Immer haben die jammervollsten Kämpfe der Menschen ihren eigenen Gesetzen
gegolten und nie war ihre Verzweiflung größer, als wenn sie sich in den
Maschen der kühl erdachten Normen in dem Augenblick verfingen, als ihr Blut
heiß und ihre Leidenschaft so groß war, daß nichts mehr zwischen ihnen und
dem Schicksal stand. Stets kam die Tragik unaufhaltsam bis in die
erbärmlichsten Kalküls der Menschheit, wo sie lächelte statt zu erstarren.
Nie haben Pensionierte aufgehört, die Glänzenden zu hassen. Bürger greinen
hinter den Freien. Staatliche Autoritäre haben immer die unabhängigen
Führer verfolgt. Nie hat das Starre versäumt, sich gegen das Bewegende zu
verschwören, und keine Idee hat, wenn sie in die Tatsache übertrat, sich
nicht sofort verleugnet und gegen sich selbst gekehrt. Als die Menschen das
Gesetz erfanden, wichen die efeubekränzten, Pauken zur Flöte mischenden,
Bacchantinnen in die thebanischen Wälder, und die Unzucht der Paragraphen
ersann sich die scheußliche Mißgeburt des öffentlichen, bezahlten und zur
Anklage verpflichteten Beamten. Das Gesetz nahm das intellektuelle Monocle
ins Auge, den Staatsanwalt; und die Maschine der Gerechtigkeit erhielt die
Musik der Vorstädte und der Verdammten, den Grammophonschrei, die blecherne
Tirade. Die Humanität hatte einen starken Arm und spießte, ihrem Zeitalter
nicht unwürdig, auf Degenspitzen die Opfer wie Gänseherzen über den Rost.
Der Haß gegen die Dichtung, die sich frei und ohne Zirkular bewegte, blieb
immer in der Luft dieser Säle. Die Autodafés rauchten, aber man hat nie
aufgehört das edelste Wild zu jagen. Die Gerichte waren immer Tempel der
Reaktion, und die Politik hat ganze Arbeit mit ihnen gemacht. Vom Fall
Dreyfus bis zu den Mördern der Landauer, Luxemburg, Liebknecht läuft eine
Idee. Aber die Romanen haben irgendwie die Hartnäckigkeit ihres Geistes
gegen die Formeln in jahrelangen Kämpfen bewahrt. Zola hat gesiegt, als er
sich gegen das Dumpfe erhob und Dreyfus gerettet. Flaubert errang vor den
Assisen, der unzüchtigen Dichtung angeklagt wegen der »Bovary«, einen
Triumph. Die Deutschen verurteilten achtzehnhundertfünfunddreißig Gutzkow
und mit seinem Werk die Freiheit überall, wo sie sich regte. Später setzten
sie in Dresden ihm ein Denkmal. Das Blamabelste vollzog sich in Leipzig,
als von Nichts berührte Richter im Juni achzehnhundertneunzig Alberti,
Conradi, Wallot verurteilten und damit den Sinn ihrer Maschine und die
Duldsamkeit der offiziellen Deutschen gegen den Geist in nie gut zu
machender Geste verrieten.
Die Geschichte dieses Prozesses darf nicht vergessen werden.
Sie war kunterbunt und einfältig aber nicht ohne Warnung. Enkel und
Optimisten werden ihre Freude daran haben, aber die Tieferschauenden werden
grausen, wenn sie bedenken, wohin mancher Weg von heute im Zeitpark zu
führen vermag. Die Verantwortungsvollen haben ihr sicheres Gefühl, das
ihnen Ziel und Richtung ohne Unterlaß bestätigt. Wohl werden Hexen nicht
mehr auf die Märkte ins Feuer geschleift, aber die Dummheit liebt wie immer
die Symbole des Geistes zu zerstören, um im Stande der Macht gerne die
Roheit des Siegers auch in den einfachsten Realitäten wieder zu genießen.
Man ist am bequemsten eingerichtet, wenn das idiotische Gewissen die
herrlichsten Formen der Vergangenheit am deutlichsten wieder in Übung
nimmt, das hat jede Historie gezeigt und jede Entwicklungsempirie des
menschlichen Herzens.
Leider kann man keine Apologie dieser Dichter geben, sie waren nichts. Aber
nicht mehr und nicht weniger als ihre Zeit, die sie schließlich vertraten.
Man schrieb den Dingen das Gesicht und den Leib nach, vergaß auch das
Unaussprechliche nicht, die Kanäle und das Geschlecht. Vielleicht betonte
man es heftiger, weil Paul Heyse und der Teutone Wildenbruch gar zu sehr
darüber geschwiegen. Man stritt um die Bagatellen, daß auch, statt
zuckriger Linien solche von Kot, gut gemalt, bedeutsam seien. Am Schluß war
alles doch nur kindische Photographiererei und Provinz des Dichterischen.
Von der ganzen Prosa ist ja nichts geblieben. Zola, ein Riese, kam aus
monumentalen Talentgründen nur hoch darüber in sphärischere Luftschicht.
Die anderen vergaß man bald, Doch haben sie, tapfer und eigentlich mehr
Opfer als Führer so lumpiger Epoche, Bestes gewollt und mit Anstand
gestritten. Auch hat der damalige Geistseismograph sie zu den bekanntesten
und erlesensten Schriftstellern des Realismus angezeigt, was Geheime
Hofräte schließlich und auch ein fürstliches Kabinett bezeugten. Aber als
man sie verurteilte, hat nicht Deutschland einen Augenblick stillgestanden.
Kein Atemzug hat das Volk aufhorchen lassen. Niemand hat daran gedacht, daß
hier die tollste Kavalkade der Dummheit sich in das Fleisch der Kultur
trieb. Zynisches blieb da und machte frivole Mätzchen. Der Dichter war den
Menschen ein bunter Wolf, den hinterm Gitter man gern sah, dessen Berührung
aber irgendwie beflecken mußte und wo man nie Garantien hatte, daß er nicht
um sich biß oder gegen Regierung und offizielles Moralgesetz Ketzereien
sagte. Das Urteil des Gerichts wird vor der Zeit gegen die Richter
gesprochen, denn man kann die Freiheit nicht in Schutzmannshände geben und
sie hat noch nie, wie jener Alberti von sich sagte, die Ehre gehabt, vor
einem Gerichtshof zu erscheinen. Die Götter zahlen keine dreihundert Mark
an fiskalische Kassen, weil sie »gröblich die Scham- und
Sittlichkeitsgefühle mit unzüchtigen Schriften verletzten«. Wer den Geist
insultiert, behängt sich selbst mit Fäkalischem. Die Dichter selbst, gegen
die man sprach, wurden nur Träger des Mißverständnisses wie tausend vor
ihnen, an denen sich in der Wut auf das Überlegene der Pöbel der Macht
vergriff.
Auch war man über nichts im klaren. Seltsame soziale Schwärmer: M. G.
Konrad beschwor Wilhelm den Zweiten sich der Überschwemmung durch
ausländische Literatur entgegenzusetzen. Conradi grüßte im Kaiser den
Führer der Neuen Generation. Man hatte gar keine Grundbegriffe, sonst hätte
solche Narretei sich nicht vollziehen dürfen. Conradi starb an den
Aufregungen des Prozesses später, und machte es oben aus, was ihn unten
erwartete, wo man Gefängnisse öffnete, weil er in die Nähe des Namens
Christi das Wort »verrecken« setzte, ohne daß er anderes wollte, als den
schweren Tod intensiver zu geben. Selbst der Figaro schrieb, die junge
naturalistische Generation erwarte vieles von diesem Kaiser, und durch
irgendwelche Manipulation geschah es in der Tat, daß Heinrich Hart eine
Staatsunterstützung erhielt, um einen Humanitätsgesang unbeschwert zu
schreiben. Die Anklage des Gerichts aber enthielt mit dem Aufgebot
dreitägiger Verhandlung als Inkriminiation zwei Stellen: »und starrte
verschlafen auf die weißen, wie Weiberbusen schimmernden Hügel«. Der
Staatsanwalt stößt sich daran, daß ein Kleid zu eng war, daß ein Korsett
geöffnet wurde, und daß Menschen Fleisch haben, schließlich aber auch, daß
das Weiße des Spitzenbesatzes durch die oberste Öffnung der Robe
geschimmert habe. Als der Dichter auf diese Sätze im Plaidoyer kommt, wird
die Öffentlichkeit entfernt. Wie ein Sachverständiger erwähnt, in Italien
stille man öffentlich, unterbricht ihn der Präsident ängstlich. Das Leben
wird in dieser Atmosphäre eine staatlich regulierte Maschine. Man hat von
Kind auf gelernt, wo man sich zu schämen, wo zu schweigen, wo zu reden hat.
Lang nach Beginn der Verhandlung verteilt man die Bücher. Der Rechtsanwalt
ruft: »Der Staatsanwalt verteilt unzüchtige Literatur«. Kein Richter hatte
eine Ahnung, um was es sich handelt. Dem Gerichtshof ist literarischer
Gebrauch, dichterisches Unternehmen höllisch entfernt. Er soupsonniert,
Freiexemplare seien von den Autoren verlangt, um sie unter der Hand
schielend und bückend zu verkaufen. Daß Dichter Geld erhielten für ihr
Werk, kommt ihnen schamlos vor, die sich besolden lassen, um Urteile zu
fällen, grausam zu sein, im Schmutz zu wühlen. Im frommeren Mittelalter war
der Beruf des Henkers schändlich, und die Ritter zogen als Dichter auf den
Pferden. Im Zeitalter gewonnener Kriege und beginnenden Autorennen ist der
Dichter ein Aussatz, der öffentliche Ankläger jeder Würde wert. Sinn für
menschlichen Anstand und die Würde der Tätigkeit ist verloren, eine
Verdrehung des Gesichtsfelds von schauderhafter Groteske beginnt und würgt
sich in der eigenen Lende ab bis zum Krieg. Der medizinische
Sachverständige ist der berufenste. Stände er fest auf dem Standpunkt, im
Zustand des Schöpferischen sei der Dichter verminderten Bewußtseins, der
freien Bestimmung ausgeschlossen, der Präsident schlösse die Akten, spräche
frei. Der Fall läge wie Trunksucht, zu Imbezillen und Mikrozephalen
verwiese man den Träger der symbolischen Fackel. Nichts bestände, die
Ausnahme zu konstatieren, die Zusammenhänge lägen kurioser. Von den
Unterschieden wäre wenig die Rede. Die Seele ist in der Bürokratie einer
Gesellschaft in solche Schablonen verraten worden, daß auch der
schamloseste Inzest sich nicht mehr begreift. Man hat hier nicht einmal wie
Makart und Fragonard gemalt, mehr wie Hogarth, aber das Düstere ist
verfehmter wie wollüstiger Glanz diesen Menschen, die immer nur den Staat
sehen, die blitzende, fressende Maschine eines kaiserlichen,
traditionslosen und schneidigen Zeitalters. Wie Alberti, dessen Partie als
Jude von vornherein verloren, sich auf Hebbel beruft und den Staatsanwalt
Nagel in Parenthese fragt, ob er ihn kenne, antwortet der: »Nein, sind
seine Schriften in Leipzig erschienen?« Redet er von Goethes Tagebüchern,
unterbricht ihn das Monocle, ob es sich um eine Publikation des Verlages
Dettmann handle. Ihm dämmert hinter dem Glas, daß der Verlag steckbrieflich
verfolgt sei. Man kann nicht davon reden, daß hier Stil fehle oder daß der
Apparat nicht von einer Eindeutigkeit und Ausprägung sei, die Bewunderung
verlange. Alberti muß vierzig Mark niederlegen, als er diesem Beamten sagt:
er erlaube sich zu behaupten, daß auch Staatsanwälte es gebe, die den Ovid
nicht begriffen. Das Einauge faucht. Die Macht wird eingeschaltet. Jedes
Jahrhundert hat die Blamage, die es verdient.
Was ist Kunst? Begreifbar wie eine Wage, eine Algebra, eine Manipulation?
Wehrt keinen die Scheu, von ihr zu reden? Jeder Plattkopf findet den Mut
sich zu äußern und Respekt haben sie nur noch vor Spezialisten des U-Boots
und der Parsevale, denen Wissenheit der Sanskrite und Etymologen schon
humoristisch vorkommt, da es erwerbloses Gut ist und nichts einbringt den
Häschern des Geldes. Da nur Geld ihnen gleich Geld gesetzt Wert wird,
finden sie es anmaßend, auch nur den Geist gleich Geld zu setzen und
nivellieren ihre Landschaft nur nach Kapital. Sie häufen und bremsen,
schlingen das Überlegene in die Räder wie die stumme Materie, bis das Eisen
sich durchfrißt am stärkeren Weltstoff. Dann stehen sie atemlos vor der
Katastrophe. Ihre Besessenheit und der Frevel ist ihnen nicht bewußt und
sie waren mit Blindheit gegeißelt, als sie sich am Licht vergriffen. Sie
praßten innen in einer Welt, an deren Stacheldrähten die Dichter entlang
strichen. Manchmal trieben sie einen Stier ihnen hinaus, daß sie ihn
schlachteten, aber anderen Tages ließen sie sie in Kostümen paradieren und
freuten sich des Spektakels. Einmal sollte der Tag kommen, wo dieser
Gesellschaft die Rechnung schwer auf die Stirne gelegt und die Sünde der
Generation auf Schultern geladen ward, die aus der Tragik, die die Welt
spaltet, nicht aus ihrem eigenen Verschulden, ihnen als Erbteil werden
sollte. Als sie den Nazarener übers Kreuz nagelten, Galilei peinigten,
waren es Dieselben und meinten sie das Gleiche, als sie Heinrich Mann
beschlagnahmten und nach der glorreichen deutschen Revolte Sternheim so
unterdrückten, wie sie Unruh und Kerr in den dunklen Monaten vor dem
Festungwerden der Welt beschlagnahmt hatten. Es sind immer die Gleichen und
der Ton ist derselbe verschwörerische internationale, den jedes Jahrhundert
und jede Sprache findet, wenn die Bedlamiten das heilige Beil gegen die
Tapferen aus der Erdrinde graben.
Niemand kann den Mut finden in eine Diskussion einzutreten, die ernstlich
die Gegenüberstellung eines Gerichts und des Geistes, der die Kunst
darstellt wie jede menschliche Erhebung, versuchte, ein Gelächter würde in
den Wolken entfacht, das benachbarte Planeten infizierte und unseren
Irrsinn ihnen denunzierte. Das Wort will immer das Unfaßbare töten. Der
Paragraph hat den Neid auf die Freiheit. Die Cochonnerien werden
entschlüpfen, indem sie sich verkleiden, das geile Aufreizende, das
verführt und sich enthält, die drittklassige Erotik werden lächeln und
siegen. Das Logische wird das Falsche treffen, den Vorgang verwechseln mit
dem Unwägbaren, was dahinter steht, der Form, der Gestaltung. Plumpe Finger
werden selbst bei gutem Willen das Gute bluten lassen und die versteckte
Ethik verfällt dem Gesetz. Wie Meer und Blitz und Erschütterung hassen sie
das Direkte, und das Elementare ist von den Menschen stets verabscheut und
gefürchtet worden, weil es ihre mühsamen Dämme einreißt, an deren Richtung
und Stärke sie ihr Selbstbewußtsein und nichtige Größe gern vergleichen.
Eine Umarmung und ein Donner sind Dinge voll Ehrfurcht und heilig gewesen,
solange wir einfältig und einfach waren. Als wir uns in die Städte begaben
und Moses vom Sinai abstieg, verloren wir die Spur der Erschütterungen und
begannen ihnen feind zu werden. Das Zupackende ist ursprünglich und schön,
ein Sommerregen, zwei verkettete Falter, der Sprung des Hengstes sind
Äußerungen der erhabenen zeugenden Kraft. Es waren die schmutzigen Tiere,
die den anderen die Unreinlichkeit vorwarfen und die Systeme haben erst das
Menschliche geschändet, als sie begannen, es zu untersuchen.
Staatsanwälte, die ahnungslos vor der Wucht künstlerischer und geistiger
Fragen das Leben mittelmäßiger Beamten zwischen Zahlenerörterungen und
Bestimmungen vollbringen, stehen heute noch am Rande der Seelenäußerungen
und zählen mit Uhr und staatlichem Messer Erlaubtes und Verfehltes als
letzte Kompetenz. Der Zustand ist schamlos. Urenkel werden sich auf die
Beine schlagen vor Entzücken. Unseren Kindern wird es vielleicht vorkommen
wie Besuchern von Folterkammern in unseren Tagen.
»Haben sie keinen Areopag gehabt,« werden sie fragen, »wenn sie wirklich
Angst hatten, daß ein Volk von den Dichtern verführt und verdorben werde
(statt auf Staatsmänner und Generale zu schauen), hatten sie keinen
geistigen Areopag, vor dem sie ihre Gesetze sich selbst machen konnten?
Mußten zwischen Dieben und Mördern sie auf den Anklagebänken sitzen vor
Richtern, die ihre erlesensten Repräsentanten nicht kannten? Haben ihre
Generäle selbst nach den Revolutionen je vor Tribunalen gestanden, die den
Rang der Leutnante und der Divisionsführer nicht zu unterscheiden wußten?
Und ist nicht, auch ohne rote Bestreifung der Pantalone und
Goldverbuckelung ihrer Schultern das geistige Gesetz, das hier nur
unterschied, von feinerer Substanz? Hat man das höchste Menschliche so
wenig mehr gekannt, daß man selbst, als die Völker begannen, sich selbst zu
regieren, so gering es bewertete, ja es noch unter die Kaste jener Mörder
stellte, die die Landsleute zu Millionen um der Bereicherung willen
schlachten ließen? Ist so tief der Schlamm der Jahrtausende um sie gehäuft
gewesen, daß sie das Tönen darüber so wenig metallen erhörten?
Ach wie ist unser Leben doch besser und unsere Einsicht, so gering sie noch
ist vor der großen Erhöhung des Lebens, daß wir doch wenigstens begonnen
haben zu unterscheiden, wenn auch vom Erkennen und Befolgen oder gar dem
Erreichen wir unsterblich noch entfernt sind. Diese Armen, die noch nicht,
so stolz sie sich gebärdeten, sahen, daß sie immer ins Blinde schlugen,
wenn sie reglementieren wollten, was über ihnen ist, daß sie das Schlimme
sich zufügten, wenn sie das Lebendige fesselten, die noch nicht verstanden,
daß aus dem Künstlerischen allein ihnen das ehrfurchtgebietende göttliche
Gesicht entgegenstrahlt, und wie sie mit glasbeäugten Affen es schändeten
und daß das einzige und letzte Gesetz nur die große und gütige Bewegung
ist, die den Geist entläßt, im Widerspiel der Kräfte sich auszuwirken: die
Freiheit. Daß aber keiner unter ihnen war, der, wohl lächelnd, aber doch
voll Zorn gegen die Blödheit seiner Zeit auf einen Sockel stieg und schrie:
Auf Kameraden! Daß niemand sich reckte und unter einem abendlichen Himmel
oder aus einem übermäßig schönen Garten zwischen den hüpfenden Wassern
ihnen die Liste vorlas der großen Namen und der Geschehnisse der
Leidenschaft und Liebe von den Göttern her, Leda und Europas Abenteuer,
Noas Scham, Sarahs Verkauf, von Lea, Hagar, von Thamar, Aristophanes
Lysistrata, Trimalchios Szenen. Siegfried bei Brünhilde, die Töchter Loths,
den Boccaccio, den Simplizissimus, Macchiavell, Cervantes, Plato, sogar die
deutschen Klassiker, über die das Volk so beruhigt ist, daß in ihrem
sicheren Besitz es geistlos bis in die Ewigkeit gern schliefe. Und Homer am
Ende, wo lieblich und anmutig die Götter alle um Vulkan und Venus traten,
Witze machten und sich des Spieles erfreuten. Und daß nicht alle dann sich
aufmachten, zu zeigen, Begeisterung sei nicht erstorben, und in
herostratischer Tat sich bewiesen, alle sich in die Maschine begaben und
sich konfiszieren ließen, damit es heiße, nur der sei kein Dichter, der
nicht dem Moloch geopfert und nicht verboten sei. Das wären Taten gewesen.
Daß keiner aufstand und das Monocle einwarf, das den Geist schund! Aber es
scheint, sie wußten nur, wenn sie _schrieben_, was Rausch und Welt war und
gestalteten nur Träume, nicht tapfer genug als Leute der Welt und
Überlegene ebenso zu leben wie sie dachten, und außerstande die Rolle
einzunehmen, die ihnen vom Geist her zukam. Sie wußten, wenige ausgenommen,
vielleicht nicht, daß Leben nicht nur über ihnen, sondern in ihnen war.
Nicht einmal Hohn kannten sie, wo an Handlung es schon fehlte. Arme Dächse,
die den Geist so verkannten, daß sie ihn anbeten, aber nicht zu erleben
vermochten.«
Sie werden voll Mitleid neben der Verwunderung sein.