Möller.
18.
Münster, den 9. November 1838.
O, wie sehr, Holdeste, haben mich die jüngsten Zeilen Ihrer lieben Hand
erfreut. Ich konnte sie nicht ungeküßt lassen und fühlte mich dann wie
vermählt mit Ihrem Wesen. O, daß ich Ihrer süßen Lockung nach Derendorf
folgen könnte! Ich bin jetzt durchaus gebunden, aber das Möglichste wird,
so der Himmel will, geschehen. Ein feindseliges Geschick hat mich schon
mehrmals gehindert zu kommen, als sollte ich nur unter Wünschen leben! --
Selbst habe ich bei Ihrer zweiten Durchreise Sie -- auch nicht einmal
-- _erblicken_ sollen! Ich _weiß_ dies nicht zu verschmerzen! -- Selige
Augenblicke, Sie bei mir gesehen zu haben! Sehr Weniges weiß ich jetzt mir
selbst davon zu sagen, -- denn ich habe _nur Sie_, _nur Sie_, Geliebte,
empfunden. Meine Wohnung ist mir viel lieber, seitdem Sie in derselben
geathmet. Hätte ich Sie doch auch in den oberen Theil derselben geführt
-- und dann auch Ihr Schatzkästlein gezeigt, voll weißer, grüner, rother,
lieber Blätter! Das Alles ist jetzt vorüber, wie der Schmuck der Bäume und
Gärten vor den Stürmen des Herbstes. Nur _jene_ Blätter werden mir bleiben
-- sie tragen ja liebe Worte Ihres Herzens! --
Ich freue mich herzlich, daß Sie Ihre vaterländischen Gegenden glücklich
erreicht und die Ihrigen wohlauf wiedergesehen haben. Liebe Erinnerungen
werden Ihnen eine schöne Nachlese von dieser Reise geben. Ich war während
jener Zeit im alten Soest auf einer Synode von sechzig Predigern und
Kirchenältesten, unter welchen ich dem größeren Theile nach befreundet bin.
Im Kreise der Geistlichen befanden sich drei Bischöfe: _Roß_ zu Berlin,
_Eylert_ zu Potsdam, _Dräseke_ zu Magdeburg. -- Nach vierzehn Tagen fuhr
ich nach Arnsberg, eine neue Stadt in modernem Styl gebaut, in einer
schönen gebirgigen Gegend. Ich begrüßte dort mehrere gute Freunde, unter
anderen den Präsidenten _Kesler_, Verfasser des Lebens seines seligen
Schwiegervaters, Doctor Heim, das so unzählige Leser gefunden. Der
Aufenthalt war mir um so lieber, da ich in der Nähe des Stammsitzes meiner
Familie väterlicherseits, Warstein, mich befand. Die Jahre meiner Kindheit
und ersten Jugend sind in diesen romantischen Umgebungen dahingeflogen;
fröhliche Erinnerungen ohne Zahl traten mir dort vor die Seele. Aber jetzt
hatte ich mit Ossian zu singen:
»Ich bin allein auf diesen schweigenden Hügeln!«
Keiner war jetzt dort mir, ich keinem bekannt. -- Darum halte ich mich
so fest an dem, was jetzt noch mein ist. O Theure, bleiben Sie mir
zugethan! --
Der 18. Oktober ist hier in einer großen Gesellschaft von Generalen, von
_Pfuel_,[4] von _Wrangel_ etc. und Offizieren und Beamten und ehemaligen
Mitstreitern gefeiert. Auch mich ergriff das patriotische Feuer, und ich
habe zur Ehre Preußens mit hinreißender Beredtsamkeit geredet, -- ohne
vorher daran _gedacht_ zu haben. Aber alle dankten mir. Ich weiß _noch_
nicht, wie mir geschehen! -- Es ist ein herrliches Gefühl, einmal über sich
selbst erhoben zu werden. Wie selten ist aber Veranlassung, dazu zu kommen,
in unserer trockenen schlechten Welt. Am folgenden Tage wurde ich zum Mahl
auf's Schloß gebeten, wo ich unter anderen in der Familie von Pfuel wohl
aufgehoben war.
Da muß ich nun schließen! Ach, Abschied, immer Abschied -- von der ich
nimmer scheiden möchte. Da steht sie vor mir, die liebe, holde Gestalt! --
-- Ich fasse ihre Hände, ich schmiege mich ihr an. -- Adieu, Adieu! --
Möller.
[4]: General Ernst von Pfuel, 1848 Ministerpräsident und
Kriegsminister.
19.
Münster, den 6. Mai 1839.
Wie haben Sie, Holde, Gütige, mich durch Ihre goldenen Worte erfreut! --
Ich hatte sie nicht geträumt, nicht gehofft! -- Ich eile, sofort sie
zu erwiedern, sofern dies möglich ist! -- Ich erröthe, daß ich mir habe
zuvorkommen lassen, denn wie oft habe ich schreiben wollen. Ich meine dann
immer, ich müsse eine schönere, gedankenreichere Stunde abwarten! -- Jetzt
ist mir der nächste Augenblick der beste. -- Ich fühle mich Ihnen so nahe,
und wie könnte ich das, ohne die süßesten Bewegungen des Herzens. -- Sie
gedenken des Musikfestes. Wie oft habe ich schon desselben gedacht. Es ist
mein ernster Wille, es zu benutzen Sie wiederzusehen, denn die Musik wäre
mir doch nur, so sehr ich sie liebe, Nebensache. Ich komme aber eher los,
wenn ich zum Musikfest reise, wohin alle Welt reist. Was ich beabsichtige,
weiß niemand. -- Es wird mir nicht leicht gemacht, dahin zu kommen, da
alsdann grade geschäftsvolle Tage hier sind. Möge ich wie ein tapfrer
Ritter um seine Dame mich durchschlagen! Es treibt mich sehr, vorzudringen.
Welche Freude wäre mir ein solches Wiedersehen! Ich muß mich üben zu einer
ruhigen Fassung. Auch bin ich hierin schon weitergekommen, so daß ich mit
Ossian singen kann:
»Die stürmenden Winde haben sich gelegt,
Von ferne tönt des Gießbachs Murmeln,
Sanfte Wellen spielen am Ufer ferne.« --
Daß Sie, vortreffliche Freundin, in dem gräulichen Winter an Unwohlsein
gelitten, betrübt mich sehr. Sie müssen immer wohl sein! Ich kann und mag
Sie nicht anders denken, als heiteren Blicks, aus blauem Auge. -- Kehrten
Sie doch noch einmal so in meine Wohnung ein; und dies auf lange und immer
längere Zeit! -- Im Gärtchen säßen wir dann Morgens unter der Kastanie
und Abends in der Weinlaube. -- Lange könnte ich noch fortfahren in dieser
Weise zu denken und immer weiter und schöner zu träumen. Und warum nicht?
Gehört's nicht auch in's Leben? -- Hätte ich nur eine Seele neben mir, die
also sich gehen zu lassen liebte!
Uebrigens haben wir den Winter hindurch doch manche Erfreuung von außen
gehabt; ein sehr gutes Theater und treffliche Conzerte und mancherlei
gesellige Kreise. In die Familie von Vincke komme ich oft, und jetzt ist
im Schlosse auch noch eine andere, die von Pfuel; er ist ein gar wackerer
Mann, und sie eine angenehme, gesellige Dame, so wie ihre Tochter. Beide
waren noch gestern Abend bei uns.
Wenn Sie mir Immermann's neueste Schriften nennen, wird mir ängstlich zu
Muthe. So auch bei den Namen _Freiligrath_, _Uechtritz_, und so manchen
andern schönen Geistern, die unter uns auftreten. Wer möchte sich nicht an
ihren Gaben erfreuen, laben, erquicken, jubeln! Aber im Strome der Zeit,
der täglichen Berufsarbeiten, so vieler anderer nöthiger Studien kommt man
zurück, was man dagegen auch thue. Dabei fast lauter Menschen um sich her,
die nichts dergleichen denken und suchen, in unserem sterilen und hölzernen
Zeitalter.
Den 16. Mai.
Ich bin abgehalten worden, das vorstehende Schreiben zu vollenden.
Sie glauben nicht, meine Theuerste, welch ein Leben voll Arbeit und
unvermeidlichem Getreibe ich führe. Die Hoffnung zum dortigen Musikfest
habe ich noch immer unterhalten, muß sie aber jetzt erwürgen. Welche
Schaaren werden dort sein! -- Ich aber bleibe wie ein Gescheiterter an der
Küste. Was mich tröstet ist einestheils, daß das Getümmel dort so groß
sein wird, daß kaum ein musikalischer Genuß möglich ist, und auch _Sie_ in
demselben mit begriffen sein werden, daß mir Ihre Nähe wenig erquicklich
und genußreich sein würde; das Aergste, was mir begegnen könnte. Daher habe
ich jetzt den Entschluß gefaßt, einer mir gewordenen Einladung nach Koblenz
zu folgen, und auf diesem Zuge auch Düsseldorf oder vielmehr -- Sie zu
sehen. O, des süßen Gedankens, der so unzähligemal in meinem Innersten
aufgewallt, endlich gestillt werden wird! Das menschliche Leben erstirbt
unter Wünschen. Ich erfahre dies in einer ausgezeichneten Weise. Wenn
alles geht, wie es soll, bin ich etwa in der zweiten Woche des Junius in
Düsseldorf. -- Auch jetzt vermag ich beim Gedränge der Geschäfte leider
nichts mehr. Von hier sind auch Viele dort. Hätte ich mich diesen
anschließen können, -- ich hätte die Musica fahren lassen können, um bei
und mit Ihnen zu sein. »Selig allein ist die Seele, die liebt.« -- Tausend
Lebewohl und Herzensgrüße!
20.
Münster, den 4. August 1839.
So eben, holde Freundin, wird mir durch die Engels die Nachricht, daß Sie
in eine weite Ferne reisen, und wohl auch künftighin in andern Regionen
weilen werden. -- Das hat mir eine Thräne in's Auge gerufen. -- Ich
schmiege mich Ihnen an, als ob ich Sie halten könnte und drücke Ihnen
tausendmal küssend die lieben Hände. -- Ach, wann sähe, wann fände ich Sie
wohl wieder! -- Wie könnte ich je aufhören, nach Ihnen zu verlangen, mit
meinem Herzen je ferne von Ihnen sein! -- Wundersam, wie so unablässig
Ihr Wesen mich anzieht. Irgend einmal werde ich doch erfahren, in welchen
glücklichen Gefilden Sie weilen; wo Sie durch Ihr Walten, durch Blick und
Wort, Güte und Liebe, Anmuth und Liebreiz Herzen erfreuen! -- O, wie danke
ich Ihnen, daß dies alles so vielfach durch Sie mir geworden. -- Möge der
Himmel Ihnen durch lauter Liebes, Gutes und Schönes dies alles vergelten!
-- O, wenn Sie in einer lieblichen Natur, Ihrem Bilde ähnlich -- in der
Abendröthe, in einer Sternennacht, auch meiner noch einmal gedächten, und
in dem sanften Schauer, der Ihre Seele durchdränge, die Herzensnähe eines
Freundes ahnten, der so sehr Sie liebt! -- Gott befohlen! Holde Freundin!
Süßes Leben!