Die Befürchtungen in Betreff von _Elisens_ Vater trafen bald ein. Den

8. März 1832, in demselben Monat, in dem sie ihre Mutter verloren hatte,

erfolgte sein Tod; sanft und ohne Schmerzen entschlief er an den Folgen

eines Nervenschlages, zweiundsiebzig Jahre alt. _Elisa_ hatte ihm mehrmals

und zu verschiedenen Zeiten angeboten, zu ihm nach Langeland zu kommen, und

ihn zu pflegen, aber er hatte dieses Opfer abgelehnt, und ein solches wäre

es unläugbar für sie gewesen, da in dem Kreise, in welchem er schon lange

Zeit lebte, seit Jahren keine Dame von Erziehung und wirklicher Bildung

gewesen war, und ein roher Ton und leichtfertige Sitten herrschten.

Er hinterließ beträchtliche Schulden. _Elisa_ schloß nun mit ihrem Vetter,

dem Grafen _Christian von Ahlefeldt-Laurwig_, an den nun die Grafschaft

fiel, einen Vergleich, der darauf hinauslief, daß ihr auf Lebenszeit

eine jährliche Rente ausgezahlt wurde; sie erhielt freilich nicht die

Reichthümer, die ihr in der Jugendzeit zugedacht gewesen, aber

zum wenigsten sah sie sich doch endlich in geordneten und sichren

Verhältnissen.

Die erste Anwendung, die sie von einem Theil ihres neuen Einkommens machte,

war, daß sie ihrer theuren alten Erzieherin, die bereits sechsundsiebzig

Jahre alt, noch in Hamburg lebte, eine jährliche Pension gab, die

Graf Friedrich von Ahlefeldt ihr auf Lebenszeit verheißen, aber seit

einundzwanzig Jahren nicht mehr ausbezahlt hatte. --

Im Frühjahr 1833 wurde Lützow ganz unerwartet zur Disposition gestellt; er

schrieb _Elisen_ hierüber aus Torgau den 1. Mai: »Meine beste Elise! Der

König hat meine Brigade dem Prinzen Albrecht gegeben, und wenn es nun

allerdings nichts Ungewöhnliches ist, einem Königssohn zu weichen,

so bleibt es doch allerdings nichts Angenehmes. -- Es sind mir die

allerschönsten Versprechungen gemacht worden, indeß ist haben besser

als bekommen, die Leute, denen meine Art zu denken eben _nicht gefällt_,

schätzen mich sehr hoch, finden aber, daß es schade sei, so oft verwundet

zu sein, u. s. w. Im ersten Augenblick fehlte mir die Kraft nicht, indeß

läugne ich nicht, daß ich im Inneren verstimmt bin; meine Absicht ist,

eine Wohnung im Thiergarten zu miethen, und dort das Weitere abzuwarten.

Erstlich wollte ich nach Dresden gehn, wo ich gewesen bin, und wo es mir

ganz besonders gefällt, indeß wünscht Witzleben, daß ich in Berlin bleiben

möchte. Ich bin ganz wohl, und habe zu wenig Uebung mich selbst nur allein

mit mir zu beschäftigen, um auf eine Anstellung völlig verzichten zu

dürfen.« --

Auch über diese Kränkung, die er tief fühlte, sprach er sich am liebsten

gegen die Freundin aus; er konnte sich schwer in seine neue Lage finden.

Er ging nun nach Berlin, und bezog eine Wohnung im Thiergarten. An die

höflichen Redensarten, mit denen man ihn hinhielt, glaubte er wenig, und

nahm sich vor, noch einige Zeit die Dinge ruhig zu erwarten, wenn er

aber nicht, wie man ihm mündlich und schriftlich zugesichert, auf eine

angemessene Art angestellt werde, so wollte er Preußen verlassen, und es

nie wiedersehen. --

In einem Briefe aus Berlin, den 28. November 1833 sprach Lützow seinen

allerdings gegründeten Unmuth aus; er lautet: »Meine beste Elise! Ich habe

lange nicht geschrieben, aber es wird mir schwer, Dir zu sagen, wie ich

lebe! Beinahe schäme ich mich, es zu erzählen. Meine Wohnung im Thiergarten

ist allerdings angenehm, außerdem bin ich völlig ohne Geschäfte; kein

Mensch, sage keine menschliche Seele erinnert sich meiner. Leo ist der

einzige, der alle Monat einmal pflichtmäßig zu mir kommt, er ist mehr

achtbar als angenehm, und verläßt mich nie, ohne mein Gefühl verletzt

zu haben. -- Daß der Lützow'sche Name nicht florirt, ist ihm allerdings

unangenehm, mir persönlich mag er wohl eine Demüthigung gönnen, wenn er

auch darüber -- wie die Menschen in so vielen Verhältnissen -- nicht ganz

klar sich selbst Rechenschaft giebt. -- Ich bin stumpf geworden, die Dinge

haben ihren Eindruck auf mich verloren. Es bedarf eines äußeren Anklangs,

um mich wieder zu erheben, ich werde ihn suchen und finden! -- Berlin ist

übrigens ein fatales Offiziantenloch. Alles äfft dem Hofe nach. Bildung des

Verstandes will ich den Berlinern nicht allgemein absprechen; das Gemüth

ist ohne Fülle, sie sind in Vielwisserei, äußeren Schein und Vornehmthun

versunken. Der Luxus ist groß. Ein Hausvater läßt seine Kinder nach seinem

Tode lieber betteln, als seine Gäste ohne Champagner. Die Frauen bedürfen

unaufhörlich neuer Lumpen, und bedenken nicht, daß ihre Kinder dereinst

zerlumpt einher wandern müssen. In diesem Augenblick passiren lauter schöne

Wagen und Pferde, die Livreen gleichen den Hoflivreen, denn jede arme

Lieutenantsfrau glaubt ein Stück des Hofes sein zu müssen. -- Hinter dem

Wagen steht ein Neufchateller Jäger, der nie einen Hasen geschossen, und

noch überdies das Französische seiner gnädigen Frau nicht recht zu deuten

versteht, so laut sie auch das ganze Publikum damit unterhält. Vor 1813

hatte das Unglück die Berliner vernünftig gemacht, seitdem die Staatskassen

richtig zahlen, und die Orden fliegen, sind sie die alten, und noch

schlimmer wie vor 1806. -- Darf ich Dich besuchen, wenn ich im Frühjahr

nach dem Rhein komme? Gern sagte ich Dir mündlich, daß ich nie aufhören

kann der Deinige zu sein.« --

Immer auf's Neue äußerte Lützow den Wunsch _Elisen_ wiederzusehen, um sich

bei ihr zu entschädigen für sein häusliches Leid. »Lange bin ich in Dresden

gewesen,« schrieb er ihr aus Berlin, den 1. November 1834, »und habe

eigentlich die Absicht dort für immer zu leben. Dir hat es ja auch stets

dort gefallen, kommst Du nicht vielleicht einmal wieder nach Dresden? Wir

wollten recht freundlich zusammen leben. Ueberlege Dir meinen Vorschlag,

der aus meinem tiefsten, innersten Gefühl hervorgegangen. -- Die Tochter

unseres Wilhelms würde Dich interessiren, sie ist stark, kräftig, und ob

sie gleich für das ungezogenste Mädchen gehalten wird, und alle Dinge mit

ihren eigenen Augen ansieht, so ist dennoch in ihrem kleinen Herzen

eine Welt von Empfindungen und unendliche Tiefe des Gefühls. --

Meine felsenfeste Gesundheit ist erschüttert, und ich bin oft krank.

Gemüthsbewegungen kann ich durchaus nicht vertragen, diese machen, wie

Aerger, da ich nicht wie sonst durch heftiges Aufwallen Luft mache, mich

stets krank. -- Ich erwarte viel von einer gänzlichen Zurückgezogenheit im

herrlichen Dresden, besonders wenn auch Du durch Deine Gegenwart das Leben

verherrlichen wolltest. Mit tiefer Anhänglichkeit und treuer Freundschaft

der Deinige Adolph.« --

Was Lützow hier von seiner Gesundheit sagte, war leider nur zu wahr!

Ein Brief aus Berlin, den 18. November 1834, in welchem er _Elisen_

nachträglich auf gewohnte Weise zu ihrem Geburtstag Glück wünschte, und

lebhaft über ein dreitägiges Fieber klagte, war der letzte, den er der

geliebten Freundin geschrieben, denn schon den 4. Dezember 1834 starb er

plötzlich, erst zweiundfünfzig Jahre alt. --

Er wohnte, da seine Frau in Dresden lebte, und er dadurch wieder ganz

allein war, die letzte Zeit im Thiergarten beim Hofjäger, wo er ein

einzelnes Zimmer seiner früheren Wohnung gemiethet hatte. Er war den Abend,

über Unwohlsein klagend, nach Hause gekommen, und den andern Morgen fand

ihn sein Diener todt im Bette. Seine Gesichtszüge sahen so ruhig aus, als

wenn er schliefe. Auf einem Tische neben ihm lagen einige Bände Shakespear,

Tasso, Faust und Wallenstein, Werke, die ihm nur als Erinnerung an _Elisen_

lieb sein konnten, da er sonst an solcher Lectüre keinen Geschmack fand.

_Elisa_ war tief erschüttert von der Nachricht, welche die treue Johanna

Dieffenbach sogleich an Immermann schrieb, damit dieser sie in schonender

Weise der Freundin mittheile. Allgemein wurde der tapfre und ruhmreiche

Freischaarenführer betrauert, der durch seine Unerschrockenheit und

Biederkeit, durch seine Gutmüthigkeit und Offenheit viele Freunde

besaß, und von der ganzen preußischen Armee hochgeachtet wurde. Für die

Handlungen, zu denen ihn Leidenschaft und Charakterschwäche verleitet,

hatte er bitter gebüßt durch tiefe Reue, und wenn er selbst sich auch sein

Unglück zugezogen, so mußte man ihn doch herzlich darum bedauern. Er wurde

vor der Zeit alt. Seine zweite Heirath war es vor allem, die ihm viel

Kummer bereitete, nun kam noch seine leidende Gesundheit dazu, und die

kränkende Zurücksetzung, die er, der sich um das Vaterland so sehr verdient

gemacht hatte, erfahren mußte. -- Sein Andenken wird fortleben in der

Geschichte, wenn diejenigen, die ihn in den Schatten zu stellen suchten,

längst vergessen sind.

Wir müssen verschiedene Reisen erwähnen, welche _Elisa_ während ihres

Aufenthalts in Düsseldorf machte, theils begleitet von Immermann, theils

allein. Die schönen Rheingegenden forderten zu manchen romantischen

Ausflügen auf; in Dresden wurde Tieck besucht, dessen Kreis vielfach

Anregung bot, und der mit Immermann das Interesse für die Bühne theilte.

Als Immermann 1831 jene Reise machte, die er in seinem gedruckten

»Reisejournal« geschildert, schrieb er alle jene darin enthaltenen Briefe

an die in Derendorf zurückgebliebene _Elisa_; sie legen in manchen kleinen

Zügen dar, wie auch in der Ferne sich alle seine Gedanken zu der Freundin

richteten, wie er nichts genoß und nichts erlebte, was er nicht mit ihr

zu theilen verlangte. Im Jahre 1834 unternahmen er und _Elisa_ eine

gemeinschaftliche Reise nach Holland, auf der die Malerin _Karoline Lauska_

sie begleitete. Sie gingen über Nymwegen, Rotterdam, Delft, den Haag, nach

Scheveningen. Hier hatte _Elisa_ die Freude nach langen, langen Jahren

wieder einmal das Meer zu erblicken, das Meer, bei dessen majestätischem

Anblick, bei dessen geheimnißvollem Wogen und Brausen sie ihre Kindheit und

ihre Mädchenjahre verlebt, und manche goldene Jugendträume geträumt.

Froh schlug ihr Herz, als sie am frühen Morgen am Strand von Scheveningen

entlang gingen, und ihnen die grünlich silberne Fluth entgegenschäumte;

sie jubelte vor Entzücken, sie athmete mit Wonne eine Luft, die sie an

die Heimath erinnerte. Ihr scharfes Auge entdeckte zuerst die mächtigen

Segelschiffe, die am Saume des Horizonts wie ferne Nebelgestalten grau und

geisterhaft erschienen, und die _Elisa_ wie Freunde begrüßte. Die Wellen

hatten die zierlichsten Schaumlinien auf dem Strande zurückgelassen,

und das Meer warf phantastische grüne Schilfkränze und die leuchtendsten

Muscheln und Schneckenhäuser zu _Elisens_ Füßen, wie wenn es ihr, der

Tochter des Meeres, damit Geschenke darreichen wollte. Alle diese Schätze

wurden als Andenken gesammelt.

Sie gingen weiter über Harlem nach Amsterdam. Als sie an dem letzteren Orte

nach Frascati kamen, einem Wirthshaussaal, den man ihnen sehr empfohlen

hatte, trafen sie dort in dem hellen Raume ein paar hundert Menschen,

welche rauchten und tranken. Sie fanden an einem Tisch in einer Ecke mühsam

Platz, und Immermann, mit seinem Sinn und Auge für das Charakteristische

ergötzte sich die vielen seltsamen Gruppen ringsumher zu betrachten. Da

waren viele Nordholländer und Nordholländerinnen, die letzteren an Kopf,

Hals und Nacken mit Goldplatten und Brillanten bedeckt, übrigens in

bäuerlicher Tracht. Ihre Begleiter saßen, die Hüte auf dem Kopf, neben

ihnen, sahen starr vor sich hin, bliesen den Rauch aus den Thonpfeifen,

und gaben keinen Laut von sich. Das Ganze sah aus wie ein gemaltes Bild.

Immermann entdeckte hier mit Vergnügen so komische Originale, wie er sie

später in seinem »Münchhausen« geschildert, aber _Elisa_, die stets den

größten Widerwillen gegen Wirthshausluft und Tabacksqualm gehabt, wurde es

plötzlich so unheimlich dort, daß sie mit Einemmale, ohne sichtbares Motiv

sich voll Entsetzen erhob, und mit einem Ausdrucke des Grauens erklärte,

daß sie es hier unmöglich länger aushalten könne. Von ihren Gefährten

gefolgt, verließ sie eilig den Saal. --

Wie Immermann im Museum zu Amsterdam ein Gemälde von Gerhard Dow, welches

man, um es besser zu schützen, unter Glas gebracht hatte, anfaßte, um es

in helleres Licht zu bringen, schoß ein langer, wunderlicher Galeriediener

wüthend auf ihn zu und rief mit giftigem Blicke: die Schildereien wären

zum Bekeeken und nicht zum Anfassen da! Dieser komische Auftritt blieb

_Elisens_ lustigste Reiseerinnerung aus Holland. -- Ueber Utrecht und

Arnheim kehrten sie nach Düsseldorf zurück. --

Immermann dichtete nichts, das er nicht zuerst _Elisen_ vorlas, und ihrem

Urtheil unterwarf. So sehr sie sein Talent liebte und anerkannte, so war

sie doch keinesweges eine blinde Bewundrerin seiner Werke; weit entfernt,

wie so viele Frauen, die den Schriftstellern, welche ihnen nahe stehen,

durch ein maßloses Lob, welches größtentheils aus Beschränktheit und Mangel

an Geist entsteht, mehr schaden als nützen, sprach sie immer ihre offene

Meinung gegen ihn aus, mochte sie nun von der seinigen abweichend oder

zustimmend sein. Als sie einmal an seinem »Alexis« etwas tadelte, brach der

empfindliche Dichter in den klagenden Ausruf aus: »Wie, auch Sie verstehen

mich nicht?« -- _Elisa_ ließ sich, so sehr diese Worte sie schmerzten,

dadurch nicht irre machen, und hatte die Genugthuung, daß ihr Immermann

bald den ungerechten Vorwurf abbat, und an seinem Werk die Veränderung

vornahm, die _Elisa_ ihm angerathen hatte. Er schrieb keinen Brief, den

er ihr nicht, ehe er ihn abschickte, vorgelesen hätte; alle seine

Briefschaften, seine Manuscripte, schenkte er ihr; sie besaß einen

Schlüssel zu dem Schrank, in dem er alle seine Papiere verwahrte, er hatte

kein Geheimniß vor ihr, und es war ihm lieb, wenn sie in die innerste

Werkstätte seiner Gedanken blickte. Mit eigner zarter Hand ordnete

sie seinen Schreibtisch, und schmückte ihn auch wohl mit Blumen. Zu

wiederholten Malen bat Immermann _Elisen_, ihm ihre Hand zu reichen, und

damit seinem Glück die Krone auszusetzen; er stieß immer auf denselben

Widerstand. »Wird er immer so fühlen?« dachte sie zaghaft und bescheiden,

und hielt es für das beste, nichts an ihrem schönen Zusammenleben zu

ändern. --

* * * * *

Ein großer Schmerz war für Immermann, daß das Düsseldorfer Theater, welches

unter seiner Leitung einen so schönen Aufschwung genommen, wegen Mangel

an Geldmitteln eingehen mußte. Die Opfer, welche er selbst brachte, es zu

erhalten, wollten nicht ausreichen; keine Anstrengung, keinen Verdruß, der

bei einer solchen Stellung unvermeidlich war, hatte er gescheut, und mit

unermüdetem Eifer sich der Sache gewidmet, die ihm so sehr am Herzen lag.

Bis zuletzt hoffte er, daß sich im Publikum so viel Theilnahme finden

würde, um die sinkenden Kräfte zu unterstützen, aber mit Bitterkeit mußte

er wahrnehmen, daß die Reichen und Großen sich um die Hebung der wahren

Kunst viel zu wenig kümmerten, um zu einem solchen Zwecke beizusteuern,

und noch viel später, in den »Düsseldorfer Anfängen« klagte er, daß in dem

Staate der »Intelligenz« das Gouvernement, während es Hunderttausende für

die Frivolitäten des Ballets und der Oper in der Hauptstadt verschwenden,

nicht daran dachte, eine jährliche Unterstützung von 4000 Thalern einem

Institut zuzuwenden, das bestimmt war, in die Reihe der Rheinischen

Kunstanstalten mit einzurücken.

Am 1. April 1837 mußte die Bühne, nach dreijährigem, ruhmreichen Bestehen,

geschlossen werden; sie ging unter, aber in höchster Kraft und vollster

Blüthe, in einer Weise, die ihrer würdig war. Die Schauspieler fühlten

sich so von Eifer beseelt, daß sie bis zuletzt den größten Fleiß auf die

schwierigsten Aufgaben verwandten. Immermann sagte selbst, daß sie bis

zuletzt so viel leisteten, »weil sie ihre Ehre darein setzten, daß die

Bühne im höchsten Glanz ihrer Thätigkeit untergehe.« Die letzte Vorstellung

wurde mit einem Epiloge von Immermann geschlossen, den die Schauspielerin,

Madame Limbach vortrug, und in welchem, nachdem die Klage ausgedrückt,

daß das Glück in dieser bunten Thätigkeit nur so kurz gedauert, es weiter

heißt:

»Doch auch das Trübste sei an diesem Orte,

Von dem der Druck des Lebens fern sich hält,

Mit Heiterkeit betrachtet! Wenn die Bühne

In ihrer Kraft und Frische, jugendlich,

Dem Dienst der Göttertochter Poesie

Sich weih'nd, hier untergeht,

Ist's nicht im Grund ein Heil? _Der_ Tod galt stets

Noch für den glücklichsten, der an die Kraft,

Die ungeschwächte, rasch die Sichel legt,

Der trifft, noch eh' das Leben allgemach

Bewußtsein, Muth und Sinne ausgelöscht.

Sei dieser Tod ein Gleichniß unsres Falls.

Und dieses Gleichniß heut uns sanften Trost.« --

Immermann war sehr verstimmt; neben dem Scheitern seiner Bühnenwirksamkeit

verdroß es ihn, daß er als Schriftsteller nicht die Anerkennung fand,

die er zu verdienen glaubte. Persönliche Verdrüsse kamen hinzu, wie zum

Beispiel schon früher das Erkalten seines Freundschaftsverhältnisses mit

Schadow. Doch konnten ihn alle solche Verstimmungen nicht an neuem Schaffen

hindern; er gab die »Memorabilien« heraus, die »Epigonen,« dichtete an

seinem »Münchhausen« und begann »Tristan und Isolde.«

Eine Reise nach der Fränkischen Schweiz, im Jahre 1837, mit der er einen

Besuch in Weimar verband, heiterten ihn etwas auf. Er las an dem letzteren

Orte sein neuestes Drama »Ghismonda, die Opfer des Schweigens« vor, und

leitete dessen spätere Aufführung dort ein. Die Erinnerung an Goethe regte

ihn an, und erhob ihn; die freundlichste Aufnahme am Hofe wurde ihm zu

Theil, und das Weimarer Theater mochte wohl den Wunsch in ihm erregen,

ein solches unter seiner Leitung zu sehen. Die ganze, nach seinem Tode

abgedruckte »Fränkische Reise« bestand aus Briefen, die er an _Elisen_

schrieb.

Als bei seiner Rückkehr die Freundin ihn voll Liebenswürdigkeit und

Herzlichkeit empfing, dichtete er die folgenden Strophen an sie:

Symbol

in der Nacht der Heimkehr

den 12. October 1837.

Auf dem Tische lag der Kranz gewunden,

Steine aber legte ich, gefunden

In den Höhlen, Stalactiten, Pflanzen

Auf den Tisch aus meinem Reiseranzen.

Autographen und so manches Blatt,

Das mir mancher Freund verehret hat,

Wurden ausgebreitet auf dem Tisch. --

Als ich nun beschaute dies Gemisch.

Sieh, da gab's ein hübsches Symbolum,

Eins der ächten, redend, wenn auch stumm!

Petrefact und Stalactit und Pflanze

Lag gehäufet außerhalb dem Kranze.

Innerhalb des Kranzes aber hat

Seinen Platz gefunden Schrift und Blatt.

Der Natur Producte lagen drüben,

Und der Kunst, des Menschenlebens hüben!

Zwischen Kunst, Natur und Menschenleben

Hat also den Mittler abgegeben

Jener holde Kranz, den ich gefunden

In der Nacht, von lieber Hand gewunden.

Im Februar 1838 nahm Immermann an dem Fest der Freiwilligen zu Köln Theil,

das zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums begangen wurde. Sein

Gedicht: »Die silberne Hochzeit,« das er den Kameraden vortrug, zeigt seine

Begeisterung für das Vaterland, und wurde mit lautem Beifall aufgenommen.

Seine spätere Beschreibung des Festes feierte die große Zeit, deren er und

die Freundin so gern gedachten.

Im Laufe des Sommers erschien unter den Fremden in Düsseldorf auch _Adolf

Stahr_, der damals zuerst die Bekanntschaft von Immermann und _Elisen_

machte; er kam aus Oldenburg mit seinem Freunde, dem humoristischen

Schriftsteller _Theodor von Kobbe_, der sich selbst in seiner lustigen

Weise Immermann's =enragé= nannte. Bald darauf schilderte Stahr sehr

anziehend im »Bremer Conversationsblatt« seinen Besuch bei dem Dichter, für

den er voll Liebe und Verehrung war. --

Im Herbst dieses Jahres wünschte _Elisa_ nach so langer Zeit endlich

einmal wieder ihren guten alten Onkel von Hedemann-Heespen in Holstein zu

besuchen, der nun bereits den Siebzigen nahe war, und dringend verlangte,

sie wiederzusehen. Da Immermann seine Familie in Magdeburg sehen, und eine

Taufe bei seinem Bruder wollte mitfeiern helfen, auch einen Ausflug nach

Hamburg, wo er _Karl Gutzkow_ und _Ludolf Wienbarg_ aufzusuchen wünschte,

und nach Bremen beabsichtigte, so ließ sich die Reise theilweise

gemeinschaftlich machen. Immermann blieb in Magdeburg, während _Elisa_ bei

ihren Verwandten verweilte.

Auf der Durchreise durch Münster erwartete _Elisen_ der alte, würdige

Möller mit der feurigen Sehnsucht eines Jünglings. Wo sie erschien,

bezauberte sie wieder alle Herzen; der alte Onkel wurde beinahe wieder

jung vor Freude über ihre Gegenwart; in Hamburg begrüßte sie nach so langer

Trennung mit gerührtem Herzen ihre Erzieherin, Marianne Philipi, die

nun Zweiundachtzigjährige, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, das

»holdselige Angesicht« ihrer _Elisa_ vor ihrem Ende noch einmal zu sehen.

Wie wohlthuend und beglückend ihre Erscheinung auf ihre alte Freundin

wirkte, mögen die folgenden, bald nach diesem Wiedersehen geschriebenen

Zeilen der letzteren, aus Hamburg den 31. October 1838 andeuten:

»Herzlichen Dank, Du theuerste Elisa, für Deine mich beruhigenden,

liebevollen Zeilen, so wie für Deine wohlthuende Nähe, deren ich mich

länger und öfterer, als ich zu hoffen mir getraute, während Deines

Aufenthalts in Hamburg erfreute. Möge die uns zu Liebe gemachte Reise in

ihren Folgen sich eben so beglückend Dir erweisen! In Gedanken blicke

ich Dir noch immer, wie das letzte Mal an meinem Schreibtisch, in Dein

seelenvolles Auge, Dein freundliches Gesichtchen, dessen Züge ich mit

schwärmerischer Mutterliebe in mein Innerstes einzuziehen und unauslöschbar

festzuhalten mich bestrebte. Gestehen darf ich Dir wohl, ohne Deine

Bescheidenheit, den Grundton des echt weiblichen Wesens, zu verletzen, daß

ich Dich liebenswürdiger, meinem Herzen näher als je, wiederfand. --

Mit Deiner holden Erscheinung ist mir ein neues, schöneres Dasein wieder

geworden So überwiegt ein Stündchen traulicher, mündlicher Mittheilung

den ganzen Inhalt eines Briefwechsels mehrerer Jahre, unter der Furcht

unheiliger, über die Schulter einkuckender, mitlesender Augen! Auch darf

ich Dir ferner nicht verhehlen, daß Du neue Lebenslust und neuen Lebensmuth

wieder in mir angefacht. Wem hätte es je einfallen können, daß das vormals

ihre Erzieherin so muthwillig umhüpfende Elischen einst derselben eine so

wirksame Arznei reichen würde! -- Wie ruhig bin ich, Dich jetzt so wohl,

und Deine Angelegenheiten in so guten, geschickten Händen zu wissen.

Der Himmel erhalte Dir bei Gesundheit und Frohsinn alles, was zu Deiner

Zufriedenheit gereicht, und schenke Dir einen so heitern Lebensabend, als

der, dessen ich mich durch Deine Liebe erfreue. Dem gefälligen Immermann

bitte ich seinen Gruß freundlichst zu erwiedern, und für sein gütiges

Anerbieten zu danken. Welch ein Genuß, könnte ich seinen Vorlesungen und

seiner geistreichen Unterhaltung lauschen! -- Das Sträuschen, das Du mir

scheidend gabst, ruft, wohlverwahrt, alle die lieblichen Bilder, womit

Deine holde Gegenwart mein Zimmerchen beseelte, wieder zurück, es wird mir

immer zur Seite bleiben. -- Lebe wohl, geliebte Elisa! Gedenke mein wie

bisher mit Liebe, überzeugt, daß Du keinem Wesen theurer sein kannst als

mir, die Dich im Herzen trägt, und tragen wird, bis es bricht. Marianne

Philipi.« --

Wer läse nicht mit Wehmuth diese liebenden Wünsche in einem Augenblick, wo

das Verhängnis schon das Gegentheil beschlossen hatte! --

Immermann hielt sich unterdessen, wie schon bemerkt, in Magdeburg auf.

Das Familienfest bei seinem Bruder _Ferdinand_ versetzte alles in frohe

Stimmung. Ein junges, achtzehnjähriges Mädchen, dessen Vormund Ferdinand

Immermann war, _Marianne Niemeyer_, aus Halle, befand sich dort im Hause.

Als Immermann in seiner gewohnten Art in dem Kreise vorlas, fiel ihm

der eifrige Antheil auf, den Marianne daran zu nehmen schien; dadurch

interessirte er sich für sie, und beschäftigte sich mit ihr; doch konnte es

zu keiner genaueren Bekanntschaft kommen, da er sich nur so kurze Zeit bei

den Seinigen aufhielt, und Mariannen nur ein paar Mal gesehen hatte.

Als er wieder mit _Elisen_ zusammentraf, und mit ihr gemeinschaftlich die

Rückreise nach Düsseldorf antrat, machte er ihr auf's neue den Vorschlag,

ihn zu heirathen; er that es diesmal mit einer Art von beklommener

Heftigkeit, die _Elisa_ nicht zu deuten wußte; sie blieb wie immer bei

ihrer Weigerung.

Zu Hause angelangt, schrieb Immermann sogleich an Mariannen; sie antwortete

auf der Stelle. Immermann fand den Verkehr mit einem so jungen Mädchen

pikant und neu, und setzt den Briefwechsel eifrig fort, den er, der sonst

kein Geheimniß vor _Elisen_ hatte, vor ihr verschwieg. Seine Beziehung zu

Mariannen gewann durch die kurze Bekanntschaft, die Entfernung, die Hast

und Ueberstürzung, einen Anflug von Leidenschaftlichkeit.

Ferdinand Immermann, der Vormund Mariannens, äußerte seine entschiedene

Mißbilligung; er verlangte zum wenigsten Einsicht in den Briefwechsel, und

machte seinem Bruder die heftigsten Vorwürfe, den er durchaus als gebunden

ansah. Die Großmutter Mariannens, die alte Kanzlerin _Niemeyer_ in Halle,

betrachtete die Sache von einer andern Seite; sie liebte es, Heirathen zu

stiften, und behauptete, sie sähe durchaus nicht ein, warum Immermann ihrer

Enkelin nicht seine Hand anbieten könne, da er ja nicht verheirathet sei.

Es war ihr leicht, es durch ihren Einfluß dahin zu bringen, daß Immermann

in einem Briefe anfragte, ob Marianne die Seine werden wolle? Diese gab

sogleich ihr Jawort.

Das alles geschah so plötzlich, so rasch hintereinander, wie wenn ein

unvorhergesehener Gewitterregen einbricht, und in Einem Augenblick

alle Blüthen schonungslos vernichtet. Immermann wagte nicht _Elisen_ zu

gestehen, was er gethan; sein böses Gewissen nahm ihm den Muth dazu. Und

dennoch ist nichts so schwer, als eine Verlobung lange geheim zu halten!

Bald wußten mehrere Personen in dem Düsseldorfer Kreise darum, nur _Elisa_

nicht! --

Immermann las ihr in jener Zeit ein Gedicht vor, das er an Mariannen

gerichtet hatte. _Elisa_ blickte ihn an, und sagte mit ihrer wunderbaren

Divinationsgabe, halb ruhig, halb scherzend: »Ich glaube diejenige, an

welche dies Gedicht gerichtet ist, werden Sie noch einmal heirathen!« --

Immermann läugnete dies auf das entschiedenste; sie aber hatte richtig

vorausgefühlt! --

Es waren beklommene, unheilverkündende Tage; Immermann fühlte sich nicht

mehr frei und unbefangen _Elisen_ gegenüber, wie sonst; er konnte ihr nicht

mehr mit der gewohnten Offenheit begegnen; wenn sie die sanften, blauen

Augen zu ihm aufschlug, senkte er verlegen die seinigen. _Elisa_ konnte

es sich nicht mehr verbergen, daß sich das Betragen des Freundes gegen sie

verändert habe. Was war es, das wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen lag?

-- Sie litt in der Stille, und litt unendlich. --

Niemand als der treuen Johanna Dieffenbach vertraute sie ihre Gefühle.

Diese, die ihre Freunde nie im Stiche ließ, wo es galt, schrieb sogleich

aus Berlin, den 18. Dezember 1838: »In dieser Minute habe ich Deinen Brief

erhalten, und rufe Dir auf der Stelle zu, komm, komm hieher, zu mir,

zu mir, Du geliebte Elisa! Für's erste würde Dir die Stille hier auch

wohlthun, und weitere Pläne lassen sich hier gemeinschaftlich berathen.

Soll ich, soll mein Freund Kaufmann Dich holen kommen? Ein Wort, und Du

sollst nicht einsam, mit schwerem Herzen, den Weg hieher machen; denn

hieher, und nirgends anders gehe zuerst. -- Und wenn innige, herzliche

Freundschaft Trost gewährt, so findest Du ihn an meinem Herzen, das mehr

als ein anderes Dir nachfühlen kann. Gott hat mir beigestanden, wo ich so

ganz verzagte, und mir ein ruhigeres Leben geschenkt, als ich's je

vorher hatte. Vertraue Du nur, es wird Dir auch nicht fehlen! Ewig Deine

Johanna.« --

Es ist schwer zu glauben, daß ein Verhältniß zerstört sei, das für

das Leben dauern sollte, daß nach so vielen Jahren einer poetischen,

beglückenden Freundschaft ein solches Ende folgen könne. _Elisa_ duldete

weiter. Die Freundin schrieb ihr den 24. Januar 1839 wieder, wie folgt:

»Wärest Du armes Herz nur erst hier, fort von da, wo Du jede Stunde

auf's neue verletzt werden mußt. Kein Schmerz verwundet so tief, als sich

getäuscht zu finden, wo man so ganz vertraut hat, erkaltet zu fühlen, was

unser Herz so lange mit unwandelbarer Treue festgehalten, sich abwenden

zu sehen, was durch Hingebung unseres ganzen Wesens wir für immer uns

verbunden glaubten. O, so grausam scheidet nicht der Tod, unsere theuren

Gestorbenen leben uns in der Seele fort, wir dürfen ihrer freudig gedenken.

Aber Freunde, die dieses Namens unwerth, aller Liebe, Treue, Hingebung,

aller Opfer uneingedenk, dies alles mit engherziger Selbstsucht und Undank

lohnen können, die verbittern nicht bloß die Gegenwart, auch der schönen

Vergangenheit können wir nicht gedenken, ohne daß uns wie eine dunkle Wolke

die schmerzliche Erfahrung vor die Seele tritt. Glaube Du Geliebte, Tag und

Nacht beschäftigt Dein Schicksal mich, ich fühle Dir alles nach, weil Dein

Loos das meine war. Dieser Zustand des Verlassenseins, der Einsamkeit ist

furchtbar, auch ich dachte damals verzweifeln zu müssen, keines Menschen

Trost fand bei mir Gehör.« -- Mit ihrer großartigen Freundschaft stellte

sich Johanna _Elisen_ vollständig zur Verfügung; diese sollte bestimmen, ob

sie kommen, und _Elisen_ mit sich führen, ob sie zusammen reisen, wie und

wo sie leben wollten; sie hoffte, eine Reise in neue, schöne Gegenden solle

_Elisen_ zerstreuen und ihren Kummer heilen.

Diese zögerte noch immer, einen Entschluß zu fassen; sie ahnte, daß etwas

Entsetzliches vorginge, ohne zu wissen, was es sei. Was Immermann ihr

verschwieg, wurde ihr nun von Andern mitgetheilt: daß er verlobt sei. Das

konnte sie nicht glauben! Ihr edles Gemüth hielt es für nicht möglich, daß

er dasjenige, was er vor allen Andern ihr mitzutheilen schuldig war, ihr

verheimlichen könne.

Die Gewißheit ließ nicht lange auf sich warten. Immermann legte ihr eines

Tages auf seinen Schreibtisch, den sie, wie bereits gesagt worden, allein

zu ordnen pflegte, und dessen Papiere sie alle lesen durfte, einen Brief,

der ihr alles entdeckte. Es war der schrecklichste Augenblick ihres Lebens.

Nach zwölf Jahren, die sie dem Glücke des Freundes ausschließlich gewidmet

hatte, nach zwölf Jahren voll Treue und liebender Sorgfalt, war nun alles

zu Ende! -- Ihre bangen Ahnungen hatten sie nicht getäuscht! Und der

einfachen Jugendlichkeit eines Kindes war es vom Schicksal bestimmt, den

Sieg davonzutragen über eine Frau von so feinem und hohen Geist, von so

schönem Herzen, von so bezaubernder Liebenswürdigkeit wie _Elisa_! -- Sie,

die vertraute Freundin, wollte er aufgeben, für ein fremdes junges Mädchen,

das er nur einige Male erblickt hatte! --

Wie _Elisa_ in Magdeburg lebte, hatte sie bei Immermann's Mutter ein Kind

gesehen, das dort fröhlich umherspielte: es war Marianne Niemeyer! So

war diejenige, die _Elisens_ Freundschaftsverhältniß zu Immermann stören

sollte, schon beim Beginne desselben gegenwärtig gewesen. Seltsame

Fügung! --

Diesem tragischen Geschick gegenüber, fühlte _Elisa_ unwiderleglich in

ihrem Herzen, daß es nur _einen_ Ausweg für sie gebe: fortzugehen auf

immer. Immermann hatte das nicht gedacht, sondern die inneren Vorwürfe, die

er sich machen mußte, mit der Hoffnung zu besänftigen gesucht, sie werde

sich bereden lassen, trotz seiner Heirath, bei ihm zu bleiben; die Freundin

könne einen Platz neben der Frau haben. Aber mit edlem Unwillen wies

_Elisa_ solch einen Vorschlag zurück, den anzunehmen unter ihrer Würde

gewesen wäre. Immermann war bestürzt, außer sich, als er vernahm, daß er

sie verlieren sollte! --

Sie schwieg, außer gegen Johannen, gegen alle Welt über das, was

vorgefallen; gegen niemand kam ein Wort der Klage über ihre Lippen.

Anders er; in der Aufregung lief er zu allen gemeinschaftlichen

Freunden, vertraute ihnen, _Elisa_ zürne ihm, und bat um ihre begütigende

Vermittelung und Ausgleichung. In so zarte Verhältnisse kann kein Dritter

sich mischen, ohne zu verletzen; die Freunde, die nun kamen, und _Elisen_

bestürmten, sie solle doch bei Immermann bleiben, konnten natürlich nichts

ausrichten; vergeblich wollten sie es so schön finden, wenn _Elisa_ die

mütterliche Freundin der jungen Gattin würde. -- Immermann erwartete damals

von Düsseldorf versetzt zu werden, _Elisa_, meinten sie, solle dann das

junge Ehepaar an den neuen Wohnort begleiten. -- _Elisa_ empfand aber tief

das Widrige solchen Vorschlags, und das Unpassende solcher Unterredungen;

sie blieb bei ihrem Vorsatz. Alle wollten sie nicht begreifen können, warum

_Elisa_ ginge, nicht begreifen, was doch das einfache Gefühl zu begreifen

lehrt! Auch ein Theil von _Elisens_ Familie war unzufrieden mit ihrem

Entschluß. Sie ließ sich nicht irre machen, und schrieb an Alle: man möge

nicht weiter in sie dringen: Immermann habe ihr früher mehrmals seine Hand

angeboten, sie habe sie ausgeschlagen; nun heirathe er, das fände sie in

der Ordnung, aber die Art, wie er es gethan, habe sie gekränkt. -- So übte

sie noch bis zuletzt Schonung und Entsagung für ihn. --

Die Einzige, die _Elisen_ ganz verstand, und begriff, daß hier eine

Trennung nöthig sei, war die Freundin Johanna; sie schrieb aus Berlin, den

8. April 1839: »Geliebte Elisa! Schon lange weiß ich nichts von Dir, und

erwarte auch jetzt kaum Dein Herkommen. Täglich suche ich in der Zeitung

nach Immermann's Versetzung, und da sie bis jetzt nicht erfolgt ist,

bleibst Du auch wohl noch dort. Ach, ich kann's nur zu deutlich denken,

wie schwer Du Deine Wohnung verlassen wirst, und wie gern Du selbst alles

verschiebst, wenn auch das frühere Leben darin geendet hat. Daß Immermann

wünscht, Du zögest nach seinem künftigen Wohnort, finde ich natürlich

-- aber ob Dir's heilsam wäre, wage ich nicht zu glauben, Du würdest

fortkranken, ihn so ganz anders zu sehen. -- Deine Wunde ist nicht mit

Rosenwasser zu heilen, da gehört ein noch tieferer Schnitt, ehe Du auf

Genesung rechnen kannst. -- Sage mir sehr bald, wie Du Dich fühlst, und was

Du beschließest, und gebrauche mich, worin Du glaubst, daß ich Dir dienlich

wäre. Ich glaube fest, es würde Dir wohler, bei meiner Liebe zu leben, als

jetzt -- weil unser Band von Herz zu Herzen geht. -- An die Verhältnisse in

Halle kann und mag ich gar nicht glauben, doch möcht' ich näheres darüber

hören. -- Gott schenke Dir Kraft und Geduld, Du theuerste _Elisa_, und mir

erhalte er Deine Liebe. Bis in den Tod Deine Johanna.« --

_Elisa_ verabredete nun mit Johannen eine gemeinschaftliche Reise nach dem

Süden, auf welcher der letzteren junger Freund, _Philipp Kaufmann_, der

Uebersetzer von Shakespear und Burns, die beiden Damen begleiten und

beschützen sollte.

Während dies sich vorbereitete, lebten _Elisa_ und Immermann zusammen

weiter, aber ach! wie anders als ehemals! Nach den ersten Stürmen der

Aufregung verkehrten sie scheinbar ruhig miteinander, aber was sie

innerlich fühlten, läßt sich nicht schildern. Immermann vertraute einem

Freund, wenn er sich das alles so vorher vorgestellt hätte, er würde sich

nie zu der Heirath entschlossen haben! Nun war es zu spät; er glaubte

sich gebunden. So vergingen Wochen, Monate. In der Mitte des Juli erschien

Johanna wie eine hülfreiche Retterin aus diesem unseligen Zustand; sie

umschlang voll Zärtlichkeit die geliebte Freundin, und ihr mitfühlendes

Herz schlug an dem tieftrauernden _Elisa's_.

Den 14. August 1839 verließ _Elisa_ in Gesellschaft Johannens ihren

heitern, ländlichen Wohnort Derendorf, das stille Haus unter den schattigen

Bäumen, wo sie zwölf Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, auf immer. Mit

schwerem Herzen begleitete Immermann die theure Freundin bis Köln; der

Abschied war erschütternd; es war, wie wenn die ganze ehemalige, zarte

Innigkeit dieses Verhältnisses noch einmal aufflackerte; es war ein

Abschied für ewig! --

Bis dahin hatten sich _Elisens_ Schönheit und Jugendreiz wunderbar

erhalten, aber dieser Abschnitt ihres Lebens war auch zugleich die Gränze

ihrer Jugend; sie war nun neunundvierzig Jahre, und sah mit vollkommener

Entsagung in die Zukunft; sie hoffte, sie wollte und wünschte nichts mehr

vom Leben. Johannens Liebe suchte sie zu stützen und aufzurichten. Die

schöne Natur that ihr wohl. »Es war das Schrecklichste, was mir begegnen

konnte,« sagte sie später einmal zu einer Freundin, »aber wenn man es

überwunden hat, wird man sehr ruhig.« -- Nachdem der junge Philipp

Kaufmann sich den beiden Freundinnen angeschlossen, nahmen sie den Weg über

Straßburg und Freiburg nach der Schweiz.

Während _Elisa_ so immer weiter in die Ferne ging, blieb Immermann mit

Empfindungen zurück, die von denen eines glücklichen Bräutigams weit

abwichen. Der Abschied von _Elisen_ hatte die schmerzlichsten Gefühle in

ihm erregt, und schon jetzt begann er zu ahnen, daß mit ihr sein guter

Genius von ihm gewichen sei. Welch ein Dämon war es, der ihn einen Theil

von jenen zerreißenden Seelenzuständen erleben ließ, die er in seinen

»Papierfenstern eines Eremiten« in früher Jugend mit vorahnendem

Dichtergeist geschildert! -- Noch wenige Tage verweilte der Dichter allein

in dem romantischen Häuschen zu Derendorf, dem ehemaligen Schauplatze eines

idealen Glückes; er fand keine Ruhe mehr zwischen diesen Blumenbeeten und

Rosengebüschen, diesen schattigen Gängen und traulichen Ruheplätzchen,

alles sprach zu ihm mahnend und eindringlich von der Vergangenheit, er

fühlte ein Weh bis in's innerste Herz, und eilte diesen Ort auf immer zu

verlassen. --

Bereits den 20. August schrieb eine Freundin von Immermann und von

_Elisen_, _Amalie von S._ an die letztere aus Düsseldorf die folgenden

Zeilen: »Ich gestehe Ihnen offen, daß ich es Immermann gönnte, Sie nicht so

weit von ihm getrennt zu wissen. Der Schmerz des Abschiedes von Ihnen

hat das Bild Ihrer Treue und Liebe, welches nie verlöscht war, mit einer

solchen Gewalt in ihm hervorgerufen, daß Sie, wenn Sie dies in

persönlicher Gegenwart sähen, und Ihre Seele noch nicht zum alten Vertrauen

zurückgekehrt wäre, schon in, darf ich sagen, christlicher Milde, etwas zu

seiner Beruhigung thun würden. Ich kann es wahrhaft sagen, wie es auch

in Zwischenstimmungen gewesen sein mag, jetzt lebt Ihnen kein ergebenerer

Freund auf Erden.« --

Bald nach _Elisens_ Abreise wurde Immermann's Verlobung öffentlich erklärt;

er reiste nach Halle zu seiner Braut, mit der er sich den 2. October 1839

verband.

Auf der Rückreise nach Düsseldorf nahm er mit seiner jungen Frau den Weg

über Weimar, wo ihm wieder von allen Seiten die ehrenvollste Aufnahme

zu Theil ward. Am Abend seiner Ankunft wurde er im Theater mit einer

Aufführung seiner »Ghismonda« bewillkommnet; seine junge Frau wohnte neben

ihm der Vorstellung bei. Da ergriff ihn das Gefühl des ungeheuren Abstandes

zwischen jetzt und ehemals; er mußte sich vorstellen, welchen warmen

Antheil _Elisa_ an der Darstellung dieser seiner Dichtung genommen haben

würde, ihm fehlte überall ihr feines Eingehen, ihr tiefes Verständniß

seines innersten Lebens. Es lag eine Art von Ungerechtigkeit in solchen

Vergleichen, er konnte, er durfte von einem so jungen Wesen zum wenigsten

nicht jene volle Reife des Geistes verlangen, die er an _Elisen_ gewohnt

war.

Bei einem Aufenthalt in Dresden ging es nicht anders. Als Marianne Morgens

in der Galerie sich für die Bilder nicht so lebhaft interessirte, als er

erwartet hatte, als sie Abends bei einer Tieck'schen Vorlesung ermüdete,

rief er schmerzlich, solche Gleichgültigkeit wäre bei _Elisen_ unmöglich

gewesen! -- Er vergaß in seiner Aufregung, daß die arme junge Frau keine

Schuld daran hatte, daß sie nicht _Elisa_ war, und daß nur Wenigen die

hohen und bezaubernden Gaben zuertheilt werden, welche die letztere

besaß! -- Immermann empfand Augenblicke der Verzweiflung, in denen er mit

Leidenschaft nach _Elisen_ verlangte, ja, er veranlaßte sogar Mariannen

ihr zu schreiben, und sie flehentlich zu bitten, zu ihnen nach Düsseldorf

zurückzukehren. Das war jetzt zu spät; _Elisa_ hatte mit ihrem früheren

Leben bereits abgeschlossen! --

Da aus Immermann's von ihm so lebhaft erhoffter Versetzung nichts geworden

war, so mußte er in Düsseldorf bleiben, das er sehnlichst zu verlassen

wünschte. Er bezog mit seiner Gattin eine kleine Wohnung in der Stadt, in

der unschönen Grabenstraße. Die engen Zimmer, die zwei Treppen hoch gelegen

waren, beklemmten und bedrückten ihn; er seufzte laut nach Raum und Luft,

nach dem freundlichen Derendorfer Garten; er kam sich wie in einem Käfig

vor. Er fühlte sich wie Tasso, der aus den Gärten von Belriguardo verbannt

ist. -- Außer einigen Gesängen von »Tristan und Isolde« hat er auch nichts

mehr gedichtet, seit _Elisa_ ihn verließ. Wie schwer lasteten auf ihm die

engen, bürgerlich häuslichen Sorgen, die sein neuer Lebensweg mit sich

brachte! Jetzt erst fühlte er ganz, wie er verwöhnt worden war durch

_Elisens_ zarte Pflege, wie sie alle hemmende Prosa der Wirklichkeit von

ihm entfernt, und eine Atmosphäre der Freiheit und der Schönheit um ihn

geschaffen hatte, in der er sich ungestört der »süßen Gewohnheit des

Daseins und des Wirkens« hingeben konnte. Die tröstende, hülfreiche,

begeisternde Muse war von ihm entflohen, wer konnte ihn für solchen Verlust

entschädigen! --

_Elisa_ setzte unterdessen mit ihren Gefährten ihre Reise fort. Sie waren

über den Gotthard nach dem schönen Italien gelangt, über Genua, Florenz,

Bologna, Ferrara und Padua nach Venedig. Die herrlichen Gegenden, die

wunderbaren Kunstwerke entzückten _Elisen_; sie empfand es als einen

beglückenden Trost, daß während alle Menschenbeziehungen so unsicher, so

wandelbar sind, die Freuden, welche die Natur, die Kunst und die Poesie

gewähren, für denjenigen, der einmal wahren und echten Sinn für sie

besitzt, wie unerschütterliche Säulen dastehen, an denen man Herz und Geist

ewig aufrichten kann; die reiche Fülle des Schönen, die sich ihr hier auf

jedem Schritte darbot, sie mußte wie mit mildem Sonnenschein ihr Inneres

erhellen und beleben.

Als sie in Ferrara Tasso's Kerker und das alte Schloß der Este, einst der

Sitz der Musen und Grazien, betrachtete, mochten wohl wehmüthige Gedanken

in ihr aufsteigen über die Vergänglichkeit alles Glückes. In dem alten

verzierten Himmelbette des Hôtels träumte sie von den goldenen Tagen, da

Tasso, zu den Füßen der Prinzessin sitzend, dieser seine unsterblichen

Werke vorlas. War es nicht zugleich ihre eigene Geschichte, die sie

träumte? -- Mitten aus diesen Phantasien weckte sie ein heftiger Stich am

Finger, und wie sie hinfühlte, fehlte ihr der Trauring ihrer Mutter, den

sie immer zu tragen pflegte, und nie fand er sich wieder! -- Es war einer

jener seltsamen, räthselhaften Vorgänge in ihrem Leben, wie wir schon deren

mehrere berichteten.

Von den Wundern Venedigs sprach _Elisa_ noch in später Zeit nie ohne

Entzücken. Den Rückweg nahmen sie über Tyrol. Alle Erinnerungen aus

_Elisens_ Jugendzeit, wo Andreas Hofer sie mit Bewunderung erfüllte,

traten hier lebendig vor ihre Seele; auch ohne Bitterkeit das Andenken

Immermann's, und sie gedachte mit Freuden seines Drama's »Andreas Hofer,«

dessen wahren Schauplatz sie hier betreten hatte.

Im Wirthshaus des hohen Gebirgsdorfes Achenthal waren die Zimmer so

überfüllt, daß sie es verzog, in der reinlichen Küche bei der Wirthin ihr

Frühstück zu nehmen, die ihr vom Hofer erzählen mußte, während _Elisa_

dagegen ihr sein schönes Denkmal in Inspruck beschrieb, von dem sie eben

herkamen. Während dieses Gespräches hatte sich eine Anzahl Tyroler um

den Heerd versammelt; sie hörten ruhig und aufmerksam zu, und als _Elisa_

fortging, gaben ihr mehrere von ihnen herzlich und vertraulich die Hand zum

Abschied.

In München fand _Elisa_ die Nachricht von dem Tode ihrer geliebten

Erzieherin, Marianne Philipi, die dreiundachtzig Jahre alt geworden war.

Das Blumensträußchen, welches ihr _Elisa_ das Jahr zuvor beim Abschied

gegeben, hatte die zärtliche Freundin, mit dem Datum und _Elisens_ Namen

bezeichnet, und sorgfältig getrocknet, seitdem beständig bis zu ihrem

letzten Augenblick bei sich liegen gehabt. _Elisa_ betrauerte innig das

treue Herz, welches sie in ihr verloren hatte.

Eine Krankheit Johannens, so wie ihres Reisegefährten, die beide _Elisa_

angestrengt pflegte, gab noch außerdem dem Aufenthalt in München eine trübe

Färbung. Nachdem sie sich genugsam erholt und gefaßt, nahmen sie ihren Weg

weiter nach Berlin, das sie zu ihrem Wohnort bestimmt hatten.

Es war grade der Weihnachtsabend als _Elisa_ bei einer ihr befreundeten

Familie, dem jetzigen Oberregierungsrath _Albert Solger_ und seiner Gattin,

in Potsdam anlangte. Wir finden in ihrem Reisetagebuch keine Klage, kein

Wort, das man gegen irgend einen Menschen als Vorwurf deuten könnte,

aber rührend sind die Schlußworte desselben: »Den 24. Dezember Abends bei

treuen, lieben Freunden auf's herzlichste empfangen; welch ein Labsal für

die Heimathlose!« -- --

Wenige Tage darauf, zu Anfang des Jahres 1840, ging sie nach Berlin.

_Elisa_ und Johanna hatten beschlossen, sich nie mehr zu trennen; sie waren

sich gegenseitig so viel Dank schuldig, daß sich nicht mehr berechnen

ließ, welche mehr für die andere gethan hatte, so wie es in der wahren

Freundschaft auch sein muß. Sie bezogen, da sie beide einen ländlichen

Aufenthalt liebten, eine freundliche Wohnung auf der Potsdamer Chaussee 38,

in der Nähe des botanischen Gartens. Für die Rheingegend konnte das

freilich kein Ersatz sein, aber für die Berliner Umgegend war es anmuthig

genug. Von dem artigen Balkon hatte man die Aussicht in die weite, grüne

Ebene nach dem Kreuzberg, aus den hinteren Zimmern den Blick nach dem

Thiergarten, den Pichelsbergen und dem Grunewald, und dazu, wie Johanna

sagte, »Sonne und Mond immer aus erster Hand.«

Die lebhafte Freundin ließ _Elisen_ keine Zeit zu einer wehmüthig

stimmenden Einsamkeit; sie zog eine Menge Menschen in ihren Kreis; _Elisa_

besaß ohnehin von ehemals her viele Freunde und Bekannte in Berlin, und

so hatten die beiden Frauen bald eine interessante und mannigfache

Gesellschaft um sich versammelt. Philipp Kaufmann war ein täglicher Gast;

sein Interesse für Literatur, sein weiches Gemüth machten ihn angenehm.

Johanna pflegte von ihm zu sagen: »Die zarteste Frau kann nicht zarter

und feiner empfinden als er, und das ist unendlich wohlthuend, er ist eine

echte Kinderseele, aber noch kein Mann.« Mit diesen wenigen Worten ist er

treffend charakterisirt.

Berlin mit seinem Reichthum an Kunst, Theater, Musik und bedeutenden

Menschen, von dem _Elisa_ oft scherzend gesagt hatte, es wäre die Stadt,

wo mehr noch als die Schornsteine, die Köpfe rauchten, bot den beiden

Freundinnen die mannigfaltigsten Genüsse. _Elisa_ war mit _Cornelius_

bekannt, dessen großartige Schöpfungen sie bewunderte, mit _Rauch_, dem

begabten Bildhauer, dessen schöner, ausdrucksvoller Kopf noch im Alter

aussieht, als wenn er aus seinen eigenen Meisterhänden hervorgegangen wäre,

mit _Wilhelm von Humboldt_, der ein feuriger Anbeter Johannens war, und

sich auch zu _Elisen_ sehr hingezogen fühlte; sie sah _Ludwig Tieck_

wieder, den der König unterdessen nach Berlin berufen hatte; dann ihre

Freundin Henriette Paalzow, die mit ihrem Bruder Wilhelm Wach in vertrauter

Gemeinsamkeit lebte, und sich des Beifalls freute, den die damalige

Berliner Gesellschaft ihren Romanen so reichlich spendete. Auch Professor

_Wilhelm Zahn_, der thätige Nachbildner der Wandgemälde von Herkulanum

und Pompeji, der oft mit freundlicher Bereitwilligkeit seine schönen

Prachtwerke in die Gesellschaft mitbrachte, der geistvolle _Henrich

Steffens_ und seine liebenswürdige Familie, _Friedrich von Raumer_, den

_Elisa_ sehr schätzte, und dessen spätere geschichtliche Vorlesungen sie

immer eifrig besuchte, der muntre Professor _Wilhelm Stier_, die fleißige

Malerin Karoline Lauska, Geheimerath _Kortüm_ und seine Gattin, Beuth und

seine Schwester, wären hier zu nennen.

Auch mit ihren entfernten Freunden, mit denen sie durch ihre Abreise von

Düsseldorf und ihren Aufenthalt in Italien außer Beziehung gekommen war,

erneuerte _Elisa_ ihren Briefwechsel. Nicht viele Frauen in dem Alter, in

dem sie jetzt war, dürfen sich so begeisterter und hingebender Verehrung zu

rühmen haben, wie zum Beispiel die Briefe Möller's ausdrücken, mit denen er

sie nach ihrer Wiederkehr begrüßte. Ein dänischer Graf R. hielt um dieselbe

Zeit um ihre Hand an. Ja, wir dürfen es kühn behaupten, sie gewann sich

nicht minder alle Herzen, als in ihren früheren Jahren. Wenn auch ihr

Jugendreiz dahin war, so hatte sie doch die feine, zierliche Gestalt,

die beseelten blauen Augen, die schönen Hände, die Grazie der Bewegungen

behalten; in jenem bedenklichen Alter der Frauen, in welchem der Schimmer

der Schönheit und Frische sie verläßt, und es nun unabwendbar an den Tag

kommt, ob sie außer diesen anmuthigen aber vergänglichen Vorzügen auch

einen wahren Kern von Geist, Charakter und Gemüth haben, zeigte sich von

neuem _Elisens_ voller Werth; sie war das seltene und schöne Beispiel, daß

auch eine Frau mit Anstand und Anmuth alt werden könne.

Das viele Unglück, welches sie erlebt, hatte nicht die geringste Bitterkeit

in ihr erregt; sie trug es still für sich allein, und zeigte ihrer Umgebung

beinahe immer eine ungetrübte Heiterkeit; ihr lebhafter Geist, ihr reger,

empfänglicher Sinn für alles Schöne, ihre Güte, Milde und Liebenswürdigkeit

blieben sich stets gleich, eine wunderbare Harmonie ging durch ihr ganzes

Wesen. Niemand konnte seine Freunde mehr im Herzen tragen als _Elisa_ es

that; sie lebte in ihren Gedanken beständig mit ihnen. Wenn man sie

auch längere Zeit nicht gesehen hatte, mußte man durch tausend kleine

Aufmerksamkeiten, die sie einem bewies, die Ueberzeugung gewinnen, daß sie

sich so lange fortwährend mit dem Abwesenden beschäftigt, daß sie für ihn

alles gesammelt, bewahrt, behalten hatte, von dem sie wußte, daß es ihn

interessiren konnte. -- Niemals fiel ihr ein, eine falsche Würde annehmen

zu wollen, sie blieb durchaus anspruchslos, und verlangte nie zu glänzen.

Einer geistreichen und anregenden Unterhaltung zuzuhören, war ihr

eigentlich noch lieber, als sie selbst mit zu führen; wo ihr dies zu Theil

wurde, rief sie oft entzückt: »Welch ein Glück so zuhören zu können!

Ach, wiederholte es sich mir doch immer wieder! Die Klugen finden keine

dankbarere Zuhörerin als mich!« --

Eben war _Elisa_ etwas aufgelebt, als eine tragische Nachricht sie tief

berührte. Immermann war an einem heftigen Fieber erkrankt, und starb nach

kurzen Leiden den 25. August 1840 plötzlich an einem Lungenschlag. Wenige

Tage zuvor hatte ihm seine junge Frau eine Tochter geschenkt; selbst noch

leidend, konnte sie sich nicht einmal seiner Pflege widmen; doch wachten

treue Freunde an dem Lager des Kranken.

Zu seinem Arzte, dem wackern, ihm sehr vertrauten Doctor _Ebermayer_,

sprach er noch ganz kurz vor seinem Tode in herzlichster, innigster Weise

von _Elisen_. -- Als man ihm zum erstenmale sein Kind brachte, rief er:

»Ach! -- Wenn doch _Elisens_ Herz mir einmal vergeben könnte, wie glücklich

wär' ich dann!« -- Sie hatte ihm vergeben. --

Am 28. August, an Goethe's Geburtstag, wurde der ausgezeichnete Dichter

bestattet. Die Akademie, die Regierung, das Landgericht, das Gymnasium

und zahlreiche Freunde gaben ihm das letzte Geleite; die Künstler stimmten

Gesänge an seinem Grabe an, die ganze Stadt war voll Trauer und Antheil.

Von einem Lorbeerbäumchen, das _Elisa_ ihm einst in glücklichen Tagen

geschenkt, wurde der Kranz genommen, mit dem man seine edle Stirne

schmückte. Es lag etwas besonders Tragisches in diesem Tode, und zugleich

etwas Versöhnendes, wie in den Tragödien der Dichter. --

_Elisa_ bewies bei diesem schmerzlichen Verlust ihr edles, großartiges Herz

nach allen Seiten; sie, selbst des Trostes bedürftig, war der Trost,

die Stütze der jungen Wittwe, der ganzen trauernden Familie Immermann's.

Sogleich schrieb sie an Mariannen, und bot ihr auf das liebevollste ihr

Haus zur Wohnung an. Da Marianne, die in Düsseldorf zu bleiben wünschte,

dies Anerbieten nicht annahm, so setzte _Elisa_, obgleich der König der

Wittwe des Dichters eine Pension bewilligte, Immermann's Tochter eine

jährliche Rente aus. Auch auf alle ihr gehörigen Manuscripte Immermann's

verzichtete sie zum Besten seines Kindes.

Ein Brief von Ferdinand Immermann über den Tod seines Bruders verdient

hier eingeschaltet zu werden, als ein schöner Beweis, wie sehr _Elisa_ von

Immermann's Angehörigen verehrt und geliebt wurde; er lautet: »Ihr Brief,

liebe Frau Gräfin, ist uns die Stimme eines Engels vom Himmel gewesen. Das

ist nicht etwa nur so ein Wort: es ist die vollste und lauterste Wahrheit.

O hätten Sie es doch sehen können, wie Sie uns beglückt haben! Denn wer

darf es wagen, den tiefen, himmlischen Sinn jenes Augenblicks mit einem

Worte anzurühren. Meine Mutter läßt Sie vom Grunde ihres Herzens grüßen,

und Ihnen in großer Liebe für die Erhebung Dank sagen, die sie in Ihren

Zeilen gefunden hat. -- Der furchtbare, ganz unvorbereitet auf uns

niederfahrende Schlag traf ihr Haupt so zerschmetternd, daß wir mit aller

Gewalt ihren Geist, der zu wiederholten Malen die Besinnung verlieren

wollte, innerhalb der Gränzen ungestörten Bewußtseins zurückhalten mußten.

Als wir die Abwehr dieses Schrecklichsten endlich erzwungen hatten, da

begann die Fülle ihrer Liebe in so herzzerreißenden Schmerzenstönen, mit

einem so unergründlichen Jammer um den unwiederbringlich Dahingegangenen,

ihren lieben ältesten Sohn, ihren lieben, lieben Karl auszuströmen, daß

wir allesammt, den tausendköpfigen Schmerz im eignen Herzen dazu, ein ganz

elender und zerschlagener Haufen Menschen waren. -- O, Sie sollten die

Mutter sehen! Das Gesicht, das Sie kennen, ist inzwischen recht klein, und

der Kopf ist ganz weiß geworden. Aber sie ist wohl ein recht erbaulicher

Anblick; denn seitdem ihr Schmerz stiller geworden, ist sie nichts als

Wehmuth, Ergebung, Fürbitte, Liebe, Sanftmuth und Mütterlichkeit. Ich

sollte zu Ihnen reisen; ich wollte es auch: ich habe die lebhafteste

Sehnsucht nach Ihnen; aber noch bin ich ganz gelähmt und stumm; auch weiß

ich ja noch nichts Genaueres von den Tagen von Karls Krankheit und von

seinem Tode. -- Die Anlagen, die ich Ihnen sende, sind ein schlechter

Trost; aber sie sind doch ein Trost. -- Lassen Sie uns, die wir ihn am

längsten kannten, und am meisten liebten, fest zusammenhalten, und ein

rechtes Bündniß des Trostes, der Erinnerung, der Hoffnung, der liebsten

Zuflucht, des unbedingtesten Vertrauens, und einer felsenfesten, herrlichen

Zugehörigkeit und Gemeinschaft stiften. Der Gott des Lebens sei mit Ihnen,

und lasse für Sie und uns sein ewiges Leben in Liebe aus diesem Tode

hervorgehen.« --

* * * * *

Mit Mariannen trat _Elisa_ in einen fortgesetzten brieflichen Verkehr,

und nahm den wärmsten Antheil an ihr und ihrem Kinde; Marianne war voll

Dankbarkeit für _Elisens_ gütigen, herzlichen Zuspruch, der ihre Seele

erquickte, und mit süßem Frieden erfüllte; sie äußerte oft, niemand

verstände wie _Elisa_ sie in ihrem Schmerze aufzurichten, und zu erheben.

Immermann's kleine Tochter wurde von _Elisa_ durch mannigfache sinnige

Geschenke, und später auch durch das Bild des Vaters erfreut. --

Ein Jahr nach Immermann's Tode hatte _Elisa_ einen zweiten schweren

Verlust zu erleiden, der auf ihr ganzes Dasein einwirken mußte: ihre theure

Freundin Johanna starb nach kurzer Krankheit den 22. August 1842 in ihren

Armen. In dieser ausgezeichneten Frau verlor _Elisa_ die treue Gefährtin

ihres Lebens, die an all ihren Leiden und Freuden warmen Antheil nahm, und

durch ihren lebhaften, feurigen Geist beständige Anregung schaffte. _Feodor

Wehl_, der kurz vor Johannens Tode durch diese Letztere mit _Elisen_

bekannt und befreundet wurde, schildert beide Frauen in einem Briefe, wie

folgt: »Die Gräfin Ahlefeldt und die Professorin Dieffenbach waren die

ersten bedeutenden Frauenerscheinungen, die in mein Leben traten, und wenn

die Erstere darin von größerem Einflusse und tieferer Wirkung wurde, so

geschah dies nicht nur, weil sie mir länger blieb und näher trat, sondern

auch weil ihr milder Ernst und ihre freundliche Würde mir besonders

imposant und zusagend waren. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich

die Professorin Dieffenbach schon geraume Zeit kannte, und doch die Gräfin

Ahlefeldt, die mit ihr in Einem Hause und in derselben Etage wohnte, noch

nicht gesehen, sondern immer nur hatte von ihr reden hören. Die Gräfin

Ahlefeldt war der Professorin Dieffenbach wie der Schatz des heiligen

Graal's, und man mußte erst viele Proben und Grade der Tüchtigkeit abgelegt

haben, um würdig befunden zu werden, ihres Umgangs zu genießen. Erst

als ich damals mein erstes Lustspiel: »Alter schützt vor Thorheit nicht«

geschrieben, und bei Johanna Dieffenbach gelesen, ward mir gewissermaßen

zur Belohnung die Bekanntschaft der Gräfin Ahlefeldt versprochen. Und nie

werde ich die Feierlichkeit vergessen, mit der mich Johanna Dieffenbach zu

ihr führte! Ach, es war die höchste und letzte Liebe, die sie mir erwies,

denn bald nachher starb sie, ebenso in Eil' und Hast, als sie gelebt hatte!

Sie war der größeste Contrast, den es der Gräfin Ahlefeldt gegenüber

geben konnte. Nicht nur daß sie klein, corpulent und häßlich, nein, auch

ungeheuer beweglich und immer fieberhaft erregt war sie. Aber sie

hatte eine unendliche Fülle von Geist und Liebenswürdigkeit, einen

unerschöpflichen Fond von Gutmüthigkeit und begeisterter Hingabe an alles

Schöne und Gute. Beide Frauen ergänzten sich, und zwar in einer Weise, wie

es schwerlich so bald wieder der Fall sein wird.« --

_Elisens_ Freunde suchten möglichst sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, und

ihr Theilnahme und Liebe zu beweisen. Liebe Bekannte aus der Ferne brachten

manche neue Freude und Zerstreuung. Nicht lange bevor Johanna starb,

kam Adele von A. aus Preußen zum Besuch, und begrüßte ihre _Elisa_ nach

zweiundzwanzigjähriger Trennung. Man muß _Elisen_ gekannt haben, um zu

wissen, wie lebhaft sie sich solchen Wiedersehens freuen konnte. Später

sahen sich die Freundinnen noch öfter, und immer mit gleicher Innigkeit.

Ein anderer Besuch war Marianne Immermann, welche seit ihren Kinderjahren

in Magdeburg die verehrte Frau nicht wiedergesehen hatte, und ihr nun die

kleine Karoline zuführte, deren Züge an die des Vaters lebhaft erinnerten.

Auch diese kehrte mehrmals wieder, mit innigem Danke für _Elisens_

unwandelbare Güte.

Auch die Erinnerungen an den Befreiungskrieg sollten durch einen besondern

Anlaß wohlthuend in _Elisen_ erneuert werden. August von Bietinghoff

hatte sich die Erlaubniß erwirkt, seinen Freund Friedrich Friesen auf

dem Invalidenkirchhof in Berlin bestatten zu lassen, und war zu dieser

Feierlichkeit, die am 15. März 1843, dreißig Jahre nach dem Tode stattfand,

mit den Ueberresten des Gebliebenen, die er so lange mit sich umhergeführt

hatte, nach Berlin gekommen. Er suchte _Elisen_ auf, die er innig verehrte.

Bald nach diesem kam auch ihr theurer Jugendfreund Leo Palm, der Freund

Lützow's und Friesen's, aus Danzig, zum Besuch, den sie in dreiundzwanzig

Jahren nicht gesehen hatte. Palm führte ihr den braven Friedrich von

Petersdorff wieder zu, der in stiller Zurückgezogenheit in Berlin lebte,

ohne zu wissen, daß _Elisa_ auch dort sei. In erneuerter Herzlichkeit

schloß man sich aneinander, und gedachte auch Lützow's mit Liebe. Auf

_Elisens_ Anregung veranlaßte Palm, daß die noch lebenden ehemaligen

Freiwilligen der Lützow'schen Freischaar ihrem tapfern Führer auf dem

Garnisonkirchhof zu Berlin ein Denkmal von Granit setzen ließen, welches

vier Jahre später, im März 1847, aufgestellt wurde, wozu wieder die alten

Waffenbrüder von nah und fern herbeikamen und eine ehrende Gedächtnißrede,

so wie der Gesang der Körner'schen »wilden, verwegenen Jagd« das Andenken

des ruhmvollen Kriegers feierte.

Im Jahre 1846 verließ _Elisa_ die Wohnung, in der sie mit Johanna gelebt,

und bezog eine der Stadt nähere in der Schulgartenstraße 1 a. Die Freunde

werden sich noch gern der freundlichen, sonnenhellen Raume mit dem Balkon

und der Aussicht in's Grüne, der geschmackvoll eingerichteten Zimmer

erinnern, geschmückt mit den schönen Kupferstichen nach Raphael, Gemignano

und Andern, mit den Büsten des Apoll und der Niobe, der Graziengruppe von

Canova, dem Dornauszieher, der Statuette von Ludwig Tieck und dem Medaillon

von Henrich Steffens, mit den hohen Gummibäumen, dem rankenden Epheu, den

anmuthigen Schlinggewächsen. Lützow's Portrait hing neben denen anderer

Freunde an der Wand; auf dem Schreibtisch standen die kleinen Bildchen von

Friesen, Wilhelm von Lützow, dem Philosophen Solger und seiner Frau. Der

Tisch, der immer mit den neuesten Büchern bedeckt war, zeigte, daß neben

dem treuen Angedenken an die Vergangenheit auch das neueste, frischeste

Leben der Gegenwart hier seine Stätte fand. Alles war so harmonisch und

sinnig geordnet, daß man sich wohlfühlen mußte, wie man die Schwelle

betrat. Welche glückliche, unvergeßliche Stunden bereitete _Elisa_ hier den

Freunden! --

Wir haben noch viele Personen von Namen und Auszeichnung zu erwähnen, mit

denen sie in freundschaftlicher, geselliger Beziehung stand, Personen,

welche die verschiedensten Richtungen vertraten, aber alle in dem Einen

übereinkamen, _Elisen_ anzuerkennen und zu verehren: _Eduard Schnaase_, der

verdiente Kunstforscher und seine Gattin, die von Düsseldorf nach Berlin

übergesiedelt waren; _Friedrich Krummacher_, der berühmte Kanzelredner, der

bei _Elisen_ mit manchen Schriftstellern der modernen Literatur sich mit

weltmännischem Tact friedlich zu unterhalten wußte; _Rudolf v. Auerswald_,

der spätere Minister; _Adolf Stahr_, dem _Elisa_ schon von Düsseldorf her

ein lebhaftes Interesse bewahrt hatte, und dessen vortreffliches Buch:

»Ein Jahr in Italien,« das ihr große Freude gewährte, sie an ihre eigene

italienische Reise angenehm erinnerte, _Fanny Lewald_; _Theodor Mundt_

und seine Gattin; der Maler _Louis Blanc_; _Eduard von Bülow_; der Dichter

_Karl Beck_, und noch viele Andere. Sogar der alte achtzigjährige Minister

von _Kamptz_, der Verfolger der deutschen Jugend, welcher mit _Elisen_ in

Einem Hause wohnte, kam zuweilen in ihren Kreis.

Als Fremde erschienen die liebliche, anmuthige _Therese von Bacheracht_,

die weit mehr noch als durch ihre Romane, durch ihre seltene Schönheit

und Liebenswürdigkeit alle Herzen gewann, _Betty Paoli_, die interessante

östreichische Dichterin, _Therese Robinson_, die gelehrte Schriftstellerin,

die sich unter dem Namen _Talvj_ rühmlich bekannt gemacht hat, _Fanny

Tarnow_, die sich noch im Alter in seltenem Grade einen frischen Geist

und eine beinahe jugendliche Lebhaftigkeit bewahrt hat, _Heinrich Laube_,

_Gustav Kühne_ und der talentvolle junge Dichter _Julius Rodenberg_. --

Mild und gütig wie _Elisa_ war, verkehrte sie aber auch mit Menschen, die

an Geist und Bildung weit unter ihr standen, doch diese wußte sie bis zu

einem gewissen Grade zu sich zu erheben; sie verlangte durchaus nicht

immer eine gelehrte Unterhaltung, aber geringe Klatscherei und boshafte

Medisance, wie sie auch wohl oft in der sogenannten guten Gesellschaft

auftaucht, litt sie nicht in ihrer Nähe.

Zu ihren nächsten und liebsten Freunden gehörten _Feodor Wehl_, _Gustav zu

Putlitz_, _Hermann Sagert_, _Katharina Diez_, die sinnige Verfasserin der

»Frühlingsmährchen,« _Rudolf Gottschall_, _Emil Palleske_ und seine schöne

liebenswürdige Frau. Auf alle diese übte sie den entschiedensten Einfluß

aus, und widmete ihnen die herzlichste Zuneigung. An den Sonntagabenden

pflegte sie immer einen kleinen Kreis von jungen Leuten bei sich zu sehen,

die sich für Kunst und Literatur interessirten, oder selbst Künstler und

Schriftsteller waren; es wurde vorgelesen, man besah mitunter Kupferstiche

und Zeichnungen, und immer knüpfte sich ein angeregtes Gespräch an das

Mitgetheilte. Man konnte oft von _Elisen_ eingeladen werden, und doch nicht

zu jenen bevorzugten Sonntagen von ihr auserwählt sein, von denen sie gern

alle nicht dazu passenden Elemente entfernt hielt. Wie manche junge Talente

haben dort ihre ersten Werke vorgetragen, und Ermuthigung und Strebelust

durch _Elisens_ Antheil empfangen! Sie waren ihr alle mit einer

Begeisterung ergeben, wie eine Frau in ihren Jahren sie selten einzuflößen

vermag; es war die vollkommene Schönheit und Zartheit ihres Wesens,

die auch ihr Alter verklärte. -- Hier las Feodor Wehl sein Trauerspiel:

»Hölderlin's Liebe,« hier las Gustav zu Putlitz sein erstes hübsches

Lustspiel: »Die blaue Schleife,« das unter _Elisens_ Augen entstanden war,

und oft noch später pflegte er voll Dankbarkeit zu versichern, das wären

doch die glücklichsten Stunden für ihn gewesen, da _Elisen_ das eben fertig

Gewordene vorzulesen, ihm der schönste Zweck seiner Production war; hier

begeisterte Rudolf Gottschall, der geniale Dichter, die Anwesenden mit dem

Vortrag seiner »Lambertine von Méricourt« und seines »Carlo Zeno«; hier las

der begabte Dichter Emil Palleske seinen vortrefflichen »König Monmouth«

vor, welchen er _Elisen_ zueignete, da sie so warmen Antheil an der

Entstehung und Vollendung dieses Drama's genommen hatte und ihm den

lebhaftesten Beifall schenkte. Häufig auch las Palleske Shakespear'sche

Stücke vor, und bei dem Ton seiner kräftig schönen Stimme, bei seinem

lebendigen, geistvollen Vortrag wurde _Elisa_ oft an jene Zeit erinnert, da

Immermann ihr diese selben Dramen vorgelesen hatte.

Feodor Wehl stand _Elisen_ unter den jüngeren Freunden am nächsten, sie war

ihm mit wahrhaft mütterlicher Zuneigung zugethan, sie freute sich seines

Strebens, und seiner neidlosen Anerkennung Anderer, die in der heutigen

Literatur so selten ist. Gustav zu Putlitz erheiterte alles durch seine

gute Laune und angenehme Munterkeit, während Hermann Sagert, der

ebenso bescheidene als talentvolle Künstler, durch seine stets rege

Empfänglichkeit wohlthuend wirkte; Rudolf Gottschall belebte den Kreis

durch seine frische Liebenswürdigkeit und seinen eigenthümlichen Humor, und

Emil Palleske, der feinsinnige, begeisterte Bewunderer Shakespear's gab der

Unterhaltung immer neuen Schwung, indem er durch sein tiefes Eindringen in

die einzelnen Dramen des großen Dichters den anregendsten Gedankenaustausch

veranlaßte.

Wir fügen hier eine Schilderung ein, die Feodor Wehl in einem längeren

Artikel in den »Jahreszeiten« von _Elisen_ und ihrer Gesellschaft entworfen

hat. Es heißt darin von ihr: »Durchaus maßvollen Geistes, allem Edlen und

Schönen schwärmerisch zugewendet, und stets in einem rührenden Cultus für

die Größe im menschlichen Herzen sowohl wie im Bereiche der Literatur

und bildenden Künste begriffen, erhob dieselbe durch ihren Einfluß eine

Gesellschaft von Künstlern, Literatoren, Staatsmännern, Militairs, und

selbst geistig untergeordneten Menschen, zu einer Höhe der Unterhaltung,

zu einem Aufschwung der Welt- und Kunstanschauung, wie das wohl nur selten

wieder nach ihr der Fall sein wird. -- Sonderbar und eigenthümlich an

dieser außerordentlichen, nicht genug zu würdigenden Frau war, daß sie

ihre Gesellschaften wie der Feldherr eine Schlacht aus dem Zelt heraus, das

heißt gewissermaßen nur mit anfeuernden Blicken, zustimmendem Lächeln

oder abweisenden Mienen dirigirte. -- Sie sprach im Ganzen in ihren

Gesellschaften nur wenig, aber doch immer und jeder Zeit, wo es nöthig

war. Sie wußte mit wunderbarem Geschick das Gespräch zu entfesseln, und an

passender Stelle wie mit einem Zauberwort auch aus sonst unergiebigen

und spröden Naturen eine Fülle von schönen Anschauungen und tieferen

Bemerkungen herauszulocken. Ihre fein organisirte Seele besaß jene

Springwurzel des Geistes, mit der sie alle verborgenen Schätze einer

Menschenbrust nicht nur für sich zu entdecken, sondern auch für die

gesellschaftliche Conversation in Circulation zu setzen vermochte. -- Man

wird aus ihren Aussprüchen, Briefen und sonstigem Nachlaß in Schriften

wenig Frappantes und gewiß nichts derartiges aufzustellen vermögen, daß

sich auch nur annäherungsweise die Bedeutung ermessen ließe, die sie

persönlich in der That auf ihren Umgang ausgeübt hat. -- Es lag eine

gewisse stille Sonntäglichkeit in ihrem Innern, die jeden und auch den

betäubendsten Lärm der Geister besiegte. Es klang aus ihren Reden etwas wie

ein verlorenes Glockenläuten, wie ein ferner Sphärengesang. Man mußte sich

unwillkürlich zum Lauschen veranlaßt sehen, wenn man in ihren Umgang kam.

Nie hat es eine Frau gegeben, die würdiger war, das Ideal eines Dichters

oder Künstlers zu sein, als sie. Ihr helles, schönes, blaues Auge, auch im

Alter noch seelenvoll und tief, ihre hohe schlanke, immer und bis zum Tode

jugendlich anmuthige Gestalt, ihre lang und edelgeschnittene Hand mit

dem unverwischlichen Pfirsichdufte über der zarten Haut, das stumme, nie

lautwerdende Lächeln ihres Mundes, der sonst an sich das wenigst Schöne an

ihr war, ihre Milde, Güte und Resignation erschienen wahrhaft bezaubernd.

Sie machte edel und gut, und besaß einen feinen Tact, wie er nicht oft

gefunden werden kann. Die Kunst des Zuhörens besaß sie in einem seltenen

Grade. Es war eine Lust ihr vorzulesen oder etwas zu erzählen, denn es

entging ihr nichts, und das Subtilste verstand sie, wie es verstanden

werden mußte. Wenn auch selbst keine Dichterin, lag doch im Duft und Hauch

ihrer Seele die Welt der Dichtung so ahnungsreich und golden ausgebreitet,

daß es nur eines leisen Lichtstrahles von außen, das heißt eines echten

und rechten Dichterwortes bedurfte, um sie in aller Pracht aus ihr heraus

erkennen und wahrnehmen zu machen. Ihr Herz war ein Vineta der Poesie, das

vielen, und wir dürfen sagen, den bedeutendsten Menschen einer bewegten

Zeit anmuthend und zauberhaft durch das Wogen und Wallen ihrer Tage

heraufgeleuchtet und geschimmert hat.« --

In größere, steife Gesellschaften, wo man, wie _Elisa_ zu sagen pflegte,

den Geist im Wagen lassen könne, und im besten Kleide die beste Langeweile

genösse, ging sie nicht gern. Am liebsten sah sie ihre Freunde im eigenen

Hause.

Ueber ihre liebenswürdige Art zu grüßen, sagt Feodor Wehl in einem andern

Artikel in den »Jahreszeiten«: »Ihr Gruß war noch der Gruß mit der

ganzen Liebenswürdigkeit und Grazie, welche dabei in natürlicher Weise in

Anwendung zu bringen sind. Der Gruß war ein Gruß der ganzen Person, ein

Gruß, in dem ein Hauch der schönen und edlen Seele lag, von der er gegeben

ward. Aus allen Schleiern und Nebeln der Vergangenheit heraus, sehen wir

in unvergänglicher Frische ihn sieghaft in unsere Erinnerung hereinlächeln,

diesen Gruß, der im Blick des Auges, in den Zügen des Mundes der Beugung

des Kopfes, der Bewegung der Hand, kurz durch die ganze, hohe, edelgeformte

und anmuthige Gestalt der Gräfin zu gehen pflegte, ohne doch, wie man

vielleicht denkt, ein Knix oder eine Verbeugung zu sein. Sie grüßte mit dem

vollen und bezaubernden Ausdruck der Freude, die sie darüber empfand,

auf der Straße, in der Gesellschaft oder im Theater unter vielen fremden

Personen einen Freund oder Bekannten gefunden zu haben. Sie grüßte, wir

können nicht anders sagen, als mit einer gewissen Inbrunst des Herzens, das

Glauben und Zuversicht zu seinen Verbindungen hat. Ihr Gruß war eine Art

Verpflichtung, die einem auferlegt ward, stets nur lieb und gut gegen sie

zu sein, denn die Art, wie sie ihn gab, bewies und bekundete, daß sie nur

Gutes und Edles von dem erwartete, dem er geboten wurde. Sie grüßte

in jeder Frau eine gleichgestimmte, feine Seele, in jedem Mann ein

ritterliches Wesen, und zwar that sie es ebenso weit von Ueberhebung als

von Unterordnung entfernt.« --

Wenn _Elisa_ von ihrer großen Vergangenheit erzählte, überflog sie eine

jugendliche Begeisterung; ihren Vertrauten zeigte sie dann wohl ein

Kästchen, in dem sie eine Locke von Friesen bewahrte, die ihr Vietinghoff

nach der Auffindung des verstorbenen Freundes schenkte, eine französische

Kugel, von der Lützow getroffen worden war, einige ihr besonders werthe

Briefe, und noch mehrere Andenken dieser Art.

Von Lützow sprach sie nie anders, als mit herzlicher Achtung und

Freundschaft. Als sich einmal jemand herausnehmen wollte, Lützow's Betragen

gegen sie zu tadeln, erwiederte sie sanft aber entschieden: »Sie thun

Lützow sehr Unrecht, er ist immer sehr gut gegen mich gewesen; wenn alle

Menschen so gut mit mir verfahren wären, wie Lützow, so wollte ich mich

nicht beklagen, und sehr zufrieden sein.« -- Oft sagte sie, sie würde

keiner Frau rathen, sich scheiden zu lassen, und wenn sie auch noch so viel

zu erdulden habe. »Lützow ist mir immer ein treuer Freund geblieben,« sagte

_Elisa_ einmal zu einer Freundin mit bewegter Stimme, »und wir haben beide

oft bereut uns getrennt zu haben.« -- An seinem Todestage fuhr sie immer

nach seinem Grabe, einen Kranz darauf zu legen. Selbst über Immermann kam

niemals ein hartes Wort über ihre Lippen, und sie sprach oftmals mit Wärme

von seinem Dichtertalent.

Im Jahre 1848, in der Zeit der Revolution, wo so viele Menschen sich wegen

Meinungsverschiedenheiten entzweiten, verlor _Elisa_ nicht einen ihrer

Freunde; sie war ihrem ganzen Wesen nach freisinnig, ließ aber auch andere

Ansichten gelten, sofern man sie ihr nur nicht mit Gewalt aufdringen

wollte. Das viele politische Gezänke in den Gesellschaften war ihr zuwider,

und oft klagte sie über eine Zeit, in der alle Theilnahme für Kunst und

Poesie zu schwinden drohe. Besonders betrübend war für sie der Krieg in

Schleswig-Holstein, da dort ihre theils dänischen, theils holsteinischen

Familienmitglieder, die ihr alle theuer waren, sich feindlich gegenüber

standen, und der Bruder gegen den Bruder kämpfte; sie sehnte sich auf

das lebhafteste nach Ruhe und Frieden, nach einem Ende all des traurigen

Blutvergießens.

Als den 28. August 1849 Goethe's hundertjähriger Geburtstag gefeiert

wurde, war _Elisa_ ziemlich einsam in Berlin, da alle ihre näheren Freunde

verreist waren; da zündete sie sich aber dennoch Abends in ihrem stillen

Zimmer alle Lampen und Kerzen an, schmückte es festlich mit Blumen, und

las allein für sich, die »Iphigenie,« auf diese Weise das Andenken des

geliebten Dichters feiernd.

* * * * *

Im Jahre 1851 hatte sie die Freude, daß ihr edler, würdiger Freund, Leo

Palm, der als General seinen Abschied genommen hatte, nach Berlin zog. Die

frühe Jugendfreundschaft hatte sich durch ein langes, wechselvolles Leben

unverändert erhalten, und sollte nun den Abend desselben verschönen und

erhellen. Da sich eine Wohnung für ihn in _Elisens_ Hause fand -- später

zog er mit ihr in die Dessauerstraße 7, wo sie die letzten Jahre wohnte

-- so hatte sie den Freund nun ganz in ihrer Nähe, der sich ihr auf das

liebevollste widmete, an dem sie einen Beschützer und die erwünschteste

Gesellschaft hatte. Er ging mit ihr spazieren, er las ihr vor, und bewahrte

mit ihr die Erinnerungen der Vergangenheit. Niemals fehlte er in jenem

schönen Gesellschaftskreise _Elisens_, von dem wir vorhin sprachen, wo

alles sich an seiner Gegenwart erfreute, weil er wie _Elisa_ die Gabe

besaß, mit der frischen Jugend fröhlich zu verkehren, und mit freiem,

unbefangenem Geist und edlem und feinem Sinn an allem Guten und Schönem

theilzunehmen. Durch seine Freundschaft war _Elisa_ in ihrem Alter von

einer zarten Aufmerksamkeit und Sorgfalt umgeben, um die manche jüngere

Frauen sie beneideten.

Beinahe jeden Sommer machte _Elisa_ eine Reise; oft besuchte sie ihre

lieben Verwandten in Holstein. Ihre leidende Gesundheit erforderte häufige

Badekuren; sie ging nach Gastein und später mehrmals nach Karlsbad, wohin

der Freund sie begleitete. An letzterem Orte lernte sie den Dichter _Alfred

Meißner_ kennen, dessen frische, jugendliche Erscheinung, und angenehmes

Wesen ihr sehr wohl gefiel. In Holstein bei ihrer Cousine, der Gräfin

_Margarethe von Scheel-Plessen_ auf Sierhagen sah sie viel die Gräfin _Ida

Hahn-Hahn_, deren Geist sie anzog, wenn sie auch ihren politischen und

späteren religiösen Fanatismus nicht theilte: dort auch befreundete sie

sich mit der Jugendschriftstellerin _Margarethe Wulff_, deren allerliebste

Kinderschriften unter dem Namen _A. Stein_ erschienen, und vortheilhaft

bekannt sind.

Die letzten Jahre wurde _Elisens_ Gesundheit immer schwächer; sie fing auch

an etwas am Gehör zu leiden, wodurch ihr mancher Genuß entzogen wurde.

Im Sommer 1854 reiste sie nach einem leidensvollen Winter nach Teplitz,

begleitet von ihrem Freunde, dessen Pflege und Sorgfalt allein es noch

möglich machte, eine solche Reise zu unternehmen. Leider kehrte sie ohne

merkliche Besserung von dort zurück.

Sie war beinahe nie mehr ohne Schmerzen, aber die harmonische

Gleichmäßigkeit und liebliche Heiterkeit ihres Wesens konnte dadurch nicht

gestört werden; bei niemand ist jener Schleier, von dem die Prinzessin im

»Tasso« spricht »den uns Alter oder Krankheit überwirft,« durchsichtiger

gewesen als bei _Elisen_. Wenn man bei der Leidenden eintrat, fand man sie

immer in ihrem Sessel vor dem Tische sitzend, der stets mit frischen Blumen

und Büchern bedeckt war. Sie empfing einen Jeden mit freundlichem Lächeln,

fragte nach allen neuen Erscheinungen in Kunst und Literatur, und wenn

man sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, sagte sie wohl oft leise

abwehrend: »Nicht von meiner Krankheit reden! Still davon!« -- Sie ahnte,

daß sie nicht besser werden würde, und war ruhig und gefaßt, wenn sie wohl

auch gern ein Dasein noch weiter gelebt hätte, das so viele ihrer Freunde

beglückte, und das ihr grade in diesen letzten ruhigen Lebensjahren bei

ihrem regen Sinn noch manches Gute bieten konnte. Kurz vor ihrem Tode,

schrieb sie sich noch, obgleich es ihr bereits schwer wurde, die Feder zu

führen, die folgenden Verse des edlen Dichters _Moritz Hartmann_ ab:

»Von keinem Leid, wie schwer es sei,

Laß stimmen deine Seele trüber:

Geht auch dein Leiden nicht vorbei,

So gehst doch du vorüber.« --

Viele ihrer älteren und auch manche jüngere Freunde waren ihr

vorangegangen, deren Verlust sie schmerzlich empfand. Im Mai 1846

entschlummerte sanft der edle Möller, vierundachtzig Jahre alt. In

demselben Jahre endete Philipp Kaufmann in einem Anflug von Verzweiflung

selbst sein Leben in Paris. Im Februar 1847 verlor _Elisa_ ihren würdigen,

achtundsiebzigjährigen Onkel von Hedemann-Heespen, und im Herbst desselben

Jahres starb nach vielen Leiden Henriette Paalzow. Auch die schöne,

liebliche Therese von Bacheracht, später mit einem mecklenburgischen Herrn

von Lützow verheirathet, dem sie nach Batavia gefolgt war, endete früh,

als sie eben in die Heimath zurückkehren wollte, im Jahre 1850. _Elisens_

ältester Jugendfreund, der brave General Friedrich von Petersdorff, der

im späten Alter endlich seinen frühen Jugendwunsch, sich auf das Land

zurückzuziehen, ausgeführt, und mit seiner Familie nach Plauenthin bei

Kolberg gezogen war, aber die Beziehung mit _Elisen_ nie hatte aufhören

lassen, und sich in seinen Briefen noch als Achtzigjähriger als ihr »treuer

Verehrer und Anbeter Friedrich« unterzeichnete, starb im Mai 1854. Dieser,

so wie Möller, Hedemann und Marianne Philipi haben alle ein ungewöhnlich

hohes Alter erreicht, wie wenn _Elisens_ innige und treue Freundschaft

ihnen ausdauernde Lebenskraft eingehaucht hätte.

Mit Marianne Immermann, die später eine zweite Ehe einging, so wie mit

ihrer Tochter blieb _Elisa_ immer im freundschaftlichsten Einvernehmen.

_Elisa_ selbst schwand langsam dahin. So kam der März 1855 heran; gegen

diesen Monat hatte sie stets eine besondere Abneigung gehabt, weil ihr

so viel Unglück in ihm begegnet sei; im März hatte sie ihre beiden Eltern

verloren, Friesen war im März geblieben, und den 20. März, an ihrem

Hochzeitstage, hauchte sie selbst den letzten Seufzer aus, im noch nicht

vollendeten fünfundsechzigsten Jahre.

Sie war immer bei vollem Bewußtsein gewesen, und erst den Tag vor ihrem

Ende verlangte sie zu Bette gebracht zu werden. Der treue Freund wachte an

ihrem Lager. In der Nacht rief sie mehrmals nach ihrer Mutter, die sie so

sehr geliebt hatte. Wie sie schon nicht mehr reden konnte, sprachen ihre

liebevollen Blicke, ihr sanftes Lächeln ihren Dank für die Theilnahme aus,

die sie umgab. Die tieftrauernden Freunde empfanden schmerzlich, daß sie

durch das Dahinscheiden dieser schönen, edlen Seele einen Verlust erlitten,

der ihnen niemals ersetzt werden könne. Wer sie kannte, wird sich ihrer

stets mit unbegränzter Liebe und Verehrung erinnern.

Zuweilen geschieht es, daß ein Verstorbener, der uns theuer war, durch

all das, was man bald nach seinem Tode von ihm zusammenträgt, erfährt,

bespricht, uns wie noch einmal auflebend erscheint, ja vielleicht war

er uns niemals vertrauter und näher, als in solch einem Augenblick,

wo gewissermaßen sein ganzes Wesen und Sein zu Einem Bilde vereinigt,

vollständig vor uns hintritt. Wie eine Blumenknospe, welche bereits von

ihrem Stengel abgeschnitten, noch im Wasser aufblüht, und ihren Kelch

erschließt, so blüht die Menschengestalt, die der Tod schon gepflückt, in

den Thränen unserer Erinnerung noch einmal vor uns auf. So schließen wir

denn diese Blätter mit den Worten Goethe's: »Liebreiches, ehrenvolles

Andenken ist alles, was wir den Todten zu geben vermögen.« --

Anhang.

Briefe von Immermann an Elisa.

1.

Münster, den 2. Februar 1822.

Da Sie so freundlichen Antheil an den Versuchen eines Neulings nehmen,

meine gnädige Frau, so erlauben Sie mir gewiß gütigst, die Ueberreichung

der Leichenrede, die ich betrübten Herzens gefertigt habe. Sie ist so durch

Druckfehler entstellt, daß ich mit der Zusendung der gereinigten Ausgabe

eilen mußte. Sonst möchten Sie das Opus aus andrer Hand früher erhalten,

und jene Feinde der Autoren würden auch das Wenige von Gunst zerstören, was

Sie der Stachelnuß sonst vielleicht noch zuwenden.

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 3 / 49 题