es waren noch keine Laufgräben eröffnet, keine Batterien angelegt und
die Stadt noch kaum beschossen, und dennoch hatten wir bereits durch
Saumseligkeit und Unverstand von unsern Vorteilen so viel eingebüßt, als
nur nach einem langen und hartnäckigen Angriff und einer ebensolchen
Gegenwehr zu entschuldigen gewesen wäre. Wir hatten nur, wenn ich so
sagen mag, den Instinkt der Furcht, und dieser leitete uns ganz richtig,
indem er uns zuflüsterte, daß wir um unsers letzten Heils willen uns
nicht vom Meere abdrängen lassen dürften. Darum wandte man von jetzt an
eine stets größere Sorgfalt auf die Befestigung der Maikuhle, deren
zuvor noch immer mit einiger Schonung behandelte Bäume jetzt zum Teil
niedergehauen wurden. Aber auch ostwärts des Hafens verließ man sich
nicht mehr allein auf das Münderfort und die wohlgelegene Schanze auf
dem Münder Kirchhofe, welche noch durch eine, zwischen beiden angelegte
Redoute auf dem sogenannten »Baumgarten« verstärkt wurde, sondern
richtete auch eine ganz besondere Aufmerksamkeit auf den noch östlicher
gelegenen Wolfsberg, der dem Andringen des Feindes längs dem Strande
einen Damm entgegenstellte. Diese wichtige Anhöhe, welche auf ihrer
flachen Kuppe einen Raum von mehr als hundert Schritten im Durchmesser
darbietet, wurde nach und nach in ein geschlossenes Werk von
ausnehmender Stärke verwandelt und darum auch für die Folge der
Belagerung überaus wichtig. Von den Erhöhungen bei Bullenwinkel kann sie
zwar bestrichen werden, aber die dazwischen liegenden Radewiesen
erschweren gleichwohl jede Annäherung.
Hierherwärts schien aber jetzt noch der Blick des Feindes ungleich
weniger, als auf den Gewinn der Maikuhle geheftet zu sein. Nicht nur
hatte er neuerdings eine Floßbrücke in noch größerer Nähe bei der
Altstadt über den Strom geschlagen, um sich den Übergang zu erleichtern
und seine Truppen schnell auf jeden Punkt zu werfen, sondern vom 22. bis
24. März erfolgten auch täglich Rekognoszierungen, die selbst bis gegen
den Strand vorzudringen suchten und sich endlich in Neu-Werder oder den
sogenannten »Spinnkaten« festsetzten. Diese leichten Angriffe gegen die
Maikuhle wurden den 26. und 30. März ohne bedeutenden Erfolg wiederholt
und bereiteten einen ernsthafteren vor, zu dessen Ausführung man
vielleicht nur die Ankunft des Marschalls Mortier abwartete, welcher
endlich am 5. April bei dem Belagerungskorps eintraf und sein
Hauptquartier in Zernin nahm. Ebendaselbst hatte weiland auch der
russische General Romanzow das seinige aufgeschlagen.
Nun erkannte auch die patriotische Bürgerschaft ihre steigende
Verpflichtung, Mühe, Not und Gefahr mit der im ganzen so wackeren
Garnison noch mehr als bisher zu teilen. Sie erbot daher dem
Kommandanten nochmals ihre Mitwirkung zum inneren Festungsdienste,
Beziehung der Hauptwache und Ausstellung der nötigen Posten auf dem
inneren Walle sowie an den Toren. Diesmal ward auch, da Not beten lehrt,
ihr guter Wille besser anerkannt und gerne angenommen. Sie trat also
diesen Dienst mit dem 25. März an und hat ihn auch bis ans Ende hin mit
lobenswerter Treue und Pünktlichkeit versehen.
* * * * *
Mancher Leser dürfte sich vielleicht wundern, daß bisher immer nur von
der Bürgerschaft die Rede ist, ohne irgend einiger Wirksamkeit des
Magistrats auch nur mit einem Worte zu gedenken. Wer aber nichts tut und
leistet, von dem ist freilich auch wenig oder nichts zu melden, und das
war hier leider von Anfang an der Fall. Auch jene Herren hätten sich
verdient machen können, wenn sie sich nur die Mühe hätten nehmen wollen,
aus ihrem gewohnten Schlendrian ein wenig herauszugehen. Und in diesem
Schlendrian ließ auch der Kommandant sie ruhig gehen, so wie er selbst
sich gehen ließ. An Energie und Kraft war nicht zu denken, was ihnen
nicht gerade vor den Füßen lag, hüteten sie sich wohl, aufzunehmen.
Dadurch fiel denn alle Last der öffentlichen Geschäfte um so mehr auf
die, denen es ihr Feuereifer nicht zuließ, in solcher Zeit der Not
stille zu sitzen. Solch ein Kernmann war der, jetzt als Senator
pensionierte Stadtsekretär Aue, der immer und überall auf dem Platze
war, wo Rat und Hilfe erfordert wurde, daher er auch das Unglück hatte,
durch eine Granate verwundet zu werden. Auch der Kriegsrat Wisseling,
der sich des ganzen Proviantierungsgeschäfts annahm, tat in diesem
Wirkungskreise, was einem redlichen Patrioten zukommt und alles Lobes
wert ist.
Ich spreche nicht gern von dieser dunklen Schattenseite in dem Gemälde
unsrer Kolberger Belagerung, habe aber auch nicht Lust, der Wahrheit
etwas zu vergeben. Um also ein für allemal darüber wegzukommen, bemerke
ich, daß späterhin, als wir's mit einem Manne zu tun hatten, der den
Umständen gewachsen war, unter Trommelschlag öffentlich bekannt gemacht
wurde: Jeder Angestellte solle sich auf seinem Posten finden lassen oder
kassiert sein. Anderseits gaben viele Kaufleute und sonst ausgezeichnete
Personen, unter denen gleichwohl Herr Dresow samt einigen andern eine
rühmliche Ausnahme machte, das böse Beispiel, sich aus der Stadt, sobald
sie beschossen wurde, nach der Münde oder wohl gar nach Bornholm zu
flüchten. Da waren sie freilich außer dem Schusse, aber auch für das
allgemeine Beste außer Wirksamkeit, und das ist's, was ich ein böses
Beispiel nenne.
Scharmützel und Plänkeleien zwischen den Vorposten, kleine Ausfälle und
Überrumpelungen waren seither mit abwechselndem Glücke an der
Tagesordnung, kosteten aber doch immer einige brave Leute, deren Abgang
uns noch fühlbarer geworden sein würde, wenn uns nicht, sowohl auf einem
dänischen Schiffe als auf mehreren Booten von Rügenwalde, kampflustige
Razionierte zu Hunderten zugeströmt wären. Aber auch der Feind
verstärkte sich von Tag zu Tag, sein Wurfgeschütz fing an zu spielen und
richtete hier und da Verheerungen an, und insonderheit empfanden wir die
nachteiligen Wirkungen seiner so nahe gelegenen Batterien auf der
Altstadt. Um uns vor diesen mehr Ruhe zu verschaffen, hatten wir den 3.
April es darauf angelegt, die vorgehenden Gebäude in Brand zu schießen.
Unsre Bomben und Granaten zündeten auch wirklich, allein da jene keine
zusammenhängende Masse bildeten, so griff das Feuer nicht um sich und
unser Pulver war vergeblich verschossen.
* * * * *
Auch am 5. April machten uns die französischen Granaten von dort her von
Zeit zu Zeit unangenehme Besuche, als ich mich mit hundert und mehr
Menschen auf dem Markte befand, wo der Kommandant den Bürgern Befehle
austeilte, die mir sehr wenig angemessen erschienen. So hatte er
geboten, daß alle Hausdächer hoch mit Dünger belegt werden sollten, um
das Durchschlagen der Bomben zu verhüten, ebenso daß überall das
Straßenpflaster aufgerissen werden sollte, um gleichfalls jene Geschosse
unschädlicher zu machen. Nun habe ich zum Unglück eine Gattung von
schlichtem Menschenverstand, die zu keiner Absurdität gutwillig
schweigen kann. Ich war also auch hier so vorwitzig, meinen doppelten
Zweifel zu äußern; einmal, ob der anbefohlene Dünger auf unsern Dächern,
die durchgängig eine Neigung von mehr als 45 Grad hätten, wohl lange
haften dürfte, und dann, ob die Granaten auch wohl vor so bedeckten
Dächern, nach deren bekannter leichten Konstruktion, sonderlichen
Respekt beweisen möchten? Auch erinnerte ich daran, daß die Stadt ehedem
zu dreienmalen, und zwar heftig genug, mit Bomben geängstigt worden,
ohne daß man gleichwohl nötig gefunden hätte, das Pflaster zu rühren.
Dies schiene hier bei unsern engen Gassen sogar schädlich und
hinderlich, weil dann bei entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch
Wasserkufen einen Weg durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden
würden finden können. Es möchte also wohl der beste Rat sein,
dergleichen gelehrte Experimente hier beiseite zu setzen und uns nur
tapfer unsrer Haut zu wehren.
Währenddessen zogen einige feindliche Granaten ihren Bogen, schlugen
nicht weit von uns durch die Dächer der Häuser, platzten und richteten
Schaden an. Fast zu gleicher Zeit fuhr eine Bombe kaum zwanzig oder
dreißig Schritte weit von unserm Kreise nieder, zersprang, beschädigte
aber niemand. Bei dem Knall sah sich der Oberst mit etwas verwirrten
Blicken unter uns um und stotterte: »Meine Herren, wenn das so fortgeht,
so werden wir doch noch müssen zu Kreuze kriechen!« -- Mehr konnte er
nicht hervorbringen.
So etwas sehen und hören ließ mich meiner nicht länger mächtig bleiben,
und ich tat einen Schritt, den ich jetzt selber nicht gut heiße, obwohl
ich mir dabei der reinsten Absicht bewußt bin. Ich fuhr gegen ihn auf
und schrie: »Halt! Der erste, wer er auch sei, der das verdammte Wort
wieder ausspricht von 'zu Kreuze kriechen' und Übergabe der Festung, der
stirbt des Todes von meiner Hand!« -- Dabei fuhr mir der Degen, ich weiß
nicht wie, aus der Scheide, und mit der Spitze gegen den Feigling
gerichtet, setzte ich hinzu zu allen, die es hören wollten: »Laßt uns
brav und ehrlich sein oder wir verdienen wie die Memmen (eigentlich
brauchte ich wohl ein andres Wort) zu sterben!«
Der Landrat Dahlke, mein Nebenmann, faßte mich von hinten und zog mich
von Loucadou zurück, während dieser vom Kaufmann Schröder verhindert
wurde, seine Hände zu gebrauchen, die gleichfalls nach der Klinge
griffen. Seine Zornwut kannte keine Grenzen mehr. »Arretieren!« schrie
er mit schäumendem Munde, »gleich arretieren! In Ketten und Banden!« --
Da sich indes alles um ihn zusammendrängte, der Landrat aber mich aus
allen Kräften von ihm entfernte, so mußte er wohl glauben, daß man mich
ins Gefängnis davonführe, und so kamen wir einander aus dem Gesichte.
Ich aber, ein wenig zur Besinnung gekommen und mit mir altem Knaben
nicht aufs beste zufrieden, ging nach Hause, um zu erwarten, was in der
tollen Geschichte weiter erfolgen würde.
Alles dies hatte sich vormittags zugetragen. Gleich nachmittags aber
berief der Kommandant den Landrat zu sich und erklärte ihm seinen
Willen, über mich ein, aus dem Militär und Zivil zusammengesetztes
Kriegsgericht halten und mich des nächsten Tages auf dem Glacis der
Festung erschießen zu lassen. Der Landrat, der es gut mit mir meinte,
erschrak, machte Vorstellungen und gab zu bedenken, welch einen
gefährlichen Eindruck eine solche Prozedur auf die Bürgerschaft machen
könnte, so daß er für den Ausgang nicht gutsagen wolle. Loucadou
beharrte indes auf seinem Sinn, und jener entfernte sich unter der
Versicherung, daß er nicht verlange, damit zu schaffen zu haben.
Kaum hatte nun der Landrat auf dem Heimwege in seiner Konsternation
einigen ihm begegnenden Bürgern eröffnet, was der Kommandant mit mir
vorhabe, so geriet alles in die größte Bewegung; alles nahm meine
Partei, und wer mir auch sonst vielleicht nicht günstig war, wollte doch
einen Bürger und Landsmann nicht so schmählich unterdrücken lassen. Der
Haufen sammelte sich und ward mit jeder Minute größer. Er wälzte sich zu
Loucadous Wohnung, umringte ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so
lange im Guten und im Bösen, bis sie seine Entrüstung einigermaßen
milderten oder vielleicht auch ihn ahnen ließen, daß er hier kein so
leichtes Spiel haben werde. »Gut! gut!« rief er endlich, »so mag der
alte Bursche diesmal laufen. Hüt' er sich nur, daß ich ihn nicht wieder
fasse!« -- So ging alles friedlich auseinander, während ich selbst, der
ich mich ruhig innehielt, den Tumult und das Laufen des Volkes zwar
durch mein Fenster bemerkte, aber doch weiter kein Arges daraus hatte,
daß es mich so nahe angehen könnte. Selbst die ich fragte, blieben mir
die Antwort schuldig, und erst des andern Tages erfuhr ich aus des
Landrats Munde, wie schlimm es auf mich und mein Leben gemünzt gewesen.
* * * * *
Wie es aber auch gekommen wäre, so glaube ich doch, daß ich unter dem
Militär Freunde genug gefunden hätte, die alles, was sich verantworten
ließ, angewandt haben würden, die Sache zu meinem Vorteil ins Gleiche zu
richten. Auch meine ich wohl, es einigermaßen um sie verdient zu haben,
da ich keine Mühe scheute, ihre Lage nach Möglichkeit zu erleichtern.
Zumal die Umstände des Schillschen Korps in der Maikuhle waren
beklagenswert. Die armen Leute waren dort täglich und stündlich auf den
Beinen, weil der Feind sie unaufhörlich in Atem erhielt. Tag und Nacht
waren sie unter freiem Himmel, ohne je, wie andre doch zuweilen, von
ihrem Posten abgelöst zu werden und unter Dach und Fach zu kommen. An
regelmäßige Löhnung war gar nicht und an Lieferung von anderweitigen
Unterhaltungsmitteln nur höchst selten zu denken. Gleichwohl zeigten
sich diese Schillschen Leute, in denen der Geist ihres Anführers lebte,
äußerst willig und brav. Bei jedem Trommelschlage waren sie, oft nur mit
einem Schuh oder Strumpf an den Beinen, die ersten auf dem Sammelplatze,
und diesen tätigen Eifer kann ich von einigen andern Truppengattungen
nicht rühmen.
Um nun so brave Leute in ihrer Not zu unterstützen, so weiß Gott, daß
ich für meinen Teil getan habe, was nur möglich war. Ein Tonnenkessel
für Kartoffeln und andres Gemüse kam bei mir nie vom Feuer, und die
bereitete Speise ward ihnen hinausgefahren. Oftmals habe ich den ganzen
Fleischscharren und alle Bäckerläden auskaufen lassen, oftmals bin ich
Haus bei Haus gegangen und habe gebeten, daß für meine Schillschen
Kinder in der Maikuhle zugekocht werden möchte. In der Tat betrachteten
sie mich auch als ihren Vater und nannten mich ihren Brot- und
Trankspender, und wenn ich mich in der Nähe der Lagerposten zeigte, ward
ich gewöhnlich mit kriegerischer Musik empfangen. Nicht selten zuckelte
ich, wenn sie zu irgendeinem Angriff ins Freie hinausrückten, auf meinem
Pferdchen neben ihnen her und suchte ihnen tröstenden Mut einzusprechen;
oder ich stimmte, ob ich gleich nicht von sangreicher Natur bin, mit
meiner Rabenkehle das Liedchen an: »Haltet euch wohl, ihr preußischen
Brüder!« wobei alle lustig und guter Dinge wurden. Auch wußten sie, daß,
wenn es Verwundete oder sonst ein Unglück geben sollte, ihr alter Freund
schon in der Nähe zu finden sein werde.
Jede Art von Ermunterung war aber auch für diese braven Truppen um so
notwendiger, da sie in diesem Zeitraume der Belagerung die schwerste
Last derselben fast allein zu tragen hatten, denn schon vom 5. April an
hatten die Franzosen tägliche und immer ernstlichere Unternehmungen
gegen die Maikuhle versucht, waren aber jedesmal mit blutigen Köpfen
zurückgewiesen worden, wobei die Festungsartillerie sie in der rechten
Flanke wacker mitnahm, so oft sie sich in den Bereich derselben
verirrten. Meist aber gingen ihre Angriffe von dem Punkte von Alt- und
Neu-Werder aus, indem sie, wie z. B. am 9. und 10. April, vielleicht
tausend und mehr Menschen dazu verwandten. Hier legte ihnen jedoch das
große Torfmoor, welches sich bis zum Kolberger Deep hin erstreckt und
nur auf wenigen Dämmen zugänglich ist, so große Hindernisse entgegen,
daß es ihnen nie gelingen wollte, mit einer bedeutenden Macht
durchzudringen.
Allein der feindliche Anführer wollte keineswegs aufhören, um den Besitz
der Maikuhle zu ringen. Schon am 11. zogen starke Truppenabteilungen
über die Verbindungsbrücke bei der Altstadt nach Sellnow hinüber, und am
nächstfolgenden Tage entwickelte sich vor Neu-Werder eine Macht von
wenigstens ein paar Tausend Köpfen, die einen härteren Stand als jemals
befürchten ließ. Schill wartete jedoch diesen Angriff nicht ab, ging dem
Feinde mit ein paar Kanonen und seinem gesamten Korps entgegen,
verwickelte ihn in den Morast und benutzte die unter ihm entstandene
Unordnung so rasch und glücklich, daß auf dem verwirrten Rückzuge
Alt- und Neu-Werder für den Feind verloren gingen und er bis an seine
feste Stellung bei Sellnow zurückgetrieben wurde. Es ging dabei scharf
her, und unsre Leute bewiesen einen Mut, der nicht genug zu loben ist.
Vier Kompagnien der Besatzung rückten während des Gefechts vor das
Gelder-Tor hinaus, und es ist nicht zu leugnen, daß sie, indem sie dem
Feinde Besorgnis für seine Flanke und seinen Rücken erregten, nicht
wenig dazu beitrugen, seinen Rückzug zu beschleunigen. Hätten jedoch
eben diese Truppen, vielleicht noch durch einige Mannschaft mehr
unterstützt, sich etwas weiter hervor und einen entschlossenen Anfall
auf Sellnow selbst und die dahinterliegende Schanze gewagt, so würden
die Vorteile dieses Tages eine noch entschiedenere Gestalt angenommen,
die gänzliche Zersprengung des Feindes bewirkt und den Wiedergewinn des
Kauzenberges zur Folge gehabt haben. Das wurde auch von den Franzosen in
Sellnow selbst so lebhaft befürchtet, daß dort bereits zum Abzuge
eingepackt war. Das war es aber auch, was Schill zu wiederholten Malen
und aufs dringendste vom Kommandanten forderte, als er noch am Abende
den Entschluß faßte, den Angriff seinerseits von Werder aus
fortzusetzen. Allein Loucadou hatte keine Ohren für diesen Vorschlag,
sei es nun, daß er, seiner alten Ansicht getreu, außerhalb der Wälle
nichts aufs Spiel setzen wollte oder daß sein tief gewurzelter
Widerwille gegen Schills Person und überlegenen Geist ihm nicht
gestattete, zu irgendeiner Idee, die von diesem ausging, die Hände zu
bieten. Genug, der günstige Augenblick ward versäumt und kehrte nie
wieder!
* * * * *
Drei Tage nachher, am 15. April, schiffte der Rittmeister v. Schill sich
auf einem Fahrzeuge ein, das nach Schwedisch-Pommern abging. Das
neuerlichste Mißverständnis mit dem engherzigen Kommandanten trug wohl
vornehmlich die Schuld, daß jener wackere Mann in einer so schwülen
Stickluft nicht länger auszudauern vermochte. Ohnehin war sein ins Große
strebender Geist nicht für die engen Verhältnisse eines belagerten
Platzes gemacht, aber dennoch würde er wie bisher seinen Platz ehrenvoll
ausgefüllt haben, wenn man seiner Kraft nicht Hemmketten angelegt hätte.
Aber indem er sich jetzt von uns entfernte, geschah es nur, um uns aus
der Ferne desto wirksamere Hilfe zu gewähren. Von Anfang an waren seine
Entwürfe dahin gerichtet gewesen, sich in Pommern ein Kriegstheater zu
errichten, von wo aus Stralsund und Kolberg sich zu wechselseitiger
Unterstützung die Hände böten. Nun waren aber in den letzten Tagen auf
allerlei Wegen die günstigsten Nachrichten bei uns eingekommen, wie
nicht nur der König von Schweden das gegen ihn operierende französische
Korps über die Peene zurückgedrängt habe, sondern auch mit einem Teil
seiner Macht auf Swinemünde vordringe und im Begriff sei, auch Wollin
von den Feinden zu säubern, also wohl gar unserm Platze wieder Luft zu
verschaffen. Nun erwiesen sich diese Nachrichten zwar in der Folge zum
Teil ganz anders, aber doch waren sie ermunternd genug, um einen Mann
von Schills feuriger Seele zu dem Entschlusse zu begeistern, den guten
Willen der Schweden an Ort und Stelle gegen den gemeinschaftlichen
Widersacher in Bewegung zu setzen. Um diese Absichten konnten und
durften indes nur wenige wissen, und je mehr also seine Entfernung als
die Folge seiner Zwistigkeiten mit Loucadou erschien, um so
schmerzlicher und unmutiger war das allgemeine Bedauern.
* * * * *
In diesen Tagen war es, wo ich mit dem bekannten Heinrich v. Bülow einen
sonderbaren Auftritt erlebte. Man weiß, daß es beim Ausbruche des
Krieges für angemessen befunden wurde, diesen in seiner Originalität
verkommenen Mann zu uns nach Kolberg zu schaffen, wo er einige Zeit
verblieb; von vielen als ein Wundertier angestaunt, von andern mit
unbilliger Geringschätzung behandelt, aber immer noch im Genuß einer
leidlichen Freiheit, wie Staatsgefangene sie genießen können. Leider
suchte er nun in dieser letzten Zeit, und so auch bei uns, seine Grillen
in der Flasche zu ersäufen; und so war er eines Abends im trunkenen Mute
auf der Straße in Verdrießlichkeiten geraten, worüber eine
Bürgerpatrouille hinzukam und ihn wegen geleisteten Widerstandes auf der
Hauptwache in einstweiligen Verwahrsam brachte.
Man kann denken, daß er gegen eine solche Maßregel mancherlei
dreinzureden hatte. Ich kam zufällig dazu, hörte sein Toben und ermahnte
ihn, sich zu mäßigen und zu fügen. In eben dem Maße aber mehrte sich
seine Ereiferung, und plötzlich hub er an, in gutem Englisch seinem
verbitterten Herzen auf eine Weise Luft zu machen, wobei König und
alles, was preußisch war, gar übel wegkam. Hatte er sich aber vielleicht
darauf verlassen, daß seine Zuhörer ihn nicht verstehen würden, so war
er um so mehr verwundert, als ich, der ich diese Lästerung nicht länger
geduldig anhören konnte, ihm in gleicher Sprache bedeutete: daß, wenn
er jene Worte zu deutsch über seine Lippen gehen lasse, ich ihm nicht
dafür bürgen möchte, ob sie ihm nicht Kopf und Kragen kosten sollten. Er
werde also wohltun, sich Zaum und Gebiß anzulegen.
Kaum hörte der Wütende die ersten englischen Silben aus meinem Munde, so
ward er urplötzlich ein ganz andrer Mann. Er fiel mir entzückt um den
Hals, küßte mich und beteuerte, für alles was nur einen englischen Klang
habe, lasse er Leib und Leben. Sofort auch waren und blieben wir die
besten Freunde; da ihm indes sein Unmut immer wieder von neuem aufstieg,
so forderte er Feder und Papier, um an den Kommandanten zu schreiben und
Beschwerde über die ihm widerfahrene Behandlung zu führen. Beides ward
ihm gereicht, um seine Lebensgeister zu beruhigen. Die Feder tanzte auch
lustig auf dem Papiere hin, und man sah wohl, es war sein Handwerk.
Indem ich aber von Zeit zu Zeit über seine Schulter hin in das
Geschreibsel schielte, nahm ich bald wahr, daß der Inhalt, voll
Schmähungen und harter Vorwürfe, nicht dazu gemacht war, ihm an Loucadou
einen Patron und Gönner zu erwerben. Um also ferneres Unheil zu
verhüten, und da die Blattseite eben voll war, sagte ich: »Nun ist's
wohl Zeit, auch Sand darauf zu streuen,« -- nahm das volle Tintenfaß und
goß es über die Pastete her. Er stutzte; alles lachte. Endlich lachte er
mit, schüttelte mir die Hand, und sein Ärger war vergessen.
* * * * *
Seit dem letzten mißlungenen Versuche auf die Maikuhle geschahen nur
hier und da einige Angriffe auf unsre Vorpostenkette, um unsre
Aufmerksamkeit zu beschäftigen. Dagegen wagte der Feind sich, ohne daß
wir Kunde davon erhielten, in diesen Tagen an ein Unternehmen, das kühn
und groß genug aufgefaßt war, um, wenn die Ausführung glückte, uns mit
all unsern bisherigen Verteidigungsanstalten, im eigentlichsten
Wortverstande, aufs Trockene zu bringen. Es sollte nämlich der Persante
ein andres Bett gegraben und sie in den Kampschen See abgeleitet werden.
Das Werk wurde groß und kräftig angefangen; aber bald stieß man auf
Schwierigkeiten, die man nicht erwartet hatte, und so ward die Sache
bald wieder aufgegeben, und wir sahen uns von einer Sorge befreit, ehe
sie uns noch hatte beunruhigen können: denn freilich stand hier die
Wirksamkeit unsres ganzen Überschwemmungssystems auf dem Spiele, und
selbst unser Hafen wäre, wenn auch nicht bis auf den Grund
ausgetrocknet, doch durch den nächsten Seesturm bis zur völligen
Unbrauchbarkeit versandet worden.
In der Beschießung der Festung schien es dem Feinde bis gegen Ende April
immer noch kein recht lebendiger Ernst zu sein, was ohne Zweifel seinen
Grund im Mangel von hinreichendem Schießbedarfe hatte. Sowohl Haubitzen
als Mörser waren nur von kleinem Kaliber und erreichten darum auch nicht
immer ihr Ziel, oder taten doch, nach Verhältnis, nur geringen Schaden.
Ein paarmal ward es von der Schanze des Hohen-Berges her versucht, ob
das Feldgeschütz bis in die Stadt hinein zu tragen vermöge: aber nur
vier Kanonenkugeln gelangten bis dahin und beschädigten einige Dächer.
Auch ward dies fruchtlose Feuer von dem schwereren Geschütze unsrer
Wälle bald zum Schweigen gebracht.
Hätte sich das letztere doch nur eben so wirksam gegen die feindlichen
Wurfbatterien auf der Altstadt bewiesen, deren zerstörende Wirkungen uns
mit jedem Tage empfindlicher trafen und uns nicht nur den Ruin unsrer
Häuser, sondern auch manchem Gesundheit und Leben kosteten. Zwar
vereinigte sich unsre Artillerie am 23. April, nach dieser Seite hin, zu
einer neuen lebhaften Anstrengung, die Einäscherung der dortigen
Gebäude, die uns so viel Herzeleid machten, zu vollenden: aber es war
nicht zu bewerkstelligen; und dies schlug den Mut der Menge merklich
nieder. Die Geringschätzung gegen unsern unfähigen Kommandanten ging
allmählich in wirklichen Haß und Feindseligkeit über, und das nur um so
mehr, da es so manchen würdigen Offizier unter der Besatzung gab, der
das Herz auf dem rechten Fleck und viel Einsicht und Überlegung hatte,
aber sein Licht unter den Scheffel stellen mußte. Ich nenne hier nur den
Ingenieurleutnant Wolf, der später nach Glogau versetzt wurde, den
Platzmajor Zimmermann, jetzt Kommandant von Wolgast, und den in seinem
Fache überaus geschickten und tätigen Artillerieleutnant Post, jetzigen
Major und Postmeister in Treptow. Sie alle, und nicht wenige andre mit
ihnen, taten, was in ihren Kräften stand und was Loucadous Eigensinn und
Dünkel ihnen nur irgend gestattete.
* * * * *
Desto sehnsüchtiger waren meine Hoffnungen auf Memel gerichtet: denn in
meiner Seele lebte ein unüberwindliches Vertrauen, daß der Klageschrei,
den ich bereits vor einem Monat dahin hatte ertönen lassen, das Ohr des
Königs erreicht haben werde. Unsre Verbindung nach jenem Platze hin war
nun nach und nach immer lebendiger geworden. Der Kaufmann Schröder hatte
vier oder fünf Schiffe, groß und klein, von zweihundertachtzig bis
sechzig Last, in unserm Hafen müßig liegen, und diese waren nunmehr und
späterhin unaufhörlich zwischen Kolberg und Memel unterwegs; bald mit
Kriegsgefangenen, deren wir uns dorthin entledigten, bald auch wohl nur
mit einem einzigen Briefe, wenn es eine besonders wichtige Angelegenheit
betraf. Für eine jede solche Fahrt, die jezuweilen, bei günstigem Winde,
in fünf bis sechs Tagen hin und zurück getan wurde, ward dem Eigentümer
die Last mit acht bis neun Talern bezahlt und Proviant für drei Wochen
unentgeltlich mitgegeben. Es wurden auf solche Weise zweiundsiebzigtausend
Taler verdient.
Und nun rückten allmählich auch unsre Wünsche der Erfüllung immer näher.
Am 26. April erschienen zwei jener Schiffe auf der Reede, welche das
zweite pommersche Reservebataillon, siebenhundert Köpfe stark, in Memel
eingeschifft hatten und unsrer Besatzung als willkommene Verstärkung
zuführten. Unser war also keineswegs vergessen worden, sondern es
geschah zur Hilfe für unser Bedrängnis, was die Not des Augenblicks
zuließ. Als die Truppen des nächsten Tages ans Land gesetzt wurden,
erschien auch von der andern Seite her ein Schiff von Schwedisch-Pommern
mit einer guten Anzahl Ranzionierter, welche der dorthin abgeschickte
Hauptmann v. Bülow in Stralsund gesammelt und organisiert hatte. Und
wahrlich! solcher ermunternden Erscheinungen bedurften wir auch in
diesem Augenblicke mehr als jemals, da eben kurz zuvor (den 25. April)
die sichere Kunde bei uns eingegangen war, daß das längst erwartete
schwere Belagerungsgeschütz im feindlichen Lager eingetroffen sei. Jetzt
erst drohte also der Kampf um Kolbergs Besitz seinen vollen Ernst zu
gewinnen!
Diesen Ernst zeigten die Franzosen ihrerseits sofort am 29. April auch
dadurch, daß sie unter dem Schutze der Hohen-Bergschanze, halben Weges
von dort gegen die Stadt, eine Schanze aufwarfen, und ebenso eine
zweite, in der Richtung von Bullenwinkel her, zu errichten begannen. Sie
in dieser Nähe zu dulden, wäre hochgefährlich gewesen; allein es schien
nicht, als ob unser, nach beiden Punkten hin gerichtetes Geschütz die
Arbeiten sonderlich hinderte. Da nun zu jeder kräftigeren Maßregel
Loucadou der Mann nicht war, und ich auch mir mit ihm nichts zu schaffen
machen wollte, so eilte ich, den Vizekommandanten aufzusuchen und ihm
meine neuen Besorgnisse ans Herz zu legen.
In der Stadt fand ich meinen Mann nicht, aber es wurde mir gesagt, er
befinde sich wegen eines von Danzig angekommenen Schiffes am Hafen, und
ich war im Begriff, ihm dahin zu folgen, als er mir bereits auf der
Brücke des Münder-Tores begegnete. Neben ihm ging ein Mann, den ich
nicht kannte, und der mit dem Schiffe gekommen zu sein schien. Dieser
Fremde, ein junger rüstiger Mann von edler Haltung, gefiel mir auf den
ersten Blick, ohne daß ich wußte warum? Da indes mein Anbringen an den
Vizekommandanten eilig war, zog ich ihn bei der Hand etwas abwärts, um
es ihm, des fremden Mannes wegen, ins Ohr zu flüstern. Waldenfels aber
lächelte zu meiner Vorsicht und sagte: »Kommen Sie nur, in meinem
Quartier wird ein bequemerer Ort dazu sein.«
Als wir dort angekommen und unter sechs Augen waren, wandte sich der
Hauptmann zu mir mit den Worten: »Freuen Sie sich, alter Freund! Dieser
Herr hier -- Major von Gneisenau -- ist der neue Kommandant, den uns der
König geschickt hat«; -- und zu seinem Gaste: »Dies ist der alte
Nettelbeck!« -- Ein freudiges Erschrecken fuhr mir durch alle Glieder
und die Tränen stürzten mir aus den alten Augen. Zugleich zitterten mir
die Knie, ich fiel vor unserm neuen Schutzgeiste nieder, umklammerte ihn
und rief aus: »Ich bitte Sie um Gotteswillen, verlassen Sie uns nicht;
_wir_ wollen Sie auch nicht verlassen, solange wir noch einen warmen
Blutstropfen in uns haben, sollten auch all unsre Häuser zu Schutthaufen
werden! So denke ich nicht allein, in uns allen lebt nur ein Sinn und
Gedanke: Die Stadt darf und soll dem Feinde nicht übergeben werden!«
Der Kommandant hob mich freundlich auf und tröstete mich: »Nein, Kinder!
Ich werde euch nicht verlassen. Gott wird uns helfen!« -- Und nun wurden
sofort einige Angelegenheiten besprochen, die wesentlich zur Sache
gehörten, und wobei sich sofort der helle umfassende Blick unsres neuen
Befehlshabers zutage legte, so daß mein Herz in Freude und Jubel
schwamm. Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Noch kennt mich hier
niemand. Sie gehen mit mir auf die Wälle, daß ich mich etwas
orientiere.« -- Das geschah. Ich führte ihn auf dem Wall und den
Bastionen herum und zeigte ihm von hier aus die feindlichen Stellungen
und Schanzen. Was auf den Wällen war und vorging, sah er selbst. Zuletzt
kamen wir auch an die Inundationsschleuse. Ich zeigte ihm den ganzen
Zusammenhang und Umfang dieser Einrichtung, und wieviel dadurch noch für
die Sicherstellung des Platzes geschehen könne: denn was bis jetzt
dadurch bewirkt worden, war meist heimlich von mir geschehen, weil der
Einspruch der Grundeigentümer bisher nicht zu besiegen gewesen war.
Jetzt aber sah ich mir freiere Hand gegeben, und ward sogar förmlich
beauftragt, mich dieses Geschäfts mit besonderer Sorgfalt anzunehmen.
Gleich des nächsten Tages stellte der neue Kommandant sich selbst, auf
der Bastion Preußen, der Garnison als ihren jetzigen Anführer vor, und
diese Feierlichkeit begleitete er mit einer Anrede, die so eindrucksvoll
und rührend war, wie wenn ein guter Vater mit seinen lieben Kindern
spräche. Alles ward auch dadurch dergestalt erschüttert, daß die alten
bärtigen Krieger wie die Kinder weinten und mit schluchzender Stimme
ausriefen: Sie wollten mit ihm für König und Vaterland leben und
sterben. Darauf machte er sie mit den Grundsätzen bekannt, nach welchen
er sie befehligen werde, wessen sie sich von ihm zu versehen hätten, und
was er von ihnen erwarte. Tausend Stimmen jauchzten ihm im freudigen
Tumult entgegen.
Am 1. Mai ließ er sich zunächst die Zivilbehörden und
Bürgerrepräsentanten vorstellen, hielt auch an uns eine nachdrucksvolle
Rede, worin er uns verschiedene zweckmäßige Anordnungen vorschlug, und
wodurch ihm aller Herzen so gewonnen wurden, daß sie begeistert und mit
Handschlag erklärten, sie wollten Leben und Vermögen willig in seine
Hände legen. -- Und fürwahr, ein neues Leben und ein neuer Geist kam
nunmehr, wie vom Himmel herab, in alles, was um und mit uns vorging.
In welcherlei Weise das erste Zusammentreffen des alten und des neuen
Kommandanten stattgefunden, davon konnte freilich im Publikum nichts
Gewisses verlauten, nur ließ sich voraussetzen, daß der edle Sinn des
Neuangekommenen seinem Vorgänger jedes unangenehme Gefühl, das in dieser
Veränderung lag, nach Möglichkeit erspart haben werde. Zwar wohnte er
die ersten paar Tage noch mit Loucadou in dem nämlichen Hause, aber ohne
weitere Gemeinschaft mit ihm zu pflegen. Auch blieb letzterer noch die
ganze Zeit der Belagerung hindurch in Kolberg; doch ohne weiter
öffentlich zum Vorschein zu kommen, und die Spötter meinten, er habe
diese Zeit benutzt, um nun ruhig auszuschlafen. Des Königs Gnade hatte
ihn übrigens seines Dienstes mit dem Charakter als Generalmajor und mit
einer hinlänglichen Pension entlassen. Er setzte sich alsdann in Köslin
zur Ruhe und ist dort einige Jahre nachher gestorben.
* * * * *
Da der Feind fortfuhr, an der neuen Schanze am Sandwege mit
angestrengtem Eifer zu arbeiten, so hatte unser neuer Kommandant gleich
in der nächsten Nacht einen Ausfall gegen diese angeordnet, der von
einem Trupp Grenadiere und Jäger, etwa hundert Mann stark, in
möglichster Stille, von der Lauenburger Vorstadt aus, unternommen wurde.
Ich schloß mich dem Zuge mit zwei in der Vorstadt aufgegriffenen Wagen
an, um erforderlichenfalls unsre Toten und Verwundeten aufnehmen zu
können. Die Überrumpelung erfolgte mit gefälltem Bajonett im
Sturmschritt, und es lag nur daran, daß die Schanze noch nicht
geschlossen war, wenn es der darin befindlichen Besatzung gelang, bis
auf wenige Gefangene, zu entkommen. Wir selbst hatten ebensowenig
Verlust, erbeuteten aber vieles Arbeitszeug, welches, nachdem es dazu
benutzt worden, um den Aufwurf möglichst wieder zu zerstören, auf meine
Wagen geladen und in die Festung geschafft wurde.
Unter unsern Gefangenen befand sich ein Mensch, den anfänglich niemand
in seinem veränderten Rocke erkannte, bis ich mich endlich auf seine
Gesichtszüge besann. Es war der nämliche Unteroffizier Reischard, der
vor etwa sechs Wochen, als eines heimlichen Einverständnisses höchst
verdächtig, zum Feinde übergelaufen war. Ich muß gestehen, daß mir wegen
dieses ehrlosen Buben seither nicht wenig bange gewesen war. Er kannte
jeden Zugang zu unsrer Festung und verstand einiges vom
Fortifikationswesen, daher er nicht nur bei uns zu dergleichen Arbeiten
gebraucht worden war, sondern auch, als besonders ortskundig, jetzt bei
den Franzosen die Aufsicht bei Erbauung dieser Schanze am Sandwege
geführt hatte.
Der plötzliche Anblick des Verräters setzte mich in Wut. Ich schrie den
Grenadieren zu, sie sollten den Schändlichen wie einen tollen Hund
niederstoßen, und erzürnte mich noch heftiger, als sie mir dies
verweigerten, weil sie ihm einmal Pardon gegeben. Jetzt wollte ich
selbst ihm ans Leben, und griff hier und dort hin nach einem Bajonett,
das mir aber mit Glimpf vorenthalten wurde. Ich mußte es mit ansehen,
daß man ihn lebendig zur Stadt brachte. Je unwerter er mir aber
erschien, daß ihn die Erde trüge, desto eifriger waren nun auch meine
Vorstellungen bei dem Kommandanten, dem Bösewichte seinen verdienten
Lohn am Galgen auszuwirken und ihn zu einem abschreckenden Beispiele für
alle seinesgleichen zu machen. Allein auch hier überwog das menschliche
Gefühl die strenge Gerechtigkeit. Von einem mitleidigeren Gesichtspunkte
ausgehend, begnügte sich sein edler Richter, ihn zur Kettenstrafe und
Aufbewahrung im Stockhause zu verurteilen. Dort blieb er noch vier oder
fünf Jahre gefangen, worauf man ihn lausen ließ; und noch diese Stunde
bettelt er in der Gegend umher.
* * * * *
Je enger die Stadt seither eingeschlossen worden, um so weniger blieb
auch der Kavallerie des Schillschen Korps der erforderliche Spielraum,
sich mit der sonst gewohnten Tätigkeit zu tummeln. Loucadou, dem
überhaupt das ganze Korps ein Dorn im Auge war, hatte schon früher auf
die Entfernung jener Reiterei, nach Schills Abzuge, gedrungen; und diese
hatte auch einen Versuch gemacht, sich nach Preußen durchzuschlagen. Da
jedoch alle Möglichkeit dazu verschwand, war sie aus der Gegend von
Stolpe wieder nach Kolberg zurückgekehrt und zehrte sich nun in sich
selber auf. So fand es denn Gneisenau am angemessensten, den Rest dieses
Korps, der etwa noch 130 Mann betrug, zu Schiff nach Schwedisch-Pommern
überführen zu lassen, wo es aufs neue in Wirksamkeit treten konnte. Die
nämlichen höheren Befehle, welche ihn dazu bestimmten, hatten auch den
Abzug der übrigen Schillschen Truppen angeordnet; allein der Kommandant
selbst sowohl, als die Bürgerschaft, hatten sich zu lebendig von ihrem
Nutzen überzeugt, um nicht gegen diese neue Bestimmung gemeinschaftlich
einzukommen. Sie blieben also noch und behaupteten ihren Posten nach wie
vor in der Maikuhle. Ohnehin hatten die Operationen des schwedischen
Korps in Vorpommern seither eine minder günstige Wendung genommen.
Anstatt über Swinemünde und Wollin unsern Belagerern in den Rücken zu
fallen und uns Luft zu machen, waren diese unsre Verbündeten wieder bis
unter die Kanonen von Stralsund zurückgedrängt worden, und wir sahen
nunmehr jede in sie gesetzte Hoffnung verschwunden.
* * * * *
Als einiger Ersatz jedoch für diese schmerzlich empfundene Vereitelung
erschien in diesen Tagen eine schwedische Fregatte von sechsundvierzig
Kanonen, »der Fährmann« genannt, und legte sich auf unsrer Reede vor
Anker. Sie war angewiesen, uns in unsrer Verteidigung von der Seeseite
zu unterstützen. Dies tat sie in der Folge auch wirklich, indem sie die
Arbeiten des Feindes an der Ostseite in seiner rechten Flanke
beunruhigte und aufhielt. Sie würde dies wirksamer vermocht haben, wenn
entweder der Wind zu allen Zeiten ermöglicht hätte, sich dem Strande
genugsam zu nähern, oder wenn ihr Feuer weiter landeinwärts getragen
hätte. Überhaupt war sie zu groß und ging zu tief, um an dieser Küste
von gleichem Nutzen zu sein, wie eine ungleich kleinere englische Brigg
von achtzehn Kanonen, die sich ihr nach einiger Zeit zugesellte und mit
ihr gemeinschaftlich manövrierte.
Anderweitige dankenswerte Hilfe kam uns am 7. Mai durch ein Schiff von
Königsberg, welches uns das dritte neumärkische Reservebataillon, zur
Ergänzung der Besatzungstruppen, herbeiführte, sowie schon kurz zuvor
vierhundertsechzig Ranzionierte, die in Vorpommern wieder bewaffnet
worden, auf schwedischen Schiffen anlangten. Die Garnison wurde durch
dies alles auf eine Zahl von sechstausend dienstfähigen Köpfen gebracht,
und hat auch diesen Belauf nie überschritten; wogegen mit Sicherheit
anzunehmen ist, daß gegen das Ende der Belagerung zwanzig- bis
vierundzwanzigtausend Franzosen vor unserm Platze unter den Waffen
standen. Die Desertion unter unsern Truppen war im ganzen gering; nur im
Anfange gingen besonders mehrere Polen zum Feinde über. Dagegen fanden
sich wenigstens ebensoviele, wenn nicht noch mehr Ausreißer, zumal von
den deutschen Bundestruppen, bei unsern Vorposten ein.
* * * * *
Zunächst beschränkten sich fortan die Feindseligkeiten auf
Vorpostengefechte und auf einzelne Granatenwürfe, besonders von der
Altstadt her. Noch am 7. Mai zündete eine der letzteren in einem Hause,
auf dessen Hofe wir eine Batterie gegen jene Vorstadt errichtet hatten.
Es ging dadurch das erste während dieser Belagerung durch feindliches
Geschütz verursachte Feuer auf, das unsre recht guten Löschanstalten
dennoch erst zu unterdrücken vermochten, nachdem es noch einige
Hintergebäude ergriffen und verzehrt hatte. Sobald der Feind die Wirkung
jenes Wurfes bemerkte, unterließ er nicht, zur Verhinderung des
Löschens, immer noch mehr Schüsse nach diesem Punkte zu richten, so daß
bis spät in die Nacht vierundachtzig geworfene und geplatzte Granaten
gezählt wurden. Unsre Artillerie beantwortete sie mit einer mehr als
doppelten Anzahl von Schüssen. Am 15. Mai gelangte die schwedische
Fregatte zum erstenmal zu einiger Tätigkeit, indem sie dem Feinde, der
sich nördlich am Stadtwalde zeigte, zweiundvierzig Kugeln zuschickte.
Daß indes die Untätigkeit der Belagerer nur scheinbar war und neue
wichtigere Entwürfe von ihnen vorbereitet wurden, ging genugsam aus den
lebhaften Bewegungen hervor, welche von Zeit zu Zeit in ihren Stellungen
bemerkt wurden. Das Hauptquartier des Generals Teullié, welcher nach dem
Abgange des Marschalls Mortier zur großen Armee den Oberbefehl wieder
übernahm, war näher von Zernin nach Tramm verlegt worden, wohin große
Züge beladener Wagen von Treptow ihre Richtung nahmen. Faschinen wurden
nach allen Seiten hin gefahren; man erblickte häufig die feindlichen
Offiziere auf Rekognoszierungen begriffen, und von Tramm aus ward
Geschütz von großem Kaliber in die Verschanzungen geführt.
Um diese Bewegungen noch genauer zu beobachten, verlangte der Kommandant
einen Bürger, der des Terrains um die Stadt vollkommen kundig wäre und
auch einige militärische Kenntnisse besäße, und hatte die Absicht,
denselben auf den großen Kirchturm zu postieren. Ich schlug hierzu den
Brauer Roland vor, welcher sich auch gern willig finden ließ und von
seinen gemachten Bemerkungen, nach Erfordernis, Bericht abstattete;
während der Schiffer Busch es übernahm, von dort aus ein gleich
wachsames Auge auf den Hafen und die See zu haben und gleichfalls
Meldungen zu machen. Zu dem Ende brachte ich an dem Turme eine Winde mit
einem Kästchen an, worin Fragen und Antworten auf und nieder befördert
wurden, und eine Schildwache unten erhielt die Maschine im Gange. Bald
blieb dieser Posten nicht ohne Gefahr, da der Feind jene Späher gewahr
geworden war und nun häufig die Turmspitze zum Zielpunkte seiner
Artillerie machte.
Endlich am 17. Mai geschahen von der Schanze auf dem Hohen-Berge die
ersten sieben Probeschüsse aus dem dort aufgeführten schweren
Wurfgeschütze. Trotz der ansehnlichen Entfernung verfehlten diese Bomben
ihres Zieles nicht, denn eine derselben tötete einen Grenadier mitten in
der Stadt vor der Hauptwache. Die Wirksamkeit des nunmehr zu erwartenden
Bombardements stand uns also klar vor Augen.
Allein Schlimmeres noch, als wir ahnten, stand uns von des Feindes
Tätigkeit bereits in der nächsten Nacht auf den 18. Mai bevor, indem er
die Schanze auf dem Wolfsberge überfiel und stürmte. Die Gegenwehr der
Unsrigen, so brav sie war, blieb dennoch der Überzahl und dem
wohlgeleiteten Angriffe nicht gewachsen. Ein Teil fiel, ein Teil ward
gefangen und das Außenwerk ging verloren! Auf jede Weise aber war
dieser Verlust zu bedeutend und der Nachteil, wenn ein so wichtiger
Punkt in Feindes Händen bleiben sollte, zu empfindlich, als daß unser
Kommandant nicht schnell und mit Anstrengung jeder Kraft darauf gesonnen
hätte, sich wiederum Meister davon zu machen. Die größere Hälfte der
Besatzung ward aufgeboten, in Kolonnen gebildet und zum Angriffe
geführt. Einem solchen Anfalle widerstanden die Franzosen ebensowenig.
Die Schanze kam wieder in unsre Hände. Gewiß war der feindliche Verlust
an Toten und Verwundeten nicht geringer als der unsrige, der sich auf
hundertsechzig Mann belief. Fortan aber ward dieser so blutig behauptete
Posten mit dreihundert Grenadieren und sechs Kanonen besetzt.
Warum die Belagerer jenen Überfall versucht hatten, offenbarte sich
gleich am nächsten Tage, wo sie anfingen, einen Damm vor dem Stadtwalde
aufzuwerfen, der sie durch die Sümpfe hindurch der Festung näher führen
sollte. Sie hatten gefürchtet, daß ihnen bei dieser Arbeit das Feuer der
Wolfsschanze in der Seite sehr lästig werden könnte, wie denn dies heute
auch wirklich geschah. Zwar versuchten sie unser Geschütz durch eine
Menge Granaten zum Schweigen zu bringen; allein die Entfernung war nicht
gut berechnet, indem diese Granaten schon halben Weges niederfielen und
zerplatzten.
* * * * *
Am 19. Mai geleitete jene englische Brigg, deren bereits Erwähnung
geschehen, drei Schiffe ihrer Nation in unsern Hafen, deren Erscheinung
wir schon längst mit heißer Sehnsucht erwarteten. Es war stürmisches
Wetter, als ihre Segel am Horizonte sichtbar wurden. Sie kreuzten hin
und wieder und taten verschiedene Signalschüsse, ebensowohl um die
nötigen Lotsen zu erlangen, als um zu erfahren, ob sie mit Sicherheit in
den Hafen einlaufen, oder wo sie sonst vor Anker gehen könnten. Diese
Signalschüsse hörte ich in der Stadt, warf mich zu Pferde und eilte nach
der Münde, um zu erfahren, was vorginge. Dort fand ich bereits Hunderte
von Menschen, welche zusammengelaufen waren, sich an dem willkommenen
Anblicke zu ergötzen.
»Gut und schön, Kinder, daß sie endlich da sind,« erwiderte ich einigen,
die am lautesten jubelten. »Allein woran liegt's, daß die Lotsen noch
nicht in See sind, sie hier vor Anker zu bringen?« Einige Schiffer,
denen ich diese Frage zunächst wiederholte, zuckten die Schultern,
wiesen auf die hohe See und die schäumende Brandung hinaus, und
versicherten: es sei nicht möglich, daß ein Boot sich in solchem Wetter
hinauswagen könnte. »Möglich oder nicht!« rief ich mit Feuer. »Es muß
versucht werden! Allein ich sehe auch nicht einmal, daß das Ding so gar
halsbrechend wäre. Ich will selbst hinfahren.« Zugleich drang ich in
einen Kreis von Seefahrern ein, die mir zur Linken standen; ergriff die
ersten Besten an den Händen und sagte: »Ich weiß, daß ihr brave Kerls
seid -- kommt, wir wollen zu den Engländern an Bord!«
Wirklich auch schöpften einige gleich Mut. Wir eilten nach dem
Lotsenboote und stiegen ein. Indem ich mich so selbst besah, nahm ich
wahr, daß ich nur mit einer kurzen Reitjacke bekleidet war, und wünschte
etwas Tüchtigeres auf den Leib zu ziehen. Neben mir stand der
Superintendent Baarz, mit einem Überrocke angetan. Den bat ich, mir
damit auszuhelfen. Er warf ihn mir freudig zu; ich trat ans Steuer, und
wir schaukelten uns gleich darauf auf den Wellen, die es freilich etwas
unfreundlich mit uns meinten. Dennoch kamen wir wohlbehalten von einem
Schiffe zum andern; erteilten jede nötige Auskunft, brachten die Brigg
vor dem Hafen zu Anker und die Konvoi vollends hinein in Sicherheit. Das
getan, ließ ich mir von ihnen allen ein Verzeichnis ihrer mitgebrachten
Ladung behändigen und sprengte im Fluge nach der Stadt zurück, dem
Kommandanten meinen freudigen Bericht zu erstatten.
Diese Ladungen waren ein Geschenk der englischen Regierung für die
dringendsten Bedürfnisse der Festung, und eine Wirkung der unermüdlichen
Begebungen, womit der brave Schill, auch aus der Ferne, für unsre
Erhaltung sorgte. Er hatte nämlich schon in früherer Zeit einen seiner
Offiziere nach London abgeschickt, um die englische Nation um so
mancherlei, was uns zur Verteidigung fehlte, anzusprechen. Diese
Anforderungen an die britische Großmut blieben um so weniger unbeachtet,
als es die Bekämpfung des gemeinschaftlichen Feindes galt. In
schnellster Eile, wie es die Umstände erheischten, ward daher durch
Absendung jener Schiffe für uns gesorgt, indem sie uns Kriegsbedürfnisse
der mannigfaltigsten Art, Munition und Montierungen zuführten.
Während nun die Belagerer, insonderheit in der Gegend des Wolfsberges,
die Errichtung von Dämmen und Schanzen fortsetzten, benutzte sogleich am
20. Mai die angekommene englische Brigg, in Verbindung mit der
schwedischen Fregatte, eine günstige Witterung, um sich ihnen am
Oststrande gegenüberzulegen und sie dort mit Heftigkeit zu beschießen.
Ein Gleiches geschah unter ähnlichen Umständen auch am 26., und vom
Turme herab ließ sich deutlich wahrnehmen, wie mörderisch ihr Geschütz
gewirkt haben mußte, da eine Menge Toter und Verwundeter hinweggetragen
oder gefahren wurde.
* * * * *
Des Feindes bewundernswürdige Tätigkeit hatte am Ende des Maimonats, an
der Ost- wie an der Westseite der Festung -- _dort_ bis hart an den
Strand, um sich gegen die Angriffe von der Seeseite besser zu schützen,
_hier_ bis über Sellnow hinaus -- in einem großen Halbmonde umher nicht
weniger als fünfundzwanzig große und kleine Schanzen, Batterien und
Fleschen zustande gebracht und untereinander in Verbindung gesetzt;
hatte künstliche Dämme auf mehr als einem Punkte begonnen und die
Laufgräben an verschiedenen Orten, zunächst aber gegen die
Wolfsbergschanze, eröffnet.
Unserseits bot man die größte Wachsamkeit auf, unsern Gegnern jeden
kleinen Vorteil, um den sie rangen, aufs hartnäckigste streitig zu
machen. Die Überschwemmungen wurden nach und nach in ihrem weitesten
Umfange ins Werk gerichtet, und dienten trefflich dazu, uns den Feind in
einer ehrerbietigen Ferne zu halten und die Fortführung seiner
Laufgräben, wenn er sie nicht voll Wasser haben wollte, zu zügeln.
Fragte mich der Kommandant: »Wie steht's, Nettelbeck? Können wir nicht
_noch_ einen halben Fuß höher stauen?« so fehlte es nicht an einem
bereitwilligen: »Ei nun, wir wollen sehen!« und ich sorgte und künstelte
so lange, bis ich den Wasserstand noch um so viel höher brachte. Die
meiste Not machte mir der Müller Fischer, der stets mehr Wasser
verbrauchte, als mir lieb war, bis ich mich endlich genötigt sah, ihm
vier starke eiserne Bolzen über den Aufzugsschützen in solcher Höhe
einzuschlagen, als ihm ohne Nachteil für die Inundationen eingeräumt
werden konnte.
Noch zwar konnte die fast tägliche und oft ziemlich lebhafte Beschießung
der Stadt für kein eigentliches Bombardement gelten, aber doch führte
sie den Ruin gar vieler Häuser herbei und die Beispiele von aufgehenden
Brandflammen, sowie von verunglückten oder entsetzlich verstümmelten
Menschen in Häusern und auf den Gassen wurden immer häufiger. Man durfte
sich nirgends mehr in den Wohnungen und im Freien für ganz sicher
halten; und je mehr Gebäude durch Bomben und Granaten unwohnlich gemacht
worden waren, um so höher stieg auch die Zahl der Unglücklichen, denen
es an Obdach, wie an Mitteln zum Unterhalte fehlte. Schon zu Anfang
April hatte Loucadou einige, wiewohl unzureichende Veranstaltungen
getroffen, eine Anzahl unnützer Menschen, Arme und die für ihren
Unterhalt auf keine Weise sorgen konnten, aus der Festung und auf Booten
nach Rügenwalde zu schaffen; aber noch immer waren viel zu viel Leute
dieser Art vorhanden, die dem Ganzen zur Last fielen und denen des
Kommandanten Menschenfreundlichkeit ihr unglückliches Los durch eine
gezwungene Auswanderung nicht noch mehr erschweren mochte.
Diese bedauernswerten Menschen irrten nun häufig in den Straßen umher,
während die feindlichen Kugeln immerdar über ihren Köpfen wegzogen, und
alte Männer und Frauen, Kinder, Verlassene und Kranke füllten die Luft
mit ihrem Geschrei und Wimmern. Mich jammerte dies Elend, und ich ging
zu Gneisenau, ihn aufmerksam darauf zu machen. Mein Vorschlag zu
einstweiliger Unterbringung dieses Menschenhäufleins fand auch sofort
das freundlichste Gehör. Es gab nämlich eine Kasematte unter dem Walle,
links des Stockhauses, worin zwar einige Gefangene aufbehalten wurden,
die aber leicht im Stockhause selbst untergebracht werden konnten. Froh
über die Erlaubnis, meine irrenden Schäflein in diese sichere Zuflucht
einweisen zu dürfen, mußte ich nun zunächst bemüht sein, diesen
Aufenthalt von einem mit nichts zu vergleichenden Schmutz zu säubern und
zu einem erträglich gesunden Wohnorte für Menschen wieder herzustellen.
Dies geschah, indem ich die feuerfeste Kasematte mit zwei Schock Stroh
anfüllen und dieses anzünden ließ, so daß Wände und Gewölbe rein
ausgeglüht wurden und die dumpfe Feuchtigkeit sich verzehrte. In diese
schwarze Höhle konnten nunmehr gegen zweihundert Heimlose aller Art und
Geschlechts einquartiert werden; und bis zum Ende der Belagerung
begehrte auch kein einziger von dannen zu weichen.
* * * * *
Eine andre Not tat sich uns auf in dem Mangel klingender Scheidemünze,
wodurch der tägliche Verkehr, besonders des gemeinen Soldaten mit der
Bürgerschaft, sehr erschwert und die regelmäßige Zahlung der Löhnungen
beinahe unmöglich gemacht wurde. Das Gouvernement, nachdem es die Bürger
vergeblich zu einer baren Anleihe aufgefordert (wozu zwar die Armen ihr
Scherflein willig darbrachten, während die großen Kapitalisten dermalen
nicht zu Hause waren), dachte auf einige Abhilfe durch Einführung einer
eignen Not- und Belagerungsmünze, wozu das Metall einer zersprungenen
großen metallenen Kanone angewandt werden sollte. Allein es verstand
sich niemand in der Stadt aufs Prägen, und es war auch nicht die
geringste Vorrichtung dazu vorhanden. Da erinnerte ich mich, daß ich
vormals im holländischen Amerika eine Art von Papiergeld, zur
Erleichterung des kleinen Verkehrs unter den Pflanzern, im Gange
gefunden hatte; und ich fand es zweckmäßig, die Einführung ähnlicher,
obrigkeitlich gestempelter Münzzettel zu einem bestimmten Werte zu
empfehlen. Der Vorschlag wurde beachtet und durch eine aus
Seglerhaus-Verwandten und Bürger-Repräsentanten zusammengesetzte
Kommission wirklich ausgeführt. Die Billets, von zwei, vier und acht
Groschen im Werte, und auf der Rückseite durch den Stempel des
königlichen Gouvernementssiegels autorisiert, fanden willigen Eingang,
wurden in der Folge eingelöst und viele, als Denkzeichen der
überstandenen Drangsale, innebehalten oder, selbst über ihren Nennwert,
als Seltenheiten an zu uns hereingekommene sächsische Offiziere und
andre Fremde verkauft.
Vom 5. Juni an ward es immer unverkennbarer, daß dem Wolfsberge ein
regelmäßiger Angriff drohte, indem die feindlichen Laufgräben sich
diesem Außenwerke allnächtlich mehr zu nähern suchten. Schon mit dem
Abend dieses Tages begann diese fortgesetzte Arbeit mit einem solchen
Eifer, daß unserseits die volle Kraft aufgeboten werden mußte, dies
Vorrücken zu verhindern. Es kam daher von allen Werken und Schanzen im
Bereich jenes Postens zu einer gegenseitigen Kanonade, welche die ganze
Nacht durch anhielt, stärker war, als wir sie in aller Zeit bisher
gehört hatten, und sowohl uns als dem Feinde viele Menschen kostete.
Dennoch schien man französischerseits nur die Vollendung einer neuen,
uns ziemlich auf den Leib gerückten Batterie am sogenannten »Hasenwied«
erwartet zu haben (welche, trotz dem schrecklichsten Regenwetter, am 10.
Juni zustandekam), als auch sofort in aller Frühe des nächsten Morgens
das gefürchtete Ungewitter gegen die Wolfsschanze wirklich losbrach. In
Zeit von einer Stunde zählte man dreihunderteinundsechzig Schüsse, die
gegen diesen einzigen Punkt gerichtet waren. Dann aber begannen auch
alle übrigen Batterien der Reihe nach, bis zur Altstadt hinauf, ein
mörderisches Kanonen- und Bombenfeuer gegen die Stadt und ihre Wälle
auszusprühen. Überall regnete es Kugeln und Granaten; Schaden und
Unglück waren beträchtlich. Dreimal schlug das Feuer vormittags und
einmal nachmittags in lichten Flammen bei uns auf, die jedoch immer bald
wieder unterdrückt wurden. Bei diesem Ernste des Feindes wurden denn
auch neue Maßregeln der Vorsicht nötig, und durch Trommelschlag erging
der Befehl an die Hausbesitzer, vor den Türen und auf den Böden gefüllte
Wasserfässer zum Löschen bereit zu halten.
Indem nun die Belagerer uns auf solche Weise zu tun gaben, erreichten
sie ihre Absicht, uns, wiewohl wir unaufhörlich mit Kanonenkugeln in
ihre Kolonnen schossen, eine kräftigere Unterstützung der Wolfsschanze
zu wehren. Die Besatzung mußte ihrer eignen Tapferkeit und dem freilich
nicht zureichenden Schutze der schwedischen Fregatte, welche sich dem
Strande wieder nähergelegt hatte, überlassen bleiben. Bis um fünf Uhr
nachmittags hielt sie sich mit rühmlicher Entschlossenheit, dann aber
waren ihre Verteidigungsmittel erschöpft, und mit harter Betrübnis sahen
wir sie die weiße Fahne aufstecken, nachdem bereits eine starke Bresche
geschossen worden und der Ausgang eines Sturmes nicht mehr zweifelhaft
war. Ein fünfzehnstündiger Waffenstillstand und demnächst eine
Kapitulation für dies Werk ward abgeschlossen, vermöge deren dasselbe
dem Feinde eingeräumt werden sollte, die preußische Besatzung aber,
zusamt ihrem Geschütze, freien Abzug in die Festung erhielt.
* * * * *
Der Verlust dieses Postens konnte von entscheidenden Folgen für unser
Schicksal werden, weshalb der Kommandant für notwendig hielt,
schleunigst Bericht an den König zu erstatten. Der Schiffer Stechow lag
eben auf der Reede zum Absegeln nach Memel fertig, und ich erhielt den
Auftrag, seine Abfahrt so lange zu verzögern, bis die neuen Depeschen
für ihn fertig geworden. Als ich mich eben auf dem Rückwege zur Stadt
befand, erhob sich mir zur Seite plötzlich ein furchtbares Kanonen- und
Bombenfeuer von unsern Wällen herab, das sämtlich gegen die kaum
verlassene Wolfsschanze gerichtet war, und wenige Minuten später ward es
auch aus den feindlichen Werken jener Gegend mit einem Ungestüm
erwidert, daß mir Hören und Sehen verging und ich mich wacker zu sputen
hatte, um nicht in die Schußlinie zu geraten. Der Erdboden unter mir
bebte und die Schüsse fielen mit einer Schnelle, daß sie kaum mehr zu
zählen waren.
Was konnte dies zu bedeuten haben? War doch bis zum nächsten Morgen ein
Waffenstillstand in Kraft! -- Doch eben _diesen_ hatte der Feind, wie ich
nun erst vom Kommandanten erfuhr, gebrochen, indem er die Ausbesserung
der eroberten Schanze begonnen und darin durch unser Geschütz hatte
gestört werden müssen. Mich selbst erwartete daheim ein unlieblicher
Anblick. Eine Bombe war in der Nähe meines Hauses niedergefahren und
beim Zerspringen derselben nicht nur meine Haustür in Trümmer gegangen,
sondern auch dicht dahinter auf der Flur eine Bauersfrau getötet worden.
Indes fuhren die Belagerer fort, sich in der Wolfsschanze immer fester
zu setzen, ja sie gänzlich umzuwandeln und Schießscharten nach unsrer
Seite hin zu eröffnen, während sie sich auch andrer Orten in ihren
Schanzarbeiten nicht minder fleißig erwiesen. Sie unterstützten diese
Operationen durch ein anhaltendes Feuer auf unsre Wälle, die denn auch
nicht säumig waren, diese Grüße nach Kräften zu erwidern.
Was wir an Kanonen und Mörsern besaßen, war reiner Ausschuß und das
Eisen von einer so spröden Gußmasse, daß gewöhnlich nach neun oder zehn
schnellen Schüssen das Springen des Stückes befürchtet werden mußte.
Wirklich traf nur zu viele derselben dies Schicksal, welches zugleich
einer größeren Menge von Artilleristen auf den Wällen das Leben kostete,
als durch feindliche Kugeln hingerafft wurden.
* * * * *
Wenn aber der zunehmende Mangel an brauchbaren Stücken uns mit banger
Sorge erfüllte, so mag man sich unsre freudige Überraschung vorstellen,
als am 14. Juni die Meldung einging, daß ein englisches Schiff sich der
Reede nähere, welches uns eine Anzahl neuen Geschützes samt dazu
gehöriger Munition zuführe. Doch ebenso schnell ward uns diese Freude
wieder getrübt durch den Zusatz: das Schiff sei in dem stürmischen
Wetter unter den Wind geraten und habe die Reede nicht mehr gewinnen
können, sondern sich ostwärts wenden müssen, wobei es unweit Henkenhagen
der Küste sich zu sehr genähert und nun in Gefahr stehe, entweder zu
stranden und so den Franzosen in die Hände zu fallen oder doch von ihnen
auf Booten geentert zu werden.
Ich flog mehr als ich ging nach der Münde. Dort war es die alte
Geschichte. Viel Mundaufsperrens, viel Fragens, viel Beratens, und
dennoch kein Entschluß. Die Lotsen schoben es auf die stürmische See und
wollten es nicht wagen, sich näher nach dem Schiffe umzusehen; allein es
mochte ihnen, wie ich leicht spürte, wohl mehr vor den Franzosen grauen.
Nun schalt ich, und das nicht wenig! Als aber nichts bei den Memmen
anschlug, fiel mir kein besseres Mittel ein, sie zu beschämen, als mich
auf der Stelle an vier ihrer Weiber zu wenden, die nach hiesigem Brauche
des Ruderns beim Prahmen (d. h. Beladen und Entlasten der Schiffe auf
der Reede) wohlerfahren und handfest sind. »Trine und ihr andern!« rief
ich, »wollt ihr mit?« -- »Flugs und gern, Herr, wenn Er geht!« -- Dann
packte ich noch einen Lotsen am Arme, dem ich noch die meiste Courage
zutraute, zog ihn, gern oder ungern, ins Boot, und heida! ging es auf
Henkenhagen zu.
Freilich ließ es das böse Wetter, nachdem ich glücklich an Bord des
Schiffes gekommen war, noch eine Zeitlang unentschieden, ob ich es gegen
den Wind würde in den Hafen bringen können oder mich begnügen müssen, es
nur weiter in See und den Franzosen aus den Krallen zu entführen.
Endlich gelang mir das erstere dennoch, und das neue Geschütz ward nun
im Triumphe nach der Festung abgeführt. Es waren 45 Kanonen und
Haubitzen, zwar eisern, aber vom schönsten Gusse, meist kurze
Karronaden, sechs-, acht- und zwölfpfündig. Der dazu gehörigen Kugeln
und Granaten war nicht minder eine ansehnliche Menge. Nur eines hätte
uns leicht unsre ganze Freude daran verderben können! _Kanonen_ hatten
unsre Verbündeten uns zwar geschickt, aber nicht die dazu gehörigen
_Lafetten_, für welche es vielleicht an hinreichendem Raume in dem
Fahrzeuge fehlte oder die sonst in der Eile vergessen worden. Man weiß,
wie schlecht wir selbst damit versehen waren, oder was wir etwa noch
vorrätig hatten, paßte nicht zu dem Kaliber. Doch unsre Artilleristen
machten aus der Not eine Tugend und wußten sich zu helfen. Wo die
Schildzapfen für unsre Gestelle zu dünn waren, fütterten sie die Pfannen
so lange mit Lumpen und altem Hutfilze aus, bis die Rohre ein festes
Lager fanden und mit einiger Sicherheit gerichtet werden konnten.
* * * * *
Noch hielt der Sturm tosend und unter dem heftigsten Regen an, die Nacht
auf den 15. Juni ward finsterer, als sie in dieser Jahreszeit bei uns zu
sein pflegt, und alles dies begünstigte ein Unternehmen, an welches sich
große Hoffnungen knüpften. Es galt einen Ausfall, der uns die
Wolfsschanze zurückgeben sollte. Das Grenadierbataillon v. Waldenfels,
welches sie sich hatte müssen nehmen lassen, wollte sie auch
wiedergewinnen, und der über alles brave Befehlshaber desselben, zu
diesem nächtlichen Sturme vom Kommandanten ausersehen, setzte sich mit
hohem Enthusiasmus an die Spitze seiner Leute. Ihm von ferne
nachzueifern, konnte ich wohl nicht weniger tun, als nach gewohnter
Weise dem Bataillon mit ein paar Wagen zu folgen und mir die Sorge für
die zu erwartenden zahlreichen Verwundeten angelegen sein zu lassen.
In tiefster Stille zogen wir aus und, uns den feindlichen Posten
nähernd, hatten wir das Glück, fast den Graben unbemerkt zu erreichen.
Jetzt aber ward plötzlich Lärm, das Feuern begann von beiden Seiten,
überall kam es zum Handgemenge und überall floß Blut. Unsre Leute
stürmten wie begeistert, ihnen voran flog ihr edler Führer und war im
raschen Anlaufe der erste auf der Höhe der feindlichen Brustwehr. Indem
er sich umkehrt, um seine Grenadiere aufzumuntern, ihm zu folgen, trifft
ihn eine Flintenkugel in die Schulter, die ihn entseelt zu Boden
streckt. Allein des Führers Fall, anstatt die Seinen zu entmutigen,
steigert ihre Tapferkeit zur Erbitterung; sie dringen unwiderstehlich
nach und die Schanze ist erobert. Ein Oberst, mehrere andre Offiziere
und zwischen zweihundert und dreihundert Franzosen werden zu Gefangenen
gemacht.
Ein noch empfindlicherer Verlust aber traf das Belagerungsheer, indem
sein Anführer, der Divisionsgeneral Teullié, getötet wurde, der darauf
in Tramm sein einstweiliges Begräbnis fand.
Erobert war die Schanze allerdings, hätte sie nur auch länger als wenige
Augenblicke behauptet werden können! Eine neue feindliche Kolonne,
entschlossen, ihres Heerführers Tod zu rächen und des verlorenen Postens
um jeden Preis wieder Herr zu werden, rückte unverzüglich heran. Das
Gefecht begann wiederum und ward bei der überlegenen Zahl der
Angreifenden bald so ungleich, daß keine andre Wahl übrigblieb, als uns
fechtend in die Stadt zurückzuziehen. -- Vorhin und jetzt hatten wir an
Offizieren und Gemeinen mehr als zwanzig Tode und Verwundete gehabt, und
nur mit harter Mühe war mir's gelungen, die letzteren aufzunehmen. Am
Morgen zeigte ich mich, mit einem weißen Tuche an meinen Stock
befestigt, als Parlamentär den feindlichen Vorposten nächst jener
Schanze und bat um die Vergünstigung, unsre noch umherliegenden Toten
aufsammeln zu dürfen. Das bedurfte, wie gewöhnlich, endloser
Formalitäten, doch erreichte ich zuletzt meinen Wunsch, und so brachte
ich unsre tapferen Gefallenen nach der Stadt und zu Grabe.
Wie viel uns jedoch am Besitze der Wolfsschanze gelegen sein müsse, das
stand nicht nur unserm einsichtsvollen Kommandanten und allen
Verständigeren klar vor Augen, sondern auch der große Haufe fühlte es
instinktartig, und es war selbst unter den gemeinen Soldaten von nichts
als von der Notwendigkeit die Rede, die Wolfsschanze um jeden Preis
zurückzugewinnen. Am 19. Juni erklärte das brave Bataillon v. Waldenfels
unaufgefordert und aus eignem Antriebe sich bereit zu einem solchen
Unternehmen. Es habe sich den Posten nehmen lassen und seine Ehre
gebiete ihm, diese Scharte blutig wieder auszuwetzen. Eine gleiche
Forderung ließ das Füsilierbataillon v. Möller an den Befehlshaber
ergehen, weil es bisher noch nie zu einer wichtigeren Gelegenheit ins
Feuer geführt worden. Wer hätte der tapferen Doppelschar nicht freudigen
Beifall zugewinkt? -- Der Ausfall ward beschlossen und noch des
nämlichen Tages vor Abends ins Werk gerichtet, weil man gerade in dieser
Zeit den Feind am unvorbereitetsten zu finden hoffte.
Dieser Ausfall sollte wiederum von der schwedischen Fregatte unterstützt
werden, und da sich's gezeigt hatte, daß diese aus Unkenntnis der Reede
die rechte Stellung zu einem kräftigen Feuer nicht hatte finden können,
so entschloß ich mich gern, an Bord des Schiffes zu gehen und ihm für
diesmal als Pilot zu dienen. Ich führte die Fregatte, soweit es irgend
die Tiefe erlaubte, der feindlichen Schanze nahe. Ihr Geschütz begann zu
donnern, und nicht weniger als einhundertsiebenundfünfzig Schüsse wurden
in Zeit von einer Stunde gegen diesen Punkt gerichtet, während auch die
Artillerie der Festung gegen ihn ein gleich lebhaftes Feuer unterhielt.
Unter dem Schutze beider rückten unsre Bataillone entschlossen zum
Sturme an und immer noch herrschte in der Schanze eine Totenstille. Erst
als jene fast unter die Palisaden vorgedrungen waren, wurden sie mit
einem Kartätschenfeuer empfangen, dessen Wirkungen gräßlich waren.
Dennoch verloren die Angreifenden den Mut ebensowenig, wie die
Angegriffenen die Besonnenheit zur nachdrücklichsten Gegenwehr. Man kam
auf der Brustwehr selbst zum lebhaften Handgemenge und Wunder der
Tapferkeit geschahen von beiden Seiten. Allein den Feind in seinem
vorteilhaften Posten zu überwältigen, ward trotz der beispiellosesten
Anstrengungen mit jedem Augenblicke unmöglicher befunden. Mehr als
vierhundert der Unsern lagen auf dem Platze, und von den Grenadieren,
deren Zahl bereits durch frühere Verluste ansehnlich geschmolzen war,
stand nur noch ein geringes Häuflein übrig. Mit bitterem Schmerze mußte
man sich entschließen, den Rückzug anzutreten, und das edelste Blut war
fruchtlos vergossen!
Nicht geringer war unsre Betrübnis, die wir an Bord der Fregatte waren
und unsre Leute endlich weichen sahen. Sobald sie sich indes eine kleine
Strecke unverfolgt entfernt hatten, erneuerte auf mein Zutun unser
Schiff sein Feuer, und so wurden noch fast zweihundert Kugeln auf die
Schanze geschleudert. Während dieser Kanonade verhielten sich die
Franzosen wiederum mäuschenstille. Wir empfingen nicht einen einzigen
Schuß zurück, bis ich endlich, da nichts weiter auszurichten war, die
Fregatte auf ihre alte Ankerstelle vor dem Hafen zurückbrachte.
Am andern Tage gab es ein vielfältiges Parlamentieren um die
Vergünstigung, unsre Toten abzuholen und zu begraben; allein man mute
mir nicht zu, eine Beschreibung von diesem über alles erbarmenswürdigen
Anblicke zu geben. Denke sich jeder selbst, wie es auf einem Platze von
kaum zweihundert Schritten aussehen mußte, wo zwischen vierhundert und
fünfhundert Leichname neben- und aufeinander, und zum Teil aufs
gräßlichste verstümmelt und zerrissen, umherlagen.
* * * * *
So blieb denn der Wolfsberg fortan für uns verloren, der unter den
geschäftigen Händen der Belagerer, trotz unsrer Artillerie und ihrer
zerstörenden Wirkungen täglich eine verstärkte Festigkeit erhielt. Sie
nannten die Schanze jetzt »das Fort Loison«, zu Ehren des französischen
Divisionsgenerals, der als Oberbefehlshaber in Teulliés Stelle getreten
war, und ihre Kerntruppen rückten dort zur Besatzung ein. Wir an unsrer
Seite waren jedoch nicht minder beflissen, dem Platze und dem Hafen
gegen diese Seite eine neue Deckung zu geben, indem wir die
Ziegelschanze (dicht hinter der Vorstadt Stubbenhagen nordöstlich
gelegen) möglichst verstärkten und darin auch, obwohl in unsern Arbeiten
durch jenes feindliche Werk nicht wenig belästigt, glücklich
zustandekamen.
Von hier ab bis zum 30. Juni nahm unser Geschick eine immer ernstlichere
Wendung. Frische Truppenabteilungen verstärkten das Belagerungsheer und
errichteten neue Lager unter unsern Augen. In eben dem Maße auch wurden
die Schanzen ringsumher an Mannschaften lebendiger, neue Werke stiegen
empor, die Laufgräben näherten sich und schnürten uns auf einen immer
engeren Raum zusammen. Die Beschießung des Platzes, täglich fortgesetzt,
zeigte sich auch täglich zerstörender in ihren Wirkungen. Besonders
diente die große Marienkirche bei ihrer Lage mitten in der Stadt und als
der hervorragendste Gegenstand allen feindlichen Geschützen zum
Zielpunkte und litt außerordentlich. Loucadou hatte diese, wie andre
Kirchen, zu Stroh- und Heumagazinen ausgezeichnet, bis sein Nachfolger,
von einem besseren Geiste beseelt, das Gebäude sofort der öffentlichen
Gottesverehrung zurückgab und jene gefährlichen Brennstoffe am Glacis
vor dem Münder Tore in abgeänderte Haufen aufschichten ließ. Nunmehr
aber war eine dringendere Notwendigkeit eingetreten, diesen weiten und
luftigen Raum der täglich wachsenden Zahl der Kranken und Verwundeten
von der Garnison einzuräumen. Da nun die Kirche vollgestopft von solchen
Unglücklichen lag, so mag man sich das Elend vorstellen, welches hier
herrschte, indem die Kugeln durch alle Teile des Gebäudes
hindurchfuhren. Ein Flügel desselben bewahrte nahe an hundert
französische Kriegsgefangene auf, allein ihre Landsleute nahmen hierauf,
unsrer Hoffnung entgegen, keine Rücksicht und beharrten auf ihrem Werke
der Zerstörung.
In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni stand ich auf dem Walle an der
Brustwehr der Bastion Preußen und in einer Unterredung mit dem
Kommandanten begriffen, als eine feindliche Bombe kaum fünfzehn oder
zwanzig Schritte von uns niederfuhr, in der Erde wühlte und brummte.
Hastig ergriff ich meinen Nachbar bei der Hand, zog ihn etwas seitwärts
und rief: »Fort! fort! Hier ist nicht gut sein!« -- Gneisenau aber,
kaltblütig stehen bleibend, erwiderte: »Nicht doch, die tut uns nichts!«
-- In dem nämlichen Augenblicke auch platzte die Bombe, ohne uns
weiteren Schaden zuzufügen, als daß sie uns über und über mit der
aufgewühlten Erde bedeckte.
Des folgenden Tages gelang es mir abermals, mit Hilfe des Lotsen
Faßholz, ein englisches Schiff, das uns neue Vorräte von Kanonen,
Bombenkesseln und Bomben zuführte, aus dem Bereiche des feindlichen
Geschützes in den Hafen zu führen.
Am folgenden Tage war es, daß unser Kommandant mich mit einer Sendung in
das feindliche Hauptquartier nach Tramm beauftragte. Er gab mir dazu
sein Pferd und ein offenes Schreiben an den General Loison, worin nur
mit wenig Worten bemerkt war, daß mir für mein Anbringen voller Glauben
beizumessen sein werde. Als ich damit bei den französischen Vorposten
anlangte, wurden mir die Augen verbunden und das Pferd von zwei
Begleitern am Zügel geführt, während zwei andre, mit Gewehr versehen,
mir zur Seite gingen. So kam ich endlich in Tramm an und hier ward mir
auch das Tuch wieder von den Augen genommen.
Gleich darauf ward ich zum General Loison geführt und brachte meinen
Auftrag zur Sprache, der darin bestand, daß das feindliche Geschütz
fernerhin nicht mehr auf denjenigen Teil der großen Kirche gerichtet
werden möchte, wo die verwundeten und gefangenen Franzosen untergebracht
worden. Das Verlangen fand nicht nur eine willige Aufnahme, sondern ein
Offizier begleitete mich auch auf eine Anhöhe, damit ich ihm von dort
den Flügel des Gebäudes noch näher bezeichnete, wo seine Landsleute
lägen.
Nachdem noch einige Höflichkeiten gegenseitig gewechselt worden, begab
ich mich auf gleiche Weise wie ich gekommen war, nach der Stadt zurück.
Wovon ich im Hauptquartier hatte Zeuge sein dürfen, das deutete auf
Vorbereitungen, welche an dem Ernst der Belagerung nicht zweifeln
ließen. Weniger glücklich war ich indes, ein Wort zu erhaschen, welches
uns über die Lage der Dinge in Preußen einigen näheren Aufschluß hätte
geben können, während uns von den dortigen neuesten Ereignissen schon
seit längerer Zeit alle Nachrichten fehlten. Daß der Friede zu Tilsit in
dem Augenblicke schon wirklich abgeschlossen worden, ahnten wir damals
nicht. Allein unsre Belagerer waren nur zu wohl davon unterrichtet und
boten darum von jetzt an auch um so mehr alle ihre Kräfte auf, sich
Kolbergs zu bemächtigen, bevor die Friedensnachricht uns erreichte und
ihnen die Waffen aus den Händen schlüge.
* * * * *
Alles, was von Anbeginn der Belagerung bis jetzt vom Feinde unternommen
worden, mochte nur als ein leichtes Vorspiel von demjenigen gelten, wozu
die dritte Morgenstunde des 1. Juli die Losung gab. Denn da eröffnete er
aus allen seinen zahlreichen Batterien ein Feuer gegen die Stadt, so
ununterbrochen, so von allen Seiten kreuzend und so mörderisch und
zerstörend, wie wir es noch nie erlebt hatten. Die Erde dröhnte und man
kann sagen, daß es war, als ob die Welt untergehen sollte. Sichtbarlich
legten unsre Gegner es darauf an, uns durch ihr Bombardement zwischen
dem engen Raume unsrer Wälle dergestalt zu ängstigen, daß wir, nirgends
mehr unsers Bleibens wissend, die weiße Fahne zur Ergebung aufstecken
müßten.
Ich befand mich in dieser entsetzlichen Nacht neben unserm Kommandanten
auf der Bastion Preußen, als dem höchsten Punkte, den unsre Wälle zum
Umherschauen darboten. Von hier aus konnten wir beinahe alle feindlichen
Schanzen übersehen, und ebenso lag die Stadt vor uns. Es ist nicht
auszusprechen, wie höllenmäßig das Aufblitzen und Donnern des Geschützes
Schlag auf Schlag und Zuck auf Zuck um uns her wütete, während auch das
Feuer unsrer Festung in seiner Antwort nichts schuldig blieb. In der
Luft schwärmte es lichterloh von Granaten und Bomben, wir sahen sie hier
und da und überall ihren lichten Bogen nach der Stadt hineinwälzen,
hörten das Krachen ihres Zerspringens, sowie das Einstürzen der Giebel
und Häuser, vernahmen den wüsten Lärm, der drinnen wogte und toste, und
waren Zeuge, wie bald hier bald dort, wo es gezündet hatte, eine
Feuerflamme emporloderte. Von dem allen war die Nacht so hell, als ob
tausend Fackeln brennten, und das gräßliche Schauspiel schien nicht ein
Menschenwerk zu sein, sondern als ob alle Elemente gegeneinander in
Aufruhr geraten wären, um sich zu zerstören.
Was aber drinnen in der Stadt unter dem armen wehrlosen Haufen vorging,
ist vollends so jammervoll, daß meine Feder nicht vermag, es zu
beschreiben. Dann gab es bald nirgends ein Plätzchen mehr, wo die
zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können.
Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und
aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer. Überall die Gassen wimmelnd von
ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
und die unter dem Gezisch der feindlichen umherkreisenden Feuerbälle
sich verfolgt sahen von Tod und Verstümmelung. Geschrei von
Wehklagenden, Geschrei von Säuglingen und Kindern, Geschrei von
Verirrten, die ihre Angehörigen in dem Gedränge und der allgemeinen
Verwirrung verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit Löschung der
Flammen beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Geklirr der Waffen,
Rasseln der Fuhrwerke -- nein, es ist nicht möglich, das furchtbare Bild
in seiner ganzen Lebendigkeit auch nur von ferne zu schildern!
Indem ich in diesem allgemeinen Tumult mich veranlaßt fand, einmal nach
meinem eignen Hause zu sehen, erwartete mich dort ein Anblick, der auch
nicht dazu geeignet war, mich sonderlich zu erfreuen. Eine Bombe war,
durch den Giebel einschlagend, durch zwei Böden bis in den Keller
hinabgefahren und hatte, indem sie dort platzte, sieben Oxhoft voll
Branntwein zersprengt, deren Inhalt nun gänzlich für mich verloren ging.
Außerdem waren überall im Hause die größten Verwüstungen angerichtet,
die ganze Eingangsflur aufgerissen und ebensowenig irgendeine
Fensterscheibe, als ein Ziegel auf dem Dache unbeschädigt geblieben. All
meine Leute hatten, wie leicht begreiflich, das Weite gesucht, und so
stand es nicht bloß bei mir, sondern auch links und rechts und in vielen
Nachbarhäusern.
Wie gern aber hätte man jede eigne Not verschmerzt und vergessen, gegen
die tief niederschlagende Zeitung, daß um vier Uhr morgens die Maikuhle
an den Feind verloren gegangen. Mitten unter dem heftigsten
Bombardement, wodurch unsre Aufmerksamkeit von dieser Seite hatte
abgezogen werden sollen, war auf diesen Posten von der äußersten
westlichen Spitze, sowie von der Seeseite her, ein Angriff geschehen,
der wohl für einen Überfall gelten konnte, da der dortige interimistische
Befehlshaber der Schillschen Truppen, Leutnant v. Gruben I.,
auf ein solches Ereignis durchaus nicht gefaßt gewesen zu sein
scheint, -- eine Sorglosigkeit, die um so unbegreiflicher und
tadelnswerter erscheint, da die Bewegungen des Feindes tags zuvor nur zu
deutlich die Absicht verrieten, von neuem etwas auf dieser Seite zu
unternehmen.
So war die Erstürmung der Maikuhle das Werk weniger Augenblicke gewesen,
da auch die Richtung des Angriffs weder dem Münderfort, noch der
Morastschanze gestattet hatte, die Behauptung dieses Postens durch ihr
Feuer zu unterstützen. Nur die schwedische Fregatte verfehlte nicht, dem
Feinde gegen vierhundert Kugeln zuzusenden, allein wenn dieser auch
dadurch für Augenblicke aufgehalten, so sahen die Stürmenden sich
alsobald durch ihr eigenes Feuer im Rücken und durch den Druck der
nachfolgenden Massen wieder vorwärts getrieben. Jede noch so
verzweifelte Gegenwehr ward fruchtlos, und genötigt zum übereilten
Rückzuge auf das rechte Stromufer, hatte das Schillsche Korps kaum noch
Zeit, die Verbindungsbrücke hinter sich abzuhauen.
Mit dem Verluste der Maikuhle war unsere Verteidigung gelähmt, denn nun
war auch das Münderfort zur Beschützung des Hafens nicht mehr
hinreichend, was sich zeigte, als das englische Schiff beim Vordringen
der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder die offene See zu
gewinnen. Es gelang ihm nur mit harter Not und unter einem dichten
feindlichen Kugelregen, wodurch ihm zwei Mann auf dem Deck erschossen
wurden. Und so waren wir denn, vom Meere und von aller von dorther zu
erwartenden Hilfe abgeschnitten, fortan einzig unseren eigenen Kräften
und Hilfsmitteln überlassen, die sich von Stunde zu Stunde immer mehr
erschöpften.
* * * * *
Mit wenig verminderter Stärke hielt den ganzen Tag des 1. Juli das
Bombardement an und häufte Verwüstung auf Verwüstung. Dennoch waren
unsere Löschanstalten wirksam genug, um immer noch des Feuers Meister zu
bleiben. Erst am späten Abend zündete es wieder im Gouvernements-Bauhofe,
und da hier alles voll von brennbaren Materialien lag, mußte man es
geschehen lassen, daß das Gebäude bis auf den Grund niederbrannte.
Solchergestalt von Schrecken umgeben und auf noch Schrecklicheres
gefaßt, sahen wir der nächsten Nacht entgegen. Das feindliche Geschütz
vereinigte sich zu neuen, noch höheren Anstrengungen, und seine
zerstörenden Wirkungen im anhaltenden Geprassel einstürzender Häuser,
fallender Ziegel und klirrender Fensterscheiben, betäubten das Ohr. Alle
jammervollen Szenen der vorigen Nacht erneuerten sich in noch weiterem
Umfange. Aber auch mitten in der ringsum drohenden Gefahr erzeugte sich
allmählich eine Gleichgültigkeit bei vielen, die nichts mehr zu Herzen
nahm. War auch nicht der Mut, so war doch die Natur erschöpft;
Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende Anspannung des Gemüts und
Sorge für Weib und Kind und Eigentum fielen auf die meisten mit einem
solchen Gewichte, daß sie selbst in den Trümmern ihrer Wohnungen sich
ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis in den Tod
ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.
Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle übrigen, in
denjenigen Teil des Rathauses niederfuhr, wo die Ratswage sich befand,
und ein hellaufflackerndes Feuer war die unmittelbare Folge ihres
Zerspringens. Als naher Nachbar sprang ich auf, um, was ohnehin mein
angewiesener Beruf war, schnelle Anstalten zur Brandlöschung zu
betreiben, denn an der Erhaltung des ansehnlichen Gebäudes, in welchem
unsere Stadtarchive und soviel andere Sachen von Wert aufbewahrt lagen,
mußte uns allen vorzüglich gelegen sein. Aber rundum in meiner
Nachbarschaft regte sich keine menschliche Seele zum Löschen und Retten.
Ich rannte hierhin und dorthin zu den nächsten Bekannten, braven und
wackeren Männern, um sie zu Hilfe aufzurufen, aber schlaftrunken und
ohne Gefühl für die drohende Gefahr, beachteten sie mein Bitten und
Ermuntern ebensowenig wie mein Toben und Schelten. Sie schlummerten fort
und ließen es brennen.
In steigender Angst lief ich auf die Brandstätte zurück. Was mir
begegnete, packte ich an, um Hand anzulegen, aber kaum einer oder der
andere schien auf mein flehentliches Ermahnen zu achten. Ein
vierschrötiger Kerl, den ich nicht kannte und dem ich auf diese Weise
einen gefüllten Löscheimer aufdrang, nahm ihn und schlug mir ihn, samt
seinem nicht gar sauberen Inhalte, geradezu um die Ohren, so daß ich
fast die Besinnung verlor und, von Schmutz und Ruß bedeckt, wohl eine
sehr jämmerliche Figur machen mochte.
Alles dies achtete ich jedoch weniger, als das Unglück, das dem Rathause
bevorstand, und da ich einsah, daß eine wirksame Hilfe allein vom
Militär ausgehen könne, so hastete ich mich, das nächste Wachhaus auf
dem Walle zu erreichen. Wild stürme ich in das halbdunkle Wachtzimmer
hinein. Ich sehe auf der hölzernen Pritsche sich eine Gestalt regen, die
ich zwar nicht erkenne, aber sie für den Mann haltend, den ich suche,
von ihrem Lager aufschreie, indem ich rufe: »Bester Mann, zu Hilfe! Das
Rathaus steht in Flammen!«
Aber weniger meinen Schrei, als mich selbst und mein Jammerbild
beachtend, erhebt sich der Offizier mir gegenüber, schlägt die Hände
zusammen und spricht: »Ach, du armer Nettelbeck!« -- Jetzt erst an der
Stimme erkenne ich ihn -- es ist Gneisenau. Er hört, er erfährt, er gibt
mir einen Adjutanten samt einem Tambour mit, die Lärmtrommel wird
gerührt, die Soldaten erscheinen, Patrouillen durchziehen die Straßen,
kräftigere Löschanstalten kommen in Bewegung, die zwar den Brand nicht
mehr zu unterdrücken vermögen, aber ihm doch dergestalt ein Ziel setzen,
daß wenigstens zwei Seiten des ein großes Viereck bildenden Gebäudes
erhalten werden, während der schon ergriffene Teil noch bis zum Abend
des folgenden Tages in sich selbst niederbrennt und fortglimmt. Zu
gleicher Zeit war in der allgemeinen Verwirrung auch eine Anzahl
Baugefangener aus dem Stockhause losgebrochen und begann hier und da in
den Häusern zu plündern, wie denn auch das meinige von diesem Schicksal
betroffen wurde, bis der tätige Eifer des Militärs die versprengte Rotte
wieder einfing und unschädlich machte.
So besonnen, wo es Handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine
Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
Ziele führen konnte, wie der Kommandant in _dieser_ furchtbaren Nacht sich
zeigte, hatte er immer und überall seit dem ersten Augenblick seines
Auftretens sich erwiesen. Seit Wochen schon war er so wenig in ein Bett,
als aus den Kleidern gekommen. Nur einzelne Stunden, die er ungern der
Tätigkeit auf den Wällen, unter dem heftigsten Kugelregen, abbrach,
ruhte er auf einer Pritsche in einem armseligen Gemache über dem
Lauenburger Tore, jeden Augenblick bereit, mich oder andere anzuhören,
wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu melden hatten. Vater und Freund
des Soldaten wie des Bürgers hielt er beider Herzen durch den milden
Ernst seines Wesens, wie durch teilnehmende Freundlichkeit gefesselt.
Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen.
* * * * *
Der Morgen des 2. Juli brach an: aber auch das feindliche Bombardement,
so wenig es die Nacht geruht hatte, schien mit dem Morgen wieder neue
Kräfte zu gewinnen. Not und Elend, Jammergeschrei und Auftritte der
blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde Flammen: -- das war
fast das einzige, was bei jedem Schritte den entsetzten Sinnen sich
darstellte. Mut und besonnene Fassung waren mehr als jemals vonnöten,
aber nur wenigen war es gegeben, sie in diesem entscheidenden Zeitpunkte
zu behaupten, noch wenigere vielleicht erhielten die Hoffnung eines
glücklichen Ausganges in sich lebendig, aber alle ohne Ausnahme gaben
das Beispiel einer willigen Ergebung in das unvermeidliche Schicksal.
Sie hatten es in Gneisenaus Hand gelegt, mit ihm standen, mit ihm fielen
sie! Vertrauensvoll ließen sie ihn walten!
Höher aber und höher stiegen Gefahr und Not von Stunde zu Stunde. Um
neun Uhr morgens, während noch das Rathaus loderte, geriet durch eine
andere Bombe entzündet auch das Gebäude des Stadthofs in Flammen, die
sich auf drei angrenzende Häuser fortpflanzten. Man sah sich genötigt,
brennen zu lassen, was brennen wollte.
Gneisenaus scharfes Auge aber, das mitten in diesem gräßlichen Tumulte
jede Bewegung seines Gegners hütete, ließ nicht unbeachtet, daß dieser
bereits Vorbereitungen traf, sich von der Wolfsschanze aus auch über das
Münderfort herzustürzen und so auch die östliche Seite des Hafens zu
überwältigen. Gegenanstalten wurden auf der Stelle getroffen, Befehle
flogen, alles war in der lebendigsten Anspannung, und ein neuer Kampf
von blutigster Entscheidung sollte losbrechen. Es war drei Uhr
nachmittags ... Da, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz auf allen
Batterien. Auf das Krachen eines Donners, wie am Tage des Weltgerichts,
folgte eine lange öde Stille. Jeder Atem bei uns stockte, niemand
begriff diesen schnellen Wechsel, dies schauerliche Erstarren so
gewaltiger losgelassener Kräfte.
Da nahte ein feindlicher Parlamentär, und neben ihm ein Mann, den man in
der Ferne als eine Militärperson -- dann aber, sowie die Umrisse der
Gestalt sich immer deutlicher ausbildeten, unter Zweifel und
Verwunderung, sogar als einen _preußischen_ Offizier erkannte. Schärfere
Augen versicherten sogar, sie unterschieden die Züge ihres Freundes, des
Leutnants v. Holleben, vom 3. Neumärkischen Reserve-Bataillon, der erst
vor einigen Wochen mit einer Abteilung Kriegsgefangener über See nach
Memel abgegangen war. Das schien unmöglich, und doch war dem also! Das
erste Wort, als er sich fast atemlos in den Kreis seiner Bekannten
stürzte, war der Ausruf: »Friede! Kolberg ist gerettet!«
O des Freudenboten! O der willkommenen Botschaft! der zur rechten,
_rechten_ Zeit gekommen! Er war unmittelbar aus dem Hauptquartiere des
Königs zu Pilkupönen bei Tilsit als Kurier abgefertigt und der
Überbringer der offiziellen Nachricht von einem mit Napoleon
abgeschlossenen vierwöchentlichen Waffenstillstande, welchem
unverzüglich der Friede folgen sollte. Eilend, wie es seine wichtige
Zeitung erheischte, aber schon in weiter Ferne noch mehr beflügelt durch
den dumpfen Donner des Geschützes, der ihm unseren noch ausharrenden Mut
verkündigte, war er vor wenigen Augenblicken erst in Tramm angelangt;
schwerlich gern gesehen, aber auch schwerlich wohl mit noch neuer oder
unerwarteter Botschaft. Indes -- er war da, und die Feindseligkeiten
mußten eingestellt werden!
Alsogleich auch ward die fröhliche Kunde den Bürgern durch die ganze
Stadt unter Trommelschlag bekannt gemacht, samt der hinzugefügten
Ermahnung, nunmehr mit verdoppelter Tätigkeit zur Löschung der immer
noch brennenden Gebäude zu eilen. Es geschah, und die Flammen waren nach
wenigen Stunden bezwungen.
Aber welche Feder reichte hin, den trunkenen Jubel zu schildern, der in
so überraschendem Wechsel alle Gemüter ergriff und aus sich selber
hinwegrückte! Man muß wahrlich selbst in der Lage gewesen sein, sich
und die Seinigen samt Leben und Wohlfahrt gänzlich aufgegeben zu haben,
um dies neue, kaum glaubhafte Gefühl von Ruhe und Sicherheit
nachzuempfinden, wobei sich, auf Augenblicke wenigstens, alles
verschmerzt und vergißt, was man Drangvolles gelitten hat. Es ist wie
ein böser Traum, den man endlich abgeschüttelt hat und aus dem man nun
zu vollem freudigen Bewußtsein zurückkehrt.
* * * * *
Die Belagerung war geendigt, eine völlige Waffenruhe trat ein, und die
Bilder des Krieges verschwanden. Zunächst ward zwischen dem Kommandanten
und dem französischen General eine Übereinkunft getroffen, welcher
zufolge den Einwohnern gestattet wurde, sich über die französische
Postenlinie hinaus in die umliegende Gegend zu begeben. Nach einem
anderweitigen Vertrage blieb zwar die Maikuhle noch von den jenseitigen
Truppen besetzt, doch sollten Schiffe mit Lebensmitteln frei in den
Hafen zugelassen werden. Unsere tätige Freundin aber, die schwedische
Fregatte, verließ uns am 12. Juli, und fortan, bis zu Ende des Monats,
räumten auch nach und nach die Belagerungstruppen ihre Schanzen und
Lager, um etwas entferntere Kantonierungen in der Provinz zu beziehen.
Wenige Tage nach Einstellung der Feindseligkeiten trieb es mich hinaus
auf die Lauenburger Vorstadt, wo mein liebes Gärtchen gelegen war. Fast
erkannte ich die Stelle meines Eigentums, auf der ich so manchen süßen
Schweiß vergossen hatte, nicht wieder. Alles war aufgewühlt und verheert
(denn gerade auf diesem Fleck hatten wir eine Batterie von fünf Kanonen
errichtet), oder es war dem frei und üppig wuchernden Unkraute
preisgegeben! Meine schönen edeln Obstbäume, die Genossen meiner Jugend
-- sie starrten mich an in ihren abgehauenen Stümpfen ... Doch da gab es
nichts zu klagen, denn ich selbst hatte ja, als es not tat, die Axt an
sie gelegt! Aber es war mir doch wunderlich und weh ums Herz, und ich
mußte dem verödeten Plätzchen den Rücken wenden, um nicht noch weicher
zu werden.
Da blickte ich in die nächste Nachbarschaft und sah bald, daß ich es
nicht allein war, der Trost und Ermutigung bedurfte. Auf der ganzen
weiten Brandstätte umher schlichen die unglücklichen Bewohner zwischen
den Schutthaufen ihres Eigentums, scharrten hier und da etwas aus der
Asche hervor, das der Glut widerstanden, aber nun doch keinen Nutzen
mehr für sie hatte; jammerten und weinten schmerzliche Tränen, daß sie
nun nirgends eine bleibende Stätte fänden. Das schnitt mir durchs Herz,
und ich verfiel in Nachdenken, wie doch diesen Unglücklichen, wenn auch
nur vorderhand, zu helfen sein möchte? Indem ich aber über einige
verkohlte Balken und andere halbverbrannte Trümmer, die mir im Wege
lagen, dahinstolperte, fiel mir's plötzlich ein, daß sich eben davon
wohl einige Nothütten würden errichten lassen, um den armen Leuten,
zumal jetzt in den Sommermonaten, einstweilen ein leidliches Obdach zu
verschaffen.
Voll von diesem Gedanken machte ich mich sogleich auf den Weg zu unserm
Kommandanten, um ihm die Not der Heimlosen samt meinem Einfall
vorzutragen, und die Erlaubnis von ihm zu erbitten, daß sie sich auf den
verwüsteten Stellen notdürftig ansiedeln könnten. Ich langte an und
stieß unten im Hause auf ein großes Gewühl von Menschen, denn der
Kommandant hatte den General Loison, samt seinem ganzen Generalstab, zu
sich eingeladen, und eben saß die Gesellschaft zu Tafel. Indes stieß mir
unter den Kommenden und Gehenden alsbald unser Vizekommandant, der Major
v. S., auf, der mich wegen meines etwaigen Anliegens befragte. Obwohl
nun gerade er nicht allemal mein Mann war, so trug ich doch kein
Bedenken, mich in meinen Wünschen gegen ihn auszusprechen. Seine kurze
Antwort war: »Daraus kann nichts werden. Und wenn ich selbst der
Kommandant wäre, wurde ich es nimmermehr zugeben.« -- Nun, das war kurz
und deutlich, und so verließ er mich auch und ging die Treppe hinauf.
Aber ich folgte ihm auf der Ferse, bis er in den Gesellschaftssaal
eintrat und die Tür hart hinter sich zuzog. Deß war ich nicht gewohnt an
diesem Orte; ich bedachte mich also auch nicht, fein säuberlich
anzuklopfen und unmittelbar darauf einzutreten. Meine Augen suchten den
Kommandanten, er saß dem General Loison zur Seite an der Tafel. Kaum
ward er meiner ansichtig, so stand er auf und trat mir einige Schritte
entgegen. Mit leiser Stimme trug ich ihm kurz vor, was zur Sache gehörte
und was sichtbar seine volle Aufmerksamkeit beschäftigte. »Die armen
Leute!« rief er dann, »ja, Nettelbeck! laß sie in Gottes Namen bauen!«
-- Zugleich füllte er mir ein Glas Wein; ich dankte und nahm mir im
Davoneilen nur noch die Zeit, dem Herrn v. S., der gleichfalls zu Tische
saß, eine lächelnde Verbeugung zu machen.
Aber nicht um diesen kleinen Triumph war mir's zu tun, sondern um dem
kummervollen Häuflein dort draußen unverzüglich Trost und Freude zu
bringen. Mit Jauchzen ward ich angehört und empfangen, als ich ihnen in
Gneisenaus Namen verkündigte, daß ihnen gestattet sein solle, sich auf
ihren Brandstätten in leichten Baracken wieder anzusiedeln. Wirklich
auch verliefen nicht vier Tage, so stand dort eine neue Anlage fertig,
die mich in ihren äußeren Umrissen auf das lebhafteste an ein
indianisches Dorf erinnerte. Sicher aber war es den Bewohnern selbst
unter diesem armseligen Obdach leichter und wohler ums Herz, als damals,
da ich sie hoffnungslos unter den Trümmern ihres früheren Wohlstandes
umherkriechen sah.
Indem ich jedoch nun selbst wieder zu einiger Ruhe kam, konnte ich nicht
umhin, den Blick auch auf meine eigene Lage zu richten und mir zu
gestehen, daß diese Zeit der Belagerung mich leicht zum armen Manne
gemacht haben könne. Mein kleines bares Vermögen war gänzlich
daraufgegangen, teils an Arbeiter, die ich aus meiner Tasche bezahlte,
teils durch Spenden an unser braves Militär, das jede Art der Erquickung
so verdient hatte. Mir aber war es das süßeste Geschäft, wenn ich den
wackeren Leuten bei ihrem harten Dienst dann und wann einen warmen
Mundbissen, oder was es sonst gab, selbst auf die Wälle, vor die Tore,
in die Blockhäuser hinbringen und ihnen Trost und guten Mut einsprechen
konnte.
Es ist wahr, meine guten Freunde haben mir deshalb oftmals Vorstellungen
getan, daß mich mein guter Wille zu weit führe und zum Verschwender
mache, aber nie verließ mich der frohe Mut, ihnen zu antworten: »Ich bin
ein alter Mann ohne Kind oder Kegel: _wem_ sollte ich es sparen? Aber wäre
ich auch der jüngste unter euch, wie leicht kann man in diesen Zeiten
den Tod haben! Mir liegen König und Vaterstadt allein am Herzen, und
überlebe ich diese Zeit, -- nun, so werden ja _sie_ mich auch nicht darben
lassen.«
Fest hielt ich und halte ich noch an diesem schönen Glauben, aber
freilich war das auch um so notwendiger, wenn ich nun auf den geringen,
mir jetzt übrig gebliebenen Rest meiner Habe blickte. Mein Haus hatte
durch das Bombardement in allen seinen Teilen bedeutend gelitten, meine
Scheune vor dem Tore war niedergebrannt, mein Gartenhäuschen abgebrochen
worden, mein Garten verwüstet. Von den Vorräten meines Gewerbes war
nichts mehr übrig, um es neu wiederherzustellen, und das beschädigte
Eigentum zu bessern, hätte es Hilfsmittel bedurft, die mir jetzt kaum
mehr zu Gebote standen. Meine Lage war keineswegs erfreulich!
Aber war ich auch wohl berechtigt, über erlittene Einbuße zu klagen?
Meine Mitbürger hat all dies Unglück ja auch -- den einen mehr, den
andern weniger -- getroffen. Nein, ich habe auch nicht _klagen_, sondern
mir's nur vom Herzen wegreden wollen. Er, der mir's gab, hat's auch
genommen, sein Name sei gelobt! Aber daß Gott meine liebe Vaterstadt so
wunderbar erhalten hat, deß bin ich froh, und daß er unserm guten Könige
Gesundheit, Mut und Stärke verliehen, sich in seinem großen Unglück so
herrlich wieder aufzurichten. --
* * * * *
Mir ward indes in diesen nämlichen Tagen von dieses gnädigen Monarchen
Hand eine Auszeichnung zuteil, die ich so wenig erwartet hatte, als vor
anderen, die mit mir auch nur ihre Pflicht getan, verdient zu haben
glaube, -- eine Auszeichnung, die mich sogar beschämen würde, wenn ich
nicht in der Meinung stände, daß diese königliche Hand in mir eigentlich
die gesamte Kolberger Bürgerschaft habe ehren und ihren bewiesenen
Pflichteifer anerkennen wollen. Ich erhielt nämlich folgendes Königliche
Kabinettsschreiben:
»Seine Königliche Majestät von Preußen haben aus dem Berichte des
Oberstleutnants v. Gneisenau, worin er Höchstdenselben diejenigen
Personen anzeigt, welche sich während der Belagerung der Festung Kolberg
ausgezeichnet haben, mit besonderem Wohlgefallen ersehen, daß der
Vorsteher der Bürgschaft, Nettelbeck, die ganze Belagerung hindurch mit
rühmlichem Eifer und rastloser Tätigkeit zur Abwehrung des Feindes und
zur Erhaltung der Stadt mitgewirkt hat. Seine Majestät wollen daher dem
Nettelbeck für den solchergestalt zutage gelegten löblichen Patriotismus
hierdurch Dero Erkenntlichkeit bezeigen und ihm als ein öffentliches
Merkmal der Anerkennung seiner sich um das Beste der Stadt erworbenen
Verdienste, die hierneben erfolgende goldene Verdienstmedaille
verleihen.