Heutige Dichtung der Deutschen ist eine sehr klüftereiche Sache. Da ist
wohl Fluß und Weiher, Park, Chaussee und Sturzbach, Wald und Himmel. Aber
da ist auch Lust nach Himalaja neben Dachsberg, Laubenkolonie und Sibirien,
leninischer Durchbruch und tirpitzsche Kanone, auch kruppsche Stauanlage.
Es geht alles toll durcheinander. Man braucht aber Chaos nicht
anzuerkennen. Es kommt auf den Kern an. Schält man ab, was vorbei ist der
Gesinnung und Form nach, streicht man weg, was an Qualität nicht Äußerstes
befriedigt, nimmt man die (oft bedeutenden) Außenseiter nicht zu wichtig,
mißt man Geist der Dichtung am guten Barometer des Zeit- und, ohne sich zu
verwirren, des Welt-Geistes, so muß schon ein Typisches herauskommen. Es
kann nicht anders sein.
Es ist das Expressionistische.
Daneben noch einige Menschheitsdichter, die ihre Entschlossenheit wie
Heilige, Sektierer und Irre weit über ihr kleines Talent hinaufreißt. Vor
dem Schicksal steht ihre Kunst en garde. Virginiatabak und Benzin ist ein
Geruch, der aktuell in den besetzten Gebieten, aber nicht von Dauer ist.
Diese Leute kommen mit Posaunen der Liebe, aber sie werden in der
Geschichte keine sortie d'éclat haben. Eine unbefangenere Generation, die
auf Kunst lüstern an sie herangeht, wird die Achseln zucken. Was blieb, ist
Null. Was ist uns Herwegh anders als schlechte Literatur? Aber sie werden
im Unterstrom der menschlichen Dienstbarkeit an der Idee human, tapfer und
wie wenige mitgearbeitet haben. Agitierend wie Redner, deren Schall
erlischt, haben sie Brände erregt. Man hat es grausam mit ihnen von oben
her gemeint, daß man sie zum Anonymen warf. Da liegt aber in der Regel
unseres Volkes beste Fleischportion. Wenn sie aber große Künstler waren,
sind sie Expressionisten.
Doch ist das nichts Neues, nicht Formwitz, nicht Mode. Pyramiden,
Strindberg, die Frühgriechen, Gotiker, Litaipe, Novalis, Brueghel waren auf
dem gleichen Marsch. Die Bataillone des Geistes hatten immer die gleiche
Richtung und ähnlich modellierte Köpfe. Man soll sich nicht verblüffen
lassen durch äußerliche Extravaganz. Die Kraftresultanten zieht zwar einmal
ein anderer und die Parade der Künstler und ihrer Leistung nimmt später
erst einmal an Lende und Zeugung ein schnauzbärtiger Gott strengerer
kommender Zeit ab. Kümmert uns wenig . . . . . .
Aber eine Sache ist fatal verbürgt: Es geht in der Absicht und mit viel Not
das steilste Recken der deutschen Seele vor sich seit Gotik, Barock,
Romantik. Scheinbar ist auf Geistterrain ein Hügel aufgeschossen, der jedem
der drei ähnlich sieht. Er ist an der Spitze sehr scharf, gläsern und
schwertspitz, denn er mußte Gestrüpp, aber auch die Ablagerung deutscher
Kultur der letzten hundert Jahre, und ihm schien: eine geistverfluchte
kleine Hölle durchstoßen, um ins Belichtete zu kommen und mit seiner
unerbittlichen Form zu beweisen, es gäbe keinen anderen Ausdruck für die
Zeit.
Aber die tausend Rückbleibsel verkalkter Tradition fanden sich rasch in
Stellung.
Es gab einen Teufelsskandal.
In anderen Ländern ist die Kluft zwischen neuer Dichtung und alter nicht so
gewaltig wie bei uns. Das kommt, weil ihre Literatur Nabelschnur hat.
Unsere aber nur die Zentrifugalkraft des Karussels. Wir waren früher nicht
allzu reich an Dichtung, die Sperma hatte und Eizellen, um zu zeugen, fort-
und hochzuentwickeln. Wir hatten gewöhnlich ein Paar Riesen, die keine
Kinder machten, um sie herum Miesnicke, die karnickelhaft den Stumpfsinn,
das drittklassige Niveau, die internationale Kitschigkeit weiter
entwickelten. Von der Romantik ab verloren wir total die Orientierung. Da
ging das Bürgerliche mit allen Gewehren vor, zimmerte sich in der Literatur
seines glorreichen neunzehnten Jahrhunderts eine eklatante Fanfare, einen
Termitenbau, speziell vom Keller bis zum Plafond für bürgerliches
Weltgefühl eingerichtet. Es fehlte nicht an Hygiene, auch nicht an
elektrischem Licht. Weltanschauung europäischen oder kosmischen Gefühls
suchte man bei bequemen Klassikern, schlug es tot in Deutschland, so es
sich reckte, verjohlte es, gewann es an Stärke, verwies es aus der
gesellschaftlichen Struktur, hatte es (was jede gute Dichtung haben muß)
revolutionäres Blut. Wilhelm der Zweite bestellte Logen ab, ein Dichter
schwankte am Galgen. Sein heldenhafter Sohn geruhte unter schiefer Mütze
ein Stammeln, ein Festspiel wurde abgesagt. So kindisch war jedoch das
Niveau nicht ganz. Das Kunstgemäch der Fürsten, des Adels, der höfischen
Gesellschaft nahm kein Chauffeur mehr ernst. Konditoren wußten, dies sei
einmal diskutabel zur Renaissance gewesen. Der Kitsch der Siegesallee war
ungefährlich, weil er komisch war. Die dichterische Ambition der
bürgerlichen, liberalen Gesellschaft war gefährlich, weil sie mit ihrer
Weltanschauung, deren Himmel Aktienbläue, deren Form Mechanik, deren Seele
die Rhythmik der Transmissionen und Pferdekräftestärke war, das Geistige in
ihren Bann zog. Da schrieben die Dichter Romane, die nur in solchem
Ideenkreis zirkulierten und darstellten, daß das Leben nicht lebenswert
sei, weil ein Oberst einen Leutnant nicht grüßte, oder daß Glück nicht sei,
weil morganatische Trauung undurchführbar sei im Kodex eines fürstlichen
Hauses, und daß die größte Tragik sei, den guten Namen zu verlieren, oder
wenn eine Fabrik einen Handelsmann erledigte. Arme Narren von Dichtern!
Statt den Sirius auf den Mond prallen zu lassen, vertaten sie ihr oft
großes Talent an Affereien, nahmen die Uniform als Weltregulator, das
Kapital als Maschine, als Demiurg, sahen nie die Tragik hinter dem
Menschen. Sahen nur Anwälte, Franzosen, Engländer, Kaminkehrer,
Divisionäre. Sahen darum nur Schuld und Leid der gesellschaftlichen
Konvention. Nie das Leid des einfachen wahren Menschen. Sondern das Leid
der Attrappe, des Kleides. Welche Destruktion! Welche Dekadenz in so viel
Fett! Diese Dichter waren keine Europäer. Sie waren Nationalisten und noch
ärmer als solche. Denn sie malten das blöde Ideal der Engherzigen nach,
statt den Fluch auf die abgewirtschaftete Gesellschaft sehr breit und
deutlich an den Himmel Europas zu schreiben. Sie fühlten sich aber wohl,
wie es ihnen ging. Die Bourgeoisie hielt sie aus. Meutern ward streng
bestraft. Das Ganze war glänzend und hohl. Als der Krieg, als die
Katastrophe kam, stürzte es ein, verschwand es, eingezogen, aufgeschluckt.
Weg! Dann kam das Neue von der Schicksalstiefe aufgeschaukelt, sein
Hebelarm wogte hoch. Es war da schon vor dem Krieg, mit noch unsichtbaren
Munden, aber durchdringender Stimme sich aus der Tiefe anzeigend, hielt
Liebe, Gerechtigkeit, Furor, neue Fahnen und den Sturm des weitgespannten
Geistes an sich gefesselt. Das Erwachen war mächtig. Es war wie in der
Politik. Die Katastrophe machte die Kontraste überdeutlich. So auch die
Kunst, die in Form und politischer und geistiger Gesinnung revolutionär
war.
In anderen Ländern war die Fassungslosigkeit nicht so groß. Hatte der Geist
genug Tradition, um sich nicht ganz zu verlieren. In anderen Ländern konnte
ein Verändern der Formprinzipien nicht solche Tumulte hervorbringen in der
Dichtung. Seit der Romantik hatten wir an Dichtung nichts. Bei den
Franzosen steht zwischen Hugo und Barbusse immerhin Maupassant. Zwischen
Balzac und France zum mindesten Flaubert. Die Norweger haben seit Jahren,
als bei uns schlimmster Naturalismus äußerliche Gravüren des Elends
verbrach, Hamsun, diese köstlichste Erscheinung europäisch untendenziösen
Geistes, den Dichter, der irgendwie alles hat, was man expressionistisch
nennen kann, den bei uns die Impressionisten mit Beschlag belegten,
patentierten, mit Zucker verdünnten und nachher nachmachten. Rußland hatte
in dieser Zeit schon einen Dostojewski, Gorki, Dymow. Irgendwie war bei
ihnen allen ein Strang, der die Volksseele mit der Ewigkeit verband und
seismographisch mit jeder Nuance der Wechselwirkung erzitterte. Bei uns ist
die Volksseele noch nicht so eindeutig entwickelt, wird mit
nationalistischer Seele (Gott strafe England) verwechselt, und dann hatte
sie siebzig Jahre kein Bedürfnis nach Ewigkeit. Man wollte den Bau der
bürgerlichen Gesellschaft literarisch ausgebaut haben. Gab dazu Senkrechte,
Lot, Maß und Höhe. Die bürgerliche Gesellschaft wollte ihre eigene
Dichtung. Sie bekam sie. Der Dichtung bekam es schlecht. Sonst fühlte man
sich wohl. Auch die Dichtung war behaglich temperiert. Kleine Fronde des
sozialistischen Naturalismus, kleine Frivolitäten und sentimentale
Weibergeheule der raffinierten Psychologen waren angenehme Kitzel, halfen
im Verdauen. Bedürfnis nach Humanität ward nicht geleugnet, war aber
gedeckt. Dafür war Tolstoi vorhanden.
Es mußte etwas kommen, was resolut und mit der Brutalität der Güte das
Affenzeug durchhieb, Pförtner, Diener, Besitzer hinauswarf und dem
erstaunten Parkett den adamitischen Menschen zeigte. Damit war alles getan.
Nationalismus war geistig überwunden, sobald die Brüderlichkeit postuliert,
nein, sobald sie nur genannt war. Krieg war Dummheit, sah der Mensch ihn
vom rein menschlichen Punkt aus. Der reine, auch primitive, das heißt in
seinen Gefühlen gottnahe und daher unverfälschte und groß schauende Mensch
wird mit Liebe zu Acker, Nachbar, Saatwind und großen Ideen geboren. Der
Mutterleib, der ihn barg, hat wenig Verbindung mit Montanaktie, Erzbecken
von Briey, mit Marne, Schantung, Monroe, Tabaktrust und Südseehegemonie. Er
will den inneren Menschenwert steigern. Er will die großen Ideen der
Menschheit, die mit Wolkenschönheit seinen Horizont überschwimmen, pflegen
und geben dem, der es nicht faßt. Er will Liebe lernen, Kreatur und Mensch.
Er liebt nicht die Parzellierung der Volksstämme hinter Festung und
Grenzstrich. Er will die Erde als eine Sache, die sein Gesicht umfaßt. Hat
er sie geläutert, wird er sich vielleicht der Kassiopeia zuwenden. Ihm sind
Franzosen, Bergarbeiter, Russen, Skandinaven gleich, nämlich Menschen. Er
haut die geistigen Grenzen durch, durchschreitet, verachtet sie, stößt
begeistert auf gleiche Gedanken. Bald ist er europäisch ganz zu Hause,
völlig eingerichtet. Der Kosmos ist seiner Lunge, dem Herzen Freund. Nichts
mehr von Stand und Ansehn und Schicksalembryo der bürgerlichen Einstellung!
Der Blick geht auf die Ewigkeit. Das ist die ganze Situation der jungen,
deutschen Literatur.
Das ist der geistgeschichtliche Weg, die Entwicklung und der Zustand.
Verändert sich der Geist so stark, bekommt das Gesicht sehr durchlittene
und heldenhafte Linien, der ganze Habitus verflucht und geheiligt anderen
Umriß. Nie hat die Welt, weil sie so lange an Abziehbilder gewöhnt war, das
Recken eigener visionärer Formsprache, mit soviel Abscheu, Schauder, Haß
und Wut begeifert. Zu lange war der Geist in Villeggiatur am Nil oder auf
Spitzbergen gewesen, daß, als er in Mitteleuropa wieder die Städte betrat,
Polizisten auf ihn zu schießen begannen. Er war ihnen fremd geworden, und
sein ungewöhnliches Aussehen, das weder mit Orden noch Uniformen bedeckt
war, machte feindlichen Eindruck.
Die Gesinnung der deutschen Dichtung, soweit sie ehrlich, jung, qualitativ
ist, ist europäisch, einem Völkerbund zugeneigt, den sie selbst, sehr
anders wie die Versailler, schaffen möchte. Den Bund der guten Europäer. So
klangen in aufrührender Novelle, Gedicht und Essay schon die Rhythmen
anfangs des Kriegs. Bald gab es Phalanx. Es gab Töter des Seitherigen.
Aufpflanzer neuen Ideals. Schwärmer der ungebundenen neugöttlichen Kraft,
die sich in die großen Himmel, die aufbrachen, stürzten. Aufbauer neuer
Architekturen. Als Motor das Herz, das ohne Ermüdung kämpfte und baute. Es
gab keine Behaglichkeit mehr, auch nicht immer Ordnung, aber einen Trieb,
ein Ziel. Die letzten Stangen der abgegrenzten Möglichkeiten galten allein
als erstrebenswert. Die Literatur (und Malen, Bildhauern, Häuserbauen,
Musizieren allsamt) begannen den Weg, den sehr leidvollen, sehr
ruhmreichen, an dessen Anfang anfeuernd der Geist steht, an dessen Ende
schmerzlich mit neuer Anstrengung als Ziel der Geist steht. Dazwischen
Hasten und Kämpfen. Eine fiebrige Epoche. Alle Völker der Welt gehen ihn,
haben ihn schon beschritten oder müssen ihn beschreiten. Vielleicht wird
eine klassische Epoche hinterher in kühle Harmonien bannen, was hier mit
Blut gearbeitet wird. Denn heut noch ist das romantische Streiten, Boden
gewinnen, Urwald einhauen. Schließlich schwankt ja seit jeher die Welt
zwischen diesen beiden Spannungen. Im Grund ist ihr Sich-Ablösen immer das
Gleiche. Nur der Geist, der in unendlichem Saft steht, formt die Variation
ein jedes Mal mit unbegrenztem fanatischen Neusein.