Tut Euch nicht dick, Freunde, die Ihr aufs Neue stolz seid. Das war erst
der Durchbruch. Noch schleift Ihr die Schenkel Euch ab um den Roman. Nichts
ist da, was wie ein Globus kompakt und glasig, wie ein Kuheuter am Belchen
voll Saft, kühn wie ein Verführer und voll Zeitdonner und Anklage wie die
Stimme Jaurès. Eingänge nach Licht sind geschlagen, die Novelle steht im
besten Saft. Noch rauft Ihr um Programme und blökt um Ziele, aber das
Querschnittbuch ist noch nicht geschrieben. Weltgefühl ist da, addiert man
die Zähler. Es fehlt die Repräsentation. Vous êtes foutus, ein Kropf hängt
die Volkstragödie an Euren Hälsen. Wo Ihr bereit steht, endlich mit schönen
Netzen den Kosmos einzufangen, fehlt Euch der Tüll, und die Schwünge sind
Euch nicht mehr geläufig. Am großen Start versagen Eure Gäule. Noch habt
Ihr wie Besessene ums Drumherum zu kämpfen, während Ihr vergeht vor
Geilheit, den Geist zu fassen. Nie hatten Eure Vorfahren Zeit. Schließlich
braucht's fünf oder sieben Generationen, bis eine Volksart nationalen
Ausdruck findet. Wir wurden nach zweien jeweils von den Nachbarn wegen
Ungeheuerlichkeiten erledigt oder schlugen uns nach dreien heulend, lachend
selbst die Schädel ein. Als Ihr von den Terrassen Eurer Träume
herunterkamt, den neuen Menschheitstag zu grüßen und empfangen, waren die
Stufen zerschlagen und die Röte über den Seen kam durch den verwilderten
Park nicht herauf. Eure Soldaten rühmten sich, mit Faust und Bibel im
Tornister zum Krieg gezogen zu sein, welches Durcheinander, was hat beides
miteinander zu tun und welche Dreistigkeit mischt hier Gott mit den
Verdammten? Seht Ihr Euch um, ist Wahnsinn um einige Pyramiden gesammelt.
Zwischen Balzac und Dostojewsky ist am Rhein nichts übriggeblieben. Kein
deutscher Roman mischt Euer Blut mit europäischen Säften. Ihr habt da und
dort ein paar Bücher (Döblins »Drei Sprünge«, Heinrich Manns »Kleine
Stadt«, Hauptmanns »Quint«). Nationalistische Hybris will Euren Volksnamen
degradieren, und, heulen sie deutsch, meinen sie Blöm und Herzog. Noch ist
nicht ganz vergessen, wie sie im Vorzimmer des speisenden Kaisers mit
Ganghofer die traurigen Siegesmärsche den kämpfenden Armeen zugetrieben.
Deutsch heißt nicht annexionistisch, hat mit Talmud und Kalewala mehr zu
tun als mit Generalkommando-Lyrik. Ausgleich muß einmal endlich stattfinden
zwischen Eurem Charakter rein menschlichen Gefühls und dem Weltgeist,
Zwiesprache zwischen Leid deutscher Kreatur und Demiurg. Das ist das
einzige Alphabet göttlicher Dichtung, und nur, ob es sanfter oder wilder
erschallt, ist ein Zeichen, ob's serbische oder malayische Menschheit
singt. Noch sind wir daran, Europa zu nivellieren. Man hört die russische
Stimme, Dostojewskys in sich selbst verzehrte, Tankschlachten in den Nerven
ausspielende, ungeheuer nach erlösendem Oben sich drängende Demut. Seine
Landsleute kommen weiter in die Seele hinein, indem sie sich opfern, und
die Thermopylen ihres Geistes beginnen stärker als die hellenischen
Überlieferungen die Jugend zu ergreifen. Bei France und Flaubert kommt aus
der souveränen Skepsis die Engelsehnsucht untadelig und elegant in der
heiligen Prozessuale. Selbst die kleinsten Völker scheinen mit Schallrohren
sich anzukündigen. Schweden mit Belman voran. Am Ende des Zugs für das
allerkleinste mit Munch der Norweger Hamsun, neben Gorki und France der
beste Mann Europas. Die deutsche volle Stimme ist nicht in dem Orchester.
Einige untadelige Geister bemühen sich um Gehör, aber es scheint, sie
schweben im Raum. Keiner ist da, aus dem wie aus einem apokalyptischen
Maule die Musik eines Volkes bräche und stürze, und wo das deutsche
Temperament, jene Mischung aus Güte, Barbarei und Hochmut, sich
schrankenlos auflöste in die Einheit des Kosmos, dem sie diente und der
Zeit, die sie schallend und freundlich einfügte ins Orgelgerippe ihrer
Brust.
Man hat eh' Ihr in die Flammenwerfer geworfen wurdet, Thomas Mann Euch
vorexerziert als Wahrzeichen anständigen und deutschen Gefühls. Ach, aus
seiner Welt, die er vornehm baute, kam keine Erneuerung. Nach wenigen
Monaten, als die Katastrophenfeuer am magischen Horizont blitzten, rückte
er ab wie die Gesellschaft, die er dichterisch vertrat. Es schwindelte
ihnen vor soviel neuer Grelle. Heinrich Mann, den sie Franzosen schalten,
trat in einen Kreis, der sich ums deutsche Spektrum nicht mehr stritt,
sondern weitläufigere Sorgen hatte. Ihr verlort damals auch Dehmel, den
bewunderten Streiter von früher. Der Süddeutsche Wassermann zeigte in einem
Kartenspiel historischer Gestalten, was er für deutsch hielt (Charaktere),
und stellte das meiste auf jenen preußischen Drilltyp, der, mit einem
Funken Geist, damals Deutsches verkörperte. Narren machen Euch aus
Temperamentsfarbigkeiten ein bürgerliches Bild des Nationalcharakters.
Winkt ab. Gingen die Erbauer der Dome nicht nach Frankreich und lernten
fromm wie Schüler, und ist die Gotik nicht steil wie die höchste
sonntägliche Inbrunst Eurer heidnisch großen Herzen? Auch Franz Marc ist
deutsch wie die Idillischkeit Eurer See, auch wenn seine Seele dorther
kommt, wo aus byzantinischen Sprüchen und asiatischen Legenden Eure
deutschen Märchen stammen. Ihr seid Söhne der Erde, die Asien, das Euch
einmal austrieb, besonders liebte, und Europa ist so nahe und klein, daß in
dem schmalen germanischen Herzstück ein weiter Ton gefunden werden müßte,
der Euch mit großen Traditionen vereinigt. Der Stern, den Ihr bewohnt, hat
sich lebhaft gedreht. Ihr seid mitgezuckt und habt durch den Spalt gesehen.
Die früheren Generationen fanden nichts, den dreihörnigen Stier zu fassen.
Vor Euch aber hat sich die Sperrkette gesenkt, und manchmal erreicht Euer
Blick die Formen des neuen Paradieses. Schaut rückwärts, klagt an! Schaut
vorwärts und preist und stachelt nach dieser Richtung! Es kommt nicht an
auf Geschwätz, die Richtung ist eindeutig, die Anspannung ist nur noch
vonnöten, der heroische Angriff, Impetus zum Heulen schön und zum
Zerplatzen gewaltig. Endlich sind die Barrikaden gelüftet, die Dezennien
vor den Freiheitsstraßen lagen. Schaut der deutsche Mensch nun lange über
so weit ins uferlos Neue wogende Chausseen, wird er beruhigter und klarer
an deutsche Seelenaufgaben denken. Atmet er eine Zeitlang in die Welt statt
in Divisionsverbände, spricht er in ein Publikum von Europäern statt
Generälen und Standeskonventikeln, wird er aus dem Hin und Wider auch seine
deutsche Sehnsuchtsstellung zur Ewigkeit und der Erde erhalten. Was seither
bedrängte, fiel ab. Man hat plötzlich den verantwortungsvollen Blick
Europas auf Euch gerichtet.
Tut Euch nicht dick. Noch schleift Ihr Euch die Schenkel um den Roman. Das
muß ein Grundstock werden mit Sperma wie keiner. Was Ihr in der Weltachse
jetzt einsetzt, ist Beginn. Packt Ihr's, ist es eine triumphale Sache,
mißglückt es, wart Ihr am Werk, immerhin. Es kommt darauf an, daß Männer
und Kräfte da sind, die alles wie immer entscheiden, wo das Gute daneben
steht. Nichts fehlt von Belang. Ihr habt die Begeisterung, die Mühe ums
Handwerk, das Thema ist Euch gelegt, hinter denen eine Welt zurückkracht,
vor denen eine neue urwaldsüß sich breitet. Als die Schweden in Polen einen
italienischen Helm eroberten, war das ganze Weltgeschehen in ihn
hineingeschrieben, und mancher Abbate hat malend die Kirchenfenster und
Portale des frommen Mittelalters damit geschmückt. Malt die neue Welt
hämmernd, meißelnd in die Herzen, eine Aufgabe, so Lobes und Kühnheit wert
und gierig, wie selten eine von der Zeit gebotene. Es ist viel Neugier auf
Euch da, und was noch nicht so weit im Vordergrund steht, wartet wie auf
den Rängen, daß der Vorhang aufgeht und die krachenden Evolutionen sich
vollziehen, auf denen Ihr in die parnassische Höhe mit massiven
Ergriffenheiten schreitet.
Einer hat seine Hand über Euch weggestreckt, und einer der wenigen, die vor
Eurer Zeit um großes Romanwerk sich bemühten, einer der vier oder fünf, hat
vor Euch eine Trompete geblasen: Wassermann. Was er seither geleistet, ist
großer Aufwand. Er besitzt, was bei Euch unerprobt noch, das Können, den
Griff, den Griff. Zwar stammt seine Form aus impressionistischen
Gefühlslagen, sein Gemälde aus einer Tradition, die beschaulich und malend
das Erlebnis bewältigte. Doch war sein Geist immer auf Weites aus, zwar
bürgerlich oft in Konflikten und Breiten. Doch nie ohne Lust nach Größe.
Manchmal kam er herauf und schaukelte über seiner üblen Zeit. Man muß sehr
genau horchen, wenn dieses Können nun Eure Themen und enthusiastischen
Probleme bewältigen will, denn es ist der Verdacht, daß, wenn die Hände
schon jenseits des Flusses an neuen Architekturen klug und geschickt
formen, der Geist noch diesseits des Wassers ruhet und Larven sucht, um
sich die Augen zu maskieren.
Hat dieser den Ehrgeiz, das Zeitbuch zu schreiben, muß es zwei Bogen haben.
Der erste zeigt das Seither, das Leben, an dem er jahrelang schon malte,
die Gesellschaft, das stolze und farbige Spiegeln der kapitalistischen
Epoche. Das zweite muß geben was folgt, das Nachher, die neue Zeit. Das
erste muß den Zusammenbruch schildern, unerbittlich sein, das Gehetz
aufbrechen und das Geglänz. Der zweite muß den Schwung haben, die
Forderung, den Schrei ans Schicksal. Der zweite muß die Vollendung sein,
muß den Menschen zum Paradies hinentwickeln, auch in der Zeithölle das
Unfehlbare, Göttliche weisen. Sonst ist das ganze Ethos Humbug. Sonst ist
das Ganze Schwindel, ein Nichts. Sonst bleibt das Ganze ein kühner
Ingenieurkniff, eine Brücke über Festland geschlagen, zwecklos, ein
Marnesieg. Ein verantwortungsloses Kunststück. Hohl, verfehlt, verworfen
eben des großen Ausmaßes halber, das es plant. Da hilft kein Können, kein
Sprachglanz, kein Mal-Virtuosentum, kein Wortplätschern. Steht einer da vor
dem Abgrund und schildert, während die anderen einsacken, Herrlichkeit der
Blitzzüge und Luxusdampfer, ist er ein Phantast, vielleicht ein Schwätzer,
aber kein Verantwortungsvoller, kein Helfer. Darauf kommt es allein an.
Talent ist Vorbedingung, guter Wille selbstverständlich. Alles andere ist
verbrecherisch. Wassermann macht tatsächlich den großen und staunenswert
kühnen Versuch, den umfassenden deutschen Zeit-Roman zu schreiben. Er
unterliegt völlig.
Es soll die große Welt zuerst gegeben werden. Der Aufwand ist bedeutend.
Zwanzig, vierzig Menschen, ebensoviel Schicksale gleiten durcheinander. Das
Technische ist vorzüglich, die Kuppelungen, die Konstruktion
außerordentlich, die Linien gebrochen, weitergeführt, in langen Atmungen
hingestreckt. Jede Vorbedingung die des großen Künstlers. Das Ausmaß ist
Dostojewsky. Der Gehalt: Belletristik. Der Russe stürzt in solch weit
abgestecktes Terrain ein mit einer Psychologie, die wild wie ein Tier,
explosiv, aus dem Chaos unzähmbarer Kraft der russischen Seele nicht nach
außen, sondern nach innen sich zerfetzt. Wassermann hat keine elementare
Bindung in den Boden hinein. Er hat Gemischtes, Jüdisches, Deutsches,
Österreichisches, Ästhetisches, also viel Vorbereitung für eine Kunst
schöner Spiegelungen und idealer Seelenzerlegung, aber nicht das heisere,
rauhe Seelenhurra der Naturkraft. Er hat Hirn, und zwar mehr als Blut. Das
ist schon eine Inkonsequenz im schöpferischen Menschen. Er hat geschickte
Hand, geniale Konstruktion, die wechselnden Schicksale laufen wie
Springnummern des Automaten -- aber er hat nicht Dynamik, die unabwendbare
Schicksale schleudert. So wird sein erster Romanteil Konstatierung und
lediglich Schilderung, und es mag wahr sein, daß keiner das Jahrzehnt vor
den Kriegen so groß und elegant, in solchem Fresko und mit solcher
Leidenschaftlichkeit gemalt hat. Damals lebte man wohl, um zu reisen,
schlief lange, um gut zu dinieren, nahm Kunst wie Parfüm, Politik wie
Poker, lebte einsam, unbeteiligt an der Menschheit. Unendlich einsam im
Reichtum und abgeschlossen durch Genuß. Ahnte vielleicht, die Nase
zuhaltend, den Vulkan unter sich am üblen Geruch aus dem Inneren der
Dampfer, aber übertäubte das Grollen der sozialen Welle, die Weltwende
bedeutete, indem man sie ignorierte. Wurde vielleicht im besten Falle
hypnotisch angezogen, ging hin und sah es, stieg vielleicht hinunter. Aber
was war das? Mischung aus Sensation und Magie des Schicksals. Neugier und
Blutdünne. Weiter nichts. Aber Thema und Ergebnis des Wassermannschen
Romans.
Dies alles Zeug, was da lebt, genießt und glücklich ist, soll ein
Querschnitt sein, aber nur Vorbereitung für das Kommende. Jedoch, es wird
wohl gegen die Konstruktion, aber nicht gegen das Herz des Autors
Hauptsache. Da steht mit Kainz und Saharet und Heymel und vielen lebenden,
nur wenig cachierten Typen die vorkriegerische Welt jener etwas fauligen
Gesellschaft, die Geld und Stellung und gepflegtes Fleisch bis zu einer
Sterilität und äußerlich raffinierten Kultur gebracht hat, die beim ersten
Ruck zusammenflog. Da stehen wundervolle, von großer Künstlerschaft
zeugende Kapitel. Doch nicht jener Sproß des Reichtums, der sich umwendet
und in die andere Welt der stinkenden Löcher geht, wie es die Lineatur des
Romans verlangt, entwickelt sich hier, spielt hier Flöte und Klavier seines
Schicksalsmarsches. Was gekonnt und vollendet ist, ist das eigentlich
Nebensächliche, ist die große Tänzerin, ist der Gourmet Crammon. Das ist
mit Liebe und mit oft klassischer Zartheit gemalt. Aber wo sind die
Ergebnisse? Angedeutet vielleicht, ein Wind wird wohl gehört, der Laternen
dieses Festes ausbläst. Aber wo bleibt die Verantwortung, wo der Dichter,
der anklagt? Nichts. Nur im einzelnen, bei diesem, bei jenem, wird eine
Folgerung gezogen. Im Großen versagt das alles, hat keinen typischen Wert.
Hier liegt schon die Tragik. Das Weltbild versagt. Das Ziel kann nicht
werden, da der Dichter verstrickt ist. Es kann sein, daß irgendeiner, der
diese Welt haßt, ihre Weiber, ihre Genüsse aber bis zum Exzeß liebt und
braucht, menschlich vielleicht zu schwach ist, zu entsagen, aber darunter
leidet und in der Sache und in der Wahrheit seine Anklage darum um so
heftiger schleudert. Aber wem diese Welt so maßlos imponiert, wer so
innerlich fasziniert ist von ihr wie Wassermann, kommt nicht frei. Der
zieht keine Schlüsse. Der kommt nicht zu Summen. Der macht keinen Strich.
Der hat in keiner Weise jene Radikalität der Wahrheit, die künstlerisch
allein Wertvolles hinsetzt. Der malt und zeichnet immer noch auf der
Oberfläche, während in der Tiefe die Entwicklung sich schon vollzog. Das
ist aber ohne Bedeutung. Die Zeit schildert nur der, welcher aus dem Alten
das Neue herausentwickelt. Wir haben keine Lust, zuzuhören, wenn um eine
Sache herumgeredet wird. Es fehlt uns die Geduld zu Umwegen ohne Ergebnis.
Das Motto ist nicht: ich weiß -- sondern: ich kreuzige mich. Die Fahne weht
nicht: ich komme dahin -- sondern: ich erkenne, erreiche oder gehe ein.
Alles andere ist mißverstanden, wird überhört oder verflucht.
Dieser Held, der aus der schrankenlosen Fülle kommt, marschiert wohl auch
in die Armut. Er geht in sie hinunter wie in einen Stollen. Er hält sich in
ihr auf. Er befindet sich in ihr. Sein Zustand ist in ihr. Weiter kann man
es nicht ausdrücken. Er ist so steril, daß er einfach hingeht. Genau wie er
am Ende aus ihr herausgehen, sich aus ihr entfernen, sie verlassen könnte.
Es wäre weiter nichts Erregendes. Es wäre eine Veränderung. Man flöge
vielleicht bis dahin auf den großen Bären oder entdeckte ein Fischvolk
unter Ceylon. Größer ist die seelische Temperatur beim Überschreiten des
sozialen Äquators wirklich nicht bei ihm. Er tut das seiner Kaste
Unerhörteste mit einem kindlichen Mißverstehen jedes sozialen Instinkts. Er
kommt nicht unter Zuchthäusler, Huren, Verbrecher aus dem luziferischen
Sturz her, sondern auf Grund einer Hypnose, einer Konstruktion. Er hält
sich unter ihnen nur passiv auf. Er hat eine scheinbar sehr mystische
Kraft, daß sich (groß angelegt, aber schlecht entwickelt) Übeltuende zum
Guten entwickeln. Aber genügt das? Wo ist das Seelenfazit? Sammelt er die
Elenden, schart sie um sich, klagt ihnen die Anklage vor gegen die
Gesellschaft, organisiert er sie? Er lächelt. Er lebt unter ihnen. Aber das
ist nur ein Affront gegen seines Vaters Millionen. Lange noch keine Tat.
Knirscht er, leidet er unter dem Elend der Menschen? Er ist nicht ohne
Güte, aber das kann auch bis zur Blüte kultivierter gesellschaftlicher
Anstand sein. Das Ganze ist unsicher, unerlösend, ohne Absicht, ohne
Bestimmung, ohne Ziel.
So steht auch die Form in Schwankung. Manche Partien sind
expressionistisch, rattern herunter, schmeißen das Psychologische heraus.
Verstehen aber nicht, im Gedrängten das Seelische elementar zu heben,
sondern müssen das ausgestoßene Psychologische in langen Psychologieblasen
wiederbringen. Manchmal geht es dann statt ins Übersinnliche ins
Medizinische; Wissenschaft und Hysterie stellen sich, als ginge es nun an
Gottes Vaterbrust. So kommt man aber nicht hin. Und dann hat der an Glanz
und elegante Kurvenführung gewöhnte Stil gar kein Organ für die Kaschemme.
Stilisiert geht es nicht. In unheilvoller Instinktlosigkeit wird es
naturalistisch versucht. Das wird dann komisch, denn das wird toll
Literatur, und diese Gespräche zwischen Lustmörder und Held sind in ihrer
monumental gedachten Dialektfresserei, ihrem naturalistischen Geschwafel
genau so verlogen und unecht wie die Tiraden der Profilromantiker. Für
solche Dinge hat Wassermann gar kein Gefühl. Elend ist es noch lange nicht,
wenn eine Hure berlinisch redet, oder wenn der Held das kostbarste
Perlenband (das seiner Mutter) der Luetikerin, mit der er platonisch lebt,
in den Schoß gibt. Elend ist das zitternde, nackte Leben, das nach oben
will, wo Gerechtigkeit aufsteht und das Leidende anspannt, daß es groß wird
in dieser Dehnung. Elend ist nicht eine Malerei von Dreck. So ist das
Ganze: verfehlt, falsch gesehen, vorbeiverstanden, unerlöst. Dies alles
spricht gegen die Einordnung dieses Versuchs in den Rang des Ziels, das es
anstrebt. Lediglich dagegen. Man soll nicht verblendet sein und das
Nichterfülltsein auf das Können des Autors zurückfallen lassen. Wer viel
riskiert, setzt andere Maße voraus, höheres Gericht als dieser und jener
Miesnick, der sein kleines Thema wacker herunterspielt.
Als Könner ist Wassermann einer der ersten Autoren der Zeit. Auf drei
Seiten des Buchs gibt er oft mehr an grader Schönheit, da, wo er
kontemplatorisch wird, ein Einzelschicksal wendet, meist mehr wie andre,
die an sicherer Stelle segeln, im ganzen Werk. Auch der problematische
Torso des »Christian Wahnschaffe« verdient jeden, der ihm naht. Die
blühende Fülle der Figuren gibt ihm Niveau von selten erreichter Breite.
Wir sind konsequent und wollen das Loyale. Im Schätzen und Anerkennen liegt
aber nicht die letzte Liebe. Das Maul der Zeit ist grausam, und das
Gewissen der weichenden Minute hat Gorgonisches im Ausdruck. Die Umkehrung
wird symbolisch. Vor den Forderungen dieser Jahre bricht der Kern zusammen:
es ist zu wenig. Mit diesen Sätzen, solchem Bau erreicht er nicht das obere
Gerüst. Gespanntere Schenkel, wildere Kehlen erstürmen nur die Höhen des
neuen Tons. Der Dichter bleibt geschätzt und ihm jeder Respekt. Aber die
Hand soll drüben bleiben und den Vorhang nicht aufzureißen suchen, der sich
eines Tages weit aufschlägt aus eigenem Schwung. Die Hand soll jene Epoche
weiter malen, in der ihre Triumphe und Süßigkeiten liegen. Denn
schöpferische Stärke ist gebannt an ihren mystischen Untergrund und
gehorcht nicht wie Pferd und Autorad dem Hirn und der Klugheit. Von jener
Insel, die schon hinter uns liegt und schwankt, wird kein neues Weltbild
geschaut und geformt.
Erreicht Ihr es nicht, Freunde, fehlte Euch Kraft und Fülle, aber nicht die
Berufung. Eure Torsos werden aber dann heller und reiner vom Geist heraus
marmorn strahlen. Irgendwie wird der Boden, auf dem sie stehen, ihnen
huldvoll und gnädig sein.