Möller.
8.
Münster, 3. November 1833.
Theure Frau Gräfin!
Ihre unerwartete Zuschrift hat mich eben so hoch entzückt, als tief
niedergeschlagen. Die letztere Empfindung -- ich schreibe dieses, nachdem
ich eben erst die Züge Ihrer lieben, lieben Hand empfangen, -- ist noch die
vorherrschende. Nein! ich kann es mir nicht vergeben, daß ich so unbesonnen
rasch, ja, so dumm und toll verfahren.[2] Ein feindseliger, neidischer
Dämon muß es gewesen sein, der mir immer zuraunte, daß Sie nicht kämen,
sicher nicht kämen, nicht kommen _könnten_ -- und mich so zum wüsten Köln
entführte. Das in Elberfeld vorgefundene Briefchen Ihrer Güte wollte mich
nun auch gewissermaßen hierüber trösten. Nun aber sehe ich alles anders.
Sie sind also doch in Godesberg gewesen! Ach, mehr als jemals würde es sich
mir verklärt haben, hätte ich es mit Ihnen wieder betreten, mit Ihnen es
genossen, wie würde mir der Mißmuth über das Verfehlen meines eigentlichen
Reiseziels versüßt, ja, sofort ganz und gar vergessen worden sein! O, wie
beschämend ist der Takt und die Standhaftigkeit eines weiblichen Herzens
gegen die Verkehrtheit und Unbeholfenheit der meisten Männer, die nach
meiner und fremder Erfahrung dem leidigen Schicksal unterliegen, in
entscheidenden Augenblicken des Handelns linkisch zu verfahren. Ich bin arg
dafür gestraft, so sehr, daß ich lange daran genug habe.
Und nun, großmüthige Freundin, schreiben Sie mir noch dazu! Könnte ich doch
in diesem Augenblicke Ihnen die liebe, liebe Hand küssen, in's liebe Auge
blicken! Die Ungeduld -- o, wie ergreift sie mich, holde, süße Freundin!
Daß die _Paalzow_ meiner noch gedacht, hat mich überrascht. Es waren schöne
Tage in Godesberg, wo ich sie sah, und auch an Mondabenden ihr geistreiches
Spiel und Gespräch genoß, das noch unvergessen bei mir ist. Die Kohlrausch
war auch da. Ich mußte mich mit Gewalt von Godesberg wegreißen. Gern sagte
ich der Paalzow meinen schönsten Gruß, wenn ich sie zu finden wüßte.
Sehr danke ich für die Worte über Immermann. Möchte er bald und frisch
und wohl wiederkommen. Zu seiner Zeit wird über seine Reise Näheres kund
werden, was von _ihm_ mitgetheilt, jeder gern vernehmen wird.
Oft habe ich Sie im Geiste zum Rhein blicken sehen, auf seine empörten
Wogen, seinen brausenden Sturm, eine Ariadne, -- doch ohne deren Klagen!
Wie lange wird es währen, ehe der Himmel die Erde wieder küßt, und sie
damit zu seiner blühenden Braut erhebt! --