Henriette.
Mein Bruder küßt voll Verehrung Ihre schönen Hände -- und grüßt Immermann
mit der verehrendsten Liebe! Vielleicht, lieber Immermann, grüßen Sie beide
Schadow's freundlich von uns.
11.
Berlin, den 6. Februar 1838.
Meine theure Frau Gräfin!
Wie liebe ich jedes Wort, was Sie niederschreiben, und wie innig fühle
ich mich dann immer von dem Verlangen belebt mit Ihnen sein zu können, nur
zuweilen mich an Ihrer wahrhaft weiblichen Natur erfreuen zu können, darum
wenden Sie immer zuweilen ein paar Zeilen an mich, Sie verschwenden sie
nicht.
Ich schreibe Ihnen heute nur einige Worte, denn die Kälte macht mich
matt und müde, und ich mußte heute schon viel schreiben. Dies von Köln
herübergekommene Exemplar von »Godwie-Castle« ist ein Irrthum, und die
Person, die ihn machte, schrieb es mir bereits.
Die Zuckungen über den entführten Erzbischof fühlen sich noch überall. Die
Partheiungen sind groß! Der König, der Kronprinz, die Minister nehmen, wie
es scheint, eine feste Stellung! Gott erhalte sie dabei! nur Festigkeit
kann uns gegen die Geißel Rom's schützen.
Sehr unangenehm ist die Stellung, die *** sich erwählt hat. Ich denke dabei
oft an Sie und Immermann! Sie haben sie so oft gesehen -- ist Ihnen denn
die Ansteckung ihrer religiösen Gesinnungen auffallend gewesen? Wir sind
oft recht verlegen über ihr Betragen. Sie vertheidigt in blinder Heftigkeit
den Erzbischof, den Papst, die Katholiken, genug alles, was uns jetzt
feindlich entgegen tritt, und zwar ohne Gründe, mit schwebelnden
Gemeinplätzen in der unweiblichsten Heftigkeit -- ich sowohl wie Wilhelm
sind ihr so viel als möglich mit Ernst entgegen getreten, weil sie sich den
nachtheiligsten Gerüchten aussetzt, wir müssen aber jetzt schweigen, denn
sie erklärt uns für Fanatiker! -- Sollte die Ansteckung in München
geschehn sein? Doch schwerlich in Düsseldorf! Letzthin aber, wo sie von der
Beschlagnahme von Papieren hörte, ward ihre Angst und ihr Nachforschen so
auffallend, daß ich seitdem die Angst habe, sie könnte bei ihrer wenigen
Beurtheilungskraft in die Hände irgend einer Parthei gemißbraucht
werden. Dagegen glaubt mein Bruder, daß ihre ganze Art aus der Eitelkeit
entspränge, sich durch geheimnißvolle Andeutungen interessant zu machen!
Was glauben Sie und Immermann davon? -- Ich bin wirklich besorgt um sie.
Theilen Sie mir etwas über die dortige Stimmung mit -- es sind Lebensfragen
-- das ist entschieden!
Ich sage Ihnen heute ein herzliches Lebewohl! Voll Ehrfurcht küßt mein
Bruder Ihre Hand, treu und herzlich bleiben wir beide Immermann ergeben, er
soll es uns sein!