Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann
schon, ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das Ästhetische und
Artistische, das sich in müder Prätention auf den Oberflächen sehr sicher
lagerte, brach mit einem bestürzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx
gegenüber, die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg
machte dann die Atmosphäre aufs äußerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen
erwächst der Jugend, dem Nachwuchs, überhaupt der ganzen Masse der Dichter
und Künstler die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in
den Mittelpunkt. Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie
Zola es tat (der ein genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der
aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn
auch nicht künstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen)
vielmehr ist das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein
Deutlichermachen der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches
Hineinschwärmen, ein tapferes Reiten für die Internationale des Geistes.
Immerhin: es ist selbstverständlichstes Thema geworden, sogar so sehr, daß
die Polizisten dieses literarischen Links-Terrains schon
Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter auf Minnesang oder
Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, daß junge Leute statt
mit fester Arbeit mit tendenziösen und pazifistischen Gedichten sich in die
Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren. Es kam so
weit, daß, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus,
Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen
Verruf gekommen sind wie alle Altäre, deren Schwurempfänge die größten
Lügenposten sind. Die Aufrechten müssen flüchten aus den Zirkeln, die sie
selbst gegründet haben, weil die Hyänen mit den Masken der Frommen und
Begeisterten die Zäune übersteigen. Aber selbst diese äußersten Fälle haben
innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man muß
sie schon vor den eigenen Sklaven schützen. Unter dem Gesicht keines
Dichters aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon
so früh heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.
Er ist Elsässer, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit
Gottfried von Straßburg abgestoßen. Es gibt schlechthin in Deutschland
nichts, was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit
auch annähernd nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen
Figur erreichte. Seine Abstammung, seine Heimat rückten ihn in den
Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande
käme, hat die Vorsehung es wohl gewollt, daß die Verständigung im
Mittelpunkt Europas nicht erreicht würde. Denn hier mehr als am Balkan lag
das Gespenst. Und hatte unter der dritten französischen Republik auch
anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und Überwundenes, dem auf
internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum Bedeutung beimaß, so
sprengten beim ersten Anstoß die atavistischen militärischen Instinkte die
republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsaß-Lothringen als Kampfruf
die nationalistische Gebärde. In Deutschland war noch weniger
Verständigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Möglichkeit den Frieden
zu erhalten und die deutsch-französische Verständigung als »pivot de la
politique mondiale« zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an
Elsaß-Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das hätte
den Krieg gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als
Einsichtige in Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafür kämpften, war
niemand da, der, um sein Volk zu retten, dies bißchen Freiheit konzediert
hätte. Man war mit Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen großen
Katastrophen im Lager der Machthaltenden ist. Man schließt die Ventile, bis
die Kessel platzen. Die Vorsehung hat es wohl so dirigiert, daß die
Explosion ihr die erwünschte Möglichkeit war, Kräfte zu steigern und frei
zu machen. Aber einige wenige Köpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten
zu hoch schien, um diesen Preis zu erlangen, hatten wie Löwen und
Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es billiger zu haben. Sie kämpften
seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche heraufschwoll, den
elsässischen Reizkörper zu entfernen, indem sie ihm durch größere Freiheit
die Glätte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und Verwundung
zwischen den beiden Ländern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie dies die
große kulturschöpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzländer sein
muß, wo zwei der besten Völker der Erde sich schon so deutlich im Körper
und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehörte die geistige elsässische
Jugend, darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst
Stadler, dessen Herz ganz von einer großen Internationale dröhnte, und den
es zerriß, das heldenmütig tun zu müssen, was er aufs heißeste bekämpft
hatte: in dem Völkerhaß eine Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute
wollten für das Grenzland die Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.
Man hat nie begriffen, daß die Elsässer sich nie als Deutsche oder
Franzosen dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn überlegten. Sie
hatten lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elsässer zu
sein. Eine ganz eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder
der Geographie nach, sondern um ihrer Mentalität und ihrer überleitenden
aber hartnäckigen Situation halber waren. Übersahen sie ihren Standpunkt
und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von
Deutschland gar nichts, von Frankreich immerhin Einiges zu erwarten hatten.
Die Schwenkung nach Frankreich war also ein taktischer Schritt zur
Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die Bewegung wird nicht
stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so hinausführen, wie aus
Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die Autonomie da ist. Dann
wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoßene, reiche und paradiesische
Land, das diese Wanderung mit vielen Läuterungen, aber auch vielen
Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer neueren und
europäischeren Gesinnung und Berührung der Geister. Man muß sich das ohne
Haß und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede nationalistische
Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der seltsamsten
Prozesse im Werden, der für die neuen völkerschaftlichen Beziehungen von
einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er bedeutet das
Sichpräparieren eines Erdstücks auf den Übergang aus nationalistischen
Grenzen in sich selbst und darüber hinaus ein Zusammenführen der beiden
noch getrennten anderen Gebiete über sich ineinander. Ein Bindeglied, das
sich in beide auflöst und die beiden damit aus ihren Grenzen reißt und
entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsaß in sich trägt, seit jeher
aber nie erreichte, ist erst möglich, wenn es selbst im Zustand der letzten
Glücksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber
diesen Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren
schrie, Weltfrieden damit stützen, Militarismus damit stürzen, irgend einen
paradiesischen Zustand damit heraufführen wollte, es nicht erreichte, aber
auch im Zusammenbruch all seiner Pläne, im Krieg, die Fahne hochhielt,
immer höher: Schickele.
Er machte den Kampf gegen den Krieg. Alles, was eigentlich seither über
Politisches, Geographisches und Landschaftliches gesagt ist, ist über
Schickele gesagt. Es deckt sich vollauf das Persönliche und das Allgemeine.
Man muß diese Dinge sehr genau und mit aller Wahrheit und voll Nachdruck
sagen, damit sie unbefangen genommen und in ihrer ganzen Kühnheit begriffen
werden. Schickele kämpfte gegen den Krieg. Er stellte sich außerhalb dieser
Dinge, wo Feldherren und Völker sich töteten und die Grenzen der Länder wie
Goalstangen hin- und herschoben. Er nahm keine deutsche Partei. Aber auch
keine französische. Er trieb eine europäische Politik, und es mag sein, daß
er, Elsässer (das heißt weder Deutscher noch Franzose, sondern in diesem
Fall fast schon Bewohner eines fremden Sterns, denn wer war sonst außer
Planetenbewohnern ohne Haß), daß er als Elsässer, die Situation klug
bedenkend, taktisch denselben Ruck machte wie das Elsaß und den Sieg des
demokratischen Gedankens und der Befreiung des Elsaß mehr von einer
Demütigung des deutschen Militarismus erwartete als von der des
französischen. Hier muß ein Akzent gemacht werden. Schickele war nicht für
einen französischen Sieg, er war überhaupt für keinen Sieg, weil er nur ein
Imperium des Geistes liebte und jede Gewalt bekämpfte, sei sie für Wilhelm
den Zweiten oder für Lenin. Er glaubte höchstens, wie viele der besten
Deutschen, daß eine Niederlage des militaristischen Geistes das deutsche
Volk im Sinne der Humanität und der Liebe weiter seiner Vollkommenheit und
seiner Mission entgegenbringen werde. Sein Kampf war kühn, tapfer und
ehrlich. Aber er ist in die furchtbarste Lage gekommen. Die Menschen
verstanden ihn nicht. Die Deutschen schalten ihn Deserteur. Die Franzosen
machten eine Kampagne gegen ihn als Kompagnon Erzbergers und Beteiligten an
der deutschen Propaganda, obwohl Schickele Erzberger nicht kennt. Die
»Tägliche Rundschau« nennt ihn einen Vaterlandsverräter und übergießt ihn
mit jener Mayonnaise, die an Verleumdung, Verdächtigung und Deutsch der
Gosse ein wesentliches und penetrantes Requisit der alldeutschen Presse
ist. Der Führer der Elsässer, Grumbacher, der aus der Schweiz heraus den
Krieg bekämpfte, dämpft den französischen Aufruhr, indem er im Mühlhauser
»Republikaner« für Schickeles unantastbare Ehrlichkeit eintritt. Aber er
zeichnet Schickeles Bild nicht als das des Europäers, sondern malt seine
Gesinnung mit den Farben der Trikolore, den Farben, die nur den Durchmarsch
der Elsässer auf dem Weg zum eigenen Volk umgeben. Das verdirbt seine
Stellung wieder gegen Deutschland. Und kürzlich veröffentlicht die
französische Regierung den Erlaß, daß Schickeles Altersklasse zu den Fahnen
gerufen werde, als mobilisiert betrachtet sei. Und Schickele, durch die
Annexion seiner Heimat Franzose geworden, Schickele, der den deutschen
Militarismus bekämpft hat, steht dem französischen nationalistischen mit
der gleichen Geste gegenüber. Schält sich nicht aus so zwischen zwei
Fronten hin- und hergehetzter Figur, aus solch zwischen den Heerlagern der
Völker von Mißverständnissen umwölkter Person die europäische reine
Menschlichkeit? Die Linie seines Geistes liegt von vornherein klar. Seine
Taktik, sein menschlich sichtbarer Weg ist der seines Landes. Nur Narren
können hier verwechseln und die Idee da nicht sehen, wo sie schon siegt.
Was Schickele in solchem Kampf zu sagen hat, das ist die »Genfer Reise«. Es
ist ein Buch, so üppig wie seine Landschaft, mit schräger Sonne und
muskulösen, herben, doch von starker Grazie geführten Vogesenzügen, an
deren Abhängen der Wein wächst und über denen französische Winde und
deutsche Wolken stehen. Dieses Buch ist locker komponiert. Es schlingen
sich Marginalien um eine Reise von Zürich nach Genf. Aber immerhin ist in
dem Buch das Bedeutendste gesagt, was ein Dichter Geistiges über den Krieg
gesagt hat. In Sätzen von blühendster Kraft und springender Schönheit
verblutet ein europäisches Herz, das keinen Augenblick bereut, sich an
einen Ort begeben zu haben, dessen unerhörte Kühnheit den Lebenden noch zu
nah ist, um gebilligt zu werden, dessen großer Kampf gegen den Kampf und
das heißt gegen die Welt, aber nie das tapfere Echo verlieren wird, solange
noch Jünglinge da sind und mutige Männer, die den Herzschlag weitertragen
in eine Epoche, die unsere Zeit mit dem Abscheu besieht, den das wahre
Menschliche der Barbarei gegenüber unentwegt getragen hat. In dem Buch
stehen Novellen, die Essais sind. Aufsätze von der Anmut tiefer Erzählungen
und der spröden Glätte und Durchsichtigkeit der Sprache. Es ist bezaubernd
und weise. Spielerisch, aber unter der vollendeten Form das Tiefste nicht
verschweigend. Als selbstverständlich und darum aus leichtem Handgelenk
gebend, was eigentlich großes Wagnis und überzeitliche Kühnheit ist. Die
Hüften der früheren schönen Göttinnen sind darin gemalt, die
Säulenheiligen, der duftige Mai, in dem die Kathedralen liegen, die
heidnische Fruchtbarkeit eines Landes, das eine Normandie hat und
gleichzeitig bis in die Levante sich schiebt. Dazu ist die Blondheit, die
Strenge des Gemüts des Germanen gegeben. Zur Phrase die Sachlichkeit. Der
sittliche Ernst zur Begeisterung. Das tieflangende Schwert zum schmalen
Segelboot. Etwas ganz Germanisches, das sich auflöst in schöne
Segelschwünge. Ein schweres Flugzeug manchmal mit zärtlicher
Flügelstellung. So und ähnlich ist die Tragödie des Menschen im Krieg
beschrieben. Die Not des Geistigen und die tiefe Trauer dessen, der aus dem
Hüben und Drüben zu einem Über-beiden-sein will. Das Buch ist locker
komponiert, weil es viel umfassen will, es ist ungemein viel geschaut und
gezeichnet, was an Ideen und Menschen Schatten warf gegen die Wand dieses
neutralen Landes. Der geistige Mensch reißt sich unter heftigsten Qualen
von allem los und läutert sich langsam zu den übernationalen Erkenntnissen
des reinen Geistes. Wenn einmal das, was heut noch französischer Mensch,
deutscher Mensch heißt, in einer utopischen, aber nicht weniger realen Zeit
sich zum Idealtyp mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war
alles bereits in ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Gründlichkeit,
die deutsche Barke einen grazilen Fock. Auch wurde hier mit Tapferkeit der
Seele mehr wie von Priestern der Konfessionen und nicht minder fanatisch
und bis ins letzte brav und ehrlich wie von jenem Rabbi Jeschua von
Nazareth, männlich und zwischen den Schlachten der Welt, Liebe gepredigt.
Man wird sehr verblüfft sein über die Entdeckung.