13. Döblin und die Futuristen

Am achten März an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von

Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschläge. Die

Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre

heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr früher Marinetti im Figaro die

dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte

neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler

Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis.

Carrà, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fünften Februar

Montags neunzehnhundertzwölf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus.

Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine große

Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses

Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fünf

Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender

scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel

mehr als die Mission der Zerstörung.

Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles

überschätzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die

Impressionisten noch einzeln spielten, plötzlich in einen Ventilator zu

Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so,

wird sie dermaßen ebenfalls in allen Schönheiten strahlen, das ist sicher.

Als rein künstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die

mit Übergehung von Arbeit und Sorge gern in den großen Saal der

Öffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und

Frisur weg und wähnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrügerei vor

dem Geist. Die Nebenumstände irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das

rasch in ihre Eimer und fährt es auf die Äcker hinaus zu Gemüse, Pul und

Baum.

Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An

großen Figuren sollte sich später manches daran erfüllen. Man sagt, der

Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende

Freiheit seiner Atmosphäre auf den Boulevards harmlose Spazierer älteren

Jahres und guter Herkunft und Pfründe in solche eigentlich grundlose

Erregung gebracht, daß sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor

dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den

Bürger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser

gegenüber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle

seine Instinkte bis zur reißenden Wut und es mag sein, daß dies symbolische

Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie

sind mir persönlich trotz allem ungewöhnlich sympathisch gewesen.

Über Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur

der ihn vertragen, der ihn frißt und verdauen kann. Auch die Starken haben

den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen

können. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mächtig und im

ethischen Bedürfnis der Zeitgenossen von Rang so gläubig verankert ist, daß

er sich zu wölben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragfläche der Zeit.

Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich

von der mütterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den

Expressionisten.

Als Alfred Döblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien »voll und

ganz« unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der

Änderung überzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist

nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zählen die

Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann

dieser, wann jener schon aktiver, jener noch ästhetisierender Mensch

gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle für den Gehalt

dieses oder jenes Revolutionärs, dann beginnt schon die Starre, die

Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht

bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur

aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der

ungeheuren Stärke des kommenden Schicksals, sehen sie sich plötzlich vor

Änderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und

errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als

Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Fülle. Aber die

Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dünken, wenn sie beweisen

konnten, daß sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzählen zeigte es

sich, daß sie Angst nur hatten, es möge sie einer überholen, und da sie

Kraftfülle nicht in diesem Maße mehr spürten, schrieben sie ihre Daten in

Stein und kategorisierten andere Läufer, die aus dem Dunklen kamen, nach

Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.

Döblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es

anpaßte, sprengte er es auseinander. Er ist einer der stärksten und

bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch

das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu

architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen

der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken

ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es

bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches

besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum

Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten

Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartänze,

Niggersongs.

Als die Lappen vor unserem Wagen in Småland sangen, wurden wir auch nach

dem Eis und der Einsamkeit sehnsüchtig wie ausgehungerte Wölfe, obwohl ihre

Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns

mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter

dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren

nicht mehr ohne Wanken sehen können. Was an überirdischen Spektren und

Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein

und länger halten.

Döblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter

der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er

läßt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft

wegdrängen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und

Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen

Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug,

Experimente zu machen im Grundbau, daß ihm die ganze Geschichte dann das

Genick einschlägt. Da hat er kürzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder

ein Gestell, gewöhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie

sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft

stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswürdig kann er es nicht machen.

Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner

Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldünne

Juden oft probieren. Die netzen solange mit Säuren an der armen

Menschgestalt, bis bloß vom schönen Fleisch nur noch das Gerippe

übrigbleibt. Nun, meinen sie, hätten sie den wahren Menschen. Um die Ohren

sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber

in gehobeneren Übersinnslüsten. Döblin macht es nun so, daß er das Fleisch

mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwühlt und durchschimmert, daß nur

das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im

Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastück

ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung,

einen Abschluß und bedankt sich dafür, plötzlich einfach sich aufzulösen,

wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen

Ewigkeitsspritzen aus einer schönen Handlung sich geschwinde aus der

eigenen Existenz herauszudrücken. Schließlich ist Prosa keine Graphik. Was

dem mächtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Döblin aus Berlin

nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch säuseln und aus der

auffallenden Parallele der Künste instinktlos und, vom Malerischen selbst

in keiner Weise berührt, lerchenhaft geschwätzige Hymnen über Malerisches

anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), muß man polizeihaft

darauf schauen, daß Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Künste, das

heißt ihrer Wirkungsmöglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber

aus einer Kraft, weil Döblin nämlich, wie alle starken Handwerker und

Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern

als Selbstzweck ansehn. Auch die großen Erotischen wollen nicht nur Kinder,

sondern spielen nächtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel

für den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor

der Fülle und Tropischkeit der Welt.

Döblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mörtel

tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau

bemessenes Stück auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatsächlich

noch Welt wie sie in naturalistischen Büchern auch besteht. Man verführt

Euch in kein Geschluchz hinter Tüchern, in keine Askese nackter Dialoge,

wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist »reiner« sich

entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine

Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der

Geist, wenn er irgendwo ist, schöner sein als im vollen und weiten

Menschlichen, man muß ihn doch nicht in die Hirnwüste senden. Döblin

beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke

sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, daß er eben einfach das Künstlerische

zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine

Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grünewald in seine Visionen. Es

ist nämlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fängt er erst an:

er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den

Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen,

ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last

der Idee nie fahren läßt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende

trägt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Körper der schöpferischen

Kraft ist viel zu zäh, als daß er sich aufgäbe. Er schafft sich weiter.

Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch

mit Bändern an die oberste Gerüststange.

Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Würfel, drohend in der

Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nähe ist manches nicht so

unbedingt. Schließlich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen,

die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Döblin ist eine

Konstruktion enormer Breite und Höhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem

Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt

sich empor. Keine Leidenschaft wühlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt,

große Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den

Skisprüngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und

hautsüße Geistigkeit in die Schußfahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat

Hochofenglut und Fackeltempo.

Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird

mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblüfftsein wird

sehr lange währen. Als wir, Zwanzigjährige, von Paris nach Brüssel fuhren,

um, mit allen heimatlichen und familiären Geldquellen verkracht, nach

Zeitungsverkäuferzirkulation über die großen Boulevards und

Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Führer

unermeßliche Goldmünzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im

Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstände der größeren

Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein

Stilverstoß. Wie ein mächtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den

herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropäische Speisewagen vor den

Blick gespült, erhöhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen über die

Schönheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte

er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das

Fördernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich

möchte nicht mißverstanden sein.

Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart · 第 22 / 28 题