2. Marginalien zur Kritik

Kritik heißt nie: über eine Sache reden, sondern über ihr stehn. Nicht

sie zerfasern, sondern ihr gütig nahen. Kritik heißt nicht wahlloses

Urteil, sondern sie verlangt große Politik. Die Kritik unserer Zeit

ist noch nicht erfunden. Ihr Niveau ist eine Unerträglichkeit. Auf

keinem Gebiet der geistigen Disziplinen würde gewagt werden, mit

solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur Kanarienvogelzucht, zu

Petroleumtrusts würde nie ein Laie delegiert. Über Bücher schreibt jeder

Dilettant. Doch selbst Fähigkeiten genügten nicht. Es bedarf des Menschen.

Denn Kritik heißt Aufbau. Nicht Zerstörung. Heißt Liebe haben und nicht

Haß. Dies ist das Zentrum. Nur eine große Persönlichkeit kann die ungemeine

Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine humane

Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn ihr

Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungenügende zu zerstören, aus

Liebe das Große immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer

Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch

keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestört, getrübt zu werden. Nicht

im Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen,

sondern immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der

Zeit fördern. Zeigen, daß Pazifismus nötig ist, aber noch lange nicht

Rechtfertigung eines mißlungenen Gedichts. Aber kühn behaupten, daß

Hölderlins Hymnen ein ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt.

Immer die Idee der Qualität als das Letzte nehmen. Den expressionistischen

Nachläufer stäupen, den besseren Impressionisten unseres Tages bedauern,

aber loben. Immer den Weg finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prägung des

Fürstworts. Feurig sein gegen das Gesinnungslose, kühl gegen Anmaßung.

Fehler bekennen. Immer Linie halten. Nie den großen Dichter um

Kleinigkeiten tadeln, während den Nebbich man laufen läßt als das, was er

ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In jahrelanger Arbeit nie den

Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist im allerletzten und

bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des Volkes. Es

bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im Dienst am

Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es nichts ist

als Voraussetzung. Göttlich streitbar für Junges, ohne es innerlich zu

überschätzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen,

aber wissen, das alles groß Erlebte in sie zurückströmt. Vieles gesehen

haben, das Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln,

Fehlern und Güte -- und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher

Humanität ausüben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu

bedarf es so ungewöhnlicher Menschlichkeit, daß es nicht erstaunt, heute

keine Urteilenden gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen

mit Einkehr, Lust an der kämpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine

Generation von Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder

sein, kein geistiger Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern

ameisenhafte Arbeit an der Größe und Aufgabe. Und so Kultur und eine

Tradition guten Sinnes. Und eine nicht zerstörerische und idiotische

Kritik, sondern eine schöpferische, helfende, keine Analyse, sondern eine

dauernde Tat.

Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart · 第 10 / 28 题