~Wichert, Ernst~: Ewe 7-123
~Sohnrey, Heinrich~: Lorenheinrich 125-144
~Polenz, Wilhelm von~: Zittelgusts Anna 145-178
~Greinz, Rudolf~: Simerls guter Tag 179-199
Jeder Erzählung geht eine kurze Einleitung über Leben und Bedeutung
des Verfassers voraus.
[Illustration]
Vorbemerkungen zum zweiten Bande.
Die Novelle »Ewe« von Ernst Wichert ist mit freundlicher Erlaubnis des
Verfassers und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus Ernst Wicherts
Gesammelten Werken Band 16 (Littauische Geschichten) (Dresden --
Leipzig: Carl Reißner, 2. Auflage 1900).
»Lorenheinrich« von Heinrich Sohnrey ist von dem Verfasser und der
Verlagsbuchhandlung gütigst zur Verfügung gestellt aus »Im grünen Klee
-- im weißen Schnee« (Berlin: Martin Warneck, 1. bis 5. Tausend 1903).
Der Abdruck von Wilhelm von Polenz' »Zittelgusts Anna« erfolgte
mit freundlicher Einwilligung der Erben des Verfassers und der
Verlagsbuchhandlung aus »Luginsland« (Berlin: F. Fontane & Co., 2.
Auflage 1901).
»Simerls guter Tag« ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers und
der Verlagsbuchhandlung entnommen aus Rudolf Greinz' Tiroler
Geschichtenband »Über Berg und Tal« (Stuttgart -- Leipzig: Deutsche
Verlags-Anstalt, 1899).
[Illustration]
Ernst Wichert:
Ewe.
[Illustration]
~Ernst Wichert~ wurde am 11. März 1831 in Insterburg in Ostpreußen
als Sohn eines Justizbeamten geboren. Er verlebte den größten Teil
seiner Jugend in Königsberg, wohin der Vater versetzt wurde; dort
erhielt der Knabe seinen ersten Unterricht, dort besuchte er das
Gymnasium und später die Universität, dort brachte er auch den größten
Teil seines Lebens als Richter zu. Nur vorübergehend war er in Memel
und in dem littauischen Marktflecken Prokuls tätig, und erst 1888
siedelte er als Kammergerichtsrat nach Berlin über, wo er am 21. Januar
1902 starb.
Die dichterische Tätigkeit Wicherts umfaßte Roman und Novelle,
Lustspiel und Drama. Die Lustspiele »~Ein Schritt vom Wege~« und
»~Der Narr des Glücks~« sind über viele deutsche Bühnen gegangen.
Seine Stärke liegt aber zweifellos in der Schilderung heimatlicher
Verhältnisse der Gegenwart oder Vergangenheit in Novelle und Roman;
hier entwickelt er eine besondere Kraft der Anschaulichkeit, der
psychologischen Vertiefung, des kulturgeschichtlichen und sozialen
Verständnisses. Schildert er in dem dreibändigen Roman »~Heinrich
von Plauen~« den beginnenden Verfall des deutschen Ordens zu
Anfang des 15. Jahrhunderts -- oder in »~Tilemann vom Wege~« den
Verzweiflungskampf des Ordens gegen die Städte des Weichsellandes --
oder in dem großangelegten, wieder dreibändigen Roman »~Der große
Kurfürst in Preußen~« die schmerzvollen Umbildungen seiner Heimat
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts -- immer stellt er uns ein
lebendiges und meisterhaft ausgeführtes Bild jener Zeiten und ihrer
Menschen vor Augen.
Unter seinen Novellen sind fraglos die »~Littauischen
Geschichten~« die bedeutendsten. Wichert hatte in den Jahren
1860-63 als Richter in dem Marktflecken Prokuls reiche Gelegenheit,
die Eigentümlichkeiten des littauischen Stammvolks kennen zu
lernen. Die romantischen Verhältnisse, das Urwüchsige dieses vor
den Deutschen immer mehr verschwindenden Volkes zogen ihn an, der
Mangel an Rechtsbewußtsein, die Häufigkeit von Scheinverträgen und
Zeugenbestechungen, Meineiden und Giftmorden beschäftigten lebhaft
sein Interesse. So schrieb er aus der genauen Kenntnis dieses zu
Grunde gehenden Volkstums Dorfgeschichten von einer psychologischen
Gewalt und Stärke, daß sie uns bis ins Innerste ergreifen; und das
trotz der größten äußeren Schlichtheit -- denn Wichert erzählt, als
ob er ein Protokoll für das Gericht schriebe. ~So~ sind uns die
Menschen einfacher Verhältnisse selten näher gebracht worden, und wenn
in diesen kraftvollen Gemälden noch etwas besonders unsere Teilnahme
fesselt, so ist es -- wie in der monumentalen Erzählung »~Ewe~«
-- die Charakterstärke, der Opfermut, die Treue, die Tatkraft seiner
Frauengestalten.
Hamburg.
Dr. ~Ernst Schultze~.
[Illustration]
Ewe.
1.
Das littauische Grenzdorf Naujokat-Peter-Purwins besteht von alters
her aus zwei großen und vier kleineren Höfen, die Eigenkathen
nicht gerechnet, die auf abgezweigtem Weidelande erbaut sind. Seit
unvordenklichen Zeiten saß auf dem hintersten von den beiden großen
Höfen die Familie Naujoks, auf dem vordern die Familie Purwins, und von
ihnen hatte unzweifelhaft das Dorf den Namen angenommen. Der Zusatz
»Peter« war einmal zur Unterscheidung eingeschoben, als auch einer
der kleinern Höfe durch Kauf oder Heirat in den Besitz eines Naujoks
oder Purwins gekommen war. Übrigens bestand, soweit sich die ältesten
Leute erinnern konnten, Feindschaft zwischen den Besitzern der beiden
großen Höfe, die gar keinen andern Grund hatte, als daß jede der beiden
Familien wegen ihres Besitzes als erste und angesehenste betrachtet
werden wollte. Kam es auch selten zu offenem Streit, so fehlte doch nie
die Gelegenheit zu eifersüchtigem Übelwollen, und hielt man sich in
Worten zurück, so gönnte man einander doch nichts Gutes.
Jetzt war Eigentümerin jenes Hofes die Urte Naujokene, Witwe des
vor etwa zwei Jahren verstorbenen Wirts Martin Naujoks, eine Frau
in den Vierzigern. Sie hatte keine Kinder, und die Kinder ihres
Mannes aus dessen erster Ehe waren sämtlich abgefunden und auswärts
angesessen oder im Dienst. War auch infolgedessen das Grundstück nicht
schuldenfrei, so galt die Naujokene doch für eine »reiche« Frau, und
man fand es ganz in der Ordnung, daß sie trotz ihres vorgeschrittenen
Alters viel umworben wurde. Heiratete sie nicht einen Naujoks, so war
freilich die alte Beziehung zwischen dem Hofe und der Familie auch
äußerlich aufgehoben. Daraus hätte sie sich aber nichts gemacht, wäre
ihr nur der Freier genehm gewesen.
Der vordere Hof war noch im Besitz der Purwins, und es hatte nicht
den Anschein, als ob sie da so bald aussterben sollten. Der alte Adam
Purwins kränkelte zwar, seit er einmal nach dem Verkauf von Flachs
betrunken aus der Stadt gekommen, aus dem Schlitten gefallen und die
Nacht über im nassen Schnee liegen geblieben war, wollte doch aber das
Grundstück noch nicht abgeben und ein Ausgedinge nehmen. Seine beiden
Söhne Ansas und Jurgis waren zu Hause und halfen als Knechte in der
Wirtschaft, auch die jüngste Tochter Ewe diente beim Vater. Eine ältere
Tochter war in der Gegend von Kinten verheiratet und gut versorgt. Die
Frau lebte schon lange nicht mehr.
Das war einer von den Gründen, weshalb die Wirtschaft schon seit Jahren
eher zurück als vorwärts ging. Die Hausfrau fehlte, und Ewe konnte das
Mannsvolk nicht in Ordnung halten. Sie war auch selbst von leichter
Art und so ohne Aufsicht der Mutter aufgewachsen, leidenschaftlich und
nicht daran gewöhnt, sich Beschränkungen ihres Willens aufzulegen.
Lieber ging sie abends mit den andern Mädchen singend auf der
Dorfstraße hin und her, als daß sie zu Hause nach dem Rechten sah,
und zur Winterszeit in der Spinnstube wußte sie zwar die schönsten
Geschichten zu erzählen und ausgelassene Scherze zu treiben, kam aber
mit der Arbeit schlecht vorwärts. Die Magd tat im Stall und in der
Klete[1], was sie wollte, und die alte Gaidullene, die Wohnungsrecht
und ein kleines Ausgedinge hatte, nahm sich, was ihr gefiel. So sah
man's denn schon dem Strohdach und den Lattenzäunen an, daß die Purwins
zurückkamen. Es war auch bekannt, daß Ansas und Jurgis viel mit den
Juden verkehrten, welche Waren über die Grenze schmuggelten, auch
selbst ritten. Ewe war schon zwanzig Jahre alt geworden, und es hatte
sich noch kein Mann für sie gefunden. Irgend ein Habenichts konnte da
freilich nicht werben. Übrigens behandelte sie die jungen Burschen
übermütig genug, als ob's ihr gar nicht darauf ankäme, so bald die
langen, blonden Zöpfe unter das Kopftuch zu stecken. Neckte man sie,
so sagte sie wohl lachend: »Ich hab' schon meinen Schatz in Gedanken,
und der wird mein Mann, oder keiner.« Manchmal fügte sie auch das
Reimsprüchlein bei: »Er hat ein Pferd, ich hab' 'ne Kuh; was sonst noch
fehlt, gibt Gott dazu.« Niemand nahm's für Ernst.
Mit der Naujokene stand sie nicht auf gutem Fuß. Das ergab sich
eigentlich schon von selbst aus der alten Rivalität der Höfe; aber
auch sonst hätten sie schlecht miteinander gestimmt. Die Naujokene
gehörte zur Sekte der »Frommen«, zeigte ein strenges Wesen und sah
meist verdrießlich aus. Ewe meinte, sie schneide dem lieben Gott ein
Gesicht, weil er sie täglich älter statt jünger werden lasse, und sie
gehe nur so oft in die »Versammlungen«, um sich den geduldigsten Mann
auszusuchen. Die Witwe dagegen schalt sie ein leichtsinniges Ding
und gab zu verstehen, daß man sich nicht wundern solle, wenn bei den
Purwins »etwas passiere«. Sie sprachen beide laut genug, daß man's über
die Dorfstraße hören konnte.
Eines Tages, Anfang September, stand Ewe im Garten hinter der Klete und
schlug mit einer Bohnenstange die kleinen, rotbäckigen Äpfel vom Baum,
die sich mit der Hand nicht erreichen ließen. Den blauen Rock hatte sie
vorn faltig aufgenommen und unter das bunte Band gesteckt, mit dem die
Weste unter der Brust geschnürt war, und so hing er wie eine Tasche,
in die sie nun die Äpfel sammelte, um sie dann in den Flechtkorb von
Weidenruten auszuschütten. Sie schlug mitunter in der Ungeduld so
kräftig zu, daß ein ganzer Ast abbrach; aber das kümmerte sie wenig:
der liebe Gott mochte einen andern wachsen lassen.
Schon mehrmals war hinter dem Vorratshause her ein häßliches, altes
Weib bis dicht an den Lattenzaun getreten, um in den Garten zu spähen.
Das schwarze Kopftuch ließ vom Gesicht nicht viel mehr erkennen als
die kleinen, stechenden Augen, die Habichtsnase und den breiten,
zahnlosen Mund. Nun klopfte die Alte mit der knöchernen Hand gegen
das Querbrett und rief hinüber: »Hole nur nicht im Eifer aus mit der
Stange, Töchterchen. Dort steht mein Apfelbaum, wie du weißt, und ich
will nicht, daß die Früchte ins Gras fallen, bevor sie reif sind. Was
da am Boden liegt, sammelt doch der auf, der es findet.«
»Sorge nicht, Gaidullene,« antwortete das Mädchen, »ich schlage nur
nach dem, was mir gehört, und ich habe genug Äpfel für den Sommer und
Winter. Was von deinem Baum abfällt, ist wurmstichig, und meinetwegen
mag es im Grase verfaulen, ich bücke mich nicht danach. Tut's ein
anderer, so passe ihm auf. Ich habe freilich sagen hören, daß die
Gaidullene sich gerade den Baum mit den süßesten Äpfeln zu ihrem
Ausgedinge ausgesucht hat.«
»Wer die Wahl hat, nimmt sich das beste Stück,« sagte die Alte, »und
die Verschreibung ist in allem andern nicht zu meinem Vorteil, das hab'
ich alle Tage erfahren. Dein Großvater hat mich überlistet, als ich ihm
vor dreißig Jahren mein Käthnergrundstück nebenan abtrat. Ich hätte
lieber mit dem Peter Naujoks verhandeln sollen, dem's auch paßte. Wir
haben zu viel Branntwein getrunken, bevor wir aufs Gericht gingen, und
da war er sehr freigiebig. Hinterher aber hat er mich gezwackt, wie er
konnte. Dein Vater hat's nicht besser gemacht und sich einmal im Prozeß
sogar zwei Scheffel Korn abgeschworen. Dafür wird der Teufel seine
Seele greifen. Ich muß auf das Meinige sehen, sonst bleibt mir nur
gerade genug zum Verhungern.«
Ewe lachte, daß die weißen Zähne in der Sonne glänzten. »Kommst du
wieder auf die alten Geschichten!« rief sie. »Ich denke, du hast nicht
zu klagen; denn ich passe dir wenig auf. Deine eiserne Kuh gibt so
viel Milch, daß sich die Leute wundern, und dein Getreide hat so gut
gereicht, daß du neulich noch einen Sack an den Abroms verkaufen
konntest. Es geschah des Abends spät über den Zaun, und ich kann nicht
dafür, daß ich's zufällig gesehen habe.«
Der Alten zitterte das Kinn vor Ärger. »Du liebst spitze Reden,
Töchterchen,« knurrte sie, »das wird dir dein Mann abgewöhnen müssen.
Aber Gott weiß, daß du mir unrecht tust. Meine Kuh gibt gute Milch,
weil ich nicht träge bin, den Pflock täglich dreimal auszuziehen und
an anderer Stelle einzuklopfen; das Getreide war ehrlich erspart, und
wenn ich auf meinen Apfelbaum aufpasse, so weiß ich wohl, wer lieber
süße Apfel als saure ißt. Damit will ich sonst nichts gesagt haben,
Töchterchen.«
Sie zog sich hinter die Ecke der Klete zurück. Ewe zuckte die Achseln
und setzte trotzig den Mund auf. Die Hand wie ein Dach gegen die
Sonne vor die Stirn haltend, lugte sie zum Wipfel auf und setzte die
Stange in Bewegung. Dabei schwenkte sie dieselbe nun wirklich so weit
rückwärts, daß der Nachbarbaum getroffen werden mußte, und es rasselten
denn auch von dort durch das Laub ein paar Apfel ins Gras. Sie lachte
dazu.
Indessen hatte sich auf der Dorfstraße mit ziemlich müden Schritten ein
junger Mann genähert. Er trug die blaue, mit vielen kleinen Knöpfen
besetzte Tuchjacke der Littauer, ein Beinkleid von weißer Leinwand und
eine Soldatenmütze mit Schirm. Seine Stiefel waren bestäubt; an dem
Stock, den er über die Schulter gelegt hatte, hing ein Bündel. Er war
groß und schlank gewachsen; das kleine Bärtchen über der Oberlippe gab
ihm ein keckes Aussehen, und trotz der Müdigkeit hielt er sich gerade.
Die kurze Pfeife aber brannte nicht mehr und pendelte mit der Hand, die
sie hielt, beim Gehen.
Jetzt, dem Strauchzaun gegenüber, warf er einen Blick in den Garten
hinein und stand still. Er beobachtete eine Weile das geschäftige
Mädchen, und das Gesicht wurde freundlicher. Dann machte er eine halbe
Wendung und trat einige Schritte näher. Eben bückte Ewe sich, um ihre
Ernte in den Rock zu sammeln. Sie wurde aufmerksam, richtete sich
sogleich wieder auf und ließ den Apfel fallen, den sie gefaßt hatte.
»Mikelis,« rief sie, offenbar freudig überrascht, »bist du's denn
wirklich?«
Der so Angeredete sprang über den flachen Graben, stützte sich auf der
Kante vor dem Strauchzaun gegen den Stumpf einer Weide und nickte dem
Mädchen zu. »Grüß Gott, Ewe,« sagte er; »es ist hübsch, daß du mich
nicht vergessen hast.«
Sie wurde rot im Gesicht und nestelte den Haken des Mieders zu, der
sich über der vollen Brust bei der Arbeit gelöst hatte. »Nun, so lange
bist du doch noch nicht fort,« entgegnete sie und trat dabei näher.
Sie streckte den Arm mit dem weiten, weißen, am Queder rot und blau
gestickten Ärmel über den Zaun und schüttelte ihm die Hand. »Bist du
nun ganz frei?«
»Meine drei Jahre sind um,« antwortete er. »Eigentlich fehlt noch ein
Monat, aber einige von der Kompagnie sind früher entlassen, da sie sich
gut geführt haben. Da komm' ich nun nach Hause und treffe zuerst dich
-- das ist ein gutes Zeichen.«
»Geb's Gott,« sagte sie lachend, »ich gönne dir gern alles Gute. Warum
bist du denn nicht ein einziges Mal auf Urlaub gekommen, Mikelis?«
»Von Berlin war's zu weit, und ich hatte auch nicht so viel Geld. Und
dann ... ich wußte auch nicht einmal, ob ich meinem Schwager, dem Adam
Grillus, recht käme! Nach dem ersten Jahre mußte ich ihm schreiben, daß
ich mein Erbteil von hundert Talern in zwei Raten heraushaben wollte,
und darüber ist erseht ärgerlich gewesen, weil er das Geld in der Stadt
zu hohen Zinsen aufnehmen mußte. Ich konnt' ihm aber nicht helfen.«
»So hast du dein Erbteil verbraucht, Mikelis?«
»Bis auf den letzten Groschen. Bei der Garde in Berlin ist mit dem
Traktament nicht auszureichen, und wenn man sich nicht lumpen lassen
will, muß man von dem Seinigen zulegen und zu rechter Zeit einen
blanken Taler auf den Tisch werfen. Es geht da flott her bei der
Garde.«
»Wie wird's dir nun bei uns gefallen?« fragte sie, die Augen senkend.
»Hoffentlich gut!« versicherte er. »Ich hätte wohl in Berlin bleiben
können; mein Major bot mir einen guten Dienst an. Aber es zog mich
zurück in die Heimat, wo ich doch werde schwer arbeiten müssen. Einen
Tag und eine Nacht bin ich auf der Eisenbahn gefahren und dann noch
einen halben Tag; darauf bin ich ein paar Stunden zu Fuß unterwegs --
es ist nicht viel anders als zwischen gestern und heut. Aber wie ich
nur auf littauischen Boden trat, war mir's gleich, als hätt' ich alles
Fremde vergessen, das ich in drei Jahren angelernt, und könnte kein
Wort deutsch mehr sprechen. Als was ich geboren bin, als das will ich
auch sterben.«
Ewe lachte. »So sagt ihr alle, wenn ihr zurückkommt; späterhin aber
zeigt sich's doch bald, daß ihr nicht mehr mit ganzem Herzen bei uns
seid. Die Feldarbeit wird euch zu schwer, und ihr spielt lieber im
Wirtshause die Herren.«
Er seufzte. »Wenn ich's nur mit dem Meinigen zu tun hätte, Ewe! Da
wollt' ich gern arbeiten und mich keine Mühe verdrießen lassen. Aber
das väterliche Grundstück hat nun die Schwester, weil ihr Mann
Geld mitbrachte und das Notwendigste auszahlen konnte. Wir andern
Geschwister mögen sehen, wie wir in der Welt durchkommen. Wenn aber
einer nicht der Wirt ist, so ist er der Knecht, und vom Knechtslohn
läßt sich schwer sparen. Man muß sehen, ob man beim Reiten über die
Grenze Glück hat. Da ist bald ein gut Stück Geld verdient, und nach ein
paar Jahren reicht's vielleicht aus, etwas zu kaufen, wenn auch nichts
Großes. Der Wirt zu werden, darauf kommt's an.«
»Du hättest dein Erbteil doch nicht verbrauchen sollen, Mikelis.«
»Es ging nicht anders. Ich hab's gar nicht in der Art, zu verschwenden
oder durchzubringen, und wenn ich nicht sparsam gewesen wäre, hätt's
nicht einmal so weit gereicht. Ich hab's aber klug genug angefangen,
daß die hundert Taler sich verdoppelten. Die Kameraden waren immer bald
mit ihrem Gelde fertig, und dann liehen sie von mir bis zum nächsten
Zahltag gegen Zinsen, so viel ich auch forderte. Ich hab' auch gelernt,
wie man ein Papier schreibt, das sie Wechsel nennen. Darauf muß sofort
gezahlt werden, was geschrieben steht, und es geht keinen was an,
weshalb so oder so viel geschrieben ist. Unter den Leuten wird man
klug. Hätt' ich noch einmal die hundert Taler, ich wollt' sie wohl auch
hier zu brauchen verstehen.« Das sagte er recht wohlgefällig, und die
Augen blitzten dazu listig.
Ewe zapfte an ihren Westenbändern und blinzelte von unten auf. »Du mußt
dich reich einheiraten,« sagte sie forschend.
»Das kann kommen,« meinte er, den Kopf aufwerfend. »Wir kennen einander
gut genug und haben uns schon als Kinder versprochen -- willst du mich
jetzt haben?«
Sie schlug ihm mit der Hand auf den Arm und zeigte lachend die weißen
Zähne. »Du wärst mir schon recht,« antwortete sie, »aber ich bin nicht
reich.«
»Nun -- dein Vater hat den großen Hof.«
»Aber es sind Schulden darauf, und die Brüder werden mir nicht viel
lassen. Ich bin das jüngste Kind. Nimmt der Vater ein Ausgedinge, so
bleibt vom Kaufgeld nicht viel übrig, und heiratet er noch einmal, so
kann ich als Magd dienen gehen.«
»Er wird doch nicht!«
»Wer weiß? Er klagt oft, daß wir's ihm in der Krankheit nicht recht
machen. Eine Frau, meint er, hat eine weichere Hand.«
»Mancher hat auch schon Schläge bekommen.«
»So oder so -- zum Wirt kann ich dich nicht machen.«
Er rückte die Mütze von der Stirn zurück und zog die Achseln auf.
»Es ist schade, Ewe -- wir hätten ein gutes Paar abgegeben. Eh' ich
wegging, dacht' ich bestimmt ... und auch in Berlin ...«
Sie wurde blutrot im Gesicht. »Sprich nicht dummes Zeug,« sagte sie,
doch gar nicht ärgerlich. »Gespaßt ist genug. Das hast du wohl auch
draußen gelernt, wie man so dreist mit den Mädchen spricht.«
»Es ist schade,« wiederholte er und rückte das Bündel auf seiner
Schulter zurecht.
Ewe faßte in ihren Rock und brachte eine Hand voll Äpfel vor. »Willst
du?« fragte sie.
»Gib, ich bin hungrig und ich weiß nicht, ob mein Schwager mich zu
Tisch ladet.« Er steckte die Äpfel in seine Tasche und biß in den
letzten sogleich hinein. »Wir sehen uns nun öfter,« sagte er, »und
wollen gute Nachbarschaft halten wie früher.« Damit grüßte er und ging.
[Illustration]
2.
Michel Endrullis hatte es nicht weit bis zu seines Schwagers Hof.
Grillus empfing ihn nicht so ganz unfreundlich, als er erwartet
hatte. »Ich wußte ja,« meinte er, »daß deine Zeit bald um sein müßte.
Festlegen kannst du dich nicht bei mir, aber es ist gerade in der
Wirtschaft viel zu tun, und Arbeiter sind schwer zu haben. Wenn meine
Frau damit zufrieden ist, magst du für's erste bleiben, und ich will
dir Lohn geben, soviel andere bekommen.«
»So mag's gehen,« antwortete Michel Endrullis. »Aber daß es nachher
nicht Streit gibt -- du weißt doch, daß ich mit meinem Erbteil noch
nicht ganz abgefunden bin?«
»Was --? Die hundert Taler hast du bekommen.«
»Ja. Aber in der Verschreibung steht: hundert Taler und ein Pferd.«