Ihrem herzlich ergebenen

Möller.

2.

Münster, den 25. April 1831.

-- Ich habe nun auch die Frau _von Aachen_ gesprochen, und gehört, daß Sie

uns freundlich entgegengesehn, und des schönen Frühlings sich freuen. Ich

weiß wie Sie den Himmelsjüngling lieben,

»Wenn er kommt aus seiner Morgenröthe Hallen,

Und sein Antlitz ist ihm weiß und roth,

Und auf seiner Schulter Nachtigallen!«

Möchten wir ihm in der Neanderhöhle einen Maitrank opfern können!

Christiane präparirte ihn, unser Immermann besänge ihn, Sie, als

Priesterin, verrichteten die Libation, und ich (nicht etwa: Ich trinke für

Euch Alle!) reichte ihn segnend umher von Mund zu Munde. Welch eine Scene!

Ich meine schon dabei zu sein. Zum Schlusse hallten dann die Felsen nach

von einer Novelle, deren ich neulich gar schöne in Immermann's »Miscellen«

gelesen. Wie reich sind die Gaben unseres Freundes! In unseren Haiden kommt

dergleichen nicht vor.

3.

Münster, den 25. Juni 1831.

Wie könnte ich, meine Verehrte, so frühlingsduftige Worte wie die Ihres

lieben Grußes, einen Augenblick unerwiedert lassen? Wäre ich doch nur der

Frühling selbst, dem Sie immer so hold gewesen, um alles auf's schönste zu

vergelten. Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ist sie doch lieblicher

als alle Gaben des Lenzes. Gewiß hat die blühende Natur auch Ihrem Herzen

manches stille Fest bereitet. Möge nur der leidige Medardus Ihnen und

allen Kindern der Natur die Freude nicht verderben. Das wäre auch mir sehr

genehm, da ich zu großen Thaten hinaus in die Welt will -- zum Weltmeer,

zum Kampf mit seinen Wogen und Delphinen.

Ihr Staunen über solchen Heroismus wird schnell wie eine _Woge_ sinken,

wenn ich sage, daß ich zum Seebade auf der Insel Wangerog (bei Jever im

Oldenburgischen Frieslande) mich aufzumachen gedenke. Es ist mir sehr

empfohlen. Vier bis fünf Wochen muß ich jedoch noch damit anstehen. Damit

wäre denn Zeit genug für die liebe Frau Generalin, sich anzuschließen.

Wie würden Sie, eine Tochter des Meeres, mit diesem Elemente mich vertraut

machen können, wie mir Muth einflößen, mich auf den Rücken des Oceans, und

in dessen Fluthen zu wagen! -- Könnte dies nicht wirklich werden, so gönnen

Sie mir wenigstens Ihre Erscheinung auf den Wogen oder Dünen, denn wie ich

wohl gehört, ist auf Meeren manches Mystische. Bericht soll Ihnen von

dem Abentheuer werden; am liebsten mündlich; ich denke nun die lange

verschobene Reise nach dem Rhein gleich an die Wassertour zu knüpfen. --

Ihnen dann meinen Gegengruß zu sagen, wäre die Krone der Reise.

Viel häusliche Freude ist in diesen letzten Wochen mir geworden durch

Besuche von meinem Schwager dem Dichter _Krummacher_ aus Bremen, und dessen

Familie; von meinem Sohne zu Lübbecke und meiner Tochter _Gessert_, die

eben jetzt noch bei mir ist, und sich Ihnen mit dem ergebensten Herzen

empfiehlt. -- Freundin Engels treibt mich, daher ich zum letzten Worte

eile -- daß Sie mit Ihrem lieben Herzen zugethan bleiben wollen Ihrem innig

ergebenen

Möller.

4.

Münster, den 8. November 1831.

Es ist nicht anders, liebe Verehrte, ich muß noch ein Wörtchen Nachruf zu

Ihnen herüber lispeln lassen. Wer kann gegen das Getreibe des Herzens. Ich

meine Ihnen noch nahe zu sein, trotz den zwischen uns liegenden Strecken,

»Wo im Sande der Weg verzogen fortschleicht.«

Möchte ich für so viel Güte Sie mit einer anziehenden Reisebeschreibung

erfreuen können. Aber weder die öden Haiden, noch die zahlreiche

Passagiergesellschaft, mit der ich in dem großen Kasten eingepfercht war,

wollen mir Stoff dazu reichen. Um jene interessant zu machen, müßte mir

die Phantasie eines Georg Jacobi, der die in seine Gedichte aufgenommene

Winterreise von Halberstadt nach Düsseldorf so lieblich erzählt, und um aus

dieser etwas zu machen, der reiche Humor eines uns wohl bekannten Freundes

beistehn. -- Als ich abfuhr schimmerten noch die Lichter des Himmels, von

denen Jesus Sirach sagt: »Sie wachen sich nicht müde!« -- Der trübe Morgen

verscheuchte sie bald, allmählig wurde der Tag freundlicher, und als er

sich neigte, zogen die Sterne wieder herauf, und in schöner Pracht schien

der Orion grade in mein Wagenfenster. Immer habe ich diese Himmelskinder

geliebt; schon als Knabe konnte ich mich oft nicht satt an ihnen sehn.

Seltsam war es mir da zu hören, daß die Grönländer die Sterne für verklärte

Grönländer halten, und den Mond für den ersten unter ihnen, weil er

einst die mehrsten Seehunde gefangen. Freilich muß der Mensch sich alles

vermenschlichen, womit er sympathisiren soll! Ich sah zu ihnen auf, wie zu

alten, lieben Freunden, und in einem von ihnen gar freundlichen und milden

glaubte ich Ihren Blick zu sehen. Endlich war die Mitternacht gekommen, sie

brachte mich an meine Wohnung. Die Augen meiner Freundin hatten sich wacker

gehalten; gleich beim Geklingel der Schelle kam sie mir herzlich entgegen,

und eine der ersten Fragen waren Sie -- ich brachte ihr mit Innigkeit Ihren

innigen Gruß. Noch wurde eine Stunde fröhlich verschwatzt, nun aber war

es mit meinem langen Heldenlaufe aus, und ich schlich ermüdet zum Schlafe.

Heute bin ich wieder frisch auf, und ich habe mich bereits an vorgefundenen

Briefen von meinen Kindern und Freunden, von Krummacher, von Professor

_Augusti_ in Bonn u. a. m. ergötzt. -- Der Letztere, mein herzlicher

Freund, thut mir unter anderem den Vorschlag, daß wer von uns beiden den

andern überlebt, ihm ein kleines schriftliches Denkmal stifte. »Sie haben

dies,« schreibt er, »bei Berg und Nonne mit so viel Liebe und Einsicht

gethan, daß ich mir's als etwas recht Erwünschtes denke, eben von Ihnen

einen solchen Dienst zu erhalten. Sollte ich aber Sie überleben, so würde

ich, obwohl mit schwerem Herzen, Ihnen ein gleiches thun. Lachen Sie

nicht über den seltsamen Einfall! Wir sind in Hinsicht der Denkart und des

Gefühls nahe genug verwandt, um auch in dieser Hinsicht für einander zu

passen, und daß es dem Zurückbleibenden darum nicht übel anstehn würde,

zu sagen: »es ist mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan!« -- Wie sehr

hat mich das alles gerührt, und mir meinen Augusti wo möglich noch lieber

gemacht!

Jetzt kommt für mich die liebe Arbeit herbei, die mich eine Zeitlang nur zu

sehr festhalten wird. Aber für schöne Erinnerungen soll sie mir doch Raum

lassen. -- Wenn Sie mitunter ein geisterhaftes Säuseln um sich vernehmen,

so erkennen Sie darin die Nähe eines Freundes, der zu seinen liebsten

Gedanken auch den an Sie zählt! Wie ist es mir so lieb, daß ich nun auch

Ihre nächsten Umgebungen weiß. An Immermann meinen besten Gruß. Seinen

jüngsten Gedichten habe ich manche schöne Stunde zu verdanken. Ich habe

es ihm aber nicht gesagt, weil ich mir zu wenig bin, solchen Dichter zu

preisen. -- Vorgestern, in eben der Stunde, wo ich dieses schreibe, sagte

ich Ihnen ein Lebewohl. Möchte es nicht zu lange dauern, daß ein Willkommen

darauf folge! Ganz und von Herzen der Ihrige

Möller.

5.

Münster, den 31. Mai 1832.

Ich kann es nicht bei den mündlichen Herzensgrüßen bewenden lassen, die

ich so eben der Freundin Engels auf den Weg gebe, für Sie -- verehrte und

geliebte Freundin! Ein lebendigeres, aber doch leider in todte Buchstaben

gebanntes Zeichen meiner zu Ihnen sich neigenden Seele möchte ich vor Ihnen

erscheinen lassen. Noch klingt in meinem Innersten der Silberton Ihres

letzten Grußes. Wie sehr danke ich dafür! Möchte ich zugleich mit der

Engels in Ihre ländliche Wohnung eintreten können, und so den Frühling

doppelt sehen! Aber ich werde nach Bonn, und wie, wenn ich dann mit

Ihnen eine Rheinfahrt machen könnte! Sie sind ja eine Vertraute des

Wasserelements wie Amphitrite! Der dritte Mann, ein wackrer Tritone, fände

sich dann wohl auch. Ich bitte um die Gefälligkeit, ihn zu grüßen; sein

Kranz auf Goethe's Sarg hat mich gerührt. Haben Sie, meine Theure,

etwa auch schon Falk's Denkschrift auf Goethe gelesen? Ich fand viel

Interessantes von dem interessanten Falk. Ich will hoffen, Sie haben sie

noch nicht gelesen und darum mir erlauben, sie Ihnen zu senden mit der

Bitte, sie in Ihren lieben Händen zu behalten. So etwas kann mir nicht

anders als ein süßer Gedanke sein.

6.

Münster, den 4. Septbr. 1832.

-- Sie glauben wohl nicht ganz, wie sehr ich Sie liebe, wie der holde

Gedanke an Sie mir wie ein frischer Thautropfen ist, in welchem die

schönsten Farben des Morgenhimmels sich spiegeln. O bleiben Sie dem alten

Freunde treu und ertheilen ihm dadurch eine verjüngende Kraft!

Unser gemeinschaftlicher, lieber Freund _Kohlrausch_ ist im Begriff zu uns

zu kommen. Möge er eilen, daß ich ihn nicht noch verfehle. Er hat mir, seit

er Münster verlassen, keine Zeile geschrieben, auch selbst da nicht, als

ich ihm vor einem Vierteljahr ein Gedicht auf seine silberne Hochzeit

drucken ließ und dieses mit einem theilnahmsvollen Briefe an ihn nach

Hannover schickte. -- Ich bin nicht irre geworden; er liebt dennoch, weil

er muß! -- Leben Sie wohl, liebe Holde! Gruß an Immermann, aus dessen

»Alexis« ich bereits einiges auswendig weiß. Mit vollem Herzen

der Ihrige

Möller.

7.

Münster, den 30. Dezember 1832.

Wie habe ich doch einen so langen Zeitraum hinschwinden lassen können,

theure Gräfin, ohne Ihnen zu danken! Ach! Im Getreibe meines Lebens wollen

so oft die liebsten Vorsätze nicht zur Wirklichkeit kommen! -- Dennoch habe

ich mehr als Sie denken mögen mit Ihnen gelebt. Meine täglichen einsamen

Ausflüge in's Freie sind meistens solchem idealischen Leben gewidmet.

Wollen die Haiden nichts geben, so müssen mir die Wolken eine Schweiz

bilden; da besteig' ich dann mit Ihnen den Rigi, oder wandle mir Ihnen im

Haslithal, oder wir schiffen auf dem Lac. Oder ich wiederhole mir den Gang

nach Derendorf, wo mir eine Gestalt erschien, die mich wundersam hinzog

-- bald mich ahnden ließ, daß Sie in derselben verborgen seien -- bis

ein kühner Blick unter Ihren Hut mir die süße Gewißheit gab. -- Schöner,

unvergeßlicher Augenblick, kehrtest du mir hier wieder! -- Vergeblicher

Wunsch! -- Bei Ihnen werden die friedlichen, die schönen Künste gefeiert.

Mit Freude vornehme ich, daß sich um Herrn Immermann ein auserlesener Kreis

bildet, ihn vorlesen zu hören. Die Iphigenie hat hoch gefallen. Möchte ich

dabei sein können! Es würde ein Fest für mich sein, das Opern, Conzerte

etc. weit hinter sich ließe. So habe ich nirgends sonst lesen gehört.

Düsseldorf wird sich zur Kunststadt erheben. --

Ich fasse Ihre Hand! -- Liebe, liebe Freundin!

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 25 / 49 题