Henriette P. g. Wach.
[5]: General August von Hedemann.
5.
Berlin, den 5. Juni 1834.
Meine theure Gräfin!
Wie klar und deutlich blicke ich in den Tag hinein, an dem mein letzter
Brief mit der Sendung des Freundes bei Ihnen eintraf, und den Sie so
reizend schildern, daß ich die Blüthen zu athmen glaubte, die alle wie
aufgeblüht für den Dichter ihn begrüßten.
Es ist gar nicht wahr, lasse ich ihm sagen, daß die Blüthen allein diesen
Versuch machen, und wenn er ganz ungeduldig ruft »warum die Menschen es
nicht auch thun?« -- so sage ich, sie thun es auch, aber können nicht
alle es zum Duft bringen, oder gar zur Frucht -- sie müssen bald den
unschuldigen Versuch ermüdet, mit losgerissenen Blättern am Boden streuen,
und wenn keiner zur rechten Zeit Acht gab, als sie sich um den kleinen
Stiel reihten, so heißt's hinterher, sie haben sich gar nicht bemüht. Mein
eigentliches geheimes Frühjahrsgeschäft ist, die Leute zu belauern -- etwas
ist in Jedem los -- mitunter reine, baare Tollheit! etwa daß Spinat Rosen
treiben will, oder Salat zum =Cactus alatus= befördert sein will durch
irgend einen winzigen Schuß, den er hier oder dort hin thut u. s. w. --
aber am allerlustigsten bin ich selbst, denn ich bin es mir recht klar
bewußt, daß ich was will, und recht was tüchtiges, wovon der Herbst soll
noch zu sagen wissen -- aber was denn? Glauben Sie nicht, daß ich mich
ausnehme, und denke, ich wolle keine andere Blüthe als die Wurzel in der
grünen Erde mir verheißen kann -- sicher habe ich eben so gut als alle,
die ich darauf anschaue, etwas im Sinn, wobei die arme Wurzel seufzend
sich tiefer in die Erde gräbt, damit das tolle Pflänzchen nicht an seinem
Getriebe um alle Lebenskraft kommt. Aber was wäre es denn auch, wenn nicht
dieser Frühjahrstrieb die Menschen wenigstens mit dem _Gedanken_ neuer
Gewinne erquickte! -- --
Besorgt tragen sich Immermann's hiesige warme Verehrer mit dem Gerücht, daß
er seine sichere bürgerliche Stelle aufgebend, sich ganz der Bildung des
dortigen Theaters widmen werde. -- Jeder fühlt dadurch die Aussicht ihn für
einen größeren Wirkungskreis in der Hauptstadt zu gewinnen, bedroht, und
um so weniger geneigt diesem Opfer ergeben zu sein, wenn ihm selbst an dem
Ort, wo er so große Kräfte verbrauchen will, nicht ein volles geistiges
Zuströmen an Menschen und Verhältnissen sicher ist. Es macht mir den
Eindruck, als läse ich ein Nachspiel von Torquato Tasso, wenn Sie, holde
Eleonora Este, mir von der Krönung des Dichters schreiben! Leider zugleich
_den_, auch des fern Liegenden, einer andern Zeit, einer andern Luft
Angehörenden!
Unsere Bühne hat mich von jeder Hoffnung einer dort zu gewinnenden Erhebung
rein verschüchtert -- ich habe es verlernt dort auf Genuß zu hoffen -- aber
ich hoffe nicht zugleich die Empfänglichkeit dafür -- ja, ich ziehe dies
Zürnen, möchte ich sagen, dem Nachgeben vor, mit dem Schlechten vorlieb
zu nehmen, wodurch die schädliche Gewöhnung endlich uns von dem Standpunkt
zieht, auf den uns freiwillige Entsagung eingehegt läßt, wenigstens für
eine höhere Idee unentweiht! -- Ich darf mir also wohl eingestehn, daß
ich für die unschätzbaren Anziehungskräfte des Rheines oder Derendorfs
empfänglich zu werden oder zu bleiben suche, und Ihre lieben Worte um
Fortunats Säckel oder Hut trafen ein begehrliches Herz! Aber froh empfinde
ich um so mehr wie wir jetzt nicht mehr so ohne alle Beziehung als früher
stehn, und freue mich wie Immermann desgleichen unserem geistreichen Freund
hier sich anschließt, und wir uns hineinschlingen, daß es ein rechtes
Ganzes zu werden denkt!
Wilhelm ist im rechten Sommerdienst begriffen. Schöne und häßliche
Frauen begehrten aber seines Pinsels, der Nachwelt sich zu überliefern --
dazwischen spielt eine Nymphe mit Blumen, und Amor giebt ihr einen Kuß! --
Wenn Sie denken, ich freute mich zur Ausstellung, so irren Sie sich, und
halten mich größer als ich bin -- ich blute noch aus all den Wunden, die
mir einfielen, als man die letzte benutzte, meinen Bruder zu mißhandeln --
mein Leben ist wie das Blatt, das sich auf der Welle gerettet hat, es
tanzt oben, wenn sie steigt, und ist verschwunden, wenn die nächste sie
verschlingt. Sie möchten mich besser -- ich weiß es. Es thut Ihnen leid,
daß ich so kleinlich diese Zeilen schließe. Beklagen Sie mich, vielleicht
wird es mit der Zeit besser, jetzt habe ich nur einen Dämmerschein von dem,
was ich unter solchen Leiden sein könnte, aber es ist außer mir, ich bin
isolirt in subjectiver Verdorbenheit!
Dem liebenswürdigen Freund, dem herrlichen Dichter die schönsten Grüße,
erstlich von mir, dann von meinem Bruder, wenn er erst Ihnen hat in
hochachtender Ergebenheit die Hand küssen dürfen.
Ihre Henriette.
6.
Berlin, den 10. November 1834.
Es möchte sogar fein, bescheiden und sehr schicklich erscheinen, wenn
ich noch drei bis vier Wochen wartete, ehe ich Ihren inhaltreichen Brief,
theure Freundin, beantwortete, und wenn ich statt dem nichts thue, als den
ersten ruhigen Augenblick erwarte, um das Gegentheil zu vollführen, muß ich
mich Ihnen auf Discretion ergeben! Das thue ich denn mit dem frohsten Muth!
und außerdem drücke ich Sie an mein Herz, und sage Ihnen und Immermann den
tiefgefühltesten Dank just für dies lang ersehnte Lebenszeichen -- das uns
so viel mehr sagt als daß Sie athmen und die Sonne auch über Ihnen scheint.
Der Eindruck dieser Mittheilungen war erschütternd für uns Alle! -- Wir
hatten uns im Thiergarten bei den Freunden still zusammengerückt, und wie
es die Ankündigung in Ihrem Briefe vorbereitete, mit Ernst und Bewegung
fast, die Blätter des Freundes zur Hand genommen, die er uns gönnte, von
seinem Innern zu hören!
So sind wir, nicht unwürdig seines Vertrauens, ihm Zeile vor Zeile gefolgt!
ich denke, es wird uns Allen ein unvergeßlicher Abend bleiben -- aber meine
ganze Seele ruft ihm zu, nicht was in der Welt daraus wird, darf er
mehr fragen, dürfen die Freunde fragen, wie es in ihm _so ward_, zur
unabweislichen Nothwendigkeit, das ist die Hauptsache, von der aus es
keinen Rückblick giebt-- nie werde ich von der Welt so gering denken zu
glauben, daß eine so mächtige, individuelle Wahrheit als hier ausgesprochen
liegt, nicht schon hinübergreift in eine objective Wahrheit, die ihrer
Entwicklung sich entgegen drängt; weiß er in sich von der Morgenröthe
einer neuen Kunstepoche, so muß sie anbrechen. Der Gedanke, wie er sich
durchringt aus der Seele des Menschen -- der Gedanke ist schon der Anfang
der Erfüllung, ja die Nothwendigkeit seiner wahren Existenz! Sagt es nicht
Schiller? Dem Gedanken des Columbus mußte sich die neue Insel aus dem Meere
entgegen heben! -- er konnte nicht vergeblich nach ihr suchen! So haben
sich die Freunde nur still um den muthigen Segler zu schaaren, und immer
nur: Glück auf! zu rufen. -- Glücklich aber muß er sein, denn jeder muß es
sein, der seinem innern Leitstern folgt, und an eine Idee, die sein Inneres
ganz durchdringt, das Leben setzt!
Wie rührte uns um so tiefer der Verlauf des Abends, an dem uns Koppe mit
der vollen Begeisterung seines ihn verstehenden Herzens einige aus den
Juwelen seiner einzelnen kleinen Gedichte auslas. Wie erfüllte sich an uns
Allen, was er so schön ausspricht als vorgesetztes Ziel »etwas zu leisten,
was den Zustand der Menschen und der Welt erhöht.« Wir fühlten uns Alle
erhöht! -- Ich fühlte den Zustand, den ich am höchsten und liebsten in mir
halte, den einer ganz _allgemeinen_ Begeisterung -- in der nichts einzelnes
hervortritt, aber alles einzelne inbegriffen ist, aber eben als einzelnes
zu gering die weit und groß gewordene Seele zu beherrschen, die in
dem Resümé von allen nur die Existenz findet. Es ist zugleich der
leidenschaftsloseste und durchfühlteste Zustand der Seele!
Mir gefiel nicht eins oder das andere, weil es just diese oder jene
Gefühlswelt mächtig und schön entwickelt -- alles erfüllte die tiefe
Sehnsucht der menschlichen Brust nach etwas Vortrefflichem, Erreichten,
gleichviel in welcher Richtung, und löste, sonderbar genug, von dem
Gegenstand los, indem es uns über ihn stellte, just in dem Augenblick, wo
wir seiner wahrhaften Entwickelung alles verdankten. Bis zu Thränen waren
wir, als wir nun seines Vertheidigungsbriefes gedachten! Derselbe, der uns
dies gegeben, mußte sich vertheidigen gegen die knappe, rauhe Form, die
ihm auf's Neue über die Flügel gedrückt werden sollte, mit der Hoffnung, er
ginge wohl hinein, wenn er nicht ersticke!
Wie fern, wie nah ein Resultat für sein ungemeines Streben sei, dies ist
eine Frage, der wir mit allen warmen Grüßen der Freundschaft, dem Glücke
vertrauend, entgegensehen! Das Bedürfniß ist da! wird immer mehr erstarken,
je mehr der Gegensatz: das Sinken der Bühnen -- bis zum Ekel hervortritt.
-- Beide sich gegenüberstehende hart sich abstoßende Stufen auf der in
Immermann gedachten, zu verbinden, ist das natürlich sich als nothwendig
ergebende Ziel für die Zukunft. -- Ich freue mich um so mehr noch
Zeitgenossin dieser Ideen zu werden, da ich mich schüchtern von jeder
Hoffnung zurückgezogen hatte, und die Idee eines besseren Zustandes für
mich behütete, vor der flachen Berührung mit bloß zeittödtender Zerstreuung
sie allein noch vorhanden.
Ich träumte mit den Freunden von einer kleinen Normalbühne, die unter
Immermann lebengewinnend die Aufmerksamkeit dahin richtet, und von wo aus
sich der wahre Geist über Deutschland, oder für's Erste, dem Vaterlande,
ausbreitete. Möge doch der treue Bruder, dessen verständig besorgten Brief
man in der Antwort verfolgen kann, ihn nicht mehr beunruhigen, und
mein lieber Herr, der König, sich geneigt fühlen zu allen äußeren
Arrangements. --
Ihr schöner Brief reihte sich so wohlthuend heran! -- Welch eine schöne
Landschaft haben Sie gemalt mit Ihrer Beschreibung jenes ersten Abends an
der See! Ich sah sie augenblicklich, und hätte nicht einer unserer kühnen
Seemaler sein müssen, hätte Sie Ihnen auf Leinwand zurückgesandt.
Dieser Brief blieb acht Tage liegen -- ich war indessen in Tegel bei
_Wilhelm von Humboldt_. Es geht ihm wieder viel besser -- und wir hoffen,
er lebt uns noch eine Zeitlang. Sein Geist blüht zum Erstaunen schön und
vollständig aus diesem kaum noch verständlichen Körper! Er hat noch immer
diese bezaubernde Heiterkeit, diese Ironie, die den Dingen ihren falschen
Schein abstreift, aber wie würde Sie der tiefe, gefühlvolle Ernst
überraschen, womit er in sich und andern das Gefühlsleben schätzt, liebt,
möchte ich sagen, und entwickelt. -- Meine Seele sitzt ihm, wie das Kind
dem Vater, zu Füßen, ich bin wie eine junge Verliebte über seine Stuhllehne
gebeugt, und werde so sorglos geschwätzig, als wäre ich schon mit ihm aus
der Welt! Aber ich kann es Ihnen auch nicht verschweigen -- er liebt mich
vollständig wieder, und die Kinder bedauern nichts so sehr, als daß ich ihn
nicht mehr heirathen kann. =Mais, que faire?= -- seine liebe Hand zittert!
Er könnte mir nicht mehr den Ring anstecken!
Ihr Andenken erfreute ihn sehr -- er empfiehlt sich Ihnen herzlich, und
sprach recht schön, recht bewundernd von Ihnen!
Eben so herzlich empfiehlt sich Ihr Vetter General; ich habe ihm
versprochen Immermann's Brief vorzulesen. Dem Minister habe ich davon
erzählt -- er bewundert Immermann! -- ich theilte ihm schon früher den
»Merlin« mit -- und er hat allerdings auch das Gefühl, daß der Moment
vielleicht gekommen ist, eine neue Bühnenwelt heraufzuführen!
Sommergedanken habe ich noch nicht! Erst bau' ich mich im Winter emsig an!
Ach! wenn ich nicht fröre -- hätt' ich ihn sehr lieb.
Die Kunstausstellung ist wegen Anwesenheit des Kaisers noch offen. Seit
gestern hängt dort das letzte Bild meines Bruders, der sehr fleißig
gewesen ist. Er küßt Ihre schöne Hand, und bittet Sie, ihn gern unter Ihren
Verehrern zu sehn. In der herzlichsten Freundschaft grüßen wir beide unsern
lieben Freund Immermann, und stets bleibe ich Ihnen, holde Frau, getreu.
Henriette P. g. Wach.
7.