Möller.
21.
Münster, den 21. Mai 1840.
Ein wunderschöner Moment des Lebens, Theuerste, ist mir geworden durch Ihr
überraschendes, so eben bei mir eingetroffenes, herrliches Schreiben! Ich
fühle mich davon wie von einem Nectar berauscht. Sie immer noch in den
Gärten der Hesperiden mir denkend, wo ich mich so oft Ihnen nahe geträumt,
wird mir auf einmal der Anblick der Züge Ihrer holden Hand, -- zweifelnd,
ob ich meinen Augen trauen dürfe, bis die Lösung des Siegels Gewißheit gab.
Ich muß es Ihnen offenbaren, daß ich bei der Eröffnung Ihrer Zeilen in den
ersten Augenblicken mehr geküßt, als -- gelesen! Hocherfreut über die treue
Freundin, die kaum von den Apeninnen und Alpen zurückgekehrt, sofort auch
schon des alten Freundes nicht nur gedenkt, sondern auch alle genossenen
Wonnen mit ihm theilt! O, wie dankbar wallt das Herz! Eine so schöne
Bewegung hat es lange nicht erfahren!
Ist es nur ein Traum, Elise?
Jeder Hain und jede Wiese
Ist Gesang um mich herum!
Friede, nie gefühlter Friede,
Tönet hier in jedem Liede, --
Dieses ist Elysium!
Sie lächeln des Schwärmers im Alter? -- Aber was sind Jahre für's Herz! Es
hat nichts mit der Zeit zu thun! -- O wie oft habe ich auf Spaziergängen
die Wolken über mir gefragt, wo Sie weilen möchten! -- Wie oft in
nächtlicher Stunde den Sternen zugeflüstert: Sagt mir, wo sie ruht, und
zwei andere bläulichte Sterne jetzt zum Schlummer sich geschlossen? --
Keine Antwort! -- Plötzlich vernehme ich wie ein Echo Ihres Herzens,
köstliche Botschaft! -- fröhliche Nachricht! -- herzgewinnende,
liebeathmende Worte! Herrliche Mittheilungen über die Reise, -- Lombardei,
Genua, Venetia, Padua, Firenze etc. oder über das Beste und Schönste --
über Sie selbst! Nun erst gefällt mir Italien vollständig! Habe mehr als
zuviel darüber gelesen, daß ich's auswendig kann, -- aber erst jetzt hat
das große schöne Bild für mich Reiz, Leben, warmen Athem erhalten! Wie jede
Stätte uns dann erst recht lieb wird, wo ein uns hochverehrtes und liebes
Wesen geruht, gewandelt, gewebt hat, so mir von nun an _Italia_! -- aber
auch jedes andere noch so klein und gering scheinende Plätzchen. Noch heute
bin ich vorzugsweise gern an der Stelle meines Kanape's, wo Sie vor einiger
Zeit -- ach, nur für Augenblicke! -- meine Wohnung beglückten.
Tausend Fragen und Bemerkungen zu Ihrer Mittheilung kommen mir entgegen --
aber mein ganzes Wesen drängt sich zu Ihnen selbst. -- Ueber jenes
erlauben Sir mir weiterhin mich zu äußern. Ich komme nach einiger Zeit nach
Elberfeld und so auch nach Düsseldorf. Dort werde ich Immermann von Ihnen
erzählen und auch was Sie ihm gesagt wünschen, in zarter Weise mittheilen.
Mit mir ist einiges vorgefallen, was mich sehr angegriffen hat. -- Indem
man dem Prediger _Daub_ die mir angehörige Pfarrstelle an unserer hiesigen
evangelischen Kirche angewiesen, bin ich nach ganz unrichtiger Angabe beim
geistlichen Ministerii (mit Beibehaltung meines Consistorialpostens) als
Pfarrer emeritirt worden. Ich habe gleich protestirt. -- Schon wollte ich
deshalb nach Berlin reisen. Wie hocherfreulich wäre es dann, Sie dort
zu sehn und ganz in Ihrer Nähe zu leben! -- Ja, so sehr, daß mir dieser
herrliche Umstand jenen Vorsatz sehr verstärken und beleben könnte! Auf
einmal durchströmt mich schon Leben und Wonne! -- O, daß Sie so weit
entfernt sind! -- Es ist in Münster jetzt viel schöner als früher, und eine
auch für mich neue Menschenwelt, mit wenig Ausnahmen. Sie fänden hier gewiß
ein freies Leben. -- Freundin Engels, die einen großen schönen Handel
zum Besten der Armen führt, und hier zahlreiche Verbindungen hat, grüßt
tausendmal. -- Wie ungern endige ich! Aber die längsten Briefe würden
nicht ausreichen zu sagen, wie sehr, wie mit der gefühlvollsten Liebe, Sie,
Liebenswürdige, umfaßt, und Ihr ganzes Wesen sich anschmiegt