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GRÄFIN ELISA VON AHLEFELDT, DIE GATTIN ADOLPHS VON LÜTZOW,

DIE FREUNDIN KARL IMMERMANN'S.

Eine Biographie von Ludmilla Assing.

Nebst Briefen von Immermann, Möller und Henriette Paalzow.

Mit dem Bildniß Elisa's.

Berlin.

Verlag von Franz Duncker.

(W. Besser's Verlagshandlung.)

1857.

[Illustration]

Meinem theuren Onkel

K. A. Varnhagen von Ense,

in

herzlicher Liebe und Verehrung

zugeeignet.

So lang noch edler Frauen Brust

Bei hoher Kunde rascher schlägt,

So lang des Liedes reine Lust

Ein zartes Frauenherz bewegt:

So lange wird der Held voll Muth

Hienieden seinen Kampf bestehn,

So lange wird des Dichters Gluth

Auf dieser Erde nicht verwehn.

Sie haben's beide nur gewagt,

Ihr kühnes, heiliges Gefecht,

Daß eine schöne Seele sagt:

So war es gut, so war es recht!

Karl Immermann.

Wenn ich es unternehme, ein Lebensbild der Gräfin _Elisa von Ahlefeldt_ zu

entwerfen, so geschieht dies einmal für ihre zahlreichen Freunde, die ihr

ein liebendes, verehrungsvolles Andenken widmen, und denen, wie ich weiß,

alles wichtig und theuer ist, was sie betrifft, andrerseits aber auch, weil

diese Frau durch ihre seltenen Geistes- und Herzenseigenschaften sowohl,

wie durch ihre merkwürdigen, wechselvollen und oft wahrhaft romanhaften

Lebensschicksale eine ungewöhnliche Bedeutung in der Gesellschaft und in

der Literatur erlangte. Wenn ihre zu große Bescheidenheit sie nicht als

Schriftstellerin auftreten ließ, sie, die dazu mehr Befähigung besaß als

viele Frauen, die sich auf diesem Gebiete Anerkennung erworben, wenn sie

sich auch überhaupt niemals in die Oeffentlichkeit wagte, so hat sie doch

auf ihre Zeit und die ausgezeichneten Menschen, die sich ihr angeschlossen,

einen so weitgehenden und entscheidenden Einfluß ausgeübt, daß ihr Name vor

vielen andern verdient aufbewahrt und gefeiert zu werden. Wie Madame

Roland die edlen Girondisten in der französischen Revolutionszeit zum

aufopferndsten Kampfe für die Freiheit anfeuerte, so begeisterte und

beseelte Gräfin _Elisa von Ahlefeldt_ die jungen Helden der Lützow'schen

Freischaar für die Befreiung des unterdrückten Vaterlandes. Trug sie nicht

wie Johanna d'Arc selbst die Fahne in die Schlachten, so umschwebte doch

ihr edler, hochfliegender Geist die tapferen Streiter in Kampf und Gefahr.

Nachdem der Krieg beendet war und Deutschland seine innere

Herstellung begann, finden wir die seltene Frau in stiller, poetischer

Zurückgezogenheit als die Muse eines begabten deutschen Dichters, dessen

Lorbeer ohne den Sonnenschein ihrer Nähe nie so schön erblüht wäre. Dann,

als ein tragisches Geschick sie von dem Dichter trennte, verlor sie trotz

ihres tief verwundeten Herzens doch nicht die edle Fassung, die ihr zu

allen Zeiten eigen war. Noch im späteren Lebensalter, in dem sie sich die

zarte Anmuth und Grazie der Jugend in seltenem Grade bewahrt hatte, war

sie der Mittelpunkt, die Beschützerin und Erweckerin eines Kreises junger

Talente, die sie mit begeisterter Verehrung und zärtlicher Neigung umgaben;

so ist ihr ganzes Dasein für alle die ihr nahten, anregend, erhebend und

segensreich gewesen. Wenn ihr Leben von schwerem Unglück durchflochten war,

so müssen ihre Freunde sich mit schmerzlicher Bewunderung gestehen, daß

sie mit einer minder großartigen, uneigennützigen und aufopfernden Seele

vielleicht glücklicher geworden wäre. Wo sie verkannt wurde, was übrigens

nur von ihr Fernstehenden geschehen konnte, da war dies nur der Fall, weil

man so viel zarte Rücksicht, Edelmuth und Schonung, wie sie solche in

allen Lebenslagen ausübte, für unwahrscheinlich hielt. Die holde

Liebenswürdigkeit ihrer persönlichen Erscheinung ist denen schwer zu

schildern, die sie nie sahen, aber um sie in dem vollen Glanz ihres

Charakters zu zeigen, braucht man nur einfach und wahr ihr Leben zu

erzählen. Dies hat mich zu der vorliegenden Biographie ermuthigt. Für die

Wahrheit dieser Mittheilungen kann ich um so mehr einstehen, da ich nicht

nur das Glück hatte, mit der ausgezeichneten Frau auf das innigste vertraut

und befreundet zu sein, sondern da mir auch die Einsicht geworden in alles,

was sich von ihrem handschriftlichen Nachlaß erhalten hat.

_Elisa Davidia Margaretha_ Gräfin von Ahlefeldt-Laurwig wurde im Jahre

1790 den 17. November an dem Geburtstage ihres Vaters auf dem Schlosse

Trannkijör zu Langeland geboren. Ihr Vater, Graf Friedrich von

Ahlefeldt-Laurwig, geboren den 17. November 1760, gehörte einem altadlichen

Geschlechte an, welches im Jahre 1665 von Kaiser Leopold dem Ersten in

den Reichsgrafenstand und 1672 vom König von Dänemark in den dänischen

Grafenstand erhoben und mit der Grafschaft Langeland belehnt wurde. Er

genoß durch Rang, Macht und Reichthümer eines ungewöhnlichen Ansehens; er

war ein besonderer Liebling des Königs Friedrich des Sechsten von Dänemark,

in dessen Dienst er als Kammerherr und als Offizier stand; der König

zeichnete ihn nicht nur mannigfach aus, sondern bewies ihm eine

fortwährende Freundschaft; gern und oft besuchte er ihn auf dem prächtigen,

nahe am Meeresufer belegenen Trannkijörschlosse, wo auch viele andere

Mitglieder des Königlichen Hauses häufig einkehrten. Am Kopenhagener Hofe

spielte Graf Friedrich eine um so bedeutendere Rolle, da man seinen Einfluß

auf den Königlichen Gebieter allgemein kannte. Er war ein kräftiger,

stattlicher Mann, lebhaften Temperaments, dem Wohlleben, der Jagd und

anderen Vergnügungen leidenschaftlich ergeben. Seine Gemahlin, _Louise

Charlotte_, geborene _von Hedemann_ aus Holstein, schön, fein, verständig

und edlen Sinnes, war ihrem Gatten mit zärtlicher Neigung zugethan. Ein

Sohn, welcher der Erbe aller Besitzungen geworden wäre, starb gleich nach

der Geburt. So blieb _Elisa_ ohne Geschwister.

Sie genoß als Kind der äußersten Sorgfalt und Aufmerksamkeit beider Eltern,

eine glänzende Zukunft schien vor ihr zu liegen, alle äußeren Glücksgüter

sich ihr in reicher Fülle darzubieten. Alles was zum Schloß gehörte, wollte

der kleinen Comtesse seine Zuneigung bezeigen, sechs Tanten wetteiferten

mehr noch als sie zu erziehen, sie auf den Händen zu tragen, ihre

körperliche und geistige Ausbildung ließ man sich in jeder Weise angelegen

sein.

Eine sehr glückliche Wahl traf man in ihrer Erzieherin, _Marianne Philipi_

aus Hamburg, die durch Gemüth und Charakter ausgezeichnet war, und

lebenslänglich mit ihrer Pflegebefohlenen in der innigsten Beziehung blieb.

Marianne, von jener schlichten Tüchtigkeit, wie sie oft den Hamburgerinnen

eigen zu sein pflegt, liebte _Elisen_ mit mütterlicher Anhänglichkeit, und

war schon früh bemüht, in einer Umgebung voll Genuß und Zerstreuung, den

Sinn ihres Zöglings auf jenen Kern der Dinge aufmerksam zu machen, der so

leicht ob ihres äußeren Prunks und Schimmers in solchem Kreise übersehen

wird. Den Menschen nach seinem Menschenwerth zu schätzen und zu

beurtheilen, und nicht nach Rang und Geburt, in ihrer bevorzugten Stellung

bescheiden, frei von allen Vorurtheilen, ohne allen Stolz und Hochmuth zu

bleiben, das lernte _Elisa_ von der vortrefflichen Philipi; eine lebhafte

Verehrerin Klopstock's, Herder's und Schiller's, suchte diese auch

_Elisens_ Theilnahme für die Werke dieser Schriftsteller zu erwecken.

_Elisens_ frischer Geist ergriff mit jugendlicher Wärme und Begeisterung

diese Lectüre, und lebte neben dem äußeren Leben voll einschmeichelnder

Oberflächlichkeit, mit ihrer Erzieherin ein inneres voll ernsten

Nachdenkens, sinniger Betrachtung und poetischer Träumerei. Der Genuß der

Natur, der großartige Anblick des Meeres, das sie aus den Schloßfenstern

beständig in jeder Beleuchtung vor Augen hatte, wirkte mächtig auf sie, und

wir dürfen wohl sagen, daß die Stunden, welche sie in solcher Anschauung

oder mit ihren Lieblingsdichtern zubrachte, ihr lieber waren, als alle die

ausgesuchten Artigkeiten, mit denen man ihr begegnete.

_Elisa_ wuchs heran und die Reize ihrer blühenden Jugend entfalteten sich

im Verein mit denen ihres Geistes und Herzens. Sie war mittlerer Größe,

von zarter, anmuthiger Gestalt, die schönste Fülle blonder Locken umkränzte

ihren schneeweißen Teint, aus den großen, sanften, himmelblauen Augen

sprachen Güte, Geist und Liebreiz, die Nase war fein geschnitten,

die frisch geschwellten Lippen umspielte ein Lächeln voll milder

Freundlichkeit, und die fröhlichste Munterkeit belebte ihre Züge;

ihre Hände und Füße zeichneten sich durch ungewöhnliche Kleinheit und

Zierlichkeit, so wie durch die vollendetste Form aus; sie schwebte mehr als

sie ging, in jeder ihrer Bewegungen war Harmonie und Ebenmaß. Sie tanzte

wie eine Sylphide, ritt mit eben so viel Kühnheit als Grazie; begabt mit

einer herrlichen Stimme, sang sie mehrmals in der Kirche bei der Aufführung

von Oratorien die Hauptparthien. Am Hofe zu Kopenhagen erregte sie

Bewunderung durch ihre Liebenswürdigkeit, Schönheit und Anmuth, und von den

Mitgliedern des Königlichen Hauses wurde ihr gehuldigt.

Die mannigfaltigen Kreise und Lebensverhältnisse, die sich früh ihrem Auge

darboten, schärften ihren Blick, der immer unbefangen und klar die Dinge

betrachtete, und schnell lernte sie sich ein eigenes Urtheil bilden. Im

Trannkijörschloß war immer ein bunter Menschenverkehr; der gastliche

Graf, der Geselligkeit liebte, lud außer den benachbarten Adlichen auch

durchreisende Fremde aus allen Ständen an seine prächtige Tafel. _Elisa_,

die sich freimüthig mit Allen unterhielt, machte so Bekanntschaft mit

Künstlern, Gelehrten, Militairs, Kaufleuten und Seefahrern, und erweiterte

ihren Gesichtskreis, indem sie sich von fremden Ländern, Gegenden und

Zuständen erzählen ließ. Ihrer Beobachtung konnte es hiebei nicht entgehen,

daß feine Bildung und gründliche Kenntnisse nicht immer vorzugsweise auf

Seiten der Vornehmen waren. Eine alte Gräfin aus Holstein, die wenig von

ihrem Gut gekommen war, und bei ihrem Besuche auf dem Schlosse, als sie den

Mohren des Grafen bei der Tafel aufwarten sah, ängstlich zusammenfuhr

und leise fragte: »Färbt der Mensch auch ab?« war wohl nicht das einzige

Beispiel von Unwissenheit, welches _Elisa_ unter der hohen Aristokratie

wahrnahm, während sie aus dem Verkehr mit dem intelligenten Mittelstand

viel mehr Belehrung und Anregung zog. Marianne Philipi hatte, um _Elisa_

vor Eitelkeit zu bewahren, ihr oft versichert, die Herren pflegten junge

Damen nur dann mit leeren Schmeicheleien zu unterhalten, wenn sie ihnen

nicht Geist und Verstand genug zutrauten, um mit ihnen über ernstere Dinge

zu reden. Als daher eines Tages ein vornehmer Herr ihr seine ziemlich faden

Huldigungen darbrachte, und sich davon den günstigsten Eindruck versprach,

fühlte sich das junge Mädchen bitter gekränkt, und rief in naiver Empörung:

»Wie so halten Sie mich denn für so einfältig, daß Sie meinen, mich nicht

von interessanteren Gegenständen unterhalten zu dürfen?« --

Wie sehr _Elisa_ überall gefiel, ahnte sie selbst nicht; unschuldig und

bescheiden, war sie immer erstaunt und überrascht, wenn ihr irgendwo

besondere Verehrung entgegentrat. Daß sie schon von ihrem zwölften Jahre an

die zärtliche Neigung eines ausgezeichneten Mannes erregte, beweist uns ein

Brief des hannöverischen damaligen Obersten _Karl von Alten_, der später

als Führer der hannoverschen Truppen in Portugal und Spanien sich großen

Ruhm erwarb, dann 1815 in der Schlacht von Belle-alliance, wo er eine

schwere Verwundung erlitt, sich auszeichnete, und als General in den

Grafenstand erhoben wurde. Er starb erst 1840, und sein ehernes Standbild,

welches von Kümmel entworfen und 1848 auf dem Waterlooplatz zu Hannover

aufgestellt wurde, feiert sein Andenken. Karl von Alten, damals

einundvierzig Jahre alt, schrieb an die noch kaum fünfzehnjährige _Elisa_

aus Hamburg den 29. August 1805 die folgenden Zeilen, die eben so viel

zarte Achtung als leidenschaftliche Ergriffenheit aussprechen, und von

dem Schreiber, wie von der noch so überaus jungen Empfängerin die

vortheilhafteste Vorstellung erwecken: »Gnädigste Gräfin! In dem

Augenblick, da das traurige Schicksal, das mein Vaterland betroffen,

mich veranlaßt dasselbe zu verlassen und nach England zu gehen, hoffe ich

Verzeihung zu erhalten, wenn ich Sie, gnädigste Gräfin, mit denjenigen

Gesinnungen bekannt zu machen wage, die beinahe seit drei Jahren mein

ganzes Wesen erfüllen. Alles das Gute, was ich von allen denen, die das

Glück haben Sie zu kennen, erfahren hatte, mochte wohl Veranlassung

sein, daß meine erste Bekanntschaft mit Ihnen auch den Grund zu einer

Leidenschaft legte, die keine Zeit und keine Abwesenheit hat auslöschen,

sondern vielmehr nach einer näheren Kenntniß Ihres fürtrefflichen

Charakters zum Nachtheil meiner Ruhe nur zu sehr zugenommen hat. Ihre

damalige Jugend, und nachher die mißliche Lage meiner Gesundheit machten es

mir zur Pflicht zu schweigen, und meine Empfindungen, so schwer es mir auch

ward, in mich zu verschließen. Auch noch jetzt, obgleich diese Hindernisse

gehoben sind, und meine Gesundheit längst völlig wiederhergestellt ist,

erlaubt mir meine jetzige Lage nicht, etwas Entscheidendes über mein

künftiges Glück von Ihnen, noch von Ihren theuren Eltern zu hoffen. Alles

was ich jetzt von Ihrer edlen Denkungsart erwarten darf, ist bloß die

Versicherung, daß Sie meine freimüthigen Aeußerungen nicht beleidigen, und

wenn ich das Glück habe, Ihnen nicht ganz gleichgültig zu sein, mir nicht

alle Hoffnungen zu benehmen, im Fall glücklichere Zeiten wieder eintreten

sollten. Verzeihen Sie, theuerste Gräfin, die offene, ungekünstelte Sprache

eines Soldaten, es war mir aber unmöglich länger zu schweigen, es

war durchaus nothwendig zu meiner Beruhigung, daß ich Ihnen mein Herz

eröffnete. Nur aus diesem Grunde verspreche ich mir Ihre gnädige Nachsicht,

und wenn mein hartes Schicksal es auch wollte, bei Ihnen diejenigen

Gesinnungen nicht anzutreffen, die mich zum glücklichsten Menschen machen

würden, so hoffe ich wenigstens daß Sie mich Ihrer Achtung nicht unwerth

halten werden.« -- _Elisa_ war gerührt durch diesen Brief, doch empfand sie

keine Neigung für den so viel älteren Mann.

Eine Huldigung ganz anderer Art wurde _Elisen_ zu Theil, als sie im Jahre

1806, sechzehnjährig zum erstenmal einen Ausflug nach Hamburg machte. Sie

ging dort an der Seite ihrer Erzieherin über den Jungfernstieg, als ein

junger muntrer Matrose ihnen begegnete. Das schöne junge Mädchen, frischer

und blühender als die frische, blühende Rose, die er an seinem schwarzen

Strohhut trug, mochte ihm wohl besonders gefallen, denn er hob sie wie ein

Kind vom Erdboden auf, gab ihr einen Kuß, und setzte sie dann sanft wieder

nieder, zu ihrem eigenen großen Schrecken und dem nicht minderen ihrer

bestürzten Erzieherin, die dem dreisten Burschen sprachlos nachblickte, als

er rasch und vergnügt davon eilte.

Graf Friedrich war ein eifriger Musik- und Theaterliebhaber; er besoldete

nicht nur eine große Schaar ausgezeichneter Musiker, die seine beständige

Kapelle bildeten, sondern er zog auch ganze Schauspielertruppen zu sich

auf das Schloß, die deutsche und französische Komödien aufführen mußten. Er

verlangte, daß seine schöne, begabte Tochter dabei mitwirke durch Spiel und

Gesang; sie that es, aber sehr ungern, da die Schauspieler ihr durch manche

Rohheit und Leichtfertigkeit bald mißfielen, und durchaus nicht den idealen

Vorstellungen entsprachen, die sie sich anfänglich von solchen Künstlern

gemacht hatte, und es entstand bei ihr eine Abneigung gegen den

Schauspielerstand, die sie für immer beibehielt.

So schön und vielversprechend _Elisens_ Jugendleben begonnen hatte, so

sollte es doch bald durch manchen Kummer getrübt werden. Zwischen den

Eltern entstanden Zwiespalt und Entfremdung in solchem Maße, daß

es _Elisens_ Augen nicht verborgen bleiben konnte. Der Vater,

vergnügungssüchtig, leichtsinnig und gewohnt sich keinen Genuß zu versagen,

machte einen Aufwand, der selbst für die außerordentlichen Mittel, die

ihm zu Gebote standen, zu bedeutend war, und seine mannigfaltigen

Liebesverhältnisse mußten das häusliche Glück auf das bedenklichste stören.

Die Mutter, die ihren Gatten innig liebte, fühlte sich tief gekränkt und

unglücklich, sie trennte sich von ihm, und zog nach dem Gute Ludwigsburg,

wohin ihr die Tochter folgte. _Elisa_, die immer besonders zärtlich an der

Mutter gehangen, theilte mit ihr Schmerz und Betrübniß, und litt schwer von

diesen so traurigen und zerrissenen Verhältnissen.

Nach einem still und zurückgezogen verlebten Winter in Ludwigsburg,

beschloß die Gräfin Charlotte, deren Gesundheit etwas zu leiden begann,

im Sommer 1808 mit ihrer Tochter nach dem Bade Nenndorf zu gehen. Eine

Freundin _Elisens_, eine junge Engländerin, Namens _Fanny Harward_, die

seit einiger Zeit bei ihnen lebte, begleitete sie dahin.

Mit frischem Jugendmuth, der trotz aller Trübung doch immer wieder fröhlich

hervorbrach, sahen die beiden jungen Mädchen dieser Reise entgegen. Wie

viel Unerwartetes, Schönes, Abentheuerliches dachten sie sich aus, das

ihnen unterweges begegnen könne! Sie wurden nicht müde, sich auszumalen,

was ihnen alles Neues und Bedeutsames bevorstehen möchte, und beide waren

bereit, alles mit offenem, empfänglichem Sinn aufzunehmen. Diese Vorahnung

wurde zum Theil mehr als bestätigt, denn was _Elisen_ betraf, so sollte

allerdings ihr Aufenthalt in Nenndorf für ihr ganzes Leben entscheidend

werden.

Die Reise wurde gegen die Mitte des Juni angetreten; man kehrte zuerst

in Holstein bei Gräfin Charlottens Bruder, dem Gutsbesitzer _von

Hedemann-Heespen_ auf Deutsch-Nienhof ein, bei jenem vortrefflichen Onkel

_Elisens_, dem sie immer, mehr noch wie ihrem Vater, zugethan war, und der

sich ihrer in der Folge auch stets väterlich annahm; dann verweilte man

einige Tage in Hamburg, wohnte einer Revüe bei, welche der damalige _Fürst

von Ponte-Corvo_, der nachherige Kronprinz von Schweden, auf dem Walle über

holländische Truppen abhielt, und besuchte die schönen Elbufer. In Hannover

wurden die Gärten von Herrenhausen besehen, und als man in Nenndorf

anlangte, glaubten _Elisa_ und ihre Freundin schon viel des Interessanten

und Hübschen erfahren zu haben.

* * * * *

Wie viel mehr noch sollte ihnen das bunte Badeleben von Nenndorf darbieten,

wo sich eine mannigfaltige Gesellschaft froh bewegte! Die verständige

Gräfin, ihre reizende Tochter und die muntre Fanny waren überall gern

gesehen, man kam ihnen von allen Seiten mit Beeiferung und Freundlichkeit

entgegen; sie hörten die Conzerte des dort anwesenden berühmten

Violinspielers _Kiesewetter_, sie tanzten und fuhren spazieren in der

angenehmsten Umgebung und heitersten Laune. Einige französische Offiziere,

die sich in der Gesellschaft befanden, wußten den jungen Damen in feinster

und liebenswürdigster Weise den Hof zu machen, _Elisa_ besonders war immer

der Hauptgegenstand aller Auszeichnung.

Eines Tages saß an der Table d'hôte neben _Elisen_ ein ihr bereits

bekannter junger französischer Offizier, der sich in ein lebhaftes

Gespräch mit ihr vertiefte. Plötzlich geschah es, daß er in dem Eifer der

Unterhaltung ihre Hand erfaßte. _Elisa_ erschrack auf das heftigste, und

die Berührung war ihr so widrig, daß sie ohne sich zu besinnen in ihrer

Angst eine Wasserflasche ergriff, die vor ihr auf dem Tische stand, und

vor aller Augen ihre Hand damit begoß und abwusch. Der Franzose sah sie

bestürzt an.

Einige an der Tafel sitzende preußische Offiziere hatten aus einiger

Entfernung dem Vorgang zugesehen; unter diesen waren _Adolph von Lützow_,

der nachherige berühmte Freischaarenführer, und sein Freund, _Gustav

von Bornstedt_, welcher in der Schlacht von Auerstädt große Proben von

Unerschrockenheit abgelegt und nach dem Tilsiter Frieden seinen Abschied

genommen hatte. In jener Zeit, wo das Vaterland von Napoleon unterdrückt

war und man den Franzosen so vielfältig mit Haß begegnete, war es leicht

erklärlich, daß die Preußen die Meinung faßten, die ihnen unbekannte junge

Dame wolle durch ihre Handlung ihren deutschen Patriotismus an den

Tag legen, und damit ausdrücken, daß ihre Hand ihr durch die geringste

Berührung eines Franzosen wie befleckt erschiene, ja, sie waren so erfreut

über diesen energischen Haß, für den sie es hielten, daß sie am Nachmittag

bei _Elisens_ Mutter um die Erlaubniß anhielten, ihr die Aufwartung machen

zu dürfen, um die schöne, franzosenfeindliche deutsche Jungfrau kennen zu

lernen.

Sie hatten sich indessen sehr geirrt. Ganz abgesehen davon, daß _Elisa_

eigentlich keine Deutsche, sondern eine geborene Dänin war, so lag es

überhaupt durchaus nicht in ihrem Charakter, einem Einzelnen, mit dem sie

sich noch eben harmlos unterhalten hatte, und dem sie auch außerdem ganz

freundlich gesinnt war, eine so harte Kränkung zuzufügen, und ihn allein

ungerechterweise entgelten zu lassen, was seine Nation, oder vielmehr

Napoleon an Deutschland verbrochen hatte. Im Gegentheil bedauerte sie, wie

sie sich von ihrem Schreck erholt hatte, den Franzosen so verletzt zu haben

und suchte sich möglichst bei ihm zu entschuldigen. Dieser Vorfall war

es jedoch, der den ersten Anlaß zu _Elisens_ Bekanntschaft mit Adolph von

Lützow gab, und noch in ihrem späteren Alter pflegte sie zuweilen scherzend

zu sagen, jenem seltsamen Mißverständniß habe sie ihren Gatten verdankt.

Wenn Adolph von Lützow auch nicht die Franzosenfeindin in _Elisen_ fand,

die er in ihr erwartete, so fand er dafür besseres in ihr. Wenn auch von

Geburt eine Dänin, so war sie doch dem Sinn und Geiste nach eine Deutsche,

die deutsche Mutter und die brave Marianne Philipi hatten in diesem Betreff

entschiedenen Einfluß auf sie ausgeübt, und viel mehr fühlte sie sich zu

den Deutschen hingezogen als zu den Dänen. Mit ihrem warmen Herzen, mit

ihrer lebhaften Phantasie hatte sie tief den Druck mitempfunden, der

auf Deutschland ruhte, und in ihrem begeisterten Gemüthe fanden die

Freiheitshoffnungen, die sich in der ganzen deutschen Jugend mächtig

regten, ihren reinsten Wiederhall.

Es war nicht anders möglich, Adolph von Lützow, welcher bereits die Kriege

am Rhein mitgemacht, sich in der _Schill_'schen Freischaar ausgezeichnet

hatte, und bei der ruhmvollen Vertheidigung von Kolberg gegenwärtig war,

wofür er als Hauptmann schon den Orden =pour le mérite= erhielt, mußte

_Elisens_ besonderen Antheil erwecken. Die Wunden, welche er von Kolberg

davongetragen, und deren Heilung ihn nach Nenndorf geführt, durften ihr

Interesse für ihn nur erhöhen; sie sah in ihm einen deutschen Krieger,

welcher mit ganzer Seele für das Vaterland glühte, das auch sie wie das

ihrige liebte.

Adolph von Lützow war damals sechsundzwanzig Jahre alt, von mittlerer

Größe; er sah weder regelmäßig schön, noch geistreich und bedeutend aus,

aber gutmüthig und angenehm; seine großen blauen Augen trugen den Ausdruck

von Treue, Wohlwollen und Bravheit; sein rundes Gesicht war von schlichten

blonden Haaren umgeben, ein blonder Bart bedeckte die Oberlippe; das Kinn

war kurz und etwas vorspringend. Sein offenes, männliches Wesen durfte

gefallen, und ein Zug von soldatischer Munterkeit stand ihm wohl an.

_Elisa_ trat ihm entgegen in der vollen Blüthe ihrer Jugend und Schönheit,

eine wahrhaft ätherische Erscheinung, achtzehn Jahre alt, voll Geist, Leben

und Frische, mit liebenswürdig kindlicher Unschuld schon ernsten Sinn und

tiefere Einsicht verbindend, und jene süße Anmuth, die alles bezauberte,

was ihr nahte. Gewiß, sie durfte darauf rechnen, sich viele Herzen zu

gewinnen, auch wenn sie nicht die vornehme Grafentochter, die künftige

Erbin großer Reichthümer gewesen wäre!

Lützow bezeigte ihr seine Verehrung und Bewunderung auf das lebhafteste;

als er sie kennen lernte, hatte er seine Abreise schon festgesetzt,

die nach zwei Tagen erfolgen sollte; nun konnte er sich aber nicht

entschließen, sich so rasch aus solcher Nähe zu verbannen, und er blieb von

einem Tage zum andern.

»Welche von den beiden Damen ist es denn,« fragte ein alter _Graf

Löwenhielm_ leise und lächelnd zu _Elisen_ und Fanny gewandt, indem er

auf Lützow deutete, »die jenen schnurrbärtigen Offizier dort festhält, der

immer morgen abreisen will und immer hier bleibt?« -- »Ich nicht!« rief

Fanny, aber _Elisa_ erröthete.

Lützow verweilte beinahe drei Wochen und trat immer offener und dringender

mit seinen Bewerbungen hervor. Daß er _Elisens_ Neigung erobert, durfte

er hoffen, und auch der Gräfin Charlotte wußte er Zutrauen und Wohlwollen

einzuflößen. Beide Frauen konnten sich aber nicht verhehlen, welche

Schwierigkeiten einer Verbindung im Wege standen, da sie wohl wußten, daß

Graf Ahlefeldt sich nicht leicht entschließen würde, seine Tochter außer

Landes zu geben, und noch dazu einem jungen preußischen Offizier, der zwar

von guter Familie war, tapfer und brav, aber weder durch Rang noch Vermögen

die Ansprüche befriedigte, die jener an seinen künftigen Schwiegersohn

glaubte machen zu dürfen; in der That fanden sich überall Gelegenheiten zu

glänzenderen Parthien. Die zärtliche Mutter freilich konnte der Wahl der

Tochter nicht entgegen sein, und fand, daß ein wahres Herzensglück, wie es

sich hier darzubieten schien, solchen äußeren Vortheilen vorzuziehen sei.

Lützow seinerseits betheuerte, daß er nicht eher ruhen würde, bis alle

Hindernisse hinweggeräumt seien, und er _Elisen_ errungen hätte.

So reiste er ab. Bald nach ihm verließ auch die Gräfin Charlotte mit ihrer

Tochter und Fanny das freundliche Nenndorf, um nach Pyrmont zu gehen, wo

noch eine Nachkur gebraucht werden sollte.

Dort erhielt _Elisa_ den ersten Brief von Lützow; wir theilen denselben, so

wie einige folgende mit, da es interessant sein dürfte, Adolph von Lützow,

der meist nur als muthiger Offizier und Führer der Freischaar genannt wird,

hier als eifrigen Liebhaber und Bewerber kennen zu lernen. Er schrieb ihr

aus Welle bei Tangermünde an der Elbe, den 2. August 1808: »Gnädige

Gräfin! Nicht allein Eigennutz, etwas von Ihren weißen Händen zu besitzen,

veranlaßt mich, Ihnen zu schreiben, sondern ich verbinde noch das Vergnügen

damit, mich mit Ihnen unterhalten zu können, und weiß doch gewiß, daß

während Sie diese Zeilen lesen, Sie die Güte haben müssen -- an mich zu

denken. -- Meine Reise habe ich bisher glücklich zurückgelegt, der Himmel

war klar und unbewölkt, mich konnte dies aber nicht freuen, denn ich kann

es nicht ausstehen, wenn alles um mich her heiter ist, während ich mich

den Träumen einer zweifelhaften Zukunft überlasse. -- Wie ist es Ihnen in

Nenndorf gegangen? Ich hoffe, vergnügt, und wünsche doch so herzlich, daß

Sie wenigstens den ersten halben Tag nach meiner Abreise nicht ganz froh

gewesen sein möchten. So groß ist meine Selbstsucht, daß ich sogar auf

Kosten Ihres Vergnügens die Hoffnungen meines Herzens recht sehr ungern

getäuscht wissen möchte. -- Wie wird es aber in Pyrmont werden? Werden

Sie nicht dort, meine innigverehrte Gräfin, über alle interessante

Bekanntschaften der blauen Farbe treu zu bleiben vergessen? Die Farbe der

Beständigkeit hat, vorzüglich jetzt, tausendfachen Werth für mich, und das

Schönste aus Ihren Händen selbst, ohne diese keinen Reiz für mich. -- Aber

was schreibe ich für dummes Zeug! Sie versprechen mir ein Geschenk, und ich

mache schon Bedingungen. Um Gotteswillen, Gräfin, nehmen Sie sich in Acht!

-- Habe ich nur etwas Hoffnung, so werde ich übermüthig. -- Sagen Sie

nicht, daß Sie mir nicht abgeneigt sind, dann übertreibt meine Phantasie,

dann werde ich unbändig und glaube schon das zu besitzen -- was ich

herzlich empfinde, aber nicht nennen will, weil es so Viele nennen, ohne

es zu empfinden. Ist diese Hoffnung erst zur Ueberzeugung geworden, dann

möchte mein lahmes Bein mich umsonst abhalten wollen, den weitesten Weg

zurückzulegen, um mein Glück zu erreichen, meine krumme Hand stark genug

sein, es festzuhalten, und mein deutsch ehrlicher Kopf die Mittel wohl

finden, wodurch es mein werden muß.« --

Lützow täuschte sich nicht, wenn er auf _Elisens_ Treue rechnete; sie hatte

mit jener Energie, die ihr in allen wichtigen Lagen ihres Lebens eigen war,

fest beschlossen, keinem Anderen als Lützow ihre Hand zu geben.

Auf der Rückreise von Pyrmont wurde Hamburg wieder berührt, und die

Reisenden suchten in Altona den Schriftsteller und Arzt, Professor

_Johann Christoph Unzer_ auf, mit dem und dessen Gattin sie in Nenndorf

zusammengetroffen, und in freundlichen Verkehr getreten waren. Es ist

dies derselbe Unzer, welcher mit der schönen, berühmten Schauspielerin

_Charlotte Ackermann_ befreundet war, deren Andenken durch Otto Müller's

interessanten Roman dieses Namens neu aufgefrischt worden ist. Professor

Unzer war damals zweiundsechzig Jahre alt, und starb das folgende Jahr in

Göttingen auf einer Reise.

Ende Augusts langte man wieder in Ludwigsburg an, und nun mußte ernsthaft

daran gedacht werden, den Vater für die beabsichtigte Verbindung zu

gewinnen. Dies war nicht leicht. Unterdessen schrieb Lützow an _Elisen_ aus

Treptow, den 1. Oktober 1808: »Ihrer verehrungswürdigen Frau Mutter küsse

ich die Hände in Gedanken, und bitte Sie, ihr zu sagen, daß ich mich gerne,

um ihren Beifall zu haben, in allen Tugenden üben wollte, aber Geduld -- in

einem gewissen Punkte, das ist eine Tugend, die ich nicht erreichen werde,

und unter uns gesagt, nach der ich nicht strebe. Schlimm genug, wenn das

unglückliche Schicksal jemanden so hart prüft, wie mich; wie lange wäre ich

nicht schon so kühn gewesen, nach Ludwigsburg zu kommen, aber leider haben

es die Verhältnisse _nicht_ gestattet, und was würden Sie von einem Manne

denken, der seine Pflicht nicht erfüllt, und wenn ihm dies auch noch so

schwer würde.« --

Nach langem Zögern sprach der Vater seinen Willen aus, der aber sehr wenig

die Wünsche der Liebenden befriedigte; er war der Verbindung entschieden

abgeneigt, und verlangte vor allem, daß Lützow nicht eher nach Ludwigsburg

komme, als bis er ihm die Erlaubniß dazu gebe; er wies die Tochter schnöde

zurecht, meinte, sie würde es ihm später einmal Dank wissen, daß er so und

nicht anders handle; es gebe der schlechten Romane genug in der Welt, er

wünsche nicht, daß _Elisa_ sie vermehre, und »z. B. eine irrende Ritterin

werde, wie die Ahlefeldten von Saxtorf!« -- Das war wenig tröstlich!

Mit immer sich steigernder Sorge und Ungeduld schrieb Lützow aus Berlin,

den 1. Januar 1809: »Liebe, gute Elise! Von ganzem Herzen habe ich

mich gefreut, einen Brief von Ihnen zu erhalten, ich eile zu danken und

versichere, daß mich nichts glücklicher macht, als der Beweis, daß ich noch

bei Ihnen in gutem Andenken stehe. Zugleich danke ich für die Abschrift des

Briefes an Ihren Vater, was aber das Mißtrauen betrifft, so traue ich so

fest, daß ich selbst diese nicht verlangt hätte. Habe ich Mißtrauen, so ist

es an meiner eigenen Liebenswürdigkeit, so entspringt es aus dem Zweifel,

daß Ihnen ein schlichter, grader Sinn nicht Ersatz genug sein wird für

Bildung und feine Welt. -- Ich mache mir die Freude Ihnen mein Ideal der

Treue zu übersenden[1]; ich versichere, daß ich in meinem ganzen Leben

nicht schlechter als dieser Pudel sein werde, der fest entschlossen ist,

und nichts inniger wünscht, als seine liebenswürdige Gebieterin nie zu

verlassen. Er ruht auf dem Beweis, daß ich Kraft genug habe, dem, was ich

liebe, alles zu opfern.« --

[1]: Lützow schickte Elisen einen Ring mit einem Pudel verziert.

Dieser Verkehr mit dem Entfernten erfüllte _Elisens_ Herz beinahe

ausschließlich in dem Winter in Ludwigsburg, den sie wieder still und

einsam mit ihrer Mutter dort zubrachte. Lützow schrieb ihr aus Berlin, den

7. Januar 1809: »Wie muß einem Menschen zu Muthe sein, dem sich der Himmel

öffnet, er glaubt das höchste Glück erreicht, und wird in den tiefsten

Abgrund des Unglücks gestürzt. -- Die Natur schuf mich fest und resignirt,

doch diesen Wechsel würde ich nie aufhören zu empfinden, er raubte mir das

letzte Vertrauen an die Menschen. -- Was ein Mensch opfern darf, lege

ich Ihnen zu Füßen, mit Ihnen vereinigt, will ich an _jedem_ Ort der Welt

glücklich leben. Alle äußeren Verhältnisse will ich zerbrechen, bleibt mir

nur die Aussicht meinem Vaterlande noch in meinem Leben einmal nützen zu

können. Was wäre ich Ihnen ohne dieses Gefühl, was wäre Ihnen ein Mann

ohne feine Politur, wenn diese nicht durch einigen inneren Werth ersetzt

würde.« --

* * * * *

Lützow versäumte unterdessen nicht, seinen Eltern, seinen Brüdern und

seiner Schwester in Berlin von seiner herrlichen Braut soviel mitzutheilen,

daß sie gleich ihm dem Augenblick mit Ungeduld entgegen sahen, wo er sie

heimführen würde. Wie sehr er _Elisens_ Werth fühlte, drücken lebhaft die

folgenden Zeilen aus, die er ihr aus Berlin den 27. Jan. 1809 schrieb:

»Liebe Elise! Sie sind besorgt für mein Glück? Sie verstehen sich wenig auf

Ihre eigenen Vorzüge; wer nicht mit Ihnen glücklich ist, dem hat die Natur

stiefmütterlich den Stoff der Freude versagt. -- Ich bin kein so eifriger

Verehrer des Plato, daß die Vorzüge Ihrer Gestalt keinen Eindruck auf mich

schwachen Menschen machen sollten. -- Ich bin nicht _so_ ernst, daß Ihre

frohe Laune nicht auch mich zur Freude umstimmen müßte. Ihre liebenswürdige

Aufrichtigkeit gäbe auch einem Greise dieses Prädikat der Jugend zurück.

Bei wem nur ein Funke Gefühl für Großes und Edles ist, dem wird Ihr Umgang

dies zur erwärmenden Flamme erheben. Wen der Himmel nicht mit einem Staar

gestraft hat, der muß täglich neue Vorzüge an Ihnen entdecken und sich

glücklich fühlen! -- Aber daß diese Eigenschaften nicht zur Geduld

einladen, welche Sie, meine schöne Priesterin, predigen, das ist

begreiflich, und Ihr Vater, den die erste dieser Eigenschaften schon allein

hinreißt, der sollte etwas billiger denken. -- Nur für Elise allein will

leben Ihr Adolph.« --

Erst als nach einiger Zeit Graf Friedrich selbst nach Ludwigsburg kam,

konnten Mutter und Tochter diese Gelegenheit benutzen, ihn etwas günstiger

zu stimmen. Die Beständigkeit der Neigung _Elisens_ mochte denn doch

wohl Eindruck auf ihn machen, aber er wollte noch nichts festsetzen und

verlangte als erste Bedingung, daß Lützow Preußen ganz verließe und nach

Dänemark übersiedelte, wo er vielleicht eine Anstellung im Forstwesen oder

am Hofe fände, die Graf Friedrichs Einfluß ihm wohl verschaffen konnte. Die

Bedingung, Vaterland und Beruf aufzugeben, war hart für Lützow; er

schrieb hierüber: »Der Segen, den Ihr Vater über Sie die Güte haben will,

auszuschütten, dieser goldene Segen ist hinreichender Grund alle übrigen

Forderungen des Vaters als rechtskräftig zu beweisen? -- Ich verwerfe

diesen kalten Richter! Schon die uralte Fabelzeit übergab dem Weibe

die Wage der Gerechtigkeit; ein fühlend Herz muß über das Schicksal der

Menschen entscheiden, sprechen Sie das Urtheil! -- Muß ich unbedingt dem

Willen des Vaters gehorchen? _Ihr_ Wille sei mein Gesetz. Hören Sie aber

meinen Vorschlag. Ihr Vater erlaubte uns vielleicht in Ludwigsburg zu

wohnen; eine prosaische, ökonomische Untersuchung fände diesen Vorschlag

vernünftig, und wir erhielten die gewünschte Einwilligung. Wir reisten,

damit ich die Freude hätte, meine Gemahlin meinen Eltern vorzustellen, nach

Berlin. -- Ich wüßte schon vorher bestimmt, daß man mir Dienste anböte, und

ich aus falscher Scham überrascht, nehme diese an, dann bin ich gefesselt.

-- Glauben Sie, Sie werden von meinen Landsleuten artiger als ich von den

Ihrigen empfangen. -- Ist dieser Plan auszuführen? entscheiden Sie!« --

_Elisa_ beklagte, den Willen des Vaters nicht ändern zu können; sie

verlangte keine glänzende Stellung für ihren Gatten, und versicherte

ihrerseits in den bescheidensten Verhältnissen mit ihm glücklich werden zu

können. Er antwortete hierauf: »Ich will nie aufhören, Ihr treuer Sclave zu

sein, bleiben Sie meine gütige Herrin, welche die Ketten, in die sie mich

legte, durch Freundschaft und Liebe zu den süßesten umschuf. -- Sie haben

zu viel eigenes Verdienst, um das Ererbte höher zu schätzen; es gehört aber

viel Geistesstärke dazu, dem Fehler des Zeitalters, der Sucht zu glänzen,

zu widerstehen. Wenn der Vater Fürst ist, wird der Tochter ein fühlend

Herz Ersatz genug für äußeren Glanz sein? Meine Vorfahren haben zwar das

Herzogthum Verona besessen, mir aber, gute Elise, bleibt nichts übrig als

die Leiter, welche diese Stadt und ich im Wappen führen. Doch eine Leiter

ist genug für mich, ist mir das Glück beschieden, damit Ihr Herz zu

erstürmen, und versichern Sie, daß das, was ich besessen habe, mir durch

keinen entrissen werden kann. Geben Sie mir diesen Trost, und ich bin

glücklich. Adolph.« --

Da zuletzt nichts anderes übrig blieb, entschloß sich Lützow einstweilen

Preußen zu verlassen, nahm seinen Abschied, und erklärte sich bereit, dem

mißtrauischen Grafen Friedrich alle darauf bezüglichen Papiere, unter denen

auch Königliche Kabinetsschreiben, die sehr zu seinem Vortheil sprachen,

mitzutheilen; allein trotzdem versagte der Vater noch immer seine

Einwilligung. Lützow schrieb darüber aus Schöneiche, den 27. Juli 1809:

»Aus Deinem letzten gütigen Schreiben habe ich leider ersehen, daß Dein

Vater fortfährt, sich unserer Verbindung zu widersetzen. Wie hart von ihm,

zwei Wesen zu trennen, welche wahrhaftig für einander geschaffen sind, wie

hart von ihm, uns in diesem Augenblick trübe Tage der Einsamkeit verleben

zu lassen, da wir so glücklich mit einander sein könnten! -- Deinem Vater

habe ich keine Gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben. Das Aeußere habe

ich menagirt, und sonst haben Leute von Gefühl dieselben Gesinnungen,

wenngleich das Alter klüglich schweigt, wo die Jugend aufbraust. Genug von

Verhältnissen, die waren und nicht wiederkehren können. Glücklich der,

dem das Glück beschieden, sie in _so_ zärtlichen Armen wie die Deinigen zu

vergessen. -- Wir wollen eine Welt für uns im Kleinen bilden und die

große vergessen, welche nicht einmal die Gefühle eines Mannes zu würdigen

versteht, viel weniger nachzuahmen weiß. Du aber wirst mich verstehen, wir

werden uns gegenseitig schätzen und glücklich sein! Wie kamst Du in Deinem

Lande zu solcher Freiheit von Vorurtheilen?« --

Lützow reiste nun nach Königsberg, um vom König die Erlaubniß nachzusuchen,

in fremde Dienste treten zu dürfen. In einem Briefe von dort vom

6. September 1809 drücken sich seine kräftige Gesinnung und seine Ansichten

über die Umgebung des Königs so entschieden aus, daß wir nicht unterlassen

können, ihn mitzutheilen; er lautet: »Meine beste Elise! Dein Brief war mir

ein wahrer Trost in der Wüste. Königsberg bleibt für mich eine Wüste, denn

was ist die schönste Gegend ohne Bewohner, und was helfen uns Menschen,

wenn nicht gleiche Charaktere uns verbinden. Liegt es an mir, kurz, ich

gefalle mir nicht hier. Ich finde hier dieselben Leute, mit welchen ich in

Potsdam lebte, als ich bei der Garde stand. -- Die Umgebungen des Königs

sind mit weniger Ausnahme dieselben, und das herbe Schicksal hat sich

umsonst erschöpft, ihnen die Augen zu öffnen. -- Das Corps Offiziere der

Garde, welches die ganze Campagne durch beinah nie vor dem Feinde gewesen,

ist schwach genug zu glauben, es sei ein größeres Verdienst bei dem

Könige zu leben, als für ihn zu sterben. -- Die Menschen hier sind in zwei

Partheien getheilt und hassen sich auf eine fanatische Art; und dennoch

sind beide Theile sich völlig gleich, denn jeder liebt nur sich selbst. --

Die eine Parthei sucht zwar durch einen sogenannten Patriotismus sich einen

Werth zu geben, die andere setzt in eine kalte Klugheit ihren Werth, beide

sind aber darin gleich, daß sie mit einem Heißhunger jeden einträglichen

Posten zu verschlingen suchen. -- Keiner weiß, was ich eigentlich hier

will, denn etwas für sich zu suchen und zu bitten, natürlich, darum kann

man nur in Königsberg sein. -- Daß ich mir die Sache eigentlich besehen

will, wie man in die Komödie geht, ohne selbst Lust zu haben, etwas vom

Gehalte des Schauspielers zu erwischen, das glauben sie nicht. -- Oefters

stoßen sie sich auch an und glauben, ich sei verrückt, wenn ich deutlich

zu erkennen gebe, daß fürchterliche Ordenssterne himmelweit von großen

Verdiensten verschieden sind. -- Die Frau, deren Mann der Zufall früh

einen tiefen Blick in den Glanz der großen Welt thun ließ, braucht nicht

zu besorgen, daß er das stille häusliche Glück diesem Prunke zurücksetzen

werde. Am wenigsten dann, wenn sie eine Elise ist, und so zärtlich von

ihrem Gemahl geliebt wird, als Du von Deinem Adolph.« -- Die Betheurungen,

die Verheißungen der Beständigkeit, die er hier und an so vielen anderen

Stellen so verschwenderisch aussprach, sie mögen ihm später, wenn er ihrer

gedachte, manchmal schwer auf die Seele gefallen sein! --

_Elisa_ fühlte, daß endlich eine Entscheidung erfolgen müsse, und reiste

nun zu ihrem Vater nach Langeland, und dort scheinen ihre Vorstellungen

ihn endlich bestimmt zu haben, in ihre Wünsche zu willigen. Nach langen

Verhandlungen, die den Liebenden endlos vorkamen, waren endlich alle

Verhältnisse geordnet, und Lützow eilte zu seiner Braut, die so treu und

unerschütterlich an ihm festgehalten hatte, und die den 20. März 1810 die

Seine wurde. --

Bald nach der Hochzeit reiste Lützow mit seiner jungen Frau nach Berlin,

um sie seiner Familie vorzustellen. Sie gewann bald deren Zuneigung,

und besonders schloß sich Lützow's jüngster Bruder _Wilhelm_ ihr mit

brüderlichem Zutrauen und unbegränzter Verehrung an. Das Leben in Berlin

machte auf _Elisa_ den günstigsten Eindruck; sie besuchte den Hof, der aber

bald nach ihrer Ankunft durch den Tod der Königin Luise in Trauer versetzt

wurde; in den sonstigen geselligen Kreisen knüpfte sie manche interessante

Bekanntschaft an, und befreundete sich auf das herzlichste mit dem

Philosophen _Solger_ und seiner Frau. Sie besuchte auch das Theater, und

erfreute sich der vortrefflichen Darstellungen classischer Stücke, die

durch das ausgezeichnete Spiel _Iffland_'s und der _Bethmann_ besonders

anziehend waren. Nur die Ungewißheit ihrer Lage hatte etwas Störendes;

Lützow war noch immer ohne Thätigkeit, nach der er doch so sehr verlangte;

da sich eine dänische Anstellung nicht sogleich erwirken ließ, so war

die Rede davon, ob er ein Gut in Langeland übernehmen solle; doch er und

_Elisa_ wünschten lebhaft, in Preußen bleiben zu können.

Unterdessen hatten die schlimmen Zeiten, und zugleich der Aufwand, den

er machte, _Elisens_ Vater in mancherlei Verwicklungen gebracht, und der

Ertrag seiner Güter verminderte sich immer mehr. Die großen Einkünfte, die

_Elisen_ bestimmt waren, mußten unter solchen Umständen ausbleiben.

Nach zwei Jahren peinlicher Spannung rief ein trauriges Ereigniß _Elisen_

plötzlich in die Heimath zurück: ihre Mutter war durch den Kummer über den

Gemahl, die Trennung von ihrer einzigen, ihr so theuren Tochter und die

unglücklichen allgemeinen Zustände sehr niedergedrückt, ihre Gesundheit

litt, und sie starb den 30. März 1812 zu Kopenhagen.

Das war ein Schmerz für _Elisen_, den sie ihr ganzes Leben lang fühlte; sie

konnte sich nicht trösten, und nach langen Jahren noch gestand sie, daß

die Zeit ihre Betrübniß nicht zu lindern vermöge. Vor Kummer verlor sie

plötzlich ihre schöne Stimme, und nie konnte sie wieder singen.

Mit den traurigsten Gefühlen kehrte _Elisa_ in der Begleitung Lützow's, der

ihr nach Kopenhagen gefolgt war, um sie abzuholen, nach Berlin zurück. Hier

sollten bald neue unerwartete Umstände ihr Leben zu einem unruhigen und

wechselvollen machen.

Das Jahr 1813 begann, und mit ihm jene denkwürdige Zeit unserer Geschichte,

die ewig unvergessen dastehen wird. Des Königs Friedrich Wilhelm des

Dritten Ruf zu den Waffen: »Die Jugend meines Volkes rüste sich zum Schutze

des Vaterlandes!« schlug wie ein Blitzstrahl in die aufgeregten Gemüther,

und in den hochfliegenden Geistern ging die Hoffnung auf, das geliebte

Vaterland von fremder Unterdrückung zu befreien, und ihm zugleich eine

Freiheit im Inneren zu gewinnen, wie es sie nie zuvor besessen.

Lützow brannte vor Ungeduld wieder in Dienst zu treten; die Begeisterung

seiner Gattin entflammte und steigerte noch die seinige. Es ist bekannt,

wie er als Major jene Freischaar bildete, welche eine so wunderbare

und eigenthümlich gemischte Genossenschaft ausmachte, und von

Geschichtschreibern und Dichtern so vielfach gefeiert wurde.

Lützow eilte nach Breslau, um dort seine Truppen anzuwerben. In dieser

Stadt war ein so großer Zusammenfluß von Menschen, daß Lützow in den ersten

Tagen, ehe sich später im Hotel zum »Scepter« Platz fand, für sich und

_Elisen_ kein anderes Unterkommen erlangen konnte, als in einer ganz

geringen Schenke.

Während ihn seine Geschäfte außerhalb des Hauses in Anspruch nahmen,

übertrug er _Elisen_, die sich zum Kriegsdienst meldenden Freiwilligen

anstatt seiner zu empfangen, und sofort anzuwerben. Dort nahm sie, da kein

anderer Raum vorhanden war, in einer elenden Bierstube mit hölzernen Bänken

jene stürmische Jugend auf, die sich zum Befreiungskampf herandrängte.

In dieser ärmlichen Umgebung erschien den jungen Leuten die schöne, edle,

von den lebhaftesten Vaterlandsgefühlen beseelte Frau wie ein höheres

Wesen, von dem sie wie bezaubert wurden, ja, wie der Genius der Freiheit

selbst, der ihnen ihre Bahn anwies und ihnen Todesmuth und Opferfreudigkeit

verlieh. In der That war _Elisens_ ganzes Wesen in jener großen Zeit wie

von einem ungewöhnlichen Glanze verklärt; sie liebte ihren Gatten treu

und warm, aber jene höchste Höhe feurigster Leidenschaft und extatischster

Begeisterung, wie sie sie damals an den Tag legte, konnte ihre große

Seele nie für einen einzelnen Menschen, sondern nur für ein mächtiges

Weltgeschick, für Vaterland, Freiheit und Poesie empfinden. Hier floß

alles zu Einem Brennpunkt zusammen, die Geschichte selbst schien einer

wunderbaren Dichtung gleich, die Dichter griffen mit zum Schwerte, und

der Donner der Schlachten vereinigte sich mit ihren enthusiastischen

Vaterlandsgesängen.

In der kleinen, ärmlichen Schenke zu Breslau wurden viele Tapfere von

_Elisen_ angeworben; zu diesen gehörte auch _Theodor Körner_, der von Wien

herbeigeeilt, und so viele Andere, die sich ihr mit Verehrung anschlossen

und ihr für immer ergeben blieben.

Bald nach Theodor Körner's Eintritt in die Schaar sollte dieselbe im Mai in

dem Dorfe Rogau bei Zobten feierlich den Eid der Treue ablegen, und in

der Kirche eingesegnet werden. Der junge feurige Dichter, der zu dieser

Festlichkeit ein Lied gedichtet hatte, das als Choral vorgetragen werden

sollte, war in der äußersten Verlegenheit, weil der Schneider ihm trotz

aller Vorstellungen betheuerte, er sei so mit Arbeit überhäuft, daß es

ihm unmöglich falle, ihm bis dahin seine Uniform anzufertigen. In der

Verzweiflung eilte Körner zu _Elisen_, und klagte ihr sein Mißgeschick.

Diese zeigte auch bei diesem Anlaß, wie bei vielen größeren, ihre gütige

und hülfreiche Fürsorge. »Niemand als Sie, gnädige Frau,« rief Körner,

»kann mir helfen, Sie aber vermögen alles!« Auf sein dringendes Ersuchen

versprach ihm _Elisa_, selbst zu dem Schneider, der zufällig in dem Hofe

ihres Hauses wohnte, zu gehen, und ihn selbst um die Anfertigung der

Uniform zu bitten. Sie that dies denn auch wirklich, ging in die Werkstatt

des Schneiders, und stellte ihm die Begeisterung und Ungeduld des jungen

Mannes vor, so wie seine Betrübniß, wenn er bei dem Feste fehlen müßte. Der

Schneider war so entzückt und hingerissen von der holden, liebenswürdigen

Frau, daß er ihr verhieß, er wolle die Nächte zu Hülfe nehmen, und die

Uniform zur bestimmten Zeit liefern. Nicht nur hielt er Wort, zur größten

Freude Körner's, der _Elisen_ für die glückliche Entscheidung, die sie

herbeigeführt, lebhaft dankte, sondern so sehr hatte die letztere den

einfachen Handwerker begeistert, daß er sich selbst sogar eiligst noch eine

Uniform nähte, und gleichfalls in die Freischaar mit eintrat. --

Nie ist Schiller's Ausspruch: »Schöne Seelen wirken durch ihr Sein« mehr

bestätigt worden als durch _Elisen_; der Einfluß, den sie auf die ganze

Freischaar ausübte, war ein ungeheuer; man versteht erst recht den

Geist; welcher diese jungen feurigen Helden beseelte, die aus den

ausgezeichnetsten Männern, aus Künstlern, Aerzten, Geistlichen, Dichtern,

Lehrern und Naturforschern, aus Vornehmen und Geringen seltsam gemischt

waren, diese Verbrüderten, die zum großen Theil jenem deutschen Bund

angehörten, der mit kühnen Planen umging, diese Schwarzen, welche nur diese

und keine andere Farbe trugen, weil sie damit ausdrücken wollten, daß das

deutsche Leben noch verfinstert sei, diese ganze Schaar, welche eben

so richtig von Theodor Körner die »wilde, verwegene Jagd,« als von Karl

Immermann die »Poesie des Heeres« genannt werden konnte, diese ganze

Gestaltung versteht man erst recht, wenn man weiß, daß eine reizend schöne,

von den kühnsten Idealen beseelte Frau ihren Mittelpunkt bildete, und die

Herzen entflammte. Darum waren die Schwarzen ebenso gesittet als muthvoll

und tapfer, ebenso poetisch gefühlvoll als hartnäckig im Kampfe. Indem sie

sich »die Lützower« nannten, trugen sie ja auch _Elisens_ Namen, und ihr

wollten sie Ehre bringen, wie dem Vaterlande; ein Blick _Elisens_ stimmte

sie zu ihren Liedern, und trieb sie todesfreudig in den Kugelregen; wie in

den alten Ritterzeiten stritten sie zugleich für die gute Sache und für den

Ruhm ihrer Dame.

_Elisa_ war so durchaus edel, daß sie gewissermaßen alles um sich her

zwang, nur edle Empfindungen für sie zu hegen, aber diese steigerten sich

denn auch bei der Mehrzahl zur innigsten Verehrung und Freundschaft, ja zur

Anbetung. Sie war keine wilde Amazone, sie blieb immer zart und mild und

weiblich, aber durchglüht von dem reinsten Feuer der Begeisterung. Dürfen

wir Lützow, den braven, tapferen Führer, dem seine ganze Schaar, wenn er

auch nicht immer so rasch in seinen Unternehmungen war, als diese brausende

Jugend es wünschen mochte, mit Liebe und Hochachtung anhing, das

kräftige Schwert der Schaar nennen, das wacker dreinschlug, und dem alles

nacheiferte, so war _Elisa_ dagegen der Geist, der sie beherrschte, und

über sich selbst hinaushob.

_Elisa_ hielt sich immer in möglichster Nähe des Kriegsschauplatzes auf;

bei den häufigen schweren Verwundungen, welche Lützow erlitt, kam sie

gleich herbei, und pflegte ihn mit aufopferndster Treue und Liebe; auch

viele der anderen Verwundeten pflegte sie mit ihren eigenen Händen, und

erschien bei den leidenden Kriegern wie ein hülfreicher Genius, voll

zarter Sorgfalt, tröstend und wohlthuend. Wie sie die Lebenden ermuthigte,

betrauerte sie die Gefallenen auf das tiefste.

So sehr strebte jeder danach von _Elisen_ geachtet zu werden, daß, als

ein Offizier eine Verpflichtung, die er gegen einen andern hatte, nicht

erfüllen wollte, dieser letztere sich an _Elisen_ wandte, mit der Bitte,

sie möchte jenen doch daran mahnen, dann würde er es thun, da er doch noch

nicht so sehr ohne Ehrgefühl sei, um ertragen zu können, vor ihren Augen so

schlecht zu erscheinen.

Viele Siegesbeuten, die gemacht wurden, schenkten die Lützower _Elisen_,

da sie dieselben in ihren Händen am liebsten sahen. Lützow selbst gab ihr

mehrere solche; noch im letzten dieser Feldzüge, im Jahre 1815, als nach

der Schlacht von Belle-Alliance der Lieutenant _Leo Palm_ der Erste war,

der in den eroberten Wagen Napoleons hineinstieg, verschmähte dieser von

den vielen Schätzen, die sich darin befanden, etwas für sich zu nehmen,

aber zwei Gläser und ein paar Handschuhe des Kaisers überbrachte er

_Elisen_ als Andenken. Sogar ein auf dem Schlachtfeld gefundener großer

Hund von seltener Schönheit wurde ihr geschenkt, und ist viele Jahre lang

ihr treuer Begleiter geblieben.

Werfen wir nun einen Blick auf die Männer, aus denen die Freischaar

gebildet war; wir finden da viele Gestalten von besonderer

Eigenthümlichkeit, viele, welche sich Namen und Ruf erwarben. Da war der

wunderliche Alte im Bart, der Turner _Friedrich Ludwig Jahn_, der »erste

deutsche Freiwillige,« wie er genannt wurde, mit seiner Devise: »frisch,

frei, fromm, fröhlich«! Theodor Körner, der edle Dichter, welcher kämpfend

dichtete, und dichtend fiel in der Blüthe der Jugend; der mehr als

siebzigjährige Rittmeister von _Fischer_, die komische Figur unter ihnen,

der die Listen des Odysseus geerbt zu haben schien, und der mit einem alten

Richtschwert bewaffnet einher ging, weil ihm kein anderes groß genug war;

dann _Peter Beuth_, welcher sich seltsam gerüstet hatte, Lützow's

Brüder _Leo_ und _Wilhelm_, sein Schwager Graf zu _Dohna_, die braven

_Petersdorff's_, _Palm_, _Thümmel_, _Helmenstreit_, _Ennemoser_,

_Kruckenberg_, _Reil_, _Eckstein_, _Dorow_, _Berenhorst_, _Karl Müller_,

_Meckel_, _Friedrich Förster_, _August von Vietinghoff_, der Freund von

Friedrich Friesen, und endlich _Friedrich Friesen_ selbst, der edle,

schöne, blonde Jüngling, mit den feinen, fast mädchenhaften Zügen, welcher

von allen, die ihn kannten, heiß geliebt wurde, »an Leib und Seele

ohne Fehl, voll Unschuld und Weisheit, beredt wie ein Seher, eine

Siegfriedsgestalt von großen Gaben und Gnaden«, wie ihn Jahn beschreibt,

»ein lichter Schönheitsstrahl«, wie Arndt von ihm gesungen. Sein früher

Tod in den Ardennen, und die Ausdauer, mit welcher sein Freund Vietinghoff

seine Ueberreste aufsuchte, getreu seinem Wort, ihn in deutscher Erde

bestatten zu lassen, ist vielfach bekannt geworden.

An Friesen, Palm, Friedrich von Petersdorff und Thümmel, einem Verwandten

des bekannten Schriftstellers, gewann sich _Elisa_ Freunde für das

ganze Leben. Sie und Friesen fühlten sich auf das innigste zu einander

hingezogen, es bestand eine schwärmerische Freundschaft zwischen ihnen, sie

waren sich ihrem ganzen Wesen nach verwandt, in Friesen fand _Elisa_ eine

Seele, die dem hohen Flug der ihrigen folgen konnte.

Da wir keine Kriegsgeschichte schreiben, so kann es nicht unsere Aufgabe

sein, die übrigens vielfach bekannten Schicksale der tapfern Lützow'schen

Freischaar hier einzeln vorzuführen. Als den 16. September 1813 das Gefecht

bei der Görde stattfand, wo Lützow lebensgefährlich verwundet wurde, eilte

_Elisa_ gleich zu ihm, um sich ganz seiner Pflege zu widmen.

Wir lassen nun einen Brief von Friedrich Friesen an _Elisen_ folgen vom

30. October 1813, in welchem er ihr die tödtliche Erkrankung seiner Mutter

meldete. Er lautet: »Das inliegende Blatt sagt Ihnen, theure Frau, mein

Unglück. Ich versuche vergeblich mich frei zu halten. Sie verstehen meine

Scheinruhe, weil Sie männlichen Gleichmuth besitzen, und feinfühlend sich

in das Wesen Andrer versetzen.

»Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,

Sind sie wohl näher als die Nächsten uns verwandt.«

Mich erfreut und stärkt Ihre Theilnahme, der ich gewiß bin. -- Ich verliere

eine wackere Mutter, der ich unendlich viel verdanke. -- Sie haben mich

schreibend gefunden. Erhalten Sie mir Ihre Güte, und lassen Sie dieses

Blatt und mein offenes Geständniß, dessen ich mich gegen Sie nicht schäme,

ein harmloses Geheimniß sein. -- Ich bin nicht gewöhnt mit meiner Lage, mit

meinen Wünschen und meinem Unglück zu stören, aber von Ihnen erwarte ich

weder Vorwurf noch von mir Reue -- die bei Fehlgriffen schmerzlich kränkt.

Friesen.«

Friesen eilte nun athemlos nach Berlin, wo er seine Mutter noch lebend

antraf, und ihr in ihren letzten Augenblicken beistehen konnte. Nach ihrem

Tode schrieb er _Elisen_ aus Berlin, den 6. November 1813: »Meine Freunde

suchen meinen Schmerz durch ihre wahrhafte Theilnahme zu mindern. Ich

erkenne das mit Dank. Ihnen aber, theure Frau, fühle ich mich besonders

verpflichtet für Ihren Zuspruch und Trost. -- Unglückliche sind

mißtrauisch, gegen Sie bin ich es nicht. Tiefes Gefühl, eigener

Verlust, und die unverkennbare Wahrheit Ihres Wesens verbürgt mir Ihre

Mitempfindung, und Ihnen die Gewißheit meiner Anerkennung. -- Wie geht

es Ihrem Gemahl? -- Ich bitte Sie recht dringend, versuchen Sie alles ihn

seinen Freunden in wahrer Gesundheit zu erhalten, wenn noch eine Prüfung

von Muth und Ausdauer beschlossen sein sollte. Ich weiß, was ich von Ihnen

fordere und was Sie der Zeit opfern -- aber ich kenne Sie, um gewiß zu

sein über vieles, was Sie mit Selbstverläugnung und edlem Stolz gegen das

Schicksal über sich vermögen. In der jetzigen Zeit wird der Begriff wahrer

Weiblichkeit dem ungetrübten Blick erst klar und verständlich. Ich denke

an Sie mit unbedingtem Vertrauen. -- Ich versuche mich aufzurichten,

und freien Blickes in die Zukunft zu sehen, und des eigenen Unglücks zu

vergessen, oder es doch mit ruhiger Besonnenheit zu tragen. -- Mir ist

nicht wohl. -- Denken Sie meiner. Ich verehre in Ihnen das erfreuliche Bild

einer Frau, die nicht in der Zeitbildung befangen, ein schönes Leben in

ruhiger Würde lebt. Friesen.«

Diese wenigen Zeilen, die wir um so lieber mittheilen, da wir wissen,

wie besonders theuer Friesen allen seinen Waffengenossen war, sie

charakterisiren genau das edle Verhältniß, welches zwischen ihm und

_Elisen_ bestand, und zeigen ein feines, tief empfindendes, liebenswürdiges

Gemüth.

Wie die Freischaar in's Holsteinische eingerückt war, schrieb Friedrich

von Petersdorff an _Elisen_ vom Vorposten zu Syke bei Oldeslohe, den

8. Dezember 1813: »Wir hoffen noch immer, daß mit Dänemark thätig am

Frieden gearbeitet wird, und daß dieser Krieg, der nicht unmittelbar gegen

den Erbfeind geht, bald geendigt sein werde. -- Vergessen Sie uns nicht,

liebe, gute Elisa, und rechnen Sie es nicht uns an, wenn Ihre Landsleute

etwas hart mitgenommen werden, wir steuern, was wir können, dankt Adolph

doch dem Lande das Glück seines Lebens, und ich das Glück der göttlichen

Freundschaft. Ihr Friedrich.«

In der Nacht des 15. März 1814 war es _Elisen_ als träte Friesen vor ihr

Bett, und zeige ihr eine tiefe Wunde, die er erhalten habe; bewegt und

erschrocken rief sie ihr Mädchen herbei, ob sie die blutige Gestalt dort

nicht stehen sehe; diese sah jedoch nichts. Fünf Tage später, an ihrem

Hochzeitstage, erfuhr _Elisa_, daß Friesen damals grade, als sie geglaubt

hatte, ihn zu sehen, geblieben war. --

Sie war tief ergriffen. In einem kleinen Notizbuche, welches sie bei sich

führte, finden wir dieses Ereigniß mit den kurzen, aber schmerzlichen

Worten bezeichnet: »Der erste und beste Mann, Deutschlands Stolz und das

höchste Glück seiner Freunde, verlor auf die schrecklichste Weise sein

Leben.«

Auch Lützow, dessen Adjutant er gewesen war, betrauerte ihn schmerzlich,

und äußerte, von allen Menschen, die er kennen gelernt, sei Friesen

derjenige, welcher am wenigsten zu missen sei, und an dem das Vaterland am

meisten verliere.

Wir können nicht umhin, hier eine Schilderung anzuführen, welche Karl

Immermann im zweiten Bande der »Epigonen« von _Elisen_ entworfen hat.

Immermann ließ seine Heldin nicht die Freundin, sondern die Geliebte

Friesens gewesen sein, und sie, anstatt Vietinghoff's, jenen Sarg mit

seinen Ueberresten bei sich aufbewahren. Diese und noch einige andere

kleine Abweichungen, welche der Roman erforderte, wird der Leser leicht

herauserkennen, außer diesen aber _Elisens_ Bild wie in einem Spiegel

wiederfinden.

Es ist von der Zeit des Befreiungskrieges die Rede.

»Sie war die hohe Brautwoche, der süße Honigmonat meines Lebens! rief

Johanna und ihre Augen glänzten. Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines

Vaters Schlosse erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mögen,

mir ein guter Vater war, und mich aufstreben ließ, frei und ungezwängt,

gleich den Tannen in unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im

leichten Jagdwagen, wenn der Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als

müßten Flügel mir an beide Schultern wachsen, so leicht und rein rollte in

mir das muthige Leben! Daheim horchte ich den Erzählungen der Reisenden und

klugen Männer, welche meinen Vater besuchten, und von fremden Ländern

und Menschen sprachen, oder ich las Geschichte mit meiner alten, würdigen

Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche über mein Geschick geboten,

nichts Gemeines und Eitles durfte mich berühren, und ich erinnere mich

noch, daß in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit umgaben

mich wie ein schönes, sinnvolles Mährchen, in dessen Mitte ich, allen

Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.«

»Nun erschien jener große Winter mit seinen Eis- und Leichenfeldern, mit

seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschluß war sogleich

gefaßt, als die ersten Zuckungen des wiedererwachenden Lebens sich

verspüren ließen. Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde

Sprache redend, war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein

Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er

thätiger eingreifen könnte, auf eine Zeitlang nach der großen Stadt, welche

der Heerd des heiligen Feuers war. Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren

ja selbst dabei, haben selbst die Waffen getragen. Welche Tage! Welche

Gefühle! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Mährchen

mehr für mich, alles Größte strahlte wiedergeboren im grünen, frischen

Lichte mich an. Mein Mädchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen,

wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den frühen Morgen die Binden zuschnitt,

welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, daß mein Vater reich

war, daß ich nicht auch mich genöthigt sah, mein Haupthaar auf dem Altare

der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen,

und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klügelei starr wird, so soll

der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern!«

»Sie war aufgestanden und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Ihre

Züge hatten sich verklärt, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach

einer Pause, während welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie

durchsichtig zu werden schien, stand sie still und rief: Ja, wenn es eine

Liebe je auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glücks!

Die zärtlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und größten! Im

Waffenschmuck trat er mir entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den

er nach wenigen Wochen zog. Mild war er und edeln Zornes zugleich voll, nie

hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft.

Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns

Andern. Die Augen pflegte er zu senken, als erliege seine Seele unter ihrer

eignen Größe. Stumm war unsre Liebe und ohne Erklärung. Nur, als ich ihm

beim Abschiede die Feldbinde reichte, verstanden sich unsre Blicke. Er zog

dahin und ich sah ihn nicht wieder.«

»Er trug, wie alle jugendliche Frühlingsherzen, die Todesahnung im Busen.

Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem

Gedanken, fern unter den Fußtritten des feindlichen Volkes vermodern zu

müssen. Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben,

wie wir es wünschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben

würdig gewesen wären, versagen. Nicht in einer der großen herrlichen

Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schaar

nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden

erschlagen. Ich erfuhr seinen Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir

gelangte. In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum

emporschreckend, sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am Fuße meines

Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder verschwinden. Augenblicklich

wußte ich um meinen ungeheuren Verlust, aber zugleich durchdrang mein

Herz ein unvergänglicher Trost, der es so ganz erfüllte, daß ich mich kaum

erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu haben. Nur jetzt, nach

manchem Jahre fließen meine Thränen zuweilen. Als die Ruhe hergestellt war,

beschäftigte uns Alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch. Ein treuer

Gefährte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute nicht

Mühe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich empörten Volke, fand die

Grube, in welcher man den Körper verscharrt hatte, kaufte die theuren Reste

los, und brachte sie in die Heimath.«

»Sie näherte sich einer schmalen, länglichen Kiste, welche in der Ecke des

Gemachs stand, öffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes

über sie. Hermann trat hinzu und fuhr zurück; ein menschliches Gerippe

starrte ihm aus der Kiste entgegen. Warum erschrickst Du? Was macht Dich zu

fürchten? rief sie. Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun

wiederhabe, und nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die

guten, schönen Augen, die denkende Stirn! Nun ruht er, umweht vom Hauche

der Liebe, nun ist ihm wohl!«

»Theure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehört? fragte

Hermann, als er sich einigermaßen von seinem Erstaunen erholt hatte.«

»Sie versetzte nichts. Mit den zärtlichsten Namen rief sie den geschiedenen

Freund, schmeichelnd strich sie über den kahlen Schädel, ihre Lippen

küßten die leeren Augenhöhlen. Dazwischen führte sie Reden, deren Sinn

und Bedeutung Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampyr, der,

auferstandne Leiche, umhergehe, und den Lebenden das Blut aussauge, und

beschwor die Gebeine des Todten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem

Schreckniß zu schützen.« --

Im Sommer 1814 hielt sich _Elisa_ eine Weile mit Beuth's Mutter in Kleve

auf, dann bezog sie ein Landhaus vor der Stadt, wo Lützow mit seinen

Kameraden sie Abends zu besuchen pflegte; unter den schattigen, grünen

Bäumen, in einer freundlichen Natur kam dort bei _Elisen_ ein Kreis

zusammen, bestehend aus Palm, Karl und Friedrich von Petersdorff, Wilhelm

von Lützow und Andern, die alle noch spät mit Entzücken von der reizenden

Geselligkeit erzählten, die _Elisa_ um sich her zu schaffen, und mit

dem Zauber ihres anmuthigen Geistes zu beleben wußte. Aehnliche Abende

wiederholten sich etwas später in Aachen, wo sie auf der alten Ketschenburg

in einem Zimmerchen, welches so niedrig war, daß die Freunde es scherzend

»die Schiffskajüte« nannten, sich ein blumengeschmücktes und überaus

wohnliches Asyl geschaffen hatte; hier war auch der Dichter _Max von

Schenkendorff_ ein häufig und gern gesehener Gast.

Im Sommer 1815 hatte Lützow das Unglück in der Schlacht von Ligny in

französische Gefangenschaft zu gerathen, aus der ihn jedoch der bald darauf

erfolgende Frieden wieder befreite. _Elisa_ war sehr in Angst um ihn; sie

theilte so gern alle seine Mühen und Gefahren, sie war nur immer darauf

bedacht, ihn zu pflegen, und für sein Behagen zu sorgen, um so mehr, da die

vielen Verwundungen ihn viel leiden ließen. Heinrich Pröhle sagt, in seiner

Biographie Jahn's, von Lützow, daß er fast in jedem Gefecht verwundet

wurde; »wenn er ging,« heißt es dort, »so war er durch seine vielen Wunden

halb Invalide; stieg er zu Pferde, so bedurfte er ihrethalben einiger

Hülfe -- aber saß er einmal im Sattel, so war er das Muster eines

Husarenoffiziers, ein Ritter ohne Furcht und Tadel.«

Die liebevolle Sorgfalt, welche _Elisa_ ihrem Gatten erwies, konnte dieser

ihr wohl nicht in gleichem Grade erwiedern, denn unpraktisch, und in allem,

was nicht zu seinem Kriegesberufe gehörte, unkundig oder zerstreut, war er

selbst bei dem besten Willen wenig geeignet, eine zarte Frau in seine

Obhut zu nehmen; sie, die auf dem Trannkijörschlosse in den glänzendsten

Lebensverhältnissen erwachsen war, ertrug aber mit der äußersten Entsagung

und ohne Klage Entbehrungen aller Art, und es war wie wenn ihr starker

Geist ihrer zarten Gestalt dazu die Kraft verliehe.

Endlich beschloß die blutige Völkerschlacht von Belle-Alliance diese

großartige Kriegszeit. In jener Schlacht gehörte ein junger Mann von

neunzehn Jahren, von gleicher Begeisterung für die deutsche Sache erfüllt,

wie _Elisa_, zu den Mitkämpfern, welcher dazu bestimmt war später in ihrem

Leben eine bedeutende Rolle zu spielen: es war _Karl Immermann_. Damals

wußten sie noch nichts von einander; erst nach Jahren sollte das Geschick

sie zusammenführen. --

Nachdem der Krieg beendet, ging _Elisa_ im Anfang des Jahres 1816 nach

Berlin, wo _Ernst Moritz Arndt_ sie besuchte, den sie schon das Jahr zuvor

in Düsseldorf kennen gelernt hatte; sie war so erfreut über die Erscheinung

des gefeierten Mannes, den sie schon lange als patriotischen Dichter und

Schriftsteller geliebt und verehrt hatte, daß sie sagte, kein Besuch eines

Königs würde sie so glücklich gemacht haben.

_Elisa_ verweilte nicht lange in Berlin, da sie bald Lützow nach Königsberg

nachfolgte, welche Stadt seinem Regiment als Garnison angewiesen war. Dort

lernte sie den alten Kriegsrath _Scheffner_ kennen, den Freund von Kant und

Hippel, der sie sehr hochschätzte, und _Johanna Motherby_, welche später

die Gattin Dieffenbach's wurde, eine energische und ausgezeichnete Frau,

von der noch öfter hier die Rede sein wird, und die sogleich zu _Elisen_

eine leidenschaftliche Zuneigung faßte.

Sie begegnete _Elisen_ zuerst in einer Gesellschaft, und bei ihrem

lebhaften Gefühl für Schönheit fiel ihr die ungewöhnlich anmuthige und

liebreizende Erscheinung sogleich auf. Sie hatte die Eintretende kaum

einige Minuten betrachtet, als sie mit den Worten: »Wir werden und wir

müssen Freundinnen sein!« auf sie zueilte. Sie wurden es in der That.

Es konnte nicht leicht einen größeren Contrast geben, als diese beiden

Frauen; während in _Elisen_ alles Schönheit, Harmonie und Zartheit war,

erschien Johanna beim ersten Anblick scharf und eckig; sie war klein, von

starker Figur, von scharfgeschnittenen, bedeutenden, aber eher häßlichen

als schönen Gesichtszügen; doch war ihr Geist und Schönheitssinn so

mächtig, daß im Gespräch und der Begeisterung, welche in demselben über sie

kam, Grazien und Amoretten ihr ganzes Wesen zu umgaukeln schienen, so

daß sie nicht nur anmuthig, sondern gradezu schön aussehen konnte. Die

Häßlichkeit lag nur wie ein Flor auf ihr, unter dem die innere

Schönheit siegreich durchschimmerte. Auch besaß sie wahrhaft

großartige Charaktereigenschaften, Thatkraft und Entschlossenheit,

Aufopferungsfähigkeit und Herzensgüte in seltenem Grade; ihr ganzes Wesen

war Leidenschaft und erregte auch die heftigsten Leidenschaften; ihr

stürmisches Feuer konnte fortreißen, während _Elisens_ milde Ruhe

bezauberte.

Sie lebte damals mit ihrem Gatten, dem Arzte _Motherby_, einem geistvollen

und vorzüglichen Manne, noch im besten Einvernehmen, und auch er trat mit

_Elisen_ in freundschaftliche Beziehung.

Auch manche von Lützow's Kriegskameraden besuchten ihn und _Elisen_ in

Königsberg, Friedrich von Petersdorff kam aus dem nahen Memel, Helmenstreit

wurde dorthin versetzt; mit Palm trafen sie in Graudenz zusammen.

Noch ehe ein Jahr verflossen war, im Mai 1817, wurde Lützow nach Posen

versetzt, wo sie aber kaum angelangt waren, als seine Versetzung als

Brigade-Kommandeur nach Münster erfolgte.

Auf dem Wege dorthin berührten sie Nenndorf, wo sie unerwartet Karl von

Alten sahen, und es war nicht ohne Bewegung, daß er und _Elisa_ sich hier

begegneten. Außerdem mochte der Anblick von Nenndorf manche schwermüthige

Gefühle in _Elisen_ wecken; wie sie vor neun Jahren als fröhliches Mädchen

hier weilte, da hatte sie doch mit andern Erwartungen in die Zukunft

geblickt, als sie jetzt erfüllt sah! --

Im Juli langten sie an ihrem neuen Bestimmungsort an. _Elisa_ fühlte sich

dort anfänglich sehr fremd, und die kleine Stadt, die engen Verhältnisse

sagten ihr wenig zu. Lützow, dem nach dem bewegten Kriegsleben der leere

Friedensdienst gar nicht behagte, suchte sich durch seine Leidenschaft

für Pferde in seiner freien Zeit möglichst zu zerstreuen; er schaffte sich

deren viele an, die der Gegenstand seiner beständigen Beobachtung

waren; auch liebte er es sehr mit _Elisen_ auszureiten, welche eine so

ausgezeichnete Reiterin war, daß er oft behauptete, von ihr habe er erst

die wahren Feinheiten der Reitkunst gelernt. Konnte er sich nun noch dann

und wann mit einigen seiner Kameraden unterhalten, wo dann seine ihm so

lieben Pferde beinahe immer den Stoff zum Gespräche lieferten, so war für

ihn leidlich gesorgt. Aber _Elisens_ feiner und lebhafter Geist, der sich

immer nach Anregung sehnte, konnte hier keine Befriedigung finden. In den

begeisterten Kriegsjahren, wo ihr ganzes Wesen in der Liebe zum Vaterlande

aufging, war es ihr gewissermaßen nicht möglich gewesen, an sich selbst, an

ihr persönliches Geschick zu denken. Jetzt aber konnte sie sich nicht mehr

verhehlen, daß der Verkehr mit ihrem Gatten den höheren Ansprüchen, die sie

zu machen berechtigt war, nicht mehr genügte.

Der Abstand zwischen ihr und Lützow trat immer schärfer hervor; gutmüthig

und brav und nicht ohne natürlichen Verstand, war er doch weder an Bildung

noch an Geist und Feinheit _Elisen_ ebenbürtig. Im Laufe der Jahre hatte

sich ihr Wesen immer reicher entwickelt, und überflügelte immer mehr

ihre Umgebung. Ihre Heiterkeit verwandelte sich in wehmüthigen Ernst; sie

suchte, wie es ihre Art war, Trost in der Natur und bei ihren Dichtern,

aber ihr Herz sehnte sich vergeblich nach einem Glücke, das sie einst

geträumt, und das ihr nicht beschieden zu sein schien. Sehr wohlthuend war

ihr die Freundschaft ihres Schwagers Wilhelm von Lützow, der ihren ganzen

Werth zu würdigen wußte, und mit rückhaltsloser Offenheit sie an allem

Theil nehmen ließ, was ihn betraf.

Mochte nun aber auch Münster noch so geistig todt, so steif, so kleinlich

und bigott katholisch sein, alles Eigenschaften, die _Elisen_ in tiefster

Seele zuwider waren, so konnte sie bei ihrer besonderen Gabe, einen

angenehmen und geistig bewegten Kreis um sich zu gestalten, doch nicht

lange diesen Ort bewohnen, ohne alle jene Elemente aufgefunden, und um sich

gesammelt zu haben, welche sich dazu eigneten.

Hier machte sie die Bekanntschaft von _Henriette Paalzow_, geb. _Wach_, die

damals noch nicht als Schriftstellerin aufgetreten war, viel anspruchslose

Liebenswürdigkeit besaß, und bis an ihr Lebensende mit _Elisen_ befreundet

blieb; hier begegnete sie zuerst der edlen, feinen, liebevollen _Adele

von A._ und ihrem Gatten, die sie sehr lieb gewannen; Adele, eine durchaus

weibliche und sinnige Natur, wurde bald ihre Herzensfreundin; hier wurde

der Consistorialrath und Schulrath _Friedrich Kohlrausch_, dessen deutsche

Geschichte damals alle Gemüther erfreute, ihr Freund; auch mit _Wilhelmine

von G._ trat sie in lebhafte Beziehung. Eine alte Freifrau von _Aachen_,

die sich in Malerei, Dichtkunst und Musik versuchte, und mit dem damaligen

Kronprinzen Ludwig von Baiern, den sie in Italien kennen gelernt hatte, im

Briefwechsel stand, wurde zuweilen mit in den Kreis gezogen, so wie einige

Offiziere, die Bildung und höheren Sinn besaßen. Hier auch lernte _Elisa_

den würdigen Oberconsistorialrath _Anton Möller_ kennen, der ihr besonders

theuer wurde, und dessen segensreiche Wirksamkeit als anregender und

begeisternder Universitätslehrer, als Schriftsteller und Prediger

vorzüglich in Münster, wo er so lange gelebt, in Aller Andenken steht.

Eine so eigenthümliche Erscheinung wie Möller, dürfte selten zu finden

sein; damals war er schon in den Fünfzigen, aber vereinigte jugendliche

Frische mit einem enthusiastischen Gemüthe. Er war ein eifriger Anhänger

der Kantischen Philosophie, liebte feurig das classische Alterthum der

Griechen und Römer, die er häufig zu citiren pflegte, las Goethe mit

Entzücken, und mit einer Vorurtheilslosigkeit, welche einem geistlichen

Herrn doppelt hoch anzurechnen ist; an der Natur, der Musik, den schönen

Künsten hatte er die innigste, reinste Freude; er war ein durch und durch

edler Mensch, sein ganzes Wesen war von Poesie durchglüht; eine seltene

Gabe der Beredtsamkeit, die dem lebhaften Manne fortwährend von den

Lippen strömte, verlieh nicht nur seinen Vorträgen, sondern auch seiner

Unterhaltung eine fortreißende Gewalt. Ohne alle priesterliche Salbung war

er immer menschlich offen, freien Sinnes, natürlich, anspruchslos wie ein

Kind, und verbarg nie seine warme Freude an der Schönheit dieser Welt. Eine

Schilderung von ihm, die im »Westphälischen Merkur« erschien, beschreibt

ihn folgendermaßen: »Von Charakter war Möller ein echter deutscher Mann,

und wie gediegen auch sein Geist, so war doch auch sein Gemüth nicht minder

tief und zart. Seine äußere Erscheinung war stattlich, freundlich und

ehrwürdig. Seine hohe, gewölbte Stirn verrieth sofort den Denker, seine

Lippen umschwebten Anmuth und Heiterkeit; seine ganze Persönlichkeit

war liebenswürdig und herzgewinnend, und gewährte den Eindruck eines _im

Dienste der Ideen_ ergrauten Lebens. Zeigte er schon ein rein menschliches

Wohlwollen und eine aus dem Herzen kommende Freundlichkeit gegen Jedermann,

so war insbesondere seine Freundschaft ihm selbst ein Seelenbedürfniß

-- hingebend und treu, und für Geist und Gemüth gleich genußreich. Die

Gesellschaft, welche er angenehm zu unterhalten und zu beleben wußte,

liebte und suchte er, besonders solche erlesenere Kreise, wo der _Geist_

den Vorsitz führt, und war in ihnen gern gesehen, bis in seine letzten

Tage.« --

In Münster sind noch viele Charakterzüge und kleine Anekdoten von dem

seltsamen Manne aufbewahrt. Als er einmal bei einem Festmahl einen

begeisterten Toast ausbrachte, lehnte er sich in seiner Lebhaftigkeit etwas

zu weit zurück, so daß er das Gleichgewicht verlor, und mit sammt seinem

Stuhl hinten über auf die Erde fiel; dadurch ließ er sich aber in seiner

feurigen Beredtsamkeit nicht stören, und erst als er seinen langen Vortrag

ganz beendet hatte, richtete er sich vom Boden auf. -- Schon früh zum

Wittwer geworden, lebte er lange für sich allein, aber so sehr in seine

Studien und Gedanken vertieft, daß er seiner Umgebung wenig achtete. Als

später seine würdige Freundin, die alte, vortreffliche _Christiane Engels_

zu ihm zog, um seine Wirthschaft zu führen, fand sie nicht nur, daß er von

seinen Leuten um beträchtliche Summen bestohlen worden war, sondern auch,

daß in seiner großen, wüsten Wohnung sich Ratten vollauf, groß wie junge

Katzen, umhertrieben, die Abends oft drei, vier zugleich, in Gegenwart der

Mägde auf den Tisch sprangen, und den Talg von den Leuchtern fraßen. Hatte

Möller dies alles nicht bemerkt, so bemerkte er doch das neue Behagen im

Hause und den neu geordneten Garten, und dankte der Freundin ihre Fürsorge.

-- Wie Möller Besuchsreisen zu seinen verheiratheten Kindern machte,

geschah es zweimal, daß er nahe daran war, ihnen das Haus anzustecken, da

er in seiner Zerstreutheit vergessen hatte, Abends sein Licht auszulöschen;

es fehlte wenig, daß in solcher Weise das Feuer, welches er in seinem

Gemüthe trug, oben zum Dach herausgeschlagen wäre! --

Für _Elisen_ faßte Möller eine schwärmerische Zuneigung, wie die Briefe

beweisen mögen, welche wir von ihm im Anhang mittheilen, da sie, wie wir

glauben, von ihm so wie von _Elisen_ ein lebhaftes Bild geben, denn es ist

eigenthümlich, daß man diese weit mehr aus den von ihren Freunden an sie

gerichteten Briefen, in denen sich der Eindruck, den sie hervorbrachte,

abspiegelt, kennen lernt, als aus ihren eigenen Aufzeichnungen und Briefen,

die zwar sehr fein und anmuthig sind, aber doch nur einige Seiten ihres

Wesens wiedergeben. Sie brauchte darin nie eine leere Phrase, jedes Wort

war beseelt, innig, und ihr aus dem Herzen kommend, und entzückte wohl den

Empfänger, der sie kannte, und gewissermaßen den Duft ihrer Seele darin

empfing, aber die ganze Bedeutsamkeit und Tiefe ihres Innern war daraus

nicht wahrzunehmen. Auch in ihrer Art zu sprechen, konnte sie leicht von

Andern, selbst von solchen, die geistig weit unter ihr standen, überglänzt

werden, denn sie besaß keine Beredtsamkeit, wie zum Beispiel der edle

Möller, und wenn sie sich auch wohl graziös und artig auszudrücken wußte,

so war dies doch nicht das Hervorstechendste an ihr.

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 1 / 49 题