das Kinn. Das geschah, wie die Dienstleute
behaupteten, gar nicht selten.
Michel Endrullis gefiel ihr, vielleicht nicht zum wenigsten deshalb,
weil er auch der Ewe Purwins gefiel. Er hielt sich noch immer so
gerade, wie er's von seiner Dienstzeit her gewohnt war, bürstete
täglich seine Jacke und behandelte die Pferde gut. Die Arbeit schien
ihm leicht von der Hand zu gehen; früh morgens war er schon auf, und
abends, wenn er vom Felde zurückkam, pfiff er ein lustiges Stückchen.
Eines Tages rief sie ihn zu sich heran und sagte: »Gedenkst du bei
deinem Schwager zu bleiben, Mikelis?«
»Den Winter über vielleicht,« antwortete er, »wenn wir uns so lange
vertragen.«
»Und was wirst du dann anfangen?«
»Ich werde mich nach einem Dienst umsehen müssen; denn kaufen kann ich
nichts.«
Sie musterte ihn wohlgefällig. »Ich will dir einen Vorschlag machen,
Mikelis. Du weißt, daß eine Witfrau es schwer hat, mit fremden Leuten
zu schaffen, in den Ställen nach dem Rechten zu sehen und das Feld
ordentlich zu bestellen. Sie muß da einen haben, dem sie Vertrauen
schenken kann. Nun war aber dein Vater ein guter Freund meines
verstorbenen Mannes, und dich kenne ich von Kindesbeinen an. Beim
Militär hast du dich gut geführt und auch Ordnung gelernt. Willst du
als Knecht in meinen Dienst treten, so kann's gleich zu Martini richtig
werden. Ich will dich über die andern Leute setzen und dich auch sonst
halten wie eines Nachbars Sohn. Den Lohn magst du selbst bestimmen, und
um ein paar Taler werde ich nicht dingen. Willst du dir das überlegen?«
»Das ist nicht viel zu überlegen,« entgegnete er. »Muß ich dienen,
so diene ich dir so gern als einem andern, und mir kann's gefallen,
hier im Dorf zu bleiben und den Wirt zu spielen, solange ich's nicht
wirklich bin. Ich hoffe, daß du mit mir zufrieden sein wirst.«
»So schließen wir also gleich ab,« sagte sie offenbar erfreut und
reichte ihm die Hand zu.
»Das heißt ...,« wendete er zögernd ein, »wenn dir auch meine Bedingung
recht ist.«
»Was ist das für eine Bedingung?«
»Ich hab' ein Pferd, das ist mein einziges Besitztum, und davon will
ich mich nicht trennen. Willst du's in deinen Stall nehmen und ihm
Futter geben, so mag es auch in der Arbeit mithelfen. Wenn ich aber
reiten will, so bin ich so weit mein eigner Herr und habe niemand zu
fragen; denn es kommt mir darauf an, daß ich außer dem Lohn etwas
verdiene. Mein Vater ist Wirt gewesen und mein Großvater auch -- da
will ich nicht zurückbleiben. Kann ich's nicht erben, will ich's
erwerben.«
Darauf ging die Naujokene gern ein, und als nun Martini herankam,
zog Michel Endrullis bei ihr als Knecht an, nicht wie die Knechte
sonst, sondern reitend auf seinem Fuchs. Die Ewe rief ihm spöttisch
nach: »Halt dein Herz fest, Mikelis.« Er aber wendete sich zurück und
antwortete lachend: »Meine Mutter ist lange tot und eine zweite brauche
ich nicht.«
Das war wohl ganz ernst gemeint. Aber es zeigte sich doch bald, daß Ewe
nicht ohne Grund gewarnt hatte. Nachdem einige Monate vergangen waren,
wußten die Mägde kichernd zu erzählen, wie gut der Mikelis gehalten
würde. So schlimm die Frau oft gegen sie sei, so höre er doch nie ein
böses Wort, könne schalten und walten, wie er wolle. Bei Tisch schiebe
sie ihm die fettesten Bissen zu, und zu Weihnachten habe sie ihm eine
noch ganz neue Tuchjacke und den besten Pelz von ihrem verstorbenen
Manne geschenkt. Wenn sie Sonntags zur Fahrt nach der Kirche so viel
Röcke anziehe, daß sie kaum auf dem Schlitten Platz habe, so wisse man
wohl, daß sie sich nicht allein für den lieben Gott ausputze. Man hatte
ihr auch schon aufgepaßt, wie sie mit Endrullis in der Klete gewesen
war und ihm die Kasten mit Leinenzeug und Betten aufgeschlossen hatte.
Davon sprach nun das ganze Dorf, und die meisten sagten: »Der macht da
sein Glück! Die Naujokene ist noch in den Jahren -- und bringt nicht
einmal Kinder mit. So gut trifft's selten einer.« Ewe nur nannte sie
ein altes Weib und einen Drachen. Wenn sie ihr begegnete, zog sie ihr
ein Gesicht, und in der Kirche setzte sie sich recht geflissentlich in
ihre Nähe, als ob sie dem Michel Endrullis zeigen wollte, was für ein
Unterschied zwischen ihnen sei.
Michel war ein schlauer Bursche und merkte ganz gut, wie die Sache
stand. Er war nur mit sich selbst nicht einig, ob er zugreifen sollte.
Zu einem solchen Hofe kam er auf andere Weise nicht. Wäre nur die Ewe
nicht gewesen --! Da war nun sein Herz arg zwiegespalten: die Ewe hätte
er gern gehabt -- aber den großen Hof auch. Und eine Torheit, meinte
er, dürfe er unter allen Umständen nicht begehen; dazu sei er denn doch
zu weit »in der Welt herumgekommen«.
Eines Abends paßte er Ewe auf, als sie aus der Spinnstube nach Hause
ging. »Laß das die Naujokene nicht merken,« zog sie ihn auf, »daß du
mir im Dunkeln nachgehst,« hing sich aber doch an seinen Arm.
»Warum?« fragte er keck und faßte ihre Hand.
»Die Leute sprechen davon, daß es im Dorfe bald eine Hochzeit geben
wird.«
»Das könnte wohl sein, wenn dein Vater und deine Brüder wollten.«
»Wenn du mich meinst, Mikelis, zur Hochzeit gehören denn doch allemal
zwei.«
»Gewiß! Sind zwei einander gut, das ist unter ihnen bald richtig
gemacht. Aber ...«
Ewe drückte zum Zeichen des Einverständnisses seine Hand und lehnte
sich an seine Schulter. »Was meinst du?« Ihr glühten die Backen. Er
hätte jetzt alles von ihr verlangen können, was sie zu geben vermochte.
So gern hätte sie ihn für sich gewonnen.
»Sprich mit deinem Vater und deinen Brüdern,« sagte er. »Sie werden dir
den Hof nicht überlassen; aber vor Jahren ist das Käthnergrundstück des
Gaidullis zugeschrieben worden. Vielleicht sind sie einverstanden, daß
es wieder abgeschrieben wird und dir als Erbteil zufällt. Du kannst
sagen, du wüßtest einen, der dir etwas Geld leihen würde, wenn's
durchaus zur Abfindung nötig wäre, und wie du hinterher zu Haus, Stall
und Scheune kämest, das ginge sie nichts an. Hast du das Land, so wird
das andere sich finden.«
Ewe fühlte sich arg enttäuscht. Sie ließ den Kopf hängen. Und doch
war's schon etwas, daß er ihretwegen Käthner werden wollte, da er ohne
sie ein großer Wirt werden konnte. »Sprich du selbst mit dem Vater,
Mikelis,« bat sie.
»Nein -- das kann nicht geschehen. Mein Name darf nicht genannt werden.
Wird aus der Sache nichts, so will ich freie Hand behalten --«
»Bei der Urte ...!«
»Da oder wo anders.«
Sie biß die Lippe. »Es wird dich gereuen, Mikelis, eine alte Frau
genommen zu haben.«
»Ich habe sie ja noch nicht genommen.«
»Jetzt ist sie süß wie Honig und zahm wie ein Täubchen. Hat sie erst,
was sie will, so wird sie ihr Teufelsspiel anfangen. Ins Zuchthaus
kommen denke ich mir nicht so schlimm, als an so etwas zeitlebens
gebunden sein.«
Er schnippte mit den Fingern in die Luft. »Pah! Wer der Wirt ist, ist
der Herr. Aber ich will nichts gesagt haben. Bekommst du das Land,
so darfst du dir meinetwegen keine Sorgen machen. Wenn nicht, so muß
freilich jeder zusehen, wie er sich am besten in die Welt schickt. Der
Arme kann nach seinem Herzen nicht viel fragen.«
Sie machte sich hastig von ihm los. Gleich aber fiel sie ihm wieder um
den Hals.
»Wenn du mir gut wärest, Mikelis, wie ich dir gut bin ...«
»Ich bin dir gut, glaub's nur. Aber so unvernünftig ...« Er küßte sie.
»Lieber unvernünftig, als zu wenig! Mikelis, tu's nicht!«
»Was?«
»Ach, geh!«
»Sprich mit deinem Vater, Ewe.«
»Und wenn nicht --«
»Man muß es abwarten.«
Sie seufzte recht schwer, löste ihre Hand und lief fort.
Das Weibsvolk ist doch recht närrisch, dachte Endrullis. Er hatte jetzt
nur die Hand nach rechts oder links auszustrecken.
[Illustration]
3.
Ewe sprach nun auch mit den Brüdern und sprach mit dem Vater; aber
zu dem gewünschten Ziele kam sie nicht. Am ehesten war noch Jurgis
geneigt, ihr zuzustimmen, da er selbst für sich wenig zu hoffen
hatte. Ansas aber wollte von der Abtrennung des Käthnerlandes nichts
wissen. Es sei eine gute Wiese dabei, und ohne die lasse sich nicht
wirtschaften. Purwins war krank und dachte nur darauf, wie er sich ein
möglichst großes Ausgedinge sicherte. Nun wußte ihn Ansas zu überreden,
die Angelegenheit schnell zu ordnen, damit Ewe ihn in Ruhe ließe. Sie
fuhren also aufs Gericht und schlossen den Vertrag ab. Für Ewe wurde
eine Summe eingetragen, die erst nach des Vaters Tode fällig sein
sollte.
Nun war für Michel Endrullis die Sache entschieden. Er meinte bewiesen
zu haben, daß er genügsam sei. Ewe war nun einmal nicht zu haben;
sie selbst mußte es nun ganz natürlich finden, daß er unter solchen
Umständen »sein Glück« nicht von der Hand wies. Ehrlicher als er konnte
kein Mensch verfahren.
Er wollte nun aber auch recht schlau vorgehen und lieber gebeten sein
als bitten. Darum sagte er nach Ostern der Wirtsfrau, bis zum nächsten
Martini sei's zwar noch weit hin; er wolle ihr's doch aber nicht
vorenthalten, daß er darüber hinaus nicht zu bleiben gedenke. Sie möge
sich danach bei Zeiten einrichten.
Urte fragte verwundert, ob es ihm bei ihr an etwas fehle, und wo er's
besser zu haben hoffe. Michel antwortete ausweichend; auf die Dauer
könne es doch nicht so bleiben, und so sei es besser, er gehe wieder
nach Berlin zurück und nehme seines Majors Anerbieten an. Ein tüchtiger
Mensch komme draußen schneller und leichter zu etwas. Das sei doch so
eilig nicht, meinte sie; sie habe sich an ihn gewöhnt und könne ihn
schwer missen. Nun trumpfte er. Er habe gehört, daß sie zum Herbst
wieder heiraten wolle. Und sei's nicht zum Herbst, so sei's doch sicher
zum Frühjahr. »Bei deinem künftigen Manne will ich nicht als Knecht
dienen, da ich jetzt halb wie der Herr angesehen bin.«
Die Naujokene war aber auch nicht auf den Kopf gefallen und merkte, daß
er sie ausforschen wollte. Das war ihr ein gutes Zeichen, und sie sah
ihn daher freundlich an und antwortete: »Es kommt vielleicht nur auf
dich an, Mikelis, ob du ganz wie der Herr angesehen sein willst.«
Das war deutlich genug, aber er tat doch, als ob er sie noch nicht
verstünde. »Das Grundstück kann ich dir nicht abkaufen,« sagte er.
»Und ich will's auch nicht verkaufen,« erwiderte sie. »Wenn dir's aber
gefällt, kannst du's umsonst haben und auch die Wirtin dazu. Höre,
ich will mit dir unter vier Augen ganz offen sprechen, weil ich wohl
sehe, daß du zu bescheiden bist, mir's in meinen Jahren anzutragen. Ich
brauche einen Wirt, und der muß jung und kräftig sein, damit ich im
Alter eine gute Stütze habe. Du hast dich in kurzer seit gut bewährt,
und ich kann dir auch in Zukunft Vertrauen schenken. Willst du mich
heiraten, so kannst du noch vor Martini der Wirt sein, und das Gerede
der Leute hört von selbst auf. Dumm wird dich wahrlich kein Mensch
schelten, wenn du's tust.«
Das meinte Endrullis auch, und so wurden sie noch in derselben Stunde
einig. Am andern Tage wußte es das Dorf, und es war da keiner, der dem
armen Burschen nicht sein Glück neidete. Er selbst trug den Kopf auch
gewaltig hoch. Nur wenn er der Ewe begegnete, senkte er ihn tief und
sah zur Seite, als ob er sich schämte. Es ärgerte ihn, daß er ihr nicht
dreist ins Gesicht sehen konnte -- aber er konnte nicht. Sie sagten
ihm alle, daß er klug gehandelt habe, und er war doch selbst davon
überzeugt; aber in ihrer Nähe wußte er, daß er eine große Dummheit
mache; das sagte ihm das Herz. Er konnte doch nicht los davon.
Schon nach wenigen Wochen wurde das Aufgebot bestellt. Zu Johanni gab's
Hochzeit, und alle Nachbarn waren dazu geladen. Ewe blieb nicht zu
Hause und war so ausgelassen lustig, als ob ihr nichts Glücklicheres
hätte begegnen können. Als sie aber mit dem Bräutigam tanzte, flüsterte
sie ihm zu: »Jetzt lache ich vor den Leuten, diese Nacht allein in
meiner Kammer werde ich weinen. Denn ich weiß doch, daß du an mich
denkst, Mikelis.« -- »Es hat nicht anders sein können, Ewe,« antwortete
er leise, »du mußt das vergessen.« -- »Versuch's doch selbst,« sagte
sie. »Wenn du hättest wollen, wir wären irgendwo zusammen in Dienst
gegangen.« -- »Es wäre ein elendes Leben geworden, Ewe.« -- »Wer weiß
...?« Sie machte sich los und tanzte mit andern. Die Urte Endrullene
redete sie immer »junge Frau« an und zog dabei den Mund so spöttisch,
daß die Gäste wohl merkten, wie's gemeint war.
»Du wirst deine Tochter besser in Zucht nehmen müssen,« sagte Urte
innerlich verärgert dem alten Purwins, »sie hat eine lose Zunge.«
Nachts gab es argen Lärm vor dem Hause, mehr noch, als es selbst der
Brauch in Littauen will. Ewe hatte die jungen Burschen angestiftet, und
nun flogen die alten Töpfe gegen die Fensterladen und trommelten die
Weidenknüttel auf der Haustür. Gegen Morgen mußte der Gemeindevorsteher
aus dem Bett und Ruhe gebieten.
Vom andern Tage ab ging's in der Wirtschaft wie zuvor. Es war keine
Veränderung zu bemerken, außer daß Endrullis nun der Wirt hieß. Er
wollte es freilich auch sein; deshalb hatte er ja geheiratet, und Urte
schob ihn in den ersten Wochen gern überall vor, damit er als der Herr
bei denen zu Ansehen komme, mit denen zusammen er zuvor gedient hatte.
Nur die Schlüssel behielt sie, und alles mußte durch ihre Hand. Darüber
kam's dann zum ersten Streit. Und als erst einmal die Kräfte sich
gemessen hatten, galt's auch ferner für beide Teile sich behaupten. Bei
der Wirtsfrau war die alte Gewohnheit, das Regiment zu führen, allzu
stark geworden, und Endrullis wollte gerade beweisen, daß er nicht
nur zum Schein der Herr sei. Fuhren sie zusammen nach der Stadt oder
zur Kirche, oder arbeiteten sie auf dem Felde, so verkehrten sie ganz
gut und freundlich miteinander. Es war ihm nur nicht ganz wohl dabei
zu Mute, wie sie ihm auf Schritt und Tritt aufpaßte, daß er sich im
Kruge nicht zu lange verweilte und während der Predigt nicht nach den
hübschen Mädchen hinüberschielte und auf dem Felde nicht mit den jungen
Mägden scherzte. Am liebsten hätte sie ihn fortwährend unter Augen
gehabt. Manchmal besuchte er das Wirtshaus, nur um zu zeigen, daß er
sich »von der Alten nicht einsperren« lasse.
Den Sommer über ging's bei alledem leidlich. Die Ernte fiel reichlich
aus, und der Acker wurde wieder mit aller Sorgfalt bestellt. Als
dann aber der Herbst mit seinen frühen Abenden und finstern Nächten
herankam und die Juden anfragten, mit wieviel Pferden man ihnen helfen
wolle, da schüttete Endrullis seinem Fuchs die doppelte Portion Hafer,
klopfte ihm den Hals und sagte: »Wir müssen auch dabei sein.« Die Urte
wollte davon nichts wissen. Es gefiel ihr nicht, daß ihr Mann sich die
Nächte durch mit dem Judenpack herumzutreiben gedachte; auch fürchtete
sie von dem Verkehr mit den wilden ledigen Burschen üble Folgen. Ob
er's denn nötig habe, zu reiten? Und es schicke sich für ihn auch
nicht. Darauf aber wollte er nicht hören; er meinte nur, sie gönne
ihm die Freiheit nicht und wolle nicht, daß er ein Stück Geld in die
Tasche bekomme, das sie ihm nicht nachrechnen könne. Deshalb fruchteten
ihre Bitten nichts, und als sie sich erzürnte und ihn mit Scheltreden
anfiel, wurde er nur um so hartnäckiger und sagte: »Schweige still! Den
Fuchs habe ich in die Wirtschaft eingebracht und habe mir vorbehalten,
ihn zu satteln, wann es mir gefällt, schon als ich zu dir zog. Hast du
darin deinem Knechte nicht Vorschrift machen dürfen, sollst du's deinem
Manne noch weniger.« Er tat, was ihm gefiel.
Meist ritten die Schmuggler vom Hofe des Purwins ab, da Ansas und
Jurgis sich eifrig beteiligten. So hatte nun Endrullis häufiger
die erwünschte Gelegenheit, sich dort aufzuhalten, und manchmal
vergingen Stunden, bis die Pferde bepackt waren und die Kundschafter
die Nachricht brachten, daß die russische Patrouille vorbeipassiert
sei. Ewe half bei den Pferden, und so sah und sprach er sie oft.
Er meinte seiner Pflicht genug getan zu haben, wenn er sie nicht
geradezu aufsuchte, und sie ging ihm nicht aus dem Wege. Es blieb ihm
nicht unbemerkt, daß sie sich besonders gern an seinem Fuchs etwas
zu schaffen machte, Sattelgurt und Zaumzeug untersuchte und das Tier
mit Brot und Zucker fütterte. Streichelte sie den glatten Hals, oder
kämmte sie mit den Fingern die krause Mähne, so ging's ihm warm durch
die Glieder, als ob sie ihn selbst liebkoste. Und so war's sicher auch
gemeint. Wollte er aber einmal ihre Hand greifen oder ihre Schulter
umfassen, so entschlüpfte sie ihm wie eine Schlange. »Du meinst es ja
doch nicht ernst,« sagte sie, und darauf wußte er freilich nichts zu
antworten.
Einmal warf sie ihm vor, daß er allzu waghalsig reite. Die andern
hätten davon viel erzählt. »Du reitest wie einer, dem das Leben nicht
lieb ist.«
»Mir ist auch das Leben nicht lieb,« entgegnete er schnell. »Wenn du
wüßtest, Ewe ...«
»Ich habe dir's ja vorausgesagt,« unterbrach sie ihn. »Aber du hast nun
den großen Hof und bist Wirt, wie du gewollt hast -- das muß dir genug
sein. Wenn dich ein Unglück träfe -- der Urte wegen wäre mir's nicht
leid; aber ...«
»Aber --?«
»Ich weiß eine, die dich mehr betrauern würde als sie ... und die hat
wahrlich schon genug um dich geweint. Du sollst nicht um dein Leben
reiten.«
Er schlug mit der Hand in die Luft.
Dieser Verkehr gerade war's, was Urte am meisten peinigte; denn das
Mädchen war ihr verhaßt. Sie rief eines Tages die alte Gaidullene
zu sich herein, beschenkte sie mit Mehl und Flachs und sagte ihr:
»Passe auf, was da auf dem Hofe geschieht, wenn ich nicht dabei bin.
Es soll auch ferner dein Schade nicht sein.« Die Alte verstand recht
gut, was sie meinte, und versprach, die Augen offen zu haben. »Ja, ja
--,« knurrte sie, »mit einem jungen Mann hat man seine liebe Not, und
die Ewe ist eine wilde Katze, vor der man sich hüten muß. Sie sind
Nachbarskinder und haben einander immer gern gehabt.«
Eines Morgens nach einer sehr stürmischen Nacht, in der man jenseit
der Grenze viel schießen gehört hatte, kam Michel Endrullis auf
schweißbedecktem Pferde ins Dorf zurückgesprengt, jagte an seinem Hofe
vorbei und sprang erst vor dem des Purwins ab. Er klopfte heftig an die
Läden und rief: »Macht auf, es ist ein Unglück geschehen.« Ewe öffnete,
der alte Purwins lag krank im Bette und stöhnte. »Was gibt's,« fragte
er, »daß du solchen Lärm machst?« Endrullis sah ganz verstört aus,
von seiner Stirn tropfte Blut. »Heiliger Gott!« rief Ewe, »du bist
verwundet.« -- »Das hat wenig zu sagen,« antwortete er, immer die
Augen scheu abwendend, »aber deine Söhne, Adam ...« Der Alte richtete
sich hustend auf. »Was ist's mit denen? Ihr habt mit den Russen einen
Kampf gehabt!« -- »Ja, der Zug ist verraten -- sie haben uns im Gebüsch
an dem Bach, durch den wir reiten mußten, aufgelauert -- zwanzig und
mehr Mann. Wir bekamen gleich eine Salve, ehe wir sie noch bemerkten,
und zwei von den Unsern stürzten vom Pferde. Wir wollten zurück, aber
hinter uns war nun auch der Weg gesperrt. Wir sparten das Pulver nicht:
das nützte in der Dunkelheit und gegen die Übermacht wenig, eine ganze
Kompagnie muß auf dem Platze gewesen sein. Einige sprangen ab und
suchten sich zu Fuß durchzubringen. Der Ansas war gleich unter den
ersten gefallen, weil er voranritt --«
»Ansas -- gefallen!« schrieen Purwins und Ewe zugleich auf.
»Ich hörte die Russen sagen: der ist tot. Jurgis hielt das Pferd
auf und nahm's an den Zügel, um die Waren zu retten. Das war ihm
hinderlich, er konnte nicht so rasch fort, als er sollte. Ich ritt
dicht an ihn heran und rief ihm zu: laß los, wir wollen zusammen
durchbrechen! Er war eigensinnig. Da umringten uns die Reiter und
wollten uns gefangen nehmen. Wir kehrten unsere abgeschossenen Gewehre
um und schlugen mit den Kolben um uns. Sie aber schossen mit Pistolen.
Plötzlich schrie Jurgis auf, warf sich hintenüber und stürzte zu Boden.
Zwei von den Fußsoldaten hoben ihn auf und schleppten ihn fort -- ich
weiß nicht, ob er auch tot oder nur verwundet ist. Ich hatte etwas Luft
bekommen, warf den Fuchs herum und jagte davon.«
Über diese traurige Nachricht gab's nun ein Jammern und Wehklagen im
Hause und bald im ganzen Dorfe. Seit Jahren war kein solches Unglück
passiert. Und nun zwei Brüder! Ewe machte sich sogleich marschfertig
und ging über die Grenze, im Cordonhause nachzufragen, ob wenigstens
Jurgis noch lebe. Man hatte ihn nach einer kleinen Stadt gebracht, in
der sich ein Gefängnis und ein Hospital befand. Der Offizier dort hatte
Mitleid und führte sie an ein Bett, auf dem Jurgis, von zwei Kugeln in
die Brust getroffen, lag und mit dem Tode rang. Er starb wenige Stunden
nach ihrer Ankunft in ihren Armen. Man sagte ihr, daß sie ein Fuhrwerk
holen und die Leiche nach Preußen hinübernehmen dürfe. Ansas hatte man
liegen lassen, wo er gefallen war. Noch denselben Abend brachte Ewe auf
einem Leiterwagen die beiden Leichen über die Grenze und auf den Hof.
Die ganze Dorfschaft hatte sich versammelt und sang Klagelieder; nur
die Naujokene fehlte.
Adam Purwins, tief erschüttert von diesem Unglücksfall, überlebte
seine Söhne nur wenige Monate. Bald nach Weihnachten erlag er seiner
Krankheit.
[Illustration]
4.
So blieb nur Ewe auf dem Grundstück zurück. Ihre Schwester war
abgefunden; sie konnte sich als die alleinige Erbin betrachten. Nach
den unvermeidlichen Verhandlungen bei Gericht wurde sie als die
Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: der zweite große Hof in
Naujokat-Peter-Purwins gehörte ihr, das große Ausgedinge ihres Vaters
und der Erbteil des Jurgis wurden gelöscht -- sie war ganz unvermutet
eine wohlhabende und ganz selbständige Besitzerin geworden.
Michel Endrullis schlug sich vor den Kopf. Wer hätte das ahnen können!
Diese Veränderung der Dinge in einem Jahre! Er war so klug und hatte
so viel gelernt in Berlin und wußte so trefflich in der Welt Bescheid,
aber das war nicht zu berechnen gewesen. Nun hatte er die alte Frau
geheiratet und mußte zusehen, wie die hübsche Ewe irgend einen jungen
Burschen zum Manne nahm, der vielleicht nicht einmal beim Militär
gedient hatte, und ihm den Hof zubrachte. Er war fortwährend in
so ärgerlicher Stimmung, daß die Urte sich einmal über das andere
verwunderte. Sie konnte ihm nichts recht machen und hörte immer nur
unfreundliche Worte. Die gab sie dann mit Zinsen zurück, und so hatte
der Hader kein Ende.
Ewe schien übrigens auch jetzt gar keine Eile zu haben, aus ihrem
ledigen Stande zu treten. An Bewerbern hatte sie wahrlich keinen
Mangel. Alle jüngern Söhne in der Nachbarschaft herum bemühten sich
nicht wenig, ihr zu gefallen, und die Freiwerber stürmten das Haus.
Als erst Gras auf den Grabhügeln ihres Vaters und ihrer Brüder
gewachsen war, zeigte sie sich auch ganz so munter und frohgelaunt wie
früher, sang auf der Dorfstraße und ging zum Tanz; aber ein Jawort
war ihr nicht abzugewinnen. »Ich bin noch lange nicht so alt wie
die Naujokene,« sagte sie wohl, »und die hat noch einen jungen Mann
bekommen. Den Hof dazu hab' ich nun auch --;« oder ein andermal: »Ich
habe schon einen, dem ich gut bin, und auf den warte ich. Es dauert mir
nicht zu lange.«
Nur in einem Punkte hatte sie sich verändert: so lässig sie früher in
der Wirtschaft gewesen war und fünf gerade gehen ließ, so genau und
umsichtig wurde sie jetzt. Überall war sie hinter den Leuten her und
hielt streng auf Ordnung. Die schadhaften Dächer wurden ausgebessert,
die Wände weiß gekalkt, die Zäune ergänzt, die Wege und Stege von Gras
gereinigt. Die Urte Endrullis sollte ihr in nichts voraus sein; sie
wollte auch einen so hübschen Hof haben wie sie. Die alte Gaidullene
hatte gehofft, daß nun die guten Tage für sie kommen würden; aber das
war eitel Täuschung. So viel die Verschreibung besagte, so viel empfing
sie und nichts mehr. Wollte die Altsitzerin sich etwas herausnehmen,
gleich war sie hinterher und zeigte ihr die Wirtin. »Ich sehe wohl,«
sagte die Alte, »du bist deines Vaters Kind, und ich werde jetzt keinen
bessern Frieden haben als zuvor. Du gönnst dem Armen nur knapp sein
Stückchen Brot und bist nur immer auf deinen Vorteil bedacht. Aber
vergiß nicht, daß auch der Reiche gute Freunde brauchen kann, und daß
man in der Not bei denen nicht anklopfen soll, die man im Übermut
schlecht behandelt hat. Keiner weiß voraus, wer ihm einmal nützlich
sein kann, und schon manchem ist ein Bein gestellt, der sich fest auf
den Füßen glaubte. Ich drohe wahrlich nicht, aber was geschieht, das
geschieht oft auch ohne unser Gebot.« Ewe lachte dazu. »Die Leute
sollen nicht sagen,« antwortete sie, »daß ich zu jung und unerfahren
zur Wirtin bin. Willst du für mich arbeiten, so sollst du deinen Lohn
haben.«
Auf dem Felde war sie die Fleißigste. Wenn sie frühmorgens, das weiße
Kopftuch zierlich umgeknüpft und die lange Harke über der Schulter,
hinaus und am Hause des Endrullis vorüberging, sang sie mit lauter
Stimme und grüßte neckisch ins Fenster hinein. Michel stand da oft und
wartete auf ihr Vorüberkommen, oder er richtete es so ein, daß er eben
vor der Tür oder im Garten zu tun hatte. Die Äcker und Wiesen grenzten
auch an mehr als einer Stelle, und es konnte gar nicht ausbleiben, daß
sie bei der Arbeit einander nahe kamen und über den Rain hin Worte
wechselten oder in der Mittagshitze unter demselben Baume den Schatten
suchten. Urte sah scheel dazu und ließ es nicht an bissigen Bemerkungen
fehlen; aber Michel tat, als ob er sie nicht verstand, und Ewe hatte
eine noch spitzere Zunge als sie. Recht ihre Lust schien sie daran zu
haben, die Eifersucht der Frau zu stacheln.
Ganz anders benahm sie sich gegen Michel als zuvor, da sie noch ihres
Vaters Magd war. In diesem Kopfe gestalteten sich die Dinge nach
eigenem Gesetze. Sie hatte nun den großen Hof gerade so wie die Urte;
das änderte auch nach ihrer Schätzung die ganze Sachlage wesentlich.
Urte hatte jetzt nichts mehr vor ihr voraus; Michel verlor nichts, wenn
er sie aufgab. Warum sollte sie nicht nehmen, was ihr doch gehörte?
Weshalb sollte sie die verhaßte Gegnerin schonen? Gewissensbedenken
kamen ihr gar nicht -- jetzt nicht. In ihren Augen hatte Urte ihr
Recht verloren; es hatte ja nie einen andern Grund gehabt, als weil
sie die Wirtin war und Ewe eine Magd. Nun stand Wirtin gegen Wirtin;
das einzige Hindernis, das ihrer Liebe entgegentrat, hatte ein Zufall
beseitigt, der ihr eine himmlische Schickung schien. Sie konnte
glücklich sein -- und wollte glücklich sein.
Michel verstand Ewe; sie dachte ja zum Teil mit seinen Gedanken:
wenn sie ihn mit den grauen Blitzaugen ansah, lief's ihm heiß durch
die Adern, und reichte sie ihm zum Willkommen die Hand, so war's
ihm, als ob seine Finger sich gar nicht mehr lösen könnten. Weil ich
einmal einen dummen Streich gemacht habe, sagte er sich, soll ich
dafür mein Leben lang büßen? Er wartete nicht mehr auf ein zufälliges
Zusammentreffen, sondern ging abends fort -- ins Wirtshaus angeblich
oder auf die entfernte Weide am Bach, nach dem Vieh zu sehen -- und
umschlich den Hof und Garten, ob Ewe sich nicht blicken lassen würde.
Selten vergeblich.
Eines Tages war die alte Gaidullene bei Frau Urte zum Besuch. Sie
hatten sich wohl eine Stunde lang eingeschlossen, und dann wurde Kaffee
gekocht und Kuchen aufgetragen. Den Mägden blieb es nicht unbemerkt,
daß der Korb, den die Altsitzerin leer mitgebracht hatte, ihr schwer
am Arm hing, als sie sich entfernte. An demselben Abend gab es Lärm auf
dem Purwinsschen Hofe. Urte war ihrem Manne nachgeschlichen und hatte
sich hinter einem Holzstapel am Gartenzaune versteckt. Als sie nun in
der Jasminlaube leise sprechen und lachen hörte, sprang sie vor und
überraschte Michel und Ewe, wie sie zusammen auf der Bank saßen und
einander umarmt hielten. Mit einem Hagel von Scheltworten drang sie
auf das Mädchen ein und fiel sie mit den Nägeln an. »Eine schlechte
Person bist du,« rief sie zornig, »eine Verführerin! Treib's mit wem du
willst, aber meinen Mann locke nicht. Ich will dir das dreiste Gesicht
...« Michel trat zwischen beide und schob Urte zurück. »Mit mir hast
du's zu tun,« sagte er. Aber Ewe brauchte gar keinen Verteidiger.
»Wer hat ihn gelockt?« gab sie's der Frau zurück. »Du -- du -- du!
Ich brauchte ihn wohl zu locken? Sind wir nicht als Nachbarskinder
miteinander aufgewachsen? Sitzen wir heute zum erstenmal zusammen
in dieser Laube? Hat er mir nicht lange, bevor er dem König diente,
gesagt, daß er mir gut sei, und hinterher, daß er mich nicht vergessen
habe in Berlin? Wenn du ihn nicht herangelockt hättest, wär's noch beim
alten. Der Hof hat ihn geblendet. Aber jetzt hab' ich auch Haus und
Hof, und wenn ich nicht so reich bin wie du, so bin ich doch jung und
lustig und nehm's mit dir auf. Ist er dein Mann, so halte ihn fest;
wenn er aber zu mir kommt, so mag ich ihn nicht abweisen, und willst
du's durchaus unter die Leute bringen, so hab' ich wahrlich nichts
dagegen. Denn ich weiß wohl, wen sie auslachen werden. Und nun wag's
nicht noch einmal, dich so hinterlistig auf meinem Hofe betreffen zu
lassen. Sonst könnten die Hunde dich für eine Diebin halten und dir den
Rock zausen. Hier bin ich die Herrin!«
Urte kochte vor Wut. Sowie sie anfangen wollte, schnitt Ewe ihr wieder
das Wort ab. Michel fand's gar nicht so übel, daß die beiden Frauen um
ihn zankten, und hielt sich klug zurück. Endlich faßte Urte seinen Arm
und zog ihn mit sich fort. »Leb' wohl, Ewe,« sagte er zum Abschied.
»Ist's so weit gekommen, so mag's nun auch weiter gehen.«
Er hatte diesmal keine friedsame Nacht. Urte holte zu Hause nach, was
sie bei Ewe nicht hatte anbringen können, und wenn er meinte, es sei
nun genug und er könne sich auf die Seite legen, fing sie dieselbe
Litanei aus einem andern Register von neuem an. Und das war immer der
letzte Vers vom Liede: »Ich leid's nicht, Mikelis! Und wenn ich dich
noch einmal bei der Ewe finde und du auch nur ein freundliches Wort mit
ihr sprichst, so ist's aus zwischen uns. Das Grundstück gehört mir, und
du bist die letzte Zeit Wirt gewesen.« Er verhielt sich trotzig.
Am andern Tage hatte sie sich beruhigt und versuchte es nun auf andere
Weise, ihn zu sich zurückzuziehen. Sie hätte ihn doch ungern verloren
und redete sich's willig ein, daß er nur den kleinsten Teil der Schuld
trage und bald wieder zu Verstand kommen werde. Als er sich zum
Mittagsessen einfand, machte sie ihm freundliche Vorstellungen, die
auch nicht ohne Wirkungen zu bleiben schienen. Er hatte sich's schon
selbst überlegt, daß die Geschichte ein schlimmes Ende haben könnte und
seine Lage sehr unsicher geworden sei.
Nun faßte sie ihn von seiner schwachen Seite. »Du bist sonst ein so
vernünftiger Mann, Mikelis,« sagte sie schmeichelnd, »ein so kluger
Mann -- weit über deine Jahre klug und verständig. Hätt' ich dich sonst
geheiratet und hier zum Herrn eingesetzt? Nun bist du aber wie blind,
daß du nicht siehst, wie die Ewe, die schlaue Hexe, dich zum Narren
hält. Sie hat auf dich gerechnet und verzeiht dir's nicht, daß du von
ihr abgegangen bist und eine kluge Wahl getroffen hast. Deshalb hat
sie sich auch so bissig gegen mich gezeigt und mich mit höhnischen
Reden aufgezogen, wo sie nur konnte. Dich aber hat sie so lange in Ruhe
gelassen, als ihr Vater und ihre Brüder lebten; denn sie wußte wohl,
so dumm würdest du nicht sein und in ihr Netz gehen, wenn du Haus und
Hof zu verlieren hättest. Nun aber trumpft sie auf und meint, dich
überlisten und fangen zu können. Ich sage dir, sie ist eine boshafte
Hexe und hat dir's nicht verziehen. Unfrieden möchte sie zwischen uns
säen und uns auseinanderbringen -- ja wohl! Aber wenn ihr das gelungen
ist, wird sie dir ein anderes Gesicht zeigen. Sie hat's gerade nötig,
auf dich zu warten! Die Freier laufen sich nach ihr die Hacken ab.
Und, gib Acht! Wenn sie dich erst so weit hat, daß du nicht sicher
zurückkannst, schlägt sie dir auch dort die Türe zu. Dann stehst du
auf der Landstraße, und das ist die Rache der Listigen. So verdient's
auch der Dumme.« Michel horchte auf. Was Urte ihm da zu erwägen gab,
war nicht leichtsinnig von der Hand zu weisen! Es ging ihm schwer
genug im Kopf herum. Ewe war ihm freilich gut gewesen, und es hatte
den Anschein, sie sei's noch. Aber er hatte sie doch arg gekränkt und
zurückgesetzt. So eitel er war, fühlte er doch, daß er eigentlich gar
keinen Anspruch auf ihre fortdauernde Neigung hätte. Wenn sie handelte,
wie Urte argwöhnte, konnte er ihr's kaum übel nehmen. Und ein wenig
boshaft war sie wirklich. Er beschloß, sich nicht auf Gnade und Ungnade
in ihre Macht zu geben.
[Illustration]
5.
Einige Tage ließ er vorübergehen. Es war Erntezeit und auf dem Felde
viel zu tun. Ewe ging ihren gewöhnlichen Geschäften nach und schien
sich um ihn gar nicht zu bekümmern. Hatte Urte recht? oder geschah's
aus Schlauheit, weil sie aufpaßte? Wie hübsch sie war, wie flink, wie
munter bei der Arbeit! Mit den Leuten hatte sie immer etwas zu plaudern
und zu scherzen, da konnte es ihnen nicht schwer werden. Am liebsten
hätte er die Sense auf die Schulter nehmen und zu ihr übergehen mögen
-- »desertieren« nannte er's bei sich selbst. Aber was dann weiter?
Völlig blind machte ihn die Leidenschaft doch nicht. Im Gegenteil
meinte er, die Augen recht groß aufsperren zu müssen, daß er nicht in
eine Falle gehe. Er hatte immer allerhand Praktiken im Kopfe, und wenn
das Herz noch so laut sprach. Eines Abends, als Ewe im Graben am Wege
unter einem Weidenbaum ausruhte, wußte er's so einzurichten, daß er
nach seinem andern Roggenstück vorbeigehen mußte. »Ewe,« sagte er, »es
kann so nicht bleiben. Darf ich morgen in der Frühe zu dir kommen? Ich
habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.«
Sie wendete den Kopf ein wenig zurück, nur so viel, daß sie einen
raschen Blick über ihn hinstreifen lassen konnte. »Ich locke dich
nicht,« entgegnete sie. »Wenn's aber dein ernstlicher Wille ist, so
tu', was du mußt. Wie ich gesinnt bin, weißt du.«
»Doch nicht so ganz. Darum muß ich dich geheim sprechen. Schicke deine
Leute voraus auf's Feld. Ich werde früh fortreiten, den Fuchs im
Wäldchen lassen und den Bach entlang hinter den Erlen zurückgehen. Dann
durch deinen Roßgarten. Schließe die kleine Hintertür am Stall nicht.
Soll's so sein?«
Sie besann sich eine kurze Weile. »Das ist aber die letzte
Heimlichkeit, Mikelis,« sagte sie. »Wenn du nicht den Mut hast,
geradeaus deinem Herzen zu folgen, so bleibe lieber fort. Einen Schatz,
der's nicht ehrlich meint, finde ich alle Tage.«
»Ich mein's ehrlich, Ewe,« versicherte er, »aber ich muß Gewißheit
haben, daß auch du's ehrlich meinst.«
Statt zu antworten, lachte sie hell auf. Er konnte das nehmen, wie er
wollte.
Am andern Morgen geschah's, wie verabredet. Ewe erwartete ihn im Stall.
»Die Gaidullene ist zu Hause,« bemerkte sie, »und dem alten Weibe ist
nicht zu trauen. Meinetwegen freilich mag sie erzählen, was sie will.
Aber wenn du Bedenken hast ...«
»Ewe,« sagte er, »ich bedenke nur, was jeder andere an meiner Stelle
auch bedenken müßte, wenn er bei Verstande ist. Wär's nur so zum
Pfarrer zu gehen und sich trauen zu lassen! Aber bis dahin ist für uns
beide leider noch ein weiter Weg.«