Von ganzem Herzen

Ihre Henriette, nicht wahr? Wach?

(Ich mache Ihnen Alles nach vor Vergnügen! Dies ist an Immermann!)

»Merlin« war's nicht! sondern was ganz Neues, wo Sie immer mitspielen,

was ich noch gar nicht kenne und nun recht vergnügt heute Abend am Kamin

ergreifen werde. Wären Sie's nicht just, ein wunderbar alter Freund in

ganz neuer Gestalt! -- Könnte ich mein Briefchen an unsere Gräfin nur

verbrennen, so aber lasse ich es -- und fürchte nicht einmal, daß Sie nun

»Merlin« nachschicken, da ich kindisch fast meine Lust darauf verrieth.

Ich besitze es auch schon -- _Schadow_ merkte leicht meinen Wunsch seines

Besitzes, er schrieb einen freundlichen Gruß hinein, und ich nahm's mit

Freuden! Also war meine Hoffnung »Merlin« käme aus der Hülle, weiter

nichts, als Sie sollten es mir damit gönnen -- das können Sie nun

nachträglich besorgen -- wenn's Ihnen so ist, und dann bin ich durch Ihre

heutige Gabe im Vortheil! Wie lieb ist es von Ihnen, daß Sie mich anreden,

und dann sogar beschenken! Beides danke ich Ihnen herzlich! Was Sie

mitbrachten nach dem grünen Thurm -- das dachten Sie, fänden Sie vor --

Ihr Gefolge saß bloß nieder an unserem Heerd, Sie glauben in Ihrer

unergründlichen Bescheidenheit, es seien unsere Hausgötter! -- Doch auch

so bleibt uns noch ein schöner Antheil, auch daß Sie eintreten wollten, und

daß Sie ihre Anwesenheit fühlten, bedenke ich mit Behagen, und lege es mir

zum Troste zurecht, wenn viele Gäste kommen und gehen, und der Heerd leer

bleibt von dem unsichtbaren Gefolge, das die Götter nur denen geben, die

sie lieben! Außer was Sie mir durch Ihr persönliches Kennen an reicherem

Antheil geschenkt, haben Sie mir noch so besonders in meinem Bruder

wohlgethan -- seine jungfräuliche Sprödigkeit fremden Geistern gegenüber,

war an Ihnen wie umsonst oder vergessen -- dabei sah ich das erstemal nicht

zu, wie sie ihn so selten schnell belebt, sondern ich bekam ihn von Ihnen

schon als aufgeblühte Blume zurück!

Ich möchte, daß Sie ihn liebten! ja, Sie thun es wahrscheinlich schon, denn

ich glaube nicht an eine Liebe ohne die andere! -- Mit alledem überlege

ich mir immer, ob ich Sie lieber hier möchte, oder dort weiß! Ich habe eine

Leidenschaft zur Resignation! -- Das spielt mir ebensoviel Streiche, als

andern Leuten die Begehrlichkeit -- dann träume ich wieder von der stolzen

Festigkeit, womit wir das äußere Leben in aller Gestalt zwingen uns den

Inhalt zu geben, den wir just nöthig -- das wende ich alles auf Sie an!

Denn ich will lieber den großen Gewinn hingeben, Sie hier zu wissen, als

Ihnen den dürren Boden, auf dem meine dünnen Sohlen oft brennen, unter

Ihren cothurnten Fuß wünschen! Aber wenn Sie gut zwingen können, und das

traue ich Ihnen zu -- schlage ich mir alle Resignation aus dem Sinn!

Auch rechne ich dann zusammen, was wir haben! _Koppe_, den haben Sie

erkannt! und mit dem ganzen Stolz der Freundschaft fühle ich, wie er Ihnen

ausreichend sein müßte -- an Tiefe und Fülle des Wissens -- an gehender

und nehmender Kraft der Ideen, an Schönheit des Gemüths und des Herzens! Er

machte Ihnen eine Sendung -- Grüße von uns contrebandiren schon mit -- nun

kann ich ihn wieder grüßen von Ihnen und bin dessen froh!

Ob ich Wilhelm noch das Eckchen lasse? ich thue es wegen meiner

Leidenschaft zur Resignation! Es gehe Ihnen so gut als Sie verdienen und

wir wünschen!

Henriette.

Herzlichen Dank, mein hochverehrter Freund, für die freundlichen Zeilen

Ihres Andenkens! Möchten Sie in glücklicher Einsamkeit und Ruhe, welche

paradiesisch sein muß, dem unnützen Gehämmere und Geklatsche der Welt

zusehen, welches andrerseits Vortreffliches liefert, doch wobei man gern

Zuschauer ist, wenn man selbst schafft! Der gnädigen Gräfin mich zu Füßen

legend, verbleibe ich in herzlicher Ergebenheit

Wilhelm Wach.

3.

Berlin, den 10. Januar 1834.

Theure, liebe Gräfin! Mit der größten Unruhe erfüllt uns die Nachricht von

Immermann's Krankheit, und nachdem wir uns die Nachrichten durch Zufall

über ihn als zu ungenügend für unser Gefühl erklärt, wage ich Sie um

Vermittlung zu bitten -- nicht daß Sie mir selbst schreiben sollten, im

Fall er noch bedeutend krank wäre, aber Sie beauftragten einen Andern zu

einigen klaren Worten über seinen Zustand!

Sie entschuldigen gewiß diese Bitte mit dem natürlichen, unerläßlichen

Interesse, das dies vaterländische Besitzthum, auf das wir alle stolz und

angewiesen sind, uns Beiden giebt, und wollen gar nicht -- und sollen auch

nichts weiter von mir hören -- als wie ich Ihnen treu bin und bleibe --

Henriette P. g. Wach.

4.

Berlin, den 14. April 1834.

Ehe ich Ihnen anfing zu schreiben, habe ich mich erst recht in den Gedanken

vertieft, daß ich das nun überhaupt jetzt darf, und wie hübsch es von uns

beiden ist, dies endlich als eine kleine anmuthige Zugabe unseres Lebens

erkannt zu haben -- Freund Immermann, welcher sich zuerst liebenswürdig

entwickelnd diesem meinem schüchternen Wunsch zur Seite stellte, soll auch

immer dafür mit freundschaftlicher Liebe anerkannt und besonders gemeint

und gegrüßt sein in jedem Blättchen, das hinüber fliegt! Und so merke ich

fast, daß ich die subtilste Spitze eines Briefanfanges niedergeschrieben,

und könnte mich nun fortwährend nach allen Regeln betragen, wohnte mir das

geringste Geschick dazu bei, und risse mich nicht Andenken und Antheil für

den, dem ich schreibe, über so schöne, dezente Gränzen stets hinweg. Aber

Sie haben mich ja nie anders gemocht als ich sein konnte, und mich oft

erkannt, da wo der spanische Kragen meiner früheren Verhältnisse mein

eigentliches Wesen bis zur Unkenntlichkeit einspannte -- und was giebt es

Süßeres, als dies Zeugniß einer schönen Seele für bange und unverständliche

Zeugnisse in uns! -- Ich begreife auch gar nicht, warum man sich bloß darum

liebt, weil man sich alle Tage genau versteht, einmal muß man es freilich

gekonnt haben, und dann für immer! und was das Leben drüber und dran

wachsen läßt, begrüßen ohne Frage: woher kömmst du? Immer sicher _daher_,

wo wir einmal die Heimath fanden. -- Heimath! könnt' ich einmal aus den

hellen Fenstern Ihres wohnlichen Zimmers in die grüne, zierliche Ordnung

des kleinen Gartens niedersehn, durch dessen grüne Heckenwand ich Sie nach

Jahren zuerst sah -- wie Sie leicht dem Hause zuflogen, das uns bald Alle

umschloß! -- Es sollte mir heimathlich werden, sein Sie gewiß! Oder Sie

steckten die kleinen Füße unter meinen Theetisch, und der grüne Thurm hätte

keinen Eingang mehr, nachdem er Sie eingelassen! Nun, ich will warten auf

Sie! Den ganzen grünen Sommer hindurch, vielleicht wenn Sie so sicher ein

Plätzchen wissen, wo Ihnen frohes Willkommen entgegen kömmt, überlegen

Sie es auf Ihrem grünen Epheukranz, worauf ich Sie immer ruhen weiß. Wir

bleiben, wie Sie daraus sehn, in dem steinernen Berlin! Das ist nur die

wahre Bezeichnung, keine Verunglimpfung oder Klage!

Ich liebe mich in verschiedenen Situationen zu finden, mit mir bekannt

zu bleiben, und den Aufgaben ihren Inhalt abzufragen; ist man des einen

Zustandes gewiß -- reizt uns der andere mit seinem Widerspruch, der in uns

seine Aussöhnung verlangt!

Die Sonne scheint, während ich schreibe, warm und verheißend auf meine

Schultern -- es ist gewiß, wir sollen das liebliche Wunder auf's Neue

erleben, Blumen, Blüthen und Blätter zu sehn! -- Den langen Winter wird man

ganz träumerisch, ob solch Glück wiederkommen kann, und naht sich die Zeit,

bewegt sie nicht _allein_ die keimende Erde; in der ewig keimenden Brust

findet sich auch ein neuer Eifer -- etwas soll anders werden, zur Klarheit,

zur Blüthe soll durchbrechen, was im Winterschlaf eingehüllt lag, wir

fordern von uns, und die Gewährung ist schon halb erreicht -- an Licht und

Sonne hängt nicht blos das Blüthenleben mit seiner zarten Existenz, der

Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Größeres zu leisten,

zu vollbringen. Fragen wir nicht nach dem Geleisteten, es muß nicht alles

nach außen Existenz gewinnen, was darum doch als Errungenes, als Wahrheit

aus solchen Epochen der Seele verbleibt! Während Berlin von dem ärgsten

Paroxismus des Carnevals befallen war -- hüllte mich ein kleines,

glückseliges Fieberlein in die grünen Wände meines sichern Thurmes -- auch

besucht konnte man nicht viel werden, weil die Leute den göttlichen Einfall

haben, ihre hohlen Gesichter dem Tageslicht zu =déjeunés dansants= zu

produziren! So kamen nur die Freunde! Sage ich aber Freunde, so fällt mir

Ihnen und Immermann gegenüber fast niemand ein, als die herrliche Familie,

die ersterer gern hier wiederfand, ich meine Koppens. Liebe Freundin! es

ließe sich in einem Urwald, oder auf einer wüsten Insel mit den Elementen,

woraus diese Familie zusammengesetzt ist, lange haushalten als reicher

Mann!

Gern rede ich mit Ihrem Vetter von Ihnen![5] Jetzt ist er General! es

kleidet ihm gut! und ich freute mich, daß er nicht zugeknöpft die Achseln

zuckte über eitle Ehre, sondern menschlich und natürlich eingestand -- Ehre

sei keine Schande! Ich soll Ihnen auch tausend Grüße sagen.

Und nun grüßen Sie Immermann auf's herzlichste! und wenn Sie erlaubt haben,

daß Ihnen Wilhelm mit allen Gefühlen der Verehrung die schönen Hände

küßt -- so sagen Sie auch von ihm dem liebenswürdigen Freund, wie warm

anhänglich und erkennend er ihm zugethan bleibt! Und Schadow's? Ob mein

Briefchen im Rhein ertrunken ist, oder die holde Frau Schadow in den

Carnevalsfreuden? -- Ein Lebenszeichen empfing ich nicht wieder! Soll ich

wagen sie zu grüßen?

Ach! nicht wahr, ob dies Briefchen glücklich hinüberkam, über den

vaterländischen Strom -- das erfahre ich bald -- und von Immermann auch

recht viel -- und von Ihren holdseligen Gedanken, und in welcher Rubrik ich

eingeschoben bin!

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 40 / 49 题