Seltsame Sechzehnjährige meiner Zeit, die Neid auf Unsterblichkeit schon
umbuhlt . . .!
Wir hatten damals noch bis zum Scheitel der Zwanzig Ehrgeiz um Game und
Goal und Jolle und waren in den weißbehosten Turnieren und Regatten schöner
zu Hause als jene Jaguare und Hyänen, die schon im Kindbett mit dem Geiste
kokettieren und Unzucht treiben mit Erfolg. Als wir einmal zu Kunst
gelangten, schlugen wir vom Sport und dem Umherschweifen aus uns auch
entschlossener und ungehemmt an das Gesicht des Neuen. Man hatte auch nach
rückwärts unbefangenere Freiheit, Dichterisches anderer Epochen
ungestempelt und wie neu durch die Hände laufen zu lassen. Einige begannen
zu lachen, wo sie sie trafen, über die Professionels der Literatur, die
kleinen Eingeschlossenen der Dichtung, arme Fanatiker und Bürokraten der
Kunst. Sie waren abergläubig und subaltern für ewig in ihre Berufswolke
gekettet und trugen in grotesker Überschätzung und blutloser Kindischkeit
ihre Geist-Atmosphäre durch das ihnen unbekannte Leben. Die Bedauernswerten
wußten nicht, daß es Wichtigeres und Glücklicheres gab als Kunst . . . . .
Herrlich wer, da er die Städte und die Berge und das Meer und die Menschen
vollauf erlebte, an der Spitze der Berufung und mitten in der Leistung, ein
Außenseiter geblieben ist.
Ich habe Umwege über Ski und Segelboot stets gepriesen und, indem ich
entzückt ihnen von neuem nachgehe, habe ich keinen anderen Ehrgeiz, als, wo
ich angreife, lobe und scheide, es wie ein Nichtzünftiger zu tun.
Gute Diana, wir fanden einen Maimorgen in der Rue de Richelieu eine deiner
schönsten Gefährtinnen, an denen die Meute der Midinettes des Quartiers
sich vergriffen, weil sie mit ländlichen Hüften und einer Frische des
Blutes kam, daß die Wälder und Flüsse hinter ihr sich bogen. Als wir sie
auffütterten, nahm sie Abschied, ohne zu weinen, und manche, die sie später
am Montmartre gesehen, hatten dieselbe Bewunderung und den Respekt für ihre
Haltung.
Sie hatte sogar Kritik und Duldsamkeit bekommen.
Ich habe nie etwas mehr gehaßt wie falsche Würde und jene dichterische
Separation, deren Phrasenhaftigkeit kein gutes Werk je verdeckte, und
nichts schien mir lächerlicher und mehr eine Schwäche und Ohnmacht
anzuzeigen, als das Verneinen der Tatmöglichkeiten und die Scheu vor der
Wirkung. Männlicher wie mit feisten Worten bei Seite zu stehen, war es mir
und kühner auch erschienen, in jeder Arena aufzutreten und das zu sagen,
was Zeit und Minute unter den Fingern brannte. Einmal mußte wohl, wenn die
Literaten versagten, ein Irgendwer, ein Mann aus dem Publikum auftreten,
dem dies alles ganz egal sein könnte, der lieber sein selbst gewähltes
Dasein nach seiner Farbe und seinem Geschmack weitertriebe . . . . und in
das zeitgenössische Affengeschrei des Betriebes seine wohl anderen Zwecken
zugewandte Stimme legen. Ich habe immer den Schriftsteller in mir geliebt
und propagiert, obwohl ich mir nie verhehlte, daß, zum mindesten den
Deutschen ich in der Erneuerung der Sprache und der dichterischen Prosa
Wege gewiesen und neue Möglichkeiten geboten habe.
Wenn etwas von Verantwortung aber bestand, war es jedoch trotz anderer
Wünsche und Sehnsucht, nicht musiger Idylle allein sich hinzugeben,
sondern, mehr als wissenschaftliche Wühler wollen und deutsche Dichter zu
unbegabt oder zu feig sind, den Zusammenhängen der Prosadinge der letzten
Dezennien in Bauch und Seele zu leuchten. Ein Buch war nicht im Plan, aber
es ist aus vielen Einzelgängen sehr rasch gewachsen. Es ist nicht
methodisch, eher attackierend, ich denke es klärend, aber ich bin des
festen Wissens, daß es so radikal wie lang ist. Die Dünnen lieben es nur,
schmale Nieren als das Unentwegte hinzustellen, doch echter scheint es mir,
die Epoche aus den Büchern zu den Traditionen, den Werten und vor allem zu
den Menschen zu runden in einer Zeit wo nur Greise, Ehrgeizige und Idioten
das Pfund der Kritik und der Bewertung der Prosa hüten. Schicklicher dünkt
mir dies und eines Dichters, dessen Titel allein mich irgendwo letzthin
natürlich begleiten möge, würdiger als hinter Faltenschwüngen und steif
gewordenen Worten die byzantinischen Gebärden der praktischen und das heißt
menschlichen Impotenz zu verbergen.
Vor sechs Jahren erzählte in Paris dem Dreiundzwanzigjährigen Veniselos mit
der Armwunde, man habe in seinem Garten zu Syrakus eine Herme gefunden, auf
der geritzt war, wie Zeus abends eine Nymphe neben dem Fluß gefunden, deren
tragisches und stilles Weinen ihn zum Anhalten erschütterte. Sie sagte in
seinem Arm, daß in der aphroditischen Gefolgschaft sie einsam wandre,
Kränze flechte und jene Lieder ersänne, die an allen Festen zu Oliven und
Kornernte über das Land sie trieben, und die nach Jahren aus den Städten
der Menschen ihnen wieder entgegenschallten. Venus aber habe sie gestraft,
daß sie, in Baum und Wolke nach ewigen Gesängen feurig suchend, Gefahr,
Zeit und Notwendigkeit des Dienstes und Urteils vergäße, worauf Zeus sich
herunterbiegend ihr verlieh: daß unsichtbar den anderen neben dem von
dichterischen Gefügen überströmten Antlitz sie noch ein Gesicht trage, das
nach Vergangenheit und Zukunft spähend, Verantwortung der Zeit und des
Geschehens um sie herum ihr gewähre und in seinen kühnen Biegungen, dem
anderen vom Ewigen erleuchteten nicht unähnlich, immer anschaue, verstehe,
liebe und hasse, aber bedenke auch und urteile vor allem, abgrenzend und
bestimmend, und jede Sekunde im Dienst.
Ich habe diesem nichts von Bedeutung hinzuzufügen.
Partenkirchen, März 1920.
Kasimir Edschmid.