Was ich früher, als ich am Schlusse des zweiten Teiles meiner
Lebensgeschichte die Feder niederlegte, weder gedacht noch gewollt, soll
dennoch Wirklichkeit werden -- ich soll sie wieder aufnehmen, um dem
freundlichen Leser auch noch diejenigen Lebensereignisse mitzuteilen,
die mir nach meinem fünfundvierzigsten Jahre zugestoßen sind. So
wünschen und verlangen es so manche, denen ich für ihre Liebe gern
dankbar werden möchte -- dankbar aber vornehmlich auch meinem Schöpfer,
welcher mir bis hierher Leben, Kraft und Gesundheit schenkt und mich
vielleicht nur _dazu_ noch gebrauchen will, da ich doch sonst der Welt
wohl nur wenig mehr nützen kann. Mein Bedenken, von den neueren Zeiten
und von meinem eignen kleinen Anteil an den Welthändeln zu reden, ist
auch nicht mehr das nämliche wie vormals: denn einmal kennt mich nun der
Leser schon genug, um zu wissen, daß mir's nirgends um die Person,
sondern immer nur um die Sache zu tun ist, und wird mir also auch nicht
leicht Ruhmredigkeit vorwerfen, wo ich nur der Wahrheit die Ehre gebe;
und dann fürs andre könnte es hier und da doch auch wohl zutreffen, daß
etwas zu Nutz, Lehre und Warnung jetziger und künftiger Zeiten mit
unterliefe. Hauptsächlich aber drängt es mich, einem Manne, obwohl er
meiner zu seinem Lobe nicht bedarf, weil ihn die Welt, sein Herz und
seine Taten genugsam preisen, -- dem Manne, der in der Nacht der Trübsal
über meiner Vaterstadt zuerst wie ein schöner leuchtender Stern des
Heils aufgegangen ist -- die schuldige Anerkennung widerfahren zu
lassen. Nein, ich will ihn nicht loben: aber meine getreue Erzählung
selbst soll sein Lob sein!
* * * * *
Von der See hatte ich meinen Abschied genommen; hatte mich auf ihr und
in der Fremde genugsam herumgetummelt, um mir die Hörner abzulaufen, und
hielt es nunmehr für das Gescheiteste, mich an eine stille bürgerliche
Nahrung zu halten, wie es mein Vater und meine Vorväter auch getan
hatten: denn der bisherige Hang zum Seeleben war eigentlich nur mit dem
_mütterlichen Blute_ auf mich gekommen, und es schien ganz gut und recht,
mich wieder zur _väterlichen Weise_ zu wenden. Da nun auch mein ererbtes
Häuschen ganz zum Betrieb von Bierbrauen und Branntweinbrennen
eingerichtet war und mir diese Hantierung sowohl zusagte, als auch ein
ehrliches Auskommen versprach, so bedachte ich mich nicht lange, sie
gleichfalls zu ergreifen; habe auch manche liebe Jahre hindurch mein
leidliches Auskommen dabei gefunden. Ich ward also Kolberger Bürger,
hatte meinen besonderen Verkehr mit den Landleuten umher und rührte mich
tüchtig, um das, was ich ergriffen hatte, nun auch ganz und aus einem
Stücke zu sein.
Aber es mochte doch wohl sein, daß es entweder mit dem »Hörner-Ablaufen«
noch nicht seine volle Richtigkeit hatte, oder daß sonst noch für meine
dreiviertel Schock Jahre zu viel Regsamkeit und Eifer in mir war, oder
endlich lag es und liegt noch zu tief in meiner Natur, daß ich keine
Unbilde -- treffe sie mich oder andre -- statuieren kann: -- genug, ich
lief mit dem einen wie mit dem andern oft genug an; und ohne daß ich es
wollte und wünschte, mag es auf diese Weise leicht gekommen sein, daß
meine lieben Mitbürger, die es meist gemächlicher angehen ließen, mich
mitunter für einen unruhigen Kopf verschrieen, und dem es in Guinea
unter der Linie vielleicht gar ein wenig zu warm unterm Hute geworden.
Von dem allem muß ich einige Pröbchen beibringen, die es beweisen
mögen, daß ich noch immer der alte Nettelbeck war.
Erst also von meinem Unbedacht! -- Der See mit genauer Not entronnen,
dachte ich, daß es nun mit dem Ersaufen weiter keine Not haben sollte;
und doch war ich auch als Landratte ein paarmal nahe daran, einen nassen
und elenden Tod durch eigne Schuld zu finden.
* * * * *
Es war im Dezember 1784, als mich einst mein Gewerbe nach Henkenhagen,
einem Dorfe, dritthalb Meilen von Kolberg, führte. Ich war zu Pferd und
nahm den Weg dahin längs dem Strande, als dem ebensten und gelegensten.
Schon verdrießlich, daß mein Knecht den Gaul nicht nach meinem Sinne
gestriegelt, und da dieser bei meinem scharfen Ritt unter dem Bauche
heftig schäumte und schmutzig aussah, vermeinte ich beidem abzuhelfen,
wenn ich ein Eckchen in die See ritt, um ihn von den Wellen abspülen zu
lassen. Es war windiges Wetter und das Meer stürmisch. Sowie indes die
nächste Welle zurücktrat, ritt ich ihr trockenen Fußes nach und ließ sie
wieder heranrollen, und ritt danach wieder ein Eckchen und meinte nun
genug zu haben.
Nun aber kam unversehens eine höhere Sturzwelle, die sich dicht vor
meinem Pferde donnernd und schäumend brach. Es wurde davon scheu, bäumte
und wandte sich, so daß nun eine neue Woge nicht nur über unsern Köpfen
zusammenschlug, sondern auch, da sie uns von der Seite faßte, uns mit
Gewalt zu Boden warf. Ich hielt mich gleichwohl fest in Sattel und
Bügeln. Als jedoch die See nach wenigen Augenblicken wieder zurücktrat,
richtete sich das Pferd mit mir empor, bis abermals eine Welle uns
heimsuchte, die es dergestalt blendete, daß es, anstatt dem Zügel zu
folgen und nach dem Strande umzukehren, vielmehr seeeinwärts kollerte
und bald auch den Grund unter seinen Füßen verlor. Während wir nun
schwimmend mehr unter als über dem Wasser krabbelten, ward mir doch der
Handel endlich bedenklich. Ich suchte die Füße aus den Steigbügeln
loszubekommen, warf mich vom Pferde herab und schwamm dem Lande zu, das
ich auch glücklich erreichte. Doch Hut und Perücke waren verloren
gegangen.
Den ersteren sah ich noch in der Ferne treiben. Rasch warf ich den Rock
vom Leibe und watete und schwamm ihm nach, bis ich ihn glücklich
erreicht hatte. Abermals im Trockenen, schaute ich nun auch nach meinem
Gaule um, der es mir glücklich nachgetan, aber, wild und scheu geworden,
im vollen Sprunge landeinwärts lief. Ich eilte ihm nach und sah bald von
den hohen Sanddünen herab, daß einige Leute bereits damit beschäftigt
waren, ihn einzufangen. Als ich nun endlich herankam und sie mir mein
Tier überlieferten, stand ich da, völlig durchnäßt, den Hut auf dem
kahlen Kopfe (ein kurzgeschorener Schädel aber war damals etwas
Lächerliches) und bedachte bei mir selbst, was weiter zu tun sei? Doch
ich meinte, ich sei ja wohl öfter schon naß gewesen, warf mich aufs
Pferd und trabte, als sei nichts geschehen, nach Henkenhagen zu.
Indes muß ich doch ziemlich verstört ausgesehen haben, denn alle Leute,
die mir begegneten, sperrten die Augen auf und fragten, was mir begegnet
sei? Ich dagegen hielt mich mit keiner langen Antwort auf, bis ich das
Dorf erreichte; aber als ich nun vom Pferde steigen wollte, fühlte ich
mich von Nässe und Kälte so erstarrt, daß ich mich nicht zu regen
vermochte. Ob nun das, was ich tat, das Gescheiteste war, weiß ich
nicht; aber anstatt den nächsten warmen Ofen zu suchen, machte ich mit
meinem Gaule auf der Stelle rechtsum kehrt und sprengte im gestreckten
Galopp nach Kolberg heim, wo ich mein Abenteuer mit einer achttägigen
Unpäßlichkeit bezahlte, ohne jedoch dadurch klüger zu werden.
* * * * *
Denn noch in dem nämlichen Winter versuchte ich es fast noch
halsbrechender, indem ich in einem zweispännigen Jagdschlitten über Land
fuhr. Es gab ein dichtes Schneegestöber, so daß man nur wenige Schritte
deutlich sehen konnte. Bei der Mühle zu Simötzel hatte ich einen stark
angeschwollenen Bach zu passieren, wo jetzt überdem in der gewöhnlichen
Furt viele zusammengetriebene Eisschollen zu erwarten waren. Dies zu
vermeiden, ließ ich meinen Knecht absteigen, um sich umzusehen, ob etwa
oberhalb der Mühle eine Brücke vorhanden sei. Er rief mir zu, daß er
eine solche gefunden, und ich hieß ihm dicht vor den Pferden
voranschreiten, um mir als Wegweiser zu dienen. So folgte ich dem
Menschen gedankenlos zu einem Übergange, der nicht eine Brücke, sondern
ein Steg ohne Geländer war, aus zwei nebeneinandergelegten Balken
bestand, die höchstens achtundzwanzig Zoll in der Breite betragen
mochten. In der Länge aber hielten sie leicht sechsunddreißig bis
vierzig Fuß, und das Gewässer rauschte ungestüm darunter hindurch.
Mitten auf dieser wunderlichen Passage, indem sich die Pferde (wie sie
nicht anders konnten) heftig drängten, stürzte das eine rechts hinab in
die Strömung. Es war ein Glück, sowohl daß der Schlitten dabei quer auf
die Balken zu stehen kam, als daß bei dem Sturz des Tieres sämtliche
Stränge rissen; noch ein größeres aber, daß gerade der Mühlbursche
zufällig neben dem Mühlwehr stand, der augenblicks die Schleuse
niederließ und dadurch das reißende Gewässer zum Stehen brachte. Nun
wurde der Schlitten samt mir und dem noch angeschirrten Pferde mit Not
und Mühe von den Balken herabgebracht, während das andre sich im Wasser
wälzende endlich auch das Ufer gewann.
Nun stand alles, was in der Mühle war, um mich her und fragte, wie ich
so unsinnig habe sein können, mich und mein Leben mit einem solchen
Zweigespann auf zwei elende Balken zu wagen? Da war nun wenig darauf zu
antworten, als daß ich durch das Schneetreiben am Sehen verhindert und,
mich auf meinen Führer verlassend, die Gefahr nicht eher inne geworden,
bevor ich mitten drinnen gesteckt. Hinterdrein bei ruhigerem Nachdenken
habe ich aber nur zuviel Grund zu dem Argwohn gefunden, daß der heillose
Bube mich wohl absichtlich dahin gelockt haben könne, um mir mit guter
Manier den Garaus zu machen; denn wenige Tage später entlief er aus
meinem Dienste, und es fand sich, daß er mich beträchtlich bestohlen
hatte.
* * * * *
Zu einer andern Zeit saß ich in voller Gemütsruhe daheim vor meinem
Rasierspiegel mit dem Messer in der Hand, als der Kämmereidiener, ein
aufgeblasener wüster Mensch, zu mir eintrat und mit lallender Zunge
etwas daherstotterte, was ich nicht verstand, was aber wohl ein
obrigkeitlicher Auftrag an mich sein sollte. Indem ich ihn verwundert
und schweigend darauf ansah, aber sofort merkte, daß er sich einen
derben Rausch getrunken, mochte er sich durch diesen meinen prüfenden
Blick beleidigt fühlen, und stieß einige Grobheiten aus, die ich dadurch
erwiderte, daß ich die Zimmertür öffnete und meinen torkelnden Urian
bat, sich beliebigst hinauszutrollen. Dem aber schwoll der Kamm noch
mehr; es kam zu unnützen Redensarten, und da ich damals noch in meinem
Tun und Lassen ziemlich kurz angebunden zu sein pflegte, so machte ich
auch hier nicht viel Federlesens, sondern packte ihn mit derber
Seemannsfaust am Kragen und schob ihn bei seinem Sträuben etwas
unsäuberlich auf die Gasse hinaus. Mag auch wohl sein, daß er dabei,
denn mit dem Piedestal war's ohnehin unrichtig, auf die Plastersteine zu
liegen kam und sich den Mund blutig fiel, während ich mir nichts dir
nichts an mein unterbrochenes Geschäft zurückkehrte.
Nun aber war auch sofort Feuer im Dache. Ich hatte einen ganzen
wohledlen Magistrat in seinem Diener beleidigt, und eine solche
Ungebührlichkeit konnte nicht ungeahndet bleiben! Mochte ich vielleicht
ohnedem schon nicht wohl angeschrieben stehen, so war dies nun ein
neuer Frevel, wo die ganze obrigkeitliche Autorität mit ins Spiel zu
kommen schien und einmal ein Exempel statuiert werden mußte! Gleich des
andern Tages also bekam ich eine Vorladung vom Magistrat, am nächsten
Morgen im Rathause zu erscheinen.
Inzwischen hatte es der Zufall gefügt, daß bei einem Gange durch die
Stadt meine Augen auf das Mauerwerk der Kupferschmiedsbrücke fielen, wo
ich wahrnahm, daß beide Stirnmauern, auf welchen das Gebälke der Brücke
ruhte, in sehr schadhaftem Zustande und die eine derselben sogar zum
Teil niedergeschossen sei; so daß durch das nächste, etwas schwere
Fuhrwerk, das hinüberpassierte, leicht ein Unglück entstehen könnte.
Dies hatte ich auch sofort nach Bürgerpflicht dem Stadtdirigenten,
Landrat Selert, angezeigt, der sich von der vorhandenen Gefahr
überzeugte und die Brücke sperren ließ. Daneben hatte ich ihm
vorgeschlagen, daß es zur Erneuerung des Gemäuers keines kostspieligen
Gerüstes bedürfte, wenn man nur einen Bagger-Prahm von der Münde
herbeischaffte und unter die Brücke brächte. Er billigte das, und ich
hatte den Prahm auch wirklich herbeigeholt und unter der Brücke
befestigt. Die Maurer aber waren seitdem darauf mit ihrer Arbeit
beschäftigt.
Indem ich nun auf dem Wege nach dem Rathause war, um meine Strafsentenz
zu empfangen, sah ich schon aus der Ferne, daß das Wasser im
Persantestrom durch einen hartstürmenden Nordwind hoch aufgestaut war,
und als ich zur Brücke gelangte, fand ich es dort in solcher Höhe
angeschwollen, daß der Prahm bis dicht unter die Balken der Brücke
emporgehoben worden und jeden Augenblick zu befürchten war, er möchte
die ganze Brücke abtragen und davonführen, wenn er nicht ungesäumt unter
ihr weggebracht werden könnte. Im Weitergehen ging ich mit meinen
Gedanken zu Rate, auf welche Art hier wohl zu helfen sein möchte,
wiewohl doch mein stiller Groll, je näher ich dem Rathause kam, mir je
mehr und mehr zuflüsterte: »Du bist ja doch wohl ein rechter Tor, dich
mit solcherlei Anschlägen zu plagen! Hast du doch von all deinem Besttun
nichts als Ärger zum Lohn.«
Als ich in die Ratsstube eintrat, war mein Verkläger schon vorhanden,
etwas nüchterner zwar als vorgestern, aber auch nur um so fertiger mit
dem Maul; zumal da er bald wahrnahm, daß die Herren ihm den Rücken
steiften, indem sie mir mit etwas unhöflichen Vorwürfen das, was ich
getan, als eine Verachtung der Obrigkeit auslegten. Ich dagegen führte
meine Sache nach der Wahrheit; es wurde hin und her gestritten, und der
Herr Sekretarius hatte seine volle Arbeit mit Protokollieren ... Siehe!
Da flog unversehens die Tür auf, und mit Schrecknis im Angesichte kam
der Stadtzimmermeister Kannegießer hereingestürzt und rief: »Meine
Herren, es wird ein großes Unglück geschehen. -- Die Brücke wird samt
dem Prahm davongehen. Ich bin nicht mehr imstande gewesen, ihn darunter
hervorzubringen, und noch steigt das Wasser mit jeder Minute. Kommen Sie
selbst, Herr Landrat, und überzeugen sich, daß das Unglück nicht mehr
abzuwenden ist.«
Beide eilten hinaus, und mit dem Protokoll hatte es einstweilen einigen
Stillstand. Da wandte sich denn der zweite Bürgermeister, Roloff, an
mich und sagte: »Nettelbeck, Sie pflegen ja sonst wohl in manchen Dingen
guten Rat zu wissen, zumal wo es in Ihr eigentliches Element einschlägt,
wie hier. Sagen Sie doch -- was ist dabei zu tun?«
»Ich meine, dem ist bald abgeholfen,« war meine kurze Antwort. -- »Man
bohrt ein Loch in den Prahm und läßt ihn soweit voll Wasser laufen, bis
er sich hinlänglich gesenkt hat, um wieder unter der Brücke
hervorzugleiten.«
Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so riß der Bürgermeister hastig
das Fenster auf und schrie den Weggehenden drunten zu, augenblicklich
zurückzukehren. Und indem sie eintraten, hub er an: »Nettelbeck schlägt
soeben ein gutes Mittel vor, die Brücke zu retten.« -- Ich aber wandte
mich zu dem Zimmermeister: »Nehm' Er einen zweizölligen Böttcherbohrer
und bohr' Er damit ein Loch in den Boden des Prahms, dann wird so viel
Wasser hineinlaufen, daß dieser sich um einen oder ein paar Fuß senkt
und Spielraum genug gewinnt, unter der Brücke durchzugleiten. Damit er
aber bei seiner Last von Kalk, Lehm und Mauersteinen nicht gar auf den
Grund versinke, so muß das Loch auch zu rechter Zeit wieder verstopft
werden können, und dazu wird man sich im voraus mit einem langen,
hölzernen Pfropf zu versehen haben.«
Eh' ich noch geendet, rief der Zimmermeister mit flammenden Augen: »Das
geht! Wahrhaftig, das geht! -- Herr Landrat, bleiben Sie in Gottes Namen
hier, nun soll dem Dinge bald geholfen sein.«
Jetzt gab es um den Ratstisch her abermals eine Stille bevor mein
Protokoll wieder beginnen wollte; dann aber stand der Bürgermeister
Roloff von seinem Stuhle auf, sah all die Ratsherren nach der Reihe an
und sagte: »Meine Herren -- Den Mann sollten wir strafen? -- Was meinen
Sie?« -- Alles still, bis auch der Landrat aufstand und sich zu meinem
Widerpart wandte: »Ein andermal, guter Freund, wenn Magistratssachen an
Bürger zu bestellen sind, gescheh' es nüchtern, mit Vernunft und mit
Bescheidenheit. Die Sache ist hiermit abgetan, und Sie, Herr Nettelbeck,
gehen in Gottes Namen und mit unserm Dank nach Hause.«
* * * * *
Wiederum und nicht lange danach begab sich's, daß kurz vor der
Weihnachtszeit ein Glöckner in der Stadt vermißt wurde, nachdem er
-- vielleicht etwas angetrunken -- auf die Lauenburger Vorstadt geschickt
worden, um als Kirchendiener fällige Landmiete einzufordern. Zwar hatte
er gegen die Abendzeit den Heimweg wieder angetreten, aber wo er zuletzt
geblieben, war auf keine Weise zu ermitteln. Endlich, am Nachmittag des
heiligen Abends vor Weihnachten, erscholl das Gerücht, der arme Mensch
liege unweit der zweiten kleinen Brücke, tot im Wallgraben, mitten im
Rohr, wohinab er von dem steilen, mit Glatteis überzogenen Walle
gepurzelt sein mochte.
Voll Mitleids lief ich hinzu und fand bereits die Brücke mit unzähligen
Menschen aus allen Ständen besetzt, welche alle nach dem Ertrunkenen
hingafften, ohne irgend eine hilfreiche Hand anzulegen. »Aber, liebe
Leute,« -- wandte ich mich an einige nächststehende Bürger -- »warum
wird der Leichnam nicht herausgeschafft? Wir wollen da nicht lange
säumen -- kommt und helft mir!« -- Allein sie verzogen die Mäuler,
murmelten etwas, das so klang, als wollten sie sich damit nicht
»unehrlich« machen und dem Henkersknechte vorgreifen, und einer nach dem
andern zog sich sachte von mir ab. Weil ich nun sah, daß auf einem
andern Fleck Landrat und Bürgermeister und wer sonst noch vom Rate
beisammenstanden, trat ich an sie heran und bat, daß sie's doch möglich
machten, den toten Körper aus dem Wasser zu ziehen. -- »Mein Gott!«
versetzte der Landrat, »es will's ja keiner!« -- »Gut, so will ich's,«
war meine Antwort. -- »Ich allein aber schaffe nichts. Meine Herren, gebe
Einer von Ihnen ein gutes Beispiel und helfe mir.« -- Ich sah einen nach
dem andern darauf an, aber meine Rede dünkte ihnen spöttisch und sie
kehrten mir den Rücken. -- Nun wurde ich warm und griff einen
geistlichen Herrn, den die Neugierde auch herbeigeführt hatte, am
Rockärmel: »Topp, Herr! Wenn _keiner_ will und ein fühlbares Herz hat, so
machen _wir_ beide uns getrost ans Werk!« -- »Ich? ich?« stotterte er --
»mein Gott, dazu bin ich nicht imstande« -- und somit riß er sich von mir
los und entfernte sich eiligst. Mir aber lief endlich auch die Galle
über. Ich schickte ihnen allen einen derben Seemannsfluch nach und begab
mich in grollendem Unmute nach Hause.
Kaum ein paar Stunden darauf erfuhr ich durch meinen Sohn, daß endlich
den beiden Bettelvögten von Magistrats wegen befohlen worden, den
Ertrunkenen aus dem Graben zu holen. Weil aber die Stelle bei
fortwährendem Glatteise wirklich einigermaßen gefährlich und es alte
steife Kerle waren, so fiel das Experiment so unglücklich aus, daß der
eine gleichfalls kopfüber neben dem Glöckner ins Wasser stürzte und auf
der Stelle ersoff. Das war im Angesichte von mehr als hundert Menschen
geschehen, deren keiner einen Finger rührte, das neue Unglück zu
verhüten oder wieder gut zu machen.
Nun ließ mich's noch weniger ruhen als vorher. Ich eilte dem Platze zu,
mitten in das Gedränge, das jetzt noch dichter zusammengeströmt war.
»Liebe Leute,« rief ich -- »jetzt endlich werdet ihr doch in euch
gegangen sein und euch schämen, daß solch ein Skandal vor euren Augen
hat geschehen können? -- Kommt! helft! Laßt uns wieder gut machen so
viel noch möglich ist!« -- Waren sie mir aber vorher schon, sobald sie
mich erblickten, ausgewichen, so wollte mir jetzt noch weniger jemand
standhalten. Da konnte ich mir denn freilich nicht anders helfen und las
ihnen eine Epistel, die von den derbsten war. »Wie?« rief ich, »seid ihr
Menschen? seid ihr Christen? Seid ihr wohl wert, daß Gott seine Sonne
über euch aufgehen läßt? Bei Heiden und Türken und in Ländern, die
nichts von Gott und Jesu Christo wissen, hilft und rettet doch einer den
andern, wenn es um Leib und Leben gilt!«
Darauf griff ich einen Schönfärber an, der mir eben in den Wurf kam. --
»Was meinst du? Wenn du oder ich dort lägen, wo diese Unglücklichen
liegen, wolltest du oder ich erst von unehrlichen Händen herausgezogen
sein?« -- »Dazu gebe sich ein andrer her, aber ich nicht!« antwortete er
mir trotzig und ging seines Weges. Ich schalt, ich tobte, aber damit war
nichts ausgerichtet. Ich mußte meinen Ingrimm in mich schlucken und
rannte nach Hause, um nur von der ganzen Historie nichts mehr zu sehen
und zu hören. Da kam ein Bote, der mich eiligst zum Landrat beschied.
Noch voll Ärgers ließ ich ihm zurückmelden: »Erst möge er nur sorgen,
daß er die Toten aus dem Graben schaffte. Es sei morgen hoher Festtag
und darum um so nötiger, daß der unchristliche Spektakel ein Ende
kriegte.« -- Eben diese Betrachtung aber mochte es wohl sein, was den
Herren bange machte und was auch den Bürgermeister zur nämlichen Stunde
bewog, mich zu ihm bitten zu lassen. In der Tat hatten beide, als ich
nach einigem abgekühlteren Besinnen mich zu dem Gange entschloß, ein und
das nämliche Ansinnen, und ersuchten mich mit den freundlichsten Worten,
sie aus dieser Verlegenheit zu ziehen und der Stadt die Schande zu
ersparen. Nun waren sie zwar selbst Zeugen, wie wenig ich mit meinem
gutwilligen Eifer ausgerichtet, indes verhieß ich ihnen doch, es von
neuem zu versuchen und mein Bestes zu tun.
Indem ich nun wieder zu der Brücke kam, stöberte mein bloßer Anblick,
als wäre ich der Knecht Ruprecht gewesen, alles auseinander, was da noch
stand und Maulaffen feilhatte. Sie mochten sich wohl vor einer neuen
Strafpredigt fürchten. An Ort und Stelle sann und sann ich nun, wie das
Ding am schicklichsten anzugreifen und wie vor allen Dingen ein
tüchtiger Kumpan zu finden sei, der seine Hand mit anlegte. Da kam im
glücklichsten Momente, von diesem allem noch nichts wissend, mein guter
alter Freund, der Brauer Martin Blank, ehemals mein Seekamerad, von
einem Gange auswärts dahergeschritten. Dem erzählte ich nun mit kurzen
Worten, was mich auf dem Herzen drückte, und schloß damit: »Bruderherz,
du bist ein Mann von meinem Schlage: _du_ wirst mir helfen!« -- »Ja, das
will ich!« war seine Antwort, indem er seinen Mantelrock abzog und auf
das Brückengeländer warf. Ich ging voran und er folgte.
Der Abhang des Walles war steil und schlüpfrig und unten am Rande des
Grabens ließ sich nur mit Mühe fußen. Mein Gefährte mußte mich oben am
Kragen halten, während ich mich niederbog, den nächsten Leichnam zu
erfassen; aber wenig fehlte, daß ich das Gleichgewicht verlor und der
dritte unten im Graben war. Weil denn aber an dieser bösen Stelle nichts
auszurichten war, mußte vom Torschreiber eine Leine geholt werden, die
wir um die toten Körper schlangen und womit wir sie nach einer
zugänglicheren Stelle zogen, bis sie denn endlich glücklich aufs
Trockene gebracht wurden.
Darüber war es Abend geworden und mein Freund, der nunmehr nach Hause zu
eilen hatte, überließ mir die Sorge, die Toten vollends an einen
schicklichen Ort zu schaffen. Mir fiel die Kalkkammer der St.
Georgenkirche auf der Vorstadt bei, wo sie vorerst niedergelegt werden
konnten, um nach den Feiertagen christlich beerdigt zu werden. Aber ehe
sie dahin gelangten, mußte ein Bauer, der noch spät mit seinem Fuhrwerke
aus der Stadt kam, von der Torwache angehalten und halb in Güte, halb
mit Gewalt bewogen werden, sie bis dahin aufzuladen. Selbst der Küster,
den ich herauspochte, machte eine bedenkliche Miene, ihnen das Plätzchen
zu gönnen, und griff erst nach den Kirchenschlüsseln, als ich mir's
herausnahm, mit einem Wörtchen von Absetzung zu drohen.
* * * * *
Neben meinen Berufsgeschäften machte ich mir von Zeit zu Zeit auch noch
andre Sorgen, die ich mir wohl hätte sparen können, wenn ich sie nicht
als meine Spielpuppe betrachtet hätte. Man wird sich erinnern, daß zu
Anfang des Jahres 1773 unser Sklavenschiff, eines empfangenen Lecks
wegen, genötigt gewesen, in den Fluß Kormantin, zwischen Surinam und
Berbice, einzulaufen, und wie ich damals dort eine ungemein fruchtbare,
aber noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommene Landschaft
vorgefunden. Flugs wirbelte mir auch dieser letztere Umstand im Kopfe
herum, der preußische Patriotismus ward in mir lebendig und ich sann und
sann, warum denn nicht _mein_ König hier ebensogut wie England und
Frankreich seine Kolonie haben und Zucker, Kaffee und andre
Kolonialwaren eben wie jene anbauen lassen sollte? Je länger ich mir das
Projekt ansah, desto mehr verliebte ich mich darein, und zugleich meinte
ich, daß ich selbst wohl der Mann sein könnte, Herz und Hand zur
Ausführung daranzugeben.
Darum ließ mir's auch, als ich nach Kolberg zurückgekehrt war, keine
Ruhe, bis ich meinen Plan umständlich zu Papier gebracht hatte. Ich
dachte, wer ihn läse und nur irgend zu Herzen nähme, müßte mir auch in
meinen Vorschlägen beipflichten, und so packte ich ihn mit einer
alleruntertänigsten Vorstellung zusammen und schickte mein Schoßkind
unmittelbar an den alten Friedrich ein, der zuletzt doch immer das Beste
bei der Sache tun mußte. Hatte ich jedoch geglaubt, da vor die rechte
Schmiede zu kommen, so war ich gleichwohl arg betrogen, denn meine
Eingabe blieb ohne Antwort und so ließ sich wohl daraus schließen, daß
der König das Ding nicht mit _meinen_ Augen angesehen und weiter auf ihn
nicht zu rechnen sein werde. Also war ich auch gescheit genug, ihm
weiter keinen Molest damit zu machen.
Nur mir selbst wollte die schöne preußische Kolonie am Kormantin noch
immer nicht aus Sinn und Gedanken weichen! Ich putzte mir das Luftschloß
noch immer vollständiger im einzelnen aus, und da ich wohl erwog, daß
der Anbau des Landes ohne Negersklaven nicht zu bewerkstelligen sein
werde, so verband ich damit zugleich die Idee einer Niederlassung an der
Küste von Guinea, wo ja schon hundert Jahre früher der große Kurfürst
und seine Brandenburger festen Fuß gefaßt gehabt und von wo die neue
Kolonie mit schwarzen Arbeitern hinreichend versorgt werden könnte. So
wurde mir mein Projekt von Tag zu Tag lieber, obgleich ich meine
Gedanken für mich behielt und auf künftige bessere Zeiten rechnete; denn
was der königliche Greis von der Hand gewiesen hatte, das konnte ja
leicht bei seinem Nachfolger einst eine günstigere Aufnahme finden.
Als daher Friedrich der Einzige die Augen geschlossen und Friedrich
Wilhelm auf seinem Wege zur Huldigung in Königsberg durch Pommern zog,
nahm ich flugs meinen alten Plan wieder vor und paßte es so ab, daß ich
dem Könige in Körlin unter die Augen kam und ihm mein Memorial
überreichte. Kaum liefen einige Wochen ins Land, so hatte ich meinen
Bescheid, des Inhalts: »Daß Se. Majestät für den entworfenen Plan zu
einer Seehandlung nach Afrika und Amerika auf Höchstdero eigne Rechnung
zwar nicht entrieren möge, inzwischen die gemachten Vorschläge der
Seehandlungs-Sozietät zugefertigt und derselben überlassen habe, ob sie
darauf sich einzulassen ratsam finde.«
Das ließ sich hören, die Herren von der Seehandlung konnten ja vielleicht
geneigt sein, Vernunft anzunehmen. Aber was geschah? -- In noch kürzerer
Frist ging, nicht von jener Sozietät, sondern von dem Königlich
Preußisch-Pommerschen Kriegs- und Domänenkammerdeputationskollegium zu
Köslin die Resolution bei mir ein: »Da Se. Königl. Majestät geruht hätten,
auf jene Vorschläge nicht zu reflektieren, so könne auch besagtes Kollegium
sich auf das weit aussehende Handelsprojekt nicht einlassen.« Späterhin
habe ich in Erfahrung gebracht, daß die Engländer am Flusse Kormantin eine
Niederlassung mit dem gedeihlichsten Erfolge gegründet haben.
* * * * *
Ich hatte aber Gelegenheit genug in der Nähe, wo ich zum Guten raten und
mich ums allgemeine Beste einigermaßen verdient machen konnte. So war es
etwa gleich ein Jahr nachher (1787), daß die Kolberger Kaufmannschaft
mir die Ehre antat, mich zum Verwandten des Seglerhauses aufzunehmen. Es
ist dies nämlich ein städtisches Kollegium, welches aus fünf Kaufleuten
und drei der angesehensten Schiffer besteht und das Seegericht bildet,
vor welchem alle Schiffahrtssachen, sowohl nach dem Preußischen Seerecht
als nach den Usanzen, in erster Instanz entschieden werden. Diese
Auszeichnung konnte ich nicht zurückweisen, und so geschah es dann, daß
gleich in der zweiten oder dritten Session ein Schiffer, vom Kolberger
Deep gebürtig, und ein Steuermann ebendaher, aufgefordert wurden, ein
Protokoll zu unterzeichnen. Der Schiffer kratzte seinen Namen mit Not
und Mühe auf das Papier, sein Gefährte aber erklärte, daß er des
Schreibens völlig unkundig sei, und begnügte sich, seine drei Kreuze
hinzumalen, wobei ihm die große Brotschnitte, die er zu seiner
Beköstigung zu sich gesteckt, beinahe aus dem Busen entfallen wäre.
Ich kann nicht leugnen, daß ich mich hierbei tief in die Seele dieser
ehemaligen Standesgenossen schämte. Wes das Herz voll war, des ging auch
der Mund über, und so bat ich meine Herren Beisitzer, es doch reiflich
zu Herzen zu nehmen, wie schlechte Ehre wir Preußen einlegten, wenn so
oft Landsleute von diesem Schnitte vor einem auswärtigen Seegerichte
ständen, und was für Gedanken Holländer und Engländer wohl von unserm
Seewesen fassen möchten? Das Wenigste wäre, daß fremde Handelsleute sich
auf alle Weise hüten würden, solchen unwissenden Menschen Schiffe und
Ladungen anzuvertrauen, und daß darüber die ganze preußische Reederei in
Mißkredit und Verachtung geraten könnte. Andrer Orten würde kein
Steuermann oder Schiffer zugelassen, bevor er in einem Steuermannsexamen
erwiesen hätte, daß er seiner Kunst und Wissenschaft vollständig mächtig
geworden. Sie wüßten auch, daß ich noch immer fortführe, mich mit dem
Unterrichte junger Seeleute zu beschäftigen, und so läge mir denn daran,
daß sie die Güte hätten, mit nächstem einer Prüfung meiner Lehrlinge
beizuwohnen und sich von ihren Fortschritten in der Steuermannskunst zu
überzeugen.
Das geschah auch wirklich und die Herren fanden ein solches Wohlgefallen
an der Sache, daß auf der Stelle beschlossen wurde, es solle fortan auf
hiesigem Platze kein Schiffer oder Steuermann angenommen und vereidet
werden, bevor er nicht seine Tüchtigkeit durch ein wohlbestandenes
Examen nachgewiesen. Und so ist es seitdem auch fortdauernd hier
gehalten worden.
Um die nämliche Zeit etwa befand sich das hiesige Königliche Lizentamt
in einiger Verlegenheit wegen eines hinreichend tüchtigen
Schiffsvermessers, der sich auf die Berechnung der Tragkraft der
Fahrzeuge verstände und wieviel Lasten sie laden und über See führen
könnten. Denn bisher hatten ein paar subalterne Lizentbeamte dieses
Geschäft versehen, aber so unwissend und ungeschickt, daß die von ihnen
vermessenen Fahrzeuge stets zu groß oder zu klein befunden wurden,
woher es denn auch an Streitigkeiten zwischen dem Lizent und den
Schiffern nie abriß. Zufällig mochte es nun bekannt geworden sein, daß
ich mich auf dieses Geschäft verstände, und so geschah mir von der
oberen Zollbehörde der Antrag, mich solcher Verrichtung anzunehmen. Mehr
der Ehre als des kleinen Nutzens wegen ließ ich mich dazu willig finden,
legte hier im Hafen an einigen Schiffen, die bereits in Danzig und
Königsberg vermessen waren, meine Probe ab und ward demnächst von der
Königlichen Regierung zu Stettin in Pflicht genommen und bestätigt, ohne
mir träumen zu lassen, daß ich dadurch den Groll meiner beiden Vorgänger
in diesem Amte erregt haben könnte.
Das erste Schiff, das mir zur Berechnung vorkam, war ein kleines,
englisches, scharf gebautes Fahrzeug, auf zwei Decke eingerichtet,
Kajüte, Roof und Kabelgat mit im Raume versenkt, so daß in letzterem nur
wenig zur Belastung übrigblieb. Meine Berechnung ergab eine
Belastungsfähigkeit von nicht mehr als sechsunddreißig Lasten zu
fünftausendsiebenhundertundsechzig Pfund, wie damals gebräuchlich war.
Während jedoch mein Attest hierüber an die Regierung abging, hatten
meine beiden Widersacher das Schiff gleichfalls nach ihrer Weise in
aller Stille vermessen, die Trächtigkeit desselben auf fünfundfünfzig
Lasten berechnet und darüber gleichzeitig einen Bericht nach Stettin
abgesandt, worin ich ebensosehr der Unwissenheit als der Unredlichkeit
beschuldigt wurde.
So gelangte denn bald darauf ein gefährlich besiegeltes Schreiben an
mich, worin die Stettiner Herren mich zur Verantwortung zogen. Ich
begnügte mich, Riß samt Berechnung einzupacken und um eine strenge
Prüfung meines Verfahrens zu bitten, mit dem Beifügen, daß übrigens
diese Arbeit, wie sie meine erste gewesen, auch meine letzte bleiben
werde. Nun war man doch dort so vernünftig oder so billig gewesen, unsre
beiderseitigen Aufsätze in Danzig und Königsberg einer neuen Berechnung
unterwerfen zu lassen, wobei die Richtigkeit des meinigen, sowie die
Falschheit des andern ans Tageslicht kam. Meine Angeber wurden
angewiesen, sich fernerhin in mein Geschäft nicht zu mischen, mir aber
ward angetragen, dieses wiederum zu übernehmen. Solches habe ich denn
auch gern getan und dieses Amt bis zum Jahre 1821 mit Ehren verwaltet.
Ernstlicher aber war es um das Jahr 1789 und weiterhin mit einem Streite
gemeint, den die Kolberger Bürgerschaft unter sich auszufechten hatte
und wobei ich unmöglich ruhiger Zuschauer bleiben konnte. Aber freilich,
ich _wollte_ auch nicht, da es darauf ankam, himmelschreiende Mißbräuche
aufzudecken und abzustellen, die unter dem Scheine des Rechts ohne alle
Scheu ausgeübt wurden. Es gab nämlich in Kolberg nach der damaligen
städtischen Verfassung ein Kollegium, genannt die Fünfzehn-Männer, weil
es aus Fünfzehn der angesehensten Männer bestand, und welches
ursprünglich die Gerechtsame der Bürgerschaft bei dem Magistrate zu
vertreten hatte und dessen Gutachten in städtischen Angelegenheiten
gehört werden mußte. Allmählich aber hatten diese Fünfzehn-Männer
angefangen, ihr Ansehen mehr zu ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen
Besten geltend zu machen, und wie die Menschen nun einmal zum Bösen
immer fester zusammenhalten als zum Guten, so war auch hier schon seit
lange eine enge Verbrüderung entstanden, sich einander zu allerlei
heimlichen Praktiken den Rücken zu steifen und durchzuhelfen. Da waren
denn Depositenkassen angegriffen, Scheinkäufe angestellt, Gemeindegut
liederlich verschleudert und andre Greuel mehr begangen worden.
Ich schäme mich nicht, zu bekennen, daß ich der erste war, der dem Fasse
den Boden ausstieß, und als ein paar wackere Männer, der Zimmermeister
Steffen und der Gastwirt Emmrich, auf meine Seite traten, so brach ich
los und machte eine lange Reihe von Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen
und krummen Schlichen, die in der letzten Zeit verübt worden, vor
Gericht anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten
Prozesse, wobei die ganze Last auf uns drei zurückfiel, die wir von
gemeiner Bürgerschaft als Worthalter mit Vollmacht hierzu versehen
waren. Keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen uns
unversucht, so daß der Rechtsstreit dadurch beinahe vier Jahre hindurch
verschleppt wurde. So wie ich mir die Sache zu Herzen nahm, hatte ich
während dieser ganzen Zeit keine ruhige Stunde, und oft hätte ich gern
mit Feuer und Schwert dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer
ein neues Mäntelchen für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte.
Endlich aber kam doch die unsaubere Geschichte zu einem noch leidlichen
Schlusse, demzufolge das Kollegium der Fünfzehn-Männer gänzlich
aufgelöst wurde, um neuerwählten Zehn-Männern Platz zu machen, welche
als Repräsentanten der Bürgerschaft die nämlichen Befugnisse haben
sollten, ohne die nämliche Macht zum Bösestun von ihnen zu erheben. Man
bewies mir das Vertrauen, mich in die Zahl dieser zehn Bürgerrepräsentanten
aufzunehmen, und ich habe dieses Ehrenamt auch mit Lust und Eifer bis zum
Jahre 1809 bekleidet, wo die neue Städteordnung andre und verbesserte
Einrichtungen herbeiführte.
Hier mag der Ort sein, meine häuslichen und ehelichen Verhältnisse mit
einigen Worten zu berühren, wiewohl diese Lebenserfahrungen gerade
diejenigen sind, deren ich mich nicht erinnern darf, ohne sehr
schmerzliche Empfindungen in mir zu erwecken; denn als Ehemann und als
Vater ist mir erst sehr spät mein besserer Glücksstern erschienen. Zwar
war auch der erste Anschein zu beiden günstig genug, als ich im Jahre
1762 mich, wie ich schon früher erzählt habe, in Königsberg zum Heiraten
entschloß. Ich war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahren und mein junges Weib mochte
eben nur sechzehn zählen, allein alles stand gut und glücklich um uns,
und solange wir dort lebten und ich als Schiffer ab- und anfuhr, gab es
die friedsamste Ehe von der Welt. Von drei Kindern, die sie mir gebar,
blieb indes nur ein Sohn am Leben, der nämliche, der mich in den letzten
vier Jahren meines Seelebens als unzertrennlicher Gefährte begleitete.
Nach sieben Jahren, als mir in Stettin der königliche Schiffsdienst so
schnell verleidet worden, brachte meine zufällige Anwesenheit in Kolberg
und der Wunsch meiner damals noch lebenden Eltern mich zu dem
Entschlusse, meinen Haushalt von Königsberg, wo mir's eben auch nicht
besser hatte glücken wollen, nach meiner Vaterstadt zu verlegen. Während
ich noch damit umging, meldete mir ein alter Hausfreund, daß meine Frau,
von welcher ich seit beinahe neun Monaten entfernt gelebt, glücklich
eines Knäbleins genesen; doch als sie nach vollendeten Sechswochen auf
meinen Ruf mit Kind und Kegel in Kolberg anlangte, präsentierte sie mir
ein kleines Mädchen von zwei Monaten. Man mag sich's denken, daß ich mir
mächtig die Stirn rieb und ein wenig verdutzt in die Frage ausbrach:
»Aber wie hat sich der Junge so auf einmal in ein Mädchen verwandelt?«
-- Da fiel die Sünderin mir und meinen Eltern weinend zu Füßen und
bekannte, was sich nun länger nicht verheimlichen ließ, daß der
Hausfreund mir noch etwas mehr gewesen, daß er, um mich Entfernten zu
täuschen, mir meines Weibes Niederkunft um einige Wochen früher, als sie
wirklich erfolgt war, gemeldet und es nur in der Angabe des Geschlechts
so arg versehen habe. Die büßende Magdalena bat indes mit erhobenen
Händen so flehentlich um Vergebung, daß ich sowohl wie meine Eltern
dadurch bewegt wurden und das Geschehene in Vergessenheit zu stellen
versprachen. In der Tat mochte hier Schweigen und Verzeihen auch wohl
das beste sein, was sich tun ließ, wenn ich gleich die unglückliche
Frucht dieses Fehltritts dadurch gesetzlich für mein Kind erklärte.
Nun versuchte ich mich, wie man weiß, wiederum fünf Jahre in fremden
Weltteilen, während welcher Zeit Frau und Kinder von meinen Eltern
ernährt wurden. Doch als ich nach Holland heimgekehrt war, belehrten
mich Briefe von guten Freunden, daß die Ungetreue neuerdings auf Abwege
geraten, die nicht ohne lebendigen, doch bald darauf wieder verstorbenen
Zeugen geblieben, und nun erforderte denn allerdings mein guter Name die
Scheidung, welche auch unverzüglich durch die Gerichte vollzogen wurde.
Ich behielt meinen Sohn, sie aber kehrte mit ihrer Tochter nach
Königsberg zurück, von wo an ich, unter meinen nachmaligen Irr- und
Kreuzfahrten, sie und ihr Schicksal gänzlich aus den Augen verlor.
Erst im Jahre 1787, nachdem ich bereits wieder in Kolberg zur Ruhe
gekommen, erfuhr ich, daß die Unglückliche dort im Elend gestorben und
ihre von aller Welt verlassene Tochter mich flehentlich bitte, mich
ihrer zu erbarmen. »Was kann auch das arme Geschöpf für die Sünden
seiner Mutter?« dachte ich bei mir selbst, und so machte ich auch flugs
Anstalt, ließ das Mädchen dort kleiden und sorgte für Reisegeld, um sie
nach Kolberg kommen zu lassen und in mein Haus aufzunehmen. Leider aber
mußte ich bald bemerken, daß Blut und Gemüt der Dirne sich ganz nach
mütterlicher Weise hinneigten. Allein die schärfere Zucht, zu der ich
dadurch genötigt wurde, behagte ihr nicht; sie entzog sich heimlich
meiner Aufsicht, schweifte in der Irre umher, führte ein unsittliches
Leben und bereitete mir viele Jahre hindurch ein reiches Maß von Verdruß
und Sorge.
Allein auch der bessere Sohn, der mein einziger Trost war, sollte mir
zuletzt nur Herzeleid und Tränen bereiten. Er hatte sich für den
Handelsstand bestimmt und im Jahre 1793 seine Lehrlingszeit in dem
Kontor des Herrn Kaufmann Pagenkopf zu Stralsund glücklich überstanden,
und war zu mir heimgekehrt, als eine Krankheit ihn überfiel, die sein
junges Leben dahinraffte. Meines Lebens Lust und Freude ging mit ihm zu
Grabe!
Ich stand nun einsam und verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen
ich mir's in derselben noch sauer werden lassen sollte. Zwar hatte meine
Nahrung leidlichen Fortgang, aber doch betrog mich mein Gesinde, wo es
wußte und konnte. Ich sah, es fehlte am rechten festen Kern im inneren
Haushalt, und das führte mich endlich auf den Gedanken, es noch einmal
im Ehestande zu versuchen. So warf ich denn im Jahre 1799 meine Augen
auf eine Schifferswitwe in Stettin, die ich von früherer Zeit her als
eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die Verbindung
kam auch zustande, aber nun erst gingen mir die Augen auf. Die fromme
Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit mancherlei
andern Dingen, die den Ehefrieden notwendig stören mußten. An ein
Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war nun länger nicht zu denken,
vielmehr sah ich den unvermeidlichen nahen Untergang meines kleinen
Wohlstands vor Augen. Es war ein saurer Schritt -- aber was blieb mir
anders übrig, als eine abermalige Scheidung?
Alle diese widrigen Erfahrungen eröffneten mir aufs neue nichts als
trübe Aussichten in die Zukunft. Kaum gehörte ich noch irgendeinem
Menschen an. Ich war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte ich
gleich mein Herz noch frisch und meinen Geist lebendig, so wollten doch
die stumpf gewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Meine eignen Geschäfte
wurden mir gleichgültig, und noch gleichgültiger der Gedanke an Erwerb,
so daß ich mich fast einen Verschwender hätte nennen mögen. Die paar
Jahre, die mir noch übrig waren, dachte ich mich wohl so hinzustümpern,
und wenn nur noch der Sarg ehrlich bezahlt worden, möchte man mich immer
auch hinstecken, wo meine Väter schliefen, -- für den übrigen kleinen
Rest würden dann schon lachende Erben sorgen. Ohnehin war mein Häuschen
mein größter und beinahe einziger Reichtum, und dieses hatte ich, um
doch noch etwas Gutes für meine Vaterstadt zu stiften, in meinem
Testamente dem Seglerhause, dessen Ältester ich seit dem Jahre 1793
geworden war, zum Eigentum vermacht, dergestalt, daß oben die
Versammlungen des Kollegiums gehalten werden, unten aber eine bedürftige
Kaufmannswitwe lebenslängliche freie Wohnung finden sollte.
Auf solche Weise, indem Jahr an Jahr sich hinzog, war auch das unselige
von 1806 herbeigekommen. Mir, als feurigem Patrioten, der die alten
Zeiten und unsres großen Friedrichs Taten noch im Kopfe hatte, blutete,
gleich so vielen, das Herz bei der Zeitung von dem entsetzlichen Tage
von Jena und Auerstädt und seinen nächsten Folgen. Ich hätte kein Preuße
und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn mir's jetzt, wo
alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu Sinne gewesen
wäre, als müßte ich eben jetzt auch Gut und Blut und die letzte Kraft
meines Lebens für sie aufbieten. Nicht mit Reden und Schreiben, aber mit
der Tat, dachte ich, sei hier zu helfen, -- jeder auf seinem Posten,
ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und rückwärts umzusehen! Alle
für einen, und einer für alle -- darauf war mein Sinn gestellt, und es
hätte ja keine Ehre und Treue mehr unter meinen Landsleuten sein müssen,
meinte ich, wenn nicht Tausende mir gleich gefühlt hätten, ohne es
ebensowenig als ich in lauten prahlenden Worten unter die Leute zu
bringen.
Als nun Magdeburg und Stettin, die beiden Herzen des Staates, gefallen
waren und die ungestüme französische Windsbraut sich immer näher und
drohender gegen die Weichsel heranzog, da ließ sich's freilich wohl
voraussehen, daß bald genug auch die Feste Kolberg an die Reihe kommen
würde, die dem Feinde zwar unbedeutend erscheinen mochte, aber ihm doch
zu nahe in seinem Wege lag, als daß er sie ganz hätte übersehen sollen.
Das tat er auch wirklich nicht, allein er hatte sich diese letzte Zeit
her bei unsern Festungen eine Eroberungsmanier angewöhnt, die kein
Pulver, sondern nur glatte Worte kostet; und damit war er fürwahr auch
noch früher bei der Hand, als ein Mensch es hätte erwarten sollen.
Kaum war nämlich Stettin übergegangen, so machte sich von dorther, aus
einer Entfernung von sechzehn Meilen, ein französischer Offizier als
Parlamentär auf den Weg und erschien (am 8. November) bei uns in
Kolberg, um die Festung zur Übergabe aufzufordern. Gleichzeitig ward der
königliche Domänenbeamte, der auf der Altstadt, unter den Kanonen des
Platzes, wohnte, entboten, in Stettin zu erscheinen und dem
französischen Gouvernement den Huldigungseid zu leisten. Auf beiderlei
Ansinnen (das mindestens für unsern Festungskommandanten als eine
Ehrenrührigkeit hätte gelten können), erfolgte zwar eine abschlägige
Antwort, allein es ist wohl sehr gewiß, daß der Franzose, anstatt allein
zu kommen, nur einige wenige Hunderte zur Begleitung hätte haben dürfen,
um in diesem Augenblicke unaufgehalten zu unsern Toren einzuziehen. Dies
scheint unglaublich und ist doch buchstäbliche Wahrheit! Ich, der ich
nicht Soldat bin, kann und will nur urteilen, soweit ein gesundes Paar
Augen und ein schlichter Menschenverstand ausreicht. Das übrige mag dem
Ermessen des Lesers anheimgestellt bleiben.
Dieser denke sich den Ort als ein mäßiges Städtchen von noch nicht
sechstausend Seelen, an dem rechten Ufer des kleinen Flusses Persante
gelegen, welcher nur an seinem Ausflusse in die Ostsee einige Hundert
Schritte hinauf schiffbar ist, wo er, eine halbe Viertelmeile von der
Stadt, einen Hafen für geringere Fahrzeuge bildet. Die daran belegenen
Wohnungen und Speicher heißen »die Münde«, und zwischen Stadt und Münde,
ebenfalls am östlichen Ufer, zieht sich eine Vorstadt, genannt die
»Pfannschmieden« hin. Diese dankt ihren Ursprung wie ihren Namen der
Benutzung einiger reichhaltigen Salzquellen, welche sich gegenüber nahe
an der westlichen Stromseite finden, wo auch die Salzsiedereien und ein
in westlicher Richtung sich weit durch das »Siederfeld« erstreckendes
Gradierwerk angelegt sind.
Die Stadt selbst bildet ein stumpfes Viereck und wird an den drei
Landseiten von einem Hauptwall und sechs Bastionen eingeschlossen. Nahe
Außenwerke von Wichtigkeit sind hier nicht vorhanden, aber der Platz
gewinnt nichtsdestominder eine bedeutende Stärke durch einen breiten
morastigen Wiesengrund, welcher sich ununterbrochen von Süden nach
Nordosten dicht umherzieht, keine Annäherung durch Laufgräben gestattet
und überdem durch Schleusen tief unter Wasser gesetzt werden kann. Erst
jenseits erhebt sich nach Süden die Altstadt, nach Osten der Hoheberg
und der Bollenwinkel, und nach Nordost der Wolfsberg, von wo aus die
Stadt beschossen werden kann, daher sie eigentlich die Verwandlung in
ein großes verschanztes Lager erfordern würden, um alsdann, mit einer
hinlänglichen Truppenzahl besetzt, den Platz von dieser Seite
unangreifbar zu machen. Allein nur der Wolfsberg als der gefährlichste
Punkt war mit einer Schanze versehen, auf dem Münder Kirchhofe war eine
Batterie angelegt und den Eingang des Hafens deckte an der Ostseite ein
starkes Werk, »das Münder-Fort«. Die Westseite der Stadt lehnt sich an
die Persante, zwischen welcher und dem aus ihr abgeleiteten Holzgraben
die Neustadt, und an diese noch weiter westlich sich anlehnend, die
Gelder-Vorstadt mit verschiedenen Befestigungen und Außenwerken umgeben
ist, während am unteren Einflusse des Holzgrabens die »Morastschanze«
die Verbindung mit dem Münder-Fort sichert. In weiterer Entfernung,
südwestlich, kann eine Erhöhung, »der Kauzenberg« genannt, der Festung
nachteilig werden, weshalb auch früherhin dort Verschanzungen angelegt,
aber seither wieder verfallen waren.
Noch war die entschlossene und glückliche Gegenwehr in jedermanns
Andenken, welche der tapfere Kommandant, Oberst v. Heyden, hier in drei
aufeinanderfolgenden Belagerungen der Russen und Schweden, zu Land und
Meer, in den Jahren 1758, 1760 und 1761 bestanden hatte, und wie er auch
das drittemal nicht durch Waffenmacht, sondern durch Hunger zur Übergabe
gezwungen worden. Diese Erfahrungen von der Wichtigkeit und Festigkeit
des Platzes hatten auch den König Friedrich bewogen, ihn im Jahre 1770
durch verschiedene neue Werke verstärken zu lassen; Kenner wollten
jedoch behaupten, daß diese erweiterten Anlagen ihrem Zwecke nur
ungenügend entsprächen. Man hatte immer an Kolberg getadelt, daß es zu
klein sei, um als Festung bedeutend zu werden und eine beträchtliche
Garnison zu fassen; aber es gab kasemattierte Werke; es gab 600-700
Bürgerhäuser innerhalb der Wälle, die nötigenfalls bis zu 20 und 30
Menschen fassen konnten und gefaßt haben, und so lebe ich des festen
Glaubens, daß Kolberg gegen noch so große Feindesmacht mit Ehrlichkeit,
mit genugsamem Proviant, mit gehöriger Einrichtung der Überschwemmung
und mit Sicherheit von der Seeseite sich zu halten vermöge.
Allein wie sah es doch im Herbste 1806 mit allem, was zu einer
rechtschaffenen Verteidigung gehörte, so gar trübselig aus! Seit
undenklicher Zeit war für die Unterhaltung der Festung so gut wie gar
nichts getan worden. Wall und Graben verfallen, von Palisaden keine
Spur. Nur drei Kanonen standen in der Bastion Pommern auf Lafetten und
dienten allein zu Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung
verfolgt werden sollten. Alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch vom
Grase überwachsen, und die dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den
Remisen. Rechnet man hierzu die unzureichende Zahl der Verteidiger,
sowie ihre unkriegerische Haltung (denn die tüchtigere Mannschaft war
ins Feld gezogen), die allgemeine Entmutigung, welche noch täglich durch
die herbeiströmenden Flüchtlinge und tausend sich kreuzende
Unglücksbotschaften genährt wurde, und den notorischen Mangel an den
nötigsten Bedürfnissen für den Fall einer Belagerung, so behaupte ich
sicherlich nicht zuviel, wenn ich meine, daß ein rascher kecker Anlauf
in jenen ersten Tagen mehr als hinreichend gewesen wäre, den
Kommandanten in seinen eignen Gedanken zu entschuldigen, daß er keinen
ernstlichen Widerstand gewagt habe.
Dieser Kommandant war damals der Oberst v. Loucadou, ein alter
abgestumpfter Mann, der seit dem bayrischen Erbfolge-Kriege, wo er ein
Blockhaus gegen die Österreicher mutig verteidigt hatte, zu dem Rufe
gekommen war, ein besonders tüchtiger Offizier zu sein. Späterhin hatte
er nur wenig Gelegenheit gehabt, seine Reputation zu behaupten, und
gegenwärtig war der Geist verflogen oder hing noch so blind an dem alten
Herkommen, daß er sich in der neuen Zeit und Welt gar nicht
zurechtfinden konnte. Das war nun ein großes Unglück für den Platz, der
ihm anvertraut worden, und ein Jammer für alle, welche die dringende
Gefahr im Anzuge erblickten und ihn aus seinem Seelenschlafe zu erwecken
vergebliche Versuche machten.
Natürlich konnte solch ein Mann uns kein großes Vertrauen einflößen.
Während alles, was Militär hieß, seinen trägen Schlummer mit ihm zu
teilen schien, fühlte sich die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten
Unruhe und Besorgnis ergriffen; man beratschlagte untereinander, und
weil ich einer der ältesten Bürger war, der den Siebenjährigen Krieg
erlebt und in den früheren Belagerungen neben meinem Vater freiwillige
Adjutantendienste beim alten braven Heyden verrichtet hatte, so wählte
man mich auch jetzt, das Wort zu führen und, als Repräsentant gesamter
Bürgerschaft, mich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur
Verteidigung des Platzes genauer zu verständigen.
Nach dem alten Glauben, »daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei,« und was
nicht Uniform trage, auch keinen Beruf habe, sich um militärische
Angelegenheiten zu bekümmern, könnte es freilich sonderbar und anmaßend
erscheinen, daß wir Bürger in die Verteidigung unsrer Stadt mit
dreinreden wollten, aber bei uns in Kolberg war das anders. Von ältester
Zeit her waren wir die natürlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger
unsrer Wälle und Mauern. Vormals schwur jeder seinen Bürgereid mit
Ober- und Untergewehr, und schwur zugleich, daß diese Armatur ihm eigen
angehöre, schwur, daß er die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut
und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf Kompagnien verteilt, mit einem
Bürger-Major an der Spitze, und wo es dann im Ernst gegolten, hatte der
Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und wesentlichen Nutzen
von ihrem Dienste gezogen. In Abwesenheit der Garnison, wenn diese in
Friedenszeiten zur Revue ausrückte, besetzten sie die Tore und Posten;
und noch immer versammelten sie sich zuweilen mit Erlaubnis des
Kommandanten aus eignem Antriebe in der Maikuhle -- weniger freilich zu
kriegerischen Übungen, als um sich in diesem lieblich gelegenen Wäldchen
zu vergnügen.
Von diesen örtlichen Verhältnissen hatte indes der Oberst v. Loucadou
entweder nie einige Kenntnis genommen, oder sie waren ihm, als eine
vermeintliche Nachäffung des Militärs, lächerlich und zuwider. Das
erfuhr ich, als ich einige Tage nachher mich ihm vorstellte und im Namen
meiner Mitbürger ihm eröffnete: »Daß wir, mit Gott, entschlossen wären,
in diesen bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und
Gefahr zu bestehen. Wir ständen im Begriff, uns in ein Bataillon von
sieben- bis achthundert Bürgern zu organisieren, die mit vollständiger
Rüstung versehen wären, und bäten, uns vor ihm aufstellen zu dürfen,
damit er Musterung über uns halte, demnächst aber uns unsre Posten
anzuweisen, wir würden unsre Schuldigkeit tun.«
Ein Major v. Nimptsch, der daneben stand, ließ mich kaum ausreden,
sondern fuhr auf mich ein: »Aber, Herr, was geht das _Ihn_ an?« -- wogegen
der Oberst sich begnügte, den Mund zu einem satirischen Lächeln zu
verziehen und mir zu erwidern: »Immerhin möchten wir uns versammeln und
aufstellen.«
Das geschah alsobald. Wir traten mit unsern Offizieren armiert auf dem
Markte in guter Ordnung zusammen, und nun begab ich mich abermals zum
Kommandanten, um ihm anzuzeigen, daß wir bereit ständen und seine
Befehle erwarteten. Seine Miene war abermals nicht von der Art, daß sie
mir gefallen hätte. »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!«
sagte er endlich, »geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's
helfen, daß ich euch sehe?« -- So hatte ich meinen Bescheid und trollte
mich. Als ich aber kundbar machte, was mir geantwortet worden, ging
diese unverdiente Geringschätzung jedermann so tief zu Herzen, daß alles
in wilder Bewegung durcheinander murrte und sich im vollen Unmut
zerstreute.
Immer aber noch nicht ganz abgeschreckt ging ich bald darauf wieder zum
Obersten mit einem Antrage, von welchem ich glaubte, daß er seinem
militärischen Dünkel weniger anstößig sein werde. Es sei vorauszusehen,
sagte ich, daß es bei der Instandsetzung der Festung zu einer kräftigen
Gegenwehr, besonders auf den Wällen, vieles zu tun geben dürfte, um das
Geschütz aufzustellen, zu schanzen und die Palisaden herzustellen. Die
Bürgerschaft sei gern erbötig, zu dergleichen, und was sonst vorkäme,
mit Hand anzulegen, soviel in ihren Kräften stehe, und sei nur seines
Winks gewärtig. -- »Die Bürgerschaft! und immer wieder die
Bürgerschaft!« antwortete er mir mit einer häßlichen Hohnlache, »ich
will und brauche die Bürgerschaft nicht.«
Konnte es nun wohl fehlen, daß solche Äußerungen nicht nur unser Herz
von dem Manne gänzlich abkehrten, sondern daß auch sogar allerlei böser
Argwohn sich bei uns einfand, der durch die ganz frischen Exempel, wie
unsre Festungskommandanten zu Werke gegangen waren, nur noch immer mehr
genährt wurde? Wer bürgte uns vor Verräterei? vor heimlichen
Unterhandlungen? vor feindlichen Briefen und Boten? -- Man kam darin
überein, daß es die Not erfordere, vor solcherlei Praktiken möglichst
auf unsrer Hut zu sein. Zu dem Ende wählten wir in der Stille unter uns
einen Ausschuß, dessen Mitglieder sich zu zweien bei Tag und Nacht an
allen drei Stadttoren, je nach ein paar Stunden, ablösten, um dort auf
alles, was aus- und einpassierte, ein wachsames Auge zu behalten.
Inzwischen wurden nun doch von seiten der Kommandantur einige schläfrige
Anstalten getroffen, wenigstens sah man auf den Wällen die Kanonen auf
Klötze legen, da es sich fand, daß die Lafetten zu sehr verfault waren,
um sie tragen zu können. Auch an der Palisadierung ward hier und da
gearbeitet, aber es war nichts Tüchtiges und Ganzes. Als ich jedoch
wahrnehmen mußte, daß es hiermit sein Bewenden hatte und daß zur äußeren
Verteidigung gar keine Hand angelegt wurde, machte ich mich nach
Verabredung mit meinen Freunden abermals zum Obersten, um ihn aufmerksam
darauf zu machen, welche gute Dienste uns in den früheren Belagerungen
insonderheit eine Schanze auf dem Hohen Berge, etwa eine Viertelmeile
von der Stadt, geleistet hätte, um den Feind nicht in Schußweite
herankommen zu lassen. Noch wären die Überbleibsel derselben überall
erkennbar, und wenn er nichts dawider habe, seien wir bereit, diese
Verschanzung eiligst wiederherstellen.
An das alte höhnische Gesicht, das er hierzu machte, war ich nun schon
gewöhnt und ließ es mich auch nicht irren. Desto merkwürdiger aber kam
mir die Antwort vor, die ich endlich erhielt. »Was außerhalb der Stadt
geschieht,« ließ er sich vernehmen, »kümmert mich nicht. Die Festung
innerlich werde ich zu verteidigen wissen. Meinetwegen mögt ihr draußen
schanzen, wie und wo ihr wollt. Das geht mich nichts an!« -- Demnach
taten wir nun, was uns unverboten geblieben, und taten es mit
allgemeiner Lust und Freude. Nicht nur, was Bürger hieß, zog nach der
Bergschanze aus, sondern auch Gesellen, Lehrjungen und Dienstmägde waren
in ihrem Gefolge. Da ich einst noch das alte Werk gesehen hatte, so gab
ich an, wie bei der Arbeit verfahren werden sollte, verteilte und
ordnete die Schanzgräber und zog selbst mit einem Hohlkarren und der
Schaufel voraus, um ein ermunterndes Beispiel zu geben. Als mir jedoch
alles immer noch viel zu langsam ging, eilte ich zurück nach der
Lauenburger Vorstadt, um der Arbeiter noch mehrere, teils durch
gütliches Zureden, teils durch bare Bezahlung aus meiner Tasche,
herbeizuführen. So gelang es uns denn, ein Werk auszuführen, das sich
schon durfte sehen lassen und dem für diesen Augenblick nur die
Besatzung fehlte. Mangelte es uns aber dermalen auch an Truppen, so war
doch gewisse Hoffnung vorhanden, daß die Garnison verstärkt werden würde
und daß dann allstündlich ein Bataillon hier einrücken könne.
Eine andre Sorge, die den Verständigeren unter der Bürgerschaft gar sehr
am Herzen lag, war die frühzeitige und ausreichende Anschaffung von
Lebensvorräten für den Fall einer feindlichen Einschließung oder
Belagerung, denn bis jetzt waren Dreiviertel der Einwohner gewohnt, von
einem Markttage zum andern zu zehren. Und wovon wollte die Besatzung
leben? Ich hielt es also für wohlgetan, und hatte auch in meinem Amte
als Bürger-Repräsentant den Beruf dazu, Haus bei Haus in der Stadt
umzugehen und die Bestände an Korn und Viktualien, zumal bei den
Bäckern, Brauern und Branntweinbrennern, sowie auch die Vorräte der
letzteren an Branntwein aufzunehmen. Ebenso begab ich mich auf die
nächst umhergelegenen Dörfer, und unter dem Vorwande, als sei ich
gesonnen, Korn und Schlachtvieh aufzukaufen, wie beides mein Gewerbe mit
sich brachte, erfuhr ich, was jeden Orts in dieser Gattung vorhanden
war. Alles dieses brachte ich in ein Verzeichnis und überzeugte mich
solchergestalt, daß wir nur würden zugreifen dürfen, um für Mund und
Magen auf eine lange Zeit hinaus genug zu haben.
Aber dies Zugreifen konnte nicht von seiten der städtischen Behörden,
sondern mußte von der Kommandantur ausgehen und auf militärischem Fuß
betrieben werden. Ich nahm also meine Verzeichnisse in die Hand, ging zu
Loucadou, legte ihm ein Papier nach dem andern vor und bat ihn,
schleunige Anstalten zu treffen, daß diese Vorräte gegen Erteilung von
Empfangsscheinen in die Festung geschafft würden. Denn wenn der Feind
sich über kurz oder lang näherte und diese Ortschaften besetzte, so
würde ohnehin alles von ihm geraubt und sein Unterhalt dadurch
erleichtert werden. Auf diese gutgemeinte Vorstellung ward ich jedoch
von dem Herrn Obersten hart angelassen, und er erklärte mir kurzweg: »Zu
dergleichen Gewaltschritten sei er nicht autorisiert. Jeder möge für
sich selbst sorgen. Was seine Soldaten anbeträfe, so wäre Mehl zu Brot
in den Magazinen vorhanden.« -- »Aber,« wandte ich ihm ein, »der Mensch
lebt nicht vom Brot allein. Ihr Mehl liegt in Fachwerksspeichern, und
die Magazine stehen alle an einer Stelle zusammengehäuft und dem
feindlichen Geschütze ausgesetzt. Die erste Granate, die hineinfällt,
kann ihr Untergang werden. Wäre es nicht sicherer, diese Vorräte in
andre und mehrere Gebäude zu verteilen?« -- »Pah! pah!« war seine
Antwort, »die Bürgerschaft macht sich große Sorge um meinetwillen.« --
Vergebens bat ich ihn nun noch, sich wenigstens meine Papiere anzusehen
und sie in genauere Erwägung zu ziehen. Er aber, als hätte die Pest an
denselben geklebt, raffte sie eilfertig zusammen, drückte sie mir wieder
in die Hände und versicherte: Er brauche all den Plunder nicht, und
damit Gott befohlen!
Es mag hierbei nicht unerwähnt bleiben, daß bei all meinen Unterredungen
mit diesem Manne sich auch wie von ungefähr seine Köchin, Haushälterin,
oder was sie sonst sein mochte, einfand und ihren Senf mit dareingab.
Mochte ich nun dies oder jenes vortragen und mein Bedenken so oder so
äußern, -- flugs war das schnippische Maul bei der Hand: »Ei, seht doch!
Das wäre auch wohl nötig, daß sich noch sonst jemand darum bekümmerte!
Der Herr Oberst werden das wohl besser wissen.« -- Diese Unverschämtheit
wurmte mich oftmals ganz erschrecklich, und ich hatte Mühe, in meinem
Ingrimm nicht loszubrechen. Jetzt aber lief das Faß einmal über, ich
sagte dem Weibsbilde rein heraus, wie mir's ums Herz war, und zog mir
dadurch den Herrn und Beschützer auf den Hals, so daß ich, um es nicht
zum Äußersten kommen zu lassen, hurtig meine Papiere ergriff und mich
entfernte.
Um den Magistrat und seine Anstalten stand es ebenso kläglich. Es
geschah entweder gar nichts, oder es geschah auf eine verkehrte Weise,
und wer etwa noch guten und kräftigen Willen hatte, ward nicht gehört.
Mit einem Worte: man ließ es darauf ankommen, was daraus werden wollte,
und es war an den Fingern abzuzählen, daß unser Untergang das Fazit von
der heillosen Betörung sein würde.
In Kolberg -- das sah ich wohl -- war auf keine Hilfe mehr zu hoffen;
geholfen aber mußte werden! Ich entschloß mich also in Gottes Namen und
der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, unsern guten unglücklichen, so
schlecht bedienten König unmittelbar selbst in Königsberg, Memel, oder
wo ich ihn finden würde, aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
vorzustellen. Von dem Kaufmann Höpner mietete ich ein großes Boot, unter
dem Vorwande, damit nach der Insel Bornholm hinüberzustechen, und ebenso
überredete ich insgeheim unter guter Bezahlung einen Seefahrer, der
vormals als Matrose unter mir gedient hatte, mich auf dieser gewagten
Unternehmung zu begleiten. Das Fahrzeug ward in den erforderlichen Stand
gesetzt, notdürftiger Proviant nach der Münde hinausgeschafft und nur
noch ein günstiger Wind erwartet, um unverzüglich in See zu stechen.
Gerade in diesem Augenblicke traf der Kriegsrat Wisseling von Treptow in
Kolberg ein; ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte,
und der sich nebst andern, die gleich ihm zur pommerschen Kriegs- und
Domänenkammer gehörten, von Stettin entfernt hatte, um sich dem Feinde
nicht zu Werkzeugen seiner landverderblichen Operationen herzuleihen,
dagegen aber in den noch unbesetzten Gegenden der Provinz die Verwaltung
für königliche Rechnung so lange als möglich im Gange zu erhalten.
Wisseling war mein Freund, und es tat mir wohl, alle meine Klagen,
Sorgen und Bedenken in sein redliches Herz auszuschütten. Er sah
zugleich selbst und mit eignen Augen, wie es hier zuging, und fühlte
sich darüber nicht weniger bekümmert. Als ich ihm das Geheimnis meiner
geplanten Reise entdeckte, mißbilligte er das Wagestück, setzte aber
sogleich auch hinzu: »Vertrauen Sie mir Ihre Papiere an, und alles, was
sonst noch zu einer vollständigen Übersicht der Verhältnisse des Platzes
fehlt, lassen Sie uns in einem gemeinschaftlichen Aufsatze bearbeiten:
Ich übernehme es, mich selbst zu Lande zum Könige zu begeben und mein
möglichstes zu tun, damit hier bessere Anstalten getroffen werden. Tun
und wirken Sie derweilen hier, was in Ihren Kräften steht. So Gott will,
wird es uns gelingen, dem Könige den Platz zu retten.« -- Ich blieb auf
sein Wort und er reiste ab.
* * * * *
Täglich und stündlich strömten bei uns noch Versprengte von unsern
Truppen ein, die teils weiter nach Preußen zogen, teils eine Zuflucht
bei uns suchten, um sich von ihren Strapazen zu erholen oder ihre Wunden
auszuheilen. Unter den letzteren befand sich auch der Leutnant v. Schill,
vom Regiment Königin-Dragoner, der, schwer am Kopfe verwundet,
nicht weiterkommen konnte. Der Zufall machte uns bald miteinander
bekannt. Er war ein Mann nach meinem Herzen, einfach und bescheiden,
aber von echtem deutschen Schrot und Korn, und so brauchte es auch
keiner langen Zeit, daß er mir ein volles Vertrauen abgewann. Wie konnte
ich ihm aber dieses schenken, ohne zugleich ihm unsre ganze
verzweiflungsvolle Lage zu schildern, meine Klagen über Loucadou in sein
Herz auszuschütten und daneben meine Wünsche über so manches, was zur
Erhaltung der Festung zu veranstalten sei, gegen ihn laut werden zu
lassen?
Alles was ich ihm sagte, machte je mehr und mehr seine Aufmerksamkeit
rege, und es mag wohl sein, daß es auch den Entschluß in ihm erzeugt
oder befestigt hat, in Kolberg zu bleiben und sich hier nützlich zu
machen. Sobald er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, besahen wir
uns gemeinschaftlich den Platz und seine Umgebungen. Wir trafen dabei in
dem Urteile zusammen, daß es zuletzt hauptsächlich auf den Besitz des
Hafens und die Behauptung der Schiffsverbindung mit Preußen und unsern
Verbündeten ankommen werde. Hinwiederum war die »Maikuhle« der Schlüssel
des Hafens, und dies angenehme Luftwäldchen, welches sich hart vom
Ausflusse der Persante westlich eine Viertelmeile längs den Uferdünen
der Ostsee hinstreckt, mußte um jeden Preis festgehalten werden. Dennoch
war bis diesen Augenblick zur Verschanzung dieses entscheidenden Punktes
noch keine Schaufel in Bewegung gesetzt worden. Man verließ sich auf das
Münder-Fort und die Morastschanze, die aber beide unzureichend waren,
den Feind, sobald er sich hier einmal festgesetzt hatte, aus diesem ihm
unschätzbaren Posten zu vertreiben.
Wahr ist es, es würden fünfzehnhundert Mann dazu gehört haben, ein hier
anzulegendes Außenwerk zu besetzen und vollkommen sicherzustellen; das
aber hinderte uns nicht, den Gedanken zu fassen, daß hier beizeiten
wenigstens etwas -- sei es auch nur gegen den ersten Anlauf -- geschehen
könne und müsse, und daß dann die Not wohl das übrige tun werde. Woher
aber Hände nehmen, um dort auch nur einige leichte Erdaufwürfe zustande
zu bringen? -- Noch hatte Schill nur erst einige wenige Leute um sich
gesammelt, die er zu seinen jetzt beginnenden Streifereien in die Ferne
nicht entbehren konnte; Geldmittel waren noch weniger in seinen Händen,
und von Loucadou war vollends für diesen Zweck nichts zu erwarten. Auf
sein Zureden und die Versicherung, sich für meine künftige Entschädigung
eifrigst zu verwenden, entschloß ich mich, ohne längeres Bedenken, meine
paar Pfennige, die ich im Kasten hatte, vorzustrecken.
Demzufolge trieb ich auf der Gelder-Vorstadt und allen nächstumliegenden
Dörfern Tagelöhner und Häusler, soviel ich deren habhaft werden konnte,
zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte auf diese Weise
gegen 400 Taler aus meiner Tasche. Tag und Nacht schanzten und
arbeiteten wenigstens sechzig Menschen eine geraume Zeit hindurch an
diesen Befestigungen, nach dem von Schill dazu entworfenen Plane. Weder
der Kommandant noch sonst jemand fragte und kümmerte sich, was wir da
schafften, und so blieb es auch meinem Freunde überlassen, diese
Schanzen mit seinen Leuten in dem Maße, als sich diese aus den
Ranzionierten freiwillig um ihn sammelten, immer stärker zu besetzen.
Allein um sie dort festzuhalten, mußte auch für Löhnung und Mundvorrat
in genügender Menge gesorgt werden. Vorerst fiel diese Sorge _mir_ anheim,
solange mein Beutel dazu vorhielt, oder meine Küche und mein
Branntweinlager es vermochten.
Inzwischen war auch der Kriegsrat Wisseling aus Preußen glücklich wieder
und mit sehr ausgedehnten Vollmachten vom Könige zurückgekehrt. Sein
Eifer, verbunden mit rastlosester Tätigkeit, brachte _sofort_ neues Leben
in das ganze Administrationsgeschäft. Ganze Herden Schlachtvieh, lange
Reihen von Getreidewagen zogen zu unsern Toren ein, und Heu und Stroh in
reichem Überflusse füllte die Futtermagazine, oder ward in den Scheunen
der Vorstädter untergebracht. Für diese gezwungenen Lieferungen erhielt
der Landmann nach dem Taxwerte Lieferungsscheine, die künftig eingelöst
werden sollten und mit denen er gern zufrieden war. In der Stadt wurde
geschlachtet und eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit
Kornvorräten aller Art beschüttet. -- So konnte Kolberg allgemach für
notdürftig verproviantiert gelten, während zu hoffen stand, daß das
Fehlende im nächsten Frühling bei wieder eröffneter Schiffahrt durch
Zufuhr zur See zu ersetzen sein möchte.
* * * * *
Neuen Trost gab es, als bald darauf, vom Könige geschickt, der Hauptmann
von Waldenfels, ein junger tätiger Mann, bei uns auftrat, um als
Vize-Kommandant dem Obersten v. Loucadou zur Seite zu stehen und dessen
Kraftlosigkeit zu unterstützen. Brav, wie sein Degen, aber noch nicht
von Erfahrung geleitet, begann dieser seine neue Laufbahn, gleich in den
ersten Tagen des Januars 1807, durch eine gewagte Unternehmung auf das
neun bis zehn Meilen weit entlegene Städtchen Wollin, um sich durch
Vertreibung der dort stehenden Franzosen eine freie Kommunikation mit
Schwedisch-Pommern zu eröffnen. Wahrscheinlich wäre der nächtliche
Überfall, wozu er einen bedeutenden Teil der Besatzung Kolbergs
brauchte, gelungen, wenn nicht an Ort und Stelle Fehler begangen worden
wären, die seinen übereilten Rückzug mit einem Verluste von mehr als
hundert Mann zur Folge hatten.
Dieser erste Fehlschlag war um so nachteiliger, da er ohne Zweifel den
Vize-Kommandanten hinderte, das geistige Übergewicht über Loucadou zu
behaupten. Denn wenn auch in unsern Verteidigungsanstalten durch ihn
unendlich viel Gutes gewirkt wurde und er mit dem alten grämlichen Manne
darüber manchen Kampf zu bestehen hatte, so mußte er doch auch ebenso
oft dessen Eigensinne nachgeben. Wir hatten also an ihm den Mann noch
nicht, den wir brauchten.
Auch Schill, der im Januar vom Könige zur Organisierung eines Freikorps
förmlich autorisiert worden war und von allen Seiten gewaltigen Zulauf
fand, war ein von Loucadou sehr ungern gesehener Gast, dem dieser daher,
wo er nur konnte, Hindernisse in den Weg legte; sei es, daß der Name,
welchen der junge Mann sich so schnell erworben, sein Ansehen zu
beeinträchtigen drohte, oder weil dessen Tätigkeit seinem eignen
Schlendrian zum stillen Vorwurf gereichte. Schlimm war es immer, daß
ihre beiderseitigen Befugnisse keine scharfe Abgrenzung gegeneinander
hatten, während sie doch von gleichem Punkte aus und gemeinschaftlich
handeln sollten. Nur ließ sich der wackere Parteigänger, bei all seiner
ihm natürlichen Bescheidenheit, nicht so leicht unterjochen, und er fand
auch noch immerdar Spielraum, wenn es ihm bei uns zu beklommen ward,
sich außerhalb der Festung zu tummeln. Zudem stand sein Ruf nun einmal
fest, und selbst als sein Überfall gegen Stargard (am 16. Februar) ihm
mißlang und er bald darauf in Naugard einen empfindlichen Unfall erlitt,
konnte er sich mit unverletzter Ehre näher gegen Kolberg zurückziehen.
Seine Absicht bei jenem Zuge war gewesen, das vom Marschall Mortier aus
Schwedisch-Pommern entsandte Korps des Divisionsgenerals Teullié,
welches zur Berennung unsres Platzes bestimmt war, auseinanderzusprengen
und uns noch einige Zeit länger Luft zu verschaffen. Da der Streich
nicht geglückt war, so drang nun jener französische Heerhaufe ungesäumt
nach und ward nur durch Schills kräftig behauptete Stellung bei
Neubrück, halben Wegs zwischen Treptow und Kolberg, acht volle Tage
aufgehalten. Jetzt war also das langerwartete Ungewitter im nahen
Anzuge, und da man endlich den Ernst spürte, besann man sich auch, daß
der Kauzenberg ein gelegener Posten sein würde, dem Feinde das nähere
Vordringen von dieser Seite zu erschweren. Eiligst ging man daran, die
im Siebenjährigen Kriege hier aufgeworfenen Befestigungen, deren sich
noch einige Spuren fanden, zu erneuern.
* * * * *
Wohl war es hierzu an der Zeit gewesen, denn schon am 1. März
bemächtigte sich der Feind des Passes bei Neubrück und zeigte sich zwei
Tage später am Kauzenberge, während eine andre Abteilung den Weg am
Strande über Kolberger Deep einschlug und ihr Absehen augenscheinlich
auf die Maikuhle gerichtet hatte. Eben hierher aber hatte sich auch nach
der Verdrängung von jenem Passe ein Teil des Schillschen Korps geworfen,
welches nicht nur den Feind entschlossen zurückwies, sondern von jetzt
an auch fortwährend diesen Posten besetzt hielt, dessen hohe Wichtigkeit
immer besser erkannt wurde. Ernsthafter aber war, gleich am folgenden
Morgen, ein neuer feindlicher Versuch gegen die Schanze auf dem
Kauzenberge, den man mit Hilfe einiger Verstärkungen aus der Festung und
nach einem vereinzelten Gefechte in der Nähe von Pretmin glücklich
vereitelte. Eigentlich aber hatte dieser Angriff nur den Marsch der
Hauptmacht verdecken sollen, welche sich gleichzeitig von Neubrück
südöstlich gegen Groß-Jestin wandte, bei Körlin die Persante passierte
und bis zum 10. März sich bis Zernin und Tramm herumgezogen hatte, um
Kolberg auch von der Ostseite einzuschließen.
Jetzt konnte uns die früher hergestellte Schanze auf dem Hohen Berge von
Nutzen werden, daher sie auch unverzüglich noch weiter ausgebessert und
einiges Geschütz darin aufgefahren wurde. Da sich's aber berechnen ließ,
daß der Feind bei Tramm nicht stehenbleiben, sondern sich auch nach dem
Dorfe Bullenwinkel und dem großen Stadtwalde, »der Kolberger Busch«
genannt, ausbreiten würde, so war es von dringender Notwendigkeit, ihn
von der Lauenburger Vorstadt, die hierherwärts gelegen ist, in
möglichster Entfernung zu halten. Ich wußte, daß dies wie vormals durch
eine auf dem Damme nächst der Ziegelscheune zu errichtende Schanze am
zweckmäßigsten geschehen konnte, und da diejenigen, denen es eigentlich
zugekommen wäre, sich dieser Sache nicht annehmen wollten, so bewog ich
die Bürgerschaft, auch zu dieser Arbeit freiwillige Hand anzulegen,
sobald der Feind im Westen der Stadt wirklich erschienen war und nun
auch von der entgegengesetzten Seite augenblicklich erwartet werden
durfte. Am 5. März griffen wir das Werk gemeinschaftlich an, schanzten
Tag und Nacht unverdrossen und hatten auch die Freude, es schon am 9.,
noch vor Erscheinung eines Franzosen, vollendet zu sehen.
Während wir noch mit dieser Arbeit beschäftigt waren, ließ sich der
Kommandant vom Hauptmann v. Waldenfels bewegen, uns in Gesellschaft des
letzteren, des (Gott erbarme sich's!) Ingenieur-Kapitäns Düring und
einiger andern dort auf dem Platze zu besuchen. Es war seit der ganzen
Zeit das erste Mal, daß er sich außer den Toren der Stadt blicken ließ.
Anstatt uns aber in unserm Fleiße durch irgendein freundliches Wort
aufzumuntern, machte er unser Vornehmen mit spöttischem Lachen als
Kinderspiel verächtlich. Indem aber noch weiter unter den Herren von der
Haltbarkeit der Festung hin und her gesprochen wurde und die Meinungen
verschieden ausfielen, konnte ich mein Herzpochen nicht länger zähmen,
sondern nahm das Wort und rief: »Meine Herren, Kolberg _kann_ und _muß_ dem
Könige erhalten werden; es koste was es wolle! Wir haben Brot und
Waffen, und was uns noch fehlt, wird uns zur See zugeführt werden. Wir
Bürger sind alle für einen Mann entschlossen, und wenn auch all unsre
Häuser zu Schutthaufen würden, die Festung nicht übergeben zu lassen.
Und hörten es je meine Ohren, daß irgend jemand -- er sei Bürger oder
Militär -- von Übergabe spräche, bei jedes Mannes Wort! dem rennte ich
gleich auf der Stelle diesen meinen Degen durch den Leib, und sollte ich
ihn in der nächsten Minute mir selbst durch die Brust bohren müssen!« --
So gingen wir für diesmal, halb lachend, halb erzürnt, auseinander.
* * * * *
Bis zum 13. März hatte der Feind seine Umzingelung des Platzes
vollendet, doch war die Einschließung nicht so genau, daß nicht immer
noch einige Nachrichten von außen her durch flüchtende Landleute zu uns
durchgedrungen wären, die uns das dichtere Zusammenziehen der
französischen Truppen ankündigten. Spätere Reiterpatrouillen, welche
Schill veranstaltete, betätigten diese Gerüchte. Immerhin blieb uns
längs dem Strande, zumal nach Westen hin, noch manche verstohlene
Verbindung mit der Nachbarschaft, fast die ganze Zeit der Belagerung
hindurch, übrig, und auch zu Wasser ließ sich jeder beliebige Punkt der
Küste heimlich erreichen.
Plänkeleien an der Ostseite leiteten einen Angriff gegen die Schanze auf
dem Hohen Berge ein, welche dem Feinde unbequem zu sein schien. Von
beiden Seiten rückten immer mehr Truppen ins Gefecht, bis bei dem
heftigeren Andrängen unsrer Gegner gegen Abend den Unsrigen nur übrig
blieb, sich fechtend gegen die Stadt zurückzuziehen. Die drei Kanonen in
der Schanze wurden mit abgeführt und gerettet, aber der Feind säumte
nicht, sich in dem Werke festzusetzen, welches ihm noch hartnäckiger
hätte streitig gemacht werden sollen. Ich selbst war bei dem ganzen
Gefechte zugegen gewesen und sah, daß bei dem Rückzuge mehrere von
unsern Leuten tot oder verwundet auf dem Felde liegen blieben. Es
jammerte mich besonders der letzteren, und so wagte ich mich, mit einem
weißen Tuche in der Hand, gegen die feindlichen Vorposten und bat, daß
mir erlaubt werden möchte, diese Gebliebenen nach der Stadt abholen zu
dürfen. Nach langem Hin- und Herfragen ward mir dies endlich
zugestanden. Ich eilte demnach in die Vorstadt zurück, nahm drei mit
Stroh belegte Wagen mit mir und fuhr mit ihnen, unter dem Geleite
einiger französischer Soldaten, auf dem Felde umher, wo ich neun
Verwundete und fünf Tote auflas und mit mir führte. Die letzteren wurden
sogleich auf dem nahen St. Georgen-Kirchhofe beerdigt, die ersteren aber
in ein Lazarett abgeliefert. Von da an machte ich mir's zu einem
besonderen und lieben Geschäfte, unsern Verwundeten auf diese Weise
beizustehen, und habe oft selbst Wagenführer sein müssen, wenn es in ein
etwas lebhaftes Feuer hineinging und die Knechte sich aus Angst
verliefen.
Gleichzeitig mit der Schanze auf dem Hohen Berge hatten unsre Belagerer
auch die Anhöhen der Altstadt besetzt, ohne dort einigen Widerstand zu
finden, und waren uns dadurch in eine bedenkliche Nähe gerückt. Beide
Verluste machten es nun um so dringender, die Überschwemmungen, wie
überall um die Festung her, so besonders nach diesen zunächst bedrohten
Punkten hin zu bewirken. Schon von Anfang an hatte ich mir mit den
Voranstalten hierzu viele Mühe gegeben und teils auf eigne Kosten, teils
durch Mitwirkung der Bürgerschaft wirklich auch soviel erreicht, daß ich
hoffen konnte, eine weite Fläche so unter Wasser zu setzen, daß an kein
Durchkommen zu denken wäre.
Dies ging nun nicht ohne vieles Widerstreben von seiten der Eigentümer
der Wiesen und Ländereien ab, denen das Schicksal einer solchen
Überschwemmung bevorstand. Um dieser Katzbalgereien überhoben zu sein,
wandte ich mich an Waldenfels, machte ihn an Ort und Stelle mit der
ganzen Einrichtung der Schleusen und Aufstauungen bekannt und forderte
ihn auf, von seiten der Kommandantur das Weitere zu veranlassen. So sehr
er von der Nützlichkeit der Sache überzeugt war, wagte er's doch nicht,
sie für seinen eignen Kopf auszuführen, ich aber wollte ebensowenig
etwas mit dem Obersten zu tun haben. Endlich aber überredete er mich
doch, diesem die Sache gemeinschaftlich vorzustellen.
Als wir nun vor ihn kamen, fand sich sofort auch das vorbelobte
Weibsbild ein und begann tapfer mit dareinzureden. Nun war auch meine
Geduld am Ende und ich bedeutete sie kurz und gut, daß es ihr nicht
zukäme, hier ihre unverlangte Weisheit feilzuhalten. Das Ding aber, das
sich auf seinen Herrn verließ, machte mir ein schnippisch Gesicht und
wäre mir wohl gern mit allen zehn Fingern ins Gesicht gefahren, wenn ich
es nicht fein säuberlich beim Kragen genommen und zur Stubentüre
hinausgeschoben hätte, wie es recht und billig war. Darüber geriet aber
wiederum der Herr Kommandant in Hitze. Er griff nach dem Degen und würde
ihn ohne Zweifel gegen mich gezogen haben, wäre ihm nicht mein Begleiter
in den Arm gefallen mit den Worten: »Beruhigen Sie sich! Nettelbeck hat
recht getan.« -- Er kam zur Besinnung, aber mit dem Vorschlage zur
Überschwemmung blieb es wie es war. Dagegen geschahen einige
Kanonenschüsse aus der Festung -- die ersten, welche gegen den Feind
gelöst wurden, und mit welchen also auch die Geschichte der Belagerung
anheben mag.
An dem nämlichen Tage (den 14. März) hatten die Franzosen schon früh das
Dörfchen Bullenwinkel -- ich weiß nicht, ob aus Frevelmut, oder um
irgendeinen militärischen Zweck dadurch zu erreichen -- im Rauche
aufgehen lassen. War es nun, daß unser Kommandant ihnen in dieser Kunst
nicht nachstehen wollte, oder daß er wirklich befürchtete, der Feind
möchte sich in der Lauenburger Vorstadt festsetzen, -- genug, er
beschloß, diese gänzlich abzubrennen: Niemand von den zahlreichen
Bewohnern hatte sich einer solchen gewaltsamen Maßregel versehen,
niemand war in diesem Augenblicke darauf vorbereitet -- am wenigsten,
daß dem dazu erteilten Befehle die Ausführung so unmittelbar auf dem
Fuße folgen werde. Keine halbe Stunde Zeit ward den Unglücklichen zur
Rettung ihrer Habe gestattet; viele mußten wie sie gingen und standen
ihr Eigentum verlassen. Hundert Familien wurden in wenigen Minuten zu
Bettlern und suchten nun in der ohnehin ziemlich beengten Stadt ein
kümmerliches Unterkommen.
Man fragte sich damals, und das mit gutem Rechte, warum, wenn doch
einmal gesengt und gebrannt sein sollte, diese Maßregel nicht schon
früher die Altstadt getroffen habe, die im unmittelbaren Bereiche des
Feindes lag, der sich zwischen den Gebäuden derselben einnistete und uns
durch seine hinter denselben angelegte Wurfbatterie in der Folge so
nachteilig wurde? Als der Fehler aber einmal begangen war, blieb jeder
Versuch zur Abhilfe vergeblich. Selbst alle Mühe, die wir uns gaben, die
Altstadt durch unser Geschütz zu demolieren oder in Brand zu stecken,
leistete die ganze Belagerung hindurch nicht, was wir davon erwarteten.
-- Was indes hier versäumt war, suchte der Rittmeister von Schill an
seiner Seite in der Maikuhle nach Möglichkeit wieder gut zu machen,
indem er sich in diesem wichtigen Posten immer fester setzte, Fleschen
anlegen ließ, Wolfsgruben grub und Verhacke veranstaltete. Die
Beschützung des Platzes von dieser Seite blieb nun gänzlich seiner
Sorgfalt überlassen.
* * * * *
Der feindliche Anführer mußte indes seine am 13. März errungenen
Vorteile wohl selbst für bedeutend genug halten, um zu glauben, daß uns
der Mut zu fernerem Widerstande dadurch gebrochen worden. Es erschien
also am 15. vormittags um zehn Uhr am Mühlentore ein französischer
Parlamentär in einem mit vier Pferden bespannten, niedergelassenen
Wagen. Der Kutscher fuhr vom Sattel; den Bock nahm ein Trompeter ein,
und zwei Nobelgardisten, wie die Puppen gekleidet und mit Gewehr und
völliger Rüstung versehen, gingen zu beiden Seiten des Wagens einher. In
diesem ungewöhnlichen Aufzuge und unter einer schmetternden Fanfare
rasselte das Völkchen zur Stadt herein und hielt dann plötzlich vor dem
Hause des Kommandanten, der den Parlamentär in der Haustüre empfing, ihm
freundlich die Hand bot und dann ihn in sein Zimmer führte, welches
sofort hinter ihnen verschlossen wurde.
Nach und nach versammelten sich viele Offiziere der Garnison auf der
Flur des Hauses, unter welche auch ich mich mischte. Alle waren von
jener Erscheinung mehr oder weniger überrascht und auf den weiteren
Erfolg gespannt. Alle fragten wir uns untereinander, ob denn sonst
keiner von den Offizieren bei der gegenwärtigen Unterredung in dem
verriegelten Zimmer zugegen sei? Ich wandte mich an den Oberst v. Britzke,
der auch unter dem Haufen stand: »Herr, Sie sind der nächste an
Rang und Alter. Ihnen gebührte es am ersten, mit anzuhören, was da
unterhandelt wird. Sprengen Sie die Tür!« -- Er zuckte die Schultern und
niemand von den Anwesenden sprach ein Wort. Mich aber überfiel innerlich
eine unbeschreibliche Angst und Sorge. Die Erinnerungen an Stettin,
Küstrin und Magdeburg standen mir wie finstere Gespenster vor der Seele.
Ich lief, den Vize-Kommandanten aufzusuchen, der jetzt allein noch
Unheil verhüten konnte.
Vergebens irrte ich in der ganzen Stadt und auf den Wällen umher, den
wackeren Mann zu erfragen. Bald sagte man mir, er sei auf der Münde,
beim Hafen, und ich schickte Boten über Boten aus, ihn schleunigst
herbeizurufen; -- bald wieder hieß es, er sei bei den Verschanzungen auf
dem Wolfsberge beschäftigt. Aber während ich auch dorthin Eilboten
abfertigte, war die Zeit bis fast um zwei Uhr abgelaufen, und ohne ihn
erwarten zu können, trieb es mich wieder nach dem Kommandantenhause, wo
Unheil gebrütet wurde.
In der Zwischenzeit aber hatten Trompeter, Kutscher und Nobelgarden, die
mir sämtlich nicht so aussahen, als ob sie in diese Kleider gehörten,
sich nach Belieben und ohne Aufsicht in der Stadt zerstreut -- man
möchte denn _das_ Aufsicht nennen wollen, daß ein Unteroffizier von der
Garnison, namens Reischard, ein geborner Sachse, sich wie von ungefähr
zu ihnen gesellte und sie, wie man wissen wollte, auch auf den Wällen
herumgeführt hatte. Dieser Mensch war übrigens in den letzten Zeiten
vielfältig bei den Arbeiten an den Verschanzungen und beim
Palisadensetzen als Aufseher gebraucht worden. Er konnte also über die
Lage und Beschaffenheit der Werke wohl einige Auskunft geben.
Endlich, nach langem peinlichem Harren ward von dem Kommandanten aus dem
Fenster gerufen, des Parlamentärs Wagen vorfahren zu lassen. Beide
Herren traten Hand in Hand aus dem Zimmer hervor, verweilten aber noch
einige Zeit in der Haustüre, weil noch etwas an dem Wagen in Ordnung zu
bringen war. Unter uns Umstehenden gab es auch einen Ansbachischen
Offizier außer Diensten, der so ziemlich das Aussehen eines Abenteurers
hatte, sich seit einiger Zeit in der Stadt umhertrieb und auch jetzt
sich, man wußte nicht wie und warum, hier eingedrängt hatte. Dieser nun
trat mit einer gewissen Zuversichtlichkeit auf den französischen
Unterhändler zu und begrüßte ihn; beide ergriffen einander bei der Hand
und drängten sich durch uns alle hindurch, um auf den Hof zu gelangen,
wo sie so lange und angelegentlich miteinander sprachen.
Hier wurde ich nun warm und ereifert. Ich faßte den Kommandanten am Arm
und zog ihn nach, indem ich rief: »Herr Oberst, was die beiden dort
abzumachen haben, das müssen _Sie_ auch wissen!« -- Er folgte mir wie ein
Schaf; sowie wir aber näherkamen, verbeugten sie sich beiderseits
höflichst und gingen auseinander, worauf auch der Parlamentär in den
Wagen stieg und davonkutschierte. Erst eine halbe Stunde nachher kam der
Hauptmann v. Waldenfels fast atemlos herbeigeeilt, und ich und andre
erzählten ihm, was hier vorgegangen. Der Mann geriet ganz außer sich,
daß so etwas in seiner Abwesenheit hatte geschehen können. Man erfuhr
auch nachher, daß Loucadou und der Vizekommandant einen harten
Wortwechsel gehabt und sich förmlich miteinander überworfen hatten. In
all diesen Vorgängen war viel Unbegreifliches, zumal nach zwei Tagen
jener Unteroffizier Reischard unsichtbar geworden und zum Feinde
übergegangen war.
* * * * *
Gleich am 16. März machte der Feind vormittags den ersten Versuch, ob
die Stadt aus der eroberten Schanze auf dem Hohenberge mit Wurfgeschütz
zu erreichen sein werde. Er schickte uns also einige Granaten zu, die
aber entweder schon in der Luft platzten oder unschädlich in den
Stadtgraben fielen. Nichtsdestoweniger ward abends um acht Uhr ganz
unvermutet Feuerlärm geschlagen, und -- das Haus des Kommandanten stand
in vollem Brande! Alles lief zum Löschen herbei; doch mancher
verständige Bürger brachte dieses Ereignis mit dem gestrigen Parlamentär
in eine sehr bedenkliche Verbindung.
Voll von beängstigenden Gedanken, entschlossen sich unser dreizehn,
sofort eine Runde rings um die Stadtwälle zu machen und die
Verteidigungsanstalten nachzusehen. Überall auf den Batterien, wo
Kanonen und Pulverwagen standen, riefen wir wiederholt und überlaut die
Schildwachen an, aber nur selten ward uns Antwort, und auf unsrer langen
Runde trafen wir nicht mehr als _sieben_ Mann unter dem Gewehre!
So etwas überstieg alle unsre Gedanken und Begriffe! Wir erachteten es
für dringende Notwendigkeit, dem Kommandanten davon schleunigste Anzeige
zu machen. _Der_ aber war längst aus seinem brennenden Hause geflüchtet
und hatte sich in das Posthaus einquartiert. Auch dort suchten wir ihn
auf und ließen ihm durch seine Ordonnanz hineinsagen: »Die
Bürgerpatrouille wolle ihn sprechen, um etwas Hochwichtiges anzumelden.«
Wir empfingen hierauf den Bescheid: »Der Herr Oberst habe sich bereits
zur Ruhe begeben und lasse sich heute nicht mehr sprechen.« -- Was für
eine unerhörte Seelenruhe bei einem Festungskommandanten, der den Feind
vor den Toren hat und dessen Haus in vollen Flammen steht! Dieser Brand
wurde übrigens gegen drei Uhr morgens gelöscht; wir Bürger setzten unsre
Umgänge die ganze Nacht fort und der Feind hielt sich ruhig.
Hier mußte Rat geschafft werden, und so bedachte ich mich nicht lange,
sondern ging noch am nämlichen Morgen ans Werk, um aus der ganzen Fülle
meines beklommenen Herzens an den König selbst aufs Papier hinzuwerfen,
was mir in diesen letzten Tagen, sowie manches Frühere, unrecht und
bedenklich vorgekommen. Ich weiß noch, daß dieses Schreiben mit den
unterstrichenen Worten endigte: »Wenn Ew. Majestät uns nicht bald einen
andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir unglücklich und
verloren!« -- Diese Vorstellung schloß ich in eine Adresse an den
Kaufmann Wachsen zu Memel, einen geborenen Kolberger, ein und ersuchte
ihn, die Einlage womöglich an den König persönlich zu übergeben. Es fand
sich aber zur Absendung nicht eher eine Gelegenheit, als am 22. März, da
Schiffer Kamitz mit einer Anzahl Gefangener nach Memel in See ging.
Dieser lieferte denn auch mein Paket richtig an seine Adresse ab und von
Wachsen erfuhr ich, daß der Monarch dasselbe aus seinen Händen selbst
empfangen und gnädig aufgenommen habe.
* * * * *
Daß am 17. März abermals ein Feuer in der Kommandantur hervorbrach,
konnte eine irgendwo noch verborgen gebliebene Glut zur Ursache haben;
allein die Gemüter waren einmal zum Argwohne aufgeregt und merkten nur
an, daß heute so wenig als gestern um die Zeit, da das Feuer
aufgegangen, irgendein feindliches Geschoß in Tätigkeit gewesen sei.
Bis zum 19. März beschäftigten sich die Belagerer vornehmlich mit
Einrichtung ihrer Lager, mit Festsetzung in der Altstadt und mit
Schlagen einer Verbindungsbrücke über die Persante in der Nähe von
Rossentin; und je mehr sich Truppen hierherwärts bewegten, um so weniger
war es zu bezweifeln, daß ihre Absichten auf Gewinnung der Schanze auf
dem Kauzenberge gerichtet seien, die ihre Besatzung abwechselnd aus der
Festung erhielt. Am frühen Morgen jenes Tages fand der Angriff wirklich
statt. Es gab das erste anhaltende Feuer aus grobem Geschütz und kleinem
Gewehr. Anfall und Verteidigung waren in gleichem Maße heftig, aber nur
zu bald mußte die Besatzung der Übermacht weichen, und auch das weiter
zurückliegende Dorf Sellnow ging verloren, ohne daß die nachrückende
zahlreiche Verstärkung vermochte, dem Feinde seine Vorteile wieder zu
entreißen. Dies war für uns ein sehr empfindlicher Verlust, denn nur von
der Position von Sellnow aus war die Stadt auf dieser Seite angreifbar.
Rasch und besonnen hingegen benutzte der Feind auf der Stelle seine
erlangten Vorteile, ging in das Siederland vor, setzte sich hinter das
Gradierwerk und zeigte sich selbst vor dem Galgenberge. Rechtshin aber
griff er zugleich unsre Schanze auf dem Strickerberge, hart an dem Damme
vor dem Geldertore gelegen, mit solchem Nachdruck an und ward dabei
durch sein Flankenfeuer von der Altstadt her so gut unterstützt, daß das
Feuer aller unsrer Batterien, wie heftig es auch unterhalten wurde,
dagegen kaum ausreichte. Abends gegen sechs Uhr mußten die Grenadiere,
welche bis dahin die Schanze mit Entschlossenheit verteidigt hatten,
sich durch eine Abteilung Freiwilliger des Schillschen Korps ablösen
lassen, und diesen glückte es, sich darin noch achtundvierzig Stunden zu
behaupten -- ja noch gleich in der nächsten Nacht eine neue Schanze
nächst dem weißen Kruge (dem letzten Hause der Geldervorstadt)
aufzuwerfen, wodurch der Damm noch besser bestrichen und die Feinde an
der Annäherung verhindert wurden.
Allerdings stand nun die genannte Vorstadt in naher und dringender
Gefahr, überwältigt und dann der Festung sehr nachteilig zu werden.
Loucadou war darum auch sogleich mit dem Befehle zum Abbrennen bereit.
Diesmal aber fand seine rücksichtslose Härte einen edelmütigen
Widerstand an dem Rittmeister v. Schill, welcher die Unnützlichkeit
jeder Übereilung bei der Ausführung dieser Maßregel dartat, solange die
vorliegenden Schanzen noch von seinen Leuten verteidigt würden, für
deren Mut und Ausdauer er sich verbürgte. Der Kommandant sah sich für
den Augenblick genötigt nachzugeben, und Hunderte von Menschen fanden
dadurch Zeit, alle beweglichen Trümmer ihres Vermögens rückwärts in
Sicherheit zu flüchten. Erst als dies geschehen war, trat die
unabwendbare Zerstörung ein und die Schanzen wurden verlassen.
* * * * *
Es fehlte jedoch viel, daß Loucadou hierdurch selbst zur Besinnung
gekommen wäre. Er sah in Schills Benehmen nur einen sträflichen Mangel
an Subordination und machte ihm harte Vorwürfe, welche einen Wortwechsel
nach sich zogen und mit einem Zimmerarrest endigten, dem der Gekränkte
sich geduldig unterzog. Aber nicht so geduldig nahmen Soldaten und
Bürger auf, was für eine Ungebührnis ihrem Liebling widerfahren sei. Es
entstand ein Gemurmel, ein Reden, ein Fragen, ein Durcheinanderlaufen,
das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde. Eine immer
gedrängtere Masse sammelte sich auf dem Markte und es war nicht
undeutlich die Rede davon, Schill mit Gewalt zu befreien und den
Kommandanten für das, was er getan, persönlich verantwortlich zu machen.
Ich erfuhr alsbald, was im Werke sei; allein war ich gleich nicht
weniger entrüstet, als jeder andre, so entging mir doch nicht, von
welchen unseligen Folgen hier jede Gewalttätigkeit sein würde. Vielmehr
kam alles darauf an, diese Volksbewegung zu stillen. Ich warf mich
schnell unter die Menge, bat sie, Vernunft anzunehmen und vor allen
Dingen Schills eigne Meinung zu vernehmen. Diese zu hören, sei ich jetzt
auf dem Wege begriffen. Sie möchten also ruhig meine Wiederkunft
erwarten. Das ward denn auch angenommen.
Als ich zu dem Gefangenen kam und ihm sagte, wie die Sachen ständen,
erschrak er heftig, und mich an beiden Händen ergreifend, rief er:
»Freund, ich bitte Sie um alles, stellen Sie die guten Menschen
zufrieden! Aufruhr wäre das letzte und größte Unglück, das uns begegnen
könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht arretiert, ich sei krank -- kurz,
sagen Sie, was Sie wollen, wenn die Leute sich nur zur Ruhe geben.« --
Ich gelobte ihm das, weil er es wollte und weil es das beste war, und
eilte nach dem Markte zurück. Kaum konnte ich mich durch das tosende
Gedränge schlagen. Vor dem Kuhfahlschen Hause trat ich auf eine Erhöhung
und forderte, daß man mich hören solle. »Kinder!« rief ich dann, »ich
komme von unserm Freunde. Aus seinem eignen Munde weiß ich's: er hat
nicht Arrest, wie ihr glaubt, sondern hält sich wegen Unpäßlichkeit in
seinem Zimmer. Euch insgesamt aber bittet er durch meinen Mund, wenn ihr
ihm je Liebe bewiesen habt, daß ihr jetzt ruhig auseinandergeht. Binnen
wenigen Tagen hofft er so vollkommen hergestellt zu sein, daß er selbst
unter euch erscheinen und euch für eure Anhänglichkeit danken kann. Wer
also ein guter Bürger und sein Freund ist, der geht nach Hause.«
Diese Rede war nicht zierlich, aber verständlich, und machte um so mehr
den besten Eindruck, da sie von dem Superintendenten Baarz, der neben
mir stand, wiederholt und weiter ausgeführt wurde. Die guten Leute kamen
glücklich zur Besinnung, und als die Angeseheneren sich ruhig wegbegeben
hatten, fehlte es nicht, daß auch der Pöbel sich allgemach verlief.
Loucadou verhielt sich bei diesem Vorgange ganz still, als hätte er kein
Wasser getrübt, was ihm auch gar sehr zu raten war. Schills Arrest aber
blieb ein leeres Wort, das stillschweigend zurückgenommen wurde. Denn da
Schill seine Gegenwart in der Maikuhle und bei den Vorposten notwendig
fand, tat er, was die Umstände erforderten, und Loucadou stand nicht an,
zu erklären: »Außerhalb der Festung möge er schalten, wie er's für gut
befinde.«
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