Am achten März an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von
Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschläge. Die
Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre
heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr früher Marinetti im Figaro die
dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte
neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler
Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis.
Carrà, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fünften Februar
Montags neunzehnhundertzwölf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus.
Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine große
Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses
Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fünf
Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender
scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel
mehr als die Mission der Zerstörung.
Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles
überschätzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die
Impressionisten noch einzeln spielten, plötzlich in einen Ventilator zu
Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so,
wird sie dermaßen ebenfalls in allen Schönheiten strahlen, das ist sicher.
Als rein künstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die
mit Übergehung von Arbeit und Sorge gern in den großen Saal der
Öffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und
Frisur weg und wähnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrügerei vor
dem Geist. Die Nebenumstände irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das
rasch in ihre Eimer und fährt es auf die Äcker hinaus zu Gemüse, Pul und
Baum.
Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An
großen Figuren sollte sich später manches daran erfüllen. Man sagt, der
Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende
Freiheit seiner Atmosphäre auf den Boulevards harmlose Spazierer älteren
Jahres und guter Herkunft und Pfründe in solche eigentlich grundlose
Erregung gebracht, daß sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor
dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den
Bürger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser
gegenüber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle
seine Instinkte bis zur reißenden Wut und es mag sein, daß dies symbolische
Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie
sind mir persönlich trotz allem ungewöhnlich sympathisch gewesen.
Über Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur
der ihn vertragen, der ihn frißt und verdauen kann. Auch die Starken haben
den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen
können. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mächtig und im
ethischen Bedürfnis der Zeitgenossen von Rang so gläubig verankert ist, daß
er sich zu wölben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragfläche der Zeit.
Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich
von der mütterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den
Expressionisten.
Als Alfred Döblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien »voll und
ganz« unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der
Änderung überzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist
nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zählen die
Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann
dieser, wann jener schon aktiver, jener noch ästhetisierender Mensch
gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle für den Gehalt
dieses oder jenes Revolutionärs, dann beginnt schon die Starre, die
Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht
bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur
aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der
ungeheuren Stärke des kommenden Schicksals, sehen sie sich plötzlich vor
Änderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und
errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als
Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Fülle. Aber die
Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dünken, wenn sie beweisen
konnten, daß sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzählen zeigte es
sich, daß sie Angst nur hatten, es möge sie einer überholen, und da sie
Kraftfülle nicht in diesem Maße mehr spürten, schrieben sie ihre Daten in
Stein und kategorisierten andere Läufer, die aus dem Dunklen kamen, nach
Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.
Döblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es
anpaßte, sprengte er es auseinander. Er ist einer der stärksten und
bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch
das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu
architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen
der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken
ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es
bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches
besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum
Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten
Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartänze,
Niggersongs.
Als die Lappen vor unserem Wagen in Småland sangen, wurden wir auch nach
dem Eis und der Einsamkeit sehnsüchtig wie ausgehungerte Wölfe, obwohl ihre
Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns
mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter
dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren
nicht mehr ohne Wanken sehen können. Was an überirdischen Spektren und
Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein
und länger halten.
Döblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter
der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er
läßt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft
wegdrängen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und
Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen
Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug,
Experimente zu machen im Grundbau, daß ihm die ganze Geschichte dann das
Genick einschlägt. Da hat er kürzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder
ein Gestell, gewöhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie
sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft
stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswürdig kann er es nicht machen.
Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner
Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldünne
Juden oft probieren. Die netzen solange mit Säuren an der armen
Menschgestalt, bis bloß vom schönen Fleisch nur noch das Gerippe
übrigbleibt. Nun, meinen sie, hätten sie den wahren Menschen. Um die Ohren
sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber
in gehobeneren Übersinnslüsten. Döblin macht es nun so, daß er das Fleisch
mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwühlt und durchschimmert, daß nur
das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im
Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastück
ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung,
einen Abschluß und bedankt sich dafür, plötzlich einfach sich aufzulösen,
wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen
Ewigkeitsspritzen aus einer schönen Handlung sich geschwinde aus der
eigenen Existenz herauszudrücken. Schließlich ist Prosa keine Graphik. Was
dem mächtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Döblin aus Berlin
nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch säuseln und aus der
auffallenden Parallele der Künste instinktlos und, vom Malerischen selbst
in keiner Weise berührt, lerchenhaft geschwätzige Hymnen über Malerisches
anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), muß man polizeihaft
darauf schauen, daß Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Künste, das
heißt ihrer Wirkungsmöglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber
aus einer Kraft, weil Döblin nämlich, wie alle starken Handwerker und
Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern
als Selbstzweck ansehn. Auch die großen Erotischen wollen nicht nur Kinder,
sondern spielen nächtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel
für den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor
der Fülle und Tropischkeit der Welt.
Döblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mörtel
tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau
bemessenes Stück auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatsächlich
noch Welt wie sie in naturalistischen Büchern auch besteht. Man verführt
Euch in kein Geschluchz hinter Tüchern, in keine Askese nackter Dialoge,
wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist »reiner« sich
entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine
Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der
Geist, wenn er irgendwo ist, schöner sein als im vollen und weiten
Menschlichen, man muß ihn doch nicht in die Hirnwüste senden. Döblin
beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke
sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, daß er eben einfach das Künstlerische
zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine
Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grünewald in seine Visionen. Es
ist nämlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fängt er erst an:
er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den
Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen,
ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last
der Idee nie fahren läßt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende
trägt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Körper der schöpferischen
Kraft ist viel zu zäh, als daß er sich aufgäbe. Er schafft sich weiter.
Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch
mit Bändern an die oberste Gerüststange.
Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Würfel, drohend in der
Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nähe ist manches nicht so
unbedingt. Schließlich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen,
die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Döblin ist eine
Konstruktion enormer Breite und Höhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem
Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt
sich empor. Keine Leidenschaft wühlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt,
große Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den
Skisprüngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und
hautsüße Geistigkeit in die Schußfahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat
Hochofenglut und Fackeltempo.
Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird
mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblüfftsein wird
sehr lange währen. Als wir, Zwanzigjährige, von Paris nach Brüssel fuhren,
um, mit allen heimatlichen und familiären Geldquellen verkracht, nach
Zeitungsverkäuferzirkulation über die großen Boulevards und
Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Führer
unermeßliche Goldmünzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im
Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstände der größeren
Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein
Stilverstoß. Wie ein mächtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den
herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropäische Speisewagen vor den
Blick gespült, erhöhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen über die
Schönheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte
er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das
Fördernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich
möchte nicht mißverstanden sein.