Möller.
12.
Münster, den 3. Juni 1836.
Heute Mittag, geliebte Freundin, erhalte ich Ihre lieben und abermals
lieben Zeilen! Hätten Sie gesehen, wie die Freude aus meinen Augen
strahlte! Ich habe recht gefühlt, wie lieb ich Sie habe. Ich mußte bald
heraus, Geschäfte abzuthun, Besuche zu machen etc., aber immer dacht' ich
an Sie. Nun komme ich gegen Abend nach Hause, müde vom Pflaster, naß vom
Regen, schmollend, daß ich bei Ihnen nicht schauen konnte -- und eile zum
Papiere, das mein Verlangen nach Ihnen, meinen Dank, meine süßesten Wünsche
für Sie herüberbringen soll. Nimmer hätte mich das Musikfest hier lassen
können, wenn nicht grade an diesem Tage meine Kinder- und Enkelschaar zum
Besuch bei mir angekommen wäre. Ich konnte es nicht über das Herz bringen,
sie, die nur einmal im Jahr zu mir kommen, sogleich zu verlassen; sie
hatten nicht daran gedacht, daß ich an jenem Feste vielleicht theilnehmen
würde. -- Uebrigens war bei meinem Entschluß, mit Professor _Haindorf_ nach
Düsseldorf zu reisen, weniger die Musik, als -- Sie, mein Gedanke. Eine
solche gigantische Musik erträgt kaum mein Nervensystem; sie würde mich in
Entzückungen versetzt und außer mir gebracht haben. Nur eine Weile würde
ich haben zulauschen dürfen, um dort einige Vorstellung von einem solchen
Ocean von Tönen und Stimmen, von einer solchen Musik der Sphären zu
erhalten, alle übrige Zeit hätte ich fern vom Getümmel, an Ihrer Seite
zugebracht und damit erfahren, daß es noch etwas giebt, was eine innigere
Befriedigung gewährt, als selbst die himmlische Kunst der Polyhymnia. Hier
ist viel Rühmens und Preisens von der genossenen Herrlichkeit, und Haindorf
bedauert jetzt innig, Ihnen nicht aufgewartet zu haben.
Immermann's, den ich gar sehr grüße, schöne Wirksamkeit, ist anerkannt
genug, aber zu zahlreich sind noch die groben deutschen Tolpatschen,
mit ihren langen Ohren, die Luther schon gezüchtigt, vor denen die Musen
reißaus nehmen müssen. Ein unschlachtiges Geschlecht! -- Ich blicke im
Geiste Sie an, und bin wieder mit der ganzen Welt versöhnt. Wie lange
schriebe ich noch gern! -- O, leben Sie wohl! -- Mit Herz und Seele der
Ihrige
Möller.
13.
Münster, den 13. August 1836.
Es macht mir, vielgeliebte Freundin, eine eigne Freude, Ihnen etwas, das
Sie für Ihren Garten gewünscht haben, gleich zusenden zu können. Noch
stehen Sie als Gärtnerin vor mir, -- den Rechen in der Hand emsiglich
arbeitend, indem ich Sie überraschend umschlinge, und in den blauen Himmel
Ihrer Augen schaue! -- Könnte ich Ihnen nun auch pflanzen helfen und so
lange bei Ihnen bleiben, daß ich die röthliche Frucht Ihnen reichte! --
Ich bin nun so weit wieder von Ihnen! -- Wie habe ich mich bei Ihnen
und mit Ihnen gefreut. Wie sehne ich mich wieder zu Ihnen! Es waren doch
liebliche Stunden. Wie danke ich Ihnen für jeden Augenblick, obwohl keine
volle Befriedigung! -- Es ist mir wie ein Traum flüchtiger Gefühle. Ein
so kurzes Zeiträumchen sollte man Sie nicht besuchen. Ich hatte mir
eingebildet, ein paar Tage in Rolandseck mit Ihnen zu verleben, ein Wunsch,
den ich gleich beim ersten Wiedersehen gegen Sie aussprach. -- Erstes
Wiedersehen! -- Wie gern wiederholt es mir die Phantasie!
Die Engels hat mir mit hellen Farben den schönen Abend bei Ihnen vorgemalt,
mit dem Zusatze, daß auch meiner gedacht sei von Ihnen! Sie weiß nicht
ganz, wieviel sie mir damit gesagt hat.
Indem ich Immermann grüße und danke, sage ich Ihnen das schönste Lebewohl!
O daß eine gütige Schickung mich bald wieder zu Ihnen führe! Fröhlich in
Hoffnung küßt Ihre lieben Hände der Ihnen so ergebene
Möller.
14.
Münster, den 25. Mai 1837.
Endlich, theuerste Frau Gräfin, komme ich zu dem frohen Augenblick,
Ihnen schreiben zu können. Wie sehr habe ich längst darnach verlangt! Wie
vielmehr nach Ihnen selbst! -- Ein schönes Wohlgefühl durchdringt mich bei
dem Gedanken, daß auf diesen Zeilen Ihre lieben Blicke weilen werden!
Es ist der erste schöne Frühlingsmorgen, den ich erheitert in meinem Garten
zugebracht habe und der mir durch die Vorstellung noch schöner geworden,
daß ich sofort Ihnen schreiben wollte. Ich habe lebhaft gedacht, daß Sie
auch dieses Morgens sich freuten; aber auch wie viel Sie entbehrt bei dem
ewigen Zögern des Frühlings. Man hat hier kaum einzuheizen aufgehört. Der
Nord hat Blüthen und Nachtigallen fast bis auf heute hier verscheucht. Doch
ein Aergeres noch ist uns hier, und namentlich auch mir, durch die Grippe
widerfahren. Diese hat mich wie eine Harpye lange umklammert gehalten, wie
jene Riesenschlange einst den Laokoon, und monatelang habe ich mich
nicht von ihr loswinden können. Ich habe nie solche entsetzliche Gefühle
gekannt. -- --
15.
Münster, den 22. Februar 1838.
Daß Sie, theure Frau Gräfin, seit kurzem zweimal durch einen lieben Gruß
mir Ihr köstliches Andenken bewiesen, hat mich mehr erfreut, als ich zu
sagen vermag. Es hat mich gerührt, da ich nach so langem Schweigen solcher
Großmuth mich nicht werth gefühlt. Ja, es hat mich entzückt, eine
solche immer gleiche Güte und Treue! O, daß ich bei Ihnen wäre, und mit
seelenvollen Worten und Blicken Ihnen, holde Freundin, danken könnte. Ach!
wie oft wünsche ich mir Ihre liebliche Nähe, versetze mich in dieselbe,
vergesse dann den rauhen Winter und athme Frühlingsluft. Noch habe ich es
nicht verschmerzt, daß ich im vorigen Spätsommer Sie nicht sah. -- Eine
plötzliche Versetzung zu Ihnen wäre mir ein Himmel gewesen.
Das alltägliche Lebensgetreibe hat, je länger je weniger Reiz für mich. Ich
lebe zurückgezogen, doch freilich nicht ungesellig, was meinem ganzen Wesen
widerstrebt. Aber des wahrhaft Freundschaftlichen wird immer weniger
bei dem Egoismus und Materialismus der Zeit. Mögen die Eisenbahnen kein
Sinnbild eines werdenden eisernen Säculums sein!
Es ließ sich mit Anfang der herben Zeit das gesellschaftliche Leben gut an;
sehr gutes Theater u. s. w. Da erhob sich der Kampf mit dem Erzbischof
und päpstlichen Stuhle, worüber sich sogar eine städtische Revolution
einstellte, von der die Zeitungen zum Ueberfluß berichtet haben. -- Die
nächsten leidigen Folgen am hiesigen Orte sind ein Zerfall der geselligen
Verhältnisse, Partheisucht und Erbitterung. Alle Zurechtweisungen und
Belehrungen durch so viel Königliche- und Ministerialerklärungen und so
manche treffliche Brochüre sind vergeblich. Adel und Geistlichkeit und das
durch letztere aufgeregte Volk meinen, es sei himmelschreiend, so mit einer
Erzbischofsmütze und selbst mit dem Abgott zu Rom zu verfahren. -- Ich
aber habe mich dessen von Herzen gefreut und habe jetzt unsern ritterlichen
König noch einmal so lieb. Oft habe ich an Klopstocks Worte in seiner
Ode an Kaiser Joseph gedacht, als dieser seine große Fehde mit dem Papste
begann:
»Nun mag der dreikronentragende Obermönch,
Mit seinem purpurbemäntelten Mönchlein,
Das Kanonsrecht, so weit er wollte, beschielen
Denn _Du_ wirst sehn!« --
Eine herrliche Unterbrechung dieser odiösen Dinge war das Fest der
Freiwilligen im Anfang dieses Monats. Der Verein war zum Gastmahl der
tapfern Männer, deren hier über hundert anwesend waren, mit Trophäen
geschmückt; die Kriegsmusik und Körner's Lieder ließen sich hören und auch
die deutschen Frauen und Mädchen freuten sich im höhern Chor des Lebens bis
in die nächsten Tage fort. Ich versetzte mich nach Breslau, wo mich, wie
so viel Tausende, das Wort des Königs, der in unserer Mitte war »an mein
Volk!« entzückte und hinriß. Auch Sie waren dort -- wie ich viel später
hörte -- wie sehr hätte ich Sie da sehen mögen -- eine wackere Thusnelda!
Die Engels empfiehlt sich Ihnen mit herzlicher Ergebenheit. Sie ist
sehr wohl und mit ihrem glücklichen Handel[3] innig vermählt. Ich liebe
eigentlich _solche_ Vermählungen nicht. Sie kommen mir so kalt vor, wie
einst die Vermählung des Dogen von Venedig mit -- dem Meere! -- Wie viel
lieber vermählte ich mich, holdeste Freundin, mit Ihrem Herzen! -- O, leben
Sie wohl und auch immer ein Bischen eingedenk des Ihnen mit Wärme ergebenen
Möller.
Unser Immermann ist, wie ich höre, mit Herrn _von Voß_ und Andern auf dem
Jubelfeste zu Köln gewesen. Ohne Zweifel hat er es mit poetischen Kränzen
geschmückt. -- Möchte doch der schöne Cirkel, dessen Mittelpunkt einst
_Sie_ und Ihre Güte hier waren, noch fortexistiren! Das dünkt mir jetzt
eine _goldene_ Zeit, -- leider auch mit Anrufung aller himmlischen Mächte
nicht zurückzuführen! -- Aber die schöne Erinnerung thut mir noch heute
wohl, und Ihre liebe Hand küsse ich noch jetzt dafür mit Dank und süßer
Liebe! -- Freundlich lächle Ihnen, nach unsern jetzt so herrlichen
Sternennächten, jeder Morgenhimmel und verbreite Frieden und Freude über
das Herz der Holden, die ich meine! --
[3]: Christiane Engels hatte einen kleinen Handel zum Besten der Armee
errichtet.
16.
Münster, den 16. Juni 1838.
Wie sehr, theuerste Frau Gräfin, Ihr jüngstes holdes Schreiben tief im
Herzen mich erfreut hat, wie sehr es mich zu Ihnen hingezogen hat -- wie
wäre das in Buchstaben darzulegen! Es hat bei mir angeklungen, wie einst
der Ton der Memnonssäule beim Sonnenaufgang! Es hat in mir eine Sehnsucht
erregt nach Ihnen, die zum Schmerz werden würde, wenn ich nicht mit
Zuversicht darauf rechnen könnte, Sie bald zu sehen. -- Ich reise morgen
nach Bremen und will von da zurück, so daß ich in gerader Richtung zum
Rhein komme und zu dem heitern Dörflein, wo eine Liebenswürdige waltet, der
ich so oft, mehr als sie glauben kann, im Geiste nahe bin! -- Es mögen
wohl nahe an drei Wochen vergehen, bis ich zu diesem schönen Ziele komme;
wahrscheinlich noch früher. Alsdann hoffe ich den Strom noch weiter
heraufzukommen. Fände sich doch dort irgendwo auf ein paar Tage ein
gemeinschaftliches, schönes Plätzchen! -- Sollten Sie etwa um dieselbe Zeit
verreist sein, so möchte ich inständig bitten, mir durch ein paar Zeilen
Kunde zu geben, wo Sie athmen, wo Sie wandeln, wo die Fluren Ihnen zu Liebe
schöner werden, damit ich womöglich Sie aufsuchen könne.
Für die Festbeschreibung von Immermann danke ich Ihrer Güte mehr als
einmal! -- Sie ist gar schön, glänzend Styl- und Dichtkunst. In unserem
ganzen Reich ist sicherlich nichts Schöneres, ja nichts Gleiches
erschienen. Wäre ich König, ich sagte zu Immermann: »Setze Dich zu meiner
Rechten!« --
Darf ich glauben, daß Sie mir noch gut sind? Ihr Schreiben trägt die
_grüne_ Farbe! Das soll mir Hoffnung geben! -- Adieu, adieu!