Die Gefahr des Feudalismus warfen die französischen Revolutionen schon
gegen die Wand. Adel ist heut keine Drohung mehr gegen die Freiheit, Feind
ist allein die geistverdickende Bourgeoisie. Adel ist heute ausgewählter
Stoff und Symbol der Züchtung. Seine Männer sind körperlich Träger guter
Gewohnheiten, seine Frauen haben allein (neben Jüdinnen) Rasse und Körper
und Takt des Anzugs. Der Ausleseprozeß hat sie durch Generationen müd
gemacht, aber er hat sie gestaltet. Kosmopolitische Ansicht einigt sich
gern mit dem Weitblick alter Magnaten, nie mit dem kleinen und schneidigen
Vertreter raschen Reichtums oder bedachtsamer Bürgerlichkeit. Zwischen
guten Revolutionären und alter konservativer Rasse ist immer ein Findepol,
denn beide haben die Kühnheit und die Rücksichtslosigkeit von Ideen um
sich. Wird das Gezüchtete, Adlige sogar geistige Auslese, ergibt sich
unbedingt eine Hochsteigerung des National-Möglichen. Vielleicht, daß es
beschränkt und problematisch, verfluchbar oder politisch hymnisch ist,
jedenfalls wird es eine ganze Sache sein. Denn in solchen Verfeinerungen
trifft sich der aus dem Jahrhundertwerden aufsteigende Saft mit der
Wellenbrechung der Zeit. Nicht in Büchern, Reden und Museen setzt sich
Kultur und Bewußtsein ausgeglichner und großer Vergangenheit fort, sondern
wie jede große Musik nur in den Menschen. Der Reinhalteprozeß der
Aristokratie ist irgendwie inferior, weil er, nach bornierten
Gesichtspunkten angelegt, nur Macht, Würde oder Ansehen, nicht Geist und
überhaupt Führerqualität durch die Jahrzehnte mischt und schleudert. Aber
es ist ein wenn auch enger, so doch unbestreitbarer Züchtungsvorgang. Hier
kommt aus gepflegter und immer wachgehaltener Tradition Tat, Leidenschaft
und Dasein vergangenen Geistes heraus. Nichts Gelebtes, Gedachtes, was eine
Zeit groß machte, was hier nicht in dem Bewußtsein noch säße. Darum ist
ihre Bewegung mehr nach rückwärts geneigt, weil sie früher stark nach vorne
gingen. Sie sind belastet und nicht aktiv mehr, aber das Reservoir, die
große Stauung des Seitherigen, ein enormer Besitz. Hier einigt sich
Überliefertes mit Blut, ein unerhörtes Zusammentreffen.
Denn wirkender Stil ist ja nicht Oberfläche, sondern tiefe Verankerung. Nie
Gewohnheit, sondern aus dem Muß herausgegangene immer wieder bejahte Form,
die stündlich begründet, sekündlich durchatmet wird. Stil sind die drei
Kronen auf den schwedischen Banknoten, auf den Eisenbahnpolstern, das
Zeichen ist selbstverständlich, räumlich schön, ist, kurz, symbolisch
geworden, in den Volkskörper übergegangen. Stil ist Walpurgis auf
Haselbakken, ist ein Allgäuer Haferlschuh, ist der Kontakt der Gräfin M.
mit den Pergamentbüchern und Wappen in ihrem Burgturm, ist das Lächeln
einer Pariser Hure im lateinischen Viertel, Essen im Café de la Paix, das
Fest nach der Hopfenernte am Bodensee, Smörgasbord auf skånischen
Schlössern, ist die Anmut einer verschlossenen Dame, die Geistiges
andeutet. All das erbt man, aber lernt es nicht. Überall ist die Form wie
Nebensächliches, ja schon souverän jenseits des Formalen, beherrscht von
einem alten Gehalt, von Errungenem und sich in den Sitten und
Äußerlichkeiten spielerisch weiterbewegende Wahrheit. Stil ist kein
Korsett, keine Rückenmarkstarre, sondern die ungemeine Lebendigkeit
derselben Sache. Stil ist ganz rund, ganz eindeutig, ganz bestimmt und
präzisierbar wie ein Körper, jedoch in seiner Vollkommenheit so vibrierend,
so erregend und derart ungewöhnlich scheinend, daß er nicht zu bestimmen
ist. Ganz feminin im Reiz. Nicht heute Köchin, morgen Dame, dann Dirne,
dann Weib, sondern das Weibliche schlechthin und zwar in der Form der
tadellosen Dame, jedoch mit solchem Geschiller und derartiger
Möglichkeitslinie in Gesicht, Geruch und Stellung, daß alles, was
ausdenkbar und erwünscht in weiblichem Weltbild, darum ist. Stil ist darum
nie Mode. Nur Kindische und flache Denker verwechseln seine Äußerung und
seinen treibenden Grund. Was heute Expressionistisches ist, bleibt in den
echten Äußerungen nach zwanzig Jahren dasselbe, nur mit anderem Namen.
Ewiges ward immer in die Spirale modischer Formen gebaut und was Dürer, was
Rembrandt seinen Mitmenschen bedeutsam zu machen schien, war sicher das
Nebensächliche, nicht sein Kern. Schreien im Jahre Neunzehnhundertzwanzig
Dadaistenjünglinge den Tod des Expressionismus aus, ist das ein Zeichen
ihres Hirnes, das im Tempo der Schreibmaschinen nur Zeit und Symptome faßt,
nur sieht, daß eine seit Persiens Miniaturen, seit Amenophis, Böhme,
Ekkehard, Büchner, Strindberg bestehende geistige Richtung in ihrer
modischen Schale falsch verstanden und von Knaben und Snobs zu blendenden
Exercitien vergewaltigt wird. Irgendwo ist unter uns, ist in uns der dunkle
Strom eingeschaltet, der das nie versiegende Feuer des Geistes auf uns
richtet und die uralten Gehalte weitertreibt in die Kanäle des großen
Ausbruchs und der inneren Verbundenheit. Auch das ist Stil. Er hat keine
Gesetze, sondern Berufung. Ein Bauer, ein Proletarier kann fortsetzen, was
vor hundert Jahren an erlauchter Stelle herauskam. Fritz v. Unruh schreibt
manchmal, als ginge keine Überlieferung ihm voraus. Der Sohn eines
Mehlhändlers schwärmt in verzücktesten Adelstraditionen. Die
Völkerattitüden selbst vertauschen sich manchmal sogar scheinbar. Der Däne
Jensen schreibt wie ein Norweger, Madelung wie ein halber Russe. Deutsche
manchmal wie Österreicher. Auch zwischen Deutschen und Franzosen beginnen
Wechselspiele. Am deutlichsten bleibt immer der Russe, trotzdem ist Kusmin
vollständig französiert. Dennoch gibt es dem Kenner und Einsauger des
Vorgesetzten letzthin keinen Zweifel. Aus der Zivilisationsgier des kleinen
Mannes dringt die Geilheit, mehr zu scheinen, durch, neben der Sehnsucht,
die vielleicht vorhanden, nach wahrer Erhöhung. Irgendein Fadendünnes ist
auch in Jensens Wolfsgebiß. Das Weltgefühl, die geistige Substanz, die das
Ganze gliedert, ihm den Aufbau gibt und die Wärme, in der es atmet,
schwankt unentrinnbar hinauf. Nichts ist delikater wie Stil. Vor so langer
Pflege besteht nichts, was nicht auserwählt ist und was seine Natur
verläßt, wird verlogen und ist erledigt. Nur innere letzte Wahrheit bringt
ans Ziel, und die grobe und wilde Geste des zupackenden Stürmers hat genau
die Überlieferung des Geistes, wie jene des Besingers der langen schönen
Finger und der abgewandten in sich selbst zufriedenen Gebärden. Nur gibt es
einen Unterschied: Wohl ist auch Zusammenhang zwischen Revolutionär und
Revolutionär. Aber das Weltgefühl einer _Rasse_, das in ihr aufgespeichert
in jeder Bagatelle des banalen Lebens Ausdruck und Sinn fand, kommt in ganz
anderer Abgeschlossenheit, ganz anderer Endgültigkeit ins Kunstwerk, hat
einer dieser Rasse selbst den Funken, der ihn aufsteigen läßt und reden.
Hier ist alles vorbereitet. Eine innere Größe des Stils ist als
Vorbedingung vorhanden von einer Sicherheit, die tötlich, einer Glätte des
Seelischen, die souverän, einer inneren Haltung, die von vorn herein
grenzenlos überlegen steht über Ahnungslose, die stumpf und unklar nach dem
noch forschen, was jener im Blut hat.
Als daher die Jünglinge und Männer scharenweise begannen, die Welt in
kleine Teile zu zerlegen und mit Watte, Sachet und Sentiment umbrämt die
einzelnen Stücke nebeneinanderzustellen, als ein Dilettantismus des
Schreibens ausbrach, der keine Scham trug neben so ausgezeichneten
Künstlerleistungen der impressionistischen Malerei zu existieren, als die
Mädchen und Jungfrauen Deutschlands in Ansammlungen sich aufmachten,
Kellermann zu lesen, blieb Keyserling, Graf, Balte und Dichter die einzige
Entschuldigung, die einzige Rechtfertigung dieser Zeit. Er ist nahe bei
Renoir. Er hält Deutschland allein gegen Bang und Jacobsen. Was Kellermann
im Virtuosen, Altenberg im Albernen mit Erfolg unternahmen, rechtfertigte
er in Stille. Sonst haben wir niemand. In der Malerei Liebermann, Slevogt.
Dieser Stil hat wenig Positives jenseits der Trikolore geschaffen, wo
Renoir über Manet und Pissaro die glänzende und ruhige Schönheit eines
Jahrhunderts in silbernen Rausch fing. Präsentiert man uns Pierre Loti, die
Dänen, den Schweden Gejerstam, Peladan, den Engländer Wells, den Russen
Korolenko, Brjussow, den Anfang des Spaniers Baroja, ständen wir mit
schlappen Mäulern, hätten wir den einen nicht. Er ist sogar, was kein
deutscher Maler der Zeit, kein Dichter sagen kann, unbeeinflußt. Die
anderen schlugen krachend in Zolas Kerbe, schielten nach Monet, Cézanne,
warfen sich den Nordländern in die Hände, die das feine Gestrichel der
Impressionen mit Gefühlen weich im Kreise schwangen, und deren sinnierendes
und augenblickshaftes Leben den Boden abgab, wo dieser Stil glänzend und
fast national ward. Er ist der einzige Nenner gegen die Zeitblamage, wo in
Deutschland Autoren begannen ein Raum- und Stilgefühl aufzulösen, das gar
nicht vorhanden war, und nur süßliche Vapeurs in eine übelriechende Luft
wälzten: Eine Revolution, die in alten Rahmen vor sich ging, die Sensation
eines roten Fracks, aber im Salon der Frau Meyer. Er war ein Adliger in der
Zeit der sozialsten Anfangskämpfe, der Literaturbarrikaden, des
Proletariatszusammenschlusses. Zu seiner Zeit schwoll das Gesinnungshafte
auf in zerflatternden Elendszenen, in naturalistischer Photographie. Was
blieb? Wenn heut Aktivisten den Tod der Kunst brüllen und nur
gesinnungshafte Sauhatz loben, fällt dies Echo als barbarischer Keil in
einem Dezennium auf ihre nackten Schädel. Ich bin mit jedem Aktivisten
gegangen, ich habe ihn im Krieg als einzige Flamme gesehen der Jugend. Ich
habe ihn geschützt, weil die Idee wichtig war, weil das Prinzipielle mehr
gilt als dies und das darum, was grün und faul und dumm war. Ich habe jede
Überschärfung der Forderungen gebilligt, weil ich weiß, da ich das Leben
aus den Tiefen her und mehr in den Höhen auch als viele kenne, daß die
Forderungen säbelscharf überspitzt wurden, weil man auf dem Weg zum
Gestaltwerden der Idee die besten Stücke aus den Lenden beißt. Aber liebe
Freunde, werdet Ihr starr und kalt und dogmatisch wie deutsche Professoren,
diktiert, verbannt, richtet, nehme ich mir freie Luft und die Möglichkeit
jeder Bewegung. Ich bin für jede Aktivität, aber für jede Duldung. Ist
Handlung nur Motor, Geist nur Zweckmaschine, rette ich mich in jene
Landschaft, wo Menschen an Wachstum und Fülle, Tropischem und Bodenfrucht
still und menschlich Freude haben. Wächst aus Politik kein gutes und
rasches Machtgefühl, werdet Ihr geschliffen zu Kastratenkompromissen, und,
wo Illuminierte eingingen, speien die Tore Zwitter aus. Was heut
proklamiert wird, soll von der ersten Eizelle an den Menschen bessern, es
wird nicht mit Kommandos gehn, er muß willig sein, überredet werden, nicht
militarisiert zum Geist. Dann kommt nur aus großer Zeitkunst, wo Form,
Idee, Kraft und Genie sich zu geheimnisvoller Schöpfung vereinigt, zurück,
was bleibt, da ist, und ein neues Geschlecht begeistert, befittigt. An
Zweckkunst allein erbricht sich das Gefühl wie der Steiß an
Jugendstilmöbeln. Nicht Kunst ist unwichtig, sondern nie war sie wertvoller
und von größeren Sonnen beschienen. Geist ist nicht Enge, nicht Diktat,
sondern wie jede Äußerung des Ungewöhnlichen und Großen loyal und auch in
der Duldung voll Größe. Schaut in ein Dutzend Erdumdrehungen die Erde nach
anderen Schwüngen, sind die Voraussetzungen heutiger Ekstasen vorbei.
Nichts bleibt als Gestaltung.
Immer war die Muse die große Trösterin und die schön Aufnehmende unseres
Leides, und kein Gott hat gewagt, ihrem unerbittlich großen Gang sich
entgegenzustellen. Eine seltsame Erleuchtung hat es unternommen, daß, als
erste soziale Feuer sich entfachten und hymnische Knaben erfanden, daß
»Freiluftkunst« und Fidus, Naturstimmung und Stammeln Höhen des Erlebnisses
seien, ein Aristokrat die reinste Musik seiner Jahrhundertshälfte in der
Prosa formte, indem er in vollendeter und schöner Schwäche den Todesgesang
und das entzückende Sichneigen seiner Rasse und seiner Generation begann.
Außer Menschen, die die Wehmut seiner Sprache liebten oder Dandysmus des
Gefühls in der spielerischen Geste zu sehen glaubten, außer Frauen und
emporgekommenen Jünglingen hat niemand seine Sprache vernommen, niemand
diesen großen Abschluß begriffen. Ehe er starb, war er jahrelang blind.
Jenseits der Menschen schon, wie er über der Form stand, gleich Klee und
Renoir ein Handwerkszeug so meisterlich beherrschend, daß er es fast nicht
mehr gebrauchte. Eine Könnerschaft ging weg, wie in der Ausbalanzierung der
Worte, in der Elastizität der schwankenden Sätze, in der tragischen Grazie
dieses Land sie generationenlang nicht besaß. Wie allein Sternheim in der
unheimlichen Knappheit jahrhundertalter Hirnkultur sie konstruktiv
danebenstellen kann, aber niemals diese Gelassenheit erreicht, in der alte
Möbel und Schlösser, Schlachten, Heiraten, Herbste, Ernten, Rokoko und
erlauchte Blutmischungen Farbe und Erinnerung hineingaben. Da wir Kraft des
Ausdrucks scheints mehr schätzen und haben als erlesene Prozesse der
inneren Läuterung, liegt dem Deutschen und Kaffern das Einfühlen dahinein
schwer. Weltgefühl hatten Staufer, die Ottonen. Man hat es nicht bewahrt.
In der Breite blieb keine Form. Kommt ein Spätling damit ans Licht, zeigt
in sieben Sätzen davon mehr als der Durchschnitt heutiger Autoren aufweisen
kann, schelten sie ihn, achselzucken sie: Artist. Niemand ahnt, keiner
weiß, welche Leiden, Mühen und Jahrzehnte es erst braucht, setzt aus den
Stürmen und Kämpfen unseres Weltgefühls heut sich einmal nur die erste
Stufe glatter Tradition, so daß irgendeiner schon jenseits all unserer
Kämpfe leicht wie in luftloser Freiheit Summen und süße Kraft zieht. Im
Chaos unserer Bewegung durch die Jahrhunderte steckt beste Kraft. Aber das
ist kein Zustand, ist barbarische Gewohnheit. Lästerern, die sich der
Roheit brüsten, ja uns allen, die an der Roheit wir ohne Schuld tragen, ist
nur selten ein Zeichen gekommen, das zur Arbeit an der Gemeinsamkeit einer
Harmonie riefe. Hier verscholl eines. Sein Gedanke war in andere Welt
gekehrt. Kein Fanatismus, keine Problematik gab es mehr. Zeitfragen waren
Stoff und Vorwurf, der so unwesentlich ihm war wie irgendeinem. Zum Schluß
sah er nur noch Menschen. Die Melodie, mit der eine Welt aufwuchs noch
einmal, war beste europäische, männlich, zurückhaltend und auch in der
Schwäche ernst.
Zwischen Rußland und Deutschen hat die baltische Kultur sich in
abgeschlossenen Jahrhunderten zu Reife und Enge entwickelt. Chinesisches
kam aus ähnlicher Einsamkeit. Die Herrenkaste haßte Deutsches und
Preußisches, schwang in Rußland die Geißel. Schon das Kokettieren mit
Preußen, als der slavische Imperialismus die Brücken und Stoßwagen
verbrannte, hätte diese über Zeit und Jahrhunderte unwahrscheinlich
gebogenen Zustände innerlich zerstört. Zwischen Bolschewiken und Junkern
laviert eine Kaste, die ein Jahrhundert zu lang Kondottieri und Ritter
geblieben war. Um ihre Wälder und Schlösser aber staute sich die Zeit wie
eine Schale gegen den Himmel. Darin wuchs wie aus Urformen Gewohnheit und
Blutstraße sich zu einem Daseinsrhythmus, der in seiner Überzüchtung weit
über Wien hinausgehend, den Rekord auf deutschredendem Boden mit tausend
Längen schlug. Hier war ein Volk noch aristokratisch, noch mittelalterlich,
flackten Feuer, Feste, Fackelzüge übers Eis in Übung und Sinn des
achtzehnten, des zwölften Jahrhunderts. Stoffe und Menschen, der Frühling
und die Geburt kamen in Einstellung auf ein Dasein, dessen Inhalte diese
Vorgänge nie gliederte, sondern nur beherrschte. Alles ist abgerichtet,
fertig. Den letzten Dichter der Epoche läßt das Schicksal sterben, ehe eine
neue Zeit das alles zerstört. Was er findet aber, ist so vorbereitet, so
vollendet, so voll verhaltenem, kaum ertragbarem Ton, ist so in seine Hand
hineingetrieben und ihren Rinnen gemäß gebaut, daß seiner geringsten
Bewegung alles gehorcht. Er denkt die Vorgänge in seine Prosa, nie schreibt
er. Das Mechanische ist tief unter ihm. Wissende spüren, wie ungeheuer das
Bedeutendste bei ihm zwischen den Zeilen ist, wie bei Hamsun in der
Atmosphäre so nah liegt, daß es nie, sondern nur Unwichtiges gesagt wird.
Barbaren warfen mykenischen Stuten Menschen zum Fraß vor. Religiöse und
Erschauerns fähige Völker wagten den Namen Gottes nie auf die Lippe zu
nehmen und umschrieben ihn mit einfachen Symbolen.
Er filtriert Menschen nicht zur Idee, denn was Menschen damit meinen, ist
in ihrer langen Vergangenheit schon irgendwie ihnen begegnet, in sie
eingetaucht, Probleme gibt es nicht mehr. Die Zeit ist so alt geworden, daß
alles bekannt und freund ist. Leidenschaften werden nicht mehr von Belang.
Sie werden getragen, sind sie zu stark, stirbt man unter ihnen wie bei zu
sehr Geliebten. Ein Heroimus des stillen Unterliegens und der passiven
Widerstände erhebt sich und wird allgemein, nicht besonders. Gutes, Böses,
Soziales und die Forderungen, mit denen Zeit und Schicksal die ewige
Drehung des Gestirns begleiten und dirigieren, werden nicht mehr bewußt,
das ist geregelt, Widerstand wird nicht erdacht. Es würde Unsinn, denn in
welche Welt wäre zu scheiden aus dieser, es sei denn in den Tod? Man trägt.
Wie bei den Russen. Auch hier wie bei Tschechow. Aber erlesener, man hat
mehr an Süßigkeit vergangener Zeit und ungemeinen Geschehens auf seinen
Leib gesammelt. Die großen Gebärden waren schon da, sie werden aus Achtung
nicht wiederholt. Die Welt ist ganz in Zurückhaltung zusammengewachsen. Was
den Neu-Aufgekommenen bestaunbar, stürmisch, durchwatbar und Meersehnsucht
des Unendlichen scheint, belächelt man. Es war zu den Kreuzzügen schon
Fanal. Die Landschaft gliedert sich in Alleen mit Nebel, auch etwas Sonne.
Natürlich ist es sehr farbig im Herbst, der Sommer bringt zum tausendsten
Mal Frucht. Die Seelen der Frauen sind sehr seltsam geworden in diesen
Wiederholungen der Körper. Bild an der Wand gleicht Bild an der Wand und
denen, die sie beschauen. Der Makrokosmos ist in ihre Seelen schattenhaft
eingegangen. Man kennt nicht viel, weiß aber fast alles. Daher ist die
Wehmut in allem, im Glück, in der Zeugung, im Schrei. Manchmal hat sie die
äußersten Grade des Süßen erreicht, vollendet bis zum Glanz des Porzellans
und starr geworden wie die Welt asiatischer Miniaturen, dünn im Atem und
tötlich in der Tragödie und von einer Selbstverständlichkeit der
menschlichen Schwünge und Charaktere, daß die zitternde Hand vor dem Sausen
der Natur zurückschreckt.
Mit feinem Anschlag kommt eine Hand an die Tastatur. Beherrscht, klar,
Gefühl bei Gefühl, die tanzende Weltkugel in der Mitte auf Wasserstrahl in
absoluter Geschlossenheit, mit gewähltestem Anstand, beginnt ein Orchester.
Bläser und Trommeln sind nicht vonnöten. Man sieht überhaupt keine
Instrumente. Nur ein großer Dirigent hat eine heimliche Melodie
angeschlagen, aber, als er begann, waren Solisten und Instrumente schon in
jenen Nebel entzogen, den die Zeit vor die Abschlüsse stellt. Doch da sie
zur Katastrophe den guten Ton setzt, haben, lang noch, Engel und Verfluchte
Glanz und erlesene Substanz irgendwo im Raum von einer Wolke abgelesen.
Jedes Schachteln und Bestimmen hört damit auf. Er wurde aus einer Schule
heraus groß. Ein Schlagwort hat immer allgemeinen Sinn, und sage ich
zögernd expressionistisch, meine ich Cheops so gut wie Roswida, Däubler,
den Baalschem, den William Shakespeare. Mir wächst das Wichtige ins
Gesicht, nicht die gorillahafte Färbung. Heut ist mir's Ausdruck des
Weltgefühls meiner Epoche, es bedeutet mir Phalanx mit Pazifisten, Mutigen
und Aktivisten und Malern. Es können Blasse dabei sein und
Fliegerleutnants. Es sind Brüder zum Ziel. Messe ich nach fünf Jahren,
lasse ich nur die Leistungen passieren, das, was hart und dick geworden
ist. Das Schlagwort zerflattert. Wahrscheinlich ist mir dann, ich habe es
nie gewußt. Daß, als Keyserling lebte, getüpfelt ward, Bang strichelte,
Jacobsen schraffierte, Gejerstam an dem Filetrahmen saß, Programme darauf
geschrieben wurden, Gierige sie ausschrien und sich damit kostümierten, hat
nie eine Zeile des Mannes umgedreht. Zuviel war hinter ihm. Stil und
Haltung, die ihn trugen, waren geschmeidig genug, den Luftzug aufzunehmen
und sich untertänig zu gestalten, wie alles, was die Zeit herantrug. Als
van Gogh und Cézanne tot waren, schlug sich der Pöbel, der von ihnen lernte
und lebte, darum, ob sie als Im- oder als Expressionisten sich gedacht
hatten, solange sie sehnsüchtig oder überdrüssig den romanischen Teil der
Oberfläche Europas besiedelten. Sie haben schwer sich geschunden und um den
Ausdruck ihrer Kraft gerungen. Was große Persönlichkeiten einfängt in die
Spiegeleien an den vier Wänden der aktuellen Zeit, ist nur von sekundlichem
Belang. Was säuselte in impressionistischen Kapiteln, ist abgefallen, nicht
mehr da. Die Zeit drängt enorm zusammen. Bald werden Renoir und Picasso
dicht nebeneinander liegen. Das ist die große Einstellung. Im Ausscheiden
und Niveaudurchbilden von Monat und Jahr geht es ums andere, ums
Gegeneinanderstellen, um die Kontraste, ums Deutlich- und Gesundmachen der
problematischen Vereiterungen durch Operation. Von denen der letzten
fünfzig Jahre ist Wassermann durch Romancierfülle in einer asketischen und
mager gewordenen Romanzeit, Heinrich Mann durch die große Geistigkeit,
Sternheim über seine schmale und glitschige Florettbegabung durch die
Zeitprophetie und sein unerschütterliches Bekennertum weit und sehr über
Schulehaftes hinausgestrebt.
Da gibt es nach dem Durchbruch eine Luftschicht, wo unten sich Befeindendes
zusammenrückt. Man ist unter sich, Cervantes, Chrestien von Troies, Tomas a
Kempis und Hutten, Heine und Hölderlin. Zola und Maupassant. Man darf in
dieser Höhe die unten wichtigen Unterscheidungen der Stile nicht zu ernst
nehmen. Man tut es im letzten Grund überhaupt nicht, auf Gipfel, Kerle,
Leistungen bedacht. Die kleinen Gefühlvollen haben den großen Dichter
deutscher Prosa einen Ästheten genannt. Manchmal war er allerdings gegen
feuchte Hände und Röllchen. Es war ein Reinlichkeitstrieb, den selbst
Papageien und Hunde haben, mit Dichtung hat dies nichts zu tun.
Fortgeschrittene liebten ihn wegen seiner Milieus und seiner Gefühle. Sie
waren nicht gefährlich, auch Gouvernanten erkannten im Leben der Vielen,
die sich selbst unterdrückten, ihre geschundene Kreatur wieder und
beschlagnahmten ihn für sich. Kenner aber statuierten ihn zum
Impressionisten. Liebe Ahnungslose, er war nicht von euch, der das
Martyrium reiner Menschlichkeit in zu sehr auserlesenen Exemplaren zu
Hyperbel und Schleife über den Schicksalsrücken zog. Indem er jenseits von
Kunst stand, weil er zusehr sie beherrschte, war er nicht mehr
kategorisierbar. Wohl war nicht stark seine Hand, ein Knick in jedem Buch,
langsam das Blut und fadendürftig das Rollen des Vorgangs, aber es war ein
Bild. Ein Erdbild. Schon als er begann es auszusprechen, war er Symbol
einer Zeit, die fast nicht mehr bestand, als er endete, war sie vorüber.
Ihr Weltgefühl ist nur noch in seinem Werk. Ein kleiner Narr nur redet von
Kunstform vor solcher Wölbung aus der Jahrhundertkurve. Dieser Mann nur,
nicht Hauptmann, nicht Thomas Mann, nicht euer dummer Liliencron, kann auf
solcher Höhe mit solchem Anspruch neben France, Chesterton, D'Annunzio auf
irgendeinem Olympos der Völker, wo schon nicht mehr um Forderung und um
Zeit gefeilscht, sondern um Repräsentation der Gefühle und Gezeiten
gefochten wird, in erster Linie und mit der Haltung solcher Würde
eingeführt und empfangen werden.