umstehenden Leute, mir den angesehensten und wohlberufensten Kaufmann im
Orte nachzuweisen. Sie nannten mir einen Herrn Schweiger, der allgemein
für einen Ehrenmann gelte und ehedem auch ein Schiff geführt habe. Ich
ließ mich auf der Stelle zu ihm führen, gewann auch flugs das Vertrauen,
daß er der Mann sein werde, wie ich ihn suchte, und trug ihm mit
Darlegung meiner Umstände den Wunsch vor, meine beiden Lotsen namens
meiner nach Recht und Gebühr zu befriedigen. Denn obwohl der Enkhuizer
meines Bedünkens nicht den mindesten Anspruch für seine unverständige
und verkehrte Dienstleistung zu machen hatte, so hatte ich ihm dennoch
aus Mitleid mit seinen grauen Haaren ein Geschenk von zehn bis fünfzehn
Gulden zugedacht.
Beide wurden sofort gerufen und es bedurfte nur, daß der Lotse vom Texel
seine Ordonnanz vorwies, um danach seine Forderung nach Fug und
Billigkeit auszumitteln. Er strich sein Geld ein, und als er dann auf
eine bescheidene Weise bemerkte, daß er während mehrerer Tage so viel
Not und Mühe an meinen Bord ausgestanden, um sich vielleicht Rechnung
auf eine außerordentliche Vergütung machen zu können, unterbrach ich ihn
durch die Erklärung: »Das ist allerdings wahr, Herr Schweiger. Geben Sie
dem Manne noch zwei Dukaten als williges Anerkenntnis seiner Treue und
angestrengten Fleißes.« -- Der Lotse bedankte sich, und das war abgetan.
Nun aber kam auch die Reihe an den alten Fischer von Enkhuizen. »Sagt
an, Vater, was habt Ihr verdient?« fragte mein Bevollmächtigter. Der
Kerl setzte sich nunmehr in Positur und ließ sich vernehmen: »Mynheer,
ich habe ein Schiff gerettet, das, wie ich weiß, eine Million wert ist
und dessen Kapitän eine Fracht von hunderttausend Gulden macht.
Derowegen verlange ich nicht mehr und nicht weniger, als _fünfzehnhundert_
Gulden an Lotsengebühr, und ich hoffe, _die_ sollen mir werden.«
Ich lachte dem alten Knaben ins Angesicht und fragte, ob er sich
vielleicht nur versprochen und fünf oder fünfzehn Gulden gemeint habe?
-- Er aber verneinte ernsthaft und meinte, daß er wohl ein Narr sein
müßte, sich damit abspeisen zu lassen. -- »Nun,« fiel ich ihm ein, »an
Eurer Narrheit hat es wohl keinen Zweifel, denn _die_ habt Ihr bei mir an
Bord durch all Eure Handlungen klar genug erwiesen. Laut unserem
schriftlichen Akkorde mag der Ausspruch auf vier Schiedsmännern beruhen,
oder Ihr mögt mich, wenn es Euch beliebt, verklagen.« -- Polternd und
scheltend verließ er auf diese Erklärung das Zimmer.
Um jedoch meine gute Sache zu wahren, säumte ich nicht, des nächsten
Tages mich und meine Schiffsmannschaft über die letzten Ereignisse
unserer Reise nach allen Einzelheiten gerichtlich und eidlich vernehmen
zu lassen, und insonderheit, wie ungeschickt und widersinnig sich der
vorgebliche Lotse angestellt und zu allem untauglich erwiesen. Dies
getan, brannte mir der Boden unter den Füßen, den Weg nach Amsterdam zu
Lande vollends zurückzulegen, daß ich mein Diamantenpäckchen los würde.
Sobald ich es dort in die rechten Hände abgeliefert hatte, war ich wie
ein neugeborener Mensch, und da ich zugleich alle Konnossements von
meiner Ladung mit mir genommen, ließ ich es meinen nächsten Gang sein,
den Kaufmann Floris de Kinder aufzusuchen, dem ich mich aus einer
früheren Lebensperiode dankbar verpflichtet hielt und mir daher auch
jetzt zum Kommissionär ersehen hatte. Ihm übergab ich meine Papiere, um
sie den Empfängern meiner Ladung vorzulegen, bei denen des anderen Tages
auf der Börse über meine glückliche Ankunft in Medemblyck große Freude
war.
Nach Verlauf einiger Tage, die ich in Amsterdam zubrachte, meldete mir
Herr Schweiger, daß der Alte aus Enkhuizen wirklich geklagt habe und daß
ein Termin zur Vernehmung angesetzt sei, wo meine Gegenwart erforderlich
werden möchte. Ich hatte diese wunderliche Geschichte schon meinem
Korrespondenten zum besten gegeben, der sie, gleich mir, als eine
Kinderei betrachtete. Indes ging ich doch nach Medemblyck ab und fand
dort eine Gerichts-Versammlung, aus fünf Personen bestehend, wobei auch
mein Widersacher nicht fehlte und seine Klage anhängig machte.
Meinerseits übergab ich die schon aufgenommene und eidlich bekräftigte
Verhandlung über den wahren Hergang der Sache, mit der Erklärung, daß,
wie wenig mir dieser Mensch auch irgend einige Dienste geleistet, ich
dennoch einer billigen Festsetzung seines Lohnes nicht entgegen sein
wolle. Man fragte mich, wie viel ich dem Manne gutwillig zu verabreichen
gedächte? -- und ich wiederholte, daß ich, bloß in Erwägung seines hohen
Alters, zehn Gulden um nichts und wieder nichts an ihn verlieren wolle.
-- Der alte durchtriebene Fuchs hingegen beharrte ursinnig auf seiner
ersten ausschweifenden Forderung.
Nach langem Hin- und Widerreden mußten wir abtreten und der
richterlichen Versammlung Zeit und Ruhe zum Deliberieren lassen. Das
dauerte länger als eine Stunde, wo endlich Kläger und Beklagter wieder
vorgefordert wurden, um das in hoher Weisheit ausgeheckte Urteil zu
vernehmen. Es lautete dahin, daß letzterer schuldig sein solle, dem
angenommenen Lotsen von Enkhuizen, sowohl für seinen dem Schiffe
geleisteten Beistand, als wegen unverzagter Daranwagung seines Leibes
und Lebens die volle Summe von eintausendfünfhundert Gulden bar
auszuzahlen, überdem aber so lange, bis diese Zahlung wirklich geleistet
worden, für jeden Tag eine Buße von zwei Gulden zu entrichten. Alles von
Rechtes wegen.
Ich berief mich auf meinen, mit dem alten Schelme ausdrücklich
getroffenen Vergleich und wollte die Sache an vier gewählte
Schiedsrichter gebracht wissen. Allein man bedeutete mir, mein Gegenpart
habe jenen Akkord nicht mit unterzeichnet, daher demselben auch alle
gesetzliche Gültigkeit ermangle. Wolle ich jedoch mich in die Sentenz
des Gerichts nicht fügen, so bleibe mir allerdings unbenommen, an den
Hof von Holland zu appellieren.
In der Tat aber kannte ich dieses Gericht, das sich so unvermutet zum
Herrn meines Beutels aufwarf, gar noch nicht einmal, und es schien mir
doch der Mühe wert, deshalb ein wenig genauer nachzufragen. So erfuhr
ich denn, daß die vier Bürgermeister von Hoorn, von Enkhuizen, von
Medemblyck, von Edam, und noch ein Prokurator sich die Mühe genommen,
diesen hochwichtigen Fall in ihrer Weisheit zu entscheiden. Je weniger
mir aber von dieser Weisheit einleuchten wollte, desto minder konnte ich
mich auch enthalten, ihnen zu erwidern: »Ihr Herren insgesamt versteht
vom Seewesen keinen Pfifferling und hättet also immer zu Hause bleiben
mögen. In Enkhuizen liegt aber, wie ich höre, ein holländisches
Kriegsschiff, warum habt ihr dessen Kapitän zu eueren Ratschlagungen
nicht mit zugezogen? In euerer Entscheidung vermisse ich alle Billigkeit
und Gerechtigkeit, und darum werde ich an erleuchtetere Richter
appellieren!« -- Das gesagt, kehrte ich ihnen den Rücken und schied von
dannen.
Allernächst aber schrieb ich an Herrn Floris de Kinder nach Amsterdam,
machte ihn mit der sauberen Sentenz bekannt und trug ihm auf, die Sache
mit den Empfängern der Ladung, welche nach Usance vornehmlich den Beutel
würden haben ziehen müssen, in genauere Überlegung zu nehmen und mir
wegen der Appellation nähere Instruktion zuzufertigen. Mochte es nun
aber sein, daß diese an ihrem Tee einen so erklecklichen Gewinn hatten,
um eintausendfünfhundert Gulden mit leichtem Sinn ans Bein zu binden,
oder daß sie Gang und Weise der holländischen Rechtspflege besser
kannten; -- genug, sie erteilten mir den Bescheid, ich sollte nur in
Gottes Namen die geforderte Summe zahlen, indem sie sich ihresteils die
Sentenz gefallen ließen. So war denn also das Lied am Ende.
Nach geleisteter Zahlung drückte mir's gleichwohl auf dem Herzen, mich
bei den gestrengen Herren zu befragen, auf welch Gesetz, rechtlichen
Grund oder Herkommen ihre gefällige Entscheidung sich denn eigentlich
stütze? -- Mir ward die Antwort: Es habe also und nicht anders
gesprochen werden müssen, damit, wenn hinfüro Schiffe in Not kämen, bei
anderen Leuten Mut und Wille erweckt werde, den Unglücklichen mit Hilfe
beizuspringen. -- »Hol' euch der Teufel mit eurer Hilfe!« dachte ich,
und schüttelte den Staub von meinen Füßen. -- Indes schlug das
Frostwetter im Dezember wieder um, so daß ich am 29. von Medemblyck
abgehen konnte, den 2. Januar 1781 vor Amsterdam anlangte und den Anfang
machte, meine Ladung zu löschen.
* * * * *
Gegen den 24. Januar, den Geburtstag unseres großen Monarchen, trieb es
mich, diesen Tag von allen preußischen, im Hafen ankernden Schiffen
durch Aufziehung aller Flaggen und Wimpel und Abfeuerung der Geschütze
feierlich begangen zu sehen. Mein Vorschlag fand bei allen wackeren
Landsleuten freudigen Eingang. Aber einen Strauß gab es mit dem
holländischen Kurantschreiber auszufechten, der die Ankündigung dieser
Feier in seinem Zeitungsblatt, entweder aus echt holländischem Phlegma
oder aus unvernünftiger Abneigung gegen den König, auf eine so
beleidigende Weise verweigerte, daß ich mit dem Grobian schier
handgemein geworden wäre, endlich aber mit Hilfe des preußischen Konsuls
ihn zur Räson bringen und für seine Lästerungen zur Strafe ziehen ließ.
Diese widrige Stimmung, die sich damals in Holland so allgemein äußerte,
empörte mein treues Preußenherz um so mehr, als die preußische neutrale
Flagge in dem Kriege mit England der Nation die entschiedensten Vorteile
für ihren Handel darbot, und selbst die holländischen Schiffs-Kapitäne,
welche sich dieser Flagge bedienten, durch nichts zu bewegen waren,
unserem Beispiele zu folgen und ihren Beschützer nach Würden zu ehren.
Solch ein Urian lag mir unmittelbar zur Seite vor Anker, und daß er sich
preußische Zertifikate zu verschaffen gewußt hatte, lag klar am Tage, da
er zuzeiten unseren schwarzen Adler von seinem Hinterteile hatte wehen
lassen.
Am Morgen des königlichen Geburtstages war bei diesem meinem Nachbar
alles in tiefster Ruhe und weder Flagge noch Wimpel bei ihm zu
verspüren. Erst spät hatte er sich den Schlaf aus den Augen gerieben,
aber sobald er sich auf dem Verdeck zeigte, warf ich ihm die Frage in
den Bart, ob er gleich mir und so vielen anderen rings um uns her, den
König von Preußen nicht auf herkömmliche Weise wolle hochleben lassen?
-- »Das werd' ich wohl bleiben lassen!« gab er zur Antwort, »was geht
mich euer König an?« -- Meine Erwiderung fiel, wie sich leicht denken
läßt, deutsch und derb aus, allein ohne etwas darauf zu geben, wandte er
mir den Rücken und ließ sich ans Land setzen.
»Topp!« gelobte ich mir selbst, »was der Schuft zu tun nicht Lust hat,
soll dennoch von mir und in seinem Namen geschehen!« -- Ich besaß zwei
Gestelle Flaggen und Wimpel, wovon das seidene bereits seit
Sonnenaufgang in meinem Tauwerke prangte und flatterte; das andere
baumwollene nahm ich jetzt zur Hand, stieg mit ein paar Leuten an Bord
des Holländers um es an seinen Masten aufzuziehen, ohne daß das
Schiffsvolk, das sich an einfältigem Maulaufsperren begnügte, meiner
Keckheit Einhalt zu tun versuchte. Und so wehten meine Flaggen den
ganzen Tag, ohne daß jemand sich unterstanden hätte, sie herabzureißen,
oder daß der Kapitän sich hätte sehen lassen.
Indes war nicht nur meine eingebrachte Ladung in der Mitte Februars
gelöscht, sondern vier Wochen später hatte ich auch bereits wieder eine
neue Fracht nach Lissabon eingenommen, die in hundert Last Weizen,
zweihundert Tonnen schwedischen Tees und einigen tausend Edamer Käsen,
von fünf bis sechs Pfund an Gewicht, bestand. Gleich darauf machte ich
Anstalten, in See zu gehen, und war eben im Begriff, meine Anker
emporzuwinden, als ich mich gegen den Steuermann äußerte: »Nun, Gott sei
gedankt, daß wir hier los sind, denn nie habe ich nach schon vollendeter
Reise so viel Verdruß und Unannehmlichkeit erfahren, als diesmal unter
den Holländern!« -- Aber wie wenig ahnte ich, daß mir schon in der
nächsten halben Stunde eine weit größere Widerwärtigkeit begegnen
sollte, als alle früheren.
Indem ich nämlich eben meine Segel aufgezogen, die Anker aber nur soweit
emporgewunden hatte, daß sie noch vor dem Bug unter Wasser hingen, das
Schiff aber in die fließende Fahrt gelangte, kam eine ledige T'Gelke
[flaches Fahrzeug, auf der Zuider-See gebräuchlich] gegen meine Seite in
einer Richtung angesegelt, daß wir unausbleiblich zusammenstoßen mußten,
wofern sie nicht noch beizeiten absteuerte. Ich machte meine Leute
aufmerksam, ergriff aber zugleich auch das Sprachrohr, lief damit nach
vorn und rief dem Fahrzeuge zu: »Haltet ab! Holt euer Ruder nach
Steuerbord!« -- Auf dies Rufen sahen sich endlich die beiden Menschen
auf der T'Gelke, die mir bisher den Rücken gekehrt, nach meinem Schiffe
um, erkannten die Gefahr, worin sie schwebten, holten aber in der
Bestürzung das Ruder auf die Backbordseite, wodurch sie, anstatt mir
auszuweichen, gerade auf meinen Bug gerieten.
Jetzt ward das Unglück mit jedem Augenblick größer. Mein Bugspriet
verwickelte sich in das Segel und die Takelage der T'Gelke; meine Anker,
die noch unter Wasser waren, mochten wohl unter ihre Kimmung geraten,
und da mein Schiff sich bereits in ziemlichem Schusse befand, so drückte
es jenes kleinere Fahrzeug auf die Seite, übersegelte es endlich und
fuhr rumpelnd darüber hin, als ob es über eine Klippe hinweggestreift
wäre. Eine halbe Minute später kam die T'Gelke hinten in meinem
Kielwasser wieder zum Vorschein, aber gekantert und das Unterste zu
oberst schwimmend.
Ich war von Herzen erschrocken, und das um so mehr, da ich fürchten
mußte, daß mein Schiff an seinem Boden beträchtlichen Schaden gelitten
haben möchte. Sofort ließ ich zu den Pumpen greifen, doch alles war und
blieb dicht und gut, nur an meinem Bugspriet und dessen Takelage war
eine so arge Verwüstung angerichtet, daß ich auf der Stelle wieder den
Anker fallen lassen mußte, um zur Ausbesserung zu schreiten. Inzwischen
waren auch von allen herumliegenden Schiffen Boote und Fahrzeuge
abgestoßen, um die beiden Menschen zu bergen und nach der verunglückten
T'Gelke zu sehen. Ich aber konnte mich, mit meinem eigenen Schaden
beschäftigt, danach nicht aufhalten, sondern eilte, wieder unter Segel
zu kommen.
Als ich nun einige Tage nachher im Texel anlangte, fand ich einen Brief
von meinem Korrespondenten, Herrn Floris de Kinder, vor, worin mir
berichtet wurde, daß der verunglückte T'Gelken-Schiffer gegen mich
klagbar geworden und Schadenersatz von mir verlange. Er riet mir also,
vor dem Gerichte im Texel zu erscheinen und samt meiner Mannschaft eine
eidliche Erklärung über den ganzen Hergang abzulegen, diese aber an ihn
einzusenden, damit jenen Ansprüchen gehörig begegnet würde. Dies
geschah, und aus der gerichtlichen Vernehmung ging genüglich hervor, daß
jener Schiffer nicht nur sein Unglück sich selbst zugezogen, sondern
auch mir selbst Not und Schaden verursacht habe. Der endliche Erfolg
war, daß jener seine Ansprüche weiter nicht verfolgte, daß ich aber auch
meine eigene erlittene Einbuße verschmerzen mußte.
* * * * *
Ich ging inzwischen aus dem Texel in See und hatte in den ersten drei
Wochen mit widrigen und stürmischen Winden zu schaffen, die mich in der
Nordsee umherwarfen. Als ich jedoch Dover passiert hatte, wurden sie mir
günstiger, obwohl sie bald in den stärksten anhaltenden Sturm
ausarteten. Mein Schiff lief vor demselben in fliegender Fahrt mit so
unglaublicher Schnelle einher, daß ich -- was vielleicht zuvor nie
erhört worden -- den Weg von Dover nach Lissabon binnen vier Tagen
zurücklegte und also in jeder Stunde im Durchschnitt vierthalb Meilen
zurücklegte. Ein portugiesischer Kapitän, den ich als Passagier an Bord
hatte und der wegen Unpäßlichkeit während dieser ganzen Zeit nicht aus
der Kajüte hervorgekommen war, wollte seinen Augen nicht trauen, als er
das Verdeck bestieg und die Ufer seines vaterländischen Tajo blühend vor
sich liegen sah. Nur in unserer Eigenschaft als Ketzer und unserer
daraus hergeleiteten näheren Verbindung mit dem Fürsten der Finsternis,
vermochte er sich eine Fahrt zu erklären, die nicht durch die Wellen,
sondern durch die Luft bewerkstelligt sein müsse.
Das mochte einem Manne verziehen werden, dem früh eingesogene religiöse
Vorurteile den Sinn befingen; allein was sollte ich sagen, als ich des
anderen Tages an der Tafel meines Korrespondenten, Herrn John Bulkeley,
mit mehreren englischen und amerikanischen Schiffs-Kapitänen
zusammentraf, denen ich von dieser Schnelligkeit meiner letzten Reise
erzählte und dabei deutlich an ihren verzogenen Gesichtern und
blinzelnden Blicken bemerkte, wie wenig sie zumal in Erwägung der
schweren Befrachtung meines Schiffes, Glauben in meine Versicherung
setzten? Im stillen Ärger konnte ich kaum den nächsten Tag erwarten, wo
wir wiederum beisammen waren, um diesen schnöden Zweiflern mein
mitgebrachtes Schiffsjournal vorzulegen.
Bald darauf kam ich ans Ausladen, und nachdem ich des Tees ledig
geworden, traf nunmehr die Reihe meinen bedeutenden Käsevorrat. Hierbei
aber mischte sich die Hafenpolizei von Lissabon auf eine mir
unbegreifliche Weise ein, indem sich zwei portugiesische Barken, deren
eine mit Militär besetzt war, mir zu beiden Seiten legten. Der Käse
ward, Stück für Stück, von den bestellten Aufsehern befühlt und
berochen, ob sich nicht irgendwo eine faule oder verdächtige Stelle
zeigte. Jedes derartige Stück warf man sofort in die bewaffnete Barke,
und als ich erstaunt nach der Ursache eines so wunderlichen Verfahrens
forschte, ward mir der Bescheid: Kein Käse, der auch nur einen
gedrückten Fleck an sich habe, werde, als der Gesundheit nachteilig,
zugelassen, sondern sofort ins Wasser geworfen. Vergebens erwiderte ich,
daß in aller übrigen Welt gerade der angefaulte Käse seine besonderen
und häufigen Liebhaber finde; man meinte aber, dazu gehöre auch ein
ketzerischer Magen, in Portugal hingegen müsse aus solchem Genusse
alsobald die Pest entstehen.
Allmählich hatte sich die als verdächtig ausgemerzte Ware in der
Kriegsbarke zu einem ansehnlichen Haufen angesammelt. Diese machte sich
demnach von meinem Borde los, entfernte sich einige hundert Klafter
abwärts und begann nun, den konfiszierten Käse ins Wasser zu werfen.
Überall trieben die Stücke umher, aber ebenso bald auch machten alle
Schaluppen und Fahrzeuge in der Nähe Jagd auf eine so willkommene Beute.
Die Soldaten in der Barke suchten zwar diese Kapereien zu verhindern,
schrieen, schimpften, und machten sogar Miene, Feuer zu geben; doch
demungeachtet ward ein großer Teil von diesem Pestkäse glücklich wieder
aufgefischt und hoffentlich auch ohne weiteren Nachteil für Leben und
Gesundheit verzehrt.
Aber auch mein Weizen machte den Polizei-Offizianten Besorgnis. Denn
ihrer sieben fanden sich ein, um seine Beschaffenheit zu untersuchen.
Unglücklicherweise fanden sich nun einige zwanzig Weizensäcke, die zu
äußerst an den Seiten gelegen hatten und von dem feuchten Dunst im Raume
auswendig beschimmelt waren. Sofort war auch ihnen das Todesurteil
gesprochen. Sie wurden aufgeschnitten und der Inhalt kurzweg über Bord
geschüttet. Ich bewies durch den Augenschein, daß der Weizen in diesen
Säcken nicht den mindesten Schaden gelitten, ich klopfte ihnen sogar auf
ihre Schubsäcke, die sie mit diesem nämlichen, für verpestet
ausgeschrienen Korne dick auszustopfen nicht verabsäumt hatten. Sie
schüttelten bloß die Köpfe und entgegneten, die eingesackten Pröbchen
seien nur zum Futter für ihre Hühner bestimmt, die sich ja als ein
unvernünftiges Vieh den Tod nicht daran fressen würden.
Überhaupt sollte mein diesmaliger Aufenthalt in Lissabon nicht so
geeignet als jener frühere sein, mir eine vorteilhafte Meinung von den
Portugiesen beizubringen. Als ich eines Tages mit meinem Sohne, der mich
auf dieser Fahrt begleitete, durch eine abgelegene Gasse ging,
erblickten wir unter einem Bogengewölbe ein Muttergottesbild, vor
welchem mehrere Lichter brannten. Vor dergleichen pflegt kein guter
Katholik vorüberzugehen, ohne seine Kniee zu beugen und seinen
Rosenkranz abzubeten. Zu beidem spürten wir keine Lust in uns. Ich
blickte daher sorgsam vor und hinter mich, und da ich nirgends eine
menschliche Seele gewahrte, rief ich meinem kleinen Begleiter zu, tapfer
mit mir fortzuschreiten, bevor uns jemand hier erblickte und uns
vielleicht ein böses Spiel bereitete.
Doch in dem nämlichen Augenblicke führte unser Unstern einen
liederlichen Gassenbuben herbei, der unsern Mangel an Andacht
wahrgenommen haben mochte, und sofort mit Hallo und Geschrei hinter uns
drein lief, Steine aus dem Pflaster aufriß und uns mit Würfen verfolgte.
Gleich in der nächsten Minute hatte sich ein ganzer Menschenschwarm
gesammelt, der auf uns einstürmte, uns mit Unflat bewarf und aus vollem
Halse den Ausruf »Ketzer! Ketzer!« hinter uns her ertönen ließ.
Glücklicherweise konnten wir um eine Straßenecke und dann wieder um eine
Ecke einbiegen, wodurch wir dem rasenden Pöbel aus dem Gesichte kamen.
Zu noch besserer Sicherheit traten wir in einen, uns eben aufstoßenden
Gewürzladen, wo ich eine Kleinigkeit kaufte und den aufgeregten Sturm
vollends vorüberziehen ließ.
Alles dies vermehrte meinen Wunsch, diesen Hafen je eher je lieber
wieder zu verlassen. Auch fand ich binnen kurzem eine anderweitige
Ladung, aus Zucker, Kaffee, Wein bestehend, die nach Hamburg bestimmt
war und mit deren Einnehmung ich mich sofort aufs fleißigste
beschäftigte. Hier aber traf mich alsbald ein Verdruß anderer Art, der
mich um all meine gute Laune zu bringen drohte. Es gab nämlich eine
Menge von dänischen, schwedischen und holländischen Schiffen auf dem
Platze, welche mich um diese vorteilhafte Fracht beneideten und sie
womöglich gerne rückgängig gemacht hätten. Da sie nun allesamt mit den
Barbaresken in Frieden lebten, ich aber als Preuße keine Türkenpässe
aufzuweisen hatte, so sprengten sie an der Börse die lügenhafte Zeitung
aus, daß zwei Algierer vor der Mündung des Tajo kreuzten und auf gute
Beute lauerten.
In der Tat erreichten sie insofern ihren Zweck, daß meinen Auftraggebern
unheimlich bei der Sache wurde, da sie bei mir auf keine freie Flagge
zu rechnen hatten, und einer von ihnen, der mir bereits zwei Kisten mit
spanischen Talern, als Frachtgut, in meine Kajüte gegeben hatte, ließ
sie zurückfordern, und zog es vor, sich mit mir auf Erlegung der halben
bedungenen Fracht zu einigen. Dagegen wußte ich die übrige, schon
eingenommene Ladung standhaft zu behaupten, stach mit Ausgang des Juli
in See, ohne einen Korsaren zu erblicken, und erreichte, sonder alles
weitere Abenteuer, die Elbe glücklich und wohlbehalten.
* * * * *
Indes schien es mir gleichwohl vom Schicksal bestimmt, daß ich immer
aufs neue mit Lissabon zu schaffen haben sollte; denn gleich meine
nächste Fahrt, mit allerlei Stückgütern von Hamburg, war wieder auf
diesen Platz gerichtet. Ich ging dahin im September ab, konnte aber erst
Mitte November im Tajo Anker werfen. Desto hurtiger ging es aber mit
meiner nächsten wiederum nach Hamburg bestimmten Rückreise, wo ich
bereits nach Verlauf von vier Wochen anlangte, aber nun auch, des
inzwischen eingetretenen starken Frostes wegen, mich entschließen mußte,
zu überwintern.
Im nächsten Frühling 1782 neigte sich der amerikanische Krieg immer mehr
zum Ende. -- Ein Ereignis, welches sofort auch einen sehr bemerkbaren
ungünstigen Einfluß auf den bisher so lebhaft betriebenen Handel der
Neutralen äußerte, und wovon ich selbst unmittelbar die Folgen spürte,
indem ich beinahe den ganzen Sommer auf der Elbe liegen blieb, ohne
irgendeine mir konvenable Fracht zu finden. Diesen mir aufgedrungenen
Müßiggang benutzte ich dazu, meine Papiere in Ordnung zu bringen und
mich mit meinem Patron, Herrn Groß in Stettin, über sämtliche Reisen,
die ich bisher für ihn getan hatte, zu berechnen. Sobald dies Stück
Arbeit fertig war, schickte ich es, mit sämtlichen Belegen über Einnahme
und Ausgabe, an ihn ein, und machte ihm bemerklich, wie ich mit seinem
Schiffe, nach Abzug aller Ausrüstungs- und Unterhaltungskosten, aller
Volkslöhnungen, angeschafften und verbrauchten Provisionen,
Assekuranz-Prämien und außerordentlichen Kosten reine fünfunddreißigtausend
Taler für ihn verdient habe. Was jedoch den letzteren Artikel der
»extraordinären Ausgaben« betreffe, so beruhigte ich mich mit seiner
eigenen langen Erfahrung im Schiffswesen, daß er den Unterschied der
Zeiten nicht übersehen werde.
Diesen Rechnungen schloß ich zugleich eine Übersicht meiner eigenen
Forderungen an ihn bei, die sich auf tausendsiebenhundertundeinundsiebzig
Taler und einige Groschen beliefen, mit der Bitte, mir darüber einen
Revers zukommen zu lassen, den ich, um Lebens und Sterbens willen, bei
Johann Daniel Klefecker in Hamburg niederzulegen gedächte. Meine Papiere
aber wünschte ich, nachdem sie von ihm durchgesehen und gutgeheißen worden,
von seiner Güte zurückzuempfangen.
Herr Groß schien jedoch bei diesem allem keineswegs die Eile zu haben,
welche meine Ungeduld bei ihm voraussetzte. Seine Antwort blieb mir bald
gar zu lange aus. Alles was mir früher von seiner unverträglichen
Gemütsart gesagt worden, stieg mir wieder zu Kopf, und da ich noch
verschiedene Posttage wieder vergeblich geharrt hatte, konnte ich mich
länger nicht enthalten, ihm schriftlich mein Befremden zu äußern, daß er
mich in dieser peinigenden Ungewißheit lasse. Erregten ihm meine
Rechnungen Mißtrauen, und zweifle er an meiner Redlichkeit, so möge er
hier in Hamburg einen anderen Schiffer bestellen, damit ich mich in
Stettin persönlich ausweisen und meine Ehre sicherstellen könne.
Kaum war dies Dokument meines Unmuts auf den Weg gegeben, als mit
nächster Post ein Schreiben von Herrn Groß einlief, das mich in der
innersten Seele beschämte. Er äußerte sich darin: »Mein lieber Sohn, ich
bin mit Ihnen, wie mit Ihren Rechnungen und Handlungen, herzlich zufrieden.
Für Ihre treuen und ehrlichen Dienste übersende ich Ihnen hierneben als
Geschenk einen Wechsel von tausend Mark Hamburger Banko, den Sie sogleich
ziehen mögen, damit Sie Geld für sich in Händen haben. Demnächst erhalten
Sie den verlangten Revers über tausendachthundertundeinundsechzig
Taler, die Sie bei mir zugute haben.«
Hier gab es jedoch eine Differenz von neunzig Talern in dem letzteren
Posten, die, so sehr auch alles übrige mich freute, nur in einem
Rechnungsfehler meines Patrons ihren Grund haben konnte und also
ehebaldigst ausgeglichen werden mußte. Indem ich mein Buch zu Hilfe
nahm, konnte ich ihm sogar auch die Gelegenheit nachweisen, wo ich
diesen sich doppelt angerechneten Vorschuß von neunzig Talern in Stettin
verausgabt hatte. Ich machte ihn also schriftlich hierauf aufmerksam,
und bat, mir einen anderen, um soviel niedriger gestellten Revers zu
behändigen. Er aber antwortete mir: »Allerdings habe ich mich in meiner
Rechnung versehen, allein nicht in Ihrer Rechtschaffenheit; und so soll
es mit meinem zuerst ausgestellten Revers sein Bewenden behalten.«
* * * * *
Inzwischen hatte ich diesem Ehrenmanne, als bereits der Juli
herangelaufen war, gemeldet, daß mir's unerträglich fiele, mit seinem
Schiffe hier noch länger untätig auf der Bärenhaut zu liegen und es im
Hafen verfaulen zu sehen. Er möchte mir demnach gestatten, Ballast
einzunehmen und nach Memel zu gehen, wo ich eine Ladung fichtener Balken
für eigene Rechnung einzunehmen und diese in Lissabon abzusetzen
gedächte, die dort, meiner Erfahrung nach, mit Vorteil abzusetzen sein
würde. Als Rückfracht ließe sich, im schlimmsten Falle, wiederum eine
Ladung Seesalz einnehmen und nach Riga verführen.
Herr Groß stand nicht an, diese Vorschläge zu genehmigen. Ich nahm, da
ich meine Leute schon im Winter entlassen, neues Hamburger Schiffsvolk
an und trat, Mitte August, die Reise nach Memel an. Als wir zur Elbe
hinaus und gegen Helgoland kamen, ging der Wind in Westnordwest, und es
war regnerisches und stürmisches Wetter. Mein Steuermann hatte, wie ich
mit Leidwesen bemerkte, etwas zu tief in die Flasche gesehen. Ich
wollte dem Ding abhelfen, ließ einen Teekessel mit Wasser und Wein
aufsetzen und reichte ihm davon einige Tassen zur Ernüchterung: allein
das schien ihn fast noch mehr zu benebeln. Um 8 Uhr abends teilte ich
die Wachen ein, demzufolge der Steuermann und das halbe Volk die erste
bis Mitternacht übernehmen sollten, und wobei ich den ersteren anwies,
auf keinen Fall östlicher als Nordost zu steuern, um nicht auf Land zu
geraten, bei dem allermindesten Vorfall aber, der sich ereignen könnte,
mich sofort zu wecken.
Zwar begab ich mich hierauf in meine Kajüte zur Ruhe, doch war mein
Gemüt zu voll von Unruhe und böser Ahnung, als daß ich hätte Schlaf
finden können. Ich warf mich hin und her im Bette; horchte nach jedem
Geräusche, das auf dem Verdeck über mir laut ward, und hörte endlich den
Mann am Ruder in die Worte ausbrechen: »Nein, es geht doch toll auf
diesem Schiffe her! Kein Licht beim Kompaß; kein Steuermann auf dem
Deck. -- Ich weiß selbst nicht mehr in der Finsternis, welchen Strich
ich halten soll.«
Es war mir bei diesen angehörten Stoßseufzern, als ob mich der Donner
rührte. Ich fuhr mit gleichen Füßen aus dem Bette und sprang aufs
Verdeck. »Was steuert Ihr auf dem Kompaß?« fragte ich den Menschen und
erhielt eine konfuse Antwort, aus welcher ich jedoch vernahm, daß ihm
der Wind das Licht, welches sonst regelmäßig neben dem Kompaß in einer
Laterne brennt, ausgeweht habe. Daneben spürte ich deutlich, daß uns der
Wind von hinten kam, anstatt er höchstens den Backbord hätte treffen
sollen. -- »Wo ist der Steuermann?« -- Der lag in seiner Koje,
schnarchte und wußte von seinen Sinnen nichts!
Fast hätte eine so rasende Unordnung mich auch um die meinigen gebracht!
Ich machte Lärm unter dem Volk; es mußte Licht gebracht werden, und als
ich damit den Kompaß beleuchtete, ersah ich mit Todesschrecken, daß das
Schiff gegen Südosten, gerade auf die Küste zu, anlag. Ohne einen
Augenblick zu verlieren, griff ich zur Ruderpinne, wandte das Schiff
durch Süden nach Westen und ließ gleich darauf das Bleilot auswerfen,
welches nicht mehr als vier Klafter Tiefe anzeigte. So lag es denn am
Tage, daß wir nur noch ein paar Minuten länger in jenem verkehrten Kurs
hätten fortsteuern dürfen, und wir wären ohne Rettung auf den Strand
gegangen, wo wir vielleicht Schiff und Leben eingebüßt hätten.
Aber auch jetzt noch blieb es für die ersten Augenblicke zweifelhaft, ob
alle unsere Anstrengungen uns aus dieser Gefahr wieder loshelfen würden.
Sobald ich endlich diese Überzeugung gewonnen hatte, schien es mir
nötig, ein Beispiel zu statuieren. Ich holte den Taugenichts von
Steuermann bei den Haaren aus seiner Kammer hervor, gab ihm ein paar
Fußtritte, wie er's verdient hatte, und hielt zugleich auch der übrigen
Mannschaft eine Strafpredigt, woran sie meinen Ernst abnehmen mochte.
Von jetzt an gab es nichts als widrige Winde, die uns volle vierzehn
Tage hindurch nötigten, in der Nordsee und bei Skagerrak umherzukreuzen.
Was aber meinen Unmut noch höher steigerte, war der widerspenstige Sinn
meines Schiffsvolks, der sich, je länger je ungescheuter, offenbarte.
Kam es zu verdienten Verweisen und Ermahnungen, so hieß es immer: »Pah!
Wir sind Hamburger und keine Preußen! Wir kennen unsere Rechte; so muß
man uns nicht kommen!« -- Was mich jedoch am meisten verschnupfte, war
eine gegen allen Seemannsbrauch streitende Gewohnheit, die sie gegen
meinen Willen in Gang zu bringen suchten. Sie lagen nämlich bei Tag und
Nacht über ihren Tee- und Kaffeekesseln, und so oft ich in die Kombüse
sah, hingen oder standen acht oder zehn solcher Maschinen bei einem
Feuer, woran man vielleicht einen Ochsen hätte braten können -- ein
Unwesen, wobei nicht nur unser Kohlenvorrat unnütz verschwendet, sondern
auch dem Schiffe beständige Gefahr durch verwahrlostes Feuer drohte.
Als mir dieser Unfug endlich zu arg ward, tat ich ihnen ernstliche
Vorhaltung, daß dies gegen alle gute Ordnung sei und fortan abgestellt
bleiben müsse. Es solle dagegen mein eigener großer Kessel fortwährend
am Feuer stehen, und was ich selbst nicht gebrauchte, möchten sie nehmen
und unter sich einteilen. Allein auch das war in den Wind geredet, und
mit dem Tee- und Kaffeegesöff blieb es beim alten. Fast gewann es den
Anschein, als ob man Lust habe, sich um meine Anordnungen gar nicht mehr
zu kümmern.
Eines Abends, nach Endigung des Gebets, hieß ich der Mannschaft noch
etwas sitzen zu bleiben, und mit ebensoviel Ernst als Güte deutete ich
ihnen meinen festen Willen an, daß das Kunkeln mit den vielen Teekesseln
von Stund an ein Ende haben müsse. Sie hingegen pochten, unter Lärm und
Geschrei, nach gewohnter Weise, daß sie Hamburger wären und keine
Preußen, und sich ihr Recht nicht nehmen lassen würden. Ich hielt jedoch
an mich und sagte mit möglichster Ruhe: »Ihr wißt nun meinen Willen, und
das ist genug!«
Am nächsten Morgen um 8 Uhr stieg ich, meiner Gewohnheit gemäß, in den
Mastkorb, mich umzusehen. Indem ich dabei meine Blicke zufällig nach
unten richtete, nahm ich wahr, daß mein ganzes Volk, den Bootsmann und
den Koch an der Spitze, wie verabredet, in einer Reihe, und jeder seinen
Teekessel in der Hand, von hinten nach der vorderen Luke zuschritten, um
sich im Raume mit frischem Wasser zu versehen. Dies sehen und mich am
nächsten besten Tau an den Händen herunterlassen, war das Werk eines
Augenblicks. Glücklich gelangte ich so aufs Verdeck, bevor sie noch die
Luke erreichten, und mit fester Stimme rief ich: »Was ist das? Was soll
das?« -- indem ich zugleich dem Bootsmann wie dem Koch die Teekessel aus
den Händen riß und weit hinaus über Bord ins Meer schleuderte.
Hui, das hieß in ein Wespennest gestochen! Die Kerle schlossen einen
dichten Kreis um mich her, und schrien wie unsinnig: »Schlagt zu!
Schlagt zu!« -- doch keiner hatte das Herz, der erste zu sein. Diese
Unschlüssigkeit gab mir Zeit, mich durch sie hindurchzuwinden und mit
starken Schritten nach meiner Kajüte zu eilen, wiewohl alsobald auch
der helle Haufe mit einem fürchterlichen »Halt auf! Schlag zu! Halt
fest!« mich auf dem Fuße dahin verfolgte. Doch gelang mir's, die
Kajütentür hinter mir zuzuschlagen und den Riegel von innen
vorzuschieben.
In der Tat war nun meine Lage bedenklich genug: mein Leben sowohl wie
die Erhaltung des Schiffes standen hier auf dem Spiele. Sinnend und in
stürmischer Bewegung ging ich auf und nieder, um über irgendeine
durchgreifende Maßregel zu meiner Rettung mit mir einig zu werden. Ich
erinnerte mich endlich, daß ich, einige Reisen früherhin, in Hamburg
einen Abdruck des dort geltenden Schiffs- und Seerechts gekauft und bei
mir an Bord hatte, sowie, daß ich dasselbe zum öftern durchblättert und
mir mehrere Punkte angestrichen hatte, worüber Volk und Schiffer am
leichtesten und gewöhnlichsten miteinander zu zerfallen pflegen, falls
ich irgend einmal in einen ähnlichen Zwist geraten sollte.
Ungesäumt holte ich dies Buch aus seinem Winkel hervor, schlug den
gesuchten Artikel nach, und fand folgendes verzeichnet:
»Einem Schiffer steht frei, seine Leute zu züchtigen, und es darf
keine Gegenwehr geschehen. Sollte aber ein Schiffsmann sich
unterstehen, seinen Schiffer zu schlagen oder sonst zu mißhandeln:
so wartet seiner der Galgen, nach Hamburger Recht. -- Ebenso nach
englischem und holländischem Seerecht. -- Nach dänischen und
schwedischen Gesetzen wird der Verbrecher mit der Hand an den
Galgen genagelt, um 6 Stunden daran zu stehen, bis ihm das Messer,
womit er angenagelt ist, wieder herausgezogen worden. -- Nach
preußischem Seerecht wird er 6 Monat in Eisen an die Karre
geschmiedet.«
Ich zeichnete nunmehr diese Gesetzstelle an, legte das Titelblatt mit
den großgedruckten Worten »Hamburgisches Schiffs- und See-Recht«
aufgeschlagen auf den Tisch, und meinen kurzen aber gewichtigen
Rohrstock daneben, und zog nun die Glocke, die den Kajütenjungen mit
seiner Frage: »Was zu Dienst?« herbeirief. -- »Der Bootsmann soll zu
mir kommen.« -- Eine Minute später trat der Geforderte zuversichtlich
in die Kajüte, deren Tür ich sofort hinter ihm ins Schloß warf.
»Kannst du Deutsch lesen, Bursche?« fragte ich ihn, indem ich ihm dicht
auf den Leib trat. -- »Hm, ich werde ja! Was soll's damit?« lautete die
Antwort. -- »So tritt her und lies diesen Titel. Das sind die Gesetze,
wonach deine Vaterstadt dich und deinesgleichen richtet. Und nun lies
und beherzige hier auch _diesen_ Artikel.« -- Er sah den Paragraphen
überhin an und fuhr dann heraus: »Hoho, das ist nur Wischewäsche!« --
»So, guter Kerl? Nun, so will ich dir zeigen, was Wischewäsche ist,« und
damit griff ich nach dem spanischen Rohr und walkte ihn durch aus
Leibeskräften. Das böse Gewissen erlaubte dem Buben nicht, sich tätlich
zu widersetzen, sondern er taumelte nur stöhnend aus einem Winkel in den
anderen, um meinen Streichen zu entgehen. So geschah es, daß mein
Strafgericht in dem engen Raume der Kajüte ebensowohl die umher
angebrachten Glasschränke samt den darin befindlichen Gläsern und Tassen
traf, was ich aber in meinem brennenden Eifer nicht achtete.
Endlich, da ich meinen Arm erlahmt fühlte, stieß ich den Taugenichts mit
den Füßen zur Kajüte hinaus, riegelte die Tür hinter mir zu und nahm mir
nun etwas Zeit zum Verschnaufen. Der Anfang zur Wiederherstellung meiner
Autorität war glücklich gemacht und damit zugleich ein schwerer Stein
von meinem Herzen gefallen. Die Kerle steckten in keinen reinen Schuhen
und fingen an, bei meiner Entschlossenheit perplex zu werden. Ich durfte
nun aber auch nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern sie mußten
noch gewichtiger fühlen, daß ich ihnen gewachsen war. Sobald ich mich
demnach ein wenig erholt hatte, zog ich abermals die Schelle und ließ
nunmehr auch den Koch vor mich fordern.
Der Schelm mochte nun wohl schon erfahren haben, was seiner wartete. Er
leistete also zwar Gehorsam, beobachtete aber die kluge Vorsicht, die
Tür nur gerade so weit zu öffnen, daß mir Nase und Augen sichtbar
wurden. »Näher, Schurke!« donnerte ich ihm entgegen; er hingegen suchte
mich zu begütigen und bat: »O, lieber Kapitän, laßt es doch gut sein!«
-- Ich wiederholte mein Gebot; da er aber gleichwohl die Tür in der Hand
behielt, warf ich ihm mein Rohr an den Kopf, und er sah dabei seine
Gelegenheit ab, die Tür zuzuschnappen und sich aufs Verdeck
zurückzuziehen. -- Auch der zweite Feind war nun aus dem Felde
geschlagen; jetzt kam es noch darauf an, einen entscheidenden
Hauptschlag zu vollführen und die Kerle durch plötzlichen Schreck
vollends zu unterjochen.
Ich überlegte im Auf- und Abgehen, daß, je längere Zeit ich bei dem
anhaltenden Gegenwinde bedürfen würde, um den Sund zu erreichen und mein
rebellisches Volk durch obrigkeitlichen Beistand zu Paaren zu treiben,
leicht in den nächsten Augenblicken sich etwas ereignen könnte, was
seinen gesunkenen frechen Mut wieder höbe und das Übel ärger machte. Am
gescheitesten also schien mir's, den nächsten norwegischen Nothafen
aufzusuchen und dort Recht und Gerechtigkeit zu fordern.
Hierzu entschlossen, nahm ich meinen Schiffshauer unter den Arm, kam
festen Schrittes auf das Verdeck hervor und gebot dem Manne am Ruder:
»Paß auf, Junge, und steuere Nordnordost!« -- Das gesamte Schiffsvolk
stand auf einem Haufen versammelt und steckte die Köpfe zusammen. Als
ich ihnen aber zurief, nach vorn zu gehen und die Segel nach dem Winde
zu ziehen, verrichteten sie diese Arbeit pünktlich und in sichtbarer
Gemütsbewegung. Nur der Steuermann, der sich bei dem ganzen Vorgange wie
ein Dummbart abseits gehalten, trat jetzt mit der verwunderten Frage zu
mir heran: »Ei, Kapitän, wo denn nun hin?« -- »Wie?« rief ich in Gift
und Galle, »Ihr seid Steuermann und begreift das nicht? Nach Norwegen
geht der Kurs, und dort geradezu auf den Galgen los. Will ich meines
Lebens und Schiffes sicher sein, so müssen binnen hier und drei Tagen
ein paar Rebellen hoch in der Luft baumeln!«
Das sämtliche Volk hatte diese Drohung, wie es meine Absicht war, mit
angehört. Ich hörte ihr Geflüster und sah, wie sie untereinander etwas
ernstlich zu bereden schienen. Noch konnte ich nicht erraten, was sie im
Schilde führten. Um aber auf alles gefaßt zu sein, zog ich meinen Hauer
blank, trat mitten unter sie und fragte gebieterisch: was sie wollten?
-- Der Bootsmann nahm für sie das Wort, dem sie nach und nach alle
beifielen, und gestand mit Zerknirschung, sie hätten sich übereilt und
vergangen, bäten mich um Vergebung und versprächen, sich hinfüro besser
gegen mich zu betragen.
»Ei wohl!« entgegnete ich ihnen -- »Respekt und Gehorsam gegen mich
verstehen sich wohl von selbst. Aber was ich wegen des Vergangenen über
euch beschließe, darüber werde ich mich allerdings noch besinnen müssen.
Jetzt an die Arbeit!« -- Für mich selbst aber zog ich nunmehr in
Erwägung, daß, da die Kerle dergestalt zu Kreuze gekrochen, die Fahrt
nach Norwegen nur eine unnötige Zeitversplitterung sein und es besseren
Vorteil versprechen werde, in See zu bleiben und meine Reise möglichst
zu beschleunigen. Indem ich sie also aufs neue zusammenberief, erklärte
ich ihnen, daß ihr böser Handel vorerst mit dem Liebesmantel zugedeckt,
wenngleich nicht ganz vergeben sein solle, was sich zu seiner Zeit
weiter ausweisen werde.
Demnach änderte ich meinen Kurs wieder nach Osten gegen das Kattegatt,
bis mich in der Nacht vom 2. zum 3. September ein dermaßen schrecklicher
Sturm aus Nordosten überfiel, wie ich ihn kaum jemals erlebt habe und
wie er in dieser beengten Meeresgegend verdoppelte Gefahr drohte. Am
Abend vorher zählte ich in meinem Gesichtskreise, auf etwa zwei Meilen
umher, nicht weniger als zweiundvierzig Segel, die gleich mir nach dem
Sunde steuerten. Der Sturm verstärkte sich aber von Stunde zu Stunde, so
daß ich endlich keinen einzigen Lappen Segel führen konnte und mit jeder
Woge fürchten mußte, auf eine blinde Klippe zu stoßen, welche hier
meilenweit vom Lande zu Hunderten umhergesät sind. Doch Gott erhielt uns
wunderbarlich; am nächsten Morgen aber waren von jenen zweiundvierzig
Schiffen nah und fern nicht mehr als vierzehn zu erblicken und gewiß
ging der größte Teil der fehlenden in dieser entsetzlichen Nacht
zugrunde. Für uns Gerettete hingegen stieg alsbald wieder ein
freundliches Wetter auf, das uns glücklich nach dem Sunde führte.
* * * * *
Hier nicht länger, als unumgänglich notwendig, zu verweilen, gab es noch
einen geheimen Grund. Ich hatte meinem Vater schon von Hamburg aus nach
Kolberg geschrieben, daß ich auf dieser Reise alles daransetzen würde,
mich der Reede meiner Geburtsstadt dergestalt zu nähern, daß ich die
Freude haben könnte, ihn und die Meinigen im Vorüberfahren auf einige
Stunden bei mir am Borde zu begrüßen. Ich wollte dabei an einem roten
Stender kenntlich sein, den ich am Vordertop würde wehen lassen, und ich
bat ihn und alle guten Freunde, mir diesen gehofften Genuß nicht zu
verderben.
In der Tat wollten mir auch Wind und Wellen so wohl, daß ich, obgleich
erst zum 29. September, mich auf der Kolberger Reede zeigen konnte. Da
es gerade ein Sonntag war, so befanden sich nicht bloß meine erbetenen
Gäste, sondern auch noch anderweitige zahlreiche Bekannte auf der Münde,
welchen der Besuch an meinem Schiffe eine gelegene Lustpartie schien,
und die mir daher, vielleicht hundert Köpfe stark, gern gesehen, an
meinem Borde zusprachen. Bei dem schönen Wetter ging ich gar nicht
einmal vor Anker, sondern blieb mit Hin- und Herkreuzen unter Segel.
Kajüte und Verdeck wimmelten von bekannten Gesichtern und fröhlichen
Menschen, bis endlich abends alles wieder zu Lande fuhr, und ich darf
mit Wahrheit sagen, daß ich diesen Tag für einen der vergnügtesten
meines Lebens achte.
Nach genommenem Abschiede erhielt ich einen guten steifen Wind, der mich
schon zu Abend des anderen Tages ins Angesicht von Memel brachte. Hier
aber hatte er sich allmählich in einen Sturm verwandelt, der es den
Lotsen unmöglich machte, zu uns heranzukommen, und keck, wie ich war,
unternahm ich mir's, auf meine eigene Gefahr auf den Hafen zuzusetzen.
Das Wagestück ließ sich auch gut genug an, bis ich zwischen die beiden
Haken kam, wo sich's fand, daß das Fahrwasser viel zu westlich lief, als
daß ich mich mit diesem Winde dagegen wenden konnte. Zwar machte ich, da
hier Not an Mann ging, den verzweifelten Versuch, allein das Schiff
wollte dem Steuer nicht länger folgen und trieb augenscheinlich gerade
auf den Nordhaken zu.
Jetzt stand, mit der Entschließung des nächsten Augenblicks, unser Leben
und alles auf dem Spiele. Ich ergriff ein Beil, kappte flugs das Bogreep
und die übrigen Leinen, woran der Anker sich hielt und der nun mit
seinem ganzen vollen Gewichte in den Grund fiel. Nun hatte das Schiff
für den Moment den fehlenden festen Stützpunkt gefunden; es schwang sich
um den Anker, und kaum hatte es sich auf diese Weise nach Wunsch
gewandt, so hieb ich mit einem kräftigen Streiche auch das Ankertau
entzwei, ließ den Anker stehen und kam glücklich und ohne Schaden wieder
in See, bis des andern Tages der Wind nördlicher ging und ich in aller
Gemächlichkeit den Hafen erreichte.
Obwohl nie ein Freund tyrannischer Härte in meinem Kommando, und auch
hier nicht von einer besonderen Rachsucht getrieben, glaubte ich es doch
sowohl mir selbst als dem allgemeinen Besten schuldig, meine
Schiffsmannschaft wegen ihrer angezettelten Meuterei bei dem Seegerichte
in Memel sofort nach meiner Ankunft anzuklagen. Die Sache ward
untersucht und der Spruch fiel dahin aus, daß dem Bootsmann als
Rädelsführer hundert Stockprügel in zwei Tagen, dem Koch fünfzig und
noch einem Matrosen fünfundzwanzig zugezählt werden und sie ihrer
verdienten Gage verlustig gehen sollten, welche den seefahrenden Armen
zuerkannt wurde. Nach empfangener Strafe aber sollten sie über die
nächste preußische Grenze gebracht werden.
Laut dieses Urteils wurden sie sogleich in die Militärwache abgeführt
und an dem bestimmten Tage ein paar Unteroffiziere beordert, die Sentenz
an ihnen zu vollziehen. Ich meinesteils erachtete es für gut und
wohlgetan, mein übriges Schiffsvolk mit herbeizuführen, um Zeugen der
Exekution zu sein und sich darin zu spiegeln. Die drei Kerle traten
ziemlich keck aus dem Wachloche hervor und schienen den Korporalstock
wenig zu fürchten, bis man sie aufs Hemd entkleidete und daneben der
warmen Fütterung beraubte, wodurch sie sich zu schützen vermeint hatten.
Hoffentlich drang nun der wohlverdiente Denkzettel durch die neunte
Haut; ich aber, froh, ihrer los und ledig zu sein, nahm wieder in ihre
Stelle drei englische Matrosen an, welche von einem Schiffe in Libau
heimlich abgegangen waren.
* * * * *
Gehörte jenes Strafgericht zu den Unannehmlichkeiten meines Aufenthaltes
in Memel, so war mir hier doch auch eine zweifache herzliche Freude
durch lebhafte Rückerinnerung an meine Jugendzeit vorbehalten. Nicht nur
fand ich ganz unvermutet in dem Post- und Bankdirektor W** meinen
einstmaligen treuen Taubenfreund wieder, dessen ich eingangs dieser
meiner Lebensgeschichte unter einem bei weitem nicht so stattlich
klingenden Titel gedacht und der mich mit voller alter Herzlichkeit
aufnahm, sondern auch mit dem ehemaligen Kolberger Kaufmann Seeland traf
ich hier zufällig zusammen, dessen Dörtchen mir einst, nach meinem
verunglückten Turmritt, eine unvergeßliche Semmel zugesteckt hatte, und
die ihn auch jetzt auf dem Wege nach der Insel Oesel begleitete, wo der
gute verarmte Mann bei seinem Sohne, einem dort wohnenden Prediger,
Zuflucht und Unterstützung suchte. Wie dauerte mich, um meiner
jugendlichen Wohltäterin willen, das Schicksal dieser Familie! Aber wie
machte mich's jetzt auch glücklich, daß ich meinem dankbaren Herzen
seinen Willen lassen konnte!
Übrigens machte ich in Memel für meinen Patron ein noch besseres
Geschäft, als ich gehofft hatte, indem ich, anstatt eine Ladung für
eigene Rechnung einzunehmen, Gelegenheit fand, mit Herrn Kaufmann
Wachsen eine leidlich gute Fracht auf Lissabon über eine Partie
Schiffsmasten, fichtene Balken und Stangeneisen abzuschließen. Zufällige
Umstände verhinderten jedoch, daß ich vor Anfang November nicht klar
werden konnte, und dann hatte ich, des früh eingetretenen Winters wegen,
Mühe, durch das Eis in See zu gelangen. Überdem noch trieben mich
widrige Winde fast drei Wochen in der Ostsee umher, bevor ich in den
Sund kam, nun aber mit günstigerer Fahrt die Nordsee erreichte.
Allein auf die Dauer eines solchen erwünschten Wetters war in dieser
vorgerückten Jahreszeit freilich nicht zu rechnen und wirklich gab es
auch schon in den ersten Tagen des Dezembers wieder konträren Wind und
Sturm, wobei wir rings um uns her mancherlei Schiffstrümmer, Masten,
Stangen, Ruder und ein umgekehrtes Boot treiben sahen. Noch auffallender
aber war uns der Anblick eines Schiffes, etwa eine Meile nördlich vor
uns, dem der große Mast fehlte und das noch mancherlei andere Spuren von
Zertrümmerung zeigte.
Abends um acht Uhr, als wir des widrigen Windes wegen uns gegen Norden
legen mußten und ich eben die Wache hatte, meldete mir der Ausgucker,
daß er nahe vor uns ein Schiff gewahr werde. Ich ließ sofort eine
Laterne aushängen und erwartete, daß auch jenes, wie es Brauch ist, ein
gleiches tun werde, damit wir nicht zu nahe aneinander gerieten und uns
beschädigten. Es geschah aber nicht; ich lief indessen so dicht vorüber,
daß ich trotz der Dunkelheit deutlich erkennen konnte, wie ihm der große
Mast fehlte und die See schäumend über Bord hinstürzte. Es war also ohne
Zweifel das nämliche Schiff, welches wir schon tags zuvor erblickt
hatten, und deuchte mir von ziemlicher Größe zu sein, aber steuerlos auf
seiner Last zu treiben.
Im Vorübersegeln rief ich es zu wiederholten Malen durch das Sprachrohr
mit Holla! Holla! an, erhielt jedoch keine Antwort und mußte daraus
schließen, daß es von seiner Besatzung verlassen worden. Dies regte nun
allmählich allerlei wunderliche Gedanken in mir auf, die sich endlich in
die Vorstellung auflösten, das herrenlose Wrack mit dem grauenden Morgen
wieder aufzusuchen, es ins Schlepptau zu nehmen und nach Norwegen zu
führen, von dessen Küsten wir nur einige und zwanzig Meilen entfernt
waren. Der Wind zur Fahrt dahin wehte günstig, und für die aufgewandte
Zeit und Mühe schien ein so bedeutender Fund, auch ohne Rücksicht auf
die etwaige Ladung, uns genügend entschädigen zu können.
Bei dem Wechsel der Wache um Mitternacht teilte ich diesen Anschlag dem
Steuermanne mit, der meiner Meinung beistimmte und mit dem ich nunmehr
für die übrige Nacht einen solchen Kurs verabredete, daß wir hoffen
konnten, uns bei Tagesanbruch wieder in der Nähe jenes Schiffes zu
befinden. In der Tat auch erblickten wir es kaum eine halbe Meile vor
uns unter dem Winde. Obwohl nun das Wetter ziemlich stürmisch war,
setzten wir doch sofort unser großes Boot aus, und indem wir uns mit
unserem eigenen Schiffe dem Wrack bis auf eine Entfernung von etwa
achtzig Klaftern näherten und mit dem Boote ein Kabeltau auslaufen
ließen, versuchte ich, nebst den mit mir genommenen sechs Matrosen,
unser möglichstes, dort an Bord zu gelangen.
Freilich ward dies Wagestück bald um so schwieriger, da wir's nicht
verhindern konnten, hinten unter dem Schiffe vorübergetrieben zu werden,
während dieses von den Wogen aufs heftigste gewälzt wurde und wir jeden
Augenblick befürchten mußten, mit unserm Boote und dem schweren Ankertau
in den Grund zu versinken. Endlich gelang es uns zu entern, das Ende des
Taues zu befestigen und uns auf unserer Prise ein wenig umzusehen. Es
war eine greuliche Zerstörung darauf vorgegangen, und sicherlich hätte
das Schiff längst sinken müssen, wenn es nicht mit Holz und Balken
geladen gewesen wäre.
Nachdem wir auf diesem Schiffe das Nötigste besorgt hatten, kehrten wir
nach unserm eigenen zurück, hingen das andere Ende des Schlepptaues in
unser Hinterteil und richteten nunmehr mit unserer neuen Last den Kurs
auf Norwegen zu. Freilich hatten wir, da der Wind von hinten kräftig in
unsere Segel blies, uns Rechnung gemacht, den Weg dahin rasch
zurückzulegen, allein unsere nachgeschleppte Prise ging so tief und
drückte so schwer, daß wir binnen einer Stunde kaum eine Viertelmeile
fortrückten. Doch beharrten wir den ganzen Tag und die darauffolgende
Nacht in unserm Beginnen.
Mit meiner Morgenwache aber, in der Stille der Dämmerung, stiegen mir
wiederum allerlei Grillen in den Kopf, die mir diesen Handel je länger
je bedenklicher machten. Ich erwog, was für eine langsame und mühselige
Schlepperei dies abzugeben drohte, wie kurz in dieser Jahreszeit die
Tage, und wie es gleichwohl, wenn wir nach Norwegen herein wollten,
unumgänglich erforderlich sein werde, schon zur frühesten Morgenzeit
nahe am Lande zu sein, um nicht unser eigenes Schiff den Klippen
preiszugeben, die sich meilenweit längs der Küste in dichter und starrer
Saat hinziehen. Überdem war auf den Bestand von Wind und Wetter keinen
Augenblick zu rechnen, und so schien es am geratensten, ein Unternehmen
lieber freiwillig aufzugeben, welches, selbst im glücklichsten Falle,
ein unangemessenes Zeitversäumnis erforderte, leicht aber auch mich
gegen meinen Reeder und Befrachter einer schweren Verantwortlichkeit
bloßstellen konnte.
Ich eröffnete beim Wechsel der Wache dem Steuermanne auch diese meine
veränderte Ansicht samt ihren Gründen und beschloß nun, mit ihm
gemeinschaftlich das Schlepptau sofort wieder abzulösen und das Wrack
seinem Schicksale zu überlassen. Noch während der Ablösung fiel es mir
indes bei, daß es doch wohl recht und billig wäre, uns für unsere
vergebliche Mühe und Zeitverlust durch irgend etwas, das uns nützen
könnte und hier doch nur den Wellen schmählich preisgegeben war,
schadlos zu halten. Mir fielen die Anker, welche noch alle unversehrt am
Buge hingen, ins Auge. Ich befahl demnach, unser Tau in den größten
derselben einzuknüpfen, die Leinen und Reepe, die es hielten, zu kappen
und es fallen zu lassen, damit es jenseits von unserem Schiffe wieder
emporgewunden werden könnte.
Dies geschah; wir stiegen in unser Boot zurück und ließen das Wrack
treiben, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, weitere Kundschaft
einzuziehen. Nur so viel hatten wir bemerkt, daß es ein großes
holländisches Flütschiff war, hinten den Namen »Dambord« und auch ein
angemaltes Damenbrett im Spiegel führte. Einige Tage später trafen wir
auf einen Holländer, der nach dem Texel wollte und dem ich zurief, daß
ich in der und der Gegend ein Schiff seiner Nation als ein Wrack
treibend gesehen, welches den Namen Dambord führte. Er möge solches,
wenn er nach Amsterdam käme, an der Börse bekannt machen.
* * * * *
Ohne ferneres denkwürdiges Begebnis langten wir in der Hälfte des
Januars 1783 glücklich zu Lissabon wieder an und ankerten zufällig neben
einer amerikanischen Fregatte von vierundvierzig Kanonen, deren Kapitän
mir einige Tage später gesprächsweise als ein Deutscher, namens Johann
Ollhof, genannt wurde. Wundersam fiel dieser Name mir auf, da ich mich
erinnerte, im Jahre 1764 einen Matrosen Johann Ollhof im Dienste gehabt
zu haben, der mir in Amsterdam, mit meinem guten Willen, entlief, und
von dem ich seitdem nie wieder gehört hatte. Wie sich das damals begab,
mag mir mit wenigen Worten zu erzählen erlaubt sein.
Ich war zu jener Zeit im Begriff, mit meinem Schiffe von Amsterdam
wieder nach der Heimat zurückzukehren, als der gedachte Mensch, der ein
sehr guter Junge und vom Treptower Deep gebürtig war, an einem Samstag
zu mir in die Kajüte trat und mich bei Himmel und Erde beschwor, ihn
hier freizulassen; denn wenn er wieder in seine Heimat müsse, erwarte
ihn der leidige blaue Rock und dann sei er zeitlebens eine unglückliche
und verlorene Kreatur. -- »Hört, Johann,« war meine Antwort, »ich mag
Euer Unglück nicht, will aber übrigens von dem, was Ihr tut oder nicht
tut, nichts wissen.« -- Er verstand mich und erwähnte noch seiner
Monatsgage von einundzwanzig Gulden, die er bei mir gut habe. -- »Nun,«
unterbrach ich ihn, »morgen ist ja Sonntag, wo wohl einige von unseren
Leuten werden an Land gehen und auch Geld fordern wollen. Dann läßt sich
weiter davon sprechen.«
Der Sonntagmorgen kam, mit ihm drei meiner Matrosen, denen auch Johann
sich angeschlossen hatte, um sich Urlaub zum Erlustieren und auch Geld
dazu von mir zu erbitten. Ich entließ sie mit der Ermahnung, keine
Händel anzufangen und bei guter Zeit sich wieder am Borde einzustellen.
Jeder erhielt ein paar Gulden; doch als Johann seinen vollen Lohn
forderte, stellte ich mich zum Scheine befremdet, bis er mir erklärte,
daß er seinen Geschwistern daheim allerlei Geschenke zugedacht habe, die
er dafür einzukaufen gedenke. Allein am Abend kamen zwar die übrigen
alle, nur mein Johann Ollhof nicht zum Vorschein. Natürlich gab ich mir
auch keine sonderliche Mühe, seiner wieder habhaft zu werden, und so
blieb er seinem guten oder bösen Geschicke überlassen.
Jetzt, da ich mich eben im Gewühle der Lissaboner Börse befand, hörte
ich einen Kaufmann laut nach dem »Kapitän Johann Ollhof« rufen, den ich
selbst in dem dichten Haufen nicht gewahr zu werden vermochte. Doch sah
ich gleich darauf eine Figur nach jenem sich hinwenden, in welcher ich
mit freudigem Erschrecken trotz der glänzenden Uniform, des Degens und
der Schärpe augenblicklich meinen ehemaligen Deserteur erkannte. Wie
hätte ich mich enthalten können, mit rascher Bewegung und der Frage auf
ihn zuzutreten: »Ist's möglich? Johann Ollhof, seid Ihr es?« --
Verwundert sah er mir scharf ins Gesicht, erkannte mich im nächsten
Moment nicht minder und fiel mir mit dem Freudenruf um den Hals:
»Kapitän Nettelbeck -- _Sie_ finde ich hier wieder?«
Nun gab es unzählige Fragen, die mir seine mancherlei Glückswechsel und
sein schnelles Steigen im Seedienste der jungen Republik erklärten. Er
drang in mich, am Nachmittage zu ihm an Bord zu kommen, wohin er mich
abholen lassen wolle. Dagegen bestand ich darauf, daß es ihm, dem
jüngeren, wohl geziemen würde, mir den ersten Besuch zu machen. Auch
hätte ich ein Schiff unter den Füßen, auf welchem ich mich nicht schämen
dürfte, einen so lieben Gast zu empfangen. Er gab mir recht und
versprach, bei mir zu erscheinen.
In der Tat legte seine Schaluppe, mit zwölf ausgeputzten Ruderern, zur
bestimmten Zeit an meine Seite, und er kam, von einigen seiner Offiziere
begleitet, zu mir an Bord, wo das Verdeck zum Teil mit in der Ausladung
begriffenen Eisenstangen angefüllt lag, wie denn überhaupt mein Schiff
ein wenig tief ging. Kaum angekommen, machte er hierüber seine Bemerkung
und rief: »Mein Gott, Freund, wie können Sie doch Ihr Leben auf so einem
Kasten wagen?« -- Ich will nicht leugnen, daß dieser Hochmut mich ein
wenig verdroß und daß ich mein Schiff nicht verachten lassen wollte.
Darum versetzte ich: »Johann Ollhof, mir deucht, daß Ihr, solange Ihr
noch ein Preuße hießet, wohl nie das Glück gehabt, auf einem solchen
Schiffe, wie dieses, zu fahren.«
Er nahm es hin; ich aber, obwohl ich es in der stattlichen Aufnahme
meiner Gäste an nichts ermangeln ließ, fühlte mich doch verstimmt. Ja,
selbst als er beim Abschiede freundlich bat, seinen Besuch aufs
baldigste zu erwidern, brach der innere Groll unaufhaltsam hervor in dem
Geständnisse: »Ich bin nicht gut auf Euch zu sprechen, Kapitän! denn Ihr
habt mir mein Schiff verachtet.« -- Demungeachtet wiederholte er seine
Einladung nur um so herzlicher, und bat zugleich um Verzeihung wegen
seiner unschuldigen Äußerung: allein Herz und Sinn hatten sich bei mir
von ihm abgekehrt; ich konnte mich nicht entschließen, zu ihm an Bord zu
gehen, und habe ihn auch nicht wiedergesehen.
* * * * *
Überdem gab es bald allerlei Verdrießlichkeiten, die meinen Sinn auf
andere Dinge lenkten. Gerade damals lag eine starke englische
Kriegsflotte im Tajo; ich aber hatte drei englische Matrosen im Dienste,
welche am Lande mit ihren Landsleuten von jener Flotte häufig
zusammenkamen und sich ohne Zweifel durch deren gute und bequeme Lage
verleiten ließen. Denn eines Tages traten sie unerwartet zu mir in die
Kajüte mit der Erklärung, daß sie es vorzögen, unter ihren Landsleuten
auf der Flotte zu dienen, daher sie ihre Entlassung von meinem Schiffe,
aber auch ihre rückständige Löhnung (für jeden wohl über sechzig Taler)
forderten.
»Kinderchen,« erwiderte ich ihnen -- »ihr steht alleweile auf einem
preußischen Schiffe und in preußischem Dienste; seid also auch
vorderhand nicht Engländer, sondern Preußen. Daß ich euch eure Löhnung
auszahle, oder gar, daß ich euch frank und frei gebe, daran ist gar
nicht zu denken.« -- Freilich mochten sie sich durch diesen Bescheid
nicht sonderlich befriedigt fühlen; und so geschah es denn wohl auf
ihren Betrieb, daß wenige Tage nachher ein Offizier von der britischen
Flotte an meinem Borde erschien, mit dem Auftrage von seinem Admiral,
die augenblickliche Auslieferung von drei geborenen englischen
Untertanen von mir zu verlangen, die sich, wie er erfahren habe, auf
meinem Schiffe befänden, und deren völlige Entschädigung für den
bisherigen Dienst zugleich erfolgen müsse.
Ich beobachtete bei diesem sonderbaren Vortrage ein ruhiges Schweigen;
ließ aber in der Stille die preußische Flagge über unsern Köpfen
aufziehen, die ich meinem Gaste zeigte, indem ich hinzufügte: »Sehen
Sie, mein Herr, unter _dieser_ Flagge stehen jene drei Leute in Dienst;
und ich kenne kein Gesetz, das mich verpflichtete, sie hier in einem
fremden Hafen, daraus zu entlassen. Jede weitere Prozedur des Herrn
Admirals werde ich erwarten.«
Eine Zitation vor das portugiesische Seegericht ging bald darauf an
mich ein, um meine Sache, im Beisein des Admirals, der gleichfalls
erscheinen würde, zu verantworten. Jetzt ward also der Handel ernsthaft,
und ich hielt es für geraten, zu unserm Preußischen Gesandten, dem Herrn
von Heidecamp, zu gehen, dem ich die Lage der Dinge vortrug, und um
Verhaltungsmaßregeln bei ihm nachsuchte. Sein Ausspruch war: daß, falls
ich nicht gutwillig wollte, niemand mich zwingen könnte, die Leute
freizugeben; noch weniger, ihnen ihre Löhnung auszuzahlen, welche nach
Recht und Gesetz dann erst fällig sei, wann mein Schiff wieder einen
preußischen Hafen erreicht habe. Zugleich unterrichtete er mich genau,
wie ich mich vor Gericht zu verhalten hätte, und fügte hinzu, für alles
übrige sollte ich ihn sorgen lassen, indem er gesonnen sei, bei dem
Termine gleichfalls in Person zu erscheinen.
Dies geschah nun gleich am nächsten Tage. Wir fanden den englischen
Admiral mit zwei Flottenkapitäns bereits vor, und er eröffnete die
Verhandlung durch das bestimmte Begehren, die drei britischen Untertanen
in seinen Dienst ausgeliefert zu erhalten. Meine verweigernde Antwort
stützte sich auf die Gründe, welche ich schon angeführt habe. Ja ich war
so keck, gegen ihn zu bemerken: Ohne Zweifel befänden sich auf seiner
Flotte viele geborene preußische Untertanen, gleichwohl stände noch
dahin, ob er sich für verpflichtet halten würde, diese auf mein
Verlangen ihres Dienstes zu entlassen?
»Topp!« rief er feurig aus -- »ich gebe drei Preußen von meiner Flotte
in die Stelle der drei Engländer!« -- »Ein Erbieten,« entgegnete ich,
»das aller Ehren wert ist, wenn ich nur hoffen dürfte, anstatt der
tüchtigen Leute, die mir abgefordert werden, etwas Besseres als den
Ausschuß der ganzen Flotte zurückzuempfangen; und mit dem ist mir nicht
geholfen.« -- Sofort auch nahm der Gesandte das Wort; und da ich sah,
daß der Handel anfing, zu einer Ehrensache zwischen ihm und dem Admiral
auszuschlagen, so konnte ich den ferneren lebhaften Wortwechsel mit
Seelenruhe anhören, bis zuletzt das Gericht die Matrosen schuldig
erkannte, auf meinem Schiffe zu verbleiben, bis sie in den nächsten
preußischen Hafen abgelöhnt werden könnten.
So war nun zwar dieser Strauß glücklich und mit Ehren ausgefochten;
allein einige Tage nachher erfolgte, was ebensosehr zu erwarten, als
schwer zu verhindern war. -- Diese drei Kerle machten sich heimlich aus
dem Staube und gingen auf die Flotte zu ihren Landsleuten über, ohne auf
ihre im Stiche gelassenen Monatsgelder zu achten. Mochten sie laufen!
Ich konnte ihrer entraten!
* * * * *
So wie ich nun meine Ladung in diesem Hafen löschte, entstand auch die
Verlegenheit, in dieser ungünstigen Jahreszeit (es war mitten im Winter)
nicht sofort wieder eine vorteilhafte Fracht zu finden. Nach Süden, ins
mittelländische Meer, durfte ich mich aus Mangel an Türkenpässen, nicht
wagen, und in der Nord- und Ostsee hatte der Frost die Schiffahrt
geschlossen. Ich mußte also, bis in den Monat März, die Hände
notgedrungen in den Schoß legen und, da mir auch dann noch keine Fracht
nach meinem Sinne angeboten wurde, mich entschließen, eine Ladung Salz
für eigene Rechnung zu kaufen und nach der Ostsee zu verführen.
Hiermit war ich noch beschäftigt, als sich ein Sturm aus Westen erhob,
der mehrere Schiffe, und unter diesen auch ein unbeladenes
portugiesisches Schiff, welches uns einige hundert Klafter weit über dem
Winde lag, von den Ankern trieb. Dies letztere rückte dem meinigen
gerade auf den Hals, und da es so gut als ganz sich selbst überlassen
war, (denn nur zwei Jungen befanden sich am Borde), so hatten wir Mühe,
es nur so weit abzulenken, daß es endlich uns zur Seite zu liegen kam.
Gleichwohl war bei dem anhaltenden Unwetter nicht zu verhindern, daß es
unaufhörlich gegen unsern Bug stieß und drängte, wodurch bei mir die
gerechte Besorgnis entstand, daß beide Schiffe davon großen Schaden
nehmen könnten, wenn jenes nicht bald seine Stellung veränderte und
unter Windes von uns gebracht würde.
Dies stellte ich meinem Schiffsvolke vor, und wir beschlossen alsogleich
Hand an ein so nötiges Werk zu legen. Indem wir aber hierzu insgesamt an
den portugiesischen Bord hinübersprangen, ergriff jene beiden Jungen,
die von unserer Absicht nichts wußten, ein Todesschrecken. Sie erhoben
ein Geschrei aus voller Kehle, welches auch nicht ermangelte, ihre
Landsleute von fünf oder sechs der nächstgelegenen Fahrzeuge im Hui! auf
ihr Verdeck herbeizulocken. Dies Gesindel nahm sich nicht die Zeit, uns
anzuhören oder sich mit uns zu verständigen, sondern augenblicklich galt
es ein wildes Zuschlagen auf uns mit Knitteln, Handspaten und
Bootshaken, so daß wir genötigt waren, auf unser Schiff
zurückzuflüchten.
Doch auch hiermit nicht zufrieden, verfolgten uns unsere übermächtigen
Gegner auf unser eigenes Verdeck und trieben uns, je länger je mehr, in
die Enge. Mein Steuermann erhielt einen Schlag, daß er zu Boden stürzte
und ich nicht anders glaubte, als daß ihm der Rest gegeben worden. Ich
selbst mußte mein Heil in der verriegelten Kajüte suchen, so wie meine
Leute genötigt waren, sich im Raume zu bergen und in ihrem Roof zu
verschließen, um nicht ferneren Gewalttätigkeiten ausgesetzt zu sein.
Endlich stieß nun zwar die wilde Rotte wieder nach ihren Schiffen ab:
aber der Portugiese blieb zu meiner Seite liegen und fuhr fort, die
ganze Nacht hindurch sich gegen mein Schiff abzuarbeiten und an der
Verkleidung desselben zu reiben.
Die Folgen zeigten sich gleich morgens an ihm selbst, indem ganze
Planken in Stücken von seiner Seite hinwegtrieben, der Fockmast aber
über Bord gefallen war, und das ganze Gebäude, wie ein zerschelltes
Wrack, sich seitwärts neigte. Allein auch ich selbst bemerkte an dem
meinigen mehrere Beschädigungen, die mir um so mehr Galle ins Blut
trieben, je leichter sich dies alles hätte vermeiden lassen, wenn das
Recht und die Vernunft nicht der verstandlosen Gewalt hätten weichen
müssen.
Höher noch stieg freilich diese Galle, als einige Stunden später der
portugiesische Kapitän des Schiffes zu mir an Bord kam. Es fand sich,
daß ich ihn einigermaßen kannte, indem er verschiedentlich mit mir im
Kontor meines Korrespondenten, Herrn Bulkeley, zusammengetroffen war und
an dessen Tische gespeist hatte. Sein Name war Sylva. Pochend fuhr er
auf mich ein, ihm für den an seinem Schiffe erlittenen Schaden gerecht
zu werden; und nur mit Mühe mäßigte ich mich zu der gelassenen Antwort:
daß, wenn er es mit der gehörigen Mannschaft besetzt gehalten, Schaden
und Unglück entweder nicht stattgefunden haben, oder doch geringer
ausgefallen sein würden. Er war aber nicht in der Verfassung, Vernunft
anzunehmen, sondern fuhr drohend und scheltend wieder an Land.
Kaum aber waren ein paar Stunden verlaufen, so ließ er sich abermals bei
mir blicken, und war diesmal von einer Art Gerichtsperson oder Notarius
begleitet, der mir einen langen schriftlichen Aufsatz von anderthalb
Bogen vorlegte, mit dem Ansinnen, daß ich meinen Namen unterzeichnen
möchte. -- »Unter eine Schrift in einer Sprache, die ich nicht
verstehe?« gab ich zur Antwort. -- »Mit nichten, meine Herren! Geht
damit, wenn es euch beliebt, zum Preußischen Konsul. Dort werde ich mich
gleichfalls finden lassen.«
In der Tat war sofort mein nächster Gang zu diesem Konsul, namens
Schuhmacher, gerichtet, um ihn von dem unangenehmen Vorfalle vollständig
zu unterrichten und mich mit ihm zu beraten. Sein Gutachten fiel dahin
aus, daß ich nachmittags mit meinem Schiffsvolke vor ihm erscheinen
sollte, um in Gegenwart eines Notarius über den wahren Verlauf der Sache
eidlich vernommen zu werden. Auf dem Rückwege stieß ich auf meinen
Korrespondenten Bulkeley, und nachdem ich in dessen Kontor getreten,
benachrichtigte er mich, daß soeben Kapitän Sylva ihm über das bewußte
Ereignis eine schriftliche Erklärung vorgelegt, die er auch
unbedenklich mit meiner Namensunterschrift versehen habe.
»Wie?« rief ich, hoch verwundert -- »unterschrieben mit _meinem_ Namen?
_Unterschrieben_ ohne mein Wissen und Einwilligung? -- Von diesem
Augenblicke an, Herr, hören Sie auf, mein Korrespondent zu sein, und
bevor ich meinen Fuß aus Ihrem Hause setze, fordere ich, daß Sie mir den
Abschluß meiner Rechnung vorlegen.« -- Er zauderte, ich aber erklärte
ihm so bestimmt, ich würde ohne Abrechnung nicht vom Platze weichen, daß
er sich endlich meinem Verlangen fügen mußte.
Es war notwendig, den Konsul augenblicklich von diesem Schurkenstreiche
in Kenntnis zu setzen. Wie vollkommen aber sein Betragen diesen Namen
verdiente, entwickelte sich erst nachher, da es an den Tag kam, daß
dieser nämliche Bulkeley Reeder des Schiffes war, welches Kapitän Sylva
führte. -- »Ruhig, mein Freund!« tröstete mich der Konsul. -- »Treffen
Sie nur schleunige Anstalt zur gerichtlichen Vernehmung Ihrer Leute, und
lassen Sie mich dann für das übrige sorgen.« -- Jenes ward auch gleich
am nächsten Morgen mit allen Förmlichkeiten bewerkstelligt; und während
ich das Original dieser Erklärung in des Konsuls Hände niederlegte,
versäumte ich nicht, durch den Notarius eine beglaubigte Abschrift
ausfertigen zu lassen, die ich für mich selbst zurückbehielt.
Noch erklärte ich meinem wackeren Beschützer meine Absicht, binnen zwei
oder drei Tagen die Anker zur Abfahrt zu lichten, daß ich aber von
meinem Widersacher jede Art von Schikane und also auch wohl eine
Beschlagnahme meines Schiffes bis zu ausgemachter Sache erwarten müßte.
»Dann«, erwiderte er, »bin _ich_ es, der Kaution für Sie leistet, und wenn
Sie abgesegelt sind, den Prozeß für Sie führt.« -- So getröstet nahm ich
nun in aller Gemächlichkeit den Rest meiner Salzladung ein, und ging des
dritten Tags darauf unter Segel, ohne daß es auch einem Menschen nur
einfiel, mir etwas in den Weg zu legen.
In die Stelle der entlaufenen drei Engländer, die mir zu meiner vollen
Bemannung fehlten, glückte mir's noch am Tage vor meiner Abreise, zwei
schwedische Matrosen ähnlichen Schlags zu erhalten, daneben aber auch
noch einen dienstlosen Engländer auszukundschaften, den ich in seiner
Schlafstelle aufsuchte und für meinen Dienst annahm. Freilich mußte ich
ihn bei seinem Wirte erst mit einem vollen Monatsgehalte auslösen; doch
gerade darauf mochte der Kerl spekuliert haben, denn kaum war er mit mir
auf der Straße, so versuchte er, mir wieder zu entlaufen, so daß ich
hinter ihm drein schreien mußte, bis er von anderen Leuten festgehalten
wurde, ich mich seiner versichern und ihn in meine naheliegende
Schaluppe bringen lassen konnte.
Es war begreiflich, daß der Mensch sich unter diesen Umständen auf
meinem Schiffe wohl nicht sonderlich gefallen mochte. Das bewies er auch
am nächsten Morgen, wo wir in See gehen wollten, indem er sich der Länge
nach aufs Verdeck streckte, nicht arbeiten mochte und krank zu sein
vorgab.
* * * * *
Als wir zum Tajo herausgekommen waren, machten wir die unangenehme
Entdeckung, daß unser Schiff viel Wasser einließ. Anfangs meinten wir,
daß, da wir so lange ledig gelegen und hohen Bord gehabt, die Fugen
mancher Planken durch die Sonnenhitze voneinander getrocknet sein
möchten, und daß diese Nähte unter Wasser bald wieder zuquellen würden.
Allein der Leck nahm so überhand, daß wir das Schiff bald mit beiden
Pumpen kaum über Wasser halten konnten. Zudem stand der Wind vom Lande,
und es war also unmöglich, wieder in den Hafen zurückzusteuern.
In dieser Not lag uns alles daran, den schadhaften Fleck auszufinden, um
ihn zu stopfen. Man weiß, wie klar und durchsichtig die Gewässer des
atlantischen Ozeans in dieser Gegend sind, und daß man darum ziemlich
deutlich auch in eine größere Tiefe sehen kann. Da fand ich denn
endlich, daß an der Seite, und ungefähr vier bis fünf Fuß tief unter
Wasser die Späne von der äußeren Haut abstanden. -- Also wohl unstreitig
ein Andenken an unser Zusammenstoßen mit jenem portugiesischen Schiffe
und die Ursache unseres immer bedenklicher werdenden Lecks!
Je unmöglicher es war, daß wir unser Schiff mit den Pumpen so über See
tragen konnten, desto unerläßlicher mußte ein Pflaster über die wunde
Stelle befestigt werden. Ich ließ sogleich eine Zitronenkiste
zerschlagen, zerschnitt meine Bettdecke, teerte und talgte sowohl diese
als jenen Kistenboden an beiden Seiten, heftete beide mit kleinen Nägeln
aneinander, bohrte am Rande acht oder zehn Löcher, steckte in jedes
derselben einen größeren Nagel, den ich, damit er nicht herausfiele, mit
etwas Werg umwickelt hatte, und sann nun darauf, wie dies Pflaster an
die rechte Stelle zu bringen wäre.
Es gab kein anderes Mittel, als daß einer von meinen Leuten sich
entschlösse, sich rittlings auf dem vierarmigen Bootsanker zu befestigen
und unter Wasser bis zu dem Leck hinabzulassen, das präparierte Brett
auf den zerstoßenen Fleck zu passen und mit dem an die Hand gebundenen
Hammer schnell, ehe ihm der Atem entginge, festzuklopfen. Ich schlug
dies der Mannschaft vor, allein keiner hatte Lust zu dieser Wasserfahrt.
Ich bot dem, der es wagen würde, eine Monatsgage, niemand meldete sich,
sie zu verdienen. Ich stellte ihnen aufs nachdrücklichste vor, daß, wenn
sie dies kleine Wagnis so sehr scheuten, wir ja doch ohne Barmherzigkeit
alle ersaufen müßten. Ich bat, ich flehte, ich schalt und drohte, aber
die feigen Seelen sahen mich verdutzt an und blieben bei ihrem
Kopfschütteln.
»Nun denn,« sagte ich endlich, »so will ich selbst der Mann sein, der
sein Leben für euch _H...r_ in die Schanze schlägt!« -- Dieser Entschluß
entstand auch um so weniger aus Prahlerei, da ich als junger Bursche mit
meinen Spielkameraden das Schwimmen und Untertauchen fleißig geübt hatte
und oftmals unter dem Wasser geblieben war, bis die Bestehenden langsam
dreißig zählten. Hoffentlich hatte ich diese kleine Kunst in den drei
Dutzend Jahren nicht ganz wieder verlernt, und sollte ich denn _doch_
ertrinken, so konnte mir die Art und Weise wohl ziemlich gleich gelten.
So nahm ich also getrost meinen Platz auf dem Bootsanker, dessen Tau
meine Leute oben in die Hände fassen und mich daran in die bezeichnete
Tiefe hinablassen mußten. Nach meiner Anweisung sollten sie von dem
Augenblicke an, wo ich mit dem Munde unter Wasser käme, sekundenmäßig zu
zählen anfangen und mich, wenn sie bis fünfundzwanzig gekommen wären,
hurtig wieder emporziehen. Ich meinesteils hastete mich soviel ich
vermochte; zwei bis drei tüchtige Schläge auf jeden Nagelkopf, und das
Brett saß an der rechten Stelle fest; während der Zug des Wassers nach
innen das übrige tat, die Fasern der Decke in die offenen Fugen dicht
einzusaugen. Kurz, ich war fertig, aber die droben dachten noch immer an
kein Hinaufziehen. Endlich nach einigen Sekunden brachten sie mich
wieder an Gottes freie Luft, und so war das Abenteuer glücklich
bestanden!
Nun kam es darauf an, zu erfahren, was wir damit gewonnen hatten. Wir
eilten an die Pumpen, die nunmehr das eingedrungene Wasser bemeisterten
und sichtbar verminderten. Der Leck hatte wirklich so abgenommen, daß
wir uns getrauen durften, mit einer Pumpe die See zu halten. Wunderbar
aber blieb unsere Rettung nicht minder, als wenn, wie mir ein Beispiel
bekannt geworden, ein ähnlicher Leck durch eine, in die offene Fuge
eingeklemmte Flunder gestopft ward; oder wenn ein Schiffer von meiner
Bekanntschaft im Danziger Neufahrwasser den seinigen nur dadurch
unschädlich machte, daß er vorbedächtig längs den Seiten des Schiff eine
Menge Torf-Mull ins Wasser schütten ließ, welches sich durch den
unmerklichen Wasserzug in alle Ritzen und Spalten der Planken
festsetzte.
* * * * *
Als wir in den Kanal gelangten, stießen wir auf ein englisches
Kriegsschiff, welches meine Schiffspapiere zu sehen verlangte. Ich
erwiderte, daß ich zur Vorzeigung an meinem eigenen Borde bereit wäre.
So kam denn ein Offizier zu mir herüber; doch während er in der Kajüte
die geforderte Untersuchung anstellte, machte sich mein oben erwähnter
englischer Matrose an seine Landsleute in der Schaluppe, und in welchem
Sinne er mit ihnen gesprochen, ergab sich, als ich meinen Gast aus der
Kajüte zurückbegleitete, da jene Engländer ihrem Leutnant meinen
Matrosen vorstellten, der wider seinen Willen hier zurückgehalten würde,
Lust hätte, auf jenem englischen Schiffe zu dienen.
»Den Menschen nehm' ich auf der Stelle mit,« wandte sich der Offizier an
mich, »Ihr habt kein Recht an ihn.« -- »Nun,« war meine Antwort, »so will
ich doch sehen, wer mir in offener See auch nur meinen schlechtesten
Kajütenjungen, wider meinen Willen, wegnehmen soll. Dazu fehlt es Ihnen
an Fug und Recht.« -- Doch der Matrose hatte nicht für gut gefunden, das
Ende unseres Wortwechsels abzuwarten, sondern war bereits in die
Schaluppe gesprungen. Ich bedachte mich keinen Augenblick, ihm dahin
nachzufolgen, und war darüber her, ihn, wie sehr er sich auch sträubte,
an Bord zurückzuziehen, bis auch der Leutnant herabkam und verlangte,
daß ich die Schaluppe verlassen sollte.
Natürlich weigerte ich mich, und selbst als er drohte, daß er abstoßen
und nach seinem Schiffe fahren werde, versicherte ich, daß ich gesonnen
sei, _ohne_ meinen Matrosen nicht vom Flecke zu weichen. Schleppe er mich
dann aber nach dem Kriegsschiffe hinüber, so bliebe das meinige und
alles, was demselben begegnen könne, auf _seine_ Gefahr und Verantwortung.
Indes setzten sie wirklich mit der Schaluppe ab, und ich behielt kaum
die Zeit, meinem Steuermanne zuzurufen, daß er sich, solange ich nicht
wieder an Bord käme, in der Nähe des Kriegsschiffes halten möchte.
Sobald wir auf diesem angekommen und der Handel dem Kapitän vorgetragen
war, erklärte dieser, der Kerl sei ein Brite und er werde ihn auf seinem
Schiffe behalten. »Dann, mein Herr,« entgegnete ich ihm, »mögen Sie auch
_mich_ hier behalten, denn ich bleibe, wo mein Matrose ist, und mein
Schiff dort schwimmt oder sinkt von diesem Augenblicke an auf Ihr
Risiko. Tun Sie nun, was Ihnen beliebt! Totschlagen können Sie mich
nicht vor so vielen Augen, und alles übrige werde ich erwarten.«
Diese Festigkeit schien den Kapitän doch einigermaßen stutzig zu machen.
Er ging mit einigen Offizieren abseits in die Kajüte -- wahrscheinlich,
um sich mit ihnen näher zu beraten; dann aber, als sie wieder zum
Vorschein kamen, stieß der eine und andere von ihnen meinem aufsätzigen
Matrosen in die Zähne und in die Rippen, und so wieder in die Schaluppe
hinein, worauf ich ungenötigt folgte und mit meinem Ausreißer wieder an
mein Schiff gebracht wurde. Damit jedoch diesem sein Frevel nicht ganz
ungestraft hinginge, ward ich mit meinem Steuermanne einig, ihn mit
Händen und Füßen an die große Spille festzubinden und so sein Gat durch
jeden von unseren Leuten mittels eines Endchens Tau mit einer Anzahl
wohlgemessener Hiebe heimsuchen zu lassen. Die Kur schien auch für die
fortgesetzte Reise nicht ohne gute Wirkung zu bleiben.
* * * * *
Seitdem wir die Küsten von Dover und Calais aus dem Gesichte verloren
und abwechselnde, aber meist stürmische Winde uns elf Tage lang in der
Nordsee umhergeworfen hatten, während welcher wir weder Jütland noch
Norwegen oder sonst ein Land erblickten, wagten wir es dennoch, im guten
Glauben an unsere geführte Schiffsrechnung und einige angestellte
astronomische Beobachtungen, uns mit dem Senkblei in der Hand um die
gefährliche Spitze von Skagerrak ins Kattegat hineinzutasten. Es
glückte; aber gerade hier überfiel uns nunmehr auch ein schrecklicher
Sturm aus Norden, der so hart in unser dicht eingerefftes Fock- und
Vormarssegel blies, daß bald die Fetzen davon in den Lüften
umherflogen.
Nach diesem Verluste wollte sich unser Schiff nicht mehr vor dem Winde
steuern lassen, sondern ward unter den Wind gedreht. Es sollte eine
andere neue Focke untergeschlagen werden, allein das Schiff arbeitete
und schlenkerte in der brausenden, kochenden See voll blinder Klippen so
gewaltig, und der Sturm hielt mit soviel Ungestüm an, daß wir alle kaum
die Augen aufschlagen konnten. Das neue Focksegel ward zwar aus der
Segelkammer hervorgezogen und an die Rahe geschlagen; allein sowie diese
in die Höhe ging, peitschte auch jenes mit seinen Zipfeln dergestalt um
sich, daß es in den nächsten Augenblicken ebenfalls in Lappen
davongeführt wurde. Ich schrie, ich bat, ich fluchte meinem Volke
entgegen, das oben auf den Masten saß, die Fäuste wie brave Kerle zu
rühren und das Segel unter die Rahe zu bringen. Endlich stieg ich selbst
in die Höhe und überzeugte mich, daß es schlechterdings unmöglich sei.
In diesem Augenblicke ward geschrien: »Brandung leewärts!« Das war die
Minute der Entscheidung! Denn da das Schiff dem Ruder nicht mehr folgen
mochte, so ward hier alle Kunst des Steuerns zu schanden! Wir wurden mit
sehenden Augen in unseren Untergang hineingetrieben und standen nach
wenigen Augenblicken auf einem Steinfelsen fest. Sogleich auch stürzte
die stürmende See in furchtbaren Wogen über unser Schiff hinweg, daß der
Schaum bis hoch an die Mastkörbe emporspritzte, indes jenes durch die
gewaltigen Stöße am Boden durchlöchert wurde und voll Wasser lief. So
war denn an ein Wiederabkommen von dieser Klippe und an Rettung des
Schiffes gar nicht mehr zu denken!
Dieses Unglück traf uns am 11. Mai, abends um neun Uhr. Auf dem Verdecke
konnten wir uns, der überflutenden Brandung wegen, nicht mehr halten,
sondern waren alsogleich sämtlich auf die Masten geflüchtet. Ich selbst
und sechs Mann hingen oben am Besanmast, während die übrigen acht Mann
den großen Mast erklettert hatten. Ein Wunder wäre es wohl nicht
gewesen, wenn wir alle die Besinnung verloren hätten, indes blieb mir
doch soviel Gegenwart des Geistes, daß ich unsere Lage richtig ins Auge
fassen und den einzig möglichen Ausweg zu unserer Rettung gewahr werden
konnte. Ich stellte demnach meinen Unglücksgefährten vor, wie unser Heil
darauf beruhe, daß wir unsere Schaluppe in unsere Gewalt bekämen. Einige
von ihnen, die die rüstigsten wären, sollten sich ein Herz fassen,
herniederzusteigen und die Taue, woran dieselbe auf dem Verdecke
festgebunden stehe, zu zerhauen, nachdem sie ein oder mehrere längere
Taue daran festgeknüpft haben würden, deren Enden wir übrigen oben am
Maste sicher zu halten gedächten. Bräche dann gleich das Schiff und die
Schaluppe würde über Bord gespült, so könnte sie uns dennoch von den
Wellen nicht entführt werden; oder möchte sie sich auch voll Wasser
gefüllt, oder gar das Unterste nach oben sich gekehrt haben, so würden
wir sie gleichwohl nahe zu uns heranziehen, ausschöpfen und zu unserer
möglichen Bergung instandsetzen können.
Durch diese Vorstellungen gewonnen, kletterten auch sofort drei wackere
Kerle hinab, lösten die Schaluppe vom Verdecke ab und jeder von ihnen
versah sie hinwiederum mit seinem dazu mitgenommenen Taue, deren
entgegengesetzte Enden sie glücklich wieder zu uns in die Höhe brachten.
Nun aber dauerte es kaum noch eine Stunde, als eine ungewöhnlich hohe
Sturzwelle über das Verdeck hinschlug, das Fahrzeug weit mit sich hinaus
über Bord schleuderte, den Boden nach oben umkehrte, aber die Gegenkraft
der Angst, womit wir, koste es was es wolle, die Taue festhielten, nicht
zu überwältigen vermochte.
Um elf Uhr brach, wie wir längst gefürchtet hatten, unser Schiff in der
Mitte auseinander; der Fock- und große Mast stürzten über Bord --
letzterer jedoch in einer so glücklichen Richtung, daß er auf das
Hinterteil zufiel und dergestalt dicht neben uns hinstreifte, so daß die
an demselben klebenden acht Menschen zu uns heranklettern konnten. So
war denn die volle Mannschaft von vierzehn Köpfen hinten bei mir auf
dem Besanmaste beisammen. Durch das Bersten des Schiffsrumpfes aber
hatte sich das Hinterteil, worauf wir uns befanden, dergestalt gelöst,
daß es in eine starke Bewegung geriet und mit jeder Sturzwelle
wechselsweise bald sich seitwärts weit aufs Wasser legte, bald wieder in
die Höhe hob. Man mag daraus ermessen, wie übel uns dabei oben auf dem
schwanken Maste zumute geworden!
In dieser höchsten Not schien denn kein längeres Zaudern ratsam. Wir
zogen die Schaluppe an ihren Tauen näher zu uns heran, kehrten sie nicht
ohne große Mühe wieder um, hoben sie mit ihrem Vorderteile soweit in die
Höhe, daß ein Teil des Wassers, womit sie gefüllt war, sich daraus
verlief, und nachdem wir, sowie wir der Reihe nach hineinstiegen, den
Rest mit unseren Hüten vollends hinausgeschöpft, schnitten wir endlich
alle Taue, die uns noch am Schiffswrack festhielten, in Gottesnamen los
und kamen glücklich aus dem Labyrinthe voll brandender Klippen in
offenes Wasser zu treiben, während wir die vier in der Schaluppe
festgebundenen Ruder zur Hand genommen und uns dadurch instandgesetzt
hatten, notdürftig vor dem Winde zu steuern.
Oft zwar füllten ungestüme Schlagwellen unser Fahrzeug fast bis zum
Sinken mit Wasser an, doch waren wir unermüdet und auch zahlreich genug,
es augenblicklich mit unseren Hüten wieder hinauszuschaffen, zwar stets
unseren Tod dicht vor Augen sehend, aber auch einmütig entschlossen,
unsere letzte angestrengte Kraft zu seiner Abwehr aufzubieten. So
trieben wir demnach von ein Uhr nachts bis zum Vormittag des 12. Mai,
wohin Wind und Wellen wollten, bis wir endlich die Insel Anholt vor uns
zu Gesicht bekamen und hier an der Ostspitze, unweit des Feuerturmes,
wiewohl mit neuer Lebensgefahr, gegen ein Uhr nachmittags auf den Strand
setzten.
* * * * *
Mein erstes war, mich in den trockenen Ufersand auf die Knie zu werfen
und dem Barmherzigen droben mit heißglühender Seele für die wunderbare
Erhaltung des Lebens zu danken. Dann aber stiegen freilich auch trübe
Gedanken bei mir auf. Mein schönes gutes Schiff war verloren! Wäre mir
ein Freund gestorben, so hätte mir sein Verlust nicht näher gehen
können.
Doch wie manches ging in dieser unglücklichen Nacht mit meinem Schiffe
verloren! Zwar mein Reeder war gedeckt. Ich hatte den Auftrag von ihm,
so oft ich aus einem Hafen abging, das Schiff durch Besorgung des Hauses
Joh. Dav. Klefecker in Hamburg, assekurieren zu lassen. Es war demnach
auch jetzt für eine Summe von zwanzigtausend Talern oder vierzigtausend
Mark Hamburger Banko versichert. Da nun dieses Schiff mit vollem Zubehör
neu nur zweiundzwanzigtausend Taler gekostet hatte, die Ladung Seesalz
aber nur einen Wert von tausendfünfhundert Talern hatte, so ließ sich
wohl absehen, daß der Verlust des Schiffes ihm keinen wesentlichen
Schaden zuführen würde.
Anders aber war die Sache für mich selbst, und ich durfte wohl gestehen,
daß dieser Schiffbruch mein eigenes, eben wieder aufkeimendes Glück
völlig vernichtete. Meinen Erwerb an festem Gehalt als Schiffer hatte
ich stets bei meinem Patron stehen lassen und dieser war mir nun
allerdings unverloren; allein ein Schiffskapitän hat, auf vollkommen
rechtmäßiger Weise, noch so mancherlei Gelegenheit zu allerlei
Nebenverdiensten; ihm kommen Kajütenfracht und Kapplacken [Gratifikation
vom Empfänger der Ladung] zugute, und nicht leicht verläßt er einen
Hafen, ohne zugleich auch auf irgendeinen kleinen Handel zu seinem
Privatvorteile spekuliert zu haben, der um so besser einschlagen kann,
da er Frachtgelder und Assekuranzprämien daran erspart. Alle diese
kleinen Ersparnisse hatte ich immer wieder aufs neue in Waren angelegt,
und so war nach und nach mein Privatverkehr zu dem Umfange gediehen, daß
ich diesmal beinahe den Wert von elftausend Gulden an Bord führte.
Alles dies ging nun mit dem Schiffe unwiederbringlich zugrunde! Ich
hatte mir's alle diese Jahre ganz vergeblich sauer werden lassen!
Als wir genauer um uns sahen, erblickten wir auf der Landspitze neben
dem Feuerturme ein einzelnes Haus, auf welches wir zuschritten und darin
den Feuerinspektor, seine Frau und zwei zur Unterhaltung des Feuers
erforderliche Knechte vorfanden. Erschöpft von soviel Anstrengungen und
niedergedrückt von Sorge und Kummer, sank ich gleich nach der ersten
Begrüßung auf ein dastehendes Bett und verfiel in ein halbwaches
Hinbrüten, aus welchem ich mich mehrere Stunden lang nicht zu ermuntern
vermochte. Gleichwohl hörte ich es während dieses fieberhaften Zustandes
wie im Traume mit an, daß die Wirtsleute sich mit meinem Volke über
unsere Umstände unterhielten, daß dabei erwähnt wurde, unser Schiff habe
nach Stettin zu Hause gehört, und daß darauf die Hausfrau sich als meine
Landsmännin bezeichnete.
Ihre dadurch geweckte nähere Teilnahme gab sie mir kund, indem sie mit
gebratenem Geflügel an mein Bett trat und mich einlud, davon zu
genießen. »Wie?« rief ich, mich ermunternd -- »Federwild auf dieser
Insel, wo kein Strauch, kein Grashalm, sondern nur der nackte Flugsand
sich zeigt? Das ist doch wunderbar!« -- Bei weitem nicht so sehr, als
ich glaubte, ward mir zur Antwort. Auf den Abend sollte mir das Rätsel
gelöst werden, wie sie imstande wären, in den Wintermonaten ganze Körbe
voll Geflügel nach Kopenhagen zu schicken.
Aber auch das Rätsel unserer Landsmannschaft bat ich die gefällige Frau,
mir zu erklären, und so erfuhr ich, daß sie in Berlin geboren, in ihrem
vierzehnten Jahre nach Kopenhagen bei der Silberdienerei auf dem
Schlosse in Dienst gekommen und dann mit dem königlichen Silberdiener
verheiratet worden sei, als dieser durch Anstellung zum Feuerinspektor
auf Anholt seine lebenslängliche Versorgung erhalten habe.
Abends, als das Feuer auf dem Leuchtturme angezündet worden, sah ich nun
freilich, wie von Zeit zu Zeit, von dem hellen Scheine angelockt,
zahlreiche Schwärme von Vögeln aller Art herbeiflogen und, von dem Feuer
geblendet, diesem so naheflatterten, daß sie, an Flügeln und Federn
versengt, zu Boden fielen und mit Händen gegriffen werden konnten.
Nachdem wir uns hier zwei Tage lang von unseren erlittenen schweren
Mühseligkeiten bei diesen freundlichen Gastgebern erholt, aber sie auch
beinahe rein ausgezehrt hatten, wofür ich ihnen eine angemessene
Anweisung nach Kopenhagen ausstellte, ward es freilich wohl hohe Zeit,
unseren Stab weiterzusetzen. Auf dem östlichen Ende der Insel, wo sie am
breitesten ist, lag noch das einzige hier vorhandene Fischerdörfchen von
etwa fünfzehn Hütten, dem ein Schulze, hier Drost genannt, vorstand. An
diesen hatte ich bereits tags zuvor geschrieben, daß wir als
Schiffbrüchige auf seinen obrigkeitlichen Beistand zu unserem weiteren
Fortkommen rechneten. Ich würde zu einer bestimmten Zeit mit einem
Gefolge von vierzehn Köpfen bei ihm erscheinen und eine bereitgehaltene
tüchtige Mahlzeit, ein Fahrzeug zur Überfahrt nach Helsingör und
ausreichenden Proviant für drei Tage -- alles gegen Bezahlung --
vorzufinden erwarten.
Statt dessen wurden wir von diesem Manne mit einer so abschreckenden
Kälte empfangen und für alle unsere Bedürfnisse war so wenig irgend
einige Sorge getragen, daß es mir sehr verzeihlich erschien, wenn wir
zuvörderst auf gut soldatisch seinen wohlgefüllten Speiseschrank in
Requisition setzten, seiner Rauch- und Brotkammer für den uns nötigen
Seeproviant zusprachen und endlich das größte unter den am Strande
liegenden Fischerbooten zu unserer Reise in Beschlag nahmen und mit den
vorgefundenen Gerätschaften zutakelten -- alles das im Beisein sowohl
des bestürzten Drosten, der seine gelieferten Lebensmittel selbst
schätzen mußte und dafür schriftliche Anweisung empfing, als des
Booteigentümers, der, gern oder ungern, mit uns an Bord ging, um uns
nach Helsingör zu führen und dort seine Bezahlung zu empfangen. Dieser
war es denn auch, der uns unterwegs gestand, uns sei das Gerücht
vorausgegangen, daß wir eine Bande Seeräuber wären, die nicht das Kind
im Mutterleibe verschonten.
Am 18. Mai erreichten wir Helsingör, wo ich, um die Zahlung der
Assekuranz zu sichern, sofort darauf bedacht war, im Gefolge meiner
geborgenen Mannschaft vor Gericht eine eidliche Erklärung über die
Umstände des Unglücks niederschreiben zu lassen. Meine Leute empfingen
ihre Löhnung, und so ging alles nach allen Himmelsgegenden auseinander,
-- freilich, wie wir gingen und standen, denn von dem Schiffe hatten wir
keine Faser gerettet. Ich selbst mußte mich, bevor ich von Helsingör
abreiste, von Haupt zu Fuß neu bekleiden, wenn ich mich vor Leuten
wollte sehen lassen können.
Ich würde mir's nicht verzeihen können, wenn ich hierbei mit
Stillschweigen überginge, was mir mit einer Jüdin begegnete, in deren
Trödelbude ich ein neues Hemd zu kaufen im Begriff stand. Den
geforderten Preis aufzählend, beantwortete ich ihr zugleich einige
Fragen, welche ihre Neugier an mich richtete, durch Hindeutung auf
meinen neulichen Schiffbruch, aus welchem ich nicht einmal meine
Kopfbedeckung gerettet hätte. Meine Erzählung lockte ihr Tränen ins
Auge, sie schlug die Hände zusammen und rief: »So soll mich doch Gott
bewahren, daß ich Geld von Ihnen für das Hemd nähme!« -- Vergebens
versicherte ich ihr, daß es, nun ich erst am Lande wäre, keine Not mit
mir habe; sie steckte mir das zusammengeraffte Geld in die Hand und das
Hemd in den Busen, und als ich jenes dennoch auf den Ladentisch legte
und mit Dank meines Weges ging, lief sie mir nach, um es mir wieder
aufzunötigen, so daß ich sie endlich bitten mußte, auf der Straße kein
Aufsehen zu erregen, und mit einem gerührten Händedrucke von ihr
schied.
* * * * *
Nun ging ich baldmöglichst als Passagier mit einem Schiffe nach Stettin,
um meinem Patron Rede zu stehen. Wir rechneten miteinander ab; ich
empfing meine rückständigen Gelder und begab mich nach Kolberg, um über
mein weiteres Tun zu einem Entschlusse zu kommen. Es wurden mir
verschiedene Schiffe zur Führung angeboten, allein die nächsten Jahre
nach dem amerikanischen Kriege waren für Handel und Schiffahrt so
ungünstig, daß unsereiner bei seinem Handwerke ferner weder Ehre
einlegen, noch seinen Vorteil absehen konnte. So gab ich denn, in
Erwägung, daß die bessere Halbschied meines Lebens bereits hinter mir
liege, das ganze Seewesen auf und war darauf bedacht, mich in meiner
lieben Vaterstadt auf eine stille, bürgerliche Nahrung mit Bierbrauen
und Branntweinbrennen, wie es mein Vater seither getrieben hatte,
einzurichten.
Nach dreiviertel Jahren etwa, als ich allen Seegedanken längst entsagt
hatte, auch mein werter Freund und Patron Groß bereits mit Tod
abgegangen war, kam mir ein Schreiben von dessen Schwiegersohne und
Nachfolger, Herrn Boneß, zu, das mich auf einmal wieder in die alten
Sorgen zurückstürzte. Er meldete mir, es sei von Lissabon ein Wechsel
auf beinahe dreitausend Taler eingelaufen, als Ersatzsumme für das
Schiff des Kapitäns Sylva, welches ich übersegelt und zugrunde gerichtet
haben sollte, daher ich doch hierüber nähere Auskunft mitteilen möchte.
Man kann leicht denken, wie ich erstaunte, daß man jenem Vorfalle auf
dem Tajo eine solche Wendung zu geben gedachte. Das Vorgeben mit der
Übersegelung war eine offenbare grobe Erdichtung. Hatte das
portugiesische Schiff Schaden genommen oder war es endlich darüber
zugrunde gegangen, so mochte der Kapitän lediglich seine eigene
Nachlässigkeit und seinen Mangel an Aufsicht anklagen; und sollte von
einem Schadenersatze die Rede sein, so wäre ich, auf den jenes Schiff
zugetrieben kam, während ich selbst ruhig vor Anker lag, solchen zu
fordern ungleich mehr berechtigt gewesen. Dieserwegen berief ich mich
auf die gerichtliche Aussage meiner Mannschaft, wovon das Original in
den Händen des preußischen Konsuls zurückgeblieben, während meine
mitgenommene beglaubigte Abschrift mit meinem verunglückten Schiffe
leider ein Raub der Wellen geworden war.
Aber nicht zufrieden, dies mit der nötigen Ausführlichkeit
zurückberichtet zu haben, reiste ich selbst nach Stettin, um jede noch
etwa mangelnde Auskunft zu erteilen. Der Wechsel ward demnach mit
Protest zurückgesandt und wir hielten den Sturm für abgeschlagen. In der
Tat veränderte man nun auch in Lissabon die Art des Angriffes, denn nach
Verlauf eines halben Jahres lief von dort eine Aufforderung an den
Magistrat in Kolberg ein, mich, den Schiffer Nettelbeck, in dieser Sache
zu einer Entschädigung von dreitausend und einigen hundert Talern
obrigkeitlich anzuhalten. Da diese Summe nach portugiesischem Gelde in
Rees ausgedrückt war, deren dreihundert auf einen preußischen Taler
gehen, so paradierte demnach in jener Eingabe eine Forderung von beinahe
einer Million Rees, welche das Publikum meiner guten Vaterstadt
treuherzig mit ebensoviel Talern verwechselte und nun billig die Hände
über den Köpfen zusammenschlug, daß der Nettelbeck tausendmal mehr
schuldig sei, als er Haare auf dem Kopfe habe!
Es versteht sich wohl, daß ich bei meiner gerichtlichen Vernehmung die
nämlichen Gründe geltend machte, welche ich bereits Herrn Boneß an die
Hand gegeben hatte. Damit aber noch nicht befriedigt, reiste ich
abermals nach Stettin, um ihm wiederholt zu raten, daß er sich nach
Lissabon an den Preußischen Gesandten wenden und die dort niedergelegte
eidliche Erklärung einziehen lassen möchte, um den Prozeß auf diesem
festen und sicheren Grund zu führen.
Den Prozeß aber leiteten nunmehr die Lissaboner bei dem Seegerichte zu
Stettin ein; der Spruch fiel dahin aus, daß wir Beklagte zur Bezahlung
eines Schadens _nicht_ anzuhalten wären. Es ward von dieser Sentenz an die
Königliche Kriegs- und Domänenkammer appelliert, welche sie jedoch in
zweiter Instanz bestätigte. Auch hiermit begnügten sich unsere Gegner
nicht, sondern gingen an die dritte Instanz, in das Revisorium. Endlich,
nach einem halben Jahre, schickte mir Herr Boneß den Revisionsspruch zu,
der dahin lautete: Die Reeder des Stettiner Schiffes hätten den Schaden
zu vergüten, übrigens aber wiederum Regreß an ihren Schiffer zu nehmen.
Wie mich ein so unerwarteter Ausgang dieses Prozesses in Erstaunen,
Unwillen und gerechten Ärger setzen mußte, ist leicht zu begreifen.
Herrn Boneß verbarg ich meine Empfindlichkeit nicht, daß er verabsäumt
hatte, die sprechendsten Beweismittel herbeizuschaffen, und daß ich
allein nunmehr, wie es schiene, unter dieser Vernachlässigung leiden
sollte. Aus meinen Papieren könne ich dartun, daß ich seinem
Schwiegervater mit diesem Schiffe reine einundvierzigtausend Taler
verdient hätte, und so möge denn sein Billigkeitsgefühl entscheiden, ob
und welche Ansprüche er noch ferner an mich zu machen gedenke? -- zumal
da mein Gewissen mich von aller Schuld in jener Sache losspreche. Müßte
es jedoch zwischen uns zu einem Prozesse hierüber kommen, so würde ich
mich zu verantworten wissen.
Bei alledem war mir aber nicht gar wohl zumute. Ich ward endlich
schlüssig, mich nach Lissabon zu begeben und dem Dokumente, auf welchem
hier alles beruhte, an Ort und Stelle nachzuforschen. Vorläufig aber gab
ich dem Makler Brödermann in Hamburg, den ich kannte, den Auftrag, sich
bei den zuletzt von Lissabon eingekommenen Schiffern nach Leben und Tod
des dortigen Preußischen Gesandten und Konsuls genau zu erkundigen und
mir zugleich auf einem etwa binnen Monatsfrist dahin abgehenden Schiffe
einen Platz als Passagier zu bestellen.
Mein braver Patron Groß hatte außer dem Kaufmann Boneß noch drei andere
Schwiegersöhne, sämtlich Schiffer, als Erben seines bedeutenden
Vermögens hinterlassen. Diese alle kannten mich seit langen Jahren und
hatten mir stets Beweise ihrer Zuneigung und Achtung gegeben. An diese
nun wandte ich mich jetzt schriftlich und ersuchte sie um eine
bestimmte Erklärung, ob die Großschen Erben gesonnen wären, einen Prozeß
gegen mich anzustrengen? Solchenfalls aber möchten sie damit nicht
säumen, indem ich auf dem Sprunge stände, nach Lissabon zu gehen und mir
neue und hinreichende Beweismittel zu verschaffen.
Die Ehrenmänner gaben mir zur Antwort: sie kennten mich und glaubten mir
aufs Wort, daß ich eine gerechte Sache hätte und Bulkeley so gut als
Sylva ein paar Schurken wären. Ich möchte die Lissaboner Reise nur
unterlassen, indem sämtliche Großsche Erben unter sich übereingekommen
wären, jeden Prozeß und Anforderung gegen einen Mann aufzugeben, der
ihrem Hause so tätig und redlich gedient und ihm so ansehnliche Summen
erworben habe.
So mag sich denn nun hier die Geschichte meiner Seereisen und Abenteuer
schließen. Wohl aber mag ich auch sagen: »Gott hat große Dinge an mir
getan, der Name des Herrn sei gelobet!«
* * * * *
Nun bin ich denn also aus einem Seemanne ein Landmann und ehrsamer
Kolbergischer Pfahlbürger geworden, und was einem solchen begegnen kann,
ist nicht so abwechselnd und ausgezeichnet, daß es eine ausführlichere
Erzählung verdiente. Sind in der Folge meines Lebens Verhältnisse
eingetreten, wo mein Name für einige Augenblicke aus der Dunkelheit
hervorgetreten zu sein scheint, wozu Natur und Schicksal mich wohl
eigentlich bestimmt hatten, so fühle ich doch gar wohl, wie wenig es
gerade _mir_ geziemen würde, über diese Periode und über mich selbst zu
sprechen, wo das, was mir Schuldigkeit und Bürgerpflicht zu tun geboten,
leicht als Prahlerei erscheinen könnte.
Findet sonst irgend jemand -- sei er Freund oder Feind -- Neigung und
Beruf, von mir zu schreiben, so sage er, was Wahrheit ist. Mir selbst
genügt an dem Bewußtsein, für mein Vaterland, für meinen König und für
jeden Menschen getan zu haben, was die schwachen Kräfte eines einzelnen
vermochten. Wäre ein wenigeres geschehen, so würde ich mir's zum Vorwurf
rechnen. Meinen heimlichen Feinden muß ich gestatten, im stillen über
mich zu richten und mich zu verurteilen. Öffentlich aber werden sie
schwerlich gegen mich auftreten, um meine Ehre anzutasten, die ich bis
zu meinem letzten Atemzuge darein setzen werde, ein Verehrer meines
Königs, ein getreuer Untertan, ein dankbarer Sohn meiner geliebten
Vaterstadt, ein exemplarischer Bürger, der Freund meiner Freunde und im
großen wie im kleinen ein ehrlicher Mann zu sein.