Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen
von dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form
gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den
Realitäten auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft:
Dostojewsky plus deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein
Schlosser, ein Fußballspieler, außen rechts, den beim Goalsprung die
ekstatische russische Seelenhölle überfällt. Sie hat ihren Zug durch
Deutschland schon vor Lunatscharsky und Lenin begonnen. Eigentlich werden
Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell. Ganz vom (gewöhnlich jüdischen)
Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat sie mancherlei Gefolgschaft.
Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen Monologen oft bezaubernder Art
gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr schon Bruno Frank, doch ist er
nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die Angelegenheit, als sie
tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie wurde mit furioser
Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres geschichtet. Die Musik
der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den Cenakel, den ergriffenen
Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte Kaffern. Geschmetter und
Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn ihr unterwegs ein
gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt. Aus der
Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt erst das
elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch grob
und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert
aus seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch.
Da war noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach.
Dann griff er entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive
deutsche Beine, das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich
damit. Aus der Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie
ein verstörter, im Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und
Gewißheit unfehlbar sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten
sind. Man wird einmal finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen
Dichter gegen den Krieg. Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter
beamteter Wächter durch die Pressezentralen der Generalkommandos aus der
Schweiz nach Deutschland sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat
tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen, er habe in die Sprache besondere
Akzente getragen, ins Dichterische neuen Schwung gebracht. Er war
jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in der Herde der
Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen.
Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in höllische Zucht
genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige Geistdurchwitterung
getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner Kraft. Da seine
Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das ist
unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein
Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein
gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung
und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und
über diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der
bürgerlichen Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei
aller Flamme eine tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster
Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie Leonhard Frank existieren, und ihr Mut
wird nicht vergessen sein, wenn irrgeleitete Knaben mit neu polierten
Phrasen in neue Kriege ziehen werden. Viele Unbestochene werden an seinem
Namen einen Halt finden und werden sein Buch dem Wahnsinn vielleicht
entgegenhalten. Aber es werden auch heute Menschen da sein, die in die
tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte Angst tragen, dieser
Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als Felsen
schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen nicht
schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent. Aber
es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das
Fleisch der ewig marschierenden Ideen schlagen.