Berlin, den 12. März 1834

Wenn ich den Wunsch fühlte, Ihnen zu schreiben, theure Gräfin, erschrack

ich immer vor dem Umfang des bisher Erlebten! -- ein Stoff, den ich keine

Kraft fühlte, zu bewältigen -- es machte mich müde, oder vielmehr die

Müdigkeit meiner Seele und meines Körpers hatte damit zu viel. Wie es mir

nun heut doch dazu kömmt, daß die lebhaftere Erinnerung an Sie, die mir ein

Bild Ihres freien, schönen, ungetrübten Wesens giebt -- mit ungetrübt meine

ich, daß Sie in keine fertige Form hineingepreßt worden sind, oder sich

haben hineinpressen lassen, sondern schön menschlich sich selbst und andern

gerecht bleiben. Ich sehe Sie, wie Sie aus dem Fenster schon die lieben

Augen mit tausend lockenden Fragen unter das welke Laub stecken, um die

Geheimnisse zu erlauschen, die da unten von Erde, Tropfen und Wärme in der

kleinen Werkstatt gezimmert werden, und bald ganz naiv die kleinen grünen

Mützen hervorstecken, innerlich so sicher und fertig, und des Erfolges

gewiß, wie nie ein armes Menschenherz, das immer überbaut bleibt mit seinen

treibenden Keimen von der kalten Erde überdeckt. Möge Ihnen und Ihrer

reizenden Seele der Frühling recht erquickend, recht neu belebend einziehn

-- ich gönne es Ihnen mit alter treuer Liebe -- und mußte Ihnen erst recht

Gutes wünschen, ehe ich fortfahre.

Gott weiß, womit ich es verdient habe, daß man mir so viel buntes Papier

geschenkt hat, daß ich mir ein Gewissen daraus mache, weißes zu kaufen --

dabei mußte ich mich mit süßlicher Empfindsamkeit ansehn lassen, als hätte

man eine große Zartheit in mir errathen. Es hat mir nichts geholfen, daß

ich das Leben ernst, thätig und praktisch ergriffen habe, ich sehe immer

noch den schalkhaft erhobenen Finger der Leute, die mir die Augen naß

glauben bei Matthison's Mondschein und Cypressengelispel, oder Tiedge's

religiösen Uranien. -- Man denkt in der Jugend, wenn man nicht für das

gehalten wird, was man sich innerlich zugesteht, ist man's nicht, und

strebt und ringt, daß sie es begreifen sollen. Ach! liebe Freundin! Das ist

recht rührend, wenn mir das Weinen nicht so weh thäte, das könnte mich dazu

bringen, aber viel rührender ist es noch, daß man später nichts so wenig

erwartet, als verstanden oder gehalten zu werden, für was man sich selbst

halten darf! Wie darf man eigentlich einen Zustand, in dem wir mitten

drin sitzen, verstehen wollen? Weit von uns gerückt müssen erst die

Erscheinungen unseres Lebens sein, ehe sie sich von uns trennen und

objectiv werden -- mit weißen Locken, die ersten zarten blonden, um

derenwillen wir die Kindermütze ablegen, am Rande des Grabes die erste

Liebe beschauen und ihre Bedeutung erkennen, das möchte möglich sein,

aber von selbst fehlt da die Zeit, wo uns die reiche Sommerzeit des Lebens

anzuschauen käme -- genug, wir sollen uns für incompetent erklären -- und

doch, wie sträubt sich das Herz gegen so kaltes Begehren!

Daß ich erst bei der letzten Zeile im vorigen Blatt den Irrthum mit dem

Umwenden einsah, mögen Sie gütig entschuldigen, abschreiben -- nicht wahr,

es wäre unerträglich, abzuschreiben -- es hat immer etwas Lügenhaftes

-- ich würde beschämt sein, den Brief an eine Freundin abgeschrieben

zu übersenden -- und wozu noch Lügen, deren man sich bewußt ist, da die

unbewußten oder als solche uns überraschenden schon so viele sind.

An meinem Geburtstag bekam ich Immermann's sämmtliche Werke, schön grün

eingebunden, geschenkt. Welch ein besonderer Reiz liegt darinnen, so

etwas zu besitzen -- hingehn zu können, und so einen stillen grünen Band

herauszuziehen und sich mit der Hoffnung, es werde genug regnen oder

schneien, um keinen lästigen Besuch einzulassen, so in einen Armstuhl zu

drücken und nun aufzuschlagen und lesen zu dürfen, was das Geheimniß eines

Geistes war, der die Sprache der Erde verstand, und sie empfing mit ihren

Schätzen, und an den sie sich ergab mit der liebevollen Ungeduld des

Gebens, das nur aufsteigt, wo das Empfangnehmen Verstehen und Wiedergeburt

ist!

Alle Worte sind schon so oft nach falschem Ziel verschossen, wie schön

und richtig könnte ich sonst sagen: ich habe alles so lieb! Auch rührt und

beschämt es mich fast, daß wir gedruckt lesen können, und in beliebigen

Gebrauch nehmen, was so in heiliger Einsamkeit von ihm ausging, sich selbst

erst zur Genüge, weil er's nicht lassen konnte an sich und dem Gegenstand

diese Liebe zu thun! Ich möchte um Verzeihung bitten, daß ich so roh

darüber herfahre und wünsche, in mir wäre wenigstens Sabbathstille, und

ich hörte nichts als die Glocken zum Festtag! Auch danken möchte ich ihm --

könnte denken, er röthete sich vor edlem Zorn und früge, um wen anders

als mein selbst willen dachtest Du, daß ich's geschehen ließ? -- ist

dies erledigt, mag es auch seinen Weg bis zu Dir finden, und was Du damit

kannst, sei Dein Antheil, mir unbekümmert!-- Und möchte er nur so stolz

reich thun; da so viel Armuth ist, soll der Reiche ausstreuen, daß der Arme

findet, der sucht; was verschlägt es ihm, ob er damit die nothleidenden

Stunden fristet, ihm mehrt sich im Geben der Schatz!

Die nothleidenden Stunden! -- ich habe deren viele! Wissen Sie, was

ich überstanden habe, wissen Sie doch vielleicht nicht, was ich noch zu

überstehn habe; denn meine Nerven beben lange nach und verfallen jeden

Abend um halb sechs Uhr in schwere Zustände -- einen Krampf im Kopf, aus

dem sich ein schwermüthiges Deliriren mit Brustbeklemmungen entwickelt.

Ich habe eine neue, eine ungeheure Erfahrung gemacht! Ich kannte den

körperlichen Schmerz noch nicht -- ich wußte nicht, welch ein Ungeheuer

er ist, wie er sich über uns wirft und uns verschlingt. Die heiligen

Schmerzen, die jede Frau mit eben so viel Hoffnung als Furcht erwartet

-- sie sollen leicht sein dagegen -- wie das natürlich Bedingte gegen das

unnatürlich Gewaltsame immer. -- Die Aerzte schickten mich dann nach Ems.

O, liebe Freundin! saßen Sie schon je zwischen diesen Felsen, wo die

kleine monströse Putzschachtel mit dem Greuel aus der vornehmen Welt

hineingeklemmt ist? Dort brach mir schon das Herz in unaufhaltsamer

Nervenschwermuth! Aber ich täuschte alle, selbst die mich liebten, also

beachteten, -- ich flatterte wie ein geängstigter Vogel in und um meinen

Käfig her, und hatte keine Ruh und keine Rast, und nach einer schlaflosen

Nacht, in gegenstandlosen Thränen hingebracht, wünschte ich auf dem

höchsten Felsen zu frühstücken und war vor den andern schon oben, und

konnte dort nicht bleiben und hoffte auf den Eselritt am Nachmittag -- und

ging noch zuerst an der Lahn und wünschte an die Table-d'hôte zu kommen und

ließ unter ewigem Hören und Sehen und den tödtenden Klängen der Tischmusik

Thränen ungezählt über das hastig und gern genossene Mahl fallen -- fünf

Stunden ritt ich oft an einem Tage, und schloß der frühe Abend dies irre

Treiben, glaubte ich, die Zimmer verschlängen mich, und mein kräftiger

Gesang war dann oft noch lang zu hören. Dabei glühten Wangen und Augen, und

in der ewigen Quarantaine eines steten Angekleidetseins, nöthigte ich

jedem die Versicherung ab -- ganz gesund zu sein! Dabei -- hatte ich die

Ueberzeugung, daß ich jeden Abend mit den Kleidern die Haut von meinem

Körper zog, des Morgens weinte ich, daß ich über die Wunden mich kleiden

mußte. -- Gleichgültiger ist niemanden je die ganze Welt gewesen,

aber einzelne tödtende Schmerzen über meine Zerstörung, die ich mit

fürchterlicher Arglist ganz gescheut war zu beobachten, schnitten durch

mein Inneres! -- Ich wußte bis dahin nicht, was es heißt, durchaus trostlos

sein -- erst in dieser schrecklichen Zeit erfuhr ich es -- und hatte kein

Verlangen als den Tod! Mit der größten Anstrengung erhielt ich mich auf der

Rückreise, jeden Morgen bedrohte ich mich, gesund zu erscheinen. -- Als man

die letzte Station vor Berlin die Pferde vor den Wagen legte, sagte ich:

nun kannst Du krank sein!

Im Augenblick lag ich bewußtlos im Wagen, ohne Besinnung brachte man mich

in meine Wohnung! Da brachen Krämpfe aus, die mit dem schwersten Deliriren

verbunden waren. Seit dem 26. September kehren sie alle Abend wieder.

Durch die sorgfältige, umsichtige Behandlung meines Arztes, des Homöopathen

Stüler, sind sie ermäßigt bis zu schwachen Anklängen des ersten Zustandes

-- aber sie sind da -- und mein Geist kann wohl nie ausruhen von der

Ermüdung, die er erlitten. Ich leide ein tiefes unaussprechliches Leiden,

ich weiß, daß ich jetzt erst Leiden kennen lernte -- und dachte doch, ich

hätte sie gekannt!

Niemals glaubte ich, könnte ich von mir erzählen, wie ich anfing zu

schreiben, dachte ich es noch nicht und jetzt -- -- liebe, wunderbare Frau,

verstehen Sie mich?

Meine Handschrift ist schlecht! Leicht ermüdet der rechte Arm!

Grüßen Sie herzlich Immermann! Mein Bruder küßt voll Ehrfurcht Ihre schöne

Hand -- ach! wie gern hörte ich von Ihnen!

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 42 / 49 题