Kritik heißt nie: über eine Sache reden, sondern über ihr stehn. Nicht
sie zerfasern, sondern ihr gütig nahen. Kritik heißt nicht wahlloses
Urteil, sondern sie verlangt große Politik. Die Kritik unserer Zeit
ist noch nicht erfunden. Ihr Niveau ist eine Unerträglichkeit. Auf
keinem Gebiet der geistigen Disziplinen würde gewagt werden, mit
solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur Kanarienvogelzucht, zu
Petroleumtrusts würde nie ein Laie delegiert. Über Bücher schreibt jeder
Dilettant. Doch selbst Fähigkeiten genügten nicht. Es bedarf des Menschen.
Denn Kritik heißt Aufbau. Nicht Zerstörung. Heißt Liebe haben und nicht
Haß. Dies ist das Zentrum. Nur eine große Persönlichkeit kann die ungemeine
Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine humane
Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn ihr
Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungenügende zu zerstören, aus
Liebe das Große immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer
Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch
keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestört, getrübt zu werden. Nicht
im Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen,
sondern immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der
Zeit fördern. Zeigen, daß Pazifismus nötig ist, aber noch lange nicht
Rechtfertigung eines mißlungenen Gedichts. Aber kühn behaupten, daß
Hölderlins Hymnen ein ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt.
Immer die Idee der Qualität als das Letzte nehmen. Den expressionistischen
Nachläufer stäupen, den besseren Impressionisten unseres Tages bedauern,
aber loben. Immer den Weg finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prägung des
Fürstworts. Feurig sein gegen das Gesinnungslose, kühl gegen Anmaßung.
Fehler bekennen. Immer Linie halten. Nie den großen Dichter um
Kleinigkeiten tadeln, während den Nebbich man laufen läßt als das, was er
ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In jahrelanger Arbeit nie den
Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist im allerletzten und
bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des Volkes. Es
bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im Dienst am
Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es nichts ist
als Voraussetzung. Göttlich streitbar für Junges, ohne es innerlich zu
überschätzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen,
aber wissen, das alles groß Erlebte in sie zurückströmt. Vieles gesehen
haben, das Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln,
Fehlern und Güte -- und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher
Humanität ausüben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu
bedarf es so ungewöhnlicher Menschlichkeit, daß es nicht erstaunt, heute
keine Urteilenden gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen
mit Einkehr, Lust an der kämpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine
Generation von Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder
sein, kein geistiger Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern
ameisenhafte Arbeit an der Größe und Aufgabe. Und so Kultur und eine
Tradition guten Sinnes. Und eine nicht zerstörerische und idiotische
Kritik, sondern eine schöpferische, helfende, keine Analyse, sondern eine
dauernde Tat.