Ihre

Henriette.

8.

Köln, den 13. September 1837.

Liebe, theure Frau Gräfin!

Ihr holdseliges Briefchen erreichte mich später, da ich nicht in Köln

anwesend, sondern auf der Kitschburg bei Frau Schaafhausen vier Wochen

wohnte. Fast hätte ich die Beantwortung verzögert, bis ich selbst eine

wichtige Antwort aus Berlin erhalten und jedenfalls hätte ich Ihnen dann,

was ich jetzt nicht kann, über meine nächste Zukunft etwas Sicheres sagen

können, aber ich sehnte mich danach, Ihre lieben Zeilen zu beantworten, und

sende Ihnen die Entscheidung, die ich erwarte, später nach. Unser

früherer Plan war nämlich, wenn mein Bruder hierher kömmt, im Oktober

nach Düsseldorf zu kommen, dort von allen Lieben Abschied zu nehmen; der

Ausbruch der Cholera in Berlin, der mir lange ganz verheimlicht ward, hat

aber, nachdem ich ihn erfahren, meine Abneigung und Furcht vor Berlin so

gänzlich überwunden, daß ich meinen Bruder dringend gebeten habe, mich

zurück zu berufen, und ich seine Einwilligung oder die Freistellung meines

Willens nur abwarte, um sogleich mit meiner Jungfer dahin abzureisen. In

diesem Fall würde ich auf das Wiedersehn meiner lieben Düsseldorfer

Freunde verzichten müssen und mir so ihren Segen ausbitten! Wie sehr ich es

entbehren müßte, Sie nicht wiederzusehn, da ich Sie nur einmal sah -- das

brauche ich Ihnen nicht zu sagen, denn warum sollten Sie noch an meiner

treuen und innigen Liebe zweifeln! Und doch scheint mir das Opfer, daß Sie

hierher kommen wollen, so groß, daß, wenn ich nicht dächte, Sie hätten noch

ein anderes Interesse, was Sie dazu nöthigt, ich ganz beschämt davon sein

würde.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist meines Bruders Antwort eingetroffen!

Er verbittet meine Rückkehr ganz bestimmt und kündigt seine Hierherkunft

auf Anfang Oktober an. Wir kommen dann entweder nach Düsseldorf, oder wir

treten unsere Rückreise über Düsseldorf an. Sehn werde ich Sie also gewiß,

meine liebe Freundin, denn wenn Sie in anderem Interesse nach Köln Anfang

Oktober kommen, richte ich mich jedenfalls ein, Sie hier zu erwarten, wenn

ein paar liebe Worte mir die Zeit bestimmen, aber um meinetwillen müssen

Sie das Opfer dieser Reise nur nicht bringen, denn ich komme gewiß zu

Ihnen! Wenn wir nur unsern lieben Immermann nicht bei den verschiedenen

Reisen verfehlen! -- Wenn er nur zurück ist zur Zeit, daß wir zu Ihnen

kommen, oder wenigstens ich in Köln, wenn er hierherkömmt, obwohl Immermann

ein Gut ist, warum man sich mitten in der Freude es zu besitzen, beneidet,

weil man es dann auch den Liebsten zugleich gönnt. Doch ich will hoffen,

uns einigt ein lieber Abend in Ihrem Hause zu dreien!

Mit welcher Bewegung las ich Ihre Erwähnung einer Sache, die viel

bedeutender in meinem Leben eingeschritten ist, als ich ahnte!

Von dem ersten Bogen an, den ich faltete, bis zu der letzten Seite, die das

Ganze beschloß, war ich wunderbar von dem Gegenstand beherrscht! Es

hatte sich aus mir heraus eine Forderung gestellt, die mich zum dienenden

Werkzeug machte. Der Stoff lag gesammelt in mir -- er belastete mich,

kann ich sagen -- aber in welcher Form er sich entladen könnte, blieb

zweifelhaft und hielt ihn länger zurück, als er geneigt war. Der Roman kann

alle Zustände des Lebens umfassen, am leichtesten legt sich in ihm nieder,

was sich als Erfahrung und Beobachtung in uns vorfindet. In die bequeme

Form floß nun schnell und ohne Säumen das Innen Gesammelte! Ich -- liebe

Freundin -- habe schöne Stunden damit verlebt! Der erste Theil war

fertig -- mir nur sollte das Ganze gehören -- da verrieth ein Zufall dies

Unternehmen meinem Bruder -- sein Beifall war eine schöne Befriedigung!

Wieder blieb es lange unser Geheimniß; -- er verrieth mich einem gelehrten

Freund! Es wußten es jetzt drei -- man sagt, dies sei für ein Geheimniß zu

viel! -- Von da an ward ich gebeten, es drucken zu lassen. Wie sicher

war ich -- das könne und dürfe nie geschehen! Zwei Jahre lag es fertig,

abgeschrieben, wie rein oft vergessen! Man verstärkte endlich die Bitten,

es drucken zu lassen, durch die Täuschung, es könne dennoch Geheimniß

bleiben -- ich war zu unerfahren -- ich glaubte daran. -- Mein Verleger

hat die Wahrheit gesagt, er erfuhr meinen Namen erst, als ich die ersten

gedruckten Exemplare erhielt. Es blieb lange geheim -- und die große Zahl

der Autoren, die genannt ward, ließen mich hoffen, ich bliebe unerkannt!

Wer es verrathen, noch weiß ich es nicht! -- Ich erfuhr aber, was ich immer

gewußt, daß eine Frau nicht bestimmt ist, der Oeffentlichteit anzugehören

-- ich war wund, wund bis in mein tiefstes Leben hinein! Als mein Bruder

nach Berlin voranging, entschlossen wir uns, es einzugestehen, ich hoffte

damit die Sache bis zu meiner Rückkehr durchgesprochen und abgethan.

Wie oft ich an Sie, an Immermann in dieser Zeit dachte, darf ich ja wohl

gestehen -- daß ich es dennoch Ihnen beiden nicht eingestand, es Ihnen

nicht geben konnte, verstehen Sie es wohl? Es gereicht mir nicht und Ihnen

nicht zum Vorwurf! Was Sie nun in wenigen Worten liebevoll anerkennend

darüber sagen, thut mir sehr wohl! es rührt mich, wenn ich denke, daß Sie

lasen, was ich dachte und fühlte -- man hat selbst immer nur ein kleines

Publikum, das große täuscht sich, wenn es sich dazu rechnet -- Sie werden

immer zu meinen Autoritäten gehören, und wenn ich Ihrer edlen Seele darin

nichts zu leide gethan habe, ist mir viel gelungen!

Sein Schicksal in der Welt ist wunderlich gewesen, und ich sehe ihm nach

und möchte fragen: wie kam das? Nachdem ich aber beruhigt bin, genannt zu

sein und Zeit und Gewohnheit ihr altes Recht an mir geübt, bin ich so still

und gelassen mit ihm, daß ich wohl fühle, es konnte selbst dies abweichende

Ereigniß mich nicht mehr meiner Stille berauben, und die Sache ist dadurch,

daß sie aus mir herausgetreten ist, zugleich von mir abgelöst, sie hat ihr

eigenes Schicksal, und ich sehe wie einem fremden bloß zu!

Wenn es unter uns zur Sprache kam, war ich Ihnen eine Art Uebersicht

schuldig! Haben Sie sie jetzt? Und wollen Sie das Gesagte auch für

Immermann sein lassen, dessen edler Natur ein theilnehmendes Verständniß

meines Verhältnisses dazu nicht fremd bleiben durfte, denn ich denke gern,

daß er mein Freund ist und vielleicht nicht ohne Besorgniß mich auf diesem

Weg wiederfand. Sagen Sie ihm noch außerdem, er soll gar nicht denken,

daß ich mir dicke Sohlen untergebunden habe, und mich als Schriftstellerin

salutire! Für nichts auf der Welt habe ich so große Furcht, wie für diesen

Namen! -- Nichts, denke ich, hat unsere Literatur so krank an schlechten

Produkten gemacht, -- als die Selbsterhebung zu dem seltensten Beruf der

Erde! -- Ich bin allerdings eine Frau geworden, die ein Buch geschrieben

hat, aber damit noch bei weitem keine Schriftstellerin, ja, ich bin gewiß,

der Stoff ist jetzt in mir verbraucht, und ich bin zur Ruhe damit gesetzt!

Nun leben Sie wohl, theure Liebe! Ich bleibe Ihnen treu bis an's Ende

meines Lebens!

Henriette P. g. Wach.

9.

Köln, den 4. November 1837.

Meine theure, liebe Gräfin!

Mit wie wehmüthigem Herzen werde ich diese Zeilen niederschreiben, da sie

Ihnen sagen sollen, daß ich Sie nicht wiedersehen werde. Eine neue Kette

von Leiden hat dies traurige Resultat ergeben, und nur die Gewöhnung langer

Geduld und Ergebung in die widerstrebendsten Anforderungen läßt mich dieses

schmerzliche Opfer bringen.

Ende September ward ich krank, und das an einer Brustentzündung bis zum

Tode -- als die dringendste Gefahr vorüber war, stellte sich ein Husten

mit gefährlichen Symptomen heraus, der die Ankunft meines Bruders

beschleunigte, seit er hier ist (s. d. 24. Okt.) haben die schmerzhaftesten

allopathischen Mittel wenigstens einen Stillstand des Uebels

hervorgebracht, und wir haben unsere Abreise auf den 6. November

festgesetzt.

Aber meine Gesundheit ist dadurch auf den früheren geringen Standpunkt

versetzt, und jede Aufregung welcher Art ist für mich nachtheilig. So

habe ich eingewilligt Sie nicht wiederzusehn, obwohl es mir ein paar heiße

Thränen gekostet hat. --

Leben Sie also schriftlich wohl! Wie viel Liebe, Achtung und Treue dränge

ich in diese Worte! Erwiedern, erhalten Sie mir das, was mir so lange den

Muth gab, Ihnen meine Liebe zu zeigen!

Wo mag Immermann sein? Vielleicht schon bei Ihnen -- und schwerlich finden

wir ihn irgendwo, denn unser erstes Nachtlager wird Schwelm sein!

Von Schadow's, wo sie sein mögen, wissen wir auch nichts! Grüßen Sie sie,

wenn sie zurückkommen; an dem Abend ihrer Durchreise durch Köln brach die

Brustkrankheit aus.

In einigen Wochen werden Sie ein Paquetchen bekommen -- was darin

ist, bitte ich Sie und Immermann so liebevoll und schonend nachsichtig

hinzunehmen, als es mit wahrer Demuth Ihnen dargebracht wird. Ich hoffe

diese zweite Auflage wird weniger Fehler enthalten als die erste!

Nicht wahr, Sie schreiben mir einige Trostesworte nach Berlin? nach diesem

öden, modernen, ausgeblaßten Berlin!

Wie kalt wird mir, wenn ich daran denke!

Leben Sie wohl! Mein Bruder theilt aus eigner Empfindung meinen Schmerz

Sie und Immermann nicht wiedersehn zu können, und er wagt es, Ihre schönen

Hände zu küssen, und seine tiefste Verehrung Ihnen zu Füßen zu legen.

Noch einmal sein Sie und Immermann mit dem treuesten Gruß der Freundschaft

gegrüßt.

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 43 / 49 题