Tiefe, Feinheit und Schärfe der Auffassung. Es lag ein Zauber darin,
sich mit ihr über Lebensverhältnisse und über Gegenstände der Kunst und
Literatur zu unterhalten, weil sie mächtig von allem Schönen ergriffen
wurde, und es, wie mit seinen Fühlfäden begabt, überall herausfand; eine
edle Regung in einem Menschen, eine bedeutende Idee in einer Dichtung, eine
Schönheit in einem Kunstwerk entgingen ihrem Auge nie; sie hatte wie einen
sechsten Sinn dafür. Darum war ihr Beifall und ihr Umgang vielen Dichtern
und Schriftstellern so unschätzbar, weil sich in Einem Kopfnicken, in Einem
zustimmenden Lächeln, in Einem leise hingeworfenen Worte _Elisens_ mehr
Verständniß und mehr tiefes Eingehen aussprach, als in mancher geistreichen
und wohlgesetzten Rede eines Andern. So sehr wie alles Hohe, Edle und
Poetische sie anzog, so sehr war ihr alles Rohe und Gemeine in tiefster
Seele zuwider; wenn sie gegen ein Buch, oder einen Menschen ihre Abneigung
erklärte, so konnte man sicher sein, daß etwas Unschönes oder Geringes
an ihm war. Ihr Urtheil war im Ganzen sehr milde, aber durchaus fest und
entschieden; sie ließ sich nie durch fremden Einfluß bestimmen, sondern
schöpfte es nur aus ihrem eigenen Geiste und eigenen Gefühl. Eine Dichtung
würdigte sie nur als solche, allein vom ästhetischen Standpunkt aus, ohne
sich je durch Partheirücksichten dabei beschränken zu lassen. Auf ihre
ganze Umgebung wirkte sie so mächtig, daß Jeder, durch sie angefeuert,
seine edelsten Seiten herauskehrte, und was von Geist und Talent noch als
verschlossene Knospe geruht hatte, ihr gegenüber zur schönsten Blüthe sich
entfaltete.
Hiermit glauben wir einigermaßen angedeutet zu haben, wie sehr _Elisa_
befähigt war, der Mittelpunkt einer anregenden und reizvollen Geselligkeit
zu sein, ein Talent, das leider immer seltener wird, und beinahe zu
verschwinden droht. Sie liebte es, daß man bei ihr vorlas, und dann über
das Mitgetheilte seine Gedanken austauschte. Wir nehmen aus dem Briefe
einer ihrer Freundinnen die folgende Schilderung jener schönen Abende bei
_Elisen_. »Es bestanden damals Abendcirkel bei der geliebten Elise, an
denen sie uns viel, wenn ich nicht sagen will, fast immer Theil nehmen
ließ. Es wurde dann vorgelesen, auch mit vertheilten Rollen, wie namentlich
»Tasso,« zu dem sie auch uns welche zutheilte. Dabei waren Henriette
Paalzow, dann eine würdige, alte, geistreiche Dame, Frau von Aachen, der
alte Consistorialrath Möller, zwei Offiziere, Lieutenant Hoffmann und
Lieutenant Rördantz, und noch einige Andere, so wie überhaupt dieser Cirkel
kein streng abgeschlossener war, und Lützow, so wie noch mehrere
ganz heterogene Elemente, den Thee mit dabei tranken, und darauf in
abgesonderter Unterhaltung und abgerücktem Platze den Abend auf ihre Weise
auch da verlebten. -- Sie, die liebliche Sylphe, mit den treuen, blauen
Augen, den blonden, klaren Locken, den zarten, durchsichtig weißen, feinen
Händen, war die Seele der kleinen Versammlung, und wenn wir uns spät von
ihr trennten, und bei Sternenhimmel und Mondenschein der kleine Schwarm
heimzog, so war es immer noch in Begeisterung und im Nachhall der schönen
Stunden, die wir bei ihr zugebracht, was Eins vom Andern hörte, bis wir
uns allgemach auf dem Heimwege von einander abgetrennt hatten. Das war eine
liebe, unvergeßliche Zeit!« --
Ein seltsames Mißverständniß war es, daß, als im März 1819 Kotzebue von dem
Studenten Sand ermordet worden war, ein ganzer Zug von Münsteranern, die
freilich nicht zum nächsten Umgang _Elisens_ gehörten, zu ihr kam, um ihr,
die sie an allen Dichtern ein so lebhaftes Interesse nähme, wegen dieses
Ereignisses ihr Beileid zu bezeigen. _Elisa_ mußte lächeln, denn grade,
_weil_ sie die echten Dichter liebte, war ihr der rohe und gemeine Kotzebue
immer zuwider gewesen! --
Im Frühjahr 1819 verließ Adele von A. mit ihrem Gatten Münster, um es
gegen Königsberg zu vertauschen. _Elisa_ trat nun mit ihr in eifrigen
Briefwechsel, wie sie überhaupt mit allen ihren entfernten Freunden in
beständiger Beziehung blieb. Sie vermißte Adelens vertraute Nähe;
doch sollte bald darauf eine andere Erscheinung in jenen Kreis voll
Empfänglichkeit für alles Schöne und Gute, voll Geist und Leben treten, und
dieser schönen Geselligkeit einen neuen Reiz geben; es war dies ein junger
Dichter in der ersten Frühlingsfrische seines Daseins, sich des Genius noch
kaum ganz bewußt, der eben erst in ihm seine Schwingen zu regen
begann. Karl Immermann, geboren 1796 zu Magdeburg, war, nachdem er bei
Belle-Alliance den Kampf für das Vaterland mitgekämpft, 1817 in den
Staatsdienst getreten, und nachdem er bis 1819 als Referendar in Magdeburg
und Groß-Aschersleben gearbeitet, als Auditeur nach Münster versetzt
worden.
Der erste Anlaß der Bekanntschaft war ein geschäftlicher. Bei den
verwirrten Vermögensverhältnissen des Grafen Friedrich, erhielt _Elisa_
weder ihr mütterliches Erbtheil, noch die ihr von ihrem Vater verheißenen
Einkünfte ausgezahlt, und in diesen widrigen Angelegenheiten, die sich
jahrelang schon hingezogen hatten, bedurfte _Elisa_ des Raths und der Hülfe
eines Rechtskundigen. Der junge Auditeur schien hiezu vorzüglich geeignet,
und wurde ihr zugeführt.
Gleich bei dem ersten Besuche war dieser von der neuen Erscheinung, die
sich ihm in der reizenden Dame zeigte, wie geblendet und berauscht. Er
hatte bisher in ziemlich engen und beschränkten Verhältnissen gelebt, nie
war ihm eine Frau vorgekommen, die auch nur entfernt an diese heranreichte.
Alle die Eigenschaften, welche wir an ihr geschildert, mußten ihn
unwiderstehlich zu ihr hinziehen; er glaubte das Ideal seiner Träume
verwirklicht zu sehen. Nie hat Tasso mit mehr Bewunderung und Liebe zu der
Prinzessin von Este aufgeblickt, als Karl Immermann zu _Elisen_. Dieser
Vergleich liegt uns um so näher, da _Elisens_ Freunde sie häufig der
edlen Leonore ähnlich fanden; sie hatte dieselbe feine, vornehme Seele, den
milden Ernst, die mondscheinartige Schwermuth, die sanftglühende Innigkeit
wie jene, und die Hoheit ihres Wesens gebot zugleich Scheu, indem sie
anzog.
Immermann hatte wohl schon auf der Universität seine ersten dichterischen
Versuche gemacht, aber hier in Münster erst, in so begeisternder und
fördernder Nähe, erwachte in ihm mächtig die Lust zum dichterischen
Schaffen, und in rascher Folge entstanden in den vier Jahren, welche er in
Münster zubrachte, unter den Augen _Elisens_ die Gedichte »Jung Osrik« und
»das Requiem,« das Lustspiel »die Prinzen von Syracus,« die Trauerspiele
»das Thal von Ronceval,« »Edwin,« »Petrarca,« eine Sammlung Gedichte
und der viel zu wenig bekannt gewordene Roman »die Papierfenster eines
Eremiten,« in dem die Seelenzustände eines feurigen, jungen Herzens mit
großer Wahrheit geschildert sind. Dann dichtete er das Trauerspiel »König
Periander und sein Haus,« das Lustspiel »das Auge der Liebe« und endlich
die feine und geistvolle Novelle, »der neue Pygmalion.«
Er selbst war nicht weniger als seine Freunde erstaunt über diese
plötzliche Productionskraft, die wie ein neues Glück über ihn gekommen war;
in zarten, lyrischen Ergüssen, die er niemand zu zeigen wagte, feierte er
diejenige, welche durch ihre Anregung all diesen Reichthum in ihm geweckt
hatte, und in seine entzückte Dankbarkeit mischte sich der Schmerz, daß sie
ihm so unerreichbar fern stand, noch ferner als Tasso'n Leonore.
_Elisa_ genoß mit reiner Freude diesen Verkehr mit einem jugendlich
strebsamen Geiste, der sich so schön entfaltete. Ihre Gesellschaftsabende
nahmen einen noch lebhafteren Aufschwung als zuvor; oft las Immermann dort
mit seiner kräftigen, wohltönenden Stimme aus Goethe, Kleist, Shakespear
und Calderon vor, und fesselte durch seinen ausdrucksvollen Vortrag;
dazwischen las er seine eigenen Werke, in denen er die Empfindungen seines
Herzens frei ausströmen ließ; die Gespräche, welche sich daran knüpften,
waren für den jungen Dichter von unbeschreiblichem Werth, und besonders
_Elisens_ Urtheil entscheidend für ihn. Seine glänzenden Gaben kamen hier
zur schönsten Geltung; eine eigenthümliche Mischung von scharfem Verstand
und lebhafter Phantasie, eine liebenswürdige Erregtheit, gaben seiner
Persönlichkeit etwas ungemein Gewinnendes.
Adolf Stahr, in seiner vortrefflichen Biographie Immermann's, schildert uns
den Dichter, wie er ihn gesehen, als er bereits in den Vierzigen war, von
mittler Größe, aber stark und kräftig gebaut, eine gedrungene, antike,
römische Gestalt mit breiter Brust und starken Schultern, wie einer der
alten Imperatoren. »Eine breite, hohe majestätische Stirn,« sagt Stahr
weiter, »von dem starken, dunkeln, schon hier und da in's Graue neigenden,
schlichten Haare mäßig beschattet, spiegelte eine gehaltene Hoheit und
Ruhe, welche durch die kräftig geschlossenen Lippen und das scharf und
tief blickende Auge zu dem Charakter strengen Ernstes und fester
Entschlossenheit gesteigert wurde.« Damals jedoch, wo _Elisa_ Immermann
kennen lernte, war er dreiundzwanzig Jahre, schlank und jugendfrisch, ein
poetischer Schmelz verklärte seine Züge, und aus den dunkeln, herrlichen
Augen strahlte Geist und Leben.
In dem Freundeskreis, der _Elisen_ umgab, mußte sie umsomehr Trost suchen,
da die Betrachtung der allgemeinen Zustände wenig Erfreuliches hatte.
Man mußte sich eingestehen, daß die Hoffnungen, welche man auf den
Befreiungskrieg gesetzt, nicht in Erfüllung gegangen waren, dem Aufschwung
war eine Erschlaffung gefolgt, die verheißenen Freiheiten nicht gewährt
worden; die Lützower besonders waren unzufrieden, und hatten Ursache es
zu sein, da man sie eher zurücksetzte, als nach Verdienst anerkannte.
-- Lützow war oft verstimmt, und fühlte sich gekränkt, Friedrich von
Petersdorff, den die Gegenwart so wenig befriedigte, daß sein sehnlichster
Wunsch dahin ging, sich einmal mit seiner Familie in die tiefste Stille
auf's Land zurückziehen zu können, schrieb aus Memel klagend an _Elisen_:
»Seit Friesen nicht mehr ist, sind Sie die Einzige, mit der ich die
alten Zeiten mit den neuen vergleichen kann. Das Ideal, das uns damals
vorschwebte, worauf wir mit graden Schritten loszugehn glaubten, das wir zu
erreichen gewiß hoffen konnten, ist nicht allein weit entfernter von uns,
sondern sogar jede Hoffnung es zu erreichen verschwunden. -- Meine Idee
von der Menschheit Glück ist noch dieselbe wie damals in Breslau, wo die
Unterhaltung mit Ihnen darüber mir viele herrliche Stunden bereitete, doch
bald nachher, noch in den ersten sechs Monaten, fand ich, daß meine Idee
nur Wenige ansprach, und ich zog mich in mich selbst zurück, und ließ
geschehn was ich nicht ändern konnte, ohne weiter Theil zu nehmen an dem,
was geschah. -- Wenn wir uns zu Zeiten einige Stunden sprechen könnten,
dann wäre ich ganz glücklich, Elisa! Denn das ist, was mir hier ganz fehlt,
ein Freund oder eine Freundin aus jener Zeit der glücklichen Ideenwelt. Die
Zeit ist nun ganz vorüber, der schimmernde Stern verlosch schnell, so sehr
schnell und bald, daß er nur ein schönes Traumgesicht gewesen, aber Sie,
theuerste Elisa, sahen mit mir den Stern hell leuchten, und seine Strahlen
werden unsre Herzen bis in den Tod erwärmen.« --
_Elisa_ fühlte mit dem Freunde, daß die damaligen Zeiten verklungen waren,
hatte aber doch wirksame Worte des Trostes für ihn, auf die er erwiederte:
»Ihre Freundschaft macht mich unendlich glücklich, sie giebt meinem Leben
einen goldenen Schein der freudigsten Phantasie, durch den ich immer
in jenen Zeiten erhalten werde, wo die Hoffnungen zur Erreichung einer
allgemeinen Beglückung uns beseligten. Durch das Andenken an jene Zeit,
in welcher mir Ihre Freundschaft zuerst zu Theil wurde, schwindet die
allgemeine Gegenwart, und jeder Brief von Ihnen überzeugt mich, daß,
obgleich werthlos für's Allgemeine jene Zeit hinabgesunken, ist mir doch
ein köstlicher Juwel -- Ihre Freundschaft geblieben. Manchmal scheint es
mir, als hätte ich in voriger Zeit geträumt, dann denke ich an Sie, an die
hohe Begeisterung, die sich in Ihnen aussprach, und ich fühle mich wieder
in die Wirklichkeit versetzt, die Ueberzeugung gewinnt neue Stärke in mir,
daß, wenn ich es auch nicht erlebe, doch einmal gewiß die Zeit der
Wahrheit kommen wird. Ihr Blick strahlte diese Zuversicht in mein Herz,
die unveränderliche Verehrung für Sie wird sie mir bis an das Ende meines
Lebens erhalten!« --
Von allen Seiten trafen _Elisen_ in jener Zeit betrübende Eindrücke.
Von ihrem Vater erhielt sie nur wenig Nachrichten; er war ihr um so mehr
entfremdet worden, als er sich schon vor längerer Zeit mit einer Frau
verheirathet hatte, die an Stand, Alter und Erziehung sehr verschieden von
ihm und wenig seiner würdig war. -- Lützow's Bruder Wilhelm verlobte
sich Ende 1819, und _Elisa_ konnte sich dabei einer stillen Wehmuth nicht
erwehren, weil sie richtig vorausfühlte, daß die künftige Gattin für den
Schwager wenig passen, und ihn schwerlich befriedigen würde; doch konnte
sie damals noch nicht ahnen, daß jene dazu bestimmt war, später ihre eigene
Stelle einzunehmen! --
Im Jahre 1820 trafen von Johanna Motherby beunruhigende Briefe ein; die
leidenschaftliche Frau hatte ihren Gatten und ihre beiden Kinder verlassen,
um dem jungen Arzte _Johann Friedrich Dieffenbach_ nachzureisen, von dessen
eigenthümlich gewinnender Persönlichkeit sie in dem Grade bezaubert war,
daß sie glaubte, nicht ohne ihn leben zu können. Viele ihrer Freunde
wandten sich in Mißbilligung und Tadel von ihr ab, _Elisa_ aber, die ganz
andere Begriffe von Freundschaft hatte, bewahrte ihr nur um so treuer
ihre Anhänglichkeit, und erwies sich ihr um so eifriger hülfreich und
antheilvoll, da sie die Arme bedauerte, und dabei fürchten mußte, daß das
neue Verhältniß ein unglückliches Ende nehmen würde.
Ein Vetter _Elisens_ aus Dänemark kam zum Besuch zu ihr, um sich in ihrer
Nähe Trost und Zerstreuung zu suchen gegen häusliche Verdrüsse, da er
im Begriff war, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Auch Henriette
Paalzow lebte in sehr unglücklicher Ehe.
So sah _Elisa_, Adele von A. ausgenommen, die in sehr beglückenden
Verhältnissen lebte, rings um sich her lauter unglückliche Ehen! --
Eine Reise, die sie mit Lützow an den Rhein machte, dessen poetische Ufer
sie sehr liebte, gab einige angenehme Zerstreuung.
Im Herbst dieses Jahres bezog sie mit Lützow das Wittig'sche Haus
in Münster, ein ehemaliges Kloster, welches jetzt zur Dienstwohnung
eingerichtet war. Die äußeren Mauern des alterthümlichen Gebäudes waren mit
Statuen von Heiligen und anderer Schnitzarbeit verziert. Die inneren
Räume sahen ernst und feierlich aus; die hohen Fenster, die mächtigen
Flügelthüren hatten etwas Schloßartiges; _Elisa_ erschien darin wie eine
Ritterdame aus der alten Zeit. Sie besaß ein besonderes Talent, sich ihre
Zimmer mit Sinn und Geschmack auszuschmücken. Man glaubte in eine schönere
Welt zu gelangen, sicher in eine, in der ein guter Genius waltete, wenn
man ihre Wohnung betrat. Dort lebte sie unter Blumen, Büsten, Büchern und
Bildern, umgeben von ihren Vögeln und Hunden, unter denen der große, schöne
Hector, vom Schlachtfeld von Belle-Alliance, eine Hauptperson war, meist
entweder an ihrem Schreibtisch oder dem Stickrahmen beschäftigt, oder auch
lesend. Die holde Freundlichkeit, mit der sie jeden Besucher empfing, hatte
darum etwas so Herzgewinnendes, weil sie aus dem Herzen kam.
Einen zu ihrer Wohnung gehörenden Garten besorgte _Elisa_ selbst wie eine
Gärtnerin, und die Blumen und Gesträuche gediehen auf das schönste unter
ihrer Pflege; eine schattige Weinlaube vereinigte oft den Freundeskreis,
der sie umgab. Immermann erschien auch oft allein, da _Elisa_, die des
Englischen sehr kundig war, ihm in dieser Sprache Unterricht ertheilte;
in artigen, englischen Billetten schalt sie ihn aus, wenn er nicht
fleißig genug war, und er entgegnete ihr darauf in scherzhaften englischen
Gedichten. Ein deutsches Gedicht Immermann's aus jener Zeit an _Elisen_
theilen wir mit, das, am Todestage ihrer Mutter verfaßt, sie in zarter
Weise über diesen Verlust zu trösten sucht. Es lautet:
Die Blumen an eine trauernde Tochter, am 30. März.
Der fromme Schmerz zieht seine Nebelschleier
Vor Deiner Augen himmelvolle Sterne,
Ach, einer theuren Todten gilt die Feier,
Die Wehmuth naht, Du hegst die Wehmuth gerne,
Nun lichtet sich der Blick, nun wird er freier,
Es dringet Sehnsucht in die weitste Ferne --
Allein ermattet sinkt die Seele wieder
Auf jenem öden dunkeln Grabe nieder.
Da treibt es _uns_, von unten aufzubringen
Uns selbst zu Dir, und Trost zu Deinem Leid!
Wir möchten Dir zu Brust und Herzen dringen
Mit tiefster Treue ganzer Innigkeit!
Uns hat ein Gott in seiner Liebe Ringen
Zu frohen Boten immerdar geweiht:
Daß Leben schlägt und glüht an jedem Orte,
Und daß der Tod ein Wort, wie andre Worte.
Denn lagen wir nicht dürftig eingefaltet
Und stumm und bang in unserm kleinen Grabe?
Denn waren wir nicht ganz und gar erkaltet,
Vom feuchten Frost in unserm schaur'gen Grabe?
Hat nicht das Schweigen räthselvoll gewaltet
Auch über uns, auch über unserm Grabe?
Nun sieh, wie dennoch Wärm' und Licht verbündet,
Zu Farb' und Duft uns wunderbar entzündet!
Und Farb' und Duft, sie wünschen auszusagen
Die eine unbegreiflich hohe Kunde!
Doch weil das Siegel unsre Lippen tragen,
Küßt Ahnung nur sie still von Blumenmunde,
Die Welt hat keine Zeit zu Schmerz und Klagen,
Der reichste Segen keimt aus schwerster Wunde.
Wir täuschen nicht! Das ist nicht eitel Wähnen!
Die _Mutter_ trocknet Dir durch und die Thränen.
Auch die folgenden Verse Immermann's gehören hierher:
Nicht immer füllen
Die schwebenden Horen
Den Becher der Freude
Mit frischem Wein!
Dann geh zum Born
Der heil'gen Erinnrung
Und trinke Dir Muth
Für heut' und morgen!
Im Herbst 1821 reiste _Elisa_ mit Lützow nach Berlin, wo sie alte Freunde
und Bekannte wiedersahen. Im Anfang des folgenden Jahres kam Johanna
Motherby nach Münster, und ihr scharfer Blick entdeckte bald die heftige
Neigung Immermann's, die er bisher möglichst zu verbergen gesucht hatte,
und die _Elisa_ noch nicht in ihrem ganzen Umfang ahnte. Hier wären
zwei Menschen, die für einander bestimmt seien, äußerte Johanna in ihrer
lebhaften Weise, und beklagte, daß die Verhältnisse sie trennten. Sie
selbst war damals von den leidenschaftlichsten Empfindungen zerrissen,
die durch die Trennung von ihren Kindern, und die mancherlei Hindernisse,
welche ihrer Verbindung mit Dieffenbach noch im Wege standen, veranlaßt
wurden.
Lützow's Ernennung zum General, die im Jahre 1822 erfolgte, brachte in
_Elisens_ Verhältnissen keine Veränderung hervor.
Wir haben schon früher erwähnt, daß die Charaktere von Lützow und _Elisen_
eigentlich wenig zu einander paßten, doch hatte letztere immer in dem
Gedanken Beruhigung gefunden, daß sie an ihm einen treuen Freund besäße,
der ihr von ganzem Herzen ergeben sei. Um so mehr wurde sie betroffen, als
Lützow eines Tages mit einem alten Kriegskameraden plaudernd im Garten
saß und in ihrer Gegenwart darauf die Rede kam, daß Lützow, der anwesende
Freund und noch zwei andre Offiziere sich als junge Leute verabredet
hatten, sie wollten alle darauf ausgehen, reiche Frauen zu heirathen. Es
wurde davon ganz offenherzig und in etwas derben Scherzreden gesprochen und
zugleich erwähnt, daß keiner von den Vieren sein Ziel erreicht habe, denn
zwei blieben unvermählt, und die andern beiden waren in ihren Erwartungen
getäuscht worden, indem sie mit ihren Gattinnen nicht so bedeutendes
Vermögen erhielten, als sie vermutheten. Zu diesen Letzteren gehörte auch
Lützow, da ja _Elisen_ das ihr gebührende Vermögen vorenthalten war.
Wie ein Stich in's Herz traf sie diese Entdeckung! Daß solche Motive bei
Lützow's Bewerbungen mitgewirkt, wie hätte sie das je ahnen können! Und
hier hörte sie von ihm selbst dieses Geständniß, ohne Rückhalt, wie einen
lustigen Spaß, der niemand verletzen könne! -- Welche andre Illusionen
hatte sie gehegt, als sie bei ihrem Vater so treu und beständig diese
Verbindung durchgesetzt! So jung, so schön, so liebenswürdig und begabt,
und doch um des Geldes willen geheirathet! -- Eine so schmerzliche
Täuschung war schwer zu überwinden. --
Wir würden Lützow Unrecht thun, wenn wir glauben wollten, daß nur ein
solcher Beweggrund ihn hätte _Elisen_ erwählen lassen, gewiß erkannte
er ihre edlen Eigenschaften, aber schlimm genug blieb es immer, daß ihr
Reichthum eine so große Rolle dabei gespielt. Johanna Motherby und Adele
von A. scheinen die Einzigen gewesen zu sein, denen _Elisa_ ihr Leid
anvertraute. Tröstend schrieb ihr die Letztere, den 16. November 1822:
»Wehre dem Trübsinn! Fühlst Du es nicht, wie Dein eigentliches Sein und
Wesen gewiß nur beglückt und darüber jegliches andere Gut, das doch nur der
bloßen Existenz wegen zu berücksichtigen bleibt, gänzlich davon abfallen
muß. Traute Elise, sei doch froh! -- In _Dir_ liegt ein reicher Schatz, Du
hast der köstlichen Gaben so viele -- und Du beglückst!« --
Im Sommer 1823 machte _Elisa_ mit Lützow eine Reise nach Bremen, bei
welcher Gelegenheit sie ihre alte Erzieherin wiedersah; diese wohnte
seit längerer Zeit in Hamburg und war ihrem geliebten Zögling bis nach
Rothenburg entgegen geeilt. Wie sehr Marianne Philipi _Elisen_ schätzte,
geht unter anderem aus der folgenden Briefstelle hervor: »Auch Du, meine
gute, fromme, sanfte Elisa, kannst hoffnungs- und vertrauungsvoll in die
Zukunft blicken, denn Du hast viel geliebt, viel gelitten, viel geduldet.
Das Geschick, indem es meine Kindheit und Jugend durch rauhe Wege führte,
verfuhr ernst mit mir, wodurch sich jedoch manches in meinem Innern
glücklicher für mich entwickeln mußte. Wenn die Vorsehung aus uns
unbegreiflichen Absichten einen andern Weg mit Dir ging, wer darf sich
erkühnen, sie zu tadeln? Auf den Händen der Liebe in Deiner Kindheit
getragen, von den Menschen und dem Glück geliebkoset, verzärtelt, Dir
unbewußt von tausend Gefahren umringt, mußte das Leben eine ganz andre
Gestalt gewinnen, die Täuschungen des schönen Frühlingsalters Dir erst
später entschwinden. Setze mich in Deine so vortheilhaft scheinende Lage,
ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, aber gewiß keine sanft duldende,
genügsame Elisa.« --
Das Jahr 1824 brachte nur düstre und verhängnißvolle Ereignisse. _Elisens_
Vater, welcher trotz aller Bedrängniß seiner Vermögensangelegenheiten
sein vergnügungssüchtiges Leben unverändert fortsetzte, war bei einer
Gesellschaft, die er am Geburtstage des Königs von Dänemark bei sich
vereinigt hatte, von einem Nervenschlag betroffen worden, und man mußte
ihn bewußtlos von der Tafel forttragen; er erholte sich zwar wieder,
jedoch sehr langsam. Von seiner zweiten Gattin hatte er sich bereits wieder
getrennt.
Nun war auch der Zeitpunkt gekommen, wo Immermann Münster verlassen mußte,
da er als Kriminalrichter nach seiner Vaterstadt versetzt wurde. Mit
schwerem Herzen schied er aus _Elisens_ Nähe, gegen die ihm das prosaische
Magdeburg einen traurigen Contrast bieten mußte. Er sollte von dort aus
einen Theil von _Elisens_ dänischen Vermögensangelegenheiten weiter führen,
außerdem aber hatten sie ausgemacht, daß sie sich wöchentlich schreiben
wollten, und sich alles Interessante mittheilen, was ihnen begegnete. Wir
geben im Anhang Immermann's Briefe aus Magdeburg, die uns den Dichter in
frischer Jugendlichkeit zeigen, und schon jene Lust an der Poesie und
jene feine Beobachtung der Schauspielkunst bekunden, die er später so
entschieden an den Tag legte. Außerdem tritt uns in diesen Briefen deutlich
sein Verhältniß zu _Elisa_ vor die Augen, eine zarte Neigung, welche
niemals wagt, über die Gränzen eines freundschaftlichen Gedankenaustausches
hinauszugehen.
Grade in jene Zeit, als dieser Briefwechsel zwischen Immermann und _Elisen_
stattfand, fiel ein Ereigniß, welches letztere schmerzlich aufregte.
Lützow, der leicht von unbedeutenden und koketten Frauen angezogen wurde,
hatte die Bekanntschaft einer jungen reichen Dame gemacht, welche ihm
außerordentlich gefiel, und deren Neigung er sich versichert zu haben
glaubte; in seiner Schwäche und verliebten Verblendung ging er sogar so
weit zu äußern, daß er hier ein Glück vor sich sähe, das ihm über alles
werth sei.
_Elisen_ war es nie in den Sinn gekommen, sich von ihrem Gatten zu trennen;
trotz der bittern Enttäuschungen, die ihr durch ihn geworden, hielt sie
das Band, welches sie an ihn knüpfte, für ein unauflösliches. Als sie aber
seinen Wunsch vernahm, jene junge Dame heirathen zu können, erklärte sie
sogleich, sie wolle seinem Glücke nicht entgegen sein, und sich von ihm
scheiden lassen. Lützow war gerührt von solcher Großmuth und Entsagung,
aber so sehr erfüllt von dem Reiz des neuen Verhältnisses, welches er vor
sich sah, daß er _Elisens_ Vorschlag annahm.
Kein hartes, leidenschaftliches Wort fiel zwischen den Gatten vor; es
wurde alles mit äußerer Ruhe und Würde besprochen und überlegt; Lützow
bat dringend, daß _Elisa_ immer seine Freundin bleibe, daß sie einen
fortwährenden Briefwechsel unterhalten möchten, daß sie ihm erlaube auch
ferner, wie er es bisher gethan, sich um ihre Geschäfte in Dänemark zu
bekümmern.
_Elisa_ hatte keinen Augenblick geschwankt, Lützow seine Freiheit
anzubieten, aber sie litt tief dabei, sie sah sich plötzlich verlassen und
heimathlos, und so fest, wie ihr Entschluß stand, fortzugehen, so wußte sie
doch noch nicht, wohin sie sich wenden sollte. Ihr Leid einstweilen still
in sich verschließend, scheint sie es damals noch keinem ihrer Freunde
mitgetheilt zu haben, und auch Immermann, ohne zu ahnen, was vorgegangen,
schrieb ihr noch lange unbefangen und harmlos wie bisher. Erst als sie
beschlossen hatte vorerst nach Dresden zu gehen, wo ihre Freundin Henriette
Solger als Wittwe lebte, scheint sie ihm über diese Absicht und die Ursache
derselben einige unbestimmte Andeutungen gemacht zu haben, wie aus seinen
Briefen zu ersehen ist. Bald darauf gerieth Immermann durch die nähere
Mittheilung von dem Schicksal der geliebten Freundin in die größte
Aufregung; so sehr, wie er sie bedauerte, so hoffnungsvoll machte ihn
zugleich der Gedanke, daß sie bald frei sein würde; er schrieb ihr voll
Herzlichkeit, aber doch mit zarter Furcht, sie durch dringende Fragen zu
verletzen.
Gegen die Mitte des Augusts reiste _Elisa_ von Münster ab, nicht ohne
Wehmuth einen Ort verlassend, an dem sie manche Freude, aber auch vielen
Kummer erlebt hatte. In Dresden wollte sie außer Henriette Solger wenig
Menschen sehen, da sie nach Einsamkeit und Stille verlangte; doch ließ sie
sich von ihrer Freundin bei _Ludwig Tieck_ einführen, wo er selbst sowohl
als seine Familie und die Gräfin _Finckenstein_ ihr auf das freundlichste
entgegenkamen.
Wie sehr Lützow von _Elisens_ Abreise erschüttert war, möge der folgende
Brief beweisen, den er ihr von Münster den 26. August 1824 schrieb: »Meine
ewig geliebte Elise! Glücklich -- nein unglücklich bin ich hier angekommen,
und habe freilich alles -- nur Dich nicht gefunden. -- Besonders vermißte
ich die Dir lieben kleinen Gemälde von Solger, seiner Frau, Friesen und
Wilhelm -- da sie Dir theuer sind, haben sie für mich einen hohen Werth,
und krampfhaft fahre ich zurück, wenn ich die leeren Plätze sehe. -- Hector
ist viel bei mir, und freute sich mehr, mich wiederzusehen, als er sonst zu
thun pflegte, -- er stieß mich mit der Schnauze und forderte Dich von
mir. -- Ein altes holsteinisches Schaustück, was ich zum Block an dem Tage
unserer Hochzeit gebraucht, findet sich auch wieder vor und macht einen
tiefen Eindruck auf mich. -- Unser Platz im Garten ist beinah wie eine
Laube zusammengewachsen, die Leute machen die Stege rein, und fast möchte
ich böse werden und fragen für wen? -- Neulich war ich bei G.'s in Loburg,
es war Vogelschießen, ich erschien unerwartet und wurde ungewöhnlich
freundlich aufgenommen; ich wollte in dieser Gesellschaft, die Dich so sehr
liebt, auf Dein Wohl trinken, ich vermochte es aber nicht, denn Thränen
würden mich erstickt haben; nur von der lustigen Stimmung der Gesellschaft
konnte meine innere Bewegung unbemerkt bleiben. -- Mein Urlaub nach
Kopenhagen ist angekommen. Auf jeden Fall erwarte ich vor der Abreise noch
ein Schreiben von Dir und schreibe noch einmal an Dich. Hast Du die Solger
wohl gefunden, bist Du ein wenig froh? Sei es ja -- und sei fest überzeugt,
daß Dein Glück mein höchster Wunsch ist, und unter allen Umständen bleiben
wird, sei offen und wahr gegen mich, ich werde es auch sein, denn es ist
nun einmal meine Natur so zu sein. -- Lebe ein wenig vergnügt und schreibe
bald an Deinen Dich herzlich liebenden Mann Lützow.« --
Nachdem er seine Reise nach Kopenhagen, die er in ihren Angelegenheiten
machte, beendet, schrieb er ihr aus Münster, den 26. Oktober 1824,
nachstehende Zeilen, in denen sich bereits die Reue über sein Betragen
lebhaft ausspricht: -- »Schlüsser hat Immermann gesprochen; des ersteren
Brief hat mich einigermaßen über Dein künftiges Schicksal beruhigt. --
Deine Zufriedenheit wünsche ich von ganzem Herzen, diese zu befördern, ist
mein höchster Wunsch, meine heiligste Pflicht; unendlich fühle ich, daß
ich nicht immer so gehandelt habe, wie ich gesollt, aber die unglücklichen
Geldverhältnisse am Anfang unserer Verbindung, Vaterlandsliebe und Ehrsucht
zogen mich aus dem häuslichen Verhältniß störend in eine äußere Welt. --
Mit Thränen bereue ich die Art und Weise, wie ich Dich von Aachen in Kleve
eingeführt habe. Vergieb mir! -- Nun noch eine Bitte; laß Dich von dem
besten Maler in Dresden malen -- es koste, was es wolle, mir ist kein Preis
zu hoch -- und schicke mir Dein Bild, Dein ewig unvergeßliches Bild! --
Schlüsser wird Immermann in Magdeburg besuchen; ich erwarte ihn mit großer
Bewegung. -- Lebe wohl, glücklich, und gedenke Deines treuesten Freundes
mit Güte und Freundschaft. Adolph.« --
Wie sehr das Andenken an _Elisen_ Lützow ergriff, zeigt ein Schreiben von
Wilhelmine von G. an _Elisen_, aus Loburg, den 29. Oktober 1824, die,
noch nicht ahnend, daß _Elisa_ von Münster für immer abgereist sei, sich
folgendermaßen äußert: »Ehe Lützow wegreiste, theilte er uns immer mit, wie
es Dir ging, er vermißte Dich unendlich, dies war aus allem zu merken, er
war immer ganz ergriffen, wenn er von Dir sprach, so daß ich scheute nach
Dir zu fragen, auch jetzt, als er nach Hamburg kam, war er ganz glücklich,
von mir zu hören, daß Du wohl wärest, und er war kaum im Zimmer, als
er fragte: »Was schreibt Elise? Ist sie vergnügt?« Ich konnte nicht
unterlassen, ihm Deinen Brief vorzulesen; am Ende sagte er: »Nicht wahr,
sie ist vergnügt und wohl?« Nun, Du kennst ja seine Art, wenn ihn etwas
sehr interessirt; er war ganz weich und sprach immer über Dich mit vieler
Liebe, ich hätte ihn dafür küssen können. Zwar zweifelte ich nie an seiner
Liebe zu Dir, denn wer Dich kennt, muß Dich lieb haben, aber an Lützow
sucht man so tiefe Empfindungen nicht, er gewinnt, je mehr man ihn sieht,
er hat ein herrliches Gemüth, und bei mir hat er den Vogel abgeschossen,
nun ich sehe, wie wahrhaft er Dich liebt und jetzt vermißt. Deine
Gesundheit haben wir oft getrunken, und Lützow brachte sie immer aus.« --
Von Lützow's Gemüthsstimmung geben die folgenden, auf einer Dienstreise
geschriebenen Zeilen ein deutliches Bild: »Meine herzlich geliebte, höchst
seltene Elise! Mir geht es unter Pferden, Kuirassieren und Husaren viel
besser als es sein sollte! -- Nur selten schleiche ich fort, und Thränen
müssen meinem zerrissenen Herzen in diesem Augenblick Luft machen. -- Nicht
was die Zukunft bringen wird, bekümmert mich, denn das fühle ich, daß Dein
Glück _möglichst_ zu befördern, meine _heiligste_ Pflicht ist, -- aber wie
habe ich Dich schon gequält, wie quäle ich Dich noch in diesem Augenblick,
-- Deine zarte Gesundheit, wie habe ich sie nicht untergraben! -- Schreibe
mir doch ja mit der zurückkehrenden Ordonanz, wie Du Dich befindest,
und tröste den, der _ohne Ausnahme_ in dieser Welt Dein treuester Freund
ist.« --
Unterdessen war die Scheidung der beiden Gatten eingeleitet, und ihre
Trennung konnte nun niemand mehr ein Geheimniß bleiben; Freunde und
Verwandte geriethen dadurch in Sorge und Bestürzung. Lützow's Schwester,
die Gräfin _Minona von Dohna-Wundlacken_, schrieb im ersten Schrecken
darüber, nicht an ihren Bruder, sondern an _Elisen_ zu der sie ein
unbegränztes Vertrauen hatte; ihr Brief aus Köslin, den 22. Dezbr. 1824,
zeigt wie sehr sie die Schwägerin liebte und anerkannte. Es heißt darin:
»Ich höre durch Briefe meiner Brüder, die ich eben empfange, Du seist noch
in Dresden, es wäre auch möglich Du kämest nach Berlin. Zu gleicher Zeit
giebt man mir Nachrichten von Gerüchten, welche mein Herz zerreißen, und
mit innigem Schmerz und Betrübniß die Seele erfüllen. Ein dichter Schleier
umhüllt noch das Ganze, nur mit banger Besorgniß bin ich befangen, ich
bitte Dich um Gotteswillen, reiße mich aus dieser tödtlichen Ungewißheit;
mein treuer Dohna theilt meinen Jammer, er bittet mit mir, Dich doch uns
anzuvertrauen, und doch recht treu und wahr Dich gegen mich auszusprechen;
Du weißt ja, meine theure, einzige Elisa, wie innig ich Dich liebe, schätze
und verehre, Du weißt, daß ich nicht einseitig denke, Du weißt, wie ich
Dein Verhältniß mit Adolph kenne, und wie ich es beurtheile -- Du weißt,
wie sehr wir Alle Deine Vorzüge und herrlichen Eigenschaften zu schätzen
wissen, Du weißt, wie hoch ich Dich stelle, und wie ich Dein vorzügliches
Benehmen gegen Adolph zu würdigen wußte. Ich weiß, daß Dir der Himmel in
den Jahren Deiner Verbindung mit Adolph harte Prüfungen und ein schweres
Loos auferlegte, mit Bewunderung sah ich, wie schön, zart, liebevoll
und nachsichtig Du das Band hieltest, welches ich durch gegenseitiges
Reiferwerden immer fester geknüpft glaubte; was kann Euch lieben Menschen
bewegen, bestimmen, ein Band zu lösen, eben jetzt, wo, jemehr man in die
Zukunft blickt, Ihr Euch immer mehr und mehr bedürfet? Ich bin trostlos
über die Möglichkeit dieses Gedankens! Kleine Verirrungen, unbedeutende
Mißverständnisse können doch nur die Veranlassung zu demselben gegeben
haben! Ich bitte Dich himmelhoch, geliebte Elisa, überlege diesen wichtigen
Schritt; könntest Du glücklich, ruhig und zufrieden werden? Gedenke doch
der Zeit, wo Du Dich Deinem Manne mit so vieler Aufopferung hingegeben
hast, wie Du ihn liebtest und bewundertest! Sollte der Arme nicht mehr
derselbe sein? Sollte er Dich jetzt nicht mehr verdienen, Deiner nicht mehr
würdig sein? Wolltest Du ihn verlassen, da Ihr endlich im Hafen der
Ruhe seid, und so glücklich leben könnt? -- Zwei so edle Naturen, so
ausgezeichnet, und ich möchte sagen, doch für einander geschaffen!
Geliebte, einzige Elisa, flehentlich bitte und beschwöre ich Dich, sag' mir
ein tröstliches Wort, und gieb mir Klarheit. -- Schreibe mir doch gleich,
und halte Dich der treuesten, unwandelbarsten Gesinnungen überzeugt, mit
welchen ich ewig bin und sein werde, Deine treue, Dich innig liebende
Minona.« -- Alle, welche in die näheren Verhältnisse eingeweiht waren,
erkannten _Elisens_ uneigennützige Handlungsweise und bedauerten sie,
während sie Lützow's Benehmen mißbilligten. »Du hast edel gehandelt, meine
Elisa,« schrieb ihre Jugendfreundin Fanny Harward, »und so wie ich es von
Dir erwarten konnte. Du hast das größte Opfer gebracht, welches eine Frau
bringen kann, Du hast alle Befriedigung und Dein ganzes häusliches Glück
aufgegeben, um das Glück dessen zu sichern, der vierzehn Jahre der Gefährte
aller Deiner Sorgen und Freuden war. Der große, uneigennützige Charakter
meiner Elisa erscheint mir in einem noch höheren Glanze als bisher, während
der von Lützow, ich kann es nicht läugnen, in meinen Augen gesunken ist.
Es ist unbegreiflich, daß er ein solches Opfer annehmen, daß er sich
entschließen konnte die Gattin seiner Jugendtage, die Erwählte seines
Herzens freiwillig ihr Glück opfern zu lassen, um das seinige zu sichern.
Wäre er noch in dem Alter jugendlicher Leidenschaften, so dürfte man ihn
eher entschuldigen, aber er ist ein Mann, der mehr als vierzig Sommer
dahinschwinden sah, und im Stande hätte sein müssen, eine Leidenschaft zu
beherrschen, die so schnell eine schuldige wurde. Er hätte sich bestreben
müssen, sie in ihrem Beginn zu ersticken, anstatt sein, Dein und _ihr_
Glück auf's Spiel zu setzen.« --
Liest man die Briefe von Lützow, so wird man versöhnt durch seine Reue;
er schrieb an _Elisen_ aus Münster, den 24. Februar 1825: »Wenn ich lange
nichts von Dir erfahre, wird mir immer so bange. -- Eine Veränderung des
Aufenthalts wünsche ich mir sehr, und denke sie zu erhalten. -- Dein Glück
ist mein einziger Wunsch, wenn ich weiß, daß Du es bist, habe ich meine
Ruhe wieder, meine zerreißenden Gewissensbisse schweigen, denn ich bin
zu wahr, um mich selbst zu betrügen. -- Aus Mitleid gegen mich sei
glücklich!« --
Adele von A., die liebevolle, zärtliche Freundin, schrieb _Elisen_ aus
Keimkallen, den 24. Februar 1825: »Ich hatte, wie Du es vermuthest, schon
etwas von dem gehört, was Du mir nun selbst geschrieben. Mein Herz war mit
großer Betrübniß erfüllt, und ich konnte es nicht glauben, was das Gerücht
sagte -- nun ist es dennoch wahr! -- Ach, denke es doch nicht, Geliebte,
daß dieser Schritt, den Du gethan, uns bewogen hätte, lieblos über Dich
zu urtheilen. Auch nicht einen Augenblick! Wir kennen ja Dich, und Du
hast gehandelt nach langen Kämpfen und bester Einsicht. -- Mir ist es sehr
wehmüthig, wenn ich daran gedenke, und die Versicherung, die Du mir giebst,
daß Deinerseits kein anderer Grund ist, als der, den Du nennst, und den
ich von ganzem Herzen ehre, giebt mir einen großen Trost, und eine rechte
Freudigkeit. Du liebe Elise, wenn dies doch klar und deutlich der Welt vor
Augen stehen könnte, was Dich bewogen -- und Du verbietest es zu nennen!
Ich erkenne darin Dein edles Herz. -- Wie ist es denn mit Lützow, und
ist er noch in Münster? Und glaubst Du, daß er hoffen darf, und es auch
wirklich seine Absicht ist, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen?« --
_Elisens_ Onkel, von Hedemann-Heespen, bat sie sogleich zu ihm auf sein Gut
zu kommen, und ganz bei ihm zu leben. Zugleich schrieb er ihr bei dieser
Gelegenheit aus Deutsch-Nienhof, den 1. März 1825: »Nicht leicht hätte eine
traurige Nachricht mir unerwarteter kommen können, als wie die, die Du,
meine beste Elisa, mir mitgetheilt hast. Auch nicht die entfernteste Ahnung
habe ich von einem solchen Stand der Dinge zwischen Dir und Lützow gehabt.
Wie wäre dies auch möglich gewesen, keinem Andern wie Dir selbst, würde ich
es geglaubt haben. Noch immer kann ich den Gedanken nicht fassen, und mir
als möglich denken. Ein Mann wie Lützow, der über die Jahre der Jugend
hinaus ist, der nach allen seinen Aeußerungen ein so richtiges Gefühl
von Ehre besitzt, der einen so Zutrauen einflößenden, offnen und
biedern Charakter zu haben scheint, ein solcher Mann könnte eine solche
unwiderstehliche Leidenschaft für eine Andere fassen, daß er seine Frau,
die seine eigne Wahl ist, mit der er bereits vierzehn Jahre glücklich
gelebt, die ihm keine Veranlassung zu Mißverhältnissen gegeben, ohne allen
andern Grund verstoßen könnte, als um eine Leidenschaft zu befriedigen, der
Welt auch solches ärgererregendes Schauspiel, als eine Ehescheidung ist,
zu geben. Mit kaltem Blut könnte dieser Mann seine Frau, die er doch früher
geliebt, unglücklich machen und wissen? Die ganze Sache ist mir wie ein
unglücklicher Traum, von dem mir die Wirklichkeit ganz unmöglich scheint.
Was hast Du gute, arme Seele, denn verbrochen, daß das Schicksal Dir so
hart mitspielt, daß Du, die Du so viele Erwartungen von der Welt zu hegen
berechtigt warst, nun isolirt und verlassen darin stehen sollst? Ich
bedaure Dich von ganzem Herzen, meine beste, gute Elisa, und um so mehr,
da Du nach Deinem Briefe Lützow noch zu lieben und zu achten scheinst. Hast
Du, gute, liebe Seele, Dich nicht übereilt, indem Du ihm zu rasch seine
Freiheit angeboten? Hätte ich nur irgend etwas der Art ahnen können, ich
zweifle fast nicht, daß es mir geglückt wäre, Lützow hier zu bewegen, so
daß alles wenigstens wieder in ein ruhiges Geleise gebracht wäre. Ist denn
wirklich alles schon zu spät, und sind die Schritte, die zu Eurer Trennung
geschehen, nicht wieder rückgängig zu machen?« --
Auch Lützow's Brüder fühlten sich gedrungen _Elisen_ zu schreiben. Leo von
Lützow's Brief aus Berlin, den 23. März 1825, lautet: »Die Nachricht, daß
Sie, liebe Elisa, sich von Adolph zu trennen beabsichtigen, hat mich sehr
erschüttert, und betrübt mich ernsthaft. Ueber dem Zusammenhang dieses
Vorgangs liegt für mich noch ein solcher Schleier, daß ich ihn immer noch
nicht zu beurtheilen vermag. Ich habe die Hoffnung gehegt, daß vielleicht
augenblickliche Verstimmungen die Veranlassung wären, und daß sich noch
alles wieder einrichten würde, und noch jetzt möchte ich diese Hoffnung
noch nicht ganz aufgeben. Ich habe mich an Adolph gewendet, und um
Aufschluß gebeten, seine Briefe sind voller Achtung und Herzlichkeit für
Sie, liebe Elisa, aber ohne mir Klarheit zu gewähren. Ich gestehe, daß das
Dunkel, welches über dieser Angelegenheit liegt, die Veranlassung gewesen
ist, daß ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben habe, ich glaube es Ihnen
aber schuldig zu sein, daß ich Ihnen endlich meinen herzlichen Antheil
bezeige, und Sie bitte, von meiner Achtung und treuen Anhänglichkeit
überzeugt zu sein. Meine Frau ist mit mir von der ganzen Sache innig
ergriffen. Seien Sie überzeugt, daß Bertha und ich, daß wir beide für Sie
immer recht wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen gehabt haben, vielleicht
mehr als Sie hin und wieder geglaubt haben, und seien Sie überzeugt,
daß die gegenwärtige, traurige Verwicklung in unseren Gesinnungen nichts
ändert. August wollte Ihnen schreiben, vielleicht haben Sie seinen Brief
schon bekommen, von Wilhelm werden Sie Briefe gehabt haben. Welchen
herzlichen Antheil Minona an dem ganzen Vorgang nimmt, und wie sehr
Dohna diesen Antheil theilt, hat sie Ihnen selbst ausgesprochen. Daß Ihre
Gesundheit gelitten haben muß, ist sehr natürlich; sehr wünsche ich, daß
das herannahende Frühjahr vortheilhaft wirken möge. Ich bitte sehr, daß Sie
mir sagen, welche Absichten Sie für die nächste Zukunft haben. Seien Sie
überzeugt, daß wir uns sehr freuen werden, wenn Sie vielleicht nach Berlin
kommen wollten, und daß wir Sie mit der alten Herzlichkeit aufnehmen
werden.« --
August von Lützow schrieb _Elisen_ aus Potsdam, den 27. März, 1825 die
folgenden anerkennenden Zeilen: »Es ist mir Bedürfniß wenigstens in wenigen
Worten mich über den von Ihnen und meinem Bruder gefaßten entscheidenden
Entschluß, der von der ersten Zeit an, wo ich ihn in Erfahrung gebracht,
ein sehr häufiger und sehr schmerzlicher Gegenstand meiner Gedanken gewesen
ist, gegen Sie auszusprechen, indem bei der großen und gewiß von allen
Mitgliedern der Familie anerkannten Schonung und Standhaftigkeit, mit
welcher Sie von jeher manche Eigenthümlichkeit meines Bruders ertragen
haben, und da Adolph uns ihr Andenken jetzt wiederholentlich auf das
lebhafteste anempfohlen hat, meine Anhänglichkeit gegen Sie bei diesem
betrübenden Ereigniß unverändert geblieben ist. Erlauben Sie mir daher
Ihnen hierdurch meine innige Theilnahme über die Sie betroffenen Fügungen
des Himmels zu bezeugen, und Sie zu ersuchen, mich ferner mit Ihrer
Freundschaft beglücken zu wollen. -- Höchst glücklich würde es mich
machen, wenn ich je Gelegenheit haben sollte, Ihnen meinerseits Beweise der
fortdauernden hohen Achtung, welche ich sowohl, als alle meine Geschwister
stets für Sie hegen werden, geben zu können, und bitte ich Sie inständigst,
es nicht zu verabsäumen, wenn Sie Ihrerseits dazu auf irgend eine Weise
jemals Veranlassung geben können. -- Mir von Ihrem ferneren Ergehen
Nachricht zu verschaffen, werde ich gewiß jede Gelegenheit benutzen. Zum
großen Trost würde es gewiß allen Mitgliedern der Familie gereichen, wenn
Sie darüber von Zeit zu Zeit etwas an einen von uns Geschwistern mittheilen
wollten, in so fern Sie sich nicht eben entschließen sollten, uns in der
Nähe Ihren Wohnsitz aufzuschlagen, was uns gewiß allen sehr angenehm sein
würde. -- Ich sage Ihnen herzlich lebe wohl. Die Erinnerung an so viele
Gegenstände der Vergangenheit und die Zukunft erregt mich in diesem
Augenblicke zu lebhaft, als daß ich Ihnen mehr sagen könnte. Meine
Frau, welche meine Gefühle ganz theilt, empfiehlt sich Ihnen auf das
herzlichste.« --
Während die geschiedene Frau so von allen Seiten Beweise der Zuneigung
und Achtung erhielt, bat Lützow _Elisen_ ihn mit ihren Verwandten in
gutem Einvernehmen zu erhalten. Als ihr Vetter _August von Hedemann_, der
nachherige General, ihm nicht geantwortet hatte, schrieb Lützow _Elisen_
aus Münster, den 31. März 1825: »August Hedemann hat mir nicht geantwortet;
ich will mich nicht entschuldigen, ich thue es bei mir selbst nicht, ich
bin nicht ganz schlecht -- aber ein Mensch, und es ist unser Schicksal, daß
die verschiedensten Gefühle uns peinigen. Ich erbitte mir von Deiner Güte
seine Freundschaft zurück. -- Ewig werde ich Deinen Werth fühlen, achtend
anerkennen, kein Mißton regt sich in mir, nur die herzlichste Theilnahme,
die unwandelbarste Freundschaft.« -- Unterdessen fuhr Lützow fort,
_Elisens_ Geschäfte weiter zu führen, und zum Weihnachten und den
Geburtstagen schickten sie sich regelmäßig einander Geschenke.
Im Laufe des Sommers reiste _Elisa_, um sich etwas zu erholen, da ihre
Gesundheit sehr gelitten hatte, mit Fanny Harward, und einer befreundeten
Familie von Dresden nach Ems und Schlangenbad. Wieder eine Badereise mit
der Jugendfreundin, aber siebzehn Jahre lagen dazwischen, damals war sie
voll froher Hoffnung, jetzt resignirt und freudlos! --
In diese Zeit fällt ein Brief von _Elisens_ Onkel Hedemann-Heespen aus
Deutsch-Nienhof, den 4. August 1825, in dem es heißt: »Von Lützow weiß ich
nichts; wie Du weißt, habe ich ihm auf seine mir gemachte kurze Anzeige
geantwortet; nachdem hat er nicht wieder geschrieben. -- Seid Ihr denn
nun förmlich geschieden? und hat Lützow schon Schritte zu einer neuen
Verbindung gemacht? Wäre das erstere, so wünschte ich für Dich das
letztere, und daß es ihm damit glücken möchte, damit jeder die wahre
Veranlassung erführe, und es nicht länger in der Willkür eines Jeden liegt,
eine Auslegung zu machen wie er will. Ein kluger General sondirt doch wohl
vorher das Terrain, auf dem er seinen Angriff zu machen gedenkt, bevor er
Schritte unternimmt, die nachher nicht zurück geschehen können; man sollte
daher von ihm glauben, daß dieses von ihm schon längst geschehen sei, er
seines Sieges gewiß war, bevor er die Scheidung veranlaßte. Daß er für Dich
nach besten Kräften sorgt, ist seine Pflicht, und das Wenigste, was er für
Dich thun muß. Thäte er auch dieses nicht mal, so würde er alle Achtung in
den Augen jedes redlich Denkenden verlieren.« --
Während dem war schon den 22. April 1825 die Publikation des
Scheidungserkenntnisses erfolgt, dessen Gründe lauteten: »Obgleich diese
Ehe anfänglich glücklich war, so ward doch der eheliche Friede späterhin
durch verschiedene Ansicht von der Welt und dem menschlichen Leben gestört.
-- Keinem Theil ist ein Uebergewicht der Schuld beizulegen. Beiden Theilen
ist die Wiederverheirathung in unverbotenen Graden gestattet.« --
Die Freunde bedauerten, daß _Elisa_ aus zarter Schonung gegen Lützow den
Wenigsten die Ursache ihrer Scheidung mittheilte, und durften mit Recht
fürchten, daß Fremde sie sich anders auslegen möchten. »Wäre es doch erst
klar,« schrieb Adele von A. aus Keimkallen den 30. November 1825, »weßhalb
dieser Schritt geschehen; ich wollte viel darum geben, wenn alle Welt es
wissen könnte, weshalb es so gekommen.« --
_Elisa_ war lange unentschlossen, welchen Wohnort sie wählen solle; es war
ihr alles gleichgültig, sie wünschte nur Ruhe und Stille. Nach beendigter
Badereise, ging sie endlich nach Magdeburg, mit der Absicht, sich dort in
der Nähe der Stadt ein kleines Landhaus zu kaufen. Immermann begrüßte
die geliebte Freundin, die ihm nun unter so ganz andern Verhältnissen
gegenüberstand, mit tausend Freuden; er machte sie mit seiner Mutter und
seinen Brüdern bekannt, die sich ihr freundlich anschlossen. Außer diesen
wollte sie aber niemanden sehen; niemand kannte sie dort, die Wenigsten
wußten wer die verschleierte Dame sei, die man nur flüchtig auf der
Straße gesehen hatte. Sie machte mit Immermann im Herbst in den schönen
Octobertagen noch einen Ausflug nach dem Harz, und bezog, nach Magdeburg
zurückgekehrt, da der Ankauf eines Landhauses noch nicht erfolgt war,
einstweilen eine Wohnung in der Stadt.
In jener Zeit ließ _Elisa_ ein junges Mädchen aus Hamburg zu sich kommen,
die sie sich zur Gesellschafterin erwählt, und wie eine Pflegetochter
behandelte. Dieses Mädchen war eben erwachsen, und trotz großer
Verschiedenheit wollte man doch in ihren Gesichtszügen manche Aehnlichkeit
mit denjenigen _Elisens_ erkennen. Wer war sie? Wo kam sie her? War da
nicht ein geheimnißvoller Zusammenhang? so fragte man neugierig, selbst im
Kreise der Bekannten. Wie viele Mährchen wurden da nicht ersonnen, und bald
flüsterte man sich zu, daß man hier wahrscheinlich eine natürliche Tochter
der Frau Generalin von Lützow vor sich habe, die vielleicht gar den Anlaß
zu der Scheidung von ihrem Gemahl gegeben! -- Wie falsch dies war, zeigt
unter anderem eine Briefstelle Lützow's, in welcher er erwähnt, sie habe
sich des jungen Mädchens »so großmüthig angenommen,« und dann hinzufügt:
»Wie bleibst Du Dir doch immer gleich, selbst hülflos, findest Du einen
Trost, Andern beizustehn!« --
Der Zusammenhang war folgender: _Elisens_ Vater hatte mit einer Schwester
von Marianne Philipi, welche auf dem Trannkijörschlosse eine Stelle als
Wirthschafterin vertrat, ein Liebesverhältniß gehabt; sie gebar eine
Tochter, und _Elisa_ war gleich so großmüthig gewesen, ihrer würdigen
Erzieherin zu versprechen, daß sie sich dieses Kindes, dieser Tochter ihres
Vaters, annehmen wolle. Man ertheilte ihr die sorgsamste Erziehung, und
als sie herangewachsen, nahm _Elisa_ sie in ihre Nähe. Sie äußerte sich nie
über die Herkunft des Mädchens, und ließ sich lieber falsch beurtheilen,
als daß sie andre angeklagt hätte.
Die belebende Nähe Immermann's war dasjenige, was _Elisens_ einsamem
Leben in Magdeburg den meisten Reiz darbot; sie war es wieder, die ihn zum
Schaffen anregte, und an allem Antheil nahm, was er dichtete. In jener Zeit
vollendete er die Uebersetzung von »Ivanhoe«, von der in den mitgetheilten
Briefen die Rede ist, dichtete »Cardenio und Celinde«, und schrieb die
Abhandlung über den »rasenden Ajax« des Sophokles. Immermann hat später im
dritten Bande der »Epigonen« _Elisen_ in folgender Stelle geschildert,
so wie sie ihm damals erschien: »Es giebt nichts Erquickenderes, als den
Anblick einer großen, vornehmen Seele, welche das Unglück als etwas ihr
Gehöriges, als das ihr von den oberen Mächten verliehene Eigenthum nimmt
und hinnimmt, während kleine Gemüther sich gegen dieses Erbtheil unsres
Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig,
selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, daß ihr Loos ihr für
immer zerstört zu sein scheine, aber, setzte sie hinzu, wie unendlich
wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandstätte überschaue, als damals, wo ich
noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte! -- Ueber die Geheimnisse ihrer
unglücklichen Ehe, über Medon's Charakter, und die plötzliche Wendung
seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte
Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen
über diese Dinge aufzuschließen, war aber mit den Worten, daß man von
unheilbaren Schäden nicht reden müsse, zurückgewiesen worden. Alle diese
sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehüllt, und er brachte
von denselben nur in Erfahrung, was die Gerüchte aus der Hauptstadt
meldeten.« --
Während _Elisa_ ihrer Schwermuth nachhing, verlebte auch Lützow in Münster
keine frohen Tage. Die junge Dame, deren Gunst er so sicher zu sein
glaubte, lehnte seine Hand ab; auch seine Leidenschaft verrauschte dadurch
schnell, und nun in der Ferne _Elisens_ Werth doppelt empfindend, beklagte
er um so tiefer das Unglück, welches er über sie und sich selbst gebracht
hatte. Trösten und aufrichten konnte ihn nur _Elisens_ Freundschaft, und
die bewahrte sie ihm auch getreulich aus aufrichtigem Herzen. Im Anfang des
Jahres 1827 starben schnell hintereinander seine beiden Brüder August
und Wilhelm; auch diesen Kummer theilte _Elisa_ mit ihm, die ganz davon
ergriffen war.
Immermann wünschte feurig, sich mit _Elisen_ zu verbinden, aber diese
konnte sich zu einer zweiten Ehe nicht entschließen. Wohl war sie dem
Freunde von Herzen zugethan, der betheuerte, nicht ohne sie leben zu
können, wohl war sie von seiner heißen Liebe ergriffen, aber sie hatte nun
schon so viel Unglück erlebt, und konnte sich der bangen Vorstellung nicht
erwehren, daß seine jetzt so heftige Zuneigung nicht immer die gleiche
bleiben würde. Die sechs Jahre, welche sie älter war, als er, schienen
hierbei am wenigsten in Betracht kommen zu können, da Schönheit, Geist und
Liebenswürdigkeit dies wohl auszugleichen vermochten, aber _Elisen_ flößte
diese Ungleichheit Bedenken ein, und dann -- war es eine Ahnung, war es
eine richtige Kenntniß seines Charakters -- sie fürchtete, ihm einstmals
eine Fessel werden zu können, und war von ihrer Verneinung nicht
abzubringen. Hätte sie diese Scheu, der so edle Ursachen zu Grunde lagen,
überwunden, mehr an sich, als an den Freund gedacht, ihr Schicksal hätte
wahrscheinlich eine glücklichere Wendung genommen! --
Als Immermann in jener Zeit grade die Ankündigung seiner Versetzung als
Landgerichtsrath nach Düsseldorf erhielt, bestürmte er _Elisen_ mit neuen
Bitten. Da verhieß sie ihm dann endlich, ihm nach Düsseldorf zu folgen;
heirathen wollte sie ihn nicht, dagegen gaben sie sich aber gegenseitig das
Gelöbniß, daß keiner von ihnen je eine andre Heirath eingehen würde; dies
war die Bedingung, die _Elisa_ stellte, und die Immermann, da sie einmal
die Seine zu werden verweigerte, mit Freuden einging. _Elisens_ Nähe war
ihm mehr werth, als jede andere Verbindung; durfte er sie nicht zu seiner
Gattin machen, so war er doch halb getröstet in dem Gedanken, sie als seine
Freundin, seine Gefährtin, seine Muse, an sich zu fesseln.
_Elisens_ ideale Ansprüche an das Leben waren durch diesen Entschluß ganz
befriedigt, sie wurde ruhiger, nachdem sie ihn gefaßt hatte. Sie war
mehr phantastisch, als leidenschaftlich, sie dachte es sich schön, einem
begabten Dichter in solcher Art sein Dasein zu versüßen, mit zarter
Sorgfalt und antheilvollem Geiste, und nur für ihn zu leben. Wie dachten
sie sich zu erheben über alles Niedere und Gemeine, aus ihrer Umgebung
alles Widrige und Gewöhnliche zu verbannen, und nur in der Natur, in Kunst
und Poesie, und in der Freundschaft ihre Befriedigung zu suchen! War es
nicht eine würdige Bestimmung, die Leonore eines Tasso zu werden? -- Ein
neuer Sonnenschein verschönte _Elisens_ Tage, ihre Züge verklärten sich
in froher Hoffnung, ein neues Lebensglück schien sich ihr reizend
aufzuschließen. -- Die Welt, und was die urtheilen würde, kam ihr hiebei
durchaus nicht in Betracht; diejenigen, welche nicht fähig waren, eine
solche Freundschaft zu verstehen, konnten ihr gleichgültig sein, und von
ihren Freunden durfte sie gewiß sein, daß sie von ihr nur Edles und
Schönes voraussetzten. Da war auch nicht Einer, den ein so ungewöhnliches
Verhältniß irre gemacht hätte! Der würdige Consistorialrath Möller, die
streng sittliche Henriette Paalzow, alle Freunde und Freundinnen ohne
Ausnahme bewahrten _Elisen_ unverändert ihre Verehrung und Liebe. Auch
benahm sie sich so zart, so sicher, und so tactvoll, daß Alle sie bewundern
mußten.
Immermann ging im Anfang des Jahres 1827 an seinen neuen Bestimmungsort ab;
_Elisa_ reiste in Begleitung ihrer Pflegetochter nach Ems, und folgte ihm
dann mit dieser nach, die noch mehrere Jahre bei ihr blieb, und sich später
verheirathete.
* * * * *
Es war im August 1827, daß _Elisa_ in Düsseldorf anlangte. Ein Landhaus,
das sie mit Immermann in dem freundlichen Dorfe Derendorf bezog, schien
ganz dazu geeignet, das stille Asyl eines Dichters zu sein. Ein großer
Garten, der es umgab, wurde von _Elisen_ anmuthig angepflanzt; bald
entfalteten eine Fülle von Rosen darin ihre Pracht, alle Beete waren damit
eingefaßt, und am schönsten blühten sie unter des Dichters Fenstern. Zwei
Büsten, Plato und Aristoteles darstellend, schimmerten durch die
schattigen Gebüsche. Eine hohe Weißdornhecke, die Immermann später in einer
Liebesscene seines »Merlin« verewigt hat, erglänzte in duftigen Blüthen.
In zwei aneinanderstoßenden Zimmern, die durch seine Bibliothek und
Münzsammlung angefüllt, und durch Gemälde, Kupferstiche, Statüetten
und mancherlei Zierrathe geschmackvoll ausgeschmückt waren, und deren
harmonische Anordnung eine Frauenhand verrieth, überließ sich Immermann
seinen Arbeiten. Seine Erholungsstunden brachte er in den Räumen der
Freundin zu, bei der er immer Anregung und Erfrischung fand.
Düsseldorf hatte damals grade plötzlich einen frischen Aufschwung genommen,
den uns Immermann selbst in seinen »Düsseldorfer Anfängen« im dritten Band
der »Memorabilien« so vortrefflich geschildert hat. _Wilhelm von Schadow_
war Ende 1826 eingetroffen, und hatte die Stelle von Cornelius an der
Akademie übernommen. Mit ihm waren _Lessing_, _Hildebrandt_, _Sohn_,
_Mücke_ und _Hübener_ angelangt. _Bendemann_ und _Schirmer_ folgten bald
darauf. Eine neue Kunstepoche blühte unter Schadow's Leitung schnell empor.
»Gemälde waren etwas Neues geworden,« sagt Immermann in den »Düsseldorfer
Anfängen«, »da die Baiern schon zwanzig Jahre früher die Galerie entführt
hatten; die inhaltreiche Conversation des Künstlers, der Menschen, Werke,
Welt gesehen hatte, war auch etwas Neues. All dieses Neue erhielt einen
pikanten Zusatz durch die Figuren der jungen hübschen, bescheidenen
Künstler, welche bloße Hälse und lange Bärte trugen, und von denen der
Meister mit Sicherheit den späteren Ruhm vorhersagte.«
Immermann fühlte sich wohl in diesem heiteren Kreis, »dessen Arbeit auf die
Schönheit ging«; er nahm Theil an der angenehmen Gesellschaft, die sich
in dem Schadow'schen Hause vereinigte. Er hatte eben »Andreas Hofer«
vollendet, und wurde bald zu neuem Schaffen angeregt; er schrieb 1828
das Trauerspiel: »Kaiser Friedrich der Zweite,« die Lustspiele: »Die
Verkleidungen,« und: »Die schelmische Gräfin,« 1829: »Die Schule der
Frommen,« ließ eine neue Folge der »Gedichte« erscheinen und einen Band
»Miscellen.« 1830 schrieb er sein »Tulifäntchen,« dieses scherzhafte
Heldengedicht, das Heine einen »epischen Kolibri« genannt, dichtete die
Trilogie »Alexis,« und den phantastischen, tiefsinnigen »Merlin,« und
arbeitete an den »Epigonen.«
Unterdessen wurde der Kunstverein gegründet, Lessing malte sein Königspaar,
Bendemann die Ebräer im Exil, Sohn den Hylas, Hübener den Roland,
Hildebrandt Judith und Holofernes, Schirmer malte Landschaften, es war ein
reges Leben, das Immermann ein zweites Studentenleben nannte, »aber kein
rüdes, sondern ein phantasievolles.«
Mit Schadow trat Immermann in lebhafte Beziehung; trotz der großen
Verschiedenheit ihrer Naturen zog ihn sein unläugbarer Künstlergeist
an, und wenn auch Schadow's eifriger Katholizismus später das Verhältniß
erkalten machte, so hörte Immermann doch nie auf, ihn zu schätzen, und
seine seltenen Verdienste zu würdigen. Wie sehr dies der Fall war, beweist
folgende Stelle in den viel später geschriebenen »Düsseldorfer Anfängen.«
-- »Wir haben hier Großes werden sehen. Ein Mann kommt vor dreizehn Jahren
daher, gefolgt von fünf Schülern, die recht hübsche Sachen gemacht haben,
doch aber noch völlig unfertig sind. Er betritt ein fremdes Terrain, ohne
mächtige Verbindungen zu haben, er muß sich alles erst selbst schaffen.
Sein Gouvernement unterstützt ihn wohl, jedoch nur mäßig; keines Königes
mächtiger Arm hält ihn, stellt ihm die geniusentflammenden Aufgaben. Einen
Namen bringt er mit, genannt allerdings in der Kunstwelt, keineswegs aber
mit der Glorie allgemeiner Berühmtheit. Und nach dreizehn Jahren steht
er an der Spitze einer Anstalt, worin die Hunderte nun fast statt der
ursprünglichen Einheiten zählen. Die Räume sind zu eng für den Andrang,
der Ruf der Anstalt geht durch Europa, und zieht die Lehrlinge aus allen
Landen, bis zum hohen Norden hinauf, herbei. Die Werke der Schule zieren
Königs- und Kaiserpaläste, die Erben großer Reiche besuchen den Chef, und
treten zum Theil unter sein Dach. Der Kunstverein, der doch auch ohne ihn
nicht entstanden wäre, hat jährlich zwanzigtausend Thaler zu verwenden. Die
Schule sandte Kolonien aus nach Dresden und Frankfurt. Was aber noch mehr:
das Haupt wurde längst von den Gliedern überflügelt, und dennoch lösen sich
viele der edelsten Glieder nicht ab, wohl wissend, daß der Zusammenhang,
wie er war, ihnen auch noch jetzt fromme.« --
Noch andere Gestalten traten in diesen Kreis; _Friedrich von Uechtritz_,
der liebenswürdige Dichter der Trauerspiele: »Alexander und Darius,« und
»Rosamunde,« der bald mit Immermann dessen literarische Interessen theilte,
und zugleich sich mit den Malern befreundete, denen besonders seine
Geschichtskenntnisse werthvoll und anregend waren; _Schnaase_ schloß
sich an als Kunstforscher und sinniger Kunstbetrachter, dessen Wissen und
combinatorischen Scharfsinn Immermann rühmend anerkannte.
_Elisa_ wollte sich anfänglich von aller Geselligkeit fern halten, aber
der frische Strom all dieses Wirkens und Genießens drang doch bis in ihre
idyllische grüne Einsamkeit zu Derendorf, vielfach wünschte man in ihre
Nähe zu gelangen, und oft vereinigte sich Abends in ihren Räumen ein
auserlesener Kreis näherer Freunde: der Maler _Hildebrandt_, Uechtritz,
Schnaase, die Dichterin _Elisabeth Grube_, und manche Andere. Von der
letzteren sei hier ein Gedicht aus ihrem »Liederkranz« mitgetheilt, welches
_Elisen_ und Immermann anmuthig schildert:
Der Baum.
Die hohe Frau, die mir gebeut,
Schaut auf zum Blüthenbaum,
Der seine duftigen Flocken streut
Auf einer Wiese Saum,
Und Jedem, der vorüber geht,
Mit weißen Fahnen Grüße weht.
Wie ist der Baum so wunderschön!
Wie freudenreich sein Dach!
Der muntren Vögelein Getön
Ruft träge Käfer wach;
Es schwirrt und girrt, es springt und singt;
Ein Summen, Brummen rings erklingt!
Froh spricht die Herrin: »Mein Poet,
»Der Baum ist liedeswerth!
»Der hier, ein Frühlingswunder, steht
»Und Allen Lust bescheert;
»Wär' ich ein Musenkind wie Du,
»Dem Baum säng' ich ein Liedchen zu.«
Der Sänger sieht allüberall
Der Herrin holdes Bild,
Und von dem Schlag der Nachtigall
Das Herz ihm überquillt;
Beim Baum hat er an _sie_ gedacht,
Zugleich ist dieses Lied erwacht.
Wohl ist der Baum der Herrin Bild
So hehr, so freudenreich!
Wie jener tausend Wünsche stillt
Mit einem Blüthenzweig:
So ist _ihr_ Lächeln Sonnenschein!
So ist _ihr_ Lieben goldner Wein!
Bei _Elisen_, im traulichen Freundeskreise, fühlte sich Immermann stets am
wohlsten, und entfaltete voll froher Laune und heitren Geistes seine ganze
Liebenswürdigkeit. Er war befriedigt wie nie zuvor, und gewiß wird jene
Zeit, die er in täglichem, beglückendem Verkehr mit der angebeteten
Freundin, in Ruhe und Stille dem dichterischen Schaffen hingegeben, und
von neuen Kunstanschauungen und belebendem Verkehr getragen, in Derendorf
zubrachte, die glänzendste seines Lebens genannt werden müssen. Alle Prosa,
über die er so oft in Magdeburg geklagt, war plötzlich verschwunden,
er lebte in Wahrheit ein Dichterleben! -- Wenn ihn die Kritik mitunter
verstimmte, die ihm nicht immer die gewünschte Anerkennung gewährte, wenn
ihn der Angriff von Platen ärgerte, den er seinerseits erwiederte, so wußte
ihn _Elisa_ doch immer zu erheitern. Nun sollte noch eine neue Wirksamkeit
für ihn hinzukommen, die ihn ganz in Beschlag nahm; das Theater.
Die halböffentlichen Vorlesungen dramatischer Werke, die er zwei Winter
hintereinander vor einer großen Versammlung hielt, und die förmlich in
Düsseldorf Mode geworden waren, bildeten dazu eine Art Uebergang. Die Kunst
des Vorlesens, in der zuerst Tieck sich auszeichnete, und in der ihm bald
Holtei und Andere nachstrebten, diese Kunst, welche Immermann schon in
Münster in _Elisens_ Abendgesellschaften so gern geübt, bildete er nun noch
weiter aus. Die befreundeten Maler hatten ihm ein Atelier eingeräumt, das
man bemüht war, möglichst würdig für die elegante Welt einzurichten und
zu erleuchten, dessen eigentliche Bestimmung aber doch lustig zu Tage
kam, durch die Zeichnungen, Cartons und Farbenskizzen, welche die Wände
bedeckten, und das gute Einvernehmen anzeigten, in dem hier verschiedene
Künste neben einander gingen. Iphigenie, Blaubart, Wallenstein, König
Johann, Romeo und Julia, das Leben ein Traum, der standhafte Prinz, das
Däumchen, Hamlet, der Prinz von Homburg, der gestiefelte Kater, König
Oedipus, und Oedipus in Kolonos wurden dort von Immermann vorgetragen, mit
Kraft der Stimme, mit Feuer des Ausdrucks, mit mimischem Talent.
Bald entstand dadurch das Verlangen in ihm, nun auch dergleichen auf der
Bühne vorstellen zu lassen, in Wirklichkeit zu sehen, was hier nur in
idealen Umrissen sichtbar war. Es wurde ein Theaterverein gestiftet, und
mit einer Reihe von Mustervorstellungen Versuche gemacht, die Immermann,
unterstützt von seinen Freunden, der Düsseldorfer Schauspielergesellschaft
einstudierte. Das neugebaute, hübsche Theater kam ihnen hiebei vortrefflich
zu statten; fremde Künstler wurden aus der Ferne dazu herangezogen,
_Seydelmann_ kam um den »Nathan« zu spielen, _Weymar_ nahm an der »Braut
von Messina« und dem »Andreas Hofer« Theil. Uechtritz leitete die Proben
von »Stille Wasser sind tief,« und war thätig mit Rath und Hülfe; _Felix
Mendelssohn_ nahm sich der beiden Opern »Don Juan« und »der Wasserträger«
an; das meiste leitete Immermann selbst.
Schadow hatte ihm eine abgelegene, klösterliche Zelle auf der Akademie
zu den Leseproben abgetreten. »Unter den Fenstern rauschte der Rhein, die
weißen Wände röthete die Frühlingssonne. Bei dem Klange der Wellen, in
dem rosigen Schein wurden da Sylben gemessen, Accente festgestellt,
die Schattirungen der Rede ausgearbeitet,« sagt Immermann davon in den
»Düsseldorfer Anfängen.« Zu der Vorstellung des »standhaften Prinzen«
entwarf Schirmer die Ansicht von Fez, Hildebrandt stellte die
Ausschiffungs- und Kriegsgruppen, Felix Mendelssohn componirte die Musik,
zwei herrliche Sclavenchöre, und zur Erscheinung des Geistes einen ganz
eigenthümlichen Marsch, der »wie aufgelöste katholische Kirchenhymnen«
klang. So reichten sich alle Talente freundschaftlich die Hände zu einem
schönen Ganzen. Der Erfolg war überraschend.
Man ging nun weiter; eine bedeutende Summe wurde durch Actien gedeckt,
Immermann erhielt auf ein Jahr Urlaub, um sich ganz der Leitung des
Theaters widmen zu können. So erstand eine Bühne, die nach edlen Idealen
strebte, die poetischen Schöpfungen in ihrer wahren Höhe und Schönheit
darzustellen suchte, ohne sie herabzuziehen in die gewöhnliche Bretterwelt.
Es war kein geringer Regisseur oder unwissender Cavalier, sondern ein
Dichter, der sich in den Geist der darzustellenden Werke versenkte, und ihn
voll Begeisterung zur Erscheinung zu bringen sich bemühte. Es war wieder
_Elisens_ feiner Hauch, welcher diese Bestrebungen beseelte, denn von ihr
empfing ja Immermann die Anregung zum Schaffen und Wirken, an sie und ihren
Beifall dachte er dabei unablässig, und so wie die Lützow'sche Freischaar
nie geworden wäre, was sie war, ohne _Elisen_, so ist es auch mit jenen
Düsseldorfer Bühnenversuchen, die sich eine Veredlung der Schauspielkunst
zum Ziel gewählt hatten, und ohne _Elisen_ niemals einen so hohen Flug
genommen hätten, der bei verhältnißmäßig so beschränkten Mitteln doppelt
staunenswerth war. _Elisa_ verlangte nie hervorzutreten, und genannt zu
werden; sie besaß nicht die geringste Eitelkeit, und es war im Gegentheil
ihre Freude, den Glanz, welcher von ihr ausging, auf Andre zu übertragen.
So wirkte sie stets im Stillen, aber ihr Einfluß war immerfort wirksam, und
den Vertrauten unverkennbar.
Der beständige Fremdenverkehr brachte fortwährend neue, interessante
Persönlichkeiten nach Düsseldorf, von denen manche, angezogen durch die
künstlerischen und literarischen Kräfte, die sich dort vereinigten, länger
verweilten. Zu diesen gehörte besonders der Dichter _Michael Beer_, mit
dem sich Immermann sehr befreundete, wie auch der zwischen ihnen geführte
Briefwechsel beweist, der nach Michael Beer's Tode erschienen ist;
dann _Wilhelm von Normann_, Verfasser des Gedichtes: »Mosaik,« ein
liebenswürdiger junger Mann, der lange und innig eine schottische Dame
liebte, und bald nachdem er sich endlich, nach vielen Hindernissen mit
ihr verbunden hatte, noch nicht dreißig Jahre alt, starb. Ferner _Felix
Mendelssohn_, der berühmte, geniale Componist; mehrmals kam auch der gute,
begeisterte Möller zum Besuch, so wie _Elisens_ Freundin Johanna, die
sich mit Dieffenbach verheirathet hatte, aber nach kurzem Glücke von ihm
geschieden worden war, da ihre leidenschaftliche Eifersucht, zu der er
übrigens wohl manchen Anlaß geben mochte, ihm unerträglich wurde. Henriette
Paalzow, die sich über ein Jahr in Köln aufhielt, sprach gleichfalls mit
ihrem Bruder, dem Maler _Wilhelm Wach_, in dem freundlichen Derendorf ein.
Wir dürfen auch _Dietrich Christian Grabbe_ nicht vergessen, dieses
verwilderte Genie, das Immermann vergeblich strebte, zu sich zu
erheben. Grabbe, 1801 zu Detmold geboren, war bekanntlich der Sohn eines
Zuchtmeisters, er selbst hatte auf dem Zuchthofe das Licht der Welt
erblickt; rings um ihn her waren die Zellen der Verbrecher. Sollte man
nicht glauben, jene ersten Eindrücke hätten ihm jene Lust am Gräßlichen
und Rohen eingeflößt, die sich in seinen Dichtungen ausspricht? -- Grabbe
eröffnete die Bekanntschaft mit Immermann dadurch, daß er ihm schrieb: »Ich
und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen.«
-- Immermann forderte ihn sogleich freundlich auf, nach Düsseldorf zu
kommen, sorgte für seine häusliche Einrichtung, lud ihn häufig zu sich
in größere und kleinere Gesellschaften, führte ihn bei mehreren seiner
Bekannten ein, unterstützte ihn mit seinem Rath bei der Tragödie
»Hannibal,« die Grabbe unvollendet mitgebracht hatte, und bewies die größte
Nachsicht mit seinen Launen und seiner mangelhaften Erziehung. Grabbe
seinerseits nahm dagegen den lebhaftesten und eifrigsten Antheil an
Immermann's Theaterbestrebungen. Immermann erkannte in Grabbe eine
schöpferische Kraft, wenn auch mehr eine Kraft der Häßlichkeit, als der
Schönheit, mehr Ungeheuerlichkeit als wahre Größe, mehr Verzerrung als
Genialität, wie er denn auch den »Theodor von Gothland« ein »Conzert der
Verzweiflung« nannte.
Immermann entwirft in den »Memorabilien« folgendes Bild von Grabbe: »Nichts
stimmte in diesem Körper zusammen. Fein und zart -- Hände und Füße von
solcher Kleinheit, daß sie mir wie unentwickelt vorkamen -- regte er sich
in eckigten, rohen und ungeschlachten Bewegungen; die Arme wußten
nicht, was die Hände thaten, Oberkörper und Füße standen nicht selten im
Widerstreite. Diese Contraste erreichten in seinem Gesichte ihren Gipfel.
Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, wie ich sie nur in Shakespear's (freilich
ganz unhistorischem) Bildnisse von ähnlicher Pracht gesehen habe, darunter
große, geisterhaft weite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller
Bläue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin -- das dünne, fahle Haar,
welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet --
Alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt! Ein
schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom
Halse sich lösend, der ganze untere Theil des Gesichts überhaupt so scheu
zurückkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute.« --
Es muß ein ergötzlicher Anblick gewesen sein, wenn Grabbe zu Immermann zum
Besuch kam. Letzterer erzählt davon: »Zuweilen kam er aber auch zu mir,
wenn die verdrossenen Füße ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung
erlauben wollten. Da gab es denn den lächerlichsten Anblick. Weil er sich
nämlich nie in den Wegen finden lernte, so mußte ihn seine Magd jederzeit
zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an:
Grabbe mit ernfthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend,
die Magd aber ihr erröthendes Antlitz halb in der Schürze verborgen, sich
schämend, »daß sie einen so großen Herrn bei Tage über die Straße führen
müsse.« --
_Elisa_, an der alles feine Sitte, Anstand und Schönheitssinn war, mußte
von der äußeren und inneren Vernachlässigung, und dem wilden und formlosen
Wesen des seltsamen Mannes unangenehm berührt werden, nahm sich seiner aber
dennoch mit Wohlwollen und Güte an, und zu ihrer Verwunderung über ihn,
gesellte sich das Mitleid. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes nahm sie
ihn mehrmals in ihrem Wagen zu kleinen Ausflügen in die Umgegend mit, wo
er dann mit der übrigen Gesellschaft Berge steigen mußte, was er sonst nie
that. Einmal improvisirte er bei Sonnenuntergang, auf einem Berge stehend,
so schöne Verse, daß _Elisa_ und ihre Begleitung ganz entzückt davon waren.
Gleich darauf benahm er sich aber wieder so cynisch, daß das Entzücken sich
in Widerwillen verwandelte. _Elisa_ durfte ihm mit ihrer schönen Hand nicht
zu nahe kommen, sonst biß er sie hinein, weil sie »so appetitlich« sei. »Er
war wie ein Kind,« sagte sie oft von ihm, »so gut, so unartig, so lenksam,
aber auch so schmutzig!« -- Grabbe verehrte sie sehr, und fühlte sich
geschmeichelt durch die Freundlichkeit einer so vornehmen und edlen Frau.
Wenn er sich gegen _Karl Ziegler_ rühmte, _Elisa_ habe ihm täglich lange
Briefe geschrieben, wie letzterer in seinem Buche: »Grabbe's Leben und
Charakter« mittheilt, so halten wir das für eine Uebertreibung von Grabbe.
Leider war der wunderliche Mann schon zu sehr gesunken, als daß es möglich
gewesen wäre, ihn an eine thätige und geregelte Lebensweise zu gewöhnen; er
wurde bald selbst seiner eigenen Anstrengungen müde, sich zu erheben, ergab
sich dem zu häufigen Genuß geistiger Getränke, und zuletzt verkannte sein
mißtrauischer Sinn Immermann's wahre, uneigennützige Freundschaft und Güte.
Das Verhältniß war ziemlich erkaltet, als er 1836 nach seiner Vaterstadt
Detmold zurückkehrte, wo er den 12. September desselben Jahres, erst
fünfunddreißig Jahre alt, starb. --
Werfen wir nun wieder einen Blick zurück, auf Lützow! Dieser, der sich in
seine vereinsamte häusliche Lage, welche er selbst herbeigeführt, gar
nicht finden konnte, hatte sich plötzlich, im Jahre 1828, entschlossen,
die Wittwe seines Bruders Wilhelm zu heirathen. In einem Briefe, der seinen
aufgeregten Gemüthszustand ausdrückt, und in dem er sich vor _Elisen_
gewissermaßen zu entschuldigen sucht, zeigt er dieser seinen Schritt an;
er lautet: »Meine liebe, beste Elise! Es war mir unmöglich, Dir das zu
schreiben, was Schlüsser's Brief ausspricht. Ich fühle, daß ich mich
eigentlich zu _keinem_ häuslichen Verhältniß passe -- sonst wäre ich gewiß
vom Anfange an mit Dir unaussprechlich glücklich gewesen, denn wer könnte
mehr wünschen, als ich besaß. -- Auguste ist allerdings eine angenehme
Frau, indessen mehr noch die Wittwe Wilhelms hat eine Lage der Dinge
herbeigeführt, wozu ich den Himmel um seinen Schutz anrufe, denn eine
verkehrte Persönlichkeit und ein zerrissenes Gefühl machen mir einen
höheren Beistand nöthig und unentbehrlich. -- Die Liebe und Freundschaft
bis in den Tod zu einem Wesen, was ich unendlich verehre, meine beste
Elise, die bleibt sich gleich, nichts kann Dich aus meinem Herzen reißen!
-- Von Deiner Großmuth erwarte ich auch jetzt Liebe, Freundschaft und
Theilnahme. -- Deine großherzigen Absichten für Wilhelms Tochter erkenne
ich mit Dank. Jedoch Dein Vermögen gehört Deiner Familie. Ein _kleines_
Andenken dereinst für die Kleine, nehme ich in ihrem Namen um so lieber an,
da unserem Wilhelm alles so lieb war, was von Dir kam. -- Glaubst Du Deiner
Familie näher zu treten, wenn Du Deinen Geburtsnamen wieder annimmst, so
thue dies, meinem Herzen bleibst Du gleich theuer und nahe. -- Aus der
Fülle meiner Seele Dein Dich unbeschreiblich liebender Freund Adolph.
-- Schreibe mir nach Münster; Deine Briefe kommen nicht in fremde Hände,
darauf rechne!« --
In einem schnell darauf folgenden Briefe aus Münster, den 19. Juli 1828
schrieb er: »Auguste hat gute und ausgezeichnete Eigenschaften; -- das
Unglückliche ihrer Lage, eine zärtliche Freundschaft für Wilhelm, haben
mein Gefühl aufgeregt, meinen Entschluß schnell erzeugt, und machten, daß
ich mich sogleich erklärte; schenke Du mir Nachsicht, der Himmel seinen
Segen. Wilhelms Tochter wird Elsbeth genannt, und heißt Elisabeth. -- Mich
zerreißen die widersprechendsten Empfindungen. Dein Andenken, meine beste
Elise, bleibt mit eisernen Ketten an mein Herz gefesselt. Adolph.« --
Es ist bereits in dem ersten dieser Schreiben erwähnt, daß _Elisa_, als sie
von Lützow's zweiter Heirath vernahm, wieder ihren Familiennamen Ahlefeldt
anzunehmen wünschte, da sie die etwanige Verwechselung mit jener neuen Frau
von Lützow aus manchen Gründen vermeiden wollte; sie wandte sich deßhalb an
den König von Dänemark mit dem Ansuchen, sich wieder Gräfin von Ahlefeldt
nennen zu dürfen.
Auch Lützow's neue Verbindung konnte die freundschaftliche Beziehung
zwischen ihm und _Elisen_ nicht hindern; sie wechselten Briefe nach wie
vor in herzlicher Weise. Von _Elisens_ Seite kam bald noch Mitleid für den
unglücklichen Freund hinzu, der vergeblich Ruhe und Befriedigung suchte. Er
bedurfte theilnehmenden Trostes, und _Elisa_, die geschiedene Gattin, war
die Einzige, die ihm solchen bieten konnte. Keine kleinliche Regung war in
ihrer Seele; sie hatte ihm alles vergeben.
Man wird nicht ohne Rührung die folgenden Zeilen lesen können, die er ihr
aus Münster, den 25. April 1829 schrieb: »Meine liebe, beste Elise! Ich
schreibe Dir gleich nach meinem Eintreffen in Münster, und erwarte so
sehnlich eine freundliche Antwort von Dir! Wenn Du mir in's Herz sehen
könntest, Du würdest mir diese nicht versagen. Ich bin unaussprechlich
unglücklich! -- Mit Recht kannst Du sagen, ich habe mich selbst unglücklich
gemacht; so richtig dies auch ist, so würdest Du mich entschuldigen, wenn
Du von allen Verhältnissen unterrichtet wärest. Es gehe mir wie es wolle,
nur den Trost Deiner freundschaftlichen Theilnahme, den laß mir, sonst gehe
ich unter! -- Könnte ich Dich nur einmal wiedersehen! -- Noch einmal bitte
ich Dich, beglücke mich recht bald mit einigen theilnehmenden Zeilen. --
Von ganzem Herzen, selbst wenn ich es nicht wollte, dennoch, ich fühl's,
bis an das Ende meines Lebens, Dein Freund Lützow.« --
Das Verlangen, _Elisen_ wiederzusehen, von welcher er sich in einer nur so
kurz dauernden Verblendung getrennt hatte, wurde so mächtig in ihm, daß er
ihm nicht länger widerstehen konnte, und so schrieb er ihr aus Münster, den
6. Mai 1829: »Meine liebe, beste Elise! Sei mein Verhältniß wie es wolle,
ich muß Dich sehen, von Dir Trost und Leben erhalten! -- Ich reise von
Paderborn mit der Schnellpost nach Düsseldorf, kann von hier nicht wohl
ganz genau bestimmen, wann ich ankomme, gegen den 16. oder 17. kannst Du
mich erwarten. Du wirst doch nicht so unmenschlich sein, mich abzuweisen?
Das wäre schrecklich! -- In der Erwartung des hohen Glücks Dich
wiederzusehn, von ganzem Herzen der Deinige, Adolph.« --
Er reiste nun wirklich nach Düsseldorf, und mit tiefer Bewegung sahen sich
die ehemaligen Gatten wieder. Lützow konnte sich kaum fassen, beklagte
tausendmal, die theure Frau durch seine eigene Schuld auf ewig verloren zu
haben, und vertraute ihrem treuen Antheil all den Kummer und all das Leid,
die ihn drückten. Wie sehr dies Wiedersehn ihm wohlgethan, zeigen die
folgenden Worte, die er ihr nach seiner Rückkehr, aus Münster, den 31. Mai
1829 schrieb: »Für mich werden dereinst die Thränen reden, die ich bei
Deinem Andenken weine, wenn ich die Schuld verantworten soll, die ich gegen
Dich begangen. -- Du bist zu großmüthig, zu gütig, und so darf ich
denn überzeugt sein, Du verzeihst mir, und läßt mir den Trost Deiner
Freundschaft, wie ich bis in den Tod der Deinige bin. -- Wie bereitwillig
bist Du nicht stets, um Andern nützlich zu sein, das Glück Anderer liegt
Dir stets am meisten am Herzen, an Dich denkst Du zuletzt; möchte Dir doch
vergolten werden!« --
Ueber seine Versetzung nach Torgau schrieb er ihr aus Münster den 8. April
1830: »Du wirst vielleicht schon erfahren haben, daß ich Brigade-Kommandeur
in Torgau geworden bin. -- Seitdem Du nicht mehr in Münster bist, habe ich
mich immer so sehr von hier weggewünscht, um Erinnerungen los zu werden,
die mein Herz zerreißen!« --
Seine Abreise an den neuen Bestimmungsort meldete er ihr in einem Briefe
aus Münster, den 15. April 1830, der nichts enthielt, als die Worte: »Meine
beste Elise! Morgen verlasse ich Münster, wo ich das Glück meines Lebens
eingebüßt habe. -- Wenn es Dir nur gut geht, so mag der Himmel über mir
zusammenschlagen. Mit den tiefsten Gefühlen, der Deinige, Adolph«. -- Wie
viel gepreßter Schmerz in diesem Ausruf! -- _Elisens_ Antworten las er
nie ohne Thränen der Wehmuth, und wenn sie einmal etwas länger mit dem
Schreiben zögerte, klagte er immer auf's Neue, es sei ihm so bange um's
Herz.
Als nach eingetroffener Erlaubniß des Königs von Dänemark _Elisa_ wieder
den Namen Gräfin von Ahlefeldt-Laurwig annahm, schrieb ihr Lützow aus
Erfurt, wohin das Armeekorps, dem er angehörte, marschirt war, den
28. Mai 1831: »Sehr angemessen finde ich es, daß Du Deinen Familiennamen
angenommen, es bringt Dich Deiner Familie wieder näher, und wird beim
äußeren Auftreten manche schmerzhafte Erinnerung vermeiden -- und in dieser
Beziehung ein neues Leben begründen. -- Doch den Menschen beherrschen
doppelte Gefühle, und so konnte ich mich der egoistischen Thränen nicht
erwehren, als ich erfuhr, daß Du meinen Namen nicht mehr trägst; -- ich
fürchtete, Du wärest mir dadurch _entfernter_ getreten. -- Ueber die
Inconsequenz der Menschen, die erst handeln, und dann erst begreifen, was
sie gethan haben!«--
Da der Zustand von _Elisens_ Vater damals große Besorgnisse einflößte, und
man vermuthen durfte, daß ihr Vetter _Christian_, der sie dringend zu sich
einlud, bald der Besitzer von Langeland sein würde, so drückte Lützow
den Wunsch aus, sich dort mit _Elisen_ treffen zu dürfen, denn, sonderbar
genug, verbinde er mit Langeland noch immer den Begriff, als wäre er dort
in der Familie, und, setzte er hinzu, wäre er frei, so möchte er seinen
Abschied nehmen, sich auf Langeland eines der ehemaligen Musikantenhäuser
miethen, und im Andenken an _Elisen_ dort ganz still leben. Es ist gewiß
sehr ungewöhnlich, daß ein Mann solche Gefühle für seine geschiedene Gattin
hegt, wie es in diesem eigenthümlichen Verhältniß der Fall war. --