Erscheinung mit einigem Verlangen entgegenzusehen, und um dies gehörig
zu erklären, sehe ich mich genötigt, hier etwas aus meiner früheren
Lebensgeschichte nachzuholen.
* * * * *
Im Jahre 1764, als ich noch in Königsberg wohnte und mich in besserem
Wohlstande befand, geschah es, daß ich eines Tages einen Faden Brennholz
vor meiner Türe spalten ließ. Der ältliche Mann, der zu diesem Geschäfte
herbeigeholt worden, schien es weder mit sonderlicher Lust noch mit
großer Geschicklichkeit zu verrichten. Ich ließ mich mit ihm in ein
Gespräch ein und gab ihm wohlmeinend zu verstehen, daß es mir schiene,
als würde er mit dieser Hantierung in der Welt nicht viel vor sich
bringen. Ob er sich auf nichts anderes und Besseres verstünde? -- Seine
Antwort war, er habe es in der Welt mit viel und mancherlei versucht,
ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen; aber was einmal zum Heller
ausgeprägt sei, werde nimmermehr zum Taler. -- »Nun, nun,« versetzte ich
scherzend, »das hinderte gleichwohl nicht, daß Ihr nicht noch einmal ein
großer Herr würdet und in der Kutsche führet! Aber an Eurer Mundart
vernehme ich, daß Ihr nicht von Kind auf Königsberger Brot gegessen
habt. Vielleicht sind wir gar Landsleute?« -- »Könnte wohl sein.
Irgendein Unglückswind hat mich einmal hierher nach Preußen verschlagen.
Eigentlich bin ich ein pommerisch Kind und aus Belgard.« -- »Ei, aus
Belgard? und Euer Name?« -- »Kniffel.« -- »Kniffel? Kniffel?«
wiederholte ich nachsinnend, indem mir etwas aufs Herz schoß. »Und habt
Ihr noch Brüder am Leben?« -- »Ein paar wenigstens, die aber schon vor
vielen Jahren, gleich mir, in die weite Welt gingen, ihr Glück zu
suchen, und von denen ich weiter nicht weiß, wohin sie gestoben oder
geflogen sind.«
Jetzt ließ ich mir noch die Vornamen der Verschollenen nennen und nun
war ich meiner Sache gewiß. Es waren die nämlichen Gebrüder Kniffel, die
ich vormals in Surinam kennen gelernt und die sich dort zu so
bedeutendem Wohlstande emporgearbeitet hatten, während dieser dritte
Bruder so gut als ein Bettler geblieben. Ohne ihm darüber einen Floh ins
Ohr zu setzen, ging mir doch das Ding je länger je mehr im Kopfe herum.
Ich erfuhr auf weiteres Befragen, daß er verheiratet sei und eine
einzige Tochter, ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, habe.
Bald auch stellte ich bei anderen Leuten Erkundigungen nach dieser
Familie an, die den Vater als einen halben Narren bezeichneten, von der
Mutter auch eben nicht sonderlich viel Gutes zu rühmen wußten, aber der
Tochter das Zeugnis eines gutartigen, lieben Geschöpfes, doch ohne
Bildung und feinere Sitten, beilegten.
Nun wußte ich, daß die reichen Brüder in Surinam ohne Kinder waren, und
ich kannte sie als so rechtliche Leute, daß ich ihnen mit Gewißheit
zutrauen durfte, sie würden gern bereit sein, etwas für ihre arme
Verwandte zu tun, sobald sie mit der bedrängten Lage derselben bekannt
wären. Kurz es ließ mir keinen Frieden, bis ich wieder der gutherzige
Tor geworden, der es nicht lassen konnte, sich in anderer Leute Händel
zu mischen, sobald er glaubte, daß es zu irgend etwas Gutem führen
könne. Ich setzte mich also hin, schrieb an jene Herren in Surinam, wie
ich zufälligerweise mit ihrem Bruder bekannt geworden, und überließ es
ihrem Ermessen, ob sie die dürftige Lage der Familie nicht in etwas
erleichtern wollten.
Der Brief ging über Holland an seinen Bestimmungsort ab. Da es jedoch
leicht Jahr und Tag dauern konnte, bevor eine Antwort darauf zu erwarten
war, so nahm ich mich denn derweile der Leutchen an, so gut ich
vermochte, um sie von drückendem Mangel zu schützen. Das Mädchen ließ
ich etwas besser kleiden und den früher versäumten Unterricht nach
Möglichkeit wieder einbringen, wobei es denn auch nicht an guten
Ermahnungen zu einem ehrbaren christlichen Wandel mangelte. So ging das
fort, bis endlich Briefe an mich einliefen, worin meine alten Gönner und
Freunde mir herzlich dankten, daß ich ihnen einen langgehegten Wunsch
erfüllt und ihnen ihren längst totgeglaubten Bruder wieder zugewiesen.
Sie hätten die Veranstaltung getroffen, diesem durch ein Königsberger
Handelshaus eine jährliche Leibrente auszahlen zu lassen, wovon sie
glaubten, daß er seine übrigen Lebenstage damit bequem und gemächlich
würde ausreichen können.
Sodann aber eröffneten sie mir ein Verlangen, worin sie wünschten und
mich aufforderten, ihnen noch näher die Hände zu bieten. Mir sei bewußt,
daß sie unbeerbt lebten, und doch möchten sie gern die Freude genießen,
einen Blutsverwandten um sich zu sehen und einst ihr Vermögen in dessen
Hände zu übergeben. Ich möchte also sehen, ob es tunlich sei, die
Tochter ihres Bruders mit Einwilligung der Eltern dahin zu vermögen, die
Reise zu ihnen nach Surinam zu unternehmen. Es sei ihre Absicht, sie an
Kindes Statt anzunehmen, und sie würden sie mit offenen Armen und Herzen
aufnehmen. Sei sie dazu nicht abgeneigt, so würde ich dahin zu sorgen
haben, sie auf eine sichere und bequeme Weise nach Amsterdam an das Haus
ihres dortigen Korrespondenten zu adressieren, von wo ihre weitere Reise
übers Meer in gleicher Art veranstaltet werden sollte. Daß diese
Aufträge zugleich mit reichlichem Ersatze für meine aufgewandte Mühe und
Auslagen verbunden waren, bedarf kaum einer Erwähnung.
Man kann leicht denken, mit welcher freudigen Überraschung die Eltern
die Zeitung von dem hellen Glückssterne empfingen, der ihnen so
unverhofft jenseits des Meeres aufgegangen; aber auch, daß die
Wohlhabenheit, in welche sie sich so auf einmal versetzt sahen, ihnen
mehr oder weniger die Köpfe verrückte. Leicht auch entschlossen sie
sich, in die Trennung von ihrem Kinde zu willigen, so wie dieses selbst
an Sinn und Neigung noch zu sehr ein Kind war, um nicht mit leichtem
Mute in den Aufruf so gütiger Verwandten einzustimmen, die es zu sich
entboten. Indes war doch auch in der Zwischenzeit in des Mädchens
äußerem Wesen eine ihr sehr vorteilhafte Änderung vorgegangen, und es
schien mir keinem Zweifel unterworfen, daß sie sich in der Zuneigung
ihrer Oheime behaupten würde. Es fand sich Gelegenheit, sie der Obhut
eines meiner Freunde, der ein Schiff nach Amsterdam führte,
anzuvertrauen. Ich wußte, daß sie dort glücklich angekommen war und
ebenso wohlbehalten die Überfahrt nach Surinam gemacht hatte. Von dort
hatte ich die schriftlichen Danksagungen meiner Freunde empfangen, aber
späterhin war unser brieflicher Verkehr unterbrochen worden, so daß ich
seit mehreren Jahren nicht wußte, wie es um sie und ihr angenommenes
Kind stehen möchte. Beides hoffte ich nunmehr von den an Bord
erschienenen Gesundheitskommissarien zu vernehmen.
Leider erfuhr ich, daß die Gebrüder Kniffel schon vor einigen Jahren mit
Tod abgegangen. -- »Aber was ist aus einem Frauenzimmer -- einer
Anverwandten aus Deutschland -- geworden, die vor nicht gar zu langer
Zeit in die Kolonie gekommen und als die mutmaßliche Erbin ihrer Oheime
angesehen wurde?« -- »Ei, das ist sie auch wirklich geworden,« war die
Antwort, »und nicht nur im vollen Besitze des ganzen ungeheuren
Kniffelschen Vermögens, sondern auch gegenwärtig die Gemahlin des
Bankdirektors Mynheer van Roose und zu Paramaribo wohnhaft.« -- Schmerz
und Freude wechselten bei diesen Nachrichten in meinem Gemüte, doch war
ich voller Begierde, mich der Frau van Roose auf eine gute Art
vorzustellen.
Dazu fand sich gleich am nächsten Tage Gelegenheit, als wir uns im
Angesichte der Stadt vor Anker gelegt hatten, indem ich meinen
Negerjungen von einer Anzahl mitgebrachter blauer Papageien, wie sie
hier unter die Seltenheiten gehören, den schönsten auf die Hand und
einen Affen auf den Kopf nehmen, dann aber vor mir hin nach dem mir noch
von alters her gar wohlbekannten Kniffelschen Hause traben ließ, wo auch
gegenwärtig die reiche Erbin noch wohnen sollte. Jetzt wimmelte es darin
von schwarzen Sklavinnen, durch deren eine ließ ich der Frau van Roose
mein Verlangen melden, ihr aufwarten zu dürfen.
Alsbald trat sie aus ihrem Zimmer hervor und mein erster Blick ließ mich
sie wieder erkennen, obwohl sie seither stattlich ausgewachsen war. Ich
darf indes wohl gestehen, daß mir, als sie so leibhaftig vor mir stand,
doch etwas wunderlich ums Herz war, und daß mir's einigermaßen den Atem
versetzte, als ich die Frage an sie richtete: ob es ihr nicht beliebe,
etwas von meinen afrikanischen Raritäten zu kaufen? -- Anstatt mir
darauf zu antworten, faßte sie mich nicht weniger scharf ins Auge, als
das meinige auf ihr haftete. »Mein Gott!« rief sie endlich, »Gesicht und
Stimme kommen mir so bekannt vor ... Es ist unmöglich, daß ich Sie nicht
schon irgendwo gesehen haben sollte -- «
»Ei freilich wohl!« gab ich zur Antwort. -- »Den alten Nettelbeck aus
Königsberg werden Sie so ganz und gar nicht vergessen haben!«
Nun entfuhr ihr ein lauter Freudenschrei; sie fiel mir mit beiden Armen
um den Hals, die hellen Tränen stürzten ihr aus den Augen (und mir war's
auch nicht weit davon), bis ihr endlich im Übermaß der Rührung in meinen
Armen beinahe die Sinne schwanden. Darüber erhob sich ein Geschrei und
Lärmen unter der schwarzen Dienerschaft, das weit umher erscholl und
endlich auch den erschrockenen Hausherrn herbeiführte. Dieser stutzte
nicht wenig, seine Gattin in halber Ohnmacht am Halse und in den Armen
eines unscheinbaren Fremden zu erblicken. Er sprang herzu, fragte, was
es gäbe, und fand sie ebensowenig imstande, ihm eine Antwort zu
stammeln, als ich selbst mich vor inniger Rührung vermögend fühlte, ihn
zu befriedigen: »Dies ist der Mann, von dem ich dir so oft erzählt habe
-- der erste Urheber meines Glückes -- der ehrliche Nettelbeck, der sich
in Königsberg meiner annahm. O Gott!« --
Mehr konnte sie nicht sagen, weil eine neue Schwäche sie anwandelte. Der
Gatte und ich nahmen sie unter beide Arme und führten sie in das
anstoßende Zimmer zu einem Kanapee, wo denn der Aufruhr in ihrer Seele
sich allmählich wieder beruhigte. Nun jagten sich tausend verwirrte
Fragen -- wie es mir gehe? was ich treibe? wie ich hierher nach Surinam
komme? -- und war nicht eher befriedigt, als bis ich ihr in der Kürze
meine neuesten Lebensschicksale erzählt hatte. Ebenso unersättlich war
sie in Erkundigungen nach dem Ergehen ihrer Eltern, von denen sie seit
zwei Jahren keine Kunde erhalten habe. Ich war zwar selbst bereits seit
vier Jahren von Königsberg abwesend, doch sagte ich, was ich wußte: daß
ihr Vater den wunderlichen Einfall gehabt, sich den Titel als Lizentrat
zu kaufen, und daß er dieses und jenes treibe, was man ihm zugute halten
müsse. Jene Standeserhöhung hatte er ihr wohlweislich verschwiegen, und
sie konnte nicht umhin, recht herzlich darüber zu lachen, bis sie denn
endlich hinzusetzte: »Ei, und warum auch nicht? Laßt doch dem alten
Manne die närrische Puppe!«
Jetzt dünkte mir's Zeit, wieder aufzubrechen, aber ich ward mit
liebreichem Ungestüm zurückgehalten. Vergebens suchte ich mich mit
meinen Verhältnissen als Obersteuermann zu entschuldigen, die keine gar
zu lange Entfernung vom Schiffe zuließen. Doch auch dem wußten sie zu
begegnen, indem sie nach meinem Kapitän aussandten und ihn gleichfalls
freundlich zur Tafel einluden. Dieser, der wußte, was für eine
Erkennungsszene mich am Lande erwartete, schlug es nicht aus, und seine
Gegenwart diente nur dazu, unser geselliges Vergnügen noch zu erhöhen.
Unter dem lebhaftesten Hin- und Herfragen bemerkte endlich Frau van
Roose, daß auf den Sklavenschiffen oftmals einige Verlegenheit wegen der
Herbeischaffung frischer Mundvorräte zu entstehen pflege. Diese für uns
zu beseitigen, würde sie Befehl geben, daß von ihren drei Plantagen
täglich so viel Lebensmittel an Bord geschafft werden sollten, als wir
irgend bedürfen möchten. Den Wert dafür könne der Kapitän mir nach einem
billigen Maßstabe zugute schreiben. Da dies nun auch während der
vierzehntägigen Dauer unseres hiesigen Aufenthaltes zur Ausführung kam,
so erwuchs mir dadurch ein kleiner Vorteil von hundertvierzig Gulden;
doch noch mehr verpflichtet fühlte ich mich durch die liebevolle
Aufnahme, deren ich mich binnen dieser Zeit in dem Roosenschen Hause
fast täglich zu erfreuen hatte.
* * * * *
Unser Hauptgeschäft bestand hier indes im Verkaufe unserer schwarzen
Ware, worüber ich mich mit einigen Worten zu erklären habe. Gewöhnlich
erläßt der Schiffskapitän bei seiner Ankunft in der Kolonie ein Zirkular
an die Plantagenbesitzer und Aufseher, worin er ihnen seine
mitgebrachten Artikel anempfiehlt und die Käufer zu sich an Bord
einladet. Bevor jedoch diese anlangen, wird eine Auswahl von zehn bis
zwanzig Köpfen, als der erlesensten unter dem ganzen vorhandenen
Sklavenhaufen, veranstaltet; man zeichnet sie mit einem Bande um den
Hals, und so oft ein Besuch naht, müssen sie unter das Verdeck kriechen,
um unsichtbar zu bleiben. Denn die Politik des Verkäufers erfordert, daß
nicht gleich vom Anfange an das beste Kaufgut herausgesucht werde und
dann der Rest, als sei er bloßer Ausschuß, in bösen Verruf komme.
Haben sich nun kauflustige Gäste auf dem Schiffe eingefunden, so werden
die männlichen wie die weiblichen Sklaven angewiesen, sich in zwei
abgesonderten Haufen in die Runde zu stellen. Jeder sucht sich darunter
aus, was ihm gefällt, und führt es auf die Seite, und dann erst wird
darüber gehandelt, wie hoch der Kopf durch die Bank gelten soll.
Gewöhnlich kommt dieser Preis für die Männer auf vierhundert bis
vierhunderfünfzig Gulden zu stehen. Auch junge Burschen von acht oder
zehn Jahren und darüber erreichen diesen Preis so ziemlich; ein
Weibsbild wird, je nachdem ihr Ansehen besser oder geringer ausfällt,
für zweihundert bis dreihundert Gulden losgeschlagen; hat sie aber noch
auf Jugend, Fülle und Schönheit Anspruch zu machen, so steigt sie im
Werte bis auf achthundert oder tausend Gulden und wird oft von Kennern
noch bedeutend besser bezahlt.
Ist der Handel abgeschlossen, so wird der Preis entweder zur Stelle bar
berichtigt, meist aber durch Wechsel ausgeglichen, oder es findet auch
ein Austausch gegen Kolonieerzeugnisse statt, und wenn die Käufer ihre
erhandelten Sklaven nicht gleich mit sich hinwegführen, so bedingen sie
auch wohl ein, daß der Kapitän sie im Boote oder in der Schaluppe an die
bezeichnete Plantage abliefern läßt.
Zuletzt bleibt denn nun, nachdem allmählich auch die erlesene Ware zum
Vorschein gekommen ist, wirklich nur der schlechtere Bodensatz zurück,
und um sich dessen zu entäußern, muß nun der Weg des öffentlichen
Ausgebotes an den Meistbietenden beschritten werden. Zu dem Ende werden
diese Neger an dem dazu bestimmten Tage ans Land und auf einen eigenen
Platz gebracht, wo ein Arzt jeden Sklaven einzeln auf seine Tauglichkeit
untersucht. Dieser muß sodann auf einen Tisch treten; der Arzt legt
Zeugnis ab, daß er fehlerfrei sei, oder daß sich dieser oder jener
Mangel an ihm finde. Nun geschehen die Gebote der Kauflustigen, und so
wird, nach erfolgtem Zuschlage, bis zu dem letzten aufgeräumt.
Wir hatten diesmal bei unserm Handel nur wenig Glück, was auch nicht
anders sein konnte, da nur kurz zuvor zwei Sklavenschiffe hintereinander
hier gewesen waren und den Markt überfüllt hatten. Die schlechte
Erfahrung der ersten vierzehn Tage überzeugte uns daher von der
Notwendigkeit, einen vorteilhafteren Platz aufzusuchen, und unsere Wahl
fiel auf die benachbarte holländische Kolonie Berbice.
* * * * *
Am 1. Januar 1773 stachen wir demnach wieder in See.
Doch schon am nächsten Tage verspürten wir plötzlich einen Leck von
solcher Bedeutung, daß wir im vollen Ernste das Sinken fürchteten und
uns mit der angestrengtesten Arbeit an den Pumpen kaum über Wasser
erhalten konnten. Wir befanden uns hier einem unangebauten Striche der
Küste und der Mündung des Flusses Kormantin gegenüber, die fünfzehn
Meilen nördlich von Surinam liegt und bis dahin noch von keiner
europäischen Macht in Besitz genommen war. Wollten wir nun nicht unser
Grab in den Wellen finden oder auf den Strand laufen und auch hier
vielleicht alles verlieren, so blieb uns nur der Versuch übrig, in den
gedachten Fluß einzulaufen und unseren Schaden auszubessern.
Ich ging mit der Schaluppe voraus und untersuchte die Einfahrt. Die
Mündung des Stromes war beinahe anderthalb Meilen breit und in der Mitte
vor ihr lag eine kleine Insel, niedrig und mit Rohr und Strauch
bewachsen. Das Fahrwasser fand ich bei der höchsten Flut nur dreizehn
Fuß tief -- für uns ein leidiger Umstand, da unser Schiff etwas über
vierzehn Fuß tief ging. Es galt demnach, dieses mindestens um anderthalb
Fuß zu erleichtern, und zu dem Ende bedachten wir uns ebensowenig,
unseren gesamten eingenommenen Vorrat von frischem Wasser wieder über
Bord laufen zu lassen, als unsere überzähligen Stangen und Rahen ins
Wasser zu lassen, sie zu einem Floße zu vereinigen und alles, was nur
irgend dem Verderben nicht ausgesetzt war, darauf auszuladen.
Dennoch lief uns mit der Ebbe eine so gewaltige Strömung entgegen, daß
wir uns der Mündung nicht nähern durften, sondern unter Furcht und Sorge
die nächste Flut erwarten mußten, und diese führte uns dann doch so weit
hinein, daß wir Schutz vor den Wellen fanden und das Schiff dicht am
Lande auf den Grund setzen konnten. Bei der niedrigsten Ebbe stand es
völlig trocken auf einem Sandgrunde, und das hineingedrungene Wasser
lief wieder aus. Auf diese Weise machte es uns wenig Mühe, die
eigentliche Stelle des Lecks aufzufinden und gehörig wieder zu
verstopfen. Doch hielt uns diese Ausbesserung hier fünf bis sechs Tage
auf, während welcher Zeit uns an diesem Orte, trotz unseren fleißigen
Streifereien in der ganzen Gegend umher, auch nicht ein einziges
menschliches Wesen zu Gesichte kam, so daß wir diese Ufer für durchaus
unbewohnt halten mußten.
* * * * *
In Berbice, wo wir mit dem letzten Januar anlangten, fanden wir leider
ebenso schlechten Markt, indem bereits zwei Sklavenschiffe dort vor
Anker lagen. Wir hielten uns also auch nur drei Tage auf und steuerten
nach St. Eustaz, erreichten diese Insel in der Mitte Februars und hatten
das Glück, hier verschiedene Sklavenkäufer von den spanischen
Besitzungen auf der Terra firma anzutreffen, an welche wir unsere Ladung
samt und sonders binnen drei Tagen mit Vorteil losschlugen.
Hier war es auch, wo wir mit dem Sklavenschiffe, welches mein wackerer
Freund und Landsmann Mick führte, wieder zusammenstießen. Er war auf der
Überfahrt von Afrika gestorben und sein Steuermann traute sich nicht,
allein mit dem Schiffe nach Holland zurückzugehen. Man warf daher die
Augen auf mich, diese Führung zu übernehmen, und des Bittens und
Bestürmens war so lange kein Ende, bis ich mich dazu entschloß und auch
Kapitän Sandleven einwilligte, mich von seinem Schiffe zu entlassen. Wir
schieden als Freunde und mit einem Herzen voll gegenseitiger Liebe und
Achtung; ich ging in den letzten Tagen des Februars von St. Eustaz ab
und warf um die Mitte Aprils vor Vlissingen, wohin das Schiff gehörte,
glücklich die Anker. Die Reeder bewilligten mir außer meiner gebührenden
Gage noch ein besonderes Geschenk von hundert Gulden und würden mich
auch gern in ihrem Dienste behalten haben, wenn ich nicht geglaubt
hätte, einer anderweitig eröffneten Aussicht folgen zu müssen.
Es war nämlich gerade um diese Zeit, daß eine englische Transportflotte
mit fünfzehnhundert Seesoldaten nach der Küste von Guinea abgehen
sollte, um die Besatzungen in den dortigen englischen Forts abzulösen.
Zugleich aber suchte man auch für diese Expedition Seeleute und zumal
Steuermänner, welche jener Weltgegend kundig wären. Als mir ein solcher
Antrag geschah, bedurfte es keines langen Zuredens. Ich kam nach
Portsmouth, wo jenes Geschwader ausgerüstet wurde, und man setzte mich
als Schiffsleutnant auf den Jupiter mit vierundsechzig Kanonen, geführt
von Kapitän Cappe, welcher diesem Konvoi zur Bedeckung dienen sollte. Es
schien mir schon der Mühe wert, auch einmal den _englischen_ Seedienst zu
versuchen.
* * * * *
Schon im halben März 1774 segelte die Flotte, außer dem Jupiter aus
sechs Transportschiffen bestehend, von Portsmouth aus, langte in den
ersten Tagen des Mai auf der Küste von Guinea an, schiffte nach und nach
ihre eingenommenen Truppen in den englischen festen Plätzen aus, nahm
die Reste der alten Garnisonen wieder an Bord und stach zuletzt, etwa
Mitte Juni, von Kap Coast quer über den Ozean nach Jamaika hinüber. Hier
langten wir nach sechs oder sieben Wochen glücklich an, verweilten auf
dieser Station noch einen Monat, ließen gleichwohl unsere bisherige
Begleitung, die ihre Frachten so schnell nicht einnehmen konnte, dort
zurück und erreichten im November England wieder, ohne daß uns irgendwo
ein denkwürdiges Ereignis aufgestoßen wäre.
Meine Lust, mich im englischen Dienste umzusehen, hatte ich mit dieser
Reise vollständig und für immer gebüßt. Diese Verhältnisse und
Lebensweise waren nicht für meinen nüchternen deutschen Sinn gemacht.
Schwerlich auch kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie rauh
und ungefügig es auf den Schiffen dieser Nation hergeht. Da ist keine
Ehre und kein Respekt, man hört nichts anderes als »Goddam!« und brutale
Reden ohne Zahl. Alles, vom geringsten Matrosen an, ist gegen die
Offiziere im Widerspruch; wiewohl ich nicht zweifle, daß sie dennoch,
wenn es irgend zum Schlagen kommt, untereinander einig und brav sind.
Von Ordnung habe ich auf diesen Schiffen wenig verspürt. Selbst Essen
und Trinken hat keine bestimmte Zeit. Nicht selten hängt ein gekochtes
Stück Fleisch von zehn bis zwanzig Pfund am Mast, wovon sich ein jeder
abschneidet, wann und wie viel er will. Zu beiden Seiten daneben steht
das Brotfaß und das Gefäß mit Grog (Wasser mit etwas Rum vermischt), um
die offene Tafel vollständig zu machen. Dies Leben ging mir denn
freilich auf die Länge zu bitter ein. Ich bat um meine Entlassung,
erhielt sie, und begab mich nach Amsterdam.
Während ich hier den Winter über, wo es nichts für mich zu tun gab, bis
in den März 1775 verweilte, hatte ich Muße, über meine Lebenslage und
was ich ferner tun und treiben sollte, reiflich nachzudenken. Ich hatte
jetzt meine vollen siebenunddreißig Jahre auf dem Nacken, hatte unter
tausend Gefahren und Mühseligkeiten und unter allen Himmelsstrichen
meine besten Jahre und Kräfte im Dienste von Fremden verschwendet, und
sah immer deutlicher ein, wie wohl ich tun würde, mit meinen Erfahrungen
meinem Vaterlande und mir selbst zu dienen. Dies brachte mich denn auch
zu dem Entschlusse, mein ferneres Fortkommen in meiner Vaterstadt, an
der ich noch immer mit ganzer Seele hing, zu suchen; demzufolge begab
ich mich nach wieder eröffneter Schiffahrt als Passagier nach
Swinemünde, von wo ich mich nach Kolberg verfügte.
Eigentlich aber kam ich doch schon für dieses Jahr zu spät, um eine
Anstellung im Seewesen zu finden. Ich begnügte mich also, wieder eine
Navigationsschule zu eröffnen, um junge Leute für den Seedienst zu
bilden, denn an solchen Anstalten fehlte es damals noch gar sehr. Auch
darf ich mir das Zeugnis geben, daß aus meinem Unterrichte nicht wenige
Schiffskapitäne und Steuermänner hervorgegangen sind, welche sich jedes
Vertrauens überall wert erwiesen haben, und jetzt so viel ihrer noch
leben, auch schon mit Ehren graues Haar tragen. Einige von ihnen haben
in der Folge hier in Kolberg meine Stelle ersetzt und sich als Lehrer in
der Steuermannskunst verdient gemacht.
Da die Lehrlinge in solchen Schulen den Sommer hindurch den praktischen
Übungen des Erlernten obzuliegen pflegen und der Unterricht meist nur
ihre müßigen Wintermonate ausfüllt, so gab dieser auch mir nicht
hinreichende Beschäftigung. Kurz, ich fühlte hier Langeweile, fühlte
aber zugleich, daß ich an Geist und Leib noch keineswegs so flügellahm
geworden, um untätig hinter dem Ofen hocken zu müssen. Auf die Gefahr
also, für wetterwendisch gehalten zu werden, will ich nur gestehen, daß
mich nebenher doch immer wieder nach der eigenen Führung eines
tüchtigen Schiffes verlangte, und daß, da sich's damit nicht nach
meinem Sinne fügen wollte, meine Gedanken abermals auf Holland und die
jüngst verlassene Lebensweise standen.
* * * * *
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn einige Freunde, die es mit ansahen,
wie mich der Tätigkeitstrieb verzehrte, mich nicht aufgemuntert hätten,
daß ich mir das Verdienst um meine Vaterstadt erwerben möchte, sie den
Sommer hindurch aus der Ferne, vom Stettinschen Haff her, und
reichlicher als es bisher der Fall gewesen, mit lebendigen Fischen zu
versorgen. So ganz zwar wollte dieses Projekt mir selbst nicht gefallen,
indes ließ ich mich dazu überreden, kaufte ein Haus am Wasser, welches
die zu dieser Hantierung passende Einrichtung besaß, und war nun darauf
aus, mir auch ein zu solchem Handel eingerichtetes Fahrzeug (man nennt
es eine Quatze) anzuschaffen. Zu dem Ende begleitete ich meinen guten
Freund, den Schiffer Blank, der eben nach Swinemünde steuerte, weil ich
dort oder in der Nachbarschaft mich zu meinem neuen Gewerbe am besten zu
versehen hoffte.
Ein steifer Südwestwind wollte uns an jenen Hafen nicht sogleich
herankommen lassen, sondern trieb uns zwei oder drei Meilen weiter an
die Küsten der Insel Usedom und in die Gegend, wo einst die alte
wendische Handelsstadt Wineta im Meere versunken sein soll. Natürlich
drehte sich in solcher Nähe das Gespräch zwischen meinem Freunde und mir
um diesen Gegenstand. »Man muß,« sagte jener, »bei der Schiffahrt sich
um so vieles und so genau bekümmern, und dieser merkwürdige Fleck ist
uns überdem so nahe gelegen, daß es doch fürwahr eine Schande wäre, wenn
wir darüber nicht mit Was und Wie und Wo sollten richtige Auskunft geben
können.«
»Das könnte ich wohl,« war meine Antwort, »aber doch nur auf Treu und
Glauben des holländischen Schiffers, mit dem ich meine letzte Reise als
Passagier von Amsterdam nach Swinemünde machte. Dieser erzählte mir,
als wir diesen nämlichen Strich hier hielten, er sei vor vier Jahren bei
jener versunkenen Stadt auf den Grund geraten und habe sein Schiff
verloren. Um so sorgfältiger habe er sich mit den Merkzeichen der Küste
bekannt gemacht, um sich künftig vor Schaden zu hüten.« »Seht dort,«
sprach er, »ist ein schwarzer Berg im Westen, und weiter ostwärts liegt
ein anderer Berg von gleicher Farbe. Zwischen beiden entdeckt Ihr einen
weißen Sandhügel, und gerade vor diesem, eine halbe Meile vom Lande, ist
das verwünschte Steinriff, das mich bald zum armen Manne gemacht hätte.«
-- »Irre ich aber nicht, so stehen uns seine angegebenen Merkzeichen
dort gerade im Gesicht, und es möchte wohlgetan sein, ein wenig
aufzupassen.«
Kaum war mir das Wort über die Lippen, so stieß unser Schiff plötzlich
und so hart auf den Grund, daß uns die Füße unterm Leibe entglitten und
wir auf das Verdeck hinstürzten. Indem wir uns schnell besannen und um
uns schauten, überzeugten wir uns, daß wir auf der nämlichen Stelle
festsaßen, die den Gegenstand unseres Gespräches gegeben hatte. Denn
etwa zwanzig Klafter nördlich vom Schiffe entdeckten wir eine ebene
Platte, die fast mit dem Wasserspiegel gleichstand, und deren Dasein uns
nur darum entgangen war, weil der Wind gerade vom Lande kam und also
schlichtes Wasser machte, daß keine Brandung auf der Untiefe entstehen
konnte.
Was war indes zu tun? Der Schiffer ließ flugs das Boot aussetzen, um
einen Anker auszubringen und daran das Schiff von der Bank wieder
abzuwinden. Ich selbst stieg hinein, um dies ins Werk zu setzen, und
fuhr südlich von der Untiefe, die wir im Norden liegen sahen, abwärts.
In einer Entfernung von etwa achtzig Klaftern ließ ich den Anker fallen,
erstaunte aber nicht wenig, als er noch überm Wasser stehen blieb, indem
die See hier an dieser Stelle nicht über vier bis sechs Fuß Tiefe hatte.
Der Anker mußte wieder emporgebracht und nach dem Schiffe gezogen
werden.
Jetzt begann ich (was freilich früher hätte geschehen sollen) rings
umher zu sondieren, um ein Fahrwasser von hinreichender Tiefe zu finden.
Es gab aber überall nichts als Klippen und Steine, dicht unter dem
Wasser; nur hinter uns war es offen, und ich sah, wir würden uns des
nämlichen Weges zurückarbeiten müssen, den wir gekommen waren. Demnach
ward der Anker gerade nach hinten ausgebracht und die Schiffswinde in
Bewegung gesetzt, allein das Fahrzeug wollte weder wanken noch weichen.
Da wir nun mit Sandballast fuhren, so ward dessen eine ziemliche Menge
über Bord geschafft, um das Schiff zu erleichtern, welches noch
immerfort auf den Grund stieß, jedoch ohne Schaden zu nehmen.
Während jener Anstrengungen stieg ich abermals ins Boot, um den ganzen
Umfang dieser Bank noch weiter zu sondieren. Zuerst begab ich mich nach
der Stelle, die am höchsten und mit dem Wasser gleich lag, bestieg sie
und fand, indem ich mit den Füßen tiefer scharrte, daß der Grund aus
grobem Sande bestand, der mit einzelnen Brocken von Dachziegeln
untermischt war. Meines Vermutens mochte hier wohl früher ein Schiff,
mit solcherlei Ziegeln geladen, gestrandet sein und diese zu seiner
Erleichterung über Bord geworfen haben.
Beim weiteren Umherfahren fand sich's, daß diese Bank durchgehend aus
großen Steinblöcken bestand, die mit vier bis fünf Fuß Wasser
überflossen waren. Dazwischen gab es eine Tiefe von sechs bis sieben
Fuß, und da das Wasser ziemlich klar war, ließ sich die Lage der Steine
sehr wohl unterscheiden, aber durchaus keine absichtliche Anordnung und
Regelmäßigkeit darin entdecken. Diese ganze Steinplatte mag vielleicht
sechshundert Klafter in der Länge und Breite haben. Zugleich aber fallen
ihre Ränder so steil ab, daß, während jene Blöcke nur auf die bemerkte
geringe Tiefe unter Wasser stehen, unmittelbar daneben der Seegrund sich
auf fünfzehn und mehr Fuß vertiefte.
Es währte fast sechs Stunden, bevor es uns gelang, wieder flott zu
werden. Während dieser Zeit trieb der starke Wind ein Boot vom Lande
herbei, worin sich zwei Bauernknechte, aber ohne Ruder, befanden. Statt
solcher waren sie mit ein paar Stangen versehen, womit sie ihr Fahrzeug,
sogut es angehen wollte, zu steuern versuchten, um bei uns an Bord zu
gelangen. In der Tat stießen sie auch so unvorsichtig und heftig gegen
unser Schiff an, daß wir fürchteten, ihr Fahrzeug würde davon in Stücke
gehen.
Erst als wir sie an Bord hatten, wurden wir gewahr, daß sie sich im
besten Sonntagsstaat befanden und mit einem gewaltigen Blumenstrauße vor
der Brust im Knopfloche prangten. Auf unser neugieriges Woher? und
Wohin? nannten sie uns ihr nicht weit entlegenes Dorf und berichteten,
sie seien soeben auf dem Wege über Feld nach der Kirche begriffen
gewesen, als sie unser Schiff auf dem Grunde sitzend erblickt hätten,
und da sich zufällig in ihrer Nähe ein leeres Boot am Strande
vorgefunden, so wären sie in Gottes Namen hineingestiegen, um zu sehen,
ob sie uns damit einige Hilfe leisten könnten. Da es jedoch in dem
Fahrzeuge an Rudern gefehlt, mit denen sie ohnehin nicht umzugehen
wüßten, so hätten sie gemeint, sich mit den vorrätigen Stangen wohl
notdürftig fortzuhelfen.
War das echt pommerisch brav und gutherzig gemeint, so muß man doch
gestehen, daß es auch herzlich dumm beraten und ausgeführt war. Denn
hatten sie nicht das Glück, vom Winde gerade gegen unser Schiff
getrieben zu werden, so kamen sie immer weiter landabwärts, waren ohne
Barmherzigkeit verloren, und kein Mensch hätte auch nur einmal gewußt,
wo sie hingestoben wären. Sie sahen endlich selbst ein, daß sie einen
einfältigen Streich unternommen, und da wir inzwischen auch vom Grunde
glücklich wieder abgekommen waren, so banden wir ihr Boot an unserm
Schiffe fest und nahmen sie mit uns nach Swinemünde, wo es ihnen denn
überlassen bleiben mochte, wie sie wieder ihren Heimweg finden wollten.
Ich meinerseits ging von hier nach Caseburg, wo ich eine Quatze, wie ich
sie brauchte, für vierhundert Taler erstand und, nachdem ich zugleich
eine Ladung lebendiger Fische eingenommen, mich nach dem Swinemünder
Hafen und so über See nach Kolberg auf den Rückweg machte. Kaum aber war
ich aus der Swine und über die Reede hinaus, und es an der Zeit, daß
mein Koch Feuer anmachen sollte, so fand sich's, daß der Lotse, der uns
in See gebracht, zufällig unsre Zunderbüchse, womit er seine Pfeife in
Brand gesteckt, mit sich genommen hatte. Wir sahen uns dadurch über zwei
Tage und drei Nächte ohne Feuer und Licht.
Nun machte ich mit meiner Quatze zwar noch mehrere Ausflüge, aber diese
Fahrten und die ganze Hantierung waren, je länger je weniger nach meinem
Sinne. Überdem war der Absatz meiner Ware keineswegs so reißend, als man
mir vorgespiegelt hatte, und da zudem die Fische durch das heftige
Schlingern des Fahrzeuges in den Wellen häufig abstanden, so hatte ich
bei jeder Reise nur Verlust und Schaden. Ich gab also meinen Kram
beizeiten wieder auf, brachte meine Quatze nach Stettin und bot sie dort
zum Verkaufe aus. Das gelang mir aber erst nach Jahr und Tag, und ich
litt auch bei diesem Handel eine empfindliche Einbuße. So kam also das
Jahr 1776 heran und fand mich wieder als Lehrer in der Steuermannskunst,
wobei ich mich, da ich tüchtige und lernbegierige Schüler hatte, immer
noch in meinem angemessensten Elemente befand. Auch im Winter 1777 trieb
ich diese nützliche, wenn auch eben nicht sonderlich einträgliche
Beschäftigung.
* * * * *
Am 28. April dieses Jahres stand ich hier in Kolberg, etwa um die
Mittagszeit, eines abzumachenden Geschäftes wegen, beim Herrn Advokat
Krohn am Fenster, als mitten in unserm Plaudern plötzlich ein ganz
erschrecklicher Donnerschlag geschah, so daß jener vor Schrecken neben
mir niederstürzte und wie ohne Leben und Besinnung schien. In der Tat
glaubte ich, daß er vom Blitzstrahle getroffen worden, bis mein Rütteln
und Schütteln ihn endlich doch wieder auf die Beine brachte. »Wo hat es
eingeschlagen?« fragte er, immer noch hochbestürzt. -- »Ich hoffe,
nirgends,« war meine Gegenrede, »oder mindestens doch nicht gezündet, da
Regen, Schnee und Hagel die Luft erfüllen und alle Dächer triefen«.
Allein im nämlichen Augenblicke auch stürzte der Kaufmann, Herr Steffen,
welcher schräg gegenüber wohnte, aus seinem Hause hervor, schlug die
Hände überm Kopf zusammen, schrie aus Leibeskräften und richtete dabei
den Blick immer nach dem Kirchturme empor, den er jenseits wahrnehmen
konnte. Ich ahnte Unheil, lief also stracks hinüber, mußte aber lange
auf ihn einreden, bevor ich's von ihm herauskriegte: »Mein Gott! Unsere
arme Stadt! -- Sehen Sie denn nicht? Der Turm brennt ja lichterloh!« --
So war es denn auch wirklich. Die helle Flamme spritzte bei der
Wetterstange, gleich einem feurigen Springbrunnen, empor, aus den
Schallöchern sprühten die Funken umher wie Schneeflocken und flogen
bereits bis in die Domstraße hinüber.
Ich, herzlich erschrocken, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe
hinan. Im Hinaufsteigen überdachte ich, wie groß das Unglück werden
müsse, da wohl schwerlich jemand unternehmen werde, bis in die höchste
Spitze hinanzuklimmen, wo er in den finsteren Winkeln nicht so bekannt
sei wie ich, der ich sie in meiner Jugend so vielfältig und oft mit
Lebensgefahr durchkrochen hatte. »Also nur frisch drauf und dran!« rief
eine Stimme in mir, »du weißt hier ja Bescheid!«
In der Tat wußte ich auch, daß droben auf dem Glockenboden stets Wasser
und Löscheimer bereit standen, aber an einer Handspritze, die hier
hauptsächlich not tun würde, konnte es leichtlich fehlen. Dies erwägend,
machte ich auf der Stelle kehrt, drängte mich mit Mühe neben den vielen
Menschen vorüber, die alle nach oben hinauf wollten, flog gleich ins
erste nächste Haus und rief um eine Spritze, die aber hier wie auch im
zweiten Hause nicht zu finden war und meiner steigenden Ungeduld erst im
dritten gereicht wurde.
Jetzt wieder (die Angst und der Eifer gaben mir Flügel) zum Turme
hinauf! In der sogenannten Kunstpfeiferstube, die dicht unter der Spitze
ist, fand ich bereits mehrere Maurer und Zimmerleute, mit ihren
Meistern, die indes alle nicht recht zu wissen schienen, was hier zu tun
sei. »Liebe Leute,« sprach ich, indem ich unter sie trat, »_hier_ ist
freilich nichts zu beginnen. Wir müssen höher hinauf. Folgt mir!« --
»Leicht gesagt, aber schwer getan!« antwortete mir der Zimmermeister
Steffen. »Wir haben es schon versucht, aber es geht nicht. Sobald wir
die Falltüre über uns heben, fällt ein dichter Regen von Flammen und
glühenden Kohlen hernieder und setzt auch hier die Zimmerung in Brand.«
Das war freilich eine schlimme Nachricht! »Ei, es muß schon etwas drum
gewagt sein!« rief ich endlich, -- »ich will hinan! Helft mir durch die
Luke. Ich will sehen, was ich tun kann!« -- Sie öffneten mir die
Falltür; ich stieg hindurch, ließ mir einen Eimer voll Wasser und die
Handspritze reichen und -- »Nun die Luke hinter mir zu, damit das Feuer
keinen Zug bekommt!« befahl ich; und indem sie das taten, sah ich zu,
was oben passierte. Eine Menge Feuerkohlen prasselte nieder; so daß ich
mir den Kopf mit dem Wasser aus meinem Eimer anfeuchten mußte, um nicht
aus meinen Haaren ein Feuerwerk zu machen. Um zugleich die Hände frei zu
bekommen, schnitt ich ein Loch vorn in den Rock, durch welches ich die
Spritze steckte; den Bügel des Eimers nahm ich in den Mund und zwischen
die Zähne; und so ward denn die fernere Reise angetreten!
Die Turmspitze ist inwendig mit unzähligen Holzriegeln durchaus
verbunden, die mir zur Leiter dienen mußten. Allein wohin ich griff, um
mir empor zu helfen, da fand ich alles voll glühender Kohlen; nur hatte
ich nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, oder machte mich gegen ihn
fühllos, indem ich Kopf und Hände zum öfteren wieder anfeuchtete. Mit
alledem hatte ich mich endlich so hoch verstiegen, daß mir in der engen
Verzimmerung kein Raum mehr blieb, mich noch weiter hindurch zu winden;
und hier sah ich denn den rechten Mittelpunkt des brennenden Feuers
annoch acht oder zehn Fuß über mir zischen und sprühen.
Jetzt klemmte ich den Wassereimer zwischen die Sparren fest, zog meine
Spritze daraus voll und richtete sie getrost gegen jenen Feuerkern, wo
das Löschen am notwendigsten schien. Nur beging ich die
Unvorsichtigkeit, dabei unverrückt in die Höhe zu schauen, weil ich auch
die Wirksamkeit meines Wasserstrahles beobachten wollte; darüber aber
bekam ich die ganze Bescherung von Wasser, Feuer und Kohlen so prasselnd
ins Angesicht zurück, daß mir Hören und Sehen verging, bis ich, sobald
ich mich wieder ein wenig besonnen hatte, das Ding geschickter anfing
und bei der Handhabung meiner Spritze die Augen fein abwärts kehrte.
Auch hatte ich die Freude, daß sich bei jedem Zuge das Feuer merklich
verminderte.
Nun aber war auch der Eimer geleert! Neue Verlegenheit! Denn das
leuchtete mir allerdings wohl ein, daß, wenn ich hinabstiege, weder ich,
noch sonst ein Mensch hier je wieder nach oben gelangte. Ich schrie
indes aus Leibeskräften: »Wasser! Wasser her!« -- bis der vorbenannte
Zimmermeister die Falltür aufschob und mir zurief: »Wasser ist hier,
aber wie bekommst du es hinauf?« -- »Nur bis über den Glockenstuhl
schafft mir's. Da will ich mir's selber langen,« war meine Antwort, und
so geschah es auch. Jene wagten sich höher und ich kletterte ihnen von
Zeit zu Zeit entgegen, um die vollen Wassereimer in Empfang zu nehmen,
von denen ich denn auch so fleißigen Gebrauch machte, indem ich den
Brand tapfer kanonierte, daß ich endlich das Glück hatte, ihn zu
überwältigen und völlig zu löschen. Wo es aber noch irgend zu glimmen
schien, da kratzte ich mit meinen Händen die Kohlen herunter, soweit
ich irgend reichen konnte.
Jetzt erst, da es hier nichts mehr für mich zu tun gab, gewann ich Zeit,
an mich selbst zu denken. Ich spürte, wie mir mit jeder Minute übler
zumute ward: denn das zurückspritzende Wasser hatte mich bis auf die
Haut durchnäßt, und zugleich war eine Hitze im Turme, die je länger je
unausstehlicher wurde. Zwar eilte ich nun hinunter, aber indem ich gegen
die Schallöcher kam, gab es einen so schneidenden Luftzug, daß mir
plötzlich die Sinne vergingen. Auch weiß ich nicht, ob ich auf meinen
eigenen Füßen Gottes Erdboden erreicht, oder ob mich die Leute
hinabgetragen haben.
Als ich mich wieder besann, lag ich auf dem Kirchhofe, und mir zur Seite
standen die Chirurgen Wüsthof und Kretschmer, die mir an beiden Armen
eine Ader geöffnet hatten. Außerdem gab es noch einen dichten Haufen von
Menschen um mich her, welche von Teilnahme oder Neugierde herbeigeführt
sein mochten. Mit meinem wiederkehrenden Bewußtsein begann ich nun aber
auch erst meine Schmerzen zu fühlen. Meine Hände waren überall verletzt;
die Haare auf dem Kopfe zum Teil abgesengt; der Kopf selbst wund und
voller Brandblasen, wo denn auch in der Folge nie wieder Haare gewachsen
sind. Nicht minder sind mir die beiden äußersten Finger an der rechten
Hand, die vom Feuer am meisten gelitten hatten, bis auf diese Stunde
krumm geblieben; und so werde ich sie auch wohl mit in mein Grab nehmen
müssen.
Vom Kirchhofe trug man mich nach meiner Wohnung, wo eine gute und
sorgfältige Pflege mir dann auch bald wieder auf die Beine half. Einige
Wochen später behändigte mir der Herr Kriegskommissär Donath eine
goldene Denkmünze in der Größe eines Doppel-Friedrichsdor, nebst einem
Belobungsschreiben, die ihm beide von Berlin zugeschickt worden, um sie
mir gegen meine Quittung zu überliefern. Das Gepräge dieser Denkmünze
ließ ich mir in meinem Petschaft nachstechen; sie selbst aber, nebst dem
Schreiben, übergab ich in die Hände des Magistrats, mit dem Ersuchen,
sie bis auf meine weitere Verfügung im Rathausarchiv gut verwahrt
niederzulegen. Doch als ich nach einigen Jahren danach fragte, war das
eine wie das andere verschwunden! Es hieß: das sei noch bei des
Bürgermeisters R--fs Zeiten geschehen; und daran mußte ich mir genügen
lassen!
* * * * *
Im folgenden Jahre 1778 erhielt ich vom Kaufmann Herrn Höpner zu
Rügenwalde eine schriftliche Aufforderung, eines seiner Schiffe unter
meine Führung zu nehmen. Ich schlug ein, weil sich nicht gleich ein
besseres Engagement für mich finden wollte; und so machte ich denn, für
seine Rechnung, eine Reihe glücklicher Fahrten nach Danzig, Nantes und
Croisic, und war von hier wiederum nach Memel bestimmt; konnte aber, der
späten Jahreszeit wegen, diesen Hafen nicht mehr erreichen, sondern sah
mich genötigt, in Pillau einzulaufen und dort zu überwintern, wo ich aus
Langeweile wiederum eine Steuermannsschule eröffnete.
* * * * *
Hier war es, wo der Kommerzienrat Herr B--r zu Kolberg mir in
wiederholten Briefen anlag, in seinem Auftrage nach England zu gehen,
für ihn ein Schiff zu kaufen und für seine Rechnung damit zu fahren.
Diese Spekulation schien nicht übel ersonnen, denn in dem damaligen
Kriege Englands mit seinen nordamerikanischen Kolonien hatte es auch mit
Frankreich und Spanien gebrochen, und seine Kaper hatten sich einer so
großen Anzahl feindlicher Schiffe bemächtigt, daß alle britische Häfen
damit angefüllt waren. Es stand zu erwarten, daß sie beim Verkauf würden
spottwohlfeil losgeschlagen werden.
Ich trug demnach kein Bedenken, mich auf den Vorschlag einzulassen, und
forderte nur, Herr B--r möge mir für dies Geschäft eine genaue
Instruktion, sowie eine Empfehlung an seinen Korrespondenten in London
geben und mir bei diesem den nötigen Kredit bis zu einer bestimmten
Summe offen machen. Demzufolge verwies er mich an das Londoner
Handelshaus Schmidt und Weinholdt, bei welchen ich auch bei meiner
Ankunft die verlangte Instruktion vorfinden würde. Mit Herrn Höpners
Bewilligung verließ ich also dessen Schiff, nachdem ich ihm einen andern
tüchtigen Schiffer an meine Stelle vorgeschlagen hatte, und schickte
mich zu meiner Reise nach England an, wobei es jedoch meine
Privatgeschäfte erforderten, zuvor noch einen kleinen Abstecher nach
Königsberg zu machen.
Indem ich hier nun eines Tages meinen Weg zur Börse nahm, fiel es mir
zufällig bei, über den Neuen-Graben zu gehen, wo das Haus stand, in
welchem ich in früherer und besserer Zeit gewohnt hatte. Nachdenklich
blieb ich stehen, und indem ich es betrachtete, fiel mir schwer aufs
Herz, wie ich hier doch fünf Jahre lang in Leid und Freude aus- und
eingegangen, mit so manchem Biedermann in Verkehr gestanden und mutig
ins Leben hineingeschaut habe. Und wie war das nun so ganz anders! Auf
diesem nämlichen Flecke stand ich nun als Fremdling; niemand hier, dem
mein Wohl oder Weh noch zu Herzen ging -- ich selbst ein wunderlicher
Spielball des Schicksals und nach allen Himmelsgegenden umhergeworfen!
Wahrlich, es war kein Wunder, daß mir in diesen Gedanken ein paar
schwere Tränen in die Augen traten.
»Herr Jemine! Sieh doch! Kapitän Nettelbeck und kein anderer!« rief
plötzlich eine weibliche Stimme aus einem geöffneten Fenster des
nämlichen Hauses. Indem ich emporschaute, bemerkte ich ein Frauenzimmer,
welches im Begriff gewesen zu sein schien, einen Teller mit Fischgräten
auf die Straße hinauszuschütten. Ich stutzte, konnte mich aber des
veralteten und verzerrten Gesichtes in keinem Winkel meines
Gedächtnisses besinnen. In eben dem Moment aber war sie auch bereits zu
mir herunter geeilt, ergriff mich an beiden Händen und beteuerte: sie
lasse mich nicht; ich müsse kommen und bei ihr und ihrem Manne
einsprechen. Jetzt erst schoß es mir mit einemmal aufs Herz, daß hier
von dem Kniffelschen Ehepaare die Rede sein möge. Und so war es auch
wirklich!
Schon in Pillau hatte ich, auf gelegentliche Erkundigung, von diesem
Paare so mancherlei vernommen, was mich nach der Erneuerung dieser alten
Bekanntschaft eben nicht lüstern machte. Sie hatten mit den ihnen
ausgesetzten Geldern übel gewirtschaftet, waren überall betrogen und
steckten tief in Schulden, weil die reiche Verwandtschaft in Surinam
immer noch diesen und jenen Wucherer lockte, ihnen Kredit zu geben.
Außer dem Hause, das er bewohnte und wovon ihm vielleicht auch kein
Ziegel mehr eigen gehörte, besaß der alte Tropf nichts mehr als seinen
gekauften Titel »Lizentrat«, den aber der Pöbelwitz allgemein in den
Spottnamen »Lizentrekel« verkehrt hatte. Kurz, bei diesen Leuten war
weder Freude noch Ehre zu holen, und es verdroß mich sogar, daß sie mein
altes liebes Eigentum durch ihre Gegenwart verschimpfierten.
Indes mußte ich mich schon mit hinaufschleppen lassen, und fand dort den
Titularrat hustend auf einem Bette sitzen. Ich sah mich nun in dem
Stübchen um, wo alles ein ärmliches, beklommenes Ansehen hatte, und
konnte mich nicht enthalten auszubrechen: »Leute, wie habt ihr
gewirtschaftet! Was habe ich gehört? und was sehe ich jetzt selbst? Seid
ihr's wohl wert, daß euch das Glück einmal so freundlich angelacht hat?«
-- Beide weinten und sagten: dann würde ich auch gehört haben, wie sie
von ihren besten Freunden betrogen worden. -- »Nun wahrlich doch nicht
ohne euere Schuld!« gab ich ihnen unmutig zur Antwort -- »Hättet ihr die
Nase nicht stets höher getragen, als euch zukam; hättet ihr Gott still
und demütig gedankt, daß er euch einen ruhigen Nothafen für eure alten
Tage eröffnet; hättet ihr fein zu Rate gehalten, was mehr als genüglich
für euer Notwendiges ausreichte« ... und wie denn die derben Leviten
weiter lauteten, die ich glaubte, ihnen lesen zu müssen.
Sie gestanden ihr Unrecht ein und gelobten Besserung, wenn ich ihnen
nur jetzt behilflich sein wollte, einen Brief an ihre Tochter zu
besorgen, worin sie derselben ihre äußerste Not vorstellen und sie um
eine letzte Unterstützung bitten wollten. Mehrmals hätten sie dies
bereits auf anderen Wegen versucht, aber niemals Antwort erhalten. Die
Papiere möchten wohl nicht in ihre Hände gelangt sein. -- »Gut, so
schreibt denn!« rief ich -- »aber sputet euch damit: denn morgen bin ich
nicht mehr in Königsberg. Ich logiere ...«
Aber aus Sorge, daß ich ihnen entschlüpfen möchte, wollten sie mich
lieber nicht von der Stelle lassen und schickten gleich zu einem alten
abgedankten Hauptmann, der in allem ihr Sekretär und Ratgeber zu sein
schien. Der setzte sich sofort an das Stück Arbeit, welches mir auch
endlich mit der Bitte überliefert wurde, daß ich es mit einigen Worten
zur besseren Empfehlung begleiten und ihrem Kinde treulich schildern
möchte, in welchem Elend ich sie angetroffen hätte. Ich versprach alles,
was sie wollten, um nur von ihnen loszukommen; habe aber fernerhin nie
Gelegenheit gefunden zu erfahren, was weiter aus ihnen geworden und ob
sie sich in der Zukunft besser gebettet.
* * * * *
Gleich darauf ging ich, früh im Jahre 1779, von Pillau als Passagier
nach London, und meldete mich sofort bei den dortigen Korrespondenten
meines neuen Prinzipals und empfing nun aus deren Händen die
Instruktion, wie ich bei meinem Einkaufe verfahren sollte. Diese war
aber leider von der Art, daß ich, wäre sie mir früher zugekommen, keinen
Schritt vor die Türe darum gegangen sein würde. Nur die wunderlichste
Laune konnte dem Manne alle die tausend Bedingungen eingegeben haben,
von denen ich kein Haar breit abweichen sollte. Das Schiff, das ich
erstände, sollte von einhundertfünfzig Lasten sein, nicht größer und
nicht kleiner; es durfte nicht älter als zwei oder drei Jahre sein, ein
vollständiges Inventarium war vorgeschrieben, aber vor allem durfte es
nicht höher als vierhundert Pfund Sterling zu stehen kommen. --
So reiste ich denn ganz England mit der Post in die Runde, nach allen
Häfen, wo nur Prisen aufgebracht worden. Ich ging nach Hull, nach
Newcastle, nach Leeds, nach Liverpool, nach Bristol, nach Plymouth, nach
Portsmouth, nach Dover: -- aber ebensogut hätte ich zu Hause bleiben
können! Endlich stieß ich in London selbst auf ein Schiff, das ich trotz
alles dessen, was ihm etwa noch mangelte, auf meine eigene Verantwortung
zu kaufen beschloß.
Indem ich nun den Herren Schmidt und Weinholdt diese Absicht eröffnete
und meinen Kredit geltend machen wollte, erhielt ich die nimmer
erwartete Antwort: »Lieber Nettelbeck, um Ihnen klaren Wein
einzuschenken, müssen wir Ihnen geradeheraus sagen, daß wir für B--rs
Ordre auch nicht ein Pfund zu zahlen gesonnen sind. Wollen Sie aber das
Schiff für sich allein und auf _Ihren_ Namen erstehen und uns die
Korrespondenz und Assekuranz darüber überlassen, so ist hier unsere Hand
-- wir zeichnen für Sie, soviel Sie verlangen. Nur mit B--r wollen wir
nichts zu tun haben.«
»Ich bin vorzeiten,« sagte ich, »Herr eines eigenen Schiffes gewesen,
habe aber so ausgesuchtes Unglück damit gehabt, daß ich mir's heilig
angelobt, mich nie wieder mit dergleichen zu befassen. Es taugt auch für
keinen Schiffer, sein eigener Reeder zu sein, wenn er gleichwohl die
Korrespondenz, und was dazu gehört, einem Fremden überlassen muß. -- Nur
warum, meine Herren, haben Sie mir von dem Mißkredit, in welchem mein
Prinzipal bei Ihnen steht, nicht früher einen Wink gegeben? Wieviel
Zeit, Mühe und Kosten wären da zu ersparen gewesen!«
Sie gestanden mir nun, daß sie nimmer vermutet hätten, ich würde ein
solches Schiff, wie mir vorgeschrieben worden, aufzutreiben imstande
sein, und daß sie es darum mit ihrer Erklärung lieber bis aufs äußerste
hätten wollen ankommen lassen. Ich mußte mir das gefallen lassen,
eröffnete ihnen aber gleich des nächsten Tages, daß ich eine bequeme
Schiffsgelegenheit nach Stettin gefunden und von da nach Kolberg
abzugehen gedächte, um dem Kommerzienrat Bericht zu erstatten.
»Nach Stettin?« ward mir geantwortet. -- »O, schön! Das trifft sich wie
gerufen: denn wir haben ein Anliegen an Sie, lieber Nettelbeck, das Sie
uns nicht abschlagen müssen. Da ist in Stettin der Kaufmann Groß, mit
dem wir in Assekuranzangelegenheiten wegen Schiffer Lickfeld verwickelt
sind, schon seit Jahr und Tag in Briefen hin und her scharmützeln und je
länger je weniger übereinkommen können. Wir sind des Handels nachgerade
herzlich überdrüssig, und unser in Sie gesetztes Vertrauen läßt uns
wünschen, daß Sie in unserem Namen mündlich den Zwist so gut wie möglich
ausgleichen möchten. Sie sollen über den Stand der Dinge alle Auskunft
erhalten, und da wir uns alles, was nur nicht geradezu unbillig ist,
gefallen lassen wollen, so machen Sie es mit ihm ab, so gut Sie wissen
und können. Ihre Vollmacht soll Ihnen auf der Stelle ausgefertigt
werden, und unser ganzer Verlaß steht auf Ihnen.«
»Gut und aller Ehren wert, was Sie mir anvertrauen und von mir
erwarten!« erwiderte ich. -- »Aber _kennen_ Sie den Mann auch, mit dem Sie
mir zu tun geben wollen? Dieser Groß, meine Herren, ist ein ganz
absonderlicher Patron und fängt gar leicht Feuer unter der runden
Perücke. Ich entsinne mich seiner gar wohl von Anno 1764 her, wo er noch
selbst als Schiffer fuhr und einen Winter bei uns mit seinem Schiffe in
Königsberg lag. Hatte er damals doch mit allen Leuten, mit denen er zu
verkehren kriegte, Krakeel und Prozesse; und hat er sich seitdem, wie
schwerlich zu hoffen ist, nicht geändert, so möchte ich lieber ein Kreuz
vor ihm schlagen, als mir mit ihm zu schaffen machen.«
Wie ich aber auch diesen mißlichen Auftrag abzulehnen suchte, so ward
doch so anhaltend in mich gedrungen, daß ich mir endlich die bisher
geführten Verhandlungen vorlegen ließ; da jedoch die Sache festen Grund
hatte und der ganze Zwiespalt nur auf einem Mißverstande beruhte,
einigte ich mich mit meinen Herren Kommittenten, wie weit ich gehen
sollte, empfing genügende Vollmacht und machte mich in Gottes Namen nach
Stettin auf den Weg, wo ich es mein erstes sein ließ, Herrn Groß
aufzusuchen.
Dieser Mann empfing mich mit Herzlichkeit, als einen Bekannten; machte
indes große Augen, als ich ihm den Grund meines Hierseins eröffnete und
ihm meine Beglaubigung vorlegte. »Hört, Nettelbeck,« sagte er, mir auf
die Schulter klopfend: »Nun heiße ich Euch doppelt und von Herzen
willkommen! Trügt mich nicht alles, so seid Ihr mein guter Engel, der
mir endlich einmal den fatalen Sorgenstein unterm Kopfkissen
hinwegräumen wird. Topp! Morgen um die und die Stunde machen wir die
Sache ab, heute aber kein Wort mehr davon, damit wir uns dies gute Glas
Wein nicht verderben.«
So geschah es denn auch am nächsten Tage. Wie erstaunte ich, als der
Mann Vernunft annahm und Gründe gelten ließ. Eine Schwierigkeit nach der
andern verschwand, und in weniger als drei Stunden war eine Vereinigung
getroffen, wie beide Teile sie nur immer wünschen konnten, das Londoner
Haus aber sie nimmer erwartet hatte. Ich forderte nun die gerichtliche
Bestätigung, die gleich in den nächsten vierundzwanzig Stunden durch den
Herrn Notarius Bourwig ausgefertigt und mittels Brief und Siegel
bekräftigt wurde. Ebenso schnell packte ich meine Papiere zusammen,
schickte sie nach London, erhielt die unbedingteste Genehmigung und eine
Vergütung, wie sie dem Dienste angemessen sein mochte.
Noch zufriedener aber war Herr Groß, der mir von Stund an ein sichtbares
Wohlwollen zuwandte. »Aber wo nun hinaus?« fragte er mich, als ich kam,
ihm meinen Abschiedsbesuch zu machen. -- »Nach Kolberg,« gab ich zur
Antwort, »um meinem Prinzipal B--r Red' und Antwort zu stehen. Was es
dann weiter gibt, wird die Zeit lehren.« -- »Hört, lieber Nettelbeck,«
fiel er mir ein, »die Herren Kaufleute dort, die kenne ich! Das ist
nichts für Euch! Aber einen Mann von _Euerem_ Schlage -- den hätt' ich mir
schon längst auf mein bestes Schiff gewünscht. Da! Die Hand eines
ehrlichen Mannes -- schlagt ein! Nehmt das Schiff, das ich hier jetzt
auf dem Stapel stehen habe.«
Was soll ich's leugnen, daß die Art, wie mir dieser Antrag geschah,
meiner Eigenliebe schmeichelte. Dennoch hatte ich Bedenken. »Lieber Herr
Groß,« erwiderte ich demnach, »so ein Schritt will überlegt sein. Gönnen
Sie mir dazu eine Stunde; und wenn ich dann wiederkomme, bringe ich
Ihnen mein Ja oder Nein.« -- Er war es zufrieden.
Voll Sinnens suchte ich demnach einen alten Bekannten, den Schmied
Lüdtke auf, mit dem ich bereits im Jahre 1770, auf Veranlassung der
Ausrüstung der königlichen Fregatte, zu tun gehabt hatte, und der jetzt,
wie ich wußte, die Eisenarbeit für das auf dem Stapel stehende Schiff
des Herrn Groß besorgte. Er sollte mir sagen, was hier zu tun oder zu
lassen sei; und so trug ich ihm gleich warm vor, was mir auf dem Herzen
drückte. »Hm! hm!« gab er mir kopfschüttelnd zur Antwort. »Es mit _dem_ zu
wagen, könnt' ich nur meinem ärgsten Feinde raten! Ihr seid beide
Hitzköpfe. Gleich ist bei euch Feuer im Dache! Ihr werdet euch keine
vierundzwanzig Stunden miteinander vertragen. Bleibt also fein
auseinander; das ist das Gescheiteste.«
Ich konnte nicht anders, als ihm recht geben, und war schon auf dem
Wege, den Handel aufzusagen, als ich vor dem Hause eines Segelmachers,
Krunt, vorbei mußte. Auch dieses Mannes Rat und Meinung wollte ich
mitnehmen. Ich trat zu ihm ein, trug ihm Anliegen und Bedenken vor und
überließ ihm die Entscheidung. »Hört, Freund Nettelbeck,« entgegnete er,
»ich kenne Euch und kenne Groß inwendig und auswendig. Ihr seid beide
ein paar herzensgute Leute -- brav, ehrlich und erfahren. Ihr beide
werdet euch ineinander schicken und passen, oder keiner in der Welt!
Wie schlimm jener auch verschrieen sein mag, so kommt es doch nur darauf
an, daß Ihr seine erste tolle Hitze vorübertoben laßt. In der nächsten
Viertelstunde darauf könnt Ihr ihn wieder um den Finger wickeln, wie ein
Wachs. Was ist da also noch lange zu bedenken? Ihr bekommt ein schönes,
neues und großes Schiff von 320 Last unter die Füße, womit ein Mann von
Eurer Welterfahrung schon etwas Rechtschaffenes anzufangen wissen wird.«
Das klang nun freilich ganz anders, aber keineswegs unverständig. Ich
ließ es mir gesagt sein, setzte meinen Weg mit erleichtertem Herzen
fort, trat zu Herrn Groß in das Zimmer und mit drei raschen Schritten
auf ihn zu, reichte ihm die Hand und rief mit leuchtenden Augen: »Glück
gebe Gott uns beiden, mein Herr Patron!« -- »Ja! Ist's wahr? Hab' ich
Euch?« fuhr er seinerseits auf, drückte mich an die Brust und küßte mich
herzlich ab. Der Notarius Helwig, welcher bei diesem Auftritte zugegen
war, wurde aufgefordert, zur Stelle einen Kontrakt aufzusetzen, welchen
mein neuer Prinzipal selbst diktierte, und wobei meines Vorteiles
keineswegs vergessen ward.
Nunmehr ging ich auf einige Tage nach Kolberg, um mich mit B--r zu
berechnen und auseinanderzusetzen; war aber bereits in der Mitte des
Juni wieder in Stettin, wo ich den Ausbau meines neuen Schiffes eifrig
betreiben half. Dieses war eigentlich zu einem Zweidecker bestimmt und
würde als solcher in allen preußischen Häfen seinesgleichen gesucht
haben. Allein das Schiff sollte, um von den damaligen hohen Frachten zu
vorteilen, noch vor Winters in See gehen; und um keine Zeit zu
verlieren, ward beschlossen, nur ein Verdeck aufzusetzen. Dennoch konnte
es erst im Oktober vom Stapel laufen; doch war auch bereits mit dem
Kommerzienrate eine Fracht von Balken und Stabholz abgeschlossen, die
ich unverzüglich nach Bordeaux führen sollte. Den kleineren Teil
derselben nahm ich auf der Stelle ein und ging dann Mitte November auf
die Swinemünder Reede, um auch den Rest der Ladung zu empfangen.
Doch dies war in der schon so weit vorgerückten Jahreszeit ein äußerst
mühseliges und langweiliges Geschäft, weil der Hafen selbst bereits mit
Eis zugelegt war und jede Bootsladung Stabholz sich vom Weststrande her
erst einen Weg durch das Eis nach dem Schiffe bahnen mußte, so daß volle
vier Wochen über diese Arbeit verliefen. Mit dem letzten Boote ging auch
ich selbst an Bord, um nun unmittelbar darauf in See zu stechen, während
bereits um das Schiff her alles mit schwimmendem Eise flutete und mit
jedem Augenblicke ein völliges Einfrieren zu befürchten stand.
Neben mir lag auf der Reede ein Fregatteschiff, welches gleichfalls erst
in diesem Sommer in Stettin für schwedische Rechnung ganz neu gebaut
worden und nach Gotenburg bestimmt war. Ich sah, daß es sich eben fertig
machte, seinen Anker aufzuwinden und die Reede zu verlassen. Mir selbst
lag noch die letzte Bootsladung Stabholz auf dem Verdecke im Wege, die
zuvor noch beiseite gestaut werden mußte, bevor ich mich bei meiner
Ankerwinde frei rühren konnte; und doch wäre ich bis zum Sunde hin gern
in der Gesellschaft des Schweden geblieben, um desto leichter, wenn es
not tat, Hilfe zu leisten oder zu empfangen. Ich fuhr demnach hurtig in
der Schaluppe zu jenem Schiffe hinüber und forderte den Kapitän auf,
noch eine kleine Stunde zu warten. Das wollte er aber nicht, lichtete
seinen Anker vollends und ging ab.
Kaum war er eine Meile westwärts von mir entfernt und ich gleichfalls
unter Segel, so ging der Wind nach Nordosten um. Es gab einen starken
fliegenden Sturm, der zwar mächtig förderte, aber die Luft mit einem
dicken Schneegestöber erfüllte, so daß ich den vorausgeeilten Schweden
bald aus dem Gesichte verlor. Dies Wetter mit dicker Schneeluft hielt
bis zum andern Morgen um neun Uhr an, wo wir dicht an das Land von
Stevens kamen und, mit nicht geringer Verwunderung, die schwedische
Fregatte auf dem Strande stehend erblickten, wo die Sturzwellen sich
unaufhörlich darüber her brachen, die Mannschaft aber kümmerlich in den
Masten hing.
Ich selbst hatte alle Not und Mühe, einem gleichen Schicksale zu
entgehen und über die Landspitze von Stevens hinauszukommen. Endlich
zwar gelang es, und ich erreichte die Kiöger Bucht; doch sah ich mich
genötigt, vor stehenden Segeln zu ankern und nach und nach mich vor drei
Anker zu legen. So dauerte diese peinliche Lage bis zum nächsten Morgen,
wo der Wind durch Osten nach Süden lief, und ich meine Notflagge
aufsteckte, um Hilfe vom Lande zu erhalten, denn mit meinen Leuten
allein wußte ich mir länger nicht zu raten. Glücklicherweise eilten auch
auf dies Zeichen zwei Boote mit fünfzehn Mann von Dragoe herbei, mit
deren Beistand ich, nachdem ich sämtliche Ankertaue habe kappen müssen,
die Reede von Kopenhagen glücklich erreichte. Während ich mich hier nun
wieder instand setzte, langte auch das Volk von dem schwedischen Schiffe
an, welches gänzlich verloren gegangen war.
* * * * *
Indes setzte ich meine Fahrt ohne weiteren Unfall fort, erreichte
Bordeaux am 28. Februar 1780, löschte meine Fracht und war stracks
darüber aus, einer neuen nach Amerika habhaft zu werden, wie ich's zuvor
mit meinem Reeder verabredet hatte; denn unter der neutralen preußischen
Flagge war besonders dahin ein ungeheueres Geld zu verdienen. Bald kam
ich auch mit einem Kaufmanne aus Ostende wegen einer Ladung nach der
französischen Insel St. Grenada in Westindien überein. Der Kontrakt war
bis zur Unterzeichnung fertig, und ich ersuchte den Kaufmann, welcher
die Reise in Person mitmachen wollte, zu mir an Bord zu kommen und sich
mit eigenen Augen von der Güte und Dauerhaftigkeit des Schiffes sowie
von der netten Einrichtung der ihm zugedachten Kajüte zu überzeugen.
Als er des anderen Tages in dieser Absicht bei mir erschien, bemerkte
ich freilich an seiner Miene, daß er sich in irgendeiner Erwartung
getäuscht sehen müsse, ohne jedoch erraten zu können, woran er
eigentlich Anstoß genommen. Dies sollte ich erst von meinem
Korrespondenten, Herrn Wesenberg, erfahren. Die ganze Fracht war nämlich
zurückgezogen, weil der Kaufmann gesehen hatte, daß mein Schiff nur ein
Eindecker sei, welchem er weder die gehörige Sicherheit noch genugsame
Bequemlichkeit zutrauen mochte. Hiergegen half kein Protestieren; und
ich konnte mich auch um so leichter zufrieden geben, da ich unmittelbar
darauf eine Fracht von Wein und Zucker auf Hamburg gewann und mit der
Ladung bereits vierzehn Tage nach meiner Ankunft fertig ward.
* * * * *
Zu meiner Herzenserleichterung muß ich hier das Geständnis ablegen, daß
ich mich nirgends beklommener gefühlt habe als in den französischen
Häfen und zu Bordeaux insonderheit. Denn wie weit ich auch in der Welt
herumgekommen, so habe ich doch in keiner Nation so viel List, Betrug
und Ränke gefunden als unter den Franzosen. Jeder, mit dem ich zu tun
bekam, hätte nichts lieber gemocht als mich recht tüchtig übers Ohr zu
hauen. Jetzt vollends sollte mir noch ein Stückchen von ihrer Art
widerfahren, das einen unverwüstlichen Groll bei mir zurückgelassen hat.
In dem Augenblicke nämlich, da ich die Anker lichten wollte, ging ich,
wie es die Ordnung ist, in das Lotsenkontor und bat um einen Piloten,
der mich zur Garonne hinaus in See bringen sollte. Der Lotse kam an
Bord, aber so betrunken, daß ich Bedenken fand, ihm die Leitung des
Schiffes anzuvertrauen. Der Mensch wollte nicht gehen, ward grob, und
ich komplimentierte ihn so etwas unsanft (jedoch ohne irgend Hand an ihn
zu legen) in sein Boot und an Land zurück. Dagegen hielt ich abermals in
dem Kontor, mit Angabe der Ursachen, um einen anderen nüchternen Lotsen
an. Auch der Trunkenbold erschien dort und machte sich trefflich unnütz;
doch ward mir mein Verlangen gewährt; ich nahm den neuen Piloten mit mir
und lichtete den Anker.
Wie ich nun den Strom abwärts fuhr, so bemerkte ich bald, daß ich an
einem andern Fahrzeuge einen unzertrennlichen Begleiter bekommen hatte.
Machte ich Segel, so tat es desgleichen; ließ ich den Anker fallen, so
legte es sich mir in dem nämlichen Augenblicke zur Seite. Das Ding
machte uns, je länger, je größeren Spaß, und wir kitzelten uns daran,
daß der Franzose ohne uns den Weg gar nicht finden zu können schien. So
kamen wir endlich an das Fort am Ausflusse der Garonne, wo unsere Pässe
visiert werden mußten. Auch da war jenes Fahrzeug flink bei der Hand;
und nun wurde uns eröffnet, daß ich für die Begleitung desselben bis
hierher die Summe von eintausend Livres zu entrichten habe.
Ich war bei dieser Forderung wie aus den Wolken gefallen. »Für seine
Begleitung? -- Eintausend Livres? -- Und _wozu_ diese ganz unerbetene
Begleitung?« -- Die Antwort hieß: »Zur Beschützung des Lotsen an Bord
gegen besorgte Gewalttätigkeiten.« -- Natürlich weigerte ich mich der
Zahlung und forderte diesen Menschen auf, mir zu bezeugen, ob ihm
irgendeine Ungebühr von mir widerfahren sei. -- Er wußte nur Gutes zu
sagen. Dennoch ward ohne weiteres ein Arrest auf mein Schiff gelegt. Ich
sah das, wenngleich nicht sehr ruhig, bis zum nächsten Tage mit an. Der
Arrest blieb, und meine Einreden fanden kein Gehör. Wollte ich nun an
meiner Reise nichts versäumen und wegen Schiff und Ladung nicht in
Verantwortung kommen, so war es immer noch das Geratenste, diese
ungerechte Forderung zu bezahlen und sie mir, als eine echt französische
Geldschneiderei, zur Warnung für die Zukunft hinters Ohr zu schreiben.
* * * * *
Zu diesem Verdrusse gesellte sich, sobald ich endlich in See gelangt
war, ein anderer und noch größerer. Mein Schiffsvolk nämlich, durchaus
dem Soff ergeben, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, den
Weinfässern, die einen Teil unserer Ladung ausmachten, aufs fleißigste
zuzusprechen. Als ich dem zu wehren gedachte, rottierten sich die Kerle
zusammen, schlugen mit Gewalt die Luken auf, zapften die Oxhöfte an und
ließen den Wein stromweise in ihre Wassereimer und Hüte rinnen. In wenig
Stunden hatte sich alles toll und voll gesoffen. Von nun an hatte es
aber auch mit allem Kommando ein Ende. Die Vollzapfe waren wie wütend
und ich und der Steuermann unseres Lebens unter ihnen nicht mehr sicher.
Und so ging es fortan einen Tag wie den andern. Wir beide mochten
zusehen, wie wir konnten, damit das Schiff wenigstens einigermaßen
seinen Kurs hielt. War es auch nicht geradezu Rebellion zu nennen, so
blieb es doch ein wüstes Tollmannsleben, wobei weder gute noch böse
Worte anschlugen und wir paar Vernünftige die größte Gefahr und Not vor
Augen sahen, sooft Segel sollten beigesetzt oder eingenommen werden.
Endlich half Gott, wiewohl unter Angst und Schrecken, daß wir bei
Cuxhaven, vor der Mündung der Elbe, anlangten. Gerade hier aber konnte
ich mich auch mit diesen Menschen unmöglich weiter wagen, da man in den
Engen des Stromes immerfort zu lavieren hatte oder die Anker fallen
lassen mußte. Ich beschloß also, an Land zu gehen und acht oder zehn
tüchtige Leute anzunehmen, die mir nach Hamburg hinaufhelfen sollten.
Zufällig trat ich in dem Örtchen zu einem Barbier ein, um mich unter
sein Schermesser zu liefern. Ich ward aber nicht bloß geschoren, sondern
auch daneben so kunstmäßig ausgefragt, daß mir das Elend mit meinem gar
nicht mehr zu ernüchternden Schiffsvolke gar bald in lauter Klage über
die Lippen trat. Vor allem erwähnte ich zweier Kerle, die sich im
eigentlichen Sinne rasend gesoffen zu haben schienen und ganz wie von
Sinn und Verstand gekommen wären. -- »Nun, der Verstand wäre ihnen wohl
leicht wieder einzutrichtern,« versetzte der Barbier mit einer schlauen
Miene, »wenn ihnen nur zuvor der Unverstand und die tollen Affekten
hinlänglich abgezapft worden.« Er meinte nämlich (wie er sich darüber
auf mein Befragen näher erklärte), ein tüchtiger Aderlaß bis zur
Ohnmacht sollte diese bestialische Tollheit, wenn sie bloß im Soff
ihren Grund hatte, schon zur Ordnung bringen.
Zwar nahm ich von diesem medizinischen Gutachten keine weitere Notiz;
doch als ich am andern Morgen wieder an Land wollte, um die gedungenen
Leute an Bord zu nehmen, fiel mir der Barbier und sein Heilmittel wieder
ein. Mag es den Versuch gelten! dachte ich, und wandte mich in
unbefangener Vertraulichkeit an die beiden Tollhäusler, die mir eben auf
dem Verdeck in den Wurf kamen: »Hört, Kinder, ich will zum Aderlassen.
Ihr beide seht mir beständig so rot und vollblütig aus, daß es euch
gleichfalls wohl gut tun sollte. Kommt mit, dann machen wir das gleich
in Gesellschaft ab.«
Die beiden Kerle schöpften kein Arges aus dem Vorschlage, der ihnen
vielmehr ganz instinktmäßig zusagen mochte. Während sie nun nach meinem
Geheiß auf der Hausflur des Barbiers verweilten, trat ich lachend in
dessen Zimmer und verkündigte ihm die Gegenwart meiner hirnwütigen
Patienten, an denen er nunmehr seine Kunst erproben möge. Sobald auch
nur so viel Frist verlaufen war, als zur Vollendung einiger Aderlässe
erforderlich scheinen mochte, kam ich wieder zum Vorschein, indem ich
rief: »Das wäre fertig; nun, Jakob, ist die Reihe an dir! Herein!« --
Der Bursche kam.
Jetzt ging aber die Operation an seinem Arme im Ernste vor sich. Eine
große Schüssel füllte sich mit Blut, und der Jakob ward immer bleicher
um die Nase. Ich gab dem Manne mit dem Schnepper einen verstohlenen
Wink, daß es nun wohl Zeit sein dürfte, einzuhalten; allein er ließ auch
die zweite Schüssel vollrinnen, bis Jakob endlich besinnungslos umsank
und durch einen vorgehaltenen Spiritus wieder zu sich gebracht werden
mußte. Das nämliche widerfuhr hiernächst auch seinem Zechkameraden, dem
Peter; und beide schwankten dem Schiffe so matt und entkräftet wieder
zu, daß sie geführt werden mußten und auch die folgenden vierzehn Tage
hindurch auf ihren Füßen nicht stehen konnten. Zur Arbeit blieben sie
mir also binnen dieser Zeit allerdings unbrauchbar; aber auch ihre
Tollheit war gänzlich von ihnen gewichen, und des Barbiers Kunststück
hatte sich als vollkommen probat erwiesen.
Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, wie sehr ich, sobald ich Hamburg
erreicht hatte, beeilt war, mir all dies widerspenstige Gesindel vom
Halse zu schaffen. Es ist wahr, ich hätte sie vor den Seegerichten
anklagen können, und Staupbesen und Brandmark würden ihrer gewartet
haben. Das wollte ich aber nicht, weil einige darunter in und um Stettin
zu Hause waren und Frau und Kinder hatten. Ich machte ihnen also nur die
Hölle tüchtig heiß, gab ihnen eine scharfe Ermahnung mit auf den Weg und
ließ sie in Gottes Namen laufen.
* * * * *
Hier in Hamburg fand sich eine neue Ladung für mich nach Lissabon, mit
welcher ich jedoch erst am letzten August auf den Weg zu kommen
vermochte. Die Reise selbst bietet mir nichts Erhebliches für die
Erzählung; doch mag ich wohl eines Schrecks erwähnen, der mir noch ganz
für das Ende derselben vorbehalten blieb. Als ich nämlich etwa sieben
Meilen nördlich von der Mündung des Tajo gekommen war, sah ich ein
Fahrzeug mir entgegensteuern, das mit ungewöhnlich vielen Menschen
besetzt zu sein schien. Unter anderen Umständen würde mich diese
Begegnung ziemlich gleichgültig gelassen haben, allein schon während
unserer ganzen Reise spukte es mir und meinen Leuten im Kopfe herum, daß
wir gegen die Barbaresken und Marokkaner eine unfreie Flagge hatten, und
unser einziger Trost bestand darin, daß von einem Raubzuge derselben so
weit nördlich hinauf doch seit geraumer Zeit nichts verlautet habe.
Jetzt schoß mir bei jenem Anblicke das Blut in den Kopf, denn wie leicht
war es möglich, daß ein Korsar, verwegener als seine Genossen, sich
hier, an einem so vielbesuchten Punkte, auf die Lauer gelegt haben
möchte! Je genauer ich mir das Segel durch mein Fernrohr ansah, desto
mehr schöpfte ich Verdacht. Ich veränderte meinen Kurs, um mich näher am
Lande zu halten; die Barke tat desgleichen. Ich setzte Segel über Segel
auf; sie tat auch ihrerseits alles mögliche, um uns näher zu kommen.
In dieser kritischen Lage rief ich mein Schiffsvolk zusammen und sagte:
»Kinder, ihr seht -- da haben wir die Bescherung! Die türkischen Hunde
haben es offenbar auf uns gemünzt und unsere Pässe helfen uns hier nicht
durch. Was meint ihr? Sollen wir uns von ihnen so mir nichts dir nichts
entern lassen und vor dem Pack zu Kreuze kriechen? Ich meinesteils zöge
lieber den Tod vor, als mich zeitlebens in der Sklaverei unter die
Peitsche zu ducken. Oder habt _ihr_ größere Lust dazu? Sprecht!« -- Die
Kerle sahen mir das Feuer aus den Augen leuchten und wurden selber warm.
Sie meinten, es müßte wacker dreingeschlagen werden, und zugleich lief
alles, die Gewehre, soviel wir deren hatten, zur Hand zu nehmen und
instand zu setzen.
Unter diesen kriegerischen Vorbereitungen war uns aber auch das Fahrzeug
so nahe auf den Leib gekommen, daß es uns zurufen konnte: ob wir keinen
Lotsen nach Lissabon zu haben verlangten? -- Da hatten wir nun auf
einmal die Lösung des Rätsels! Es war eine portugiesische Fischerbarke,
und wir hatten uns ganz umsonst gefürchtet. Wenigstens wurde unsere
Bravour nun auf keine weitere Probe gestellt. Allein mit einem kleinen
Reste von Besorgnis und Mißtrauen wollten wir uns diese dienstfertigen
Leute lieber doch nicht gar zu nahe kommen lassen, lehnten ihr
Anerbieten höflich ab, suchten mit guter Manier von ihnen abzukommen und
warfen gleich darauf am letzten September im Tajo die Anker.
* * * * *
In Lissabon war ich an den alten Korrespondenten des Großschen Hauses,
Herrn John Bulkeley, adressiert und eines Tages auf dem Wege, seiner
Einladung zur Mittagstafel zu folgen. Ich mußte über einen großen
Marktplatz, wo ich bereits aus der Ferne ein großes Gedränge von
Menschen bemerkte. In der Meinung, daß es dort wohl eine öffentliche
Hinrichtung geben möchte, trat ich näher, erkannte aber bald meinen
Irrtum, da ich eines großen Zeltes ansichtig ward, von dessen Spitze, zu
meiner Verwunderung, die _preußische_ Flagge lustig im Winde wehte.
Nun mußte ich natürlich genauer zusehen. Ich drängte mich mit Mühe durch
den dicksten Haufen, bis ich am Eingange des Zeltes stand, zu dessen
beiden Seiten ein paar baumhohe preußische Grenadiere in ihren hohen
blanken Spitzmützen stattlich schilderten. Fast hätte ich Lust gehabt,
die braven Landsleute hier unter fremdem Himmel treuherzig zu begrüßen,
als ich noch zu rechter Zeit inne ward, daß mich ein paar Wachspuppen
getäuscht hatten und daß ich hier wahrscheinlich am Eingange eines
Wachsfigurenkabinettes stand, dem diese martialischen Gesichter nur zu
einem Aushängeschilde dienten. Indes, meine Neugier war nun einmal
geweckt und ich beschloß, hineinzutreten; denn hinter solchen Türhütern,
dachte ich, müsse wohl noch mehr stecken, woran ein preußisches Herz
sich erlaben könne.
Und so war es auch wirklich! So getreu und natürlich, als ob er lebte,
stand mitten inne der alte König Friedrich, mit einem Richterschwert in
der Hand, und vor ihm lag ein Mann mit Weib und Kindern auf den Knien,
die um Gerechtigkeit zu flehen schienen. Ihm zur Rechten war eine große
Wage angebracht, in deren einer Schale eine Bildsäule der Gerechtigkeit
thronte und die andere, die mit Papieren und Akten angefüllt war, hoch
in die Höhe wog. Zur andern Seite eine Gruppe preußischer Generale und
Justizpersonen, und im Hintergrunde in großen leuchtenden Buchstaben die
portugiesische Inschrift: »Gerechtigkeitspflege des Königs von
Preußen«; -- darunter aber der Name »Arnold«. -- Man sieht also, daß
hier der Prozeß des Müllers Arnold gemeint war, der damals als Neuigkeit
des Tages durch ganz Europa das höchste Aufsehen erregte. Wem dennoch
das Ganze hätte unverständlich bleiben mögen, dem half ein Ausrufer
zurecht, der die Geschichte laut und pathetisch herzuerzählen wußte.
Alles horchte und schien tief ergriffen; auch mir armem Narren hämmerte
das Herz unterm dritten Knopfloch, daß ich mich vor patriotischer,
freudiger Wehmut kaum zu fassen wußte. Nein, es mußte heraus! Ich mußte
mich in den innersten Kreis hervordrängen, und so gut oder übel ich die
fremde Sprache zu radebrechen verstand, rief ich aus: »_Mein_ König! Ich
bin Preuße!« -- Diese wenigen Worte fielen wie ein elektrisches Feuer in
alle Herzen. Die ganze Schar umringte mich, sank um mich her auf die
Kniee und hob gleichsam anbetende Hände zu mir empor. »Gloria dem Könige
von Preußen!« rief der eine -- »Heil ihm!« der andere -- »Heil für die
strenge Gerechtigkeit!« -- »Leuchtendes Beispiel für alle Regenten der
Erde! Heil ihm!« -- Mit jedem Augenblicke vermehrte sich das Geschrei und
Getümmel.
Die Tränen drängten sich mir aus den Augen. Ich neigte mich rings herum;
ich legte die Hand aufs Herz; ich dankte stammelnd und suchte einen
Ausweg durch die immer gedrängter zusammenstürzende Menge. Zwar machten
sie mir willig Platz, aber sie folgten mir auch mit anhaltendem
Freudengeschrei: »Vivat der gerechte König!« Nie in meinem Leben fühlte
ich mich geehrter und glücklicher, ein Untertan des großen Friedrich zu
sein. Mein Herz ward mir zu schwer, ich schwankte, konnte nicht weiter
und mußte mich erschöpft an eine Straßenecke lehnen. Nur meine erhobenen
Hände, die ich unwillkürlich, wie zum Segnen, nach dem Volke
ausstreckte, vermochten meinen Dank auszusprechen.
Endlich wankte ich wieder die Gasse hinauf, aber mit einem Schweife von
Menschen hinter mir, der sich mit jedem Augenblicke vergrößerte und den
König von Preußen hochleben ließ. Im Hause meines Korrespondenten, in
welches ich mit Mühe flüchtete, waren alle Türen und Fenster aufgerissen
und mit verwunderten Zuschauern besetzt. Umsonst fragte man mich, was
dies zu bedeuten habe. Mein bewegtes Gemüt fand keine Worte. Draußen
aber stieg der freudige Tumult immer höher, und um das Volk zu beruhigen
und vom Platze zu bringen, blieb mir nichts übrig, als auf den Balkon zu
treten und mich noch einmal zu zeigen. Ich dankte mit Mund und Händen
und allmählich verlief sich der Menschenstrom.
Hierauf erzählte ich meinen Tischgenossen die wundersame Begebenheit,
welche ich soeben erlebt hatte, und die Arnoldsche Prozeßgeschichte, so
gut sie mir bekannt war. Einer von den anwesenden Kontoristen
versicherte jedoch, über diese noch genauere Auskunft geben zu können,
ging hin und holte eine kleine portugiesische Flugschrift, die in einer
treuen geschichtlichen Darstellung dem gerechteren der Könige auch bei
einem entfernten Volke ein verdientes Ehrenmal setzte. -- Hieran
spiegelt euch, ihr Preußen!
* * * * *
Einige Tage später sprach ein portugiesischer Kaufmann mich auf der
Börse an und bat mich höflichst, zu Mittag sein Gast zu sein; nach
Verlauf der Börsenzeit werde er mir einen Wink geben, mit ihm zu gehen.
Ich sagte zu und hatte ihn im Gewühle kaum aus den Augen verloren, als
mehrere Schiffskapitäne von meiner Bekanntschaft, die das mit angesehen
hatten, mich mit Fragen bestürmten, ob dieser Mann mir etwa bekannter
sei, als ihnen allen, die er gleichwohl, wie mich, zu Tische geladen
habe. Ich mußte das schlechterdings verneinen und war, gleich ihnen,
über seinen Einfall einigermaßen verwundert.
Das hinderte jedoch nicht, daß wir nach geendigter Börsenstunde
zusammengerufen wurden. Es waren unser neun Schiffskapitäne, im
buntesten Gemische, wie die Männer in der Pfingstepistel -- Dänen,
Hamburger, Lübecker, Schweden, Schwedisch-Pommern und Danziger. Auch
fanden wir, als wir im Hause unseres Gastgebers anlangten, dort bereits
mehrere Kaufleute versammelt und ein schmackhaftes Mahl bereitet, wobei
zugleich tapfer getrunken wurde, denn unser Wirt verstand die Kunst des
Zunötigens aus dem Grunde, und so artete es nach aufgehobener Tafel bald
in ein Bacchanal aus, wo weder Maß noch Anstand mehr beobachtet wurde.
Bei mir, der ich genau das Maß kannte, welches ich nicht überschreiten
durfte, um bei Verstand und Ehren zu bleiben, ging jedoch bald jedes
gute wie jedes böse Wort des Gastgebers verloren. »Basta, und keinen
Tropfen mehr!« war und blieb mein letzter Trumpf, der endlich auch
gelten mußte. Weniger gut kamen die übrigen Schiffskapitäne weg, die
sich dergestalt übernahmen, daß sie zuletzt samt und sonders unter den
Tisch sanken. Ich meinesteils hatte mich inzwischen mit den anwesenden
Kaufleuten unterhalten, bis ich, des bestialischen Anblicks müde, mich
empfahl und mich an Bord meines Schiffes begab.
Gleichwohl rieb ich mir am anderen Morgen etwas verdutzt die Augen aus,
als ich unseren gestrigen Wirt in Begleitung jener Kaufleute, welche
Teilnehmer des Gelages gewesen waren, bei mir eintreten sah. Sie
schüttelten mir treuherzig die Hand und eröffneten mir lachend, das
gestrige Trinkfest sei absichtlich von ihnen angestellt worden, um sich
unter uns neunen den rechten Mann auszusuchen, dem sie, als dem
solidesten und besonnensten, eine Ladung von Wert anvertrauen könnten.
Einstimmig wäre ihre Wahl auf _mich_ gefallen und so frügen sie mich, ob
es mir anstände, eine volle Ladung Tee nach Amsterdam zu übernehmen? --
Leicht kann man denken, daß ich nicht »nein!« sagte. Tee war damals
leicht eine der reichsten Frachten, die auf Brettern schwamm, und die
nur einer neutralen Flagge, wie die meinige war, anvertraut werden
konnte, da nach und nach auch Holland in den amerikanischen
Freiheitskrieg verwickelt worden war und die Engländer alles kaperten,
was die Bestimmung nach einem holländischen Hafen hatte und nicht eines
solchen Freipasses genoß. Wir wurden zu beiderseitiger Zufriedenheit um
ein Frachtgeld von fünfunddreißigtausend Talern, fünf Prozent Havarie
und zehn Prozent Kapplakengelder einig. Sowie mein Schiff ledig war,
fing ich an, den Tee einzuladen.
* * * * *
Während dieser Zeit suchte ein holländischer Schiffskapitän namens Klock
mich an meinem Borde auf, um mich zu ersuchen, daß ich ihn samt seinem
Schiffsvolk, aus vierzehn Köpfen bestehend, als Passagiere mit mir nach
Holland nehmen möchte. Da ich sein gutes und rechtliches Wesen erkannte,
so gestand ich ihm nicht nur sein Gesuch von Herzen gern zu, sondern
erbot mich auch, da er mir unterwegs von mannigfachem Nutzen sein
konnte, ihm und seinen Leuten von nun an bis zu unserer Ankunft in
Amsterdam die freie Kost, so gut ich sie selber hätte, zu reichen.
Freilich war das Menschen- und Christenpflicht, aber auch mein
Patriotismus kam hier auf eine wunderliche Weise mit ins Spiel, weil ich
nicht schlechter an den armen Leuten handeln wollte, als -- der Kaiser
von Marokko. Das war so gewesen:
Kapitän Klock, der in Amsterdam zu Hause und dessen Schiff nach den
kanarischen Inseln bestimmt war, fand es wegen der politischen
Konjunkturen für ratsamer unter der preußischen als unter seiner
vaterländischen Flagge zu fahren. Er ging also zuvor nach Emden, gewann
dort um eine Kleinigkeit das Bürgerrecht und genoß von dem Augenblicke
an die Rechte und den Schutz eines preußischen Untertans. So gesichert,
stach er in See, hatte aber das Unglück, sein Schiff an der
marokkanischen Küste durch einen Sturm zu verlieren. Nur kümmerlich
rettete er sich samt seinen Gefährten ans Land, wo sie freilich nur
Ketten und Banden zu erwarten hatten. Ein schreckliches Loch war ihr
Gefängnis, wo sie bei Maiskörnern und Wasser zwischen Tod und Leben in
schrecklicher Angst über ihr Schicksal hinschmachteten. Denn soviel
hatte man sie verständigt: man wisse nicht, was man aus ihnen und ihrer
ans Land getriebenen Flagge machen solle. Es sei daher die letztere an
das dreißig Meilen entfernte Hoflager des Kaisers gesandt worden und von
dorther erwarte man eine Verfügung.
Nach neun Tagen endlich erschien vor ihrem Kerkerloche ein gewaltiger
Trupp bewaffneter Mauren; ihre Banden lösten sich und sie wurden jeder
auf einen Esel gesetzt, um eine Reise anzutreten, deren Ziel sie nicht
zu erraten vermochten, wiewohl sie ahnten, daß man sie tiefer
landeinwärts zu verkaufen gedenke. Diese Furcht endigte sich aber, als
sie die Hauptstadt Marokko erreichten, wo ein deutscher Jude als
Dolmetscher sich zu ihnen gesellte und sie, laut erhaltenem Befehl,
alsbald vor den Kaiser Muley Ismael führte. Hier wurden sie
aufgefordert, sich auszuweisen, ob sie Untertanen des Königs von Preußen
wären. Sie standen nicht an, dies zu bejahen und sich auf ihre Flagge zu
berufen.
»Wohl!« lautete die durch den Dolmetscher erteilte Antwort des Fürsten
-- »von eurem Monarchen, seiner Weisheit und seinen Kriegen sind so
viele Wunderdinge zu meinen Ohren gekommen, daß es mich mit Liebe und
Bewunderung gegen ihn erfüllt hat. Die Welt hat keinen größeren Mann als
ihn, als Freund und Bruder habe ich ihn in mein Herz geschlossen. Ich
will darum auch nicht, daß ihr, die ihr ihm angehört, in meinen Staaten
als Gefangene angesehen werden sollt. Vielmehr habe ich beschlossen,
euch frank und frei in euer Vaterland heimzuschicken, auch meinen
Kreuzern anbefohlen, wo sie preußische Schiffe in See antreffen, ihre
Flagge zu respektieren und sie selbst nach Möglichkeit zu beschützen.«
Des anderen Tages wurden sie auf kaiserlichen Befehl nach maurischer
Weise (wie sie auch noch in Lissabon auftraten) neu gekleidet und ihnen
eine anständige Wohnung angewiesen. Den Kapitän aber ließ Muley Ismael
fast täglich zu sich fordern, um Fragen an ihn zu richten, die sich auf
den großen Preußenkönig bezogen; z. B. von welcher Statur er sei? wie
lange er schlafe? was er esse und trinke? wieviel Soldaten -- auch
wieviel Frauen er halte? und dergleichen mehr. Der gute Klock gestand,
er habe lügen müssen, wie er nur immer gekonnt, um der kaiserlichen
Neugierde nur einigermaßen zu genügen, da ihm von all diesen Dingen
herzlich wenig bewußt gewesen.
So hielt es bis in die dritte Woche an, da endlich der Kapitän, durch
jene Fragen immer mehr in die Enge gebracht, um seine Entlassung
anhielt, da er eilen müsse, seinem Könige Rede und Antwort zu geben, wie
gnädig der Kaiser seine schiffbrüchigen Untertanen behandelt habe und
was für freundschaftliche Gesinnungen er gegen ihn hege. Muley Ismael
entließ sie einige Tage darauf in Frieden und sandte sie unter sicherer
Begleitung auf Eseln nach dem Hafen St. Croix, wo bereits dem maurischen
Befehlshaber aufgegeben war, sie auf das erste abgehende europäische
Fahrzeug zu verdingen und die Fracht für sie zu bezahlen, woneben sie
zugleich mit Mund-Provisionen für einen Monat versehen wurden. So
gelangten sie nach Lissabon und in meine Bekanntschaft.
Wer mich kennt, ermißt leicht, wie groß das Interesse sein mußte,
welches ich an einem Ereignisse nahm, worin die Ehre meines geliebten
Monarchen so eng verflochten war. Darum drang ich dann auch späterhin,
auf der Reise nach Amsterdam, in den Kapitän Klock, sein ganzes
marokkanisches Abenteuer in einen schriftlichen Bericht zu verfassen und
nach unserer Ankunft samt seinen Gefährten auf dem Stadthause über die
Wahrheit dieses Berichtes eine eidliche Versicherung abzugeben. Dies
geschah auch wirklich und ich schickte die darüber aufgenommene
gerichtliche Verhandlung an meinen Patron, Herrn Groß in Stettin, ein,
mit dem Ersuchen, solche an Se. Majestät unmittelbar gelangen zu lassen.
Auch hatte dies den Erfolg, daß ich, etwa nach vier Wochen, aus des
Königs Kabinette ein Danksagungsschreiben erhielt, dem ein Berliner
Zeitungsblatt beilag, worin diese ganze Begebenheit dem Publikum
mitgeteilt worden.
* * * * *
Doch ich kehre zu meinen eignen Erlebnissen zurück und bitte den
geneigten Leser, sich zu erinnern, daß ich mich mit meinem Schiffe noch
in Lissabon befinde.
Hier war es einige Tage vor meiner beschlossenen Ausreise, als der
holländische Konsul mich von der Börse mit nach seiner Wohnung nahm,
weil er mir etwas Hochwichtiges zu eröffnen habe. Nach geendigter
Mahlzeit und unter vier Augen zeigte er mir ein kleines Päckchen vor und
sagte, es sei mit rohen Diamanten angefüllt, die in Amsterdam
geschliffen werden sollten. Sein Wunsch sei, mir diesen Schatz auf mein
ehrliches Angesicht zur Überbringung dahin anzuvertrauen. Es seien
dabei, nach Usance, hundertfünfzehn holländische Gulden Fracht für mich
zu verdienen; ich müsse aber das Päckchen unablässig an meinem Leibe
tragen und mein Schiffsvolk davon durchaus nichts ahnen lassen, sowie
mir denn noch eine Menge anderer Vorsichtsmaßregeln eingeprägt wurden.
Die Sache schien mir leicht und der angebotene Gewinn wohl mitzunehmen.
Ich versprach, den Tag vor meiner Abreise jenes kostbare Päckchen in
Empfang zu nehmen. Demzufolge ward es mir denn auch angesichts des
Konsuls in meine Uhrtasche eingenäht und sodann ein Konnossement über
richtigen Empfang vorgelegt, das ich zu unterzeichnen hatte. Dies
geschah auch mit leichtem Herzen; allein in eben dem Augenblicke, da ich
über die Schwelle des Hauses meinen Rückweg nahm, ging auch meine
heimliche Angst und Sorge an, die diese ganze Reise hindurch nicht von
mir wich. Ich wähnte, jeder, der mich ansah, wisse um mein Geheimnis und
gehe mit dem Gedanken um, mich zu berauben oder gar zu ermorden. Selbst
im Schlafe griff ich, sowie oft auch unwillkürlich im Wachen, nach dem
Päckchen, um mich zu überzeugen, daß es noch an seiner Stelle ruhte, und
wohl kann ich sagen, daß ich nie ein Geld mit größerer Unruhe meines
Herzens verdient habe.
* * * * *
Nachdem ich nun gegen Ende Oktober in See gegangen war, gab es eine zwar
langsame, doch übrigens nicht ungünstige Fahrt, die mich am 23. November
auf die Höhe des Texels führte. Hier hatten zwei englische Kreuzer ihre
Station, bei deren einem ich mit meinen Schiffspapieren an Bord kommen
mußte. Indessen konnte deren Untersuchung nicht anders als vorteilhaft
für mich ausfallen, denn das Schiff war preußisch, die Ladung für
portugiesische Rechnung, beide also neutral und frei. So ward mir also
auch gestattet, in den Texel hineinzusegeln; zugleich aber gab mir der
Kapitän des englischen Linienschiffes den Auftrag, dem holländischen
Admiral Kinsberger, der dort mit einer Kriegsflotte von elf Segeln lag,
mit seinem Gruße auch seinen Wunsch zu vermelden, sich mit ihm je eher
je lieber in offener See zu besprechen. In der Tat war es unbegreiflich,
wie dieser sonst so wackere Seemann sich von jenen beiden Schiffen im
Texel dergestalt einsperren lassen konnte!
Inzwischen war der Wind nach Osten umgesprungen, und mir blieb nichts
übrig, als mit der nächsten Flut gerade gegen ihn an in jenen Hafen
hineinzulavieren. Indem ich mich nun bei diesem Manöver dem ersten
holländischen Kriegsschiffe näherte, kam von diesem eine Schaluppe
hinter mir dreingerudert, aus der man mir gebieterisch zurief: »Braßt
auf! Braßt auf!« -- Mein holländischer Lotse, den ich an Bord genommen,
hatte Lust, dem Befehle zu gehorchen; ich hingegen bedeutete ihm, daß
wir in diesem Augenblicke dem Oststrande zu nahe wären, um dergleichen
wagen zu können; wir wollten aber das Schiff wenden, wo dann die
Schaluppe füglicher bei uns an Bord kommen würde.
Noch waren wir in der Wendung begriffen, als letzteres schon geschah und
ein Schiffsleutnant zu uns aufs Deck stieg, der mich ziemlich barsch und
patzig zur Rede stellte, warum ich auf sein Kommando nicht aufgebraßt
hätte? -- »Mynheer,« erwiderte ich, »wenn Ihr ein Seemann seid, so seht
doch da den nahen Oststrand und fragt Euch selbst, ob ich mich
mutwillig auf den Grund setzen sollte?« -- Darauf war wenig mehr zu
antworten; er änderte also seine Fragen nach meinem Woher und Wohin, und
erhielt darauf richtigen und gebührenden Bescheid, verlangte aber
demungeachtet noch nähere Auskunft, wer ich sei und wie ich heiße. --
»An meinem Namen,« versetzte ich, »kann wenig gelegen sein, und aus
meiner Flagge, die uns über den Köpfen weht, ist zu ersehen, daß ich ein
Preuße bin.« -- Ob ich englische Kreuzer in See getroffen hätte? wollte
er weiter wissen. -- »Da mögt Ihr,« war meine Antwort, »Euere eigenen
Augen brauchen. Ich bin ein neutraler Mann und mir kommt nicht zu, Euere
Feinde an Euch zu verraten.«
Nun bestand er darauf, mit mir in meine Kajüte zu gehen, um mich unter
vier Augen zu sprechen. -- »Das kann ich jetzt nicht,« versetzte ich
kurz angebunden. »Mein Schiff ist im Lavieren. Ich muß auf Deck bleiben
und es im Auge behalten. Binnen einer Stunde gehe ich zwischen Eurer
Flotte vor Anker, und dann wird es noch Zeit sein, Euch in allem, was
not tut, Rede zu stehen.« -- »Wie, Ihr wollt nicht gleich diesen
Augenblick in die Kajüte kommen?« -- »Jetzt sicherlich nicht.« -- Da
ward das Bürschchen hitzig, griff nach der Plempe, die es an der Seite
hängen hatte, zog blank und versetzte mir damit flach einen Streich über
die Schulter.
Hui! das war ein Funke in eine offene Pulvertonne! Denn in dem nämlichen
Augenblicke auch packte meine Faust das Sprachrohr, das neben mir stand,
und legte es ihm so unsanft zwischen Kopf und Schulter, daß das untere
Ende desselben über Bord flog und ich das bloße Mundstück in der Hand
behielt. Zugleich griff ich in das Gefäß seines Degens, rang ihm diesen
aus der Hand, packte ihn am Kragen und schob ihn über Bord die Treppe
hinab, so daß er schwerlich selbst gewußt hat, wie er in seine Schaluppe
gekommen sein mag. Dann langte ich ihm seine vergessene Klinge nach,
seine Leute stießen ab und die ferneren Komplimente hatten ein Ende.
Unmittelbar darauf kam ich unter die Flotte und ließ den Anker fallen.
Eine andere Schaluppe kam zu mir herangerudert; der darauf befindliche
Offizier war ein vernünftiger Mann, seine Fragen hatten Hand und Fuß und
ebenso waren auch meine Antworten ausreichend und bescheiden.
Am anderen Morgen ging ich, da mir der Wind noch immer entgegenstand,
mit der Flut abermals unter Segel, um noch weiter in den Texel
hineinzulavieren. Mein Lotse wollte, daß wir unsere Flagge wieder
aufhissen sollten; ich jedoch war anderer Meinung. Hatten wir doch den
ganzen gestrigen Tag zwischen der holländischen Flotte umhergekreuzt und
geankert und unsere Flagge wehen lassen, so daß ihnen unmöglich
unbekannt sein konnte, wes Geistes Kinder wir wären. Eigentlich aber
wollte ich meine Flagge schonen, die bei dem Wenden hin und wieder arg
zerpeitscht wurde.
Wir waren darüber noch im Ratschlagen begriffen, als ein blinder Schuß
nach meiner Seite her abgefeuert wurde -- die gewöhnliche Mahnung,
Wimpel und Flagge zu zeigen. Da ich nun sah, daß es _so_ gemeint sei,
befahl ich stracks, ihnen den Willen zu tun; allein wie sehr meine Leute
sich auch damit hasteten, erfolgte doch zu gleicher Zeit ein zweiter
scharfer Schuß, dessen Kugel dicht vor mir ins Wasser aufschlug. Dann
aber fand sich auch, ehe ich mich dessen versah, eine Schaluppe ein,
deren Offizier mir einen Dukaten für den ersten und zwei für den andern
Kugelschuß abforderte und hinzusetzte, daß dies auf Befehl des Admirals
Kinsberger geschehe.
Ich gestehe, daß meine Antwort etwas unmanierlich lautete, denn ich ließ
ihm sagen, er möchte sein Pulver und Blei auf seine Feinde und nicht auf
eine respektable neutrale Flagge, die sich ihm genugsam kundgegeben,
verschießen. Ich betrachtete seine Schüsse als einen meinem Souverän
erwiesenen Affront, über welchen ich gehörigen Ortes Beschwerde zu
führen wissen würde. Da ich jetzt nach Holland hinein- und nicht
hinausginge, so würde er mich wie ich ihn in Amsterdam zu finden wissen,
ohne daß ich um Rede und Antwort verlegen wäre. _Hier_ aber gedächte ich
auch nicht einen Stüber zu bezahlen.
Der Leutnant, der meinen entschlossenen Sinn sah, verlangte, daß ich ihm
diese Antwort schriftlich geben sollte. Ich ging mit ihm in die Kajüte
und tat ihm seinen Willen, fügte aber zugleich auch den Gruß hinzu, den
mir der Kapitän des englischen Kreuzers an den Admiral aufgetragen
hatte. Während des Schreibens musterte jener einen Berg Zitronen, die in
einem Winkel der Kajüte lagen, mit lüsternen Augen. Ich bat ihn, sich
davon auszuwählen, so viel er irgend zu lassen wüßte -- eine
Höflichkeit, die er mit Dank annahm und benutzte, und wonach wir
beiderseits freundlich voneinander schieden. Aber auch späterhin ist von
diesem Handel auf keine Weise wieder etwas zur Sprache gekommen.
Ich selbst vergaß diesen Vorgang alsbald über der Not, die ich hatte bei
dem noch immer konträren Ostwinde, in dem engen Fahrwasser mit Lavieren
in kurzen Schlägen und unter Beihilfe der jedesmaligen Flut langsam
genug fortzurücken, hinwiederum aber mit jeder Ebbe die Anker fallen zu
lassen. Hierbei fror es zu gleicher Zeit so heftig und es kam mir so
viel Treibeis auf den Hals, daß ich mich oftmals vor zwei oder auch wohl
drei Anker legen mußte, um dem Andrang gehörig zu widerstehen. So währte
es drei Tage hintereinander, ohne daß es sich zum Besseren anließ; und
ich mochte mich allein damit trösten, daß es vor und hinter mir noch
eine Menge von Schiffen gab, die ebenso angestrengt und vergeblich
trachteten, trotz dem Eise noch Amsterdam zu erreichen. Selbst aber als
diese nach und nach die näheren Nothäfen Medemblyck, Enkhuizen und
Staveren zu gewinnen suchten, beharrte ich bei meinem Vornehmen und
hoffte, daß endlich doch Wind und Wetter sich zu meinem Vorteil ändern
würden.
Als ich mich nun solchergestalt, von allen anderen verlassen, abmühte,
dem Schicksale mein Reiseziel gleichsam abzutrotzen, traten mein
Schiffsvolk und der eingenommene Lotse zu mir, um mir vorzustellen, wie
die Gefahr des Eises wegen sich stündlich mehre und wie ratsam es sein
werde, nach dem Beispiel unserer bisherigen Gefährten, in einen anderen
nahen Hafen einzulaufen. »Jungens,« entgegnete ich ihnen, »wo denkt ihr
hin? Haben wir nicht ein starkes, dichtes Schiff? Sind unsere Anker und
Taue nicht haltbar? Fehlt es uns an Essen und Trinken? Und wenn die in
den anderen Schiffen furchtsame Memmen sind, die gleich beim ersten
Frostschauer zu Loche kriechen, wollen _wir_ uns ihnen darin
gleichstellen? Ich meine, wir sehen es noch eine Weile mit an, und wenn
es dann immer noch keinen besseren Anschein gewinnt, so bleibt ja Zeit
genug, uns nach einem Nothafen umzusehen.« -- Diese Vorstellungen
wirkten, und sie versprachen, auch ferner ihr Bestes zu tun.
* * * * *
Des nämlichen Nachmittags kam mir ein kleines Fischerfahrzeug von
Enkhuizen zur Seite. Drinnen saß ein alter Mann nebst seinem Jungen und
rief mir zu: »Wie steht's, Kapitän, wollt Ihr auch Hilfe haben?« -- Ich
gab wenig auf sein Erbieten, denn seine Flunder-Schuite sah mir nicht
danach aus, als ob sie mir sonderliches Heil bringen könnte oder das Eis
über Seite schieben würde, wovon die Zuydersee vor uns vollstand. »Fahrt
mit Gott!« rief ich ihm zu. »Mit Euerer Hilfe wird mir wenig gedient
sein!«
Doch zu gleicher Zeit zog mich der Lotse beiseite und gab mir zu
bedenken, daß es gleichwohl nicht übel getan sein würde, für den Fall,
daß wir uns dennoch zu irgendeinem Nothafen bequemen müßten, einen Mann
an Bord zu haben, der dieser Gewässer unbezweifelt noch besser als er
selbst kundig wäre, und an welchem er dann eine um so gewissere
Unterstützung finden würde. -- »Immerhin!« versetzte ich, »wenn wir von
dem alten Manne, der mir gar nicht danach aussieht, nur reellen Beistand
zu erwarten haben.« -- Dieser, der schon von uns abgestoßen hatte, ward
also zurückgerufen, kam an Bord und wurde befragt, ob ihm die
nächstgelegene nordholländische Küste hinreichend bekannt sei, um uns im
Notfall als Lotse zu dienen?
Fast schien der alte Bursche mir meine Frage übel zu deuten. Er nahm
eine pathetische Stellung an und beteuerte: von Jugend auf sei er hier
in allen Winkeln herumgekrochen, kenne jeden Grund und jeden Stein und
wolle hier wohl die ganze holländische Flotte bei stockdunkler Nacht
sicher vor Anker bringen. -- »Gut!« erwiderte ich. »So mögt Ihr an Bord
bei mir bleiben! Allein auf welchen Vergleich soll ich mich mit Euch
einigen? Dringen wir durch nach Amsterdam, wie ich's hoffe, so könnt Ihr
mir keine Dienste tun; muß ich mich aber nach einer andern Zuflucht
umsehen, so weiß ich wieder nicht, wie lange das währen kann und wie ich
Eure Hilfe anschlagen soll? Darum schlage ich Euch vor, daß wir nach
beendigter Fahrt vier Schiedsmänner, jeder zur Hälfte, erwählen und daß
wir uns dem fügen, was diese als recht und billig beschließen werden.
Seid Ihr das zufrieden?«
»Ja,« war seine Antwort, »aber gebt mir das schriftlich, Kapitän!« --
Dies geschah auch sofort, worauf er das Papier dem Jungen einhändigte,
um mit demselben und der Schuite wieder ans Land zu steuern. Er selbst
aber war von dem Augenblicke an bei uns wie zu Hause, hatte tausend
unnütze Dinge zu fragen und zu erzählen, so daß er meine Leute überall
hinderte und mir selbst überaus lästig fiel. »Satt und genug, Alter!«
fiel ich ihm endlich in die Rede. -- »Euer Geplauder bringt mir mein
Volk aus dem Texte. Da geht hinein in die Kombüse und raucht Euer
Pfeifchen in Frieden, bis ich Euch rufen lassen werde.« -- Murrend tat er
meines Gebotes, hüllte sich in eine Schmauchwolke und legte sich endlich
aufs Ohr, ohne zu wissen oder zu fragen, was weiter um ihn her vorging.
Inzwischen trieb während der Nacht und Ebbezeit, wo wir vor Anker lagen,
so ungeheuer viel Eis auf uns zu, daß wir das Schiff kaum vor drei
Kabeltauen halten konnten, indem die Schollen sich immer höher
emportürmten und auf den Bug eindrangen, daß das Schiff vorn auf eine
bedenkliche Weise niedertauchte und jeden Augenblick zu erwarten stand,
es werde von den Eismassen überwältigt werden und untergehen. Doch gab
Gott Gnade, daß wir uns in dieser gefährlichen Lage erhielten, bis
endlich die Flut eintrat und das Schiff sich wieder erholte, während
auch das Tageslicht eintrat und die Gegenstände sicherer erkennen ließ.
Nach einer solchen Erfahrung wäre es vermessen gewesen, wenn ich auf
meinem Vorsatze noch hätte bestehen wollen. Vielmehr wurden wir
schlüssig, in den nächsten besten Hafen einzulaufen, und so war es jetzt
an der Zeit, unseren alten Lotsen hervorzurufen, der sich die Augen
wischte und die Gefahr, die uns drohte, glücklich verschlafen hatte. Ich
befragte ihn, welcher Hafen nach seiner Meinung am bequemsten zu
erreichen sein möchte? Er entschied sich für Enkhuizen und stellte sich
ans Steuer, hielt aber einen so verkehrten Kurs, daß mir und dem Lotsen
aus dem Texel die Haare zu Berge standen und wir dachten, der alte Kerl
werde das Schiff binnen weniger als fünf Minuten auf die Sandbänke
setzen und uns alle ins Unglück bringen, um vielleicht seinen
Landsleuten an dem gestrandeten Wrack eine erwünschte Prise zuzuführen.
Ihm sein Konzept zu verrücken, erklärte ich also, die Gewässer von
Medemblyck wären mir einigermaßen bekannt und ich zöge es vor, meinen
Weg dorthin zu nehmen und das Nötige selbst anzuordnen. Dem ersten
Lotsen gebot ich, das Bleilot zur Hand zu nehmen, dem Alten aber, der
immer noch des Plauderns kein Ende fand, sich flugs vom Verdecke nach
der Kombüse zu scheren. Andere Segel wurden aufgesetzt, das Schiff
umgelegt, und so gelang es uns, nachmittags glücklich vor Medemblyck
anzulangen.