»An den Vorsteher der Bürgerschaft
zu Kolberg, Nettelbeck.«
Gleichzeitig erhielt unser verehrter Kommandant, nach dem gnädigen
Willen des Königs, seine Abberufung von dem so ehrenvoll bekleideten
Posten, um, unmittelbar unter den Augen des Monarchen, an die
Reorganisation des preußischen Heeres mit Hand anzulegen. Das war für
uns ein schmerzlicher Verlust, allein unser Liebling eilte einer höheren
Bestimmung entgegen, und unser Eigennutz mußte schweigen! Schon am 8.
August schied Gneisenau von uns, doch _wie_ er schied, möge nachgehendes
Schreiben dokumentieren, welches er im Augenblicke seiner Abreise an uns
erließ:
»Meine Herren Repräsentanten
der patriotischen Bürgerschaft zu Kolberg!
Da ich auf unseres Monarchen Befehl mich eine Zeitlang von dem mir so
liebgewordenen Kolberg trenne, so trage ich Ihnen, meine Herren
Repräsentanten, auf, den hiesigen Bürgern mein Lebewohl zu sagen. Sagen
Sie denselben, daß ich ihnen sehr dankbar bin für das Vertrauen, das sie
mir von meinem ersten Eintritt in die hiesige Festung an geschenkt
haben. Ich mußte manche harte Verfügung treffen, manchen hart anlassen
-- dies gehörte zu den traurigen Pflichten meines Postens. Dennoch wurde
dieses Vertrauen nicht geschwächt. Viele dieser wackeren Bürger haben
uns freiwillig ihre Ersparnisse dargebracht, und ohne diese Hilfe wären
wir in bedeutender Not gewesen. Viele haben sich durch Unterstützung
unserer Kranken und Verwundeten hochverdient gemacht. Diese schönen
Erinnerungen von Kolberger Mut, Patriotismus, Wohltätigkeit und
Aufopferung werden mich ewig begleiten. Ich scheide mit gerührtem Herzen
von hier. Meine Wünsche und Bemühungen werden immer rege für eine Stadt
sein, wo noch Tugenden wohnen, die anderwärts seltener geworden sind.
Vererben Sie dieselben auf Ihre Nachkommenschaft. Dies ist das schönste
Vermächtnis, das Sie ihnen geben können. Leben Sie wohl und erinnern
sich mit Wohlwollen
Ihres
treu ergebenen Kommandanten
N. v. Gneisenau.«
Ein so herzlicher Abschied durfte nicht ohne Erwiderung bleiben. Wir
versammelten uns und machten unserm vollen Herzen in folgender
Bekanntmachung an unsere Bürgerschaft Luft:
»Kolberg, den 16. August 1807.
Am 9. d. M. entrückten höhere Befehle unsern würdigen Herrn Kommandanten
aus unserer Mitte, und mit dem Verluste dieses mit seltenen Tugenden
geschmückten Mannes schwanden unsere stolzen Träume dahin. Gern wären
wir im Besitze des unverzagten Beschützers unserer Wälle für immer
geblieben, und gern hätten wir nach den vollbrachten verhängnisvollen
Tagen die seligen Früchte des Friedens nur mit ihm geteilt: aber nicht
bestimmt, diese in unseren sicheren Mauern zu genießen, hatte ihm unser
Monarch, ganz überzeugt von dem Werte dieses großen Mannes, einen
anderen Kreis vorgezeichnet, in welchem sein rastloser und tätiger Geist
sich ein neues Denkmal stiften sollte.
Ist jedoch dieser unseren Herzen so teuer gewordene Held nicht mehr
unter uns und hat er uns verlassen, um vielleicht nie den Art
wiederzusehen, dessen beneidenswertes Schicksal in den mißlichsten
Augenblicken seinen einsichtsvollen Befehlen untergeordnet war, so wird
gleichwohl das Andenken an ihn, der bei den Tugenden des Kriegers nie
die Pflichten des Menschen vergaß, der von der ersten Minute seines
Erscheinens an Vater eines jeden einzelnen wurde und es auch noch im
Momente des Scheidens blieb, nie in unserer von Dank gegen ihn erfüllten
Seele erlöschen. Wir alle haben ihm ja alles -- die Erhaltung unserer
Ehre und unserer Habe, die Zufriedenheit unseres Landesherrn und die
Achtung unserer ehemaligen Gegner zu verdanken.
Möge es erst nur unserer spätesten Nachkommenschaft vorbehalten sein,
die Asche unseres Verteidigers zu segnen!«
»Von seiner Abreise wurden wir tags zuvor durch das hier wörtlich
eingerückte Schreiben benachrichtigt.« (Folgt nun das oben bereits
mitgeteilte Abschiedsschreiben des Herrn v. Gneisenau.)
»Wir haben seinen Auftrag mit frohem Herzen erfüllt und zur Steuer der
Wahrheit vereinige sich die Bürgerschaft in dem öffentlichen
Geständnis:
»»Wir haben nie einen Zwang empfunden, uns haben keine harten
Verfügungen gedrückt, und das, was wir taten, geschah aus reiner
Vaterlandsliebe. Das höchste Wesen nehme ihn dafür in seine besondere
Obhut, lasse ihn nach seinem tatenvollen Leben auch bald die Früchte
des Friedens im Schoße der teuren Seinigen genießen, und wenn uns neue
Stürme und Gefahren drohen, so kehre er zurück in unsere nicht
überwundenen Mauern und finde auch in uns noch das Völkchen wieder,
von dem er so liebevoll schied!««
»Dresow. Hentsch. Zimmermann, Höpner.
Nettelbeck. Darckow. Ziemcke. Gibson.«
* * * * *
Wenige Tage vor der Abreise des so allgemein verehrten Mannes führte
mich das Gespräch mit ihm auf meinen verstorbenen Vater, wie der in den
drei russischen Belagerungen dem damaligen Kommandanten, Oberst von der
Heyden, ebenso mit seinen guten und willigen Diensten habe zur Hand
gehen können, als es durch ein sonderbares Verhängnis nach so langen
Jahren nun auch mir, dem Sohne, zuteil geworden sei, dem zweiten
preiswürdigen Verteidiger meiner Vaterstadt mich in gleicher Weise
nützlich zu machen. Zum Andenken eines so ehrenden Verhältnisses habe
mein Vater Heydens Bildnis von ihm erhalten und danach unserem
Schützenhause geschenkt, wo es noch zu dieser Stunde aufgestellt sei und
der Stadt zu einer dankbaren Erinnerung diene. So bewege mich's nun auch
zu dem herzlichen Wunsche, daß unser scheidender Freund und Wohltäter
mir ein ähnliches Unterpfand seiner geneigten Gesinnung hinterlassen
möge, das sein Ehrengedächtnis für alle künftige Zeiten unter uns
bewahre. Gneisenau versprach es mit freundlichem Lächeln.
Und dieser Zusage hatte er auch nicht vergessen. Vielmehr, damit dieses
Geschenk einen neuen, noch höheren Wert erhielte, veranstaltete er es,
daß mir dasselbe mittels einer überaus gütigen Zuschrift durch seine
Frau Gemahlin ein Jahr später von Schlesien aus zugeschickt wurde.
Meine Freude kannte, wie man sich leicht denken kann, keine Grenzen. Ich
besorgte dem teuern Bildnisse einen Rahmen, so schön, als er nur immer
bei uns aufzubringen war, und auf der Rückseite ließ ich den Namen des
Gebers und die Umstände, welche dieses Geschenk begleitet hatten,
verzeichnen. Zugleich aber stand ich in Sorge, daß ein solches Denkmal
in den Händen eines Privatmannes, zumal in meinen hohen Jahren leicht
das Los einer unrühmlichen Vergessenheit treffen könne, und so hielt ich
es für wohlgetan, meinen Schatz dem Kommandanturhause als ein
Vermächtnis zuzuweisen, bei dessen Anblick einst noch unseren Urenkeln
das Herz vor Stolz und Freude höher schlagen möchte.
Aber bald wechselten unsere Kommandanten in schneller Folge, und auch
einer, dessen Name hier zur Sache nichts tut, war eben abgegangen,
während seine Gemahlin, die noch einige Zeit bei uns verweilte, bereits
ein anderes Haus bezogen hatte. Zufällig kam ich in das
Kommandanturgebäude, meine Augen suchen und -- vermissen das von mir
gestiftete Bildnis. Nach vielem Fragen erfahre ich endlich, es habe
neuerdings, samt andern Mobilien, den Umzug mitgemacht. Ich eile hin zu
der Dame und bitte höflichst um Wiedererstattung. Die Dame weiß von
keinem Bildnis und verweist mich an ihre Domestiken. Nun forsche ich
selbst in allen Winkeln des Hauses umher und -- siehe da! -- das mir so
teuere Gemälde findet sich endlich wieder -- im Hühnerstall, beschmutzt
auf eine Art, die keiner näheren Andeutung bedarf! Mein ganzes Herz war
empört. Ich mag mich auch wohl ein wenig deutsch und kräftig über diese
schmähliche Entweihung ausgelassen haben, indem ich mein wiedererobertes
Kleinod heimtrug, es von allem Makel säubern ließ und dann mit freudigem
Gefühle an die Stätte zurückbrachte, die ihm gewidmet worden. Möge es da
fortan und immer die ihm gebührende Achtung und bessere Aufsicht finden!
Allein mit dem Andenken an verdiente Männer ist es ein Ding, das einen
wohl traurig machen könnte, wenn man erlebt, wie schwer es dem
selbstsüchtigen Menschenherzen eingeht, seine Liebe und Dankbarkeit für
die Dahingeschiedenen treu zu bewahren. Das sollte ich auch noch
anderweitig mit Leidwesen erfahren! Es kam nämlich bald nach der
Belagerung der Herr Großkanzler v. Beyme auf seinem Wege aus Preußen
nach Berlin hierher zu uns und nahm während seines Verweilens bei dem
Kaufmann Schröder ein Mittagsmahl ein, wobei ich die Ehre hatte, von ihm
an seine Seite gezogen zu werden. Auch mehrere angesehene Männer vom
Handelsstande waren gegenwärtig. Daß die Unterhaltung, deren mich der
Minister würdigte, sich meist auf die nächstverlebte Zeit bezog, war
wohl sehr natürlich, sowie nicht minder, daß dabei unseres wackeren
Vizekommandanten v. Waldenfels und seines Heldentodes gedacht wurde.
»Einem so braven Manne,« äußerte dabei unser hoher Gast, »sollte der
Denkstein auf seinem Grabe nicht fehlen!«
Der Gedanke elektrisierte mich. Ich stand auf von meinem Stuhle, sah
Tafel auf und Tafel ab rings meine anwesenden Mitbürger an und sprach:
»Ein Wort zur guten Stunde! -- Ja, meine Herren, wir erfüllen es und
setzen unserm Waldenfels ein Ehrenmal, wie er's verdient!« --
Niemand antwortete mir. Ich aber erhob meine Stimme noch höher und rief:
»Wie? Kein Denkmal auf eines solchen Mannes Grab? -- Meine Herren, das
ist eine Ehrensache für jeden unter uns!« --
So herausgepreßt, erklang denn freilich hier und da ein zögerndes »Ja!«
-- aber es fiel in die Augen, daß es nicht aus freudigen Herzen
hervorging. Meine funkelnden Augen spiegelten sich nur in denen des
Großkanzlers wieder, der zu mir sagte: »Sie gestatten mir doch, daß ich
meinen Beitrag hier sofort in Ihre Hände lege?« -- Das verbat ich mir
nun und hatte Mühe, meinen Willen darin durchzusetzen. Desto leichter
ward mir's in den nächstfolgenden Tagen, mit den Jaja-Stammlern fertig
zu werden, denn da fand sich's, daß es nur in die verhallende Luft
gesprochene Worte gewesen waren!
Mochte es sein! Ich aber habe mir selber Wort gehalten und auf eigene
Kosten einen schönen achteckigen geglätteten Grabstein, sieben Fuß hoch,
besorgt, worauf der Name »Waldenfels« samt Angabe seiner Militärwürden
und des Tages, da er für König und Vaterland gefallen, verzeichnet
steht. Dies einfache Monument bezeichnet seine Grabstätte. Zu gleicher
Zeit ließ ich auch mir die meinige hart neben derselben mit Steinen
aussetzen, wo ich denn endlich auch ruhen werde. --
* * * * *
Ehre den braven Männern, die, gleich Waldenfels, in und für Kolberg
geblutet und ihr Bestes getan haben! Wo einundzwanzig Offiziere auf dem
Bette der Ehre das Leben verhauchten und eine gleiche Anzahl schwere
Wunden aufzuweisen hatte, da bedarf es keines weiteren Zeugnisses, daß
die Besatzung in allen ihren Graden ihre volle Schuldigkeit getan. Wie
der König dies anerkannt hat, spricht sich vollgültig in der
Auszeichnung aus, die er dem zweiten pommerschen Infanterieregimente
gewährte, welches seit jenen Tagen die Ehrennamen des Regimentes
»Kolberg« und »v. Gneisenau« miteinander vereinigt.
Zwar die Ausnahmen sind es, welche die Regel bestärken, und so gab es
denn freilich auch unter Kolbergs Braven einzelne Feiglinge, aber billig
sollte ihr Andenken der Vergessenheit übergeben bleiben, wenn nicht eine
zweifache Betrachtung das Gegenteil zu gebieten schiene. Einmal
geschieht jenen Braven, die in so glänzendem Lichte dastehen, nach
meinem Gefühle eine Ungebühr, wenn hier die Schattenseite des Gemäldes
gänzlich verhüllt würde. Dann aber ist von dem unwürdigen Betragen
dieser Finsterlinge schon früher manches mit Einmischung meines Namens
zur Kunde des Publikums gekommen, was jetzt als lügenhafte Aufbürdung
des damaligen unseligen Parteigeistes ausgeschrieen werden könnte, wenn
ich es hier ganz überginge und dadurch gleichsam stillschweigend
zurücknähme. Daß ich nicht gern davon spreche, wird man mir glauben;
indes stehe hier meine treue und einfältige Erzählung!
In einer Nacht, wo es scharf über die Stadt herging (es war zwischen dem
1. und 2. Juli), befand ich mich auf dem Markte neben dem Spritzenhause,
um sofort bei der Hand zu sein, wenn irgend etwa eine Bombe zündete.
Hier eilte nun ein Mann im grauen Regenmantel und die weiße Schlafmütze
ins Angesicht gezogen mit weiten Schritten an mir vorüber und verlor
sich in einen Weinkeller, den man für bombenfest hielt und wohin sich
deswegen bereits mehrere alte Männer, Frauen und Kinder samt einigen
furchtsamen Bürgern geflüchtet hatten. Gleich nachher aber stürmte aus
eben diesem Keller der Haufe in größter Verwirrung hervor, und ich
erfahre, es sei eine Granate durch das Gewölbe gefahren. Ich steige
hinunter, um mich zu überzeugen, ob Schaden geschehen und Hilfe nötig
sei. Davon zeigt sich indes nirgends eine Spur; man faßt nun wieder Mut,
kehrt in den verlassenen Zufluchtsort zurück, und drei meiner Bekannten,
rechtliche Männer, fordern mich auf, noch einige Augenblicke zu
verweilen und ein Glas Wein mit ihnen zu trinken.
Indem ich mir nun hierbei die bunte Versammlung mit etwas besserer Muße
ansehe, bemerke ich auch seitabwärts den Mann in der Schlafmütze, der
mir bereits durch seine langen Beine merkwürdig geworden. Halb kommen
mir seine Gesichtszüge bekannt vor, aber die Dunkelheit des Winkels läßt
mich nichts mit Gewißheit erkennen. Ich greife nach einer Kerze, leuchte
ihm näher unter die Augen und -- siehe! es ist der Hauptmann *** von
unserer Garnison. Hochverwundert frage ich: »Ei tausend, Herr Hauptmann!
Wie geraten Sie hierher? Ist dies Loch ein Aufenthalt für Sie? Ein
Offizier -- und verkriecht sich unter alte Weiber und Wiegenkinder! Der
König hat Ihnen gewiß vierzig Jahre Brot gegeben, und nun es seinen
Dienst gilt, vertun Sie sich abseits?« -- Er stotterte etwas daher:
»Sehen Sie nicht, daß ich krank bin? Ich habe das Fieber.« -- »Daß Sie
eine Schlafmütze sind, sehe ich, und das Bombenfieber sehe ich auch,«
war meine Antwort. -- »Hier heraus mit Ihnen und fort, wohin Sie
gehören!« -- Ich wäre in meiner Ereiferung vielleicht noch tiefer in den
Text hineingeraten, wenn meine vorgedachten Bekannten mich nicht von ihm
abgezogen und begütigt hätten. Unterdessen ließ der Fieberpatient sich
ein gutes Gericht Essen und ein Viertel Wein auftragen und speiste mit
einem Appetit, der auch dem Gesundesten Ehre gemacht haben würde.
Aber es sollte hier gleich noch ein zweites ähnliches Abenteuer geben.
Denn indem ich mich von dem Jammerbilde nach einer anderen Seite wende,
fiel mir ein Feldbett in die Augen und darauf hingestreckt ein Mensch,
der notwendig auch eine Militärperson sein mußte, da unter der Bettdecke
hervor ein Degen mit dem Portepee niederhing. Mein Gesicht mochte bei
diesem Anblicke wohl wie ein großes Fragezeichen aussehen, denn
unaufgefordert erklärten mir meine Freunde, die hier Bescheid wußten, es
sei der Leutnant ***, der sich zu gütlich getan und in diesem, ihm
gewöhnlichen Zustande so seinen Aus- und Eingang im Weinkeller habe. Das
war mir ein Greuel mit anzuhören! Ich riß ihm die Bettdecke vom Leibe
und rief: »Herr, plagt Sie ... Was haben Sie _hier_ zu schaffen? Heraus und
auf Ihren Posten! Hören Sie den Geschützdonner nicht?«
Brummend taumelte er empor, und sich mit Mühe auf den Füßen haltend,
tobte der Jämmerliche: »Warum wird das verfluchte Loch nicht übergeben,
damit man nur einmal aus dem miserabeln Neste herauskäme!« -- Ich traute
meinen Ohren nicht und hätte mich wahrlich an dem Elenden tätlich
vergriffen, wenn meine gelasseneren Freunde mir nicht in den Arm
gefallen wären, während jener wieder auf sein Lager niedertorkelte und
prahlte, wie viel Weinflaschen er heute schon den Hals gebrochen.
Beide Auftritte waren indes zu öffentlich und vor zu vielen Zeugen
vorgefallen, als daß sie ganz mit dem Mantel der Liebe zu bedecken
gewesen wären. Der Hauptmann rechtfertigte sich mühsam durch ein
ärztliches Attest, das seine Krankheit bekräftigte, aber dahingestellt
ließ, warum sich Patient nicht lieber ruhig in seinem Quartier verhalten
und eine genauere Diät befolgt habe? Gegen den Leutnant aber sprachen
die Zeugnisse so entscheidend, daß er einem dreimonatlichen Arrest und
demnächst seiner Dienstentlassung sich nicht entziehen konnte.
Zu einer anderen Zeit standen unsere Vorposten ringsum des Abends in
einem lebhaften Feuer gegen den Feind, der allmählich immer mehr Truppen
ins Gefecht brachte. Der Kommandant, in dessen Gefolge ich war, befand
sich auf der Bastion Pommern, von wo auch das Feld zu beiden Seiten des
Platzes am bequemsten übersehen werden konnte. Um die Unserigen gegen
Sellnow hin zu unterstützen, war der Major *** mit drei Kompagnien seines
Bataillons abgeschickt worden, mit dem Auftrage, sich den Schillschen
Truppen anzuschließen und das Gefecht zum Stehen zu bringen. Aber statt
daß nun hier vor dem Geldertore eine neue Regsamkeit zu bemerken gewesen
wäre, hörte das Feuer dorthin, zu des Kommandanten nicht geringer
Verwunderung, bald gänzlich auf, und die Verwunderung stieg zur Unruhe,
da immer noch kein Rapport von der entsandten Verstärkung einging. Ich
erbot mich, Nachricht an Ort und Stelle einzuziehen, und eilte von
dannen, den Wall hinunter.
Von einem Pulverwagen, der mir in den Weg kam, strängte ich ein Zugpferd
ab, warf mich hinauf und trabte zum Geldertore hinaus. Die Nacht war
stockfinster geworden. Als ich über die sogenannte Kuhbrücke kam,
stutzte mein Gaul, hob sich und wollte trotz all meines Treibens nicht
von der Stelle. Endlich ward ich gewahr, daß er sich vor einem Soldaten
scheute, der sich quer über den Weg gelagert hatte. Der Bursche hatte
geschlafen, und mit ihm ward es auf einmal rund um mich her wach und
laut, und ein Dutzend Baßkehlen rief: »Holla! holla! Nur sachte!« -- Mit
einem Blicke übersah ich nun die saubere Schlafkompanie, die sich hier
meist ins Gras gestreckt hatte, anstatt den bedrängten Kameraden weiter
vorwärts Luft zu machen.
Im bitteren Unmute meines Herzens stürmte ich auf sie ein und rief: »Ihr
seid mir schöne Helden! Pfui euch, daß ihr hier liegen könnt und
schnarchen!« -- Beschämt wichen sie mir zu beiden Seiten aus, bis ich
weiterhin kam und nun auch auf ihren edeln Anführer stieß, der sich sein
Ruheplätzchen hart am Heckenzaune ausgesucht hatte, den Kopf nur so eben
aus dem Mantel hervorstreckte und mir einen guten Morgen bot. Drei
Schritte hinter ihm zeigte sich mir der Hauptmann *** in gleicher
Positur, der jedoch aufstand und mir seinen guten Morgen bis dicht ans
Pferd entgegenbrachte. Mich noch weniger haltend als vorhin tobte ich:
»Den T... und seinen Dank für euern guten Morgen! Ist das recht? Ist das
erhört, daß ihr hier auf der Bärenhaut liegt? Ob eure besseren Kameraden
indes ins Gras beißen, das kümmert euch nicht! -- Da! da seht!«
In dem Augenblick nämlich kamen einige Schillsche Leute daher, die zwei
Erschossene auf einer Tragbahre aus dem Gefechte trugen und mehrere
Verwundete leiteten. Ich erfuhr von ihnen noch bestimmter, daß die ganze
Zeit her von einem Unterstützungstrupp nichts zu sehen noch zu hören
gewesen. Demgemäß fiel nun auch mein Rapport an den Kommandanten aus,
der mit Achselzucken versetzte: »Nun, nun -- ich werde den Herren die
Epistel lesen!«
* * * * *
Ich, meinesteils, hatte kein Gelübde getan, aus den mancherlei
Erlebnissen dieser Art vor meinen täglichen Bekannten ein Geheimnis zu
machen, und so hatten denn durch mehr als einen Mund jene Anekdoten auch
ihren Weg in des Herrn v. Cölln damals vielgelesene »Feuerbrände« und
einige andere politische Tagesschriften gefunden und bei manchem noch
altgläubigen Militär mitunter Anstoß erregt. Wer aber hätte es glauben
sollen, daß es irgend einst einem solchen einfallen könnte, mich, den
Unschuldigsten bei dem gesamten Handel, deshalb feierlichst in Anspruch
zu nehmen? Dennoch geschah es also, und auch hierüber gehöre ja wohl ein
kurzer Bericht in meine Lebensgeschichte.
Von einem der Kommandanten, die auf Gneisenau folgten, ward ich eines
Tages durch eine Ordonnanz auf eine bestimmte Stunde in seine
Amtswohnung geladen. Ich ging und ward in einen großen Saal geführt, den
ich von den sämtlichen Offizieren unserer Besatzung gefüllt fand. Mitten
unter ihnen saß der Garnisonauditeur L* hinter einem Tische, den viele
Schriften und Schreibmaterialien bedeckten. Alles hatte so ziemlich die
Miene eines großen gerichtlichen Aktes.
Sofort nach meinem Eintritt kam mir der Kommandant mit einem gedruckten
Buche in Quarto entgegen und bedeutete mir: er habe mir etwas
vorzulesen, auf das ich ihm sodann antworten werde. -- Ich hatte nichts
dawider, und er setzte hinzu: »Sollten die Worte und Beschuldigungen
erlogen sein, so verdiene der Schriftsteller, daß ihm der Prozeß gemacht
werde, und man werde bei Sr. Majestät des Königs höchster Person darauf
antragen, ihn exemplarisch bestrafen zu lassen.« -- Und nun zu dem
ganzen Zirkel: »Meine Herren! Ich werde lesen, Sie werden hören!« Jetzt
las er mir das Geschichtchen von der Nachtmütze im Ratskeller, und
verlangte darüber eine weitere Erklärung. »Die wird am leichtesten zu
geben sein,« versetzte ich, »wenn, wie ich glaube, der Herr Hauptmann
*** hier in der Versammlung gleichfalls zugegen ist.« -- Zu gleicher
Zeit schaute ich ein wenig umher und erblickte ein Stückchen von ihm
hinter und zwischen einer Gruppe von Kameraden, die mich jedoch nicht
verhinderten, meinen Mann hervor an das Tageslicht zu ziehen. Nun kam es
denn zu einem Katechismusexamen, wo es auch von ihm hieß: »Und er
bekannte und leugnete nicht,« -- daß sich alles so verhalte, als dort im
Buche stände, denn ich führte ihm die drei unverwerflichen Zeugen zu
Gemüte, welche damals neben uns gestanden.
»Allein,« nahm nun der Kommandant aufs neue das Wort, »wie steht es um
dies zweite Geschichtchen, das ich Ihnen vorzulesen habe, -- von einer
schlaftrunkenen Wegelagerung, wobei der Major *** in ein so nachteiliges
Licht gestellt ist?« -- Er las, und meine Gegenfrage war: »Hätte der
Herr Major in der Tat etwas dagegen?« -- Ich sah mich nach ihm um, fand
ihn und wiederholte nun Wort für Wort, was damals zwischen ihm, seinen
Begleitern und mir verhandelt worden. Der Mann, zum Leugnen zu ehrlich,
spielte hierbei eine etwas einfältige Rolle, während der Auditeur
frischweg protokollierte und sich fast die Finger lahm schrieb. -- Nun
endlich noch die Gewissensfrage: »Ob _ich_ diese Erzählungen dem Verfasser
der Feuerbrände mitgeteilt hätte?« -- Das konnte ich mit Wahrheit
verneinen; und so nahm das gestrenge Inquisitionsgericht ein Ende, ohne
daß weiter Gutes oder Böses dabei herausgekommen wäre. Auch habe ich
mich ferner nicht darum gekümmert.
* * * * *
Überhaupt muß gesagt werden, daß seit Gneisenaus Abschied zwischen
Militär und Bürgerschaft meiner Vaterstadt sich ein Verhältnis gebildet
hatte, welches mit der jüngst verflossenen Zeit gemeinschaftlichen
Bedrängnisses in einem traurigen Gegensatze stand und mir wie jedem
patriotisch gesinnten Herzen unendlich viel Unmut, Kummer und Sorge
erweckte.
Kolbergs militärische Wichtigkeit, zumal in jener schwierigen Zeit nach
dem Frieden von Tilsit, war lebhaft anerkannt worden, aber eben dadurch
fühlte sich auch die Besatzung des Platzes in ihrer Bedeutung gehoben
und zu Ansprüchen von mancherlei Art berechtigt. Darüber, und weil dies
bald einigen Widerstand erzeugte, hatte sich in allen Berührungen mit
den bürgerlichen Behörden ein gewisser unfreundlicher Ton
eingeschlichen, der immer schmerzlicher empfunden wurde. Es sollte alles
martialisch und gewaltig bei uns zugehen, als wenn es noch mitten im
Kriege wäre, wogegen der Bürger nur durch die milden bürgerlichen
Gesetze des Friedens beherrscht sein und von außerordentlichem
Kriegszwange nichts mehr wissen wollte. Die Lasten der Einquartierung
bei einer noch immer sehr starken Garnison, die an sich schon lästig
genug waren, wurden es noch mehr dadurch, daß die Verteilung derselben
sich ungesetzlich in den Händen einer außerordentlichen Kommission
befand, die von ränkesüchtigen Köpfen nach Gunst oder Ungunst geleitet
ward. Böse Ratgeber der nämlichen Art belagerten das Ohr der Machthaber
und freuten sich des gestifteten Unheils; überall Neckerei, Reibung und
abgeneigter Wille, und -- zum Übermaß dieses Notstandes -- eine
vielleicht nicht hinlänglich beschäftigte Anzahl alter und junger
Militärs, deren Überschwang an Lebendigkeit sich in mancherlei Störungen
des friedlichen bürgerlichen Verkehrs, in Prügelszenen, in gewaltsamen
Angriffen und Verwundungen rechtlicher Männer kund tat.
Auf der anderen Seite ist ebensowenig in Abrede zu stellen, daß unseren
Einwohnern durch die Belagerung das Herz ein wenig groß geworden. Sie
hatten in ungewöhnlichen Anstrengungen auch ungewöhnliche Kräfte in sich
erwecken müssen, und so wie sie sich dadurch selbst im Werte gehoben
fühlten, wollten sie sich auch von anderen besser geachtet wissen.
Vielfach hatten sie auch in der Zeit der Not bedeutende Opfer an
Eigentum und Vermögen dargebracht; hatten gehofft, nach des Feindes
Abzuge durch mancherlei Erleichterungen sich für soviel Einbußen und
Entbehrungen entschädigt zu sehen, und fühlten sich nun doppelt
getäuscht, da statt der gehofften goldenen Zeit nur neue herbe Früchte
für sie reiften. Zwar was das allgemeine Mißgeschick damals über unser
armes bedrücktes Vaterland schwer genug verhängte, hätten sie gern und
freudig mit ertragen, aber so manche örtliche und besondere Belastung
wäre ihnen füglich zu ersparen gewesen, und konnte nicht verfehlen,
einen dumpfen Mißmut zu erregen. Dennoch blieben ihre Klagen stumm und
scheuten sich, ein Königsherz, dem das Schicksal bereits so große
Prüfungen auferlegt, noch tiefer zu bekümmern.
Wie aber mußte denn nicht jedes wackere Bürgerherz sich um so tiefer von
Dank und Freude ergriffen fühlen, als ein Königliches Kabinettsschreiben
vom 21. Oktober 1807 an die verordneten Stadtältesten Dresow und
Zimmermann den Beweis führte, daß Kolberg in seines gütigen Herrschers
Beachtung und Fürsorge unvergessen geblieben, indem uns darin unter den
huldvollsten Ausdrücken, der Erlaß unseres Anteils an der allgemeinen
französischen Kriegskontribution, im Belauf mehr als hundertachtzigtausend
Talern angekündigt wurde.
* * * * *
Als im Jahre 1809 durch die eingeführte neue Städteordnung überall die
bisherige Magistratsverfassung abgeschafft und den Bürgerschaften ein
erweiterter Einfluß auf die Verwaltung zugestanden wurde, wußte sich die
Menge in die verbesserten Einrichtungen nicht sogleich zu finden; die
Ränkeschmiede und Selbstlinge aber waren nur um desto eifriger darauf
bedacht, ihr Schäfchen dabei zu scheren und den blinden Unverstand nach
ihren geheimen Absichten zu bearbeiten. Als es daher zur ersten Wahl der
Stadtverordneten und eines neuen Magistrats kam, ging es dabei so
stürmisch, unmoralisch und ordnungswidrig zu, daß jeder rechtschaffene
Mann sein äußerstes Mißfallen daran haben mußte.
Es kann mir also auch nicht als Lobspruch gelten, wenn ich, obwohl als
erster Stadtverordneter gewählt, mich dieser Ehre bedankte und mit einer
Versammlung nichts zu schaffen haben wollte, von deren Gesinnungen ich
nichts als Unheil für die Stadt erwarten konnte. Zwar fehlte es nicht an
dringendem Zureden meiner Freunde, welche in der Meinung standen, daß
ich durch Übernahme jenes Postens, wenn auch nicht Gutes sonderlich zu
fördern, doch manches Böse durch meinen Einfluß zu verhüten imstande
sein würde; allein das ganze Wesen, so wie es sich da gestaltet hatte,
war mir ein Greuel, und ich lehnte es standhaft ab, mich damit zu
befassen. Noch ärger ward das Ding, als nun demnächst zur Ratswahl
selbst geschritten werden sollte. Kabalen kreuzten sich mit Kabalen;
einige rechtliche Männer, welche die gesetzliche Stimmenmehrheit für
sich gehabt, wurden tumultuarisch wieder ausgestoßen, und ich hörte
sogar von tätlichem Handgemenge, worin die Anhänger der verschiedenen
Parteien sich gestritten hatten.
So wie ich mir nun in stiller Klage mit anderen Biedermännern dies
schändliche Unwesen tief zu Herzen nahm und täglich Zeuge sein mußte,
wie es immer weiter um sich griff und eine widerrechtliche Anordnung auf
die andere folgte, so setzte ich mich hin und schilderte Sr. Majestät
dem Könige unmittelbar und umständlich, mit Gewissenhaftigkeit und
Wahrheit, wie alle diese Sachen bei uns ihren Verlauf gehabt. Ich nahm
mir dabei den Mut, hinzuzufügen, daß, wenn Se. Majestät die jetzt
bestehende Stadtverordneten-Versammlung nicht gänzlich kassierte und zur
Wahl einer neuen mittels einer unparteiischen Kommission schreiten
ließe, der Wirrwarr immer größer werden und nur mit dem Untergange
unserer gesamten städtischen Wohlfahrt endigen werde.
Es geschah auch, was ich vertrauensvoll gehofft hatte. Der Monarch
beschied mich in einer gnädigen Antwort, daß, meinem Antrage gemäß, die
dermalige Stadtverordneten-Versammlung von Stund' an suspendiert und dem
Minister v. Domhardt die Ernennung einer Kommission aufgetragen sei, um
die Vorfälle untersuchen zu lassen und erforderlichenfalls neue,
rechtmäßigere Wahlen zu verfügen. Der Minister benachrichtigte mich, daß
er den Polizeidirektor Struensee zu Stargard zum Kommissarius in dieser
Sache ernannt habe, und dieser meldete mir den Zeitpunkt seines
Eintreffens in Kolberg und gab mir auf, bis dahin meine verschiedenen
Klagepunkte gehörig zu ordnen.
Von allen diesen Schritten wußte niemand, weniger zurückhaltend war ich
in meinem freimütigen -- oft wohl etwas derben Urteile über all den
Unfug, der täglich unter meinen Augen vorging. Natürlich waren nur
dergleichen Äußerungen, die zudem nicht im Winkel gesprochen worden, den
Leuten, denen es galt, fleißig zu Ohren gekommen. Die ganze Korporation
kam darüber in Harnisch und ernannte eine Deputation aus ihrer Mitte,
mit dem Kaufmann S** an der Spitze, um eine Klage wider mich wegen
ehrenrühriger Beschuldigungen beim Stadtgerichte anzubringen. Die Sache
war bereits anhängig geworden und mir ein Termin angesetzt, wo ich
erscheinen und mich verantworten sollte.
Es ist ein wunderlich Ding, daß all meine Händel vor der Obrigkeit
anfangs immer ein hochgefährliches Ansehen hatten und zuletzt doch ein
lächerliches Ende nahmen. Das begab sich auch hier. Ich trat zur
bestimmten Stunde vor die Schranken, und der Stadtgerichtsdirektor
Harder deutete mir an: ich sei in diesem und jenem durch vorlautes
Absprechen und Urteilen über eine löbliche Stadtverordneten-Versammlung,
wofern die deshalb erhobene Klage gegründet, gar sehr straffällig
geworden. Letztere solle mir jetzt vorgelesen und meine rechtliche
Verantwortung gewärtigt werden.
»Das möchte sein,« erwiderte ich, indem ich mich zugleich gegen die
anwesenden drei gegnerischen Deputierten wandte, »wenn ich nur diese
Herren noch für wahre und wirkliche Stadtverordnete anerkennen könnte,
nachdem des Königs Majestät sie sämtlich von ihren Ämtern suspendiert
hat.« -- Ohne mich auch weiter an die großen Augen zu kehren, welche
eine so frevle Rede hervorbrachte, zog ich das königliche Handschreiben
aus der Tasche und gab es stillschweigend in des Direktors Hände. Der
nahm und las, erst für sich allein, dann laut und vernehmlich vor allen
Anwesenden. Ich aber, nachdem ich mich einige Augenblicke an den
verlängerten Gesichtern geweidet, erklärte dem Gerichte weiter:
solchergestalt fände ich auch keinen Beruf in mir, jetzt auf die
erhobene Klage weiter zu antworten, wozu sich vielmehr wohl eine andere
und bessere Gelegenheit finden werde.
»Recht gut!« sagte der Direktor mit einiger Verlegenheit, indem er mir
das Schreiben zurückgab und ich mich zum Fortgehen anschickte. -- »Aber
wir haben einen Termin abgehalten und hier sind Kosten aufgelaufen. Wer
wird die bezahlen?«
»Nun, das werden die Herren, die sie verursacht haben, sich ja wohl
nicht nehmen lassen,« erwiderte ich lachend, und ich hatte recht
geraten. Denn sogleich auch erbat sich Herr S** die Erlaubnis, mit
seinen Begleitern auf wenige Augenblicke abtreten zu dürfen, und nachdem
sie sich draußen beraten, zog jener großmütig seinen Beutel und zahlte
der Justiz ihre Gebühren.
Wenige Tage später trat auch der Königliche Kommissarius Struensee in
dieser Eigenschaft bei uns auf, und meine Anklage gegen die
Stadtverordneten und den von ihnen erwählten Magistrat ward in seine
Hände übergeben. Ich hatte reichen Stoff gefunden, sie seit meiner
ersten Anzeige noch um manches himmelschreiende Faktum zu vermehren, so
daß es denn kein kleines Sündenregister gab, welches ich nach und nach
bei der Kommission zu Protokoll diktierte und worüber ich die
erforderlichen Beweise beibrachte. Anderseits wurden auch die
Angeschuldigten vorgeladen, und nach genauester Untersuchung fiel die
Entscheidung dahin aus, daß einige der Schuldigsten förmlich von ihrem
Posten entsetzt und zur Bekleidung städtischer Amts- und Ehrenstellen
auf immer für unzulässig erklärt wurden.
Nach dieser Reinigung leitete der Kommissarius eine neue, ordnungsmäßige
Wahl beider Kollegien ein, wodurch das städtische Interesse besser
beraten war, und alle Gutgesinnten bessere Hoffnungen für die Zukunft
schöpfen konnten. Ihre Stimmen erkoren mich zum ersten unbesoldeten
Ratsherrn, und zu diesem Stadtamte bin ich seitdem auch bei jeder neuen
Wahl bestätigt worden; -- ein Beweis von dem Zutrauen meiner Mitbürger,
der meinem Herzen immer sehr wohlgetan hat, wiewohl mein Alter und die
damit verbundene Schwachheit mahnt, mich nunmehr von allen öffentlichen
Geschäften vollends zurückzuziehen.
* * * * *
Um die nämliche Zeit ward mir durch des Königs Gnade eine ganz
unerwartete Auszeichnung zuteil. Es war Sr. Majestät, ich weiß selbst
nicht auf welche Weise, zur Kenntnis gekommen, daß ich einst vor langen
Jahren in wirklichem königlichen Seedienste gestanden, und demzufolge
ward mir jetzt die förmliche Erlaubnis erteilt, die königliche
Seeuniform zu tragen. Warum sollte ich leugnen, daß gerade _diese_
Vergünstigung einen tiefen Eindruck auf den alten Seemann in mir machte,
dessen Patriotismus sich immer und unter allen Himmelsgegenden mit
einigem Stolze zur preußischen Farbe bekannt hatte? Zudem fühlte ich
mich damals noch rüstig, meinem Landesherrn auch auf meinem
eigentümlichen Elemente in Krieg und Frieden einige nutzbare Dienste
leisten zu können, und nur des leisesten Winkes hätte es bedurft, um
alles zu verlassen und unter jeder Zone für Preußens Nutzen und Ehre zu
leben und zu sterben!
Die Rückkehr unseres gefeierten Königspaares von Preußen nach Berlin im
Dezember des Jahres 1809, war ein Ereignis, das meine Seele mit hoher,
freudiger Teilnahme beschäftigte. Einem Gerüchte zufolge sollte der Weg
über Kolberg führen; aber der Anblick unserer Trümmer konnte nicht
erfreulich und uns selbst es daher kaum wünschenswert sein, das
landesväterliche Herz damit zu betrüben. Auch erfuhren wir bald, daß die
Strenge der Jahreszeit die nächste und kürzeste Richtung geboten habe
und der königliche Reisezug am 21. in Stargard eintreffen werde, um dort
einen Rasttag zu halten. Es war also auch zu erwarten, daß die
pommerschen Stände und andere Behörden der Provinz sich dort dem Könige
vorstellen würden.
Diese Nachricht traf mich am 19. abends in einer Gesellschaft, wo viele
würdige Männer unserer Stadt beisammen waren. »Wie!« rief ich aus, »so
viele unserer Landsleute sollen dort vor dem Könige stehen, ihm ihre
frohen Glückwünsche darzubringen, und nur aus unserer Vaterstadt sollte
sich niemand zu einer solchen freiwilligen Huldigung eingefunden haben?
Das hat weder der König um Kolberg, noch wir um ihn verdient! Seine
Gnade hat uns erst unlängst eine Kriegssteuer von nahe an
zweimalhunderttausend Talern erlassen, bei welcher schicklicheren
Gelegenheit könnten wir ihm dafür unseren Dank bringen, als wenn eine
Deputation der Bürgerschaft sich jetzt dazu auf den Weg machte?
-- Vollmacht? Trägt sie nicht jeder mit seinem Gefühle der Dankbarkeit im
eigenen Herzen? Wird dort nach Vollmacht gefragt werden, wo wir nichts
bitten, nichts verlangen, und wo nur allein unsere Glück- und
Segenswünsche aus einem begeisterten Herzen hervorquellen werden?«
Alles war meiner Meinung, aber alles glaubte auch, es sei nicht mehr an
der Zeit, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, denn um zu rechter Zeit
zur Stelle zu sein, würde man noch den nämlichen Abend sich auf den Weg
machen müssen. -- »Nun, und wenn es sein müßte,« unterbrach ich die
kühlen Zweifler, »warum nicht auch schon in der nächsten Stunde? _Ich_ bin
dazu bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«
Ringsherum nichts als Schweigen und Kopfschütteln, und schon wollte ich
im feurigen Unmute auflodern, als der Kaufmann, Herr Gölckel, mir die
Hand reichte, sich mir zum Gefährten erbot, in einer Stunde reisefertig
zu sein versprach und nun selber zur Eile trieb, damit wir noch vor
völligem Torschlusse die Festung im Rücken hätten. Ich selbst übernahm
es, die Postpferde für uns zu bestellen.
Glücklich auf den Weg gelangt, bemerkten wir erst draußen auf dem Felde,
daß es eine stockdunkle Nacht gab, und daß es schwer halten werde, des
rechten Weges nicht zu fehlen. Wirklich auch hatten wir noch nicht Spie
erreicht, als wir inne wurden, daß wir uns verirrt und genötigt waren,
auf einem weiten Umwege wieder auf die Poststraße zurückzukehren. Dies
machte mich so ungeduldig, daß ich dem Postillion Zügel und Peitsche aus
den Händen riß, um selbst zu kutschieren, und es könnte wohl sein, daß
ich ihm nebenher einige fühlbare Denkzettel auf den Rücken zugemessen
hätte. So ging es langsam weiter von Station zu Station, ohne daß mein
stetes Treiben sonderlich fruchtete, oder daß ich auf die Vorstellung
meines gleichmütigeren Reisegefährten viel gegeben hätte, der mir
bemerklich machte, daß wir auf diese Weise mitten in der nächstfolgenden
Nacht in Stargard anlangen und dann in dem überfüllten Orte kein
Quartier finden würden.
In der Tat war es auch, als wir an Ort und Stelle kamen, noch so früh am
Morgen, daß wir noch alles in Finsternis und Schlaf begraben fanden.
Dies hinderte jedoch nicht, daß ich gleich zunächst dem Tore mir ein
Haus drauf ansah, vor welchem ich zu halten befahl. Es wurde
abgestiegen, angeklopft und, nachdem es drinnen munter geworden, mit
lauter Stimme Herberge begehrt. Die Antwort war, wie sie zu erwarten
stand, eben nicht sehr tröstlich: alles sei dicht besetzt und kein
Unterkommen mehr möglich. -- »Aber, liebe Leute,« rief ich dagegen, »den
alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen?« --
»Nein, wahrhaftig nicht!« scholl eine weibliche Stimme dagegen.
»Tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden!« -- Und
es fand sich auch so bequem und wohnlich, daß wir noch in guter Ruhe
einige Stunden ausschlafen konnten. Mein Reisegefährte hatte große Lust,
sich über diesen Zauber meines bloßen Namens zu verwundern; allein ich
entzauberte ihn schnell, indem ich ihm erklärte, daß ich bloß meinen
alten freundlichen Wirt wieder aufgesucht, bei welchem ich vor nicht gar
langer Zeit gehaust hätte, als ich hier das Kind meines Freundes, des
Regierungsrates Wisseling, aus der Taufe gehoben.
Noch vormittags ward die Ankunft des königlichen Paares erwartet, dessen
Zug vor unserm Hause vorüber mußte. Wir warfen uns also in unsre
Staatskleider -- _ich_ in meine Admiralitätsuniform, mein Gefährte in die
Uniform der Bürgergarde, und erwarteten auf einer erhöhten Treppe den
für unser Herz so teuren Anblick. Wagen auf Wagen mit Königlichem
Gefolge rollten vorüber. Endlich um zehn Uhr nahte der König selbst,
neben ihm die Königin, langsam in einem offenen Wagen. Es klopfte uns
hoch in der Brust und wir verbeugten uns ehrerbietig samt allen übrigen,
ohne zu wissen, ob wir bemerkt wurden.
Jetzt forderte ich meinen Begleiter auf, dem Zuge mit möglichster Eile
zu folgen oder lieber noch zuvorzukommen, um die Gelegenheit zu unsrer
persönlichen Vorstellung nicht zu versäumen, bevor der Monarch noch
dichter umzingelt würde. Denn was für ein Eulenspiegelstreich wäre es
gewesen, uns im Namen einer ganzen Stadt auf den Weg gemacht und dennoch
unser Wort nicht angebracht zu haben! Allerdings war das Gedränge um des
Königs Quartier unbeschreiblich groß und lebendig, aber mein
treuherziges: »Kinder, maakt en betken Platz!« und auch wohl die paar
Streifen Gold auf unsern Röcken halfen uns zuletzt glücklich durch das
Gewühl, bis wir durch das Spalier des Militärs vorgedrungen waren, uns
unter die bunten Gruppen der Offiziere und diensttuenden Adjutanten
mischten und so zuletzt die Flur des Hauses erreichten.
Noch kam es darauf an, uns mit unserm Wunsche, vorgelassen zu werden, an
den rechten Mann zu wenden, als wir von des Königs Gemächern einen
Stabsoffizier die Treppe herniedersteigen sahen, der auf uns zuging und
mich freundlich fragte: »Gelt, Nettelbeck, Sie wollen den König
sprechen? Dann ist's gerade an der rechten Zeit. Kommen Sie!« -- Zugleich
faßte er mich und meinen Freund an der Hand und stieg in unsrer Mitte
die Treppe hinauf. Nicht ohne seltsame Verwunderung fragte ich ihn: »Wie
kommt mir das Glück, daß Sie mich bei Namen keinen?« -- »Und darüber
wundern Sie sich?« war die Antwort. »Bin ich nicht in Kolberg bei Ihnen
in Ihrem Hause gewesen?« -- Es war der General v. Borstell.
Indem wir oben ankamen, fanden wir zwei schwarzgekleidete Männer,
Deputierte von der Kaufmannschaft einer benachbarten Stadt, vor der
offenen Flügeltüre, die zu des Königs Audienzzimmer führte. Der General
wies sie vor uns hinein und wir folgten dann nach. Das ganze große
Zimmer war erfüllt von Generalen, Damen und Standespersonen, worunter
mir die Prinzessin Elisabeth, die von Stettin gekommen war, der General
v. Blücher und andre bemerkbar wurden. Alles blitzte von Ordenszeichen
jeder Art, und es gab eine feierliche Stille, bis der König hereintrat,
samt seiner königlichen Gemahlin, und die Anwesenden ihnen nach der
Reihe vorgestellt wurden.
Vor uns traten die genannten beiden Deputierten vor, die etwas beklommen
schienen und überaus leise sprachen, so daß uns davon sowie von des
Königs Antwort wenig oder nichts hörbar wurde. Als sie sich
zurückgezogen hatten, wandten beide hohe Personen sich zu uns, und mich
anblickend, fragte der König: »Nicht wahr, der alte Nettelbeck aus
Kolberg?« -- und dann, während wir unsre Verbeugung machten, zu meinem
Gefährten gekehrt: »Die Kolberger sind mir willkommen!«
Wir hatten im voraus verabredet, uns, wenn es dahin käme, in unsern
Vortrag zu teilen, damit wir nicht beide durcheinandersprächen. Ich hob
demnach an: »Ew. Majestät geruhen gnädigst, uns zu erlauben, daß wir im
Namen unsrer Mitbürger Ihnen fußfällig unsern Dank bringen für die große
Gnade und Wohltat, die Sie unsrer guten Vaterstadt haben angedeihen
lassen. Wir haben dafür kein andres Opfer, als die abermalige
Versicherung unsrer unerschütterlichen Treue, nicht allein für uns,
sondern auch für unsre spätesten Nachkommen, denen wir mit gutem
Beispiele vorangegangen sind. Stets soll es ihnen in Herz und Seele
geschrieben bleiben: Liebet Gott und euern König und seid getreu dem
Vaterlande!«
Hierauf wandte sich der König halb gegen uns und halb gegen die hinter
ihm stehende glänzende Versammlung und sprach in lebendiger Bewegung die
Worte: »Kolberg hat sich bereits im Siebenjährigen Kriege treu gehalten
und dadurch die Liebe meines Großoheims erworben. Auch jetzt hat es das
Seinige getan, und wenn ein jeder so seine Pflicht erfüllt hätte, so
wäre es uns nicht so unglücklich ergangen.«
Jetzt nahm mein Freund das Wort und äußerte, wie nahe es uns gehen
würde, wenn unsre Gegenwart bei Sr. Majestät eine unangenehme Erinnerung
aufregte, allein die Gefühle unsrer dankbarsten Verehrung hätten uns
nicht zurückbleiben lassen wollen, und ganz Kolberg teile unsre
Gesinnungen. Der König erwiderte darauf: »Ich weiß es; wenn früh oder
spät einmal es die Umstände gebieten, werden die Kolberger auch gerne
wieder für mich auftreten.«
Hier fing ich Feuer und brach begeistert aus, indem ich mit der Hand auf
mein Herz schlug: »Ew. Majestät, dazu lebt der freudige Mut in uns und
unsern Kindern, und verflucht sei, wer seinem Könige und Vaterlande
nicht treu ist!« -- »Das ist recht! das ist brav!« versetzte der
Monarch, und als er darauf fragte, wie wir sonst in Kolberg lebten, gab
ich zur Antwort: »Gut, Ew. Majestät! Kleinigkeiten machen wir unter uns
ab, und ist es etwas Bedeutendes und wir können nicht durchkommen, da
wenden wir uns geradezu an Ew. Majestät. Wir hoffen, Sie werden uns
nicht sinken lassen.«
»Nein, nicht sinken lassen -- nicht sinken laß ich euch!« rief der
König, wobei er mir die Hand entgegenbot. »Wendet euch nur an mich, und
was zu erfüllen möglich ist, soll geschehen.« -- Dann fragte er, ob wir
eigens dieserhalb gekommen wären, oder ob uns andre Geschäfte nach
Stargard führten? -- »Kein andres Geschäft, als der Auftrag der
Unsrigen,« entgegnete ich, »und eben dadurch wird dieser Tag der
glücklichste unsres Lebens.«
Jetzt beurlaubte uns der König mit den Worten: »Ich danke euch! Grüßt
eure guten und braven Mitbürger und sagt ihnen, auch ihnen dankte ich
für die Treue und Anhänglichkeit, die sie mir erwiesen haben. Haltet
immer auf Religion und Moralität.« -- Als wir uns darauf verbeugten und
Miene zum Abtreten machten, sagte der König: »Sie bleiben noch hier!« --
worauf auch bald hernach die Königin sich näherte, neben ihren Gemahl
trat und sich mit gütigem Lächeln und der Bemerkung zu uns wandte: »Wir
haben uns heute schon gesehen,« -- und der Monarch fiel ihr ein: »Nicht
wahr? Ich hatte doch recht geraten?« -- So ergab sich's denn, daß ich
oder meine Uniform dem königlichen Paare bereits im Vorbeifahren
aufgefallen sein mußte. Sie aber fuhr zu mir fort: »Ich bin gewiß recht
froh, Sie hier zu sehen und persönlich kennen zu lernen.« -- »Und ich,«
war meine Antwort, »ich danke Gott dafür, daß er mich den Tag hat
erleben lassen, wo meine Augen den guten König und unsre allgeliebte
Königin in solchem Wohlsein erblicken. Der Name des Herrn sei dafür
gelobt!« -- So erhielten wir nunmehr unsre gnädige Entlassung, eilten
nach unserm Gasthofe zurück und waren von Herzen froh, unser Geschäft so
wohl und mit solchen Ehren abgetan zu haben.
Indes hatte mein Freund sich entfernt, um einige Besuche in der Stadt
bei seinen Bekannten abzustatten, als etwa nach einer Stunde ein
königlicher Page, der uns lange vergeblich gesucht und erst durch den
Polizeidirektor Struensee hatte ausfindig machen können, zu mir eintrat,
um uns zur königlichen Tafel einzuladen. Es war spät; mein Gefährte war
abwesend und ich mußte mich entschließen, ohne ihn zu gehen. Im
Tafelzimmer hatte auch schon alles seine Plätze eingenommen. Als ich
dann mich dem Könige präsentierte, fragte er nach meinem
Mit-Deputierten, und als ich darauf nicht Genügendes zu erwidern wußte,
fiel ein ungnädiger Blick auf den Pagen, der noch nächst der Türe stand,
daß er seinen Auftrag so unvollständig ausgerichtet.
Ein Kammerherr führte mich zu meinem Sitze hin, wo rechts der General
v. Pirch und links der General-Chirurgus Görke meine Tischnachbarn waren.
Beide unterhielten sich mit mir während der Tafel aufs freundlichste und
ersterer erbot sich, heute abend zu dem großen Balle, der von der Stadt
veranstaltet worden, seinen Wagen zu meiner Abholung bei mir vorfahren
zu lassen, was mit herzlichem Danke angenommen wurde.
Nach aufgehobener Tafel machte ich, wie ich es die andern tun sah, dem
königlichen Paare das stumme Zeichen meiner Verehrung und war im
Begriffe, gleich jenen mich zu entfernen, als der König mich noch
bleiben hieß und dann der Königin einen Wink gab. Hierauf kam dieselbe
herbei und führte mich in ein besonderes Nebengemach, wo ich nun mit
freudiger Überraschung mich ohne Zeugen dem hohen Paare
gegenübergestellt fand. Beide taten eine Reihe von Fragen an mich, die
ich nach bestem Vermögen beantwortete, deren Inhalt aber nicht in diese
Blätter gehört. Mein Herz geriet dabei mehr und mehr in eine hohe
Bewegung. -- --
Auf dem Balle, zu dem wir, nach des Königs ausdrücklicher Bestimmung,
eingeladen worden, verweilten wir des starken Gedränges wegen nur kurze
Zeit. Des nächsten Morgens reisten wir ab, und zufolge den Wünschen
meines Freundes begleitete ich ihn nach Stettin, wohin ihn Geschäfte
führten und wo uns eine sehr freundliche Aufnahme zuteil ward, so daß
wir mehrere uns zugedachte Güte und Auszeichnung von uns ablehnen
mußten, weil ich mich noch zum Feste wieder nach Hause sehnte und ich
mich überdies ein wenig kränklich fühlte. Mein Geist war aber frei und
froh, und es mag auch wohl sein (was mein Reisegefährte behauptet und
wessen ich mich gleichwohl wenig mehr entsinne), daß ich manches
holländische Liedchen für mich gesungen habe. Das aber kommt nur an
mich, wenn meine Seele in innerem geistigen Wohlbehagen schwelgt.
* * * * *
Das war also mein kurzes, aber erfreuliches Leben am Hofe! In ein
längeres hätte ich mich freilich schlecht zu schicken gewußt und
überdies wäre mir dadurch meine gute ehrliche Pfahlbürgerei vielleicht
verleidet worden, zu welcher ich nun mit doppeltem Behagen zurückkehrte
und wobei ich mich ohne Zweifel auch besser befand. Ich hatte meine
frühere Hantierung, soweit meine verminderten Vermögensumstände es
zuließen, klein und bescheiden wieder angefangen und fand dabei, als
ein einzelner Mann von wenigen Wünschen und Anforderungen, auch mein
notdürftiges Auskommen. Ich würde sogar sagen können, daß ich glücklich
und zufrieden lebte, wenn ich irgend bei meinen Hausgenossen, durch die
ich meine Geschäfte betreiben mußte, nur etwas von der Treue und
Anhänglichkeit gefunden hätte, auf die ich rechnete und deren ich
bedurfte. Wenn aber das Gesinde, gegen frühere Zeiten gehalten, schon
vor dem Kriege ziemlich aus der Art geschlagen schien, so hatte es
nunmehr der Krieg selbst und das Beispiel der lockeren französischen
Sitten vollends verdorben, und wenn ich auch zugeben wollte, daß ich in
meinen Forderungen an die junge Welt etwas strenger und mitunter auch
wohl wunderlicher geworden, als jene gutheißen wollte, so ist's darum
nicht minder wahr, daß die, welche mich zunächst umgaben, nur ihrem
eignen unerlaubten Nutzen nachgingen und mich in meinem Haushalte auf
jede mögliche Weise übervorteilten.
Da fiel mir's denn schwer und immer schwerer aufs Herz, daß ich so ganz
abgesondert und verlassen in der Welt dastand. Ich zählte bereits 75
Jahre und in meinen Gedanken hatte ich meine Lebensrechnung sehr viel
früher abgeschlossen. Was sollte mit mir werden, wenn Gott mich noch
nicht wollte? wenn nun die unvermeidlichen Schwachheiten des Alters
näher herzutraten? wenn Kränklichkeit und körperliche Leiden
überhandnahmen? wenn meine edleren Sinne mich verließen? wenn ich
unvernehmlich und kindisch würde? -- Mir grauste, wenn ich auf diese
Weise in die Zukunft blickte! Meine Freunde, denen ich aus diesen
Betrachtungen kein Geheimnis machte, rieten mir lachend, aber bald auch
im wohlgemeinten Ernste, zuversichtlich noch einmal in den Glückstopf
des Ehestandes zu greifen. Ich hingegen schüttelte mächtig den Kopf --
ein Bräutigam mit drei Vierteln eines Säkulums auf dem Nacken! Überdies:
wer, der, wie ich, bereits zwei so böse Nieten aus jenem Topfe gezogen,
hätte sich's wohl zugetraut, das dritte Mal mit dem großen Lose
davonzugehen?
Dennoch war der Gedanke ein Feuerfunke in meine Seele, der unablässig
darin fortglimmte und all mein Sinnen und Streben beschäftigte. Es ließ
sich nicht leugnen, daß der Ruhe und dem Wohlsein meines Lebensabends
nicht füglicher geraten werden konnte, als durch eine Gefährtin, die mir
aus Güte und Wohlwollen die Pflege, welche ich aus bezahlter Hand nur
widerwillig erhalten haben würde, mit unendlich treuerer Sorgfalt
erwiese. Allein wie konnte und durfte ich Greis irgendwo erwarten, daß
ein Frauenherz zu solchen Gesinnungen fähig, den eignen Anspruch ans
Leben dergestalt verleugnen sollte, um es mit mir zu wagen? -- Ich fing
wiederum an, den Kopf noch mächtiger zu schütteln.
Da traten nun endlich meine Freunde im Ernste zu, und ihrem Rate, wie
ihren Vorschlägen, danke ich's, daß nicht nur meine tausend
Bedenklichkeiten besiegt, sondern auch die Einleitungen zur
Verwirklichung meines Entschlusses aufs glücklichste getroffen wurden.
Ihre Bemühungen führten mir eine würdige und erwünschte Gattin zu, die
nicht nur den Pflichten einer Hausfrau im vollen Umfange zu genügen
verstand, sondern die auch durch eine gute Erziehung, Milde der
Gesinnung und reine Güte des Herzens mir in Wahrheit ein großes Los, wie
ich es nimmer gehofft hätte, geworden ist. Tochter eines würdigen
Landpredigers in der Uckermark, war sie zwar frühe Waise geworden, aber
unter der Fürsorge liebreicher Verwandten hatten sich Herz und Geist bei
ihr trefflich gebildet, und es fehlte ihr an keinem Bedingnis für die
Bestimmung zu einem stillen bürgerlichen Leben und Wirken. Was ich
damals schon mit völligster Überzeugung aussprach, das hat sich mir
jetzt, nach beinahe zehn Jahren, noch wahrhafter erwiesen: Gerade so und
nicht anders mußte mir der gnädige Gott eine Gefährtin zuweisen, wenn
sie der Trost und die Stütze meines Alters sein sollte!
So ward ich denn im Jahre 1814 der glücklichste Ehegatte und bin es
noch: allein was den Leser dieser Blätter vielleicht noch weit mehr
überraschen wird, -- ich ward gleich im nächsten Jahre auch _Vater_. Ein
liebes Töchterchen ward mir geboren, und lebt, wächst und gedeiht zu
unsrer herzinnigen Freude. Gleicht es einst der _Mutter_, wie ich mir das
verspreche, an Sinn und Gemüt, so bleibt mir kaum noch etwas zu wünschen
übrig. Was vom _Vater_ auf sie vererben kann und auch vererben soll, ist
freilich nicht viel; doch habe und hege sie nur meine Scheu vor Unrecht
und meine es gut und redlich mit allen Menschen, so wird auch dieses
geringe Erbteil ihr reichlich wuchern! -- Ich nahm mir das Herz, Se.
Majestät um die Übernahme der Patenstelle bei meinem Kinde zu ersuchen.
Des Königs Gnade bewilligte mir nicht nur diese Bitte, sondern erlaubte
dem Täufling auch, in einer teuren Erinnerung, den Namen _Luise_ zu
führen.
Noch führte ich mein Gewerbe einige Jahre mit günstigem Erfolge fort,
als aber in den Jahren 1817 und 1818 die Gewerbscheine zum freien
Betrieb aller Hantierungen im Staate immer allgemeiner verbreitet
wurden, sah ich meinen Nahrungsverkehr fast gänzlich eingehen, denn
belastet mit allen städtischen Abgaben, war es länger nicht möglich, mit
dem vom platten Lande hereingeführten Branntwein Preis zu halten. Mir
blieb auf diese Weise nichts übrig, als diese Fabrikation ganz
aufzugeben, wie wenig ich auch in meinem hohen Alter eine Aussicht
gewann, mich in eine andre Beschäftigung zu werfen und dadurch meinen
täglichen Unterhalt zu sichern. So begann denn meine häusliche Lage in
Wahrheit bedenklich zu werden.
Gleich nach geendigter Belagerung hatte der edle Gneisenau, der um meine
mancherlei Einbußen wußte, sich erboten, mir zur Schadloshaltung eine
königliche Pension zu erwirken. Mein Ehrgefühl lehnte sich dagegen auf,
und mit tränenden Augen bat ich ihn, von diesem Gedanken abzustehen,
denn damals waren meine Umstände noch immer leidlich, und ich hatte
niemand zu versorgen. Gegenwärtig aber, wo meiner Lebenslast noch zehn
Jahre mehr zugewachsen waren, standen meine Sachen um vieles anders, und
ich erkannte es mit dankbarer Rührung, als die Huld meines gnädigen
Königs mir ein jährliches Gnadengehalt von zweihundert Talern aussetzte,
wovon auch nach meinem Tode die Hälfte auf meine Witwe übergehen wird.
Nicht minder ward meiner kleinen Tochter zu ihrer Erziehung eine Stelle
in dem Luisenstifte zugesichert, oder nach meinem und der Mutter bestem
Befinden eine Novizenstelle in dem hiesigen Jungfernstifte vorbehalten.
Gottlob! Nun werden meine Lieben nicht ganz verlassen sein, und ich
werde mein Haupt ruhig niederlegen!
Solchergestalt hätte ich allem menschlichen Absehen nach nunmehr mit
Welt und Leben so ziemlich abgeschlossen, und ich dürfte hier wohl die
Feder niederlegen, wenn ich nicht noch ein paar Schwachheiten zu
beichten hätte, die mich noch in so späten Jahren versucht haben, mich
dennoch mit Welt und Leben wieder zu befassen.
* * * * *
Was für ein sonderbares Ding es um das Projektmachen sei, das habe ich
im lebendigen Beispiel an mir selbst erfahren. Der freundliche Leser
erinnert sich ohne Zweifel noch, was für ein feines Plänchen zu einer
preußischen Kolonie am Kormantin ich schon seit den siebziger Jahren auf
dem Herzen trug, und wie ich nach unsres großen Friedrichs Tode einen
neuen herzhaften, aber vergeblichen Anlauf nahm, den Plan zur
Wirklichkeit zu bringen. Seitdem hatte ich nun noch von englischen
Seeleuten hier im Hafen wiederholt vernommen, daß ihre Landsleute längst
zugegriffen und jene Landstriche mit Glück angebaut hätten. Wer sollte
nun nicht gemeint haben, daß endlich jeder Gedanke solcher Art aus
meinem Hirne gewichen sei? Ich glaubte es selbst und schalt mich oft
einen Toren, daß ich so etwas hatte träumen können.
Allein das bunte Traumbild war nicht entwichen, sondern hatte sich nur
in den dunkelsten Hintergrund meiner Gehirnkammern bis auf gelegenere
Zeit zurückgeschoben. Wunderbare Dinge waren vom Jahre 1812 an, vor den
Augen der erstaunten Zeitgenossen, wie vor den meinigen,
vorübergegangen; die Welt war plötzlich eine andre geworden; Frankreichs
Übermacht lag zu Boden, und unser geliebtes Vaterland hatte sich von
seinem tiefen Falle glorreich wieder aufgerichtet. Mein altes Herz
schlug mir jugendlich freudig bei jeder neuen Großtat, welche die
preußischen Waffen verrichtet; ich sah den Staat auf dem Wege, eine
immer glänzendere und ehrenvollere Stelle unter den europäischen Mächten
einzunehmen. Da erwachte plötzlich auch mein alter langgenährter
Lieblingswunsch in der Seele, ich wollte Preußen auch jenseits der
Weltmeere groß, blühend und geachtet sehen, es sollte seine Kolonien
gleich andern besitzen!
Bald ließ es mir bei Tag und Nacht keinen Frieden mehr. Während die
verbündeten Heere 1814 den Kampf der Entscheidung auf französischem
Boden vollends ausfochten, (ich selbst hatte damals noch keine
Ehestandsgedanken, die mir sonst wohl den Kopf zurechtgesetzt haben
würden), mußte ich, um es nur vom Herzen loszuwerden, mich hinsetzen und
an meinen hochverehrten Gönner, dem seine glänzenden Erfolge im Felde
eine bedeutsame Stellung im Staate erworben hatten, etwa in folgenden
Worten zu schreiben:
»Bereits seit vielen Jahren hat mir in meinem Herzen ein Wunsch für
König und Vaterland gebrannt, und ich glaube, die Vorsehung hat gerade
jetzt Zeit und Umstände zu dessen möglicher Erfüllung herbeigeführt.
Dieser Gedanke drückt und drängt mich auch dermaßen, daß ich mich nicht
enthalten kann, ihn hier vor Ew. &c. auszuschütten. Mögen Sie dann auch
von mir denken, wie Sie wollen, oder mich auch gar damit auslachen! Gott
weiß, ich meine es dennoch von Grund des Herzens gut. Aber zur Sache!
»Frankreich ist an unsern preußischen Staat mehr schuldig, als es uns
jemals wird ersetzen können. Sollte aber ein solcher Ersatz nicht auf
andre Weise zu leisten sein, indem es uns in dem bevorstehenden Frieden
(der hoffentlich von Preußen und den verbundenen Mächten diktiert werden
wird), und unter Englands Genehmigung, eine bereits in Kultur stehende
französische Kolonie in Amerika abträte? -- z. B. Cayenne mit ihrem
Zubehör auf dem festen Lande, oder eine andre, in guter Kultur stehende
Insel unter den Antillen, wie Grenada mit den dazugehörigen Grenadillen
oder Dominika. So würden wir die Kolonialwaren, die uns nun einmal ein
Bedürfnis geworden sind und wofür so große Summen aus unserm Lande
gehen, für unsre selbst erzeugten einheimischen Produkte aus jenen
Kolonien unter eigner Flagge und Wimpel eintauschen können. Schweden und
Dänemark sind ungleich ärmer an inländischen Erzeugnissen und finden
dennoch ihren Vorteil dabei, ihre westindischen Besitzungen in St.
Thomas und St. Barthelemy zu unterhalten.
»Daß dieser Handel durch Aktien leicht zustande kommen könnte, leidet
wohl keinen Zweifel, da unsre Kapitalisten gerne ihre Fonds darin
anlegen würden. Nicht nur könnten die Kapitalien assekuriert werden,
sondern auch die Assekuranzprämien im Lande selbst verbleiben. -- Auch
fehlt es uns jetzt nicht an gründlich unterrichteten Seeleuten. Ich
selbst für meinen geringen Teil habe dazu wie bekannt seit dreißig
Jahren mitgewirkt, indem es mein Lieblingsgeschäft gewesen ist, eine
Steuermannsschule zu unterhalten, worin mehrere tüchtige Seemänner
gebildet worden, welche auch jene entfernteren Meere und Gewässer zu
befahren wohl imstande sein würden.
»Ich habe mich hiermit unterwunden, nur ein kleines schwaches Bild aus
meiner Gedankenwerkstatt zu entwerfen; Zeit und Umstände mögen lehren,
ob es von den Weiseren und Machthabern nicht lebendiger auszumalen sein
möchte. Meinesteils schreibe und urteile ich nur als alter Seemann, der
ich in meinen jüngeren Jahren und wiederum von 1770 ab längere Zeit in
holländischen und englischen Diensten jene amerikanischen Küsten und
Gewässer in allen Richtungen befahren habe. Jetzt bin ich 76 Jahre alt,
sollte es aber noch gelingen, daß meine Vorschläge irgend zu ihrem
Zwecke führten, so würde ich mir die Gnade erbitten, das erste
preußische Schiff selbst dorthin führen zu dürfen.«
Zweifle niemand, daß ich in diesem letzteren Erbieten nicht treulich
Wort gehalten hätte! Ich fühlte damals meine Kräfte im ganzen noch
ungeschmälert, und was hätte nichts vollends der Feuereifer vermocht,
womit die Erfüllung meines Lieblingsgedankens mich beseelt haben würde!
Allein diese Erfüllung stand nun einmal nicht im Buche des Schicksals
geschrieben, und ich gab mich endlich gern in den Gründen zufrieden,
welche mir in der wohlwollendsten Gesinnung, als gegen meinen Vorschlag
streitend, aufgestellt wurden; z. B., daß es das System unsres Staates
sei, keine Kolonien in auswärtigen Weltteilen zu haben, daß, wie
vorteilhaft es sonst auch sein möge, durch Absatz der Produkte des
Mutterlandes die Kolonialwaren einzutauschen, uns hingegen ein solcher
Besitz nur abhängig von den Seemächten machen würde usw. Das ließ sich
hören, und dem war denn auch weiter nichts zu entgegnen, wenngleich mein
schönes Projekt darüber in den Brunnen fiel.
Und doch ist es das einzige nicht, was mir in meinen alten Greisentagen
den Herzensfrieden stört und mitunter die schlaflosen Nächte wohl noch
unruhiger macht, obwohl man mich ebensogut um des einen, wie um des
andern willen tadeln möchte, daß ich mir Dinge zu Herzen nehme, die mich
nicht kümmern sollten. Und doch dürfte ich wohl fragen: _Warum_ nicht
kümmern? In jenem war mir's lediglich um die Ehre und den Vorteil meines
lieben Vaterlandes zu tun, die mir bis zum letzten Hauche meines Lebens
teuer sein werden. In dem andern, das ich noch nennen will (obzwar ich
es am Ende auch für eine Schwachheit meines von jeder Mißhandlung,
welche Menschen gegen ihresgleichen üben, tief verwundbaren Herzens
halte), sorge und bekümmere ich mich als Mensch und für die Ehre und den
Vorteil der Menschheit. _Wann will und wird bei uns der ernstliche Wille
erwachen, den afrikanischen Raubstaaten ihr schändliches Gewerbe zu
legen, damit dem friedsamen Schiffer, der die südeuropäischen Meere
unter Angst und Schrecken befährt, keine Sklavenfesseln mehr drohen?_
Wenn ich _das_ noch heute oder morgen verkündigen höre, dann will ich mit
Freuden mein lebenssattes Haupt zur Ruhe niederlegen!
* * * * *
Nettelbeck ist 1824, sechsundachtzigjährig, gestorben, seine jüngste,
Seite 454 erwähnte Tochter hat bis 1897 gelebt.
* * * * *
Als erster Band der neuen Sammlung »Schicksal und Abenteuer« sind unter
dem Titel »Eine preußische Königstochter« im März 1910 die
»Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth«, der klugen und sehr
temperamentvollen Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, ausgegeben
worden. Vor genau hundert Jahren ist bei Cotta in Tübingen die erste
deutsche, bei Vieweg in Braunschweig die erste französische Ausgabe
dieses höchst merkwürdigen Buches erschienen. Was so kurz nach dem
Zusammenbruch des preußischen Staates sensationell wirkte, wird nach
einem Jahrhundert aufsteigender staatlicher Entwickelung und
geschichtlicher Forschung einem ruhigen, aber tiefgehenden menschlichen
Interesse begegnen. Entrüstet oder ergriffen oder amüsiert, niemals aber
gelangweilt, begleitet der Leser diese preußische Königstochter auf
ihrem Lebenswege, die einen wundervollen Frauentyp des achtzehnten
Jahrhunderts darstellt und deren künstlerische Gestaltungskraft stark
genug ist, um die Personen und Zustände am Berliner Hofe wie in der
kleinen fränkischen Residenz vollkommen lebendig werden zu lassen.
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Memoiren sind keine Geschichte. Später Geborene überblicken mehr. Der
Markgräfin ist Friedrich Wilhelm I. der gefürchtete Vater, dessen Härte
ihr Kindheit und Jugend zerstörte. _Wir_ kennen den Polterer als einen der
größten Erzieher zum Staate, der, den Künsten und Wissenschaften, aber
auch allem Schein und Prunk gründlich abhold, im Willen zur Einfachheit
den Weg zur Macht erkannte und beschritt. _Wir_ wissen, daß der über alles
geliebte Bruder der Markgräfin, Friedrich der Große, sein siegreiches
Schwert diesem Vater verdankte, daß er ohne gerade dieses Vaters Schule
und Erbe nicht der erste Diener seines Staates, der Philosoph auf dem
Throne und der menschlichste der Könige geworden wäre, als den ihn nicht
nur die deutsche Welt bis auf diesen Tag bewundert. Immer wieder
begegnen wir auf den Blättern dieses Buches, das vor nord- und
süddeutschem Hintergrunde eine bedeutende, der nationalen Kultur
vorarbeitende Epoche unserer Vergangenheit veranschaulicht, der
werdenden Größe des alten Fritz, die zu allen Zeiten auch nicht
preußisch Gesinnte mit Goethe »gut fritzisch« gesinnt sein ließ.
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