Ihre

Henriette P. g. Wach.

10.

Berlin, den 12. Dezember 1837.

Theure, liebe Frau Gräfin!

Seit dem 14. November bin ich hier und blicke noch immer so blöde und

verzagt in die bunte, laute Welt jenseits meines Asyls -- daß -- schlössen

mich nicht die wohnlichen Räume meines grünen Thurms ein, ich nie aus einem

tiefen Bangen und Fürchten herauskommen würde. Die Reise war von mancher

Seite her unsicher und bedroht, ich reiste ab mit so wenig Kräften, so halb

nur von der heftigen Krankheit genesen. -- Die Wege waren so schlecht,

die Nachtquartiere so winterlich verstört, und nur ein vortrefflicher

Reisewagen, wie ein Zimmer warm und hell, gab eine Ausgleichung so vieler

Uebelstände.

Ich habe die erste Zeit in einer Betäubung und Abspannung zugebracht, die

sich erst langsam verliert, und mich so gefühllos und kalt den Eindrücken,

die ich seit lange fürchtete wieder zu empfinden, gegenüberstellte, daß

ihre Erscheinung mir bekannt geworden war, ehe ich sie wieder erkannte.

Die große Güte, womit meine Freunde mich empfangen haben, hatte vorzüglich

diese Wahrheit, meinen Zustand wirklich zu berücksichtigen. Sie kamen alle

zu mir, jeden Gegenbesuch ablehnend, und vorher anfragend, so daß ich nicht

die Ermüdung und Abspannung, sondern bloß die Dankbarkeit für so viel

Liebe empfunden habe. _Hedemann's_ und _Bülow's_, dies letzte Andenken der

herrlichen Humboldt's, sind nie die letzten in treuer Anhänglichkeit -- sie

sind mir an sich werth, und außerdem wie ein Vermächtniß! -- Wie mancher

Frage hatten wir Rede zu stehn, nachdem die Leuchtkugel über Köln

gestiegen, und die Wege erhellt waren, die das Böse in der alten, seit

Jahrhunderten wohlbekannten Maske unter Tonsur und Mitra wohlgehegt,

schlich -- die schnelle, energische Procedur soll Wege aufgedeckt haben,

auf denen sich Viele mit gelindem Entsetzen betroffen finden werden, gewiß

ist es, daß diesmal die Hambacher sich im Beichtstuhl versammelten, und

zwar Hochverräther, die nach Wien und Paris die Hände ausstreckten, und

in Belgien den Succurs fertig wußten. Was mögen bei Ihnen Alt- und

_Neu_katholiken sagen -- ich denke die neuen werden besonders das düstere,

gesenkte Haupt mit Asche bestreuen, um Verzeihung zu erhalten für den

verpönten Namen eines Altpreußen!

Jetzt glaubt man mit der liebenswürdigsten Confusion über Art und Zeit,

womit sich die Leute ihre gelegentlichen Einfälle bequem machen -- in

»Godwie-Castle«, da habe der Verfasser so recht die Dinge beleuchten

wollen, und alles sei bloß darum so und nicht anders, jener Confession in

eingehender Form eine Fehde zu machen -- gelegentlich sagt der Unschuldige

wohl, es sei 1835 schon fertig gewesen, nie zum Druck bestimmt, aber oft

schweigt er auch, denn wenn die Leute eingefahren sind, muß man sie

nicht stören. Sie aber wissen, was ich immer von der schönen, malerisch

romantischen Trümmer dieser Kirche gedacht habe, und werden gewiß nichts

in den durchgeführten Ansichten finden, was nicht unsere früheren Gespräche

enthielten.

*** sehe ich oft -- sie ist gänzlich wieder eingebürgert. Ihr heiteres

Gesicht, ihre bequeme Weise, macht sie überall zum willkommenen Gast! Ihre

kleinen Thorheiten schaden keinem andern, gelegentlich ihr selbst, das

haben die Leute gern, und sie lachen dann so _mit_ ihr, als _über_ sie, was

sie nicht zu unterscheiden versteht, und die Confusion vermehrt, in der

sie mit Jugend, Schönheit, Geist und Talent dahin schwebet, sich gegen

jede Enttäuschung sichernd, durch unschuldige Liebkosungen! Wir haben viel

Erinnerungen gemeinschaftlich; ihr Gatte hielt diesen Schmetterling immer

zwischen Gaze, da hatte sie mehr Puder behalten!

Auf diesem Blättchen nun schenke ich Ihnen und Immermann mit klopfendem

Herzen, aber zugleich mit der zärtlichsten, treuesten Anhänglichkeit

für Sie beide das beifolgende Buch! Lieber Immermann, wenden Sie Ihr

vortreffliches Herz nicht unlustig von mir ab, weil ich das eine Buch habe

schreiben müssen! Ich bin darum bei Gott keine Schriftstellerin, die Ihnen

gewiß so gründlich zuwider sind, als mir selbst, denken Sie nachher so

milde und gütig von mir als vorher, ich verdiene es heute noch, wenn Sie es

früher dafür hielten, denn obwohl ich das eine nicht läugnen kann, würde

es Sie doch rühren, wenn Sie hörten, wie ich es habe schreiben müssen,

als hätte mich einer am Kragen, und daß nur die dumme Vorstellung des

Geheimbleibens mich über das Hervortreten getäuscht, und es zugelassen hat

-- auch würden Sie keine andern bösen Symptome entdecken, weder schwarze

Finger, noch ungekämmtes Haar, mein Bruder ißt weder angebrannte Suppe,

noch greift er durch die Löcher hindurch -- und Sie, geliebte Freundin,

Sie, eine Frau in der schönsten Bedeutung, Sie vertreten mich, denn ich

weiß, Sie halten Glauben an mich -- wie ich an Sie, und beide nehmen die

Gabe hin, freundlich wie sie gemeint ist! Ihnen beiden treu ergeben

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 44 / 49 题