14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Lasker-Schüler, Brod, Meyrink)

Wer das jüdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat

keine Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.

Das klingt im Überlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mächtige

Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von

denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und

aristokratisch aus Spanien über Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa

kam. Einmal gab es eine national-übernationale Poesie unermeßlichen

Flügelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese

Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Städte,

Feudalen und Bourgois den Asiaten so die Leber, daß ihnen nichts andres

übrig blieb als Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des

Hirns. An dieser Übung zehrt, krankt und jubelt die ganze jüdische

Dichtung, die, ob sie deutsch, polnisch, russisch sich coiffiert, im

Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer international und asiatisch ist.

Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission, so sehr Erwerbs- und

Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der Bourgeois Übergegangene

im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch fluchten oder jingoisch die

Zähne bleckten. Das ist Rampenkomödie. Im Blut rollt unerbittlich, golden

und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des Roten Meeres und des

Jordans und der Tempel Jerusalems.

Gott warf das Volk hinaus, damit es den groben Teig der stumpfen und

westlichen Völker durchsäure, es aufpeitsche, vermittle, Märtyrer sei für

die großen Ideen und die neuen Gewitter der geistigen und künstlerischen

Spannungen, aber er gab ihnen auch die wundervollste Tragik: nie vergessen

zu können, daß sie aus schöner Heimat zum schweren Dienst nur ausgesandt

seien, in Wahrheit aber die Sehnsucht nach der Rückkehr und der eigenen

Bestimmung nie verlören und einmal wohl bestätigt sehen würden. Die großen

Rabbiner des Ostens fanden, als sie gegen die rabbinitische Dogmatik

kämpften, in die Schlichtheit des Herzens zurückkehrend, wieder Klänge von

der Reinheit der davidischen Sänge. Baalschem hat eine in wundervollen

quellklaren Ekstasen Gott erreichende Stimme. Als Werfel zu singen begann,

war man erstaunt, in ihm die Ansätze manchmal einer Hymnik zu finden, die

unbeschwert und hell war. Doch sie dauerte nicht lange. Der größte Rufer zu

dem Goldton hin ist heut Martin Buber, der die junge jüdische Generation zu

einer Selbstbesinnung überzeugt. Ihm ist Palästina nicht so wichtig wie das

Bewußtsein der palästinensischen Idee. Schüler von ihm haben sich an

Hölderlin verschenkt, aber sie ertrinken in ihm. Das alles sind Kämpfe

gegen ein tragisches Schicksal. Nur die Lasker-Schüler, auf Mondsicheln

fahrend, ist frei. Sie ist die bedeutendste Dichterin des jüdischen Volkes

seit Jahrhunderten. Weib und Geist der Rasse sammeln sich unmittelbar in

ihr, fast über der Erde. Asien ist mächtig aufgewacht. Sie steht dicht

neben dem hohen Lied, keine irdische Passion, die sie hemmt. Wahrscheinlich

ist sie durch einen Irrtum einige tausend Jahre zu spät in die

Körperlichkeit geraten. Sie hat das Blutfunkeln, was auch Planetengeleucht

sein kann, und der Geruch ihrer Gedichte und ihrer Prosa ist von den

dumpfen und schönen Uranfängen der Menschheit. Sie trägt frei und königlich

das, worum die anderen unten sehr verzweifelt streiten. Manchmal scheint

es, sie lächle über diese Bemühung.

Das andere ist verhirnt. Doch darf man diesen Zustand nicht mit

Europäischem verwechseln, wo es vertrocknet, unschöpferisch, pedantisch,

lehrhaft klingt und den Kunstfunken schon bei der Geburt kastriert. Bei den

Juden ist das Hirn in die geistigen Zeugungsorgane gerutscht. Vielleicht

auch stieg das Sperma in das Hirn, es ist anatomisch nicht zu erklären.

Jedenfalls ergab sich aus der Ghettozeit her eine Vereinigung. Das rein

Gescheite kann nunmehr so sehr beflügelt werden, daß es Wolkenhöhe nehmen

und Blumenduft erreichen kann. Manchmal reitet das Hirn zärtliche Menuetts,

oft ist es auch in galanten Situationen. Es hat seine straffe Begrenzung

ausgezeichnet erweitert. Was an Vorrat bei einem von uns Goijims nur ein

mittelmäßiger Aufsatz oder eine Überzeugungstafel würde, kann sich zu

dichterischer Glosse und gut geformter Novelle hier steigern. Sie haben

eben Handikap, und als wir mit Macht und Gewalt jahrhundertelang sie

striezten und dumm und breit verlachten, wuchs ihr Hirn und ihr Instinkt

ein paar Jahrhunderte und viele Kilometer uns voraus. Stets hat der Geist

sich gegen die Brutalität gewehrt und gerächt mit Sieg. Schreit

alldeutscher Pressepöbel heut hepp hepp gegen jüdische Entrepreneure,

vermöchte ihr teutonischer Gott, selbst mit Stierhelm und Wolfsgurt

herabsteigend, sie leider nicht davon zu überzeugen, daß, wer dem

verkannten Künstler, dem genialen Projekt, dem extravaganten

Gedankenjongleur zäh, mit unbedingtem Glauben und materiellem Einsatz

jahrelang die Treue hielt, auch später Lohn dafür ernten dürfe. Es gibt für

alles Neue die ersten Jahre ja nur jüdisches Publikum. Sie opfern sich

schon für den von ihnen sofort erkannten Gehalt, während die protzigen

Kimbern sich noch vor Lachen über die Verrücktheit ihre fetten Wänste

schlagen. Auch ich bin, als ich zum erstenmal bei anderen die Sachlage

erkannte, von Wodan zu Jehova übergegangen. In gewissen Fällen, mit einigen

Vorbehalten, aber mit der besten Überzeugung.

Als unter dem großen Päderasten und Savoyer Eugen man mit Kreuzfahnen noch

gegen Belgrad und weiße Halbmonde zog, starrte Wien als Bollwerk des

Abendlandes gegen den züngelnden Orient. Heut haben Asiaten die Kanonen

herumgeworfen, und die Praterstadt ist die Schleuse, aus der Asien

unabänderlich in uns sich ergießt. In diesem Boden, wo es quirlt von

Zukunft und Rasse, und wo slavisch-südlicher Kulturboden ganz nah ist, hat

das Jüdische sich glänzend entfaltet. (In Norddeutschland hat nur Kerr

einen freien Blutstil des Essaiistischen gefunden und Hillers

Intellektualismus zieht einen rassig hirn-expressionistischen Stil herauf

(den er aber nicht haben will). Arnold Zweig, Heymann, auch Sternheim und

tausend andere haben das rein jüdische Bewußtsein nicht so bewahrt oder es

bürgerlich, politisch oder literarisch gemischt.) Der bedeutendste Sänger

seines Leids an der Überbewußtheit ist dort Ehrenstein. Manchmal reißt er

sich zu Gesängen auf, die fast klassisch in ihrer schmerzlichen Kühle

werden. Seine Verzweiflung wird oft kosmisch, eine teuflische Hilaritas,

ein Veitstanz aus dem wienerischen Geklügel ins Transzendente, Gelächter

mit Geheul drin. Kinder, es weint sich ein Beschnittener ins Himmelreich.

Die Welt ist über ihm als eine Wand, darum sucht er sie einzuschlagen, zu

anarchisieren. Keine großen Worte schüttet er auf seine Pistole. Er geht

spazieren an Wirtshausschildern, da weiß er alles, was ihn quält. Er sieht

da Arme, Reiche, an allem fühlt er begeistert, was ihn reißt. Er zäumt das

Zerebrale bis in die barocke Phantasie hinauf, aber auch in den

exotischsten Reichen, in spinneten Zuständen reißt er nur die Ironie bitter

in sie hinein. Sein Kampf ist karnevalisch-grotesk und erhaben im Pathos

wie ein Stück alten Stils. Wenn auch die Erkenntnis des Intellekts ihn

immer wieder befreit, läßt sie den Juden immer weiter schinden in der

Entsetzlichkeit der Realität. Es gab einmal eine »analytische Malergruppe«,

die nur grau malten. Ähnlich schon, wie er schreibt, aber er hat Geniales,

während die anderen spekulative Lapins waren. Das ist der Unterschied. Aber

in diesem kleinen Zerschlagenen und Aufgebäumten hat die jüdische

Intellektdichtung ihre heroisch-depressive Höhen Ein Zwerg hadert mit

sophokleischen Worten vom Sinai gegen Gott, aber dieser schaut nicht nach

dem Buckligen. Drumherum stehen Weltwendegewitter.

Ehrenstein kam aus Wien, wo die Psychologen im Zerspalten immer groß waren.

Auf tschechischem Kampfboden schlug die Einstellung etwas verändert aus.

Übrigens ist auch von da Galizien nicht mehr weit, wo die Hemmungslosigkeit

wohnen soll, und es gab und gibt viele, die Not und Eigenart der jüdischen

Seele aufzeichnen, ihre Landschaftslosigkeit, ihre Heimatlichkeit in

Jordanideen, ihre Efeuzähe, das Angeschmiegte an jede Staude, und doch im

Herz der unsplitterbare Glaube an die eigene Berufenheit. Scholem Alechem

und noch dichterischer Micha bin Gorion. Aber sie sind Schauende, Gebende,

Willige. Mehr zeigen die Gepreßten, die von der Tragik selbst Gehobenen,

die Exponenten des Zustandes. Die Prager gaben es bald auf, zu zerfasern

und Betrachtungen durch Zerlegung ihres inneren Wesens vorzunehmen. Sie

waren gläubig und hatten gleich ihr Ziel hoch im Ethischen aufgepflanzt und

machten sich entschieden gegen höchste Klarheiten hin auf. Das besserte ihr

Niveau ganz erstaunlich, und man dachte gar nicht so sehr an ihre

Machtfülle, sondern an ihre Absicht und über die Klugheit, die fast glatt

und sicher so sehr wußte, was not tat und was sie wollte.

Die Vordergrunderscheinung ist Max Brod und der medizinisch einwandfreieste

Fall. Wären Unruh oder Frank so gescheit, es zerschnitte ihnen mit vielen

Messern jeden Arbeitsblock. Bei Brod schleift es und treibt es voran. Je

unheimlicher das Kluge Gott zu suchen scheint, um so näher kommt es ihm

scheinbar, ja es findet bei »Tycho de Brahe« sogar einen philosophischen

Kunstgriff, ihn zu erreichen. Baalschem sandte wie einen Atemkringel den

Kreis der Gläubigkeit aufwärts, und bald stand der um den Jehova gespannt.

Brod erreicht ihn im Tennisduble. Es wird ein Kombinationsspiel.

Netzspieler und Driveschläger ergänzen sich zum dreifach eingesackten Satz.

Der bewußte Schaffer und der plötzlich eintretend Berufene erspielen die

Lösung, den HERRN zu erreichen. In Haag nennt man das »Swanze«. In

Marseille sagt man im Theater: »Une blague«. Am Hafen: »Un canard«.

Daß das mit Anstand, immer dichterisch, oft sehr langweilig, aber im Grunde

mit der letzten hingebenden Haltung, die das Talent ausgibt, gemacht ist,

darüber diskutiert man nicht. Aber diese Feststellung ist ungenügend. Es

kommt auf die Ausgiebigkeit an. Auf die Trommel der Brust, die Penetranz

des Tons. Man kann es nicht ganz als offene Karte hinnehmen, wenn zufällig,

weil es fast gleich aussieht, Gehirnwürze statt Unmittelbarkeit und

vornehmste Klugheit als Geist auftreten. Man wird sie entwirren.

Man schießt Brod wie Hirsche beim Wechseln ab.

Nach _einer_ Wiese geht seine Sehnsucht besonders absonderlich, aber es ist

sehr schwer für ihn hineinzukommen. Das ist das Übersinnliche. Er rennt,

wenn er sich unbeobachtet glaubt, immer davor auf und ab, und sieht man ihn

aus der Ferne, schaut es aus, obwohl gar nichts Hemmendes da ist, er renne

wie ein Zimmerfalter gegen Glas. Es gibt da etwas, was ihn hemmt, was er

nicht sieht. Aber da die Bewußtheit bis in die höchste Kultur bei ihm

verfeinert ist, weiß er es wohl, was hemmt, und es bedrückt ihn.

Durch nahe Schleier sieht er die wundervolle Weite der jüdischen Mystik,

die oft donnernder ist von Gottes Nahen als die katholische, und er möchte

gern in ihr sein wie die Rabbiner, die Propheten, möchte auch das Gras

essen des Rabbi Nachmann, und des Sirach. Aber ach, der Eingang ist ihm

unsichtbar versperrt. Nun hat er aber den heilgen Berg in manchem Traum auf

raffiniertesten Zirkeln seiner Seelenwege erschlichen, darum probiert er

jede Finte, mit dem Geweih, mit den Tönen, duckt sich, macht sich

unsichtbar, umschmückt sich mit Laub, daß er Bäumen gleiche.

Ehern ist ihm der Eingang gesperrt.

Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung

gewesen. Je schwerer es wird, um so zäher wird er es versuchen. Es wird

noch lange so gehn.

Aber es gibt keinen Weg ins Übersinnliche, weil es im Herzen selbst ist.

Und wo die Einfachheit der Blutkanäle fehlt, kommt keine überlegene

Geistigkeit hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein

Zirkulieren um sich selbst. Er hat gezeigt, daß man Gott erleben kann auch

aus dem Hirn. Er hat es gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May würde

auf seine Art es nicht unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu

klären. Schon in dem Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins

Unsinnliche, liegt schon eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er

versucht, das Mystische zu beschwören, indem er auf die Wiese wechselt,

springt ihm das eigene Hirn ins Gesicht und macht ihn blind.

Ich habe bei Hagenbeck in »Beasts and Men« ersehen, daß er glaube, in den

Sümpfen Afrikas würden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Kürzlich las ich

in der »Times«, bei Port Elizabeth im Kongo hätte Herr Levage ein Vieh

angeschossen, das einen Rüssel und zwei Nashörner hatte, vorne die Beine

des Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige

Wülste. Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk,

im Lincoln Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im

schottischen Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am

Missinaibi-River, im Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache

Menschen, Bauern, Neger, Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott näher

sein wie Max Brod, indem er ihn am heftigsten beschwört. Ich zweifle nicht,

eine solche Sache würde den Prager sehr reizen, aber er in phantastischem

Intellekt oder in logischer Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er

würde das Tier theleologisch erklären und auch der Tatsache des Wunders

einen tieferen Sinn und eine humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier

bei Port Elizabeth aber frißt und liegt in der Sonne afrikanischer Wollust,

leckt sich den Bauch und verdaut. Ich muß dies bei aller Liebe und

Bewunderung zu so feiner Züchtung des Hirns hinzufügen.

Aber der Zeitgeist liebt Räderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der

Wiese spazieren. Er ist tatsächlich darauf anwesend und geht mit

Selbstverständlichkeit in den jüdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm

ist dagegen sehr unwohl draußen im Lebenskalkül. Als der Krieg ausbrach,

beschloß er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemüse zu kaufen, nach

München hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die plötzlich

einsetzenden Börsenhaussen seiner Bücher darüber hinweg. Ist er jedoch aus

dem Erd-Gedrückten ins Übersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und

Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich

lächeln und diese Prosa als Schändung des Göttlichen empfinden. Darüber

hat, da es ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige

Urteil.

Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer

Zeit. Er konnte früher fast allein überweltliche Atmosphäre gestalten.

Gewiß war sie oft von außen her gekommen, aber schließlich drang sie doch

in die Zimmer. Es ist etwas an Unerlöstheit schon daran, wie bei Kubin, wo

zwar die Gesichte manchmal tadellos durch die Bewußtseinsketten stürzen,

aber meist doch eine literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das

Kreuz vor den Erfolgsbüchern. Man befaßt sich nicht literarischen Erwerbs

halber jährlich mit der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge.

Dennoch ist er schwer verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange

währen, wenn auch die Signale und Symbole, die er um sein Starnberger Haus

gesteckt hat, mit manchen Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber

aus Kolportage, Bordell und heiliger Handlung richten sich gleich

Fahnenspitzen die Dinge immer ins Gespenstige und das Entscheidende tritt

ein, daß es hieraus genau so sicher ins Symbolische geht. Also ist Größe

oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von dichterisch gezähmter Kraft.

Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu Munch. Und das Jüdische mit

mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die Berufung verlieren, die

Ewigkeitsverbindung übers Leben hinaus, den Hineinbruch des Todes in die

Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt sich hier in einer

Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefühlt ist, aber die Atmosphäre

hat, den Prozeß, die Faust und das Gelöste. Und selbst die Fanatiker, die

jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer überschreitet

und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrüllen, bis sie

das gleiche erreicht haben und verächtlich nach hinten schauend lächeln

über die zurückgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen

Entschlossenheit werden zugeben, daß ihm eine Reinheit des Gefühls sehr oft

nicht fehle, die an eine schönere und übersinnlichere Welt ein aromatisches

und gutes Erinnern trüge.

So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen

hebräischen Wiesen. Es hat den Fünfzigjährigen verwundert, als die

Antisemitischen ihm die Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine

Segelboote, oben las er im aufgeschlagenen Fachblatt: »Wenige unseres Klubs

werden wissen, daß unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter

Schriftsteller ist«. Aber wie Großes kann aus jüdischer Dichtung kommen

(schon Werfel zeigt es), wenn sie vom Hirn einmal wieder losgelöst ist und

mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den Wiesen geht. Buber wird Wege

wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich wird die Zeit es noch

umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale Band durch die

Palästinensische Invasion nicht um die Völker der Erde geschlungen.

Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart · 第 23 / 28 题