5. Dichter -- Zeit -- René Schickele

Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann

schon, ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das Ästhetische und

Artistische, das sich in müder Prätention auf den Oberflächen sehr sicher

lagerte, brach mit einem bestürzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx

gegenüber, die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg

machte dann die Atmosphäre aufs äußerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen

erwächst der Jugend, dem Nachwuchs, überhaupt der ganzen Masse der Dichter

und Künstler die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in

den Mittelpunkt. Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie

Zola es tat (der ein genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der

aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn

auch nicht künstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen)

vielmehr ist das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein

Deutlichermachen der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches

Hineinschwärmen, ein tapferes Reiten für die Internationale des Geistes.

Immerhin: es ist selbstverständlichstes Thema geworden, sogar so sehr, daß

die Polizisten dieses literarischen Links-Terrains schon

Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter auf Minnesang oder

Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, daß junge Leute statt

mit fester Arbeit mit tendenziösen und pazifistischen Gedichten sich in die

Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren. Es kam so

weit, daß, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus,

Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen

Verruf gekommen sind wie alle Altäre, deren Schwurempfänge die größten

Lügenposten sind. Die Aufrechten müssen flüchten aus den Zirkeln, die sie

selbst gegründet haben, weil die Hyänen mit den Masken der Frommen und

Begeisterten die Zäune übersteigen. Aber selbst diese äußersten Fälle haben

innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man muß

sie schon vor den eigenen Sklaven schützen. Unter dem Gesicht keines

Dichters aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon

so früh heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.

Er ist Elsässer, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit

Gottfried von Straßburg abgestoßen. Es gibt schlechthin in Deutschland

nichts, was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit

auch annähernd nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen

Figur erreichte. Seine Abstammung, seine Heimat rückten ihn in den

Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande

käme, hat die Vorsehung es wohl gewollt, daß die Verständigung im

Mittelpunkt Europas nicht erreicht würde. Denn hier mehr als am Balkan lag

das Gespenst. Und hatte unter der dritten französischen Republik auch

anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und Überwundenes, dem auf

internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum Bedeutung beimaß, so

sprengten beim ersten Anstoß die atavistischen militärischen Instinkte die

republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsaß-Lothringen als Kampfruf

die nationalistische Gebärde. In Deutschland war noch weniger

Verständigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Möglichkeit den Frieden

zu erhalten und die deutsch-französische Verständigung als »pivot de la

politique mondiale« zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an

Elsaß-Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das hätte

den Krieg gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als

Einsichtige in Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafür kämpften, war

niemand da, der, um sein Volk zu retten, dies bißchen Freiheit konzediert

hätte. Man war mit Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen großen

Katastrophen im Lager der Machthaltenden ist. Man schließt die Ventile, bis

die Kessel platzen. Die Vorsehung hat es wohl so dirigiert, daß die

Explosion ihr die erwünschte Möglichkeit war, Kräfte zu steigern und frei

zu machen. Aber einige wenige Köpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten

zu hoch schien, um diesen Preis zu erlangen, hatten wie Löwen und

Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es billiger zu haben. Sie kämpften

seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche heraufschwoll, den

elsässischen Reizkörper zu entfernen, indem sie ihm durch größere Freiheit

die Glätte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und Verwundung

zwischen den beiden Ländern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie dies die

große kulturschöpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzländer sein

muß, wo zwei der besten Völker der Erde sich schon so deutlich im Körper

und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehörte die geistige elsässische

Jugend, darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst

Stadler, dessen Herz ganz von einer großen Internationale dröhnte, und den

es zerriß, das heldenmütig tun zu müssen, was er aufs heißeste bekämpft

hatte: in dem Völkerhaß eine Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute

wollten für das Grenzland die Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.

Man hat nie begriffen, daß die Elsässer sich nie als Deutsche oder

Franzosen dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn überlegten. Sie

hatten lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elsässer zu

sein. Eine ganz eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder

der Geographie nach, sondern um ihrer Mentalität und ihrer überleitenden

aber hartnäckigen Situation halber waren. Übersahen sie ihren Standpunkt

und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von

Deutschland gar nichts, von Frankreich immerhin Einiges zu erwarten hatten.

Die Schwenkung nach Frankreich war also ein taktischer Schritt zur

Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die Bewegung wird nicht

stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so hinausführen, wie aus

Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die Autonomie da ist. Dann

wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoßene, reiche und paradiesische

Land, das diese Wanderung mit vielen Läuterungen, aber auch vielen

Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer neueren und

europäischeren Gesinnung und Berührung der Geister. Man muß sich das ohne

Haß und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede nationalistische

Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der seltsamsten

Prozesse im Werden, der für die neuen völkerschaftlichen Beziehungen von

einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er bedeutet das

Sichpräparieren eines Erdstücks auf den Übergang aus nationalistischen

Grenzen in sich selbst und darüber hinaus ein Zusammenführen der beiden

noch getrennten anderen Gebiete über sich ineinander. Ein Bindeglied, das

sich in beide auflöst und die beiden damit aus ihren Grenzen reißt und

entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsaß in sich trägt, seit jeher

aber nie erreichte, ist erst möglich, wenn es selbst im Zustand der letzten

Glücksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber

diesen Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren

schrie, Weltfrieden damit stützen, Militarismus damit stürzen, irgend einen

paradiesischen Zustand damit heraufführen wollte, es nicht erreichte, aber

auch im Zusammenbruch all seiner Pläne, im Krieg, die Fahne hochhielt,

immer höher: Schickele.

Er machte den Kampf gegen den Krieg. Alles, was eigentlich seither über

Politisches, Geographisches und Landschaftliches gesagt ist, ist über

Schickele gesagt. Es deckt sich vollauf das Persönliche und das Allgemeine.

Man muß diese Dinge sehr genau und mit aller Wahrheit und voll Nachdruck

sagen, damit sie unbefangen genommen und in ihrer ganzen Kühnheit begriffen

werden. Schickele kämpfte gegen den Krieg. Er stellte sich außerhalb dieser

Dinge, wo Feldherren und Völker sich töteten und die Grenzen der Länder wie

Goalstangen hin- und herschoben. Er nahm keine deutsche Partei. Aber auch

keine französische. Er trieb eine europäische Politik, und es mag sein, daß

er, Elsässer (das heißt weder Deutscher noch Franzose, sondern in diesem

Fall fast schon Bewohner eines fremden Sterns, denn wer war sonst außer

Planetenbewohnern ohne Haß), daß er als Elsässer, die Situation klug

bedenkend, taktisch denselben Ruck machte wie das Elsaß und den Sieg des

demokratischen Gedankens und der Befreiung des Elsaß mehr von einer

Demütigung des deutschen Militarismus erwartete als von der des

französischen. Hier muß ein Akzent gemacht werden. Schickele war nicht für

einen französischen Sieg, er war überhaupt für keinen Sieg, weil er nur ein

Imperium des Geistes liebte und jede Gewalt bekämpfte, sei sie für Wilhelm

den Zweiten oder für Lenin. Er glaubte höchstens, wie viele der besten

Deutschen, daß eine Niederlage des militaristischen Geistes das deutsche

Volk im Sinne der Humanität und der Liebe weiter seiner Vollkommenheit und

seiner Mission entgegenbringen werde. Sein Kampf war kühn, tapfer und

ehrlich. Aber er ist in die furchtbarste Lage gekommen. Die Menschen

verstanden ihn nicht. Die Deutschen schalten ihn Deserteur. Die Franzosen

machten eine Kampagne gegen ihn als Kompagnon Erzbergers und Beteiligten an

der deutschen Propaganda, obwohl Schickele Erzberger nicht kennt. Die

»Tägliche Rundschau« nennt ihn einen Vaterlandsverräter und übergießt ihn

mit jener Mayonnaise, die an Verleumdung, Verdächtigung und Deutsch der

Gosse ein wesentliches und penetrantes Requisit der alldeutschen Presse

ist. Der Führer der Elsässer, Grumbacher, der aus der Schweiz heraus den

Krieg bekämpfte, dämpft den französischen Aufruhr, indem er im Mühlhauser

»Republikaner« für Schickeles unantastbare Ehrlichkeit eintritt. Aber er

zeichnet Schickeles Bild nicht als das des Europäers, sondern malt seine

Gesinnung mit den Farben der Trikolore, den Farben, die nur den Durchmarsch

der Elsässer auf dem Weg zum eigenen Volk umgeben. Das verdirbt seine

Stellung wieder gegen Deutschland. Und kürzlich veröffentlicht die

französische Regierung den Erlaß, daß Schickeles Altersklasse zu den Fahnen

gerufen werde, als mobilisiert betrachtet sei. Und Schickele, durch die

Annexion seiner Heimat Franzose geworden, Schickele, der den deutschen

Militarismus bekämpft hat, steht dem französischen nationalistischen mit

der gleichen Geste gegenüber. Schält sich nicht aus so zwischen zwei

Fronten hin- und hergehetzter Figur, aus solch zwischen den Heerlagern der

Völker von Mißverständnissen umwölkter Person die europäische reine

Menschlichkeit? Die Linie seines Geistes liegt von vornherein klar. Seine

Taktik, sein menschlich sichtbarer Weg ist der seines Landes. Nur Narren

können hier verwechseln und die Idee da nicht sehen, wo sie schon siegt.

Was Schickele in solchem Kampf zu sagen hat, das ist die »Genfer Reise«. Es

ist ein Buch, so üppig wie seine Landschaft, mit schräger Sonne und

muskulösen, herben, doch von starker Grazie geführten Vogesenzügen, an

deren Abhängen der Wein wächst und über denen französische Winde und

deutsche Wolken stehen. Dieses Buch ist locker komponiert. Es schlingen

sich Marginalien um eine Reise von Zürich nach Genf. Aber immerhin ist in

dem Buch das Bedeutendste gesagt, was ein Dichter Geistiges über den Krieg

gesagt hat. In Sätzen von blühendster Kraft und springender Schönheit

verblutet ein europäisches Herz, das keinen Augenblick bereut, sich an

einen Ort begeben zu haben, dessen unerhörte Kühnheit den Lebenden noch zu

nah ist, um gebilligt zu werden, dessen großer Kampf gegen den Kampf und

das heißt gegen die Welt, aber nie das tapfere Echo verlieren wird, solange

noch Jünglinge da sind und mutige Männer, die den Herzschlag weitertragen

in eine Epoche, die unsere Zeit mit dem Abscheu besieht, den das wahre

Menschliche der Barbarei gegenüber unentwegt getragen hat. In dem Buch

stehen Novellen, die Essais sind. Aufsätze von der Anmut tiefer Erzählungen

und der spröden Glätte und Durchsichtigkeit der Sprache. Es ist bezaubernd

und weise. Spielerisch, aber unter der vollendeten Form das Tiefste nicht

verschweigend. Als selbstverständlich und darum aus leichtem Handgelenk

gebend, was eigentlich großes Wagnis und überzeitliche Kühnheit ist. Die

Hüften der früheren schönen Göttinnen sind darin gemalt, die

Säulenheiligen, der duftige Mai, in dem die Kathedralen liegen, die

heidnische Fruchtbarkeit eines Landes, das eine Normandie hat und

gleichzeitig bis in die Levante sich schiebt. Dazu ist die Blondheit, die

Strenge des Gemüts des Germanen gegeben. Zur Phrase die Sachlichkeit. Der

sittliche Ernst zur Begeisterung. Das tieflangende Schwert zum schmalen

Segelboot. Etwas ganz Germanisches, das sich auflöst in schöne

Segelschwünge. Ein schweres Flugzeug manchmal mit zärtlicher

Flügelstellung. So und ähnlich ist die Tragödie des Menschen im Krieg

beschrieben. Die Not des Geistigen und die tiefe Trauer dessen, der aus dem

Hüben und Drüben zu einem Über-beiden-sein will. Das Buch ist locker

komponiert, weil es viel umfassen will, es ist ungemein viel geschaut und

gezeichnet, was an Ideen und Menschen Schatten warf gegen die Wand dieses

neutralen Landes. Der geistige Mensch reißt sich unter heftigsten Qualen

von allem los und läutert sich langsam zu den übernationalen Erkenntnissen

des reinen Geistes. Wenn einmal das, was heut noch französischer Mensch,

deutscher Mensch heißt, in einer utopischen, aber nicht weniger realen Zeit

sich zum Idealtyp mischt, wird ein Name ausgegraben: Schickele. Es war

alles bereits in ihm. Der gallische Hahn hatte hier schon Gründlichkeit,

die deutsche Barke einen grazilen Fock. Auch wurde hier mit Tapferkeit der

Seele mehr wie von Priestern der Konfessionen und nicht minder fanatisch

und bis ins letzte brav und ehrlich wie von jenem Rabbi Jeschua von

Nazareth, männlich und zwischen den Schlachten der Welt, Liebe gepredigt.

Man wird sehr verblüfft sein über die Entdeckung.

Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart · 第 13 / 28 题