Zweiter Teil

Bevor ich in meinem Lebensberichte fortfahre und mich zu den kleinen

Abenteuern hinwende, die mir an der afrikanischen Küste begegnet sind,

wolle mir der geneigte Leser über die nunmehr ergriffene Lebensart

einige Entschuldigung zugute kommen lassen. »Wie?« wird er vielleicht

bei sich selbst gesagt haben, »Nettelbeck ein Sklavenhändler? Wie kommt

ein so verrufenes Handwerk mit seinem ehrlichen pommerschen Herzen

zusammen?« -- Allein das ist es ja eben, daß dies Handwerk zu damaliger

Zeit bei weitem nicht in einem solchen Verrufe stand, als seitdem man,

besonders in England, wider den Sklavenhandel (und auch wohl nicht mit

Unrecht) als einen Schandfleck der Menschheit geschrieben und im

Parlamente gesprochen hat, und wenn er durch dies nachdrückliche

Geschrei entweder ganz abgekommen ist oder doch mit heilsamer

Einschränkung betrieben wird, so ist gewiß auch der alte Nettelbeck

nicht der letzte, der seine herzliche Freude darüber hat. Aber vor

fünfzig Jahren galt dieser böse Menschenhandel als ein Gewerbe, wie

andere, ohne daß man viel über seine Recht- oder Unrechtmäßigkeit

grübelte. Wer sich dazu brauchen ließ, hatte Aussicht auf einen harten

und beschwerlichen Dienst, aber auch auf leidlichen Gewinn. Barbarische

Grausamkeit gegen die eingekaufte Menschenladung war nicht

notwendigerweise damit verbunden und fand auch wohl nur in einzelnen

Fällen statt; auch habe ich meinesteils nie dazu geraten oder geholfen.

Freilich stieß ich oft genug auf Roheit und Härte; aber _die_ waren mir

leider überall, wohin der Beruf des Seemanns mich führte, ein nur zu

gewohnter Anblick und konnten mir daher eine Lebensweise nicht

verleiden, mit der ich schon bei meinem ersten Ausfluge in die Welt

vertraut geworden war, und zu der ich also jetzt um so unbedenklicher

zurückkehrte.

Zu besserem Verständnisse des Folgenden wird es erforderlich sein,

einige Worte über die Art und Weise, wie dieser Negerhandel damals von

den Holländern betrieben wurde, beizubringen.

* * * * *

Da hier Menschen nun einmal als Ware angesehen wurden, um gegen die

Erzeugnisse des europäischen Kunstfleißes ausgetauscht zu werden, so kam

es hauptsächlich darauf an, solche Artikel zu wählen, welche Bedürfnis

oder Luxus den Schwarzen am unentbehrlichsten gemacht hatte.

Schießgewehre aller Art und Schießpulver in kleinen Fässern von acht bis

zweiunddreißig Pfund nahmen hierunter die erste Stelle ein. Fast ebenso

begehrt war Tabak, sowohl geschnitten als in Blättern, samt irdenen

Pfeifen, und Branntwein. Kattune von allen Sorten und Farben lagen in

Stücken von einundzwanzig bis vierundzwanzig Ellen, sowie auch

dergleichen oder leinene und seidene Tücher, deren sechs bis zwölf

zusammengewirkt waren. Ebensowenig durfte ein guter Vorrat von leinenen

Lappen, drei Ellen lang und halb so breit, fehlen, die dort als

Leibschurz getragen werden. Den Rest der Ladung füllten allerlei kurze

Waren, als kleine Spiegel, Messer aller Art, bunte Korallen, Nähnadeln

und Zwirn, Fayence, Feuersteine, Fischangeln und dergleichen.

Einmal gewöhnt, diese verschiedenen Artikel von den Europäern zu

erhalten, können und wollen die Afrikaner sowohl an der Küste als tiefer

im Lande sie nicht missen und sind darum unablässig darauf bedacht, sich

_die_ Ware zu verschaffen, wogegen sie sie eintauschen können. Also ist

auch das ganze Land immerfort in kleine Parteien geteilt, die sich

feindlich in den Haaren liegen und alle Gefangenen, welche sie machen,

entweder an die schwarzen Sklavenhändler verkaufen oder sie unmittelbar

zu den europäischen Sklavenschiffen abführen. Allein oft, wenn es ihnen

an solcher Kriegsbeute fehlt und sie neue Warenvorräte bedürfen, greifen

ihre Häuptlinge, die eine despotische Gewalt über ihre Untertanen

ausüben, diejenigen auf, welche sie für die entbehrlichsten halten, oder

es geschieht wohl auch, daß der Vater sein Kind, der Mann das Weib und

der Bruder den Bruder auf den Sklavenmarkt zum Verkaufe schleppt. Man

begreift leicht, daß es bei solchen Raubzügen an Grausamkeiten jeder Art

nicht fehlen kann und daß sich alle diese Länder dabei in dem elendesten

Zustande befinden. Aber ebensowenig kann auch abgeleugnet werden, daß

die erste Veranlassung zu all diesem Elende von den Europäern herrührt,

welche durch ihre eifrige Nachfrage den Menschenraub bisher begünstigt

und unterhalten haben.

Ihre zu diesem Handel ausgerüsteten Schiffe pflegten längs der ganzen

Küste von Guinea zu kreuzen und hielten sich unter wenigen Segeln stets

etwa eine halbe Meile oder etwas mehr vom Ufer. Wurden sie dann am Lande

von Negern erblickt, welche Sklaven oder Elefantenzähne zu verhandeln

hatten, so machten diese am Lande ein Feuer an, um dem Schiffe durch den

aufsteigenden Rauch ein Zeichen zu geben, daß es vor Anker ginge; warfen

sich aber auch zu gleicher Zeit in ihre Kanots und kamen an Bord, um die

zur Schau ausgelegten Warenartikel zu mustern. Vor ihrer Entfernung

versprachen sie dann, mit einem reichen Vorrat von Sklaven und Zähnen

sich wieder einzufinden, oft jedoch ohne darin Wort halten zu können

oder zu wollen.

Gewöhnlich aber erschienen sie zu wirklichem Abschluß des Handels mit

ihrer Ware am nächsten Morgen, als der bequemsten Tageszeit für diesen

Verkehr. Denn da dort jede Nacht ein Landwind weht, so hat dies auch bis

zum nächsten Mittag eine ruhige und stille See zur Folge. Dann steigt

wieder ein Seewind auf, die Brandung wälzt sich ungestümer gegen den

Strand, und die kleinen Kanots der Schwarzen können sich nicht hinaus

wagen. Das Fahrzeug, welches die verkäuflichen Sklaven enthielt, war in

der Regel noch von einem halben Dutzend anderer, jedes mit mehreren

Menschen angefüllt, begleitet, welche alle einen Anteil an der

unglücklichen Ware hatten. Allein nur acht oder höchstens zehn aus der

Menge wurden mit an Bord gelassen, während die übrigen in ihren Kanots

das Schiff umschwärmten und ein tolles Geschrei verführten.

Nun wurden auch die Gefangenen an Bord emporgehoben, um in näheren

Augenschein genommen zu werden; die männlichen mit auf dem Rücken

dergestalt hart zusammengeschnürten Ellbogen, daß oft Blut und Eiter an

den Armen und Lenden hinunterlief. Erst auf dem Schiffe wurden sie

losgebunden, damit der Schiffsarzt sie genau untersuchen konnte, ob sie

unverkrüppelt und übrigens von fester Konstitution und bei voller

Gesundheit wären; und hierauf eröffnete sich dann die eigentliche

Unterhandlung, jedoch nicht, ohne daß zuvor sowohl den Verkäufern auf

dem Verdeck, als ihren Kameraden in den Kanots, Tabak und Pfeifen

vollauf gereicht worden wäre, damit sie lustig und guter Dinge würden --

freilich aber auch sich um so leichter betrügen ließen.

Die europäischen Tauschwaren wurden den Schwarzen stets nach dem

höchsten Einkaufspreise mit einem Zusatz von fünfundzwanzig Prozent

angerechnet, und nach diesem Tarif galt damals ein vollkommen tüchtiger

männlicher Sklave etwa hundert holländische Gulden, ein Bursche von

zwölf Jahren und darüber ward mit sechzig bis siebzig Gulden, und

ungefähr zu gleichem Preise auch eine weibliche Sklavin bezahlt. War sie

jedoch noch nicht Mutter gewesen und ihr Busen noch von jugendlicher

Fülle und Elastizität (und daran pflegt es die Natur bei den Negerinnen

nicht fehlen zu lassen), so stieg sie auch verhältnismäßig im Werte bis

auf hundertzwanzig oder hundertvierzig Gulden.

Die Verkäufer bezeichneten stückweise die Artikel, welche ihnen unter

den ausgelegten Waren anstanden, wogegen der holländische Einkäufer

seinen Preis-Kurant fleißig zu Rate zog, um nach dem angenommenen Tarif

nicht über neunzig Gulden hinauszugehen und wobei auch der gespendete

Branntwein samt Tabak und Pfeifen nicht unberücksichtigt blieben. Fing

er dann an, sich noch weitern Zulegens zu weigern, und ließ sich

höchstens noch ein Stück Kattun abdringen, so ward der Rückstand im

geforderten Menschenpreise vollends mit geringeren Waren und

Kleinigkeiten und zuletzt noch mit einem Geschenk von Messern, kleinen

Spiegeln und Korallen ausgeglichen. Wie viel es übrigens bis zum

gewünschten Abschluß des Streitens, Fluchens und Lärmens bei diesem

Handel gegeben habe, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung; denn wenn

der eigentlichen Wortführer bei den Negern auch nur zwei oder drei sein

mochten, so gab es doch immer unaufhörliche Rücksprache und

Verständigung mit ihren Gefährten in den Kanots, die bei dem Erfolge der

Unterhandlung alle gleich sehr interessiert waren. Hatten sie dann

endlich die eingetauschten Waren in Empfang genommen, so packten sie

sich wieder in ihre Fahrzeuge und eilten lustig, wohlbenebelt und unter

lautem Hallo! dem Strande zu.

Während dieser ganzen geräuschvollen Szene saß nun der arme Sklave, um

welchen es gegolten hatte, auf dem Verdeck und sah sich mit steigender

Angst in eine neue unbekannte Hand übergehen, ohne zu wissen, welchem

Schicksale er aufbehalten sei. Man konnte den Unglücklichen sozusagen

das Herz in der Brust schlagen sehen; denn ebensowenig als die meisten

von ihnen je zuvor das Weltmeer, auf dem sie nun schwammen, erblickt,

hatten sie auch früherhin die weißen und bärtigen Menschen gesehen, in

deren Gewalt sie geraten waren. Nur zu gewiß waren sie des Glaubens, wir

hätten sie nur gekauft, um uns an ihrem Fleische zu sättigen.

Die Verkäufer waren nicht so bald vom Schauplatz abgetreten, als der

Schiffsarzt Sorge trug, den erhandelten Sklaven ein Brechmittel

einzugeben, damit die seither ausgestandene Angst nicht nachteilig auf

ihre Gesundheit zurückwirkte. Aber begreiflicherweise konnten die

gewaltsamen Wirkungen dieser Prozedur jenen vorgefaßten schrecklichen

Wahn ebensowenig beseitigen, als die Anlegung eiserner Fesseln an Hand

und Fuß, wodurch man sich besonders der männlichen Sklaven noch enger zu

versichern suchte. Gewöhnlich kuppelte man sie überdem noch paarweise

zusammen, indem man durch einen in der Mitte jeder Kette befindlichen

Ring noch einen fußlangen eisernen Bolzen steckte und fest vernietete.

Verschonte man auch die Weiber und Kinder mit ähnlichem Geschmeide, so

wurden sie doch in ein festes Verhältnis vorne in der Schiffsback

eingesperrt, während die erwachsenen Männer ihren Aufenthalt dicht

daneben zwischen dem Fock- und großen Maste fanden. Beide Behälter waren

durch ein zweizölliges eichenes Plankwerk voneinander gesondert, so daß

sie sich nicht sehen konnten. Doch brachten sie in diesem engeren

Verwahrsam nur die Nächte zu; bei Tage hingegen war ihnen gestattet, in

freier Luft auf dem Verdecke zu verweilen. Auf ihre fernere Behandlung

während der Überfahrt nach Amerika werde ich in der Folge wieder

zurückkommen.

Der hiernächst bedeutendste Gegenstand des Handels an dieser Küste sind

die Elefantenzähne, von welchen auch der ganze Strich zwischen Kap

Palmas und tres Puntas den Namen der »Zahnküste« führt. Habe ich die

Erzählungen der Eingeborenen richtig verstanden, so bemächtigen sie sich

dieser stark gesuchten Ware, indem sie sich in Partien von dreißig und

mehr Personen in die landeinwärts gelegenen Wälder auf die Elefantenjagd

begeben. Ihre Waffen bestehen hauptsächlich in fußlangen zweischneidigen

Säbelklingen, die sie von den Schiffen einhandeln und zu diesen Jagden

an langen Stangen befestigen. Haben sie ein Tier aufgespürt, so suchen

sie es entweder zu beschleichen oder treiben es mit offener Gewalt auf,

und trachten einzig dahin, ihm den Rüssel, der seine vorzüglichste

Schutzwehr ausmacht, an der Wurzel abzuhauen, oder sie zerschneiden ihm

die Sehnen an den Füßen, um es so zum Fallen zu bringen. Ist der Feind

solchergestalt überwältigt, so wird er vollends getötet; man haut ihm

die Zähne aus, und der Rumpf bleibt als willkommene Beute für die

Raubtiere und das Gevögel liegen.

Noch wird an einem andern Striche dieser Negerländer, die »Goldküste«

genannt, einiger Verkehr mit Goldstaub oder vielmehr kleinen Körnern

dieses Metalls getrieben, das entweder aus dem Flußsande gewaschen oder

von der reichen Natur dieses heißen Bodens oft dicht unter dem Rasen

dargeboten wird. Doch war dies Geschäft weder beträchtlich noch

sonderlich gewinnreich und pflegte deshalb dem Obersteuermann bei seinen

kleinen Nebenfahrten für eigene Rechnung anheimgestellt zu werden, sowie

ihm zu dem Ende auch vergönnt war, den Betrag von sechshundert

holländischen Gulden in Waren mit an Bord zu nehmen. Ich selbst hatte

mich zu diesem Privathandel mit allerlei Quincaillerien, etwa

fünfhundert Gulden an Wert, versehen.

* * * * *

Denn außer dem Verkehre, der am Bord des Schiffes selbst stattfand,

wurden in gleicher Absicht auch noch mehrere Boote ausgerüstet und

abgeschickt, welche sich oft auf mehrere Wochen lang entfernten und bis

auf fünfzig und mehr Meilen an der Küste umherkreuzten. Dieser

Bootsfahrten habe ich zwar bereits oben erwähnt, doch sei es mir

erlaubt, hier noch etwas ausführlicher darauf zurückzukommen.

Sobald die Guineafahrer sich dem wärmeren Himmelsstriche näherten,

begannen auch die Schiffszimmerleute die Schaluppen und Schiffsboote zu

ihrer künftigen neuen Bestimmung instandzusetzen, indem sie ein Verdeck

darauf anbrachten und alles so einrichteten, daß sie See zu halten

vermochten. Holz und Planken hierzu ward schon von Holland aus

mitgenommen und zwischendecks bereitgehalten. Die Besatzung eines

solchen Fahrzeugs bestand aus zehn bis zwölf Mann unter Anführung des

Obersteuermanns oder eines anderen Schiffsoffiziers. Auch war es mit

einigen Drehbassen und kleinerem Handgewehr wohl versehen.

Die Bestimmung dieser Boote erforderte, stets in einiger Entfernung vor

ihrem Schiffe vorauszugehen und die Punkte, wo ein vorteilhafter Handel

zu treiben war, zu vervielfältigen, damit die gewünschte volle Ladung

schneller zusammengebracht und der Aufenthalt an diesen ungesunden

Küsten abgekürzt würde. Sooft nun ein solches Fahrzeug seine

mitgenommenen Warenartikel oder seine Lebensvorräte erschöpft oder einen

genügenden Eintausch gemacht hatte, kehrte es zurück, um sofort für eine

neue Reise ausgerüstet zu werden. Es ergibt sich daraus, wie anstrengend

und beschwerlich dieser Dienst sein mußte.

Allein auch außerdem war er mit mancher Fährlichkeit verbunden: denn

nicht selten ging ein solches Boot durch Überrumpelung der Neger samt

dem Leben der ganzen Besatzung verloren, und so war hier die höchste

Vorsicht erforderlich. Nie wurden mehr als vier Verkäufer zugleich auf

dem Boote zugelassen, und auch die übrigen in den Kanots durfte man

nicht zu nahe herankommen lassen. Während also der Steuermann nebst

einem Gehilfen hinten im Fahrzeuge den Handel betrieb, stand der Rest

der Mannschaft vorn mit dem geladenen Gewehre in der Hand zu seinem

Schutze bereit, und wehrte zugleich den umkreisenden Kanots, sich nicht

ungebührlich zu nähern.

Noch gefährlicher wäre es gewesen, die Nacht über an dem nämlichen Orte

liegen zu bleiben, wo man sich am Abend befunden hatte. Vielmehr mußte

man die Ankerstelle sorgfältig verändern, um die verräterischen

Schwarzen, die unaufhörlich auf Überfall sannen, zu täuschen. Ebenso

gebot die Klugheit, keiner ihrer noch so freundlichen Einladungen zu

trauen, und am wenigsten sich in die Mündung ihrer Flüsse zu wagen.

Die männlichen Sklaven, die man auf diesen Fahrten erhandelte, wurden

sofort unter das Verdeck gebracht, weil sie sonst nur zu leicht

Gelegenheit gefunden haben würden, über Bord zu springen. Im Raume aber

legte man ihnen eiserne Bügel um die Füße, die mit Ringen versehen

waren, und diese streifte man hinwiederum über eine lange, mit beiden

Enden unten im Vorder- und Hinterteile des Bootes befestigte Kette, so

daß sie wenigstens einige Schritte hin und wieder gehen konnten.

Glimpflicher verfuhr man mit den Weibern, deren Zutrauen man sich auf

eine leichtere Weise erwarb.

Noch hatte wenigstens eines dieser Fahrzeuge die Nebenbestimmung, den

aus Europa mitgebrachten Briefsack schneller als sonst hätte geschehen

können nach dem holländischen Hauptfort St. George de la Mina zu

fördern. Denn da die ankommenden Schiffe ihr Handelsgeschäft gewöhnlich

bei Sierra Leone anfingen, welches gegen zweihundert Meilen westlicher

liegt, und längs der Küste nur gemachsam fortkreuzten, so würde es oft

sechs bis acht Monate gewährt haben, bevor sie selbst jenen Platz

erreichten.

* * * * *

Diesen Auftrag erhielt auch ich, sobald wir in den ersten Tagen des

Jahres 1772 auf der Küste von Guinea angelangt waren. Zu dem Ende ward

die Barkasse mit zehn Mann unter meinen Befehlen ausgerüstet und mit

Provisionen aller Art, besonders aber solchen beladen, welche in diesem

heißen Klima einem schnellen Verderb ausgesetzt sein konnten. Das

Brief-Felleisen ward nicht vergessen, und so steuerte ich, nachdem ich

auch die Vorräte für meinen eigenen kleinen Handel eingenommen hatte,

bereits am vierten Tage nach unserer Ankunft, dem Schiffe vorangehend,

gegen Osten.

Bei dieser Küstenfahrt führte mich mein Weg zunächst nach dem

holländischen Fort Axim, wo ich einen Pack Briefe, europäische Zeitungen

und andere Kleinigkeiten abzugeben hatte. Ich fand den dortigen

Befehlshaber, einen geborenen Hanoveraner, namens Feneckol, sehr

begierig nach Neuigkeiten aus dem gemeinschaftlichen Vaterlande, sowie

ihm hinwiederum die Nachricht, daß ich ein Preuße sei, Gelegenheit gab,

mich aufmerksam darauf zu machen, daß Fort Axim früherhin eine Besitzung

unseres großen Kurfürsten gewesen, die erst im Jahre 1718 durch Kauf an

Holland übergegangen. Er zeigte mir auch die darüber verhandelten Akten

sowie sechs alte brandenburgische Kanonen, die noch auf einer Batterie

aufgepflanzt standen. -- Habe ich anders seine Erzählung recht behalten,

so hatte es hiermit folgende Bewandtnis.

Ursprünglich gehörte Axim den Spaniern zu. Als aber der Kurfürst

Friedrich Wilhelm, welcher dieser Macht in ihren Kriegen gegen

Frankreich Hilfstruppen in den Niederlanden gestellt, die bedungenen

Subsidien trotz aller gütlichen Unterhandlung nicht erhalten können,

habe er in Hamburg eine kleine Flotte ausrüsten lassen, fünfhundert Mann

darauf eingeschifft, außer andern genommenen Repressalien auch Axim

angreifen und in Besitz nehmen lassen und sich dort neun Jahre lang

behauptet. Während dieser Zeit, wo der brandenburgische Gouverneur auch

noch das zweieinhalb Meilen östlicher gelegene Fort Friedrichsburg

gegründet, sei von Hamburg und Emden aus ein lebhafter Handel dorthin

getrieben worden, bis diese Befestigungen die Unzufriedenheit der

benachbarten Negerstämme aufgeregt und diese die Besatzungen beider

Plätze, welche nicht genugsam auf ihrer Hut gewesen, überrumpelt und

niedergemacht hätten.

In diesem Unglück, lautete die fernere Erzählung, sei es dem damaligen

Gouverneur zwar geglückt, sich mit einigen wenigen Gefährten in das

Pulvermagazin zu flüchten; dort habe er vorgezogen, sich freiwillig in

die Luft zu sprengen, als unter den Händen der Neger einen martervollen

Tod zu dulden. Diese hätten darauf beide Forts spoliiert und dem

Erdboden gleich gemacht. Solchergestalt hätten nun diese Plätze gegen

dreißig Jahre lang in Schutt und Verwüstung gelegen, bis König Friedrich

Wilhelm I. seine Ansprüche auf diese Besitzungen an Holland gegen eine

Summe von zweihunderttausend Gulden überlassen habe.

Zwei Tage nach meinem Abgange von Axim stieß ein Kanot mit vier Negern

vom Lande ab und knüpfte einen kleinen Handel in Goldstaub mit mir an.

Von ihnen erfuhr ich, daß an diesem nämlichen Morgen ein portugiesisches

Schiff an dieser Küste gekreuzt und eine Rolle gepreßten brasilianischen

Tabak gegen zwei Unzen Gold an sie vertauscht habe. Diese Art Tabak ist

in Rindsleder genäht, enthält einige und siebzig Pfund und ist eine von

den Schwarzen sehr begierig gesuchte Ware. Das Preisverhältnis aber wird

sich ergeben, wenn ich bemerke, daß die Unze Goldstaub dort zu

zweiundvierzig holländischen Gulden berechnet zu werden pflegte.

Nichts hätte mir erwünschter sein können, als von diesem Schiffe für

meinen eigenen kleinen Handel einige Rollen dieses Tabaks gegen meine

Kaufwaren umzusetzen. Ich erblickte auch seine Segel in einer Entfernung

von etwa anderthalb Meilen vor mir und säumte also nicht, unter

Aufziehung der holländischen Flagge darauf zuzusteuern. Je eifriger ich

mich aber mühte, es zu erreichen, desto mehr Segel setzte es auch

seinerseits auf, um sich von mir zu entfernen. Ich schoß zu mehreren

Malen einen von meinen Böllern unter dem Winde ab, um ihm mein Verlangen

nach einer näheren Gemeinschaft zu erkennen zu geben; der Portugiese

hingegen manövrierte unaufhörlich, mir durch veränderten Kurs aus dem

Gesichte zu kommen. Es schien nicht anders, als ob er sich vor mir

fürchtete, ohne daß ich begriff, was ein Schiff von dieser Größe wohl

von einem Fahrzeuge wie meinem zu besorgen haben könne.

Ich ließ indes nicht ab bis die Nacht einbrach und die Dunkelheit mir

Einhalt gebot. Indem ich aber meinen Weg längs der Küste fortsetzte,

hielt ich mich doch mehr seewärts und unter vollen Segeln, und meine

Hoffnung, diesem verwunderlichen Gaste dicht auf der Ferse zu bleiben,

betrog mich auch so wenig, daß gleich der erste Morgenstrahl mir ihn,

kaum dreiviertel Meilen von mir, näher dem Lande zu und über dem Winde

wieder zu Gesicht führte. Zugleich erblickte ich, eine Meile von mir

entfernt, das englische Fort Descowy, wo auch zwei englische Schiffe auf

der Reede vor Anker lagen.

Erpicht auf mein Vorhaben, mit dem Portugiesen zur Sprache zu kommen,

steuerte ich von neuem auf ihn zu. Allein bevor ich ihn einholen konnte,

war er schon in den Bereich der Engländer gekommen. Einer von ihnen tat

einen Schuß auf den Flüchtling, der nun zwar seine Flagge aufzog, aber

zugleich auch bei seinem vorigen Kurs beharrte. Zwei darauffolgende

Schüsse blieben gleichfalls ohne Wirkung. Nun aber ließen beide

Engländer ihre Ankertaue fahren, verlegten dem Portugiesen den Weg und

nahmen ihn hart zwischen sich in die Mitte, worauf sie von neuem vor

Anker gingen.

Von diesem ganzen Vorgange war ich in fast unmittelbarer Nähe Zeuge

gewesen, begriff aber je länger je weniger. Da ich indes wußte, daß

England und Holland in vollkommen friedlichem Vernehmen standen, so

überwog bei mir die Neugier jede anderweitige Rücksicht. Ich legte mich

zuversichtlich neben das eine englische Schiff und stieg sogar an Bord

des Portugiesen hinüber, wo mir sofort eine Szene des höchsten Wirrwarrs

in die Augen fiel. Die Engländer hatten das Verdeck des angehaltenen

Schiffes erfüllt, die Luken geöffnet, und waren im Begriff, eine

bedeutende Partie Tabaksrollen auf das Verdeck emporzuwerfen. Der

portugiesische Kapitän knirschte mit den Zähnen und schoß wütende Blicke

auf mich; seine englischen Herren Kollegen aber, obwohl sie mir etwas

glimpflicher begegneten, waren doch mit dem guten Rate fertig, mich

augenblicklich davonzupacken.

Je mehr ich sah und hörte, je wundersamer und verdächtiger erschien mir

der ganze Handel. Ich hatte nur die Wahl, entweder zu glauben, daß es

zwischen der englischen und portugiesischen Regierung zu einem

plötzlichen Bruche gekommen, oder daß es die Absicht der Engländer sei,

ihre Übermacht hier zu einer gewaltsamen Beraubung zu mißbrauchen.

Beides aber ließ es noch immer unerklärt, warum der Portugiese auch mir

Ohnmächtigem so geflissentlich ausgewichen sei. Erst späterhin, als ich

zu St. George de la Mina angelangt war, sollte ich den Zusammenhang

erfahren.

Diese Ankunft erfolgte zwei Tage später, wo ich denn sofort meinem

Auftrage durch Überlieferung des Brief-Felleisens und der dazu gehörigen

Schlüssel an den Gouverneur genügte. Es ward von diesem in meiner

Gegenwart geöffnet und zugleich entspann sich zwischen uns eine

vertrauliche Unterhaltung, worin ich mit dem Ehrenmanne um so weniger

Umstände machte, als sein Aufzug in einem leinenen Schlafrocke und einer

schmierigen Schlafmütze eben nicht geeignet war, einen großen Respekt

einzuflößen, wie er mir denn überhaupt als eine gute grundehrliche Haut,

und was man einen alten deutschen Degenknopf nennt, erschien. Auch er

selbst schien das Zeremoniell wenig zu lieben und lud mich gutmütig ein,

ihm die Briefe sortieren zu helfen, da deren verschiedene nach den

anderen holländischen Forts auf der Küste abzuschicken waren.

Bei diesem Geschäfte gerieten wir noch tiefer ins Plaudern, und ich

erzählte ihm, was sich mit dem portugiesischen Schiffe begeben und wovon

ich an dessen Bord Augenzeuge gewesen. Plötzlich geriet mein Mann in

Feuer und ward ganz ein anderer, als er kaum ein paar Minuten zuvor

gewesen. »Das ist ein ernsthafter Kasus,« sagte er mit Gravität -- »und

dem müssen wir auf den Grund kommen!« -- Zugleich nötigte er mich, in ein

anstoßendes Zimmer zu treten und dort den ganzen Vorfall mit all seinen

besonderen Umständen zu Papier zu bringen. Nachdem dies geschehen war,

eröffnete er mir seinen Entschluß, gleich des nächsten Morgens den hohen

Rat zu versammeln, und gab mir auf, zusamt meinem Schiffsvolke vor

demselben zu erscheinen, damit wir unsere Aussage eidlich bekräftigten,

er aber seine ferneren Maßregeln danach nähme.

Dieser Vorladung gemäß erschien ich am andern Tage mit den Meinigen und

ward sofort auch in den Ratssaal eingeführt, über dessen hier kaum

erwartete Pracht ich nicht wenig erstaunte. Alles glänzte von Gold, und

Tisch und Stühle waren mit violettem Samt überzogen, mit goldenen

Tressen besetzt und mit dergleichen Fransen reich umhangen. Mein guter

Freund von gestern, der Gouverneur Peter Wortmann, strahlte mir vor

allen andern in seiner Herrlichkeit entgegen. Er saß, als Präsident der

Versammlung, an dem Sessionstische in einer gewaltigen holländischen

Ratsherrenperücke (ein wunderlicher Staat in diesem Klima) und steckte

überdem in einer holländischen, goldgestickten Gardeuniform, die dazu

noch von Tressen starrte. Auf eine ähnliche Weise, nur etwas minder

herausgeputzt, saßen der Fiskal, die Ratsherren und die Assistenten um

ihn her und machten die Feierlichkeit vollkommen.

Dennoch war der mir und meinen Leuten hier abgenommene Eid und die

wiederholte Aussage über den Vorgang mit dem portugiesischen Schiffe nur

eine Zeremonie, und das, was geschehen sollte, schon während der Nacht

völlig vorbereitet. Es standen nämlich bereits zwei Kanots fertig, in

deren jedes fünfundzwanzig Soldaten und zwanzig Ruderer eingeschifft

wurden und die unmittelbar darauf, hinten und vorn mit der holländischen

Flagge geschmückt, unter Trommel- und Trompetenklang in See stachen, um

das angefochtene portugiesische Schiff aufzusuchen und nach St. George

de la Mina zu bringen. Nichts setzte mich hierbei mehr in Erstaunen, als

diese Kanots, welche bei einer Länge, die über fünfzig Fuß

hinausreichte, und bei einer Breite von sechs bis sechseinhalb Fuß, aus

einem einzigen Baume, wiewohl von weichem und leichtem Holze, gehauen

waren. Man sagte mir, daß diese Riesenbäume mehrere Meilen landeinwärts

angetroffen würden, wohin unsereiner freilich nicht zu kommen pflegt.

Mit dem ausgezogenen Staatsrocke war der Gouverneur auch wieder mein

Freund und Gönner geworden und behielt mich unausgesetzt in seiner Nähe.

Von ihm erhielt ich nun auch näheren Aufschluß über alle jene Dinge,

die mir bisher so wunderseltsam vorgekommen waren. Er erzählte mir, daß

das Fort St. George und die andern davon abhängigen Besitzungen

ursprünglich unter portugiesischer Hoheit gestanden, von den Holländern

aber, in ihrem ersten großen Freiheitskriege, den Spaniern, welche

damals auch Portugal sich einverleibt hatten, abgewonnen worden. Im

endlich erfolgten Frieden wären sie auch in den Händen der jungen

Republik verblieben, und zwar noch mit der demütigenden Einschränkung,

daß forthin kein spanisches oder portugiesisches Schiff an der Küste von

Guinea Handel treiben solle, bevor es nicht vor St. George angelegt und

zehn Prozent von seiner gesamten Ladung für die Erlaubnis eines freien

Verkehrs entrichtet hätte. Bei der geringsten Hintansetzung dieser

Verpflichtung sollte jedesmal Schiff und Ladung verfallen sein, und auf

diesen Vertrag würde auch immerfort noch um so strenger gehalten, da

England und Frankreich ihn späterhin bestätigt hätten.

So begriff ich denn nun, worin der portugiesische Kapitän, dem ich

begegnet war, sich strafbar gemacht und warum er gegen mich ein so böses

Gewissen verraten hatte, wie aber auch jene beiden Engländer garstig

anlaufen dürften, falls er ihnen erweisen könnte, daß sie auf eine

räuberische Weise zu ihm an Bord gekommen und ihn zum Handel gezwungen

hätten. »Und diese Ausflucht zu benutzen,« setzte der Gouverneur hinzu,

»wird er auch sicherlich nicht unterlassen, wie vollkommen ich auch

überzeugt bin, daß er von Herzen gern mit den beiden englischen Schiffen

ein Geschäft gemacht haben würde, wenn es unter der Hand hätte geschehen

können und Ihr nicht, als ein ungelegener Dritter, darüber zugekommen

wäret.«

Weiter belehrte er mich, was mir eigentlich bei dieser Gelegenheit zu

tun obgelegen hätte, wenn ich mit den Gesetzen und Rechten dieser

Weltgegend bekannter gewesen wäre. Ich mußte nämlich meine holländische

Flagge an dem Schiffe des Portugiesen befestigen oder auch nur sie über

die geöffnete Schiffsluke decken, um dadurch Schiff und Ladung unter

ihren Schutz zu setzen. Hätten dann die Engländer gewagt, auch nur

irgend etwas anzurühren, so wären sie als offenbare Seeräuber in die

schwerste Verantwortung geraten; mir aber hätte dann nach unseren

Gesetzen eine Belohnung von hundert Dukaten gebührt.

Zwei Tage nachher kam die ausgeschickte Expedition mit dem ertappten

Portugiesen glücklich auf der Reede an. Zufall oder Neugierde führten

mich dem Kapitän bei seiner Landung in den Weg, und die grimmigen

Blicke, die er auf mich schoß, ließen mich nicht daran zweifeln, daß er

mich für seinen Angeber erkannte, dessen Aussagen ihn ins Verderben

stürzen würden. Indessen mußte ihn doch gleich sein erstes Verhör eines

Besseren belehrt und er gefunden haben, daß im Gegenteil meine

abgegebene Erklärung zu seinem Vorteile lautete, denn er ließ mich am

anderen Tage zu sich bitten, fiel mir dankbar um den Hals, wußte nicht,

was er mir zuliebe tun sollte und nötigte mich, eine Rolle Tabak samt

zwanzig Pfund Zucker zum Geschenk von ihm anzunehmen.

* * * * *

Obwohl nun mein Geschäft an diesem Platze beendigt war, so hielt mich

doch Herr Peter Wortmann von einem Tage zum anderen bei sich auf; sei

es, daß er irgendein absonderliches Wohlgefallen an mir gefunden, oder

daß sonst Neugier und Langeweile ihn plagten, denn des Fragens, sowohl

nach meinen persönlichen Umständen, als überhaupt nach Neuigkeiten aus

Europa, wollte kein Ende werden. Das war freilich ebenso erklärbar als

verzeihlich. Die Ansiedler in diesen afrikanischen Niederlassungen leben

so abgeschieden von der ganzen übrigen Welt, daß sie nur in langen

Zwischenräumen erfahren, was sich daheim und anderer Orten begeben hat.

Oft bringt ihnen ein Schiff einen ganzen Jahrgang alter Zeitungen auf

einmal, die zwar den vollen Reiz der Neuheit für sie haben, aber ihrer

Wißbegier dennoch nicht in dem Maße genügen, daß ihnen nicht auch noch

manche mündliche Erläuterung zu wünschen übrig bliebe. Hierzu kommt,

daß ein großer Teil der hier Angestellten aus deutschen Landsleuten

besteht, die insonderheit auch von ihrem lieben Vaterlande hören wollen

und darin kaum zu ersättigen sind.

In diesem Falle war nun auch der Gouverneur, der sich aufs Ausfragen

verstand, wie irgend einer, dagegen aber auch ebensowenig mit

Mitteilungen aus seiner eignen Lebensgeschichte gegen mich zurückhielt.

Er war aus Grüningen gebürtig, hatte daselbst das Metzgerhandwerk

erlernt und ein Weib genommen, dessen Untreue aber ihn endlich zu dem

raschen Entschlusse gebracht, sie zu verlassen und in alle Welt zu

gehen. So war er nach Holland geraten, als gemeiner Soldat nach der

Küste von Guinea gegangen, hier allmählich zu höheren Militärgraden

emporgestiegen und endlich nicht nur Befehlshaber im Fort St. George de

la Mina, sondern auch über alle holländischen Besitzungen in dieser

Weltgegend geworden. Sein Titel lautete nämlich als General-Gouverneur

über die Westküste von Afrika.

* * * * *

Endlich mußte ich mich doch von diesem wackeren Manne trennen, der noch

einen bedeutenden Einfluß auf meine Lebenslage gewinnen sollte. Er gab

mir ein besonderes Belobungsschreiben an meinen Kapitän mit, worin der

Wunsch ausgedrückt war, daß dieser falls neue Kommunikationen mit dem

Haupt-Fort und der Regierung notwendig würden, keinem anderen als mir

den Auftrag dazu geben möchte. Ich hatte indes den nötigen Ballast

eingenommen und machte mich auf den Rückweg nach Westen, um mein Schiff

wieder aufzusuchen. Die Reise war ohne besonderen Zufall, doch kann ich

nicht umhin, hierbei eines seltsamen Fundes zu erwähnen.

Wir befanden uns etwa vier Meilen vom Lande, und das Meer bot ringsumher

eine glatte Fläche dar, in welcher sich die Sonne spiegelte. Zugleich

sahen wir, in weiter Ferne seewärts, von Zeit zu Zeit etwas aus dem

Wasser glänzend auftauchen, was mir anfangs etwa ein toter Fisch

deuchte, dessen silberweißen Bauch die Sonne beschiene. Endlich ließ

ich, von Neugier getrieben, darauf zurudern, und da fand sich's denn,

daß eine viereckige Bouteille aus einem Flaschenfutter, den Hals nach

oben gekehrt und mit einem Korkstöpsel versehen, im Meere schwamm.

Ringsum hatte sich ein runder Haufen Seegras angesetzt. Ich ergriff die

Flasche, mich weit über Bord lehnend, an der Mündung, war aber nicht

imstande, sie von dem Kräutergeflechte zu trennen, es bedurfte erst

meines Messers, womit ich alle diese fremdartigen Anhängsel kappte und

solchergestalt mich meiner Beute bemächtigte.

Bei genauerer Besichtigung fand sich nun, daß diese Flasche etwa zu

einem Drittel (und daher ihre aufrechte Stellung) mit in Branntwein

eingemachten, aber freilich schon verdorbenen Kirschen angefüllt und

vermutlich auch, als unbrauchbar, über Bord geworfen war. Allein was sie

eigentlich in meinen Augen merkwürdig machte, war die Entdeckung, daß

sich außen umher überall Schulpen und andere Muscheln fest angesetzt

hatten, die hinwiederum den Seegewächsen zu einem Befestigungspunkte

gedient, um Wurzeln darin zu schlagen und allmählich zu einem dichten

Klumpen von ansehnlichem Umfange heranzuwachsen. Wie lange mußte indes

dieses Glas nicht bereits in den Wogen umhergetrieben sein, bevor die

Natur nach und nach all diese Erscheinungen an demselben hervorbringen

konnte! Es hätte verdient, mit all diesen Anhängseln von Muscheln und

Tang in einem Naturalien-Kabinette aufbewahrt zu werden.

Meinen Kapitän mit dem Schiffe fand ich noch bei Kap Mesurado, nachdem

ich länger als vier Wochen abwesend gewesen. Bevor ich jedoch zu einer

neuen Handelsfahrt abgehen konnte, ward es für nötig befunden, neue

Vorräte von Wasser einzunehmen und dieses Geschäft mir zur Ausführung

übertragen. Bei dem gegenseitigen Mißtrauen aber, welches zwischen den

europäischen Schiffern und den Eingeborenen herrscht und tief in der

Natur des hier betriebenen Handels liegt, ist ein solcher Auftrag mit

Beschwerde und Gefahr verknüpft und erfordert genaueste Vorsicht, um

nicht von den treulosen Afrikanern überwältigt, ausgeplündert und

ermordet zu werden.

Das Wasser muß jedesmal von ihnen am Lande erhandelt werden. Man

versieht sich hierzu an Bord mit allerlei kleinem Kram an Spiegeln,

Korallen, Messern, Fischangeln, Nähnadeln, Zwirn und erwartet dicht am

Seestrande, wohlbewaffnet das zufällige Zusammentreffen mit den

Eingeborenen, um mit ihnen den Preis für jedes Faß Wasser, welches man

eben holt oder auch künftig zu holen gedenkt, zu verabreden. Das hierzu

bestimmte Boot bleibt jedesmal bis hundertzwanzig Klafter weit vom Lande

vor Anker liegen. Die ledigen Wassertonnen werden über Bord geworfen und

die Neger stürzen sich in die Brandung, um sie schwimmend ans Land zu

bringen und nach ihren Brunnen und Wasserstellen hinaufzurollen. Sind

sie hier angefüllt und verstopft, so werden sie wieder an den Strand

zurückgewälzt, von zwei schwimmenden Negern in die Mitte genommen und an

das Boot gebracht, wo ihnen dann die dafür bedungenen Waren ausgeliefert

werden.

Als ich in solcher Expedition zum erstenmal das Ufer betrat, standen

bereits zwölf oder vierzehn Schwarze unseres Empfangs gewärtig, und

während ich mit etwa zehn meiner Begleiter vollends ins Trockene watete,

kam uns auch ihr Anführer entgegen, bot mir die Hand, schnitt eine Menge

wunderlicher Kapriolen und gab sich mir endlich mit den Worten »Amo King

Sorgo« (ich bin der König George) zu erkennen. Daß er aber auch für

irgend etwas Besonderes angesehen sein wollte, gab schon sein ganzer

Aufzug zu erkennen. Er war nämlich mit einer alten, zerrissenen,

linnenen Pumphose und einer weißen Kattunweste ohne Ärmel bekleidet,

sein noch größerer Schmuck aber bestand in einer roten und weißen

Schminke, womit er sich Gesicht und Hände scheußlich bemalt hatte. Mit

diesem Narren nun und seinen Untertanen wurden wir des Preises für das

Wasserfüllen einig und hielten uns auch des nächsten Tages wacker zu

unserer Arbeit.

Bei dieser Gelegenheit nahm ich am Strande eine Menge von Feldsteinen

wahr, deren wir als Ballast für Boot und Schaluppe vielfach benötigt

waren. Ich schloß demnach mit den Negern einen neuen Handel über eine

Bootsladung solcher Steine ab, worin zugleich die Größe derselben dahin

bestimmt wurde, daß ein Mensch sie allenfalls tragen und damit hantieren

könnte. Sie suchten ihrerseits sich den Transport zu erleichtern, indem

sie ein Kanot dicht auf den Strand zogen und es füllten, soviel es

bequem tragen konnte. Dann traten je vier von ihnen an jede Seite des

Fahrzeuges, warteten eine niedrigere Welle ab und schoben es dann

schnell in die See, während einer behende hineinhüpfte, um es vollends

an unser Boot zu geleiten und in dasselbe auszuladen.

Da geschah es, daß einmal eine Woge, stürmischer als die übrigen, über

das Kanot herstürzte und es augenblicklich versenkte. Sofort sprangen

die am Ufer zurückgebliebenen hinzu, schwammen nach der Stelle, wo sich

der Unfall ereignet hatte, bläuten den ungeschickten Fährmann zu unserer

großen Belustigung wacker durch, aber erregten auch ebensosehr unser

Erstaunen, als sie hierauf, einer nach dem andern, in eine Tiefe von

wenigstens zwölf bis vierzehn Fuß untertauchten und, nach kurzem

Verzuge, jeder mit einem Steine von beinahe Zentnersschwere, auf der

Schulter, wieder emporkamen. Noch mehr! Mit dieser nämlichen Last

schwammen sie, wenngleich mit sichtbarer Anstrengung und blasendem Atem,

noch vierzig bis fünfzig Klafter weiter an unser Boot, um ihren Fund an

uns abzuliefern.

Noch oft bin ich Zeuge von der ungeheueren Körperkraft der Neger, sowie

von ihrer ausgezeichneten Behendigkeit und Ausdauer im Schwimmen

gewesen. Wenn sie mit ihren Kanots dicht an der einen Seite des Schiffes

lagen und jemand sich einen Spaß mit ihnen machen wollte, so durfte er

ihnen nur eine tönerne Tabakspfeife zeigen und sie über den

entgegengesetzten Bord ins Meer werfen. Alsogleich auch stürzte sich

dann eine Anzahl aus dem Kanot nach in die Flut, tauchte unter dem

Schiffe weg in den Grund, und sicherlich kam irgendeiner mit der

unbeschädigten Pfeife in der Hand wieder zum Vorschein, wenngleich das

Meer auf einer solchen Stelle eine Tiefe von fünfundzwanzig bis

fünfunddreißig Klaftern hatte.

Nicht minder habe ich gesehen, wie Kinder von etwa fünf Jahren keck und

wohlgemut sich im Wasser tummelten und durcheinander schwammen; ja sogar

wie einst ein Neger einen solchen vier- oder fünfjährigen Burschen bei

beiden Beinen ergriff und ihn, soweit er mit aller Kraft vermochte, in

die See schleuderte. Das Kind kam nach wenig Augenblicken wieder ans

Land geschwommen, und seine frohe Miene bewies, wie gering der Eindruck

gewesen, den ihm diese rohe Behandlung gemacht hatte.

Noch waren wir mit unseren Stein- und Wasser-Transporten beschäftigt,

als ich eines Morgens bei guter Zeit mit dem Boote, unweit des Strandes,

zu Anker kam. Hier war indes noch kein Neger sichtbar, um uns bei

unseren Fässern Handreichung zu tun. Denn da in dieser Weltgegend die

Nächte stets zwölf Stunden währen, so kühlt sich binnen dieser Zeit die

Temperatur sehr merklich ab und es weht bis acht oder neun Uhr morgens

eine ziemlich frische Luft, die den völlig nackt einhergehenden Negern

so empfindlich fällt, daß sie sich nicht gerne früher aus ihren Hütten

hervormachen. Ihr Kommen mußte also mit Geduld erwartet werden.

Gerade dieses Warten aber verursachte uns in unserem Boote eine

Langeweile, die je länger, je drückender für uns wurde. Unter meinen

Gefährten befand sich ein englischer Matrose, der sich bereit erklärte,

ans Land zu schwimmen und die säumigen Neger herbeizuholen. Hätte ich

auch nicht andere Gründe gehabt, ihm meine Zustimmung zu versagen, so

würde mich doch schon die Furcht, daß ein Haifisch ihn packen könnte,

dazu bewogen haben. Inzwischen stieg unser Mißmut, und der Engländer

erbot sich zu wiederholten Malen, das, wie er vermeinte, ganz

unbedenkliche Abenteuer zu bestehen. Mein Kopfschütteln dämpfte seine

Begierde nicht, bis ich endlich, mehr ermüdet als billigend ihm

erlaubte, zu tun, was er nicht lassen könnte.

Alsobald warf der Mensch sein Hemd von sich, sprang über Bord und

steuerte schwimmend dem Lande zu. Allein kaum hatte er sich zwei Klafter

weit vom Boote entfernt, so sahen wir ihn auch bereits von einem solchen

gefürchteten Tiere umkreist, bis es sich, nach seiner Gewohnheit, auf

den Rücken warf, seine unglückliche Beute ergriff und mit ihr davonzog.

Bald ragte der Kopf, bald Hand oder Fuß des armen Schwimmers über die

Wellen empor, endlich aber verschwand er ganz aus unserem Gesichte, die

wir Zeugen dieses gräßlichen Schauspieles hatten sein müssen, ohne

helfen und retten zu können. Daß es, als ich wieder an Bord kam, an

einem tüchtigen, aber auch verdienten Verweise von meinem Kapitän nicht

fehlte, kann man sich wohl vorstellen. Gott wird mir jedoch meine Sünde

vergeben, da er am besten weiß, daß ich dies Unglück nicht aus

Mutwillen, sondern gänzlich wider Wunsch und Willen verschuldet.

Merkwürdig ist gleichwohl die Versicherung der Neger, die auch durch den

Augenschein bestätigt wird, daß keiner ihresgleichen von diesen Haien

etwas zu fürchten habe.

Wird das Fleisch auch nicht gegessen, so macht man doch zuzeiten zum

Vergnügen Jagd auf die Haifische, und dazu bedarf es nur eines tüchtigen

Hakens von irgend einem Kistengehänge, den man an eine starke Leine

befestigt, an der Spitze aber mit einem Stücke Speck und dergleichen

ködert. Kaum hat er das Wasser erreicht, so hat auch bereits ein

Haifisch wütend angebissen, der dann emporgezogen und auf dem Verdecke

vollends getötet wird.

* * * * *

Noch lagen wir in dieser Küstengegend vor Anker, als sich ein

holländisches Sklavenschiff bei uns einfand und gleichfalls dicht neben

uns ankerte. Der Kapitän desselben rief uns zu, daß wir ihn doch mit

unserer Schaluppe zu uns herüberholen möchten. Kaum war dies geschehen

und er zu uns an Bord gekommen, als er uns die drückende Not klagte, in

welcher er sich augenblicklich befände. Elf Mann von seiner Besatzung

wären ihm unterwegs gestorben, und noch habe er vierzehn Kranke liegen,

so daß er kaum noch fünf gesunde Leute an die Arbeit stellen könne. Auch

habe er seither nicht mehr als achtzehn Sklaven eingehandelt, und wisse

vor Sorge und Verlegenheit nicht, was er beginnen solle. Sein

eigentlicher Wunsch aber war, daß wir ihm einige Köpfe von unserer

Mannschaft überlassen möchten. Hieran war jedoch von unserer Seite um so

weniger zu denken, als selbst kaum irgend jemand von den Unserigen sich

zu einem solchen Tausche freiwillig verstanden haben würde. Der einzige

Rat, den wir ihm geben konnten, war, daß er suchen möchte, St. George de

la Mina je eher je lieber zu erreichen, wo das Gouvernement verpflichtet

sein würde, sich seiner anzunehmen.

Während ich ihn wieder nach seinem Schiffe zurückbrachte, erzählte er

mir, daß dieses zu Middelburg in Seeland ausgerüstet worden, er selbst

aber heiße Harder, sei, gleich mir, ein Pommer und von Rügenwalde

gebürtig. Nun tat es mir doppelt leid um den armen Landsmann, als ich an

seinen Bord kam und überall ein Elend und eine Unbereitschaft wahrnahm,

wie sie mir noch niemals vorgekommen war. Fast mit Tränen in den Augen

trennten wir uns, und sowie ich mich von dem Schiffe entfernte, nahm ich

auch wahr, daß es die Anker lichtete und unter Segel ging. Doch mochte

es kaum eine Viertelmeile Weges gemacht haben, so legte es sich abermals

uns im Gesichte vor Anker.

Mitten in der Nacht aber sahen wir von dorther Gewehrfeuer aufblitzen

und hörten neben dem Schießen auch allerlei Lärm und Geräusch, ohne zu

wissen, was wir daraus machen sollten. Endlich ward alles wieder still

und ruhig; doch als der Tag anbrach, erblickten wir jenes Schiff auf den

Strand gesetzt und von unzähligen Negern umschwärmt, deren gleichwohl

keiner während der zwei Tage, die wir hier noch liegen blieben, sich vom

Lande zu uns an Bord getraute, -- zur hinreichenden Bestätigung unseres

Argwohns, daß sie den wehrlosen Middelburger überrumpelt, die Besatzung

niedergehauen und das Schiff hatten stranden lassen, um seine Ladung

desto bequemer zu plündern.

Wenn eine solche blutige Gewalttat den Leser mit Recht empört, so muß

dagegen notwendig in Anrechnung gebracht werden, daß dergleichen

eigentlich doch nur als Notwehr oder Wiedervergeltung gegen nicht minder

abscheuliche Überfälle angesehen werden müssen, welche sich auch die

Europäer gegen diese Schwarzen gestatten. Besonders sind die Engländer

dafür bekannt, daß sich von Zeit zu Zeit in ihren Häfen einige Rotten

von Bösewichtern, fünfzehn bis zwanzig Mann stark, und aus verlaufenen

Steuerleuten und Matrosen bestehend, die bereits mit dem Gange des

Sklavenhandels bekannt sind, vereinigen, die ein kleines Fahrzeug

ausrüsten, sich mit Schießbedarf und Proviant sowie mit einigen

Waren-Artikeln, wie sie zu diesem Handel gebräuchlich sind, zum Scheine

versehen und so nach der Küste von Guinea steuern. Kommen hier nun die

Neger an Bord eines solchen Korsaren, um einen friedlichen Verkehr

anzuknüpfen, so fallen diese Räuber über sie her, legen sie samt und

sonders in Ketten und Banden; und haben sie der Unglücklichen

solchergestalt dreißig bis vierzig oder wie viele sie bewachen können,

zusammengerafft, so stechen sie damit nach Südamerika hinüber, um sie an

die Spanier oder Portugiesen loszuschlagen. Dort verkaufen sie auch ihr

Fahrzeug und gehen nun einzeln als Reisende mit ihrem ungerechten

Gewinne nach England zurück, um vielleicht unmittelbar darauf ein neues

Unternehmen dieser Art zu wagen.

Es kann nicht fehlen, daß solche Raubzüge dem regelmäßigen Handel an

der afrikanischen Küste, sowie dem gegenseitigen Vertrauen, den

empfindlichsten Nachteil bringen. Besonders verderblich aber waren sie

zu jener Zeit für den Verkehr, welchen die Holländer vermittelst ihrer

Boote betrieben, da die Neger diese von jenen englischen Raubfahrzeugen

nicht hinreichend zu unterscheiden vermochten. Diese Erfahrung machte

auch ich an meinem Teile, als ich, Mitte Februar, mit der Schaluppe

unseres Schiffes und begleitet von dreizehn Mann und mit sechs kleinen

Pöllern wohl ausgerüstet, eine neue Küstenfahrt antrat. Kurz zuvor

nämlich hatte ein solcher englischer Korsar in dieser Gegend

herumgekreuzt und mancherlei Unfug verübt. Wo ich mich also irgend

blicken ließ, ward ich von den Schwarzen mit jenem verwechselt, nirgends

wollte sich ein einziger von ihnen zu mir an Bord getrauen. Kam ja hier

und da ein Kanot zum Vorschein, so hielt es sich, voll Argwohn, in einer

Entfernung von hundert und mehr Klaftern; die armen furchtsamen

Schlucker glotzten mich an, fragten, ob ich ein Engländer oder Holländer

sei, und verlangten zum Wahrzeichen des letzteren eine holländische

Pfeife zu sehen, als ob diese aus einem anderen Tone gebacken wäre. Oft

auch sollte ich ihnen eine Flasche aus meinem Flaschenfutter zeigen,

weil sie wußten, daß die englischen Handelsleute dergleichen nicht zu

führen pflegten.

Mit solcherlei kleinen Künsten und guten Worten gelang es mir endlich

doch, drei Neger, die in einem Kanot gekommen waren, zu bewegen, zu mir

an Bord zu steigen. Sie hatten einen Elefantenzahn zu verhandeln, aber

in ihren scheuen Blicken erriet ich die Angst und den Zweifel, ob sie

bei mir auch sicher sein würden. Nun wollte es der Zufall, daß ich einen

etwas närrischen Matrosen im Boote hatte, der sich den Spaß machte,

einen von unseren Gästen um den Leib zu fassen und ihn auf die schwarzen

Lenden zu klatschen. Allein dies Übermaß von guter Laune brachte einen

so plötzlichen und heftigen Schreck über sie alle, daß sie sich kopfüber

in ihr Kanot stürzten und eiligst davonmachten, ohne ihres

Elefantenzahnes zu gedenken, den sie in unseren Händen zurückließen. In

einiger Entfernung hielten sie indes an, huben die Hände in die Höhe und

baten um Auslieferung ihres Eigentums.

All mein Winken und gütliches Zureden zur Umkehr war vergeblich. Je

ernstlicher mein Unwille über das so mutwillig gestörte gute Vernehmen

war, desto weniger bedachte ich mich, nach einem tüchtigen Endchen Tau

zu greifen und den Friedensstörer im Angesichte jener nachdrücklich

abzustrafen. Diese Gerechtigkeitspflege gab ihnen wenigstens den Mut,

sich, obwohl mit Zittern und Zagen, soweit zu nähern, daß wir ihnen

ihren Zahn ins Kanot werfen konnten. Da sie es aber immer noch

weigerten, sich uns näher anzuvertrauen, so ließen wir sie endlich in

Frieden ihres Weges nach dem Lande ziehen.

* * * * *

Wenige Tage später befand ich mich vor der Mündung eines kleinen

Flusses, genannt Rio de St. Paul, aus welchem zwei Neger in einem Kanot

zu mir herankamen, um mir den Kauf von zwei Sklaven und einer Kackebobe

(junge Sklavin, die noch nicht Mutter geworden) anzubieten, die sie

daheim bewahrten und wohlfeilen Preises loszuschlagen gedächten. Doch

war die Bedingung, daß ich mit dem Boote zu ihnen in den Strom kommen

mußte, weil sie mit ihren Nachbarn am anderen Ufer in offener Fehde

begriffen wären, die sie sonst mit ihrer Ware nicht ungehindert

passieren lassen möchten. Wie mißlich mir auch dieser Antrag deuchte, so

überwog doch endlich die Betrachtung, daß ich bereits seit mehreren

Tagen zu gar keinem Handel hatte kommen können und daß hier schon einmal

etwas gewagt sein wolle. Nachdem ich also meine kleinen Pöller geladen,

die Gewehre zur Hand genommen und mich in gehörige Verfassung gesetzt

hatte, ruderte ich getrost auf den Ausfluß zu, während die beiden

Schwarzen bei mir im Fahrzeuge verblieben.

Ein paar hundert Klafter mochte ich stromaufwärts gekommen sein, wo ich

beide Ufer dicht mit Gebüsch verwachsen fand und der Fluß selbst eine

Krümmung machte, als ich es unter solchen Umständen doch für ratsam

hielt, hier vor Anker zu gehen, wie sehr meine neuen Begleiter auch in

mich drangen, noch weiter hinauf bis an ihre Heimat zu fahren. Da ich

dies aber beharrlich weigerte, gingen sie in ihrem Kanot ab und kamen

mir aus dem Gesichte. Inzwischen verging wohl noch eine Stunde, die ich

in immer gespannterer Erwartung zubrachte, als plötzlich ein Schuß fiel

und gleich darauf ein gewaltiger Lärm sich erhob. Hierdurch mit Recht

beunruhigt, ließ ich augenblicklich das Bootsanker aus dem Grunde

reißen, das Fahrzeug seewärts umwenden, und begann das Weite zu suchen.

Gleichzeitig stürzte auch einer von jenen beiden Negern vom Ufer

herwärts in den Strom, schwamm zu uns ans Boot und verlangte aufgenommen

zu werden, indem er immerfort schrie: »Sie sind da! Sie sind da! und

meinen Bruder haben sie schon in ihrer Gewalt!«

Kaum hatte ich indes die Strommündung erreicht und die Brandung hinter

mir, so füllte sich auch das Seeufer mit einer großen Anzahl von

schwarzen Verfolgern, die mir eine Menge von Kugeln und Pfeilen

nachschickten, jedoch ohne jemand von uns zu treffen, wogegen aber

unsere Segel verschiedene Schüsse empfingen. So kam ich also noch

leidlich gut aus einem Abenteuer davon, das mir und allen im Boote den

elendesten Tod hätte bringen können, wenn ich nur noch eine einzige

Minute gezögert hätte, an meinen Rückweg zu denken. Was aber nun mit

unserem neuen Bootskameraden beginnen? -- Wäre es auch nach den

holländischen Gesetzen nicht bei Lebensstrafe verboten, öffentlichen

oder heimlichen Menschenraub zu begehen, so hätte ich mich doch

nimmermehr entschließen können, sein Zutrauen so schändlich zu

mißbrauchen und mich für den verfehlten Handel an seine schwarze Haut zu

halten. Nachdem ich also noch etwa eine halbe Meile längs dem Strande

gesegelt war, gab ich ihm seinen Freipaß und ließ ihn wieder nach dem

Lande schwimmen, wo der arme Teufel hoffentlich in Sicherheit gelangte.

Doch ehe ich noch ganz außerhalb des Bereiches unserer Widersacher kam,

bemerkte ich mit Verwunderung, daß das Boot weder gehörig steuern, noch

so rasch von der Stelle wollte, als es seiner Besegelung nach gesollt

hätte. In der Meinung, daß sich Kraut oder Strauchwerk am Kiel verfangen

und das Steuerruder behindert habe, lehnte ich mich, soweit wie möglich,

über Bord, um die Seiten und den Boden des Fahrzeugs unterhalb des

Wassers zu untersuchen. Da fand ich denn, daß sich Tausende von

Neunaugen festgesogen hatten, die sich in dem süßen Stromwasser befunden

und mit unseren Feinden gemeinschaftliche Sache gemacht zu haben

schienen, um uns dort zurückzuhalten. Da alles losreißen mit den Händen

nicht genügte, uns von diesem Ungeziefer zu befreien, so zogen wir

endlich einige Taue unter dem Boote durch, womit wir die Tiere

allmählich abstreiften.

Während ich nun meinen Verkehr bald mit mehr bald mit weniger Glück an

der Küste fortsetzte und mich dabei immer weiter vom Schiffe entfernte,

begann mir allmählich das frische Wasser zu mangeln, ohne daß ich dessen

am Lande wieder hätte habhaft werden können. Es schien mir demnach

geraten, mich wieder nach dem Schiffe hinzuwenden; gleichwohl aber fand

ich in der Zwischenzeit von dreizehn Tagen, samt meinen Gefährten und

den paar erhandelten Negern, Gelegenheit, die steigenden Schrecknisse

eines unauslöschlichen Durstes unter diesem glühenden Himmel zu

erproben. Wer es nicht selbst erfahren hat, ist durchaus unfähig, sich

dieses Elend in seiner ganzen Größe vorzustellen. Mit dem Mangel an

frischem Wasser wurden uns auch unsere trockenen Lebensvorräte an

Erbsen, Graupen usw. unbrauchbar, denn mit Seewasser gekocht, blieben

sie hart und waren zugleich von so bitterem Geschmack, daß sie stets wie

das heftigste Brechmittel wirkten. Ebensowenig konnten wir unser

Pökelfleisch ungewässert kochen und verzehren, ohne unseren grausamen

Durst noch zu steigern, und selbst unseren trockenen Zwieback vermochten

wir unaufgeweicht nicht durch den ausgedörrten Hals zu würgen.

In diesem Drangsal erinnerte ich mich, gehört zu haben, daß der sparsame

Genuß des Branntweins in solchen Fällen ein erprobtes Mittel zur

Linderung des Durstes darbiete. Allein die kleine Probe, die wir damit

anstellten, bekam uns gar übel, denn die Hitze dieses Getränkes trieb

uns so viel Galle in den Magen, daß wir selbst den Mund beständig voll

davon hatten und darüber zum Sterben erkrankten. Trotz meiner von jeher

eisernen Natur befand ich mich am elendesten unter allen und lag fast

regungslos auf dem Verdeck. Nur unsere Sklaven schienen im ganzen von

dieser Not wenig angefochten zu werden.

In der Tat aber war es bei uns aufs Höchste gestiegen, als wir in der

Ferne ein Segel erblickten und um so freudiger darauf lossteuerten, da

wir es bald für ein holländisches erkannten. Wir klagten dem Kapitän

unser Elend und baten um Abhilfe, erhielten aber den schlechten Trost,

daß es ihm selbst an frischem Wasser fehle, doch wolle er unserem

dringendsten Bedürfnisse abhelfen; und so schickte er uns wirklich ein

Fäßchen, das vielleicht ein halb Anker halten mochte, herüber.

Mit einer Begierde, die keine Beschreibung zuläßt, setzte ich sofort das

Gefäß an den Mund, und so wohl ward mir dabei, daß ich fortgetrunken

haben würde, bis ich auf der Stelle den Tod davon gehabt, wenn meine

Leute ebenso ungeduldig es mir nicht weggerissen hätten. Als nun aber

auch einer nach dem anderen sich gütlich getan, war das Wasser schier

alle geworden. Die Leute, welche es uns in ihrer Schaluppe gebracht

hatten und Zeugen von diesem Auftritte waren, konnten des Erstaunens

über unsere ausgedörrten Kehlen und unser Elend kein Ende finden. Um so

williger erfüllten sie meine Bitte, ihren Kapitän um noch einigen Vorrat

anzugehen. Ihre Verwendung war auch nicht ohne Erfolg: es ward uns ein

zweites halbes Ankerfäßchen zugestanden.

Solchergestalt versehen, gönnten wir uns eine neue Erquickung, indem wir

uns sofort nicht nur einen Kaffee bereiteten, sondern auch einen Kessel

mit Graupengrütze zum Feuer brachten, um endlich wieder einmal eine

ordentliche warme Speise zu genießen. Das gleiche wiederholten wir am

nächstfolgenden Tage, aber mit dem dritten war nun auch wieder unsere

Labequelle versiegt, und das vorige Fasten wäre wieder an die

Tagesordnung getreten, wenn wir nicht noch des nämlichen Tages ein Kanot

mit zwei Negern angetroffen hätten, mit denen ich mich über einen

kleinen Wassertransport vom Lande verständigte. Allein die Burschen

merkten, daß wir uns in Verlegenheit befanden, und forderten für die

Lieferung von zwei Fäßchen, die ich ihnen zeigte, und deren jedes etwa

dreißig Quart enthalten mochte, einen so ungeheuern Preis an Waren, daß

wir dafür in Europa den köstlichsten Wein hätten kaufen können.

Drei Tage später erreichten wir unser längst ersehntes Schiff, das bei

Kap la How kreuzte; aber unsere diesmalige Fahrt, die gleichwohl bis in

die fünfte Woche gewährt hatte, war in jedem Betracht ungünstig

ausgefallen, denn wir brachten nur drei Sklaven und fünf Elefantenzähne

mit. Glücklicher war unter der Zeit das Schiff selbst in seinem Handel

gewesen.

* * * * *

Während der acht Tage, die ich am Borde verweilte, um mich, mit Hoffnung

besseren Erfolgs, auf eine neue Bootsreise anzuschicken, kam ein Schiff

unter französischer Flagge und als Fregatte gebaut in unseren

Gesichtskreis, welches von Norden nach Süden längs der Küste steuerte.

Sogleich auch gab mir mein Kapitän den Auftrag, mit der Schaluppe

hinüberzusegeln und nach neuen Zeitungen über Krieg und Frieden in

Europa nachzufragen, damit wir, falls unsere Nation seit unserer Abfahrt

irgend in Krieg verwickelt worden wäre, unsere Maßregeln desto sicherer

danach nehmen könnten. Den schon genannten französischen Matrosen Josef

nahm ich mit als Dolmetscher.

Dort angelangt, fand ich eine Menge von Schiffsoffizieren (oder mochten

es Passagiere in Uniform sein) vor, die meine Begrüßung mit Höflichkeit

erwiderten und ebenso auch meine Fragen über ihren Kurs und wie lange

sie bereits in See gewesen, beantworteten. Indem ich auf diese Weise

vernahm, daß sie vor etwa vier Wochen von Havre de Grace in See

gegangen, fiel mir augenblicklich jenes von seiner Mannschaft verlassene

Schiff ein, welches wir im vorigen Oktober in der spanischen See

angetroffen und besetzt hatten und welches gleichfalls von jenem Hafen

nach den Antillen bestimmt gewesen. Ich trug demnach meinem Dolmetscher

auf, die Herren zu fragen, ob und was ihnen von diesem Schiffe bewußt

sein möchte?

Schon an ihren verwunderten Gesichtern konnte ich es spüren, daß sie mit

diesem Ereignisse bereits bekannt sein müßten, und nun erfuhr ich von

ihnen folgende Umstände, die mich dem völligen Aufschlusse jener

rätselhaften Begebenheit um manches näher führten. Das Schiff war,

nachdem es uns so plötzlich von der Seite verschwunden, wider all unser

Hoffen glücklich in Rotterdam angekommen, wo man aus den vorgefundenen

Papieren sofort ersehen hatte, daß es von Havre de Grace ausgefahren

gewesen. Diesem zufolge hatten die holländischen Behörden sowohl an den

Handelsstand in jenem französischen Hafen ein Zirkulär erlassen, als

durch die Zeitungen öffentlich bekannt gemacht: Kapitän Johann Harmel

mit dem Schiffe Christina von Rotterdam habe in den spanischen Gewässern

ein französisches Schiff menschenleer umhertreibend angetroffen, mit

Mannschaft besetzt und nach Holland führen lassen. Bei näherer

Untersuchung sei befunden worden, daß hinten unterhalb Wassers zwei

Löcher durch das Schiff gebohrt gewesen, indem der dazu gebrauchte

Bohrer noch daneben gelegen. Die stumpfe Schneide desselben habe jedoch

verursacht, daß die Späne von der äußeren Plankenhaut nicht scharf

abgeschnitten worden, sich in die Öffnung zurückgelegt, voll Wasser

gesogen und dadurch verhindert hätten, daß dieses habe eindringen und

das Schiff zum Sinken bringen können. Nicht minder wunderbar habe

eingedrungene Nässe das Fortglimmen einer schon brennenden, zehn Fuß

langen Lunte gewehrt, deren entgegengesetztes Ende zu einem Pulverfasse

geleitet worden. Aus beiden frevelhaften Versuchen aber gehe deutlich

hervor, daß das Schiff mutwillig und ohne Not verlassen worden und

entweder habe sinken oder in die Luft fliegen sollen.

Während nun durch diese Kundmachungen die Reeder des Schiffes

aufgefordert worden, sich zu ihrem Eigentume zu melden, hatte auch der

französische Kapitän desselben von Lissabon aus an sie nach Havre de

Grace geschrieben: sein Schiff sei im Meerbusen von Biscaya so leck

geworden, daß er befürchtet, jeden Augenblick sinken zu müssen, als zum

Glück ein schwedischer Ostindienfahrer in seine Nähe gekommen, der sich

auf sein dringendes Bitten habe bewegen lassen, ihn und die übrige

Mannschaft zu ihrer aller Lebensrettung an seinen Bord abzuholen. Dieser

sei darauf zu Lissabon angekehrt und habe sie sämtlich dort ans Land

gesetzt. Er habe nicht unterlassen, hier mit seinen Leuten alsogleich

eine gerichtliche eidliche Erklärung abzulegen, die er zugleich mit

einsende.

Beide Nachrichten, welche zu der nämlichen Zeit in Umlauf kamen, ließen

es in ihrer Zusammenstellung keinen Augenblick zweifelhaft, daß der

französische Kapitän ein abgefeimter Betrüger gewesen, und auch die

darauf angestellte gerichtliche Untersuchung ergab, daß er mit zwei

Mit-Reedern des Schiffs unter einer Decke gesteckt, indem sie dasselbe

zu gleicher Zeit in London, Amsterdam und Hamburg für große Summen

versichern ließen. Diese sahen nun ihrer gerechten Strafe entgegen; ihr

Mitschuldiger aber (wahrscheinlich unter der Hand von ihnen selbst

gewarnt) hatte es fürs Klügste gefunden, sich in Lissabon unsichtbar zu

machen, ohne wieder nach seiner Heimat zu verlangen.

Für unser Schiffsvolk ward ich, als ich mit diesen Nachrichten von der

glücklichen Bergung unserer schon verloren gegebenen Prise wieder an

Bord kehrte, ein wahrer Freudenbote: denn nun durfte jeder auf seinen

Anteil an der Prämie hoffen. Es begann sofort ein Handel über den

anderen wegen dieser zu erwartenden Prisen-Gelder. Einige verkauften ihr

Anrecht für wenige Flaschen Branntwein, andere für etliche Pfund Tabak,

ohne sich um die wahrscheinliche Übervorteilung zu kümmern.

* * * * *

Nach Verlauf einiger Tage rüstete ich mein Boot zu einer neuen dritten

Handelsfahrt zu; und diesmal durfte ich auch für meinen Privatverkehr,

im Einkauf von Staubgold, gewisseren Vorteil hoffen, da wir uns nunmehr

im Angesichte der sogenannten »Goldküste« befanden.

So verschwenderisch hat die Natur hier ihr edelstes Metall verbreitet,

daß selbst der Seesand dessen in hinreichender Menge mit sich führt, um

die Mühe des Einsammelns zu vergüten. Wenn daher vormittags die Sonne

hoch genug gestiegen ist, um den nackten Negern die Lufttemperatur

behaglich zu machen, finden sie sich zu Hunderten am Strande ein. Dann

setzen sie sich dicht neben dem Ablauf der Wellen ins Wasser, und jeder

hält eine tiefe hölzerne Schüssel (deren die Schiffe ihnen als

Handelsware zuführen) vor sich zwischen den Knien, nachdem er sie zuvor

voll goldhaltigen Sandes geschöpft. Sie wissen diese Gefäße so geschickt

zu drehen, daß jede anlaufende Welle darüber hinspült und etwas von dem

leichteren Sande über den Rand mit sich fortschwemmt, während das Metall

sich vermöge seiner natürlichen Schwere tiefer zu Boden senkt. Dies wird

so lange wiederholt, bis der Sand beinahe gänzlich verschwunden ist und

das reine Staubgold, kaum noch mit einigen fremden Körnern untermischt,

sichtbar geworden. Die Neger wissen es sodann gar geschickt und behende

in ihre kleinen Dosen aufzufassen, die wir ihnen gleichfalls zum

Verkaufe bringen. Auf diese Weise habe ich wohl selbst zum öftern

gesehen, daß manche binnen acht bis zehn Stunden den Wert von sechs bis

zwölf und mehr holländischen Stübern zuwege brachten.

Noch weiß ich aus den deshalb angestellten Erkundigungen, daß sie auch

weiter landeinwärts mit dem dort befindlichen goldhaltigen Kiessande auf

eine ähnliche Art verfahren, indem sie diese Erdklumpen in die Nähe

eines Gewässers tragen und Erde, Sand und Kies so lange durcheinander

rühren und ausspülen, bis sie zu dem nämlichen Erfolg gelangen. Hier

aber finden sich auch nicht selten bedeutendere Stückchen Goldes, selbst

von der Größe wie unser grober Seegries. Die Neger nennen es »heiliges

Gold«, durchbohren es, reihen es auf Fäden und schmücken mit diesen

kostbaren Schnüren Hals, Arme und Beine. In solchem stattlichen Putze

zeigen sie sich gern auf den Schiffen, und so trägt oft ein einziger

einen Wert von mehr als tausend Talern am Leibe.

Stellen sie ihr gewonnenes Gold auf den europäischen Fahrzeugen zum

Kaufe, so werden ihnen zuvor die Tauschwaren vorgelegt und über deren

Wert eine Übereinkunft getroffen. Dieser Wert wird in »Bontjes«

bestimmt, oder Stückchen Goldes, etwa eine Erbse schwer und zu sechs

Stüber Geldwert zu berechnen. Acht Bontjes betragen ein Entis oder einen

Taler holländisch, und zehn Entis ein Lot, dessen Wert zu vierundzwanzig

holländischen Gulden oder nach Unzen zu zweiundvierzig Gulden

angeschlagen wird. Die Neger ihrerseits bedienen sich ähnlicher

Gewichte, welche aber gegen die holländischen jedesmal zu kurz kommen.

Hier geht nun das Streiten und Zanken an. Immer noch fehlt etwas -- noch

etwas, und so weiter, bis man denn zuletzt unter Zanken und Streiten

doch einig wird. Betrogen aber werden die Neger endlich doch immer, wie

schlau sie es auch anfangen mögen! Mancher Weiße läßt sich sogar

absichtlich die Nägel an den Fingern lang wachsen, rührt damit in dem

Staubgolde unter dem Vorwande, als werde er noch gelben Sand unter den

Metallkörnchen gewahr, umher, und kraut sich dann unmittelbar darauf

mit den Nägeln in den Haaren, um die aufgefischte Beute dort abzusetzen.

Haben sich endlich die Verkäufer entfernt, so kämmt er sein struppiges

Haar mit einem engen Kamme wohl durch und bringt dadurch zuweilen zwei

und noch mehr Bontjes Goldstaub vom Kopfe. Niemand rechnet sich diese

Hinterlist zum Vorwurf. Es heißt dann immer: »Nun, was ist's mehr? Ist's

doch nur ein Neger, der angeführt wird!«

Nachdem ich endlich eines Morgens meine Fahrt wirklich angetreten hatte

und etwa drei Meilen vom Schiffe entfernt war, kam mir noch an dem

nämlichen Nachmittage ein kleines englisches Schiff zu Gesichte, das

ungewöhnlich nahe am Strande vor Anker lag, während ein Teil der Segel

und des Takelwerks sich in größter Unordnung befand und wild um die

Masten peitschte. Indem ich meine Begleiter auf diese in solcher Lage

unbegreifliche Nachlässigkeit aufmerksam machte, beschloß ich, mich

diesem Fahrzeuge zu nähern, ob ihm vielleicht Hilfe vonnöten sein

möchte. Bald kam ich im Heransegeln so dicht an seine Seite, daß ich ihm

zurufen konnte: »Warum er sich in diese gefährliche Nähe an einem

unsichern Strande gelegt habe?«

War ich bereits verwundert, so ward ich es noch vielmehr, als sich kein

einziger Weißer am Borde blicken ließ, dagegen aber wohl zwanzig bis

dreißig Neger auf dem Verdeck herumstanden und -gingen. Vor allem

zeichnete sich ein Kerl auf dem Hinterteile, mit einem blauen Überrocke

bekleidet, durch seine Keckheit aus, indem er ein kurzes weitmündiges

Schießgewehr (wir nennen es eine Donnerbüchse) in der Hand führte und

auf uns anlegte. Ein anderer stand vorn mit einer weißen Weste ohne

Ärmel und lag mit seinem Gewehre ebenfalls im Anschlage auf uns. Auch

die übrigen alle längs dem Borde winkten mit den Händen abwärts und

schrien aus vollem Halse: Go way! Go way (Packt euch!)

Was war natürlicher zu glauben, als daß dies Schiff soeben in die Gewalt

der Schwarzen geraten, welche die englische Mannschaft ermordet hätten

und im Begriff ständen, ihre Beute auszuplündern. Hier war es also

allerdings nicht ratsam, lange zu verweilen. Ich steuerte demnach ab

gegen den Wind: doch indem ich mich außer der Schußweite sah, fing ich

an zu überlegen, daß es nicht gar ehrenvoll für uns aussehen würde, die

schwarzen Räuber ihr Wesen so ganz ungestört treiben zu lassen. Ich

beriet mich mit meinen Leuten, ob nicht ein entschlossener Angriff auf

die Brut zu wagen sein möchte? Denn wenn wir gleich mit einem tüchtigen

Feuer auf sie anrückten, so war ich der Meinung, daß die Kerle, da sie

so dicht am Lande lagen, bald über Bord springen und uns das Schiff als

gute Prise überlassen würden.

Dieser Vorschlag mit so glänzender Aussicht auf Gewinn verbunden gewann

sich alsobald ihren ungeteilten Beifall. Um mir aber jede künftige

Verantwortung und üble Nachrede zu ersparen, fuhr ich fort: »Ihr habt

aber auch gesehen, daß wenigstens zwei von ihnen Schießgewehre führen

und es sicherlich auch gebrauchen werden, bevor sie uns das Feld räumen.

Sollte nun einer oder der andere von uns dabei zu Schaden kommen, so

sage niemand, ich hätte ihn zu dem Unternehmen gezwungen. Hier bedarf es

durchaus eines freiwilligen Entschlusses. Also: ja oder nein?« Ihr

kaltblütiges »Ja« weckte das glimmende Feuer in mir zur vollen lichten

Flamme. -- »Wir gehen drauf los und jagen die schwarzen Bestien durch

ein Knopfloch?« fragte ich noch lauter und heftiger. -- »Ja, das wollen

wir!« scholl mir zur Antwort entgegen. -- »Nun denn! Immer drauf, in

Gottes Namen!«

Sofort sprang ich nun hinten in die Luke, ergriff ein kleines Pulverfaß,

das sechzehn Pfund enthielt, trat ihm hastig mit einem Fußstoße den

Boden ein, füllte meinen Hut mit Pulver, eilte damit aufs Deck, lud

meine sechs Böller allein, setzte auf jede Ladung zwei Kugeln und ließ

ein paar angezündete Lunten in Bereitschaft halten. Den besten und

zuverlässigsten Mann setzte ich ans Ruder mit dem Befehl, daß er von

vorn auf das Schiff zusteuern und dann längs dem Borde hinwegstreifen

sollte. Das Abfeuern meines Geschützes behielt ich mir selbst vor, um

meines Zieles desto sicherer nicht zu fehlen, wogegen meine übrigen

Leute im rechten Augenblicke mit dem Handgewehre ihr Bestes tun sollten.

Wie gesagt, so geschehen! Wir steuerten so dicht auf die erhoffte Prise

los, daß wir ihren Bord im Vorüberfahren mit einem Bootshaken hätten

entern können. Währenddem gab ich zugleich aus all meinen vier Böllern

Feuer, hatte aber den Schreck, zu sehen, wie sie samt und sonders

zersprangen, weil ich sie in meinem Eifer stark überladen hatte. Was

mich jedoch auf der Stelle tröstete, indem wir nun hinter das Schiff

kamen, war die gelungene Frucht meines Knallens -- der Anblick einer

guten Anzahl schwarzer Köpfe im Wasser, die bereits eifrig dem Lande

zuschwammen.

Jetzt rief ich meinen Leuten zu: »Das Boot umgelegt! Nun dran! Nun

geentert! Handgewehr aufs Deck!« -- Ich selbst sprang wiederum hinten in

die Luke hinab, um die Gewehre, die uns früher hinderlich gewesen wären,

schnell hervorzulangen: aber da sprudelte mir von unten ein mächtiger

Wasserstrahl aus dem Boden des Fahrzeuges entgegen. Es war nicht anders

zu erklären, als daß, während der Pulverdampf alles erfüllte, im

Vorüberfahren jener Kerl mit der Donnerbüchse vom höheren Hinterteile

herab gerade in die offene Luke gehalten und den Boden so unglücklich

durchschossen haben mußte.

Ich trat augenblicklich mit dem Fuße auf das Loch und schrie nach

irgendeinem Kleidungsstücke, um davon einen Pfropfen zu drehen und

diesen in oder auf die Öffnung zu stopfen. Meine Leute aber standen alle

wie bedonnert, ohne meine Meinung zu fassen. Endlich riß ich mir selbst

das Hemd vom Leibe, wickelte es so fest zusammen als mir möglich war und

suchte dem Unheil vorläufig damit abzuhelfen. Doch wie ich nun auf das

Deck kam, nahm ich wahr, daß das Boot fast bis zum Sinken tief lag und

das eingedrungene Wasser es binnen der kurzen Zeit schier bis oben

erfüllt hatte. Noch empfindlicher aber ward mir dies Unglück in der

Betrachtung, daß ich soeben erst mein Schiff verlassen hatte und nun

mein noch vollständiger Vorrat von Handelswaren durchnäßt und nur zu

gewiß verdorben worden. An die Fortsetzung des Gefechts war unter diesen

Umständen nicht mehr zu denken, und alle unsere schon erlangten Vorteile

mußten aufgegeben werden.

Ich entfernte mich also mit großem Schaden von dem Kampfplatze.

Dreiviertel Meilen weiter von hier, unter dem Winde, nahm ich ein Schiff

vor Anker wahr, auf welches ich zusegelte, bis ich neben ihm gleichfalls

den Anker fallen ließ, um mein eingedrungenes Wasser auszupumpen. Der

Kapitän jenes Schiffes kam in seiner Schaluppe zu mir, weil er

wahrgenommen, daß ich bei jenem Fahrzeuge geschossen und zu wissen

wünschte, was dies zu bedeuten gehabt. -- Mein Bericht setzte ihn ebenso

sehr in Erstaunen, als er mir sein Beileid bezeigte, denn ich hatte

soeben die unerfreuliche Entdeckung gemacht, daß meine Waren nicht nur

sämtlich unter Wasser gelegen, sondern daß auch die Pulverfässer durch

das Schlingern des Bootes ihren Inhalt dem Wasser mitgeteilt und all

meine Zeugwaren völlig schwarz gefärbt hatten.

Der Kapitän bemerkte, daß er das englische Fahrzeug bereits seit drei

Tagen dort habe liegen sehen. Gegen den Wind habe er nicht heransteuern

können; und da auch sein Boot gerade auf einer Handelsreise abwesend

sei, so habe er bisher einen untätigen Zuschauer abgeben müssen. Er

wolle mir aber mein Boot in möglichst kurzer Zeit wieder dicht machen

helfen, sich persönlich mit mir vereinigen, noch etwa zehn oder zwanzig

Köpfe von seinen Leuten mit zu Hilfe nehmen, und das englische Schiff

mit mir gemeinschaftlich angreifen und nehmen. Allein ich hatte in dem

Augenblicke den Kopf zu voll von meinem Unglücke. Ich schlug ihm daher

meine Teilnahme an der Fortsetzung dieses Abenteuers ab; und

wahrscheinlich wäre es auch ebenso fruchtlos abgelaufen, denn schon am

nächstfolgenden Morgen sahen wir das englische Schiff völlig am Strande

liegen, wohin es die Schwarzen hatten treiben lassen.

Für mich blieb nun kein anderer Rat, als mich wieder nach unserer

Christina zu wenden und eine neue Ausrüstung zu verlangen. Indes mag

sich der Leser selbst eine Vorstellung davon machen, mit welch garstigem

Willkommen ich dort, nach Abstattung meines Berichtes, von meinem

Kapitän empfangen wurde, der das Unglück hatte, fast beständig betrunken

zu sein. Er wollte mich totstechen, totschießen, oder mir sonst auf eine

neue, noch unerhörte Manier den Garaus machen. Da ich nun meinerseits

des Glaubens war, daß ich vollkommen recht und pflichtmäßig gehandelt,

und ich den unglücklichen Zufall, der hier den Ausschlag gegeben, nicht

verantworten könnte, so mochte ich auch nicht demütig zu Kreuze

kriechen; und so gab es nun noch drei Wochen lang zwischen uns nichts

als täglichen Verdruß (denn im Ärger sprach mein Gegner nur um so

fleißiger der Flasche zu und ward dann wie ein tolles Tier), bis wir

endlich vor St. George de la Mina anlangten, um dort unsern letzten

Handel abzuschließen.

Hier fand ich den Gouverneur Peter Wortmann noch von den nämlichen

wohlwollenden Gesinnungen gegen mich erfüllt, wie ich ihn vormals

verlassen hatte. Ich klagte ihm bei Gelegenheit mein ganzes Unglück und

meine Mißhelligkeit mit dem Kapitän, der mir alle Ruhe des Lebens

verbitterte. Er dagegen hieß mich guten Mutes sein, indem er ehestens

den hohen Rat versammeln wolle, wo ich volle Freiheit finden würde, mein

Verfahren zu verteidigen. Dies geschah auch wirklich bald nachher in

einer Sitzung, wozu außer den ordentlichen Räten noch fünf holländische

Schiffskapitäne, die dort eben mit ihren Schiffen auf der Reede lagen,

mit hinzugezogen wurden. Ich erklärte vor dieser Versammlung, unter dem

Vorsitze des Gouverneurs und im Beisein Kapitän Harmels, den ganzen

Verlauf der Sache mit dem Angriffe auf das englische Fahrzeug; daß ich,

was ich getan, zugunsten unseres Schiffes und unserer Leute

unternommen, welche, wenn die Besitznahme geglückt wäre, nach den

Seerechten zwei Drittel der Ladung als Bergelohn zu fordern berechtigt

gewesen sein würden. Ob mein Angriff ungeschickt geleitet worden und ob

ich ohne den empfangenen Schuß mein Vorhaben nicht unfehlbar erreicht

haben würde, überließ ich dem Gerichte zur einsichtsvollen Beurteilung.

-- Die Folge dieser Verantwortung war, daß ich einstimmig und mit Ehren

freigesprochen wurde.

* * * * *

Während unseres ferneren Verweilens vor diesem Platze kam eines Tages

ein holländisches Schiff auf der Reede vor Anker, welches sofort auch

die Notflagge wehen ließ und mehrere Notschüsse abfeuerte. Von allen

anwesenden Schiffen konnte indes nichts zu etwaigem Beistande geschehen,

da unsere sämtlichen Kapitäne eben mit den Schaluppen an Land gegangen

waren und wir Steuerleute kein anderes Boot zu unserer Verfügung hatten.

Doch sahen wir bald, daß vom Fort aus ein Kanot mit vier Negern abstieß,

eiligst nach dem notleidenden Schiffe hinruderte und auch nach Verlauf

einer Stunde von dort wieder zurückkehrte.

Zwei Stunden später kam dies nämliche Kanot, vom Lande aus, wieder zum

Vorschein und geradeswegs zu mir. Es brachte mir den schriftlichen

Befehl des Gouverneurs, mit diesen Negern zu ihm an Land zu fahren. Ich

befolgte diese Weisung, ohne mir's einfallen zu lassen, daß meinem

Kapitän hiervon nichts gesagt worden. Indem ich aber in den großen Saal

trat, fand ich die nämliche Versammlung, vor welcher ich unlängst zu

Gericht gestanden, und auch den Kapitän Harmel an der Tafel bei einem

fröhlichen Mittagsmahle sitzen. Kaum aber faßte mich der letztere ins

Auge, so sprang er auf und fragte mich in rauhem Tone: was ich am Lande

zu schaffen hätte? -- Statt der Antwort überreichte ich ihm das von Sr.

Edelheiten dem Gouverneur erhaltene Billett und trat währenddessen

hinter den Stuhl des letzteren, um zu fragen, was zu seinen Befehlen

stände?

»Da ist,« hub dieser an, indem er aufstand und sich zu mir wandte,

»soeben der Kapitän Santleven von Vliessingen auf der Reede angelangt

und befindet sich im äußersten Drangsal. Er selbst liegt krank im Bette;

seine Steuerleute sind tot; er hat daneben beinahe hundert Sklaven an

Bord, und seine Not und Verlegenheit ist dermaßen groß, daß er hat eilen

müssen, diese Station zu erreichen, um von den hier liegenden Schiffen

einen Steuermann zu erlangen, der die Führung des Schiffes übernehmen

möchte. Ich und die übrigen Herren Kapitäne hier wünschten ihm darin,

wie billig, zu willfahren und haben Euch, mein lieber Nettelbeck, zu

diesem Posten ersehen.«

Bevor noch der Gouverneur seinen Antrag geendigt hatte, begann schon

mein Kapitän, ihn unterbrechend, dagegen aus allen Kräften zu

protestieren, wie sehr auch die übrigen Anwesenden bemüht waren, ihn

davon zurückzuhalten. Zuletzt wandte er sich ganz wütend gegen mich und

gebot mir: »Nettelbeck, Ihr verfügt Euch stehenden Fußes auf mein Schiff

zurück und verseht den Dienst am Bord. Ich will und befehl' es!« -- Dem

mußte allerdings gehorcht werden! Ich wandte mich ruhig um und ging zum

Saale hinaus.

Kaum war ich aus der Türe, so hörte ich etwas hinter mir drein

schreiten. Es war einer von den tafelnden Kapitänen, der aufgesprungen

war, mich hastig an der Hand ergriff und mich fragte: »Ich bitte Euch um

alles -- Ihr heißt _Nettelbeck_?« -- Ich bejahte; und nun fuhr jener noch

angelegentlicher fort: »Und seid Ihr ein Kolberger? Wohnt nicht Euer

Vater dort am Markte? und habt Ihr nicht eine Schwester, die an einem

Fuße hinkt?« -- Ich bejahte wiederum, aber mit zunehmender Verwunderung,

teils über diese genaue Kenntnis meiner Familie, teils über die Absicht

all dieser Fragen. »Nun denn,« setzte er mit gleichem Feuer hinzu, »so

müßt Ihr ja auch einen Bruder in Königsberg haben, der ein Schiff für

eigene Rechnung führt?« -- »Der werde ich wohl selbst gewesen sein,«

war meine Antwort. -- »Wie? Nicht möglich! Ihr selbst? Nun denn, um so

weniger ...« unterbrach er sich selbst, hielt mich noch fester und zog

mich stürmisch wieder in das eben verlassene Zimmer zurück. Ich wußte am

allerwenigsten, was dies alles zu bedeuten haben könnte.

Sein nächstes war nun, daß er sich an den Kapitän Harmel wandte, ihn

freundlich umfing, und ihn schmeichelnd zuredete: »Nicht wahr, lieber

alter Freund, Ihr gebt meinem und unser aller Drängen eine gute Statt,

und überlaßt diesen wackeren Mann an Santleven? Denn ich will's Euch nur

sagen: Für alles, was Nettelbeck heißt, laß ich Leib und Leben; und ich

will Euch für ihn einen meiner eigenen Steuerleute und einen befahrenen

Matrosen obenein, der es auch alle Tage werden könnte, an Bord schicken.

Topp?« -- Auch die andern insgesamt umringten den zornigen Menschen und

redeten so lange auf ihn ein, bis er sich jede Ausflucht abgeschnitten

sah, und endlich mir halb über die Achsel entgegenbrummte: »So geht denn

meinetwegen zum Teufel!« -- Das war und blieb mein Abschied!

Dagegen drang nun der Mann, der mir so das Wort geredet, in mich, jetzt

auch sofort mit ihm zu Kapitän Santleven an Bord zu gehen, wohin er mich

in seiner Schaluppe bringen wolle. Dies geschah auch, und indem wir nun

vom Strande abstießen, konnte ich mich der Frage nicht enthalten, woher

er eine so genaue Kenntnis meiner Familie habe, und wie er überhaupt

dazu komme, einen so warmen und freundschaftlichen Anteil an mir zu

nehmen.

»Nun,« erwiderte er lächelnd, »das wird Euch weiter nicht wunder nehmen,

wenn Ihr hören werdet, was ich Euch zu erzählen habe. Im Jahre 1764 fuhr

ich als Steuermann auf einem holländischen Schiffe und hatte zwischen

Weihnachten und Neujahr das Mißgeschick, eine Meile von Kolberg zu

stranden und kaum das nackte Leben zu bergen. Des nächsten Tages führte

Euern Vater der Zufall in das Dorf und die armselige Bauernhütte, wohin

ich und meine übrigen Unglücksgefährten uns kümmerlich geflüchtet

hatten. Die hellen Tränen traten ihm bei unserm Anblicke ins Auge.

Insonderheit richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich, fragte mich über

meine Umstände aus und erbot sich auf der Stelle edelmütig, mich, wenn

ich wolle, mit nach Kolberg zu nehmen und für mein weiteres Unterkommen

zu sorgen. Er habe auch zwei Söhne in der See, und Gott wisse, wo und

wie auch _sie_ die Hilfe mitleidiger Seelen bedürfen könnten. Vorderhand

könne er zwar nur mich allein mitnehmen, allein auch für die

Rückbleibenden solle baldigst Rat geschafft werden.

»So kam ich,« fuhr er fort, »nach Kolberg in Euer väterliches Haus, wo

ich an Eures Vaters, Mutter und Schwester Seite gegessen und getrunken,

alle meine Notdurft empfangen und tausendfache Liebe und Güte genossen

habe. Eure Schwester versorgte mich mit Wäsche; meine kleinsten Wünsche

wurden erfüllt, und so erhielt ich von so liebreichen Händen meine volle

Verpflegung bis über Ostern hinaus, wo sich endlich eine

Schiffsgelegenheit fand, wieder nach der Heimat zurückzukehren. Aber

auch da noch steckte mir Euer Vater einen holländischen Dukaten zum

Reisegelde in die Hand, und hinter seinem Rücken tat Euere Mutter mit

zwei preußischen harten Talern das nämliche. Oft genug erzählten mir

beide von ihrem wackeren Sohne in Königsberg; und ich hinwiederum

vertraute ihnen, daß ich kein Holländer, sondern ein preußisches

Landeskind und aus Neuwarp in Vorpommern gebürtig sei, Karl Friedrich

Mick heiße und mich aus Furcht vor dem Soldatendienste außer Landes

begeben habe. Seit jenen Zeiten habe ich nun stets darauf gesonnen, wie

ich es möglich machen wollte, so viel Liebe und Güte nach Würden zu

vergelten, und hätte wohl nicht gedacht, daß sich mir dazu hier an der

Küste von Afrika eine so erwünschte Gelegenheit auftun sollte. Wiewohl

ich noch immer nicht begreife, was für ein widriges Schicksal Euch

hierher führt und Euere blühenden Umstände so ganz verändert hat?«

Die Antwort auf diese teilnehmende Frage mußte ich dem guten Manne für

diesmal noch schuldig bleiben, da wir soeben am Bord des Kapitäns

Sandleven anlangten. Diesen fanden wir, beim Eintritte in die Kajüte,

bettlägerig und in elender Verfassung. Mein Begleiter stellte mich ihm,

mit einer nachdrücklichen Empfehlung und Verbürgung, als denjenigen vor,

der ihm in Führung seines Schiffes und seiner Geschäfte beirätig sein

solle, und auf den er sich in allen Fällen verlassen könne. Der gute

Mann streckte seine Arme nach mir aus, umfing mich inbrünstig und hieß

mich von ganzem Herzen willkommen. Demnächst übergab er mir das völlige

Kommando, ließ mich durch den Kapitän Mick dem Schiffsvolke vorstellen,

gab mir die nötige Einsicht in seine Papiere und Geschäfte und war

solchergestalt nach Möglichkeit behilflich, daß hier alles wieder mit

einem neuen Geiste und Leben beseelt wurde. Mir selbst war nicht minder

zumute, als sei ich aus der Hölle in den Himmel übergegangen.

Bevor nun mein neuer Freund mich verließ, bemerkte ich ihm, daß ich auf

der Christina noch eine sechsmonatige Gage zu fordern hätte; und er

versprach, daß sie mir unverkürzt ausgezahlt werden sollte. Wirklich

geschah dies auch gleich am nächsten Tage mittels einer Anweisung des

Kapitäns Harmel auf zweihundertsechzehn Gulden holländisch an seine

Schiffsreeder, die Herren Rochus und Kopstädt in Rotterdam. Ebenso holte

ich meine Habseligkeiten aus dem alten in das neue Schiff ab, und war

von diesem Augenblicke an in dem letzteren vollkommen einheimisch.

* * * * *

Nach gepflogener Beratschlagung mit meinem Kapitäne wandten wir das

Schiff wiederum gegen die westlicher gelegenen Punkte, um unsere Ladung

durch fortgesetzten Handel zu vervollständigen. Das beschäftigte uns bis

in den September hinein, während welcher Zeit der gute Mann, zu meiner

nicht geringen Freude, sich merklich erholte und endlich auch wieder

auf dem Verdecke erscheinen konnte. Um so leichter ließ sich nun auch

der Beschluß ausführen, daß ich mit dem Boote nach dem sechs Meilen von

uns entfernten holländischen Forte Boutrou abgehen sollte, wohin wir mit

dem Schiffe zu kommen, durch Wind und Strömung verhindert wurden, und wo

sich gleichwohl vielleicht einiger Vorteil für unsern Verkehr beschaffen

ließ.

Auf dem Wege dahin erblickte ich ein Boot, das uns entgegensteuerte; und

aus dieser Richtung sowohl, als aus andern Umständen erkannte ich

leicht, daß es mit seinem Briefsacke nach St. George de la Mina zu

kommen gedenke und zu einem kürzlich erst auf der Küste angelangten

Schiffe gehören müsse. Dies machte mir Lust, mich ihm zu nähern und ihm

seine mitgebrachten Neuigkeiten abzufragen. Kaum aber war das Gespräch

angeknüpft, so erkannte ich in dem jenseitigen Führer, mit

absonderlicher Verwunderung, den nämlichen Steuermann Peters, der uns in

vorigem Herbste mit der besetzten französischen Prise so unerwartet und

bei Nacht und Nebel davongegangen. Auch mein Gesicht ward ihm sofort

kenntlich; er rief meinen Namen, und wir verloren keinen Augenblick,

unsere Fahrzeuge aneinander zu befestigen, damit wir die tausend Fragen

und Antworten, die uns beiderseits auf der Zunge schwebten,

gegeneinander austauschen könnten.

Daß er sich mit dem Schiffe glücklich nach Rotterdam hingefunden hatte,

war mir, wie der geneigte Leser weiß, bereits im März durch die

französische Fregatte zu Ohren gekommen. Allein wie er dies bei seinen

eingeschränkten Kenntnissen vom Seewesen und ohne einen festen Punkt von

Länge und Breite mit sich zu nehmen habe möglich machen können, wollte

mir ebensowenig, als daß sein Verschwinden ein bloßes Werk des Zufalls

gewesen sein sollte, einleuchten. Indes behauptete er doch, er habe, als

es Tag geworden, uns und die Christina weder gesehen, noch wieder

auffinden können, und sei also genötigt gewesen, seinen Kurs nach

Gutdünken, gegen den englischen Kanal zu einzurichten. In dieser

beibehaltenen Richtung sei er einige Tage später auf ein englisches

Schiff gestoßen, bei welchem er sich wegen der Lage und Entfernung von

Quessant befragt, aber von der Antwort wenig verstanden habe. Demnach

sei er getrost bei seinem anfänglichen Kurs geblieben, bis ihm des

nächstfolgenden Tages ein schwedisches Schiff die Auskunft erteilt, daß

er Kap Landsend in Ostnordost 65 Meilen vor sich liegen habe; und dieser

willkommenen Weisung nachsteuernd, habe er denn auch, bei günstigem

Winde, diese Landspitze des dritten Tages zu Gesicht bekommen, von dort

den Kanal hinaufgeleiert, ferner die flämischen Küsten möglichst in der

Nähe behalten, und so des fünften Tages auch glücklich Goree und die

Mündung der Maas erreicht.

Der Hafenmeister von Goree, als er zu ihm an Bord gekommen, habe ihn

alsbald wieder erkannt, da er erst vor wenigen Wochen von hier in See

gegangen. Er habe sich die übrigen seltsamen, dies Schiff betreffenden

Umstände berichten lassen, sich vor Verwunderung bekreuzigt und

gesegnet, aber auch um so weniger zulassen wollen, daß er seinen Weg

stromaufwärts nach Rotterdam fortsetze, bevor nicht davon Bericht

erstattet und eine nähere Untersuchung verfügt worden. Beides sei

demnächst auf Veranstaltung des Handelshauses Rochus und Kopstädt durch

eigene Kommissarien geschehen, der Befund nach dem Haag an die Staaten

von Holland abgegangen und von dorther die Anweisung zu dem

gerichtlichen Verfahren gekommen, wovon bereits oben ausführliche

Meldung geschehen. Schiff und Ladung waren in der Folge gerichtlich zu

Verkauf gestellt und aus beiden ein Wert von neunundneunzigtausend

holländischen Gulden gelöst worden.

Von dieser bedeutenden Summe kamen nun, nach den holländischen

Seerechten, zwei Drittel den französischen Eigentümern, ein Drittel aber

dem Schiffsvolke der Christina zu. Umgekehrt wäre das Verhältnis

gewesen, wenn sich jener Hund nicht mehr als Wächter auf dem Schiffe

befunden hätte, um dieses als völlig herrenlos anzunehmen, woraus denn

zu ersehen, was für eine sonderbare Gerechtigkeit die Seegesetze auf

einem Schiffe selbst einem Hunde einräumen. Denn dieser hier verdiente

seinem Herrn durch sein Bellen, womit er uns empfing, reine

zweiunddreißigtausend Gulden!

Das Drittel, welches unserm Schiffe zufiel, kam zur Hälfte wiederum den

Reedern zugute; die andere hingegen dem Schiffsvolke, nach Maßgabe der

Monatsgage, die jeder zu empfangen hatte. Ob jedoch hierbei ganz nach

den richtigsten Grundsätzen verfahren wurde, mag man daraus entnehmen,

daß, als ich in der Folge, als gewesener Obersteuermann der Christina,

meine Forderung an diese Prisengelder in Holland geltend machte, mir

zweiundvierzig Gulden ausgezahlt wurden. -- Von Peters aber habe ich nur

noch zu erzählen, daß er demnächst auf einem Schiffe des nämlichen

Handelshauses Rochus und Kopstädt als Obersteuermann, unter Kapitän

Schleuß, angestellt worden, das jetzt bei Kap Monte lag und mit dessen

Briefsack er eben auf dem Wege nach St. George de la Mina begriffen war.

Einige Tage nachher traf ich zu Boutrou ein, ohne dort für unser Negoz

etwas Tüchtiges schaffen zu können. Überall war für diesen Augenblick im

Handel bereits aufgeräumt, und die größere Anzahl der Schiffe, als ich

nach unserm Hauptfort zurückkehrte, von dort nach Amerika in See

gegangen. Es blieb uns daher nur übrig, diesem Beispiele ungesäumt zu

folgen, und zu dem Ende uns für diese Reise mit Trinkwasser und

Brennholz zu versehen.

* * * * *

Zu Anfang Oktober endlich verließen wir die afrikanische Küste, um

unserer Bestimmung zuvörderst den Markt von Surinam zu besuchen. Zur

Beschleunigung der Fahrt wandten wir uns erst südlich und gingen unter

der Linie durch, um jenseits derselben die gewöhnlichen südöstlichen

Passatwinde zu gewinnen, vor welchen man dann westlich und nordwestlich

hinläuft, bis man von neuem die Linie passiert, um die nordöstlichen

Passatwinde zu benutzen und mit ihnen die Reise zu beendigen. Die

Krankheiten und die Sterblichkeit, welche unter den Sklaven bei jeder

verlängerten Dauer der Überfahrt einzureißen pflegen, machen es

wünschenswert, diese auf jede Weise abzukürzen. Unsere Ladung bestand aus

vierhundertfünfundzwanzig Köpfen, worunter sich zweihundertsechsunddreißig

Männer und einhundertneunundachtzig Frauen, Mädchen und Jungen befanden.

Über die Art, die Unglücklichen paarweise zusammenzufesseln, und über

das zweifache Behältnis vorn im Schiffe, wo sie, jedoch beide

Geschlechter durch ein starkes Gitterwerk voneinander geschieden, den

Tag über zubringen, ist schon oben das Nötige beigebracht worden. Vor

jener Plankenwand stehen zwei Kanonen, deren Mündung gegen das Behältnis

der Männer gerichtet ist, und die gleich anfangs in ihrem Beisein mit

Kugeln und Kartätschen geladen wurden, nachdem man ihre mörderische

Wirkung durch Abfeuern gegen einige nahe und entfernte Gegenstände

begreiflich gemacht hat. Heimlich aber werden nachher die Kugeln und

Kartätschen wieder herausgezogen und statt deren die Stücke mit Grütze

geladen, damit es im schlimmsten Falle doch nicht gleich das Leben

gelte. Denn -- die Kerle haben ja Geld gekostet!

Die Weiber und die Unmündigen haben bei Tage ihren Aufenthalt hinter der

Wand auf dem halben Deck und können ihre männlichen Unglücksgenossen

zwar nicht sehen, aber doch hören. Allen ohne Ausnahme wird des Morgens,

etwa um zehn Uhr, das Essen gereicht, indem je zehn einen hölzernen

Eimer, der ebensoviel Quart fassen mag, voll Gerstgraupen empfangen. Die

Stelle, wohin jede solche Tischgesellschaft sich setzen muß, ist durch

einen eingeschlagenen eisernen Nagel mit breitem Kopfe genau bezeichnet,

und alles sitzt ringsumher, wie es zukommen kann, um das Gefäß mit

Grütze, welche mit Salz, Pfeffer und etwas Palmöl durchgerührt ist; doch

keiner greift um einen Augenblick früher zu, als bis dazu durch den

lauten Schlag auf ein Brett das Zeichen gegeben worden. Bei jedem

Schlage wird gerufen: »Schuckla! Schuckla! Schuckla!« Den dritten Ruf

erwidern sie alle durch ein gellendes »Hurra!« und nun holt der erste

sich seine Handvoll aus dem Eimer, dem der zweite und die übrigen in

gemessener Ordnung folgen.

Anfangs geht dabei alles still und friedlich zu. Neigt sich aber der

Vorrat im Gefäße allmählich zu Ende und die letzten müssen besorgen, daß

die Reihe nicht wieder an sie kommen dürfte, so entsteht auch Hader und

Zwiespalt. Jeder sucht dem Nachbar die Kost aus den Händen und beinahe

aus dem Munde zu reißen. Da nun diese Szene jedesmal und bei jedem

Gefäße schier in dem nämlichen Moment zutrifft, so kann man sich den

Lärm und Spektakel denken, der dann auf dem Schiffe herrscht und wobei

die Peitsche den letzten und wirksamsten Friedensstifter abgeben muß.

Diese wiederhergestellte Ruhe wird dazu angewandt, ihnen den ledigen

Eimer mit Seewasser zu füllen, damit sie sich Mund, Brust und Hände

abwaschen. Zum Abtrocknen gibt man ihnen ein Ende aufgetrieseltes Tau

(Schwabber genannt), worauf sie paarweise zu der Süßwassertonne ziehen,

wo ein Matrose jedem ein Gefäß, etwa ein halb Quart enthaltend, reicht,

um ihren Durst zu stillen.

Nach solchergestalt beendigter Mahlzeit und nachdem das Verdeck mit

Seewasser angefeuchtet worden, läßt man das ganze Völkchen reihenweise

und dicht nebeneinander sich niederkauern und jeder bekommt einen

holländischen Ziegelstein (Mopstein) in die Hand, womit sie das Verdeck

nach dem Takte und von vorn nach hinten zu scheuern angewiesen werden.

Sie müssen sich dabei alle zugleich wenden, und indem sie bald vor-,

bald rückwärts arbeiten, wird ihnen unaufhörlich neues Seewasser über

die Köpfe und auf das Verdeck gegossen. Diese etwas anstrengende Übung

währt gegen zwei Stunden und hat bloß den Zweck, sie zu beschäftigen,

ihnen Bewegung zu verschaffen und sie desto gesunder zu erhalten.

Hiernächst müssen sie sich in dichte Haufen zusammenstellen, wo dann

noch dichtere Wassergüsse auf sie herabströmen, um sie zu erfrischen und

abzukühlen. Dies ist ihnen eine wahre Lust; sie jauchzen dabei vor

Freude. Noch wohltätiger aber ist für sie die folgende Operation, indem

einige Eimer, halb mit frischem Wasser angefüllt und mit etwas

Zitronensaft, Branntwein und Palmöl durchgerührt, aufs Verdeck gesetzt

werden, um sich damit den ganzen Leib zu waschen und einzureiben, weil

sonst das scharfgesalzene Seewasser die Haut zu hart angreifen würde.

Für die männlichen Sklaven sind ein paar besonders lustige und pfiffige

Matrosen ausgewählt, welche die Bestimmung haben, für ihren munteren

Zeitvertreib zu sorgen und sie durch allerlei gebrachte Spiele zu

unterhalten. Zu dem Ende werden auch Tabaksblätter unter sie ausgeteilt,

welche, nachdem sie in lauter kleine Fetzen zerrissen worden, als

Spielmarken dienen und ihre Gewinnsucht mächtig reizen. Zu gleichem

Behufe erhalten dagegen die Weiber allerlei Arten Korallen, Nadeln,

Zwirnfäden, Endchen Band und bunte Läppchen, und alles wird aufgeboten,

um sie zu zerstreuen und keine schwermütigen Gedanken in ihnen aufkommen

zu lassen.

Spiel, Possen und Gelärm währen fort bis um drei Uhr nachmittags, wo

wiederum Anstalten zu einer zweiten Mahlzeit gemacht werden, nur daß

jetzt statt der Gerstgraupen große Saubohnen gekocht, zu einem dicken

Brei gedrückt und mit Salz, Pfeffer und Palmöl gewürzt sind. Die Art der

Abspeisung, des Waschens, Trocknens, Trinkens und Abräumens bleibt dabei

die nämliche, nur wird mit allem noch mehr geeilt, weil unmittelbar

darauf die Trommel zum lustigen Tanze gerührt wird. Alles ist dann wie

elektrisiert, das Entzücken spricht aus jedem Blicke, der ganze Körper

gerät in Bewegung, und Verzuckungen, Sprünge und Posituren kommen zum

Vorschein, daß man ein losgelassenes Tollhaus vor sich zu sehen glaubt.

Die Weiber und Mädchen sind indes doch die Versessensten auf dieses

Vergnügen, und um die Lust zu vermehren, springen selbst der Kapitän,

die Steuerleute und die Matrosen mit den leidlichsten von ihnen

zuzeiten herum; -- sollte es auch nur der Eigennutz gebieten, damit die

schwarze Ware desto frischer und munterer an ihrem Bestimmungsorte

anlange.

Gegen fünf Uhr endlich geht der Ball aus, und wer sich dabei am meisten

angestrengt hat, empfängt wohl noch einen Trunk Wasser zu seiner Labung.

Wenn dann die Sonne sich zum Untergange neigt, heißt es: »Macht euch

fertig zum Schlafen unter Deck!« Dann sondert sich alles nach Geschlecht

und Alter in die ihnen unter dem Verdecke angewiesenen, aber gänzlich

getrennten Räume. Voran gehen zwei Matrosen und hinterdrein ein

Steuermann, um acht zu haben, daß die nötige Ordnung genau beobachtet

werde, denn der Raum ist dermaßen enge zugemessen, daß sie schier wie

die Heringe zusammengeschichtet liegen. Die Hitze darin würde auch bald

bis zum Ersticken steigen, wenn nicht die Luken mit Gitterwerk versehen

wären, um frische Luft zur Abkühlung zuzulassen.

Eine Leiter führt zu einer Öffnung in diesem Gitter, die gerade weit

genug ist, um zwei Menschen durchzulassen, und vor welcher die ganze

Nacht hindurch ein Matrose mit blankem Hauer die Wache hält, der immer

nur paarweise aus und ein läßt, was durch irgendein Bedürfnis

hervorgetrieben wird. Da indes die Rückkehrenden selten ihre

Schlafstelle so geräumig wiederfinden, als sie sie verlassen haben, so

nehmen Lärm und Gezänke die ganze Nacht kein Ende, und noch unruhiger

geht es begreiflicherweise bei den Weibern und Kleinen zu. Gewöhnlich

muß zuletzt die Peitsche den Frieden vermitteln.

Gewöhnlich werden sechs bis acht junge Negerinnen von hübscher Figur zur

Aufwartung in der Kajüte ausgewählt, die auch ihre Schlafstelle in deren

Nähe, sowie ihre Beköstigung von den übrigbleibenden Speisen an des

Kapitäns Tische erhalten. Begünstigt vor ihren Schwestern, sammeln sie

nicht nur allerlei kleine Geschenke an Kattunschürzchen, Bändern,

Korallen und kleinem Kram ein, womit sie sich wie die Affen ausputzen,

sondern der Matrosenwitz gibt ihnen auch den Ehrennamen von »Hofdamen«,

sowie den einzelnen diese oder jene spaßhafte Benennung. Bei Tage aber

mischen sie sich gern unter ihre Gefährtinnen auf dem Deck, wo jede

sofort einen bewundernden Kreis um sich her versammelt, in dessen Mitte

sie stolziert und sich den Hof machen läßt.

Bekanntlich kommen alle diese unglücklichen Geschöpfe beiderlei

Geschlechts ganz splitternackt an Bord, und wenn sie gleich selbst wenig

danach fragen, so hat doch der Anstand (wie sehr er auch sonst auf

diesen Sklavenschiffen verletzt werden mag) ihre notdürftige Bedeckung

geboten. Die Weiber und Mädchen empfangen daher einen baumwollenen

Schurz um den Leib, der bis an die Kniee reicht, und die Männer einen

leinwandenen Gurt, der eine Elle in der Länge und acht Zoll in der

Breite hält und den sie, nachdem er zwischen den Beinen durchgezogen

worden, hinten und vorne an einer Schnur um den Leib befestigen.

Wenn sie nun gleich auf diese Weise im eigentlichsten Sinne _nichts_ mit

sich auf das Schiff bringen, so vergehen doch kaum einige Wochen oder

Monate und sie haben allesamt, besonders die weiblichen Personen, ein

Paket von nicht geringem Umfange als Eigentum erworben, welches sie

überall unterm Arm mit sich umherschleppen. Wie man sich indes leicht

denken kann, besteht dieser ganze Reichtum in nichts als allerlei

Lappalien, die sie zufällig auf dem Verdecke gefunden und aufgehoben

haben -- abgebrochenen Pfeifenstengeln, beschriebenen und bedruckten

Papierschnitzeln, bunten Zeugflecken, Stückchen Besenreis und

dergleichen Schnurrpfeifereien. Hierzu erbitten sie sich nun von den

Schiffsleuten den Zipfel eines Hemdes oder sonst eines abgetragenen

Kleidungsstückes, um ihren Schatz hineinzubündeln.

Aber nur zu oft begnügt sich ihre Begehrlichkeit nicht an dem, was ihnen

das Glück auf diesem Wege zuwirft, sondern sie bestehlen sich

untereinander und da entsteht denn Klage über Klage, als wären ihnen

alle Kleinodien der Welt abhanden gekommen. Der wachhabende Steuermann

verwaltet sodann das strenge Richteramt, veranstaltet Untersuchungen,

wobei jeder sein Bündel vorweisen und auskramen muß und wobei es seiner

Gravität oft schwer genug wird, sich des Lachens zu enthalten, und

verfügt endlich über den ertappten Dieb einige gelinde Peitschenhiebe.

So geht es heute, so morgen und so alle übrigen Tage während der Dauer

der Reise; nicht anders, als ob man mit lauter Affen und Narren zu tun

hätte.

* * * * *

Über unsere diesmalige Fahrt, quer durch den Atlantischen Ozean, weiß

ich nur wenig zu sagen, wenn ich nicht wiederholen soll, was hundert

Reisebeschreiber vor mir bereits erwähnt haben. Dahin gehört das

Leuchten des Meerwassers in manchen dunklen Nächten, das Emporflattern

ganzer Rudel von fliegenden Fischen, wie wir's bei uns zu Lande an den

Sperlingen zu sehen gewohnt sind, und manches mehr. Dagegen bemerke ich,

was meines Wissens andere noch nicht angezeigt haben, daß, wenn man sich

von der Küste von Guinea etwa zehn oder mehr Meilen entfernt hat, sich

das Seewasser plötzlich verändert. Es wird klarer, blauer und

durchsichtiger. Gibt es nun zugleich eine vollkommene Meerstille, wie

sie in diesem Striche nicht ungewöhnlich ist, und ebnet sich dann die

Flut zu einer Spiegelfläche, so gibt es einen unbeschreiblich

wunderbaren Anblick, in das kristallhelle Wasser, wie in einen dichteren

Himmel unter sich, zu schauen und es von unzähligen Fischen und

Seegeschöpfen in tausend verschiedenen Richtungen wimmeln zu sehen. Man

fängt ihrer auch von allen Arten, soviel man will, doch haben sie, den

fliegenden Fisch ausgenommen, alle ein hartes, unschmackhaftes Fleisch

und werden für wenig gesund gehalten.

Die Sklavenschiffe pflegen auf dieser Überfahrt das Boot, womit sie den

Nebenhandel an der afrikanischen Küste betrieben haben, nicht wieder

einzunehmen und aufs Deck zu setzen, weil es dort den Raum für die Neger

zu sehr beengen würde. Wenn es daher die Witterung nur irgend

gestattet, kreuzt es neben dem Schiffe und wird gebraucht, mit

begegnenden Schiffen nähere Gemeinschaft zu pflegen. Man besetzt es

daher fortdauernd und von acht zu acht Tagen mit sieben Mann, unter

denen wenigstens einer sich etwas auf Kurs und Steuerkunst versteht, und

diese erhalten zugleich hinreichende Provisionen, um auch im übelsten

Falle einer Trennung von ihrem Schiffe sich helfen zu können.

Ohne einigen widrigen Zufall langten wir gegen Mitte Dezember in dem

Flusse Surinam an, wo wir jedoch, in einer Entfernung von vier bis fünf

Meilen von Paramaribo, ankerten, um die Gesundheitskommission von

dorther zu erwarten, weil diese zuvor untersucht haben muß, ob nicht

etwa ansteckende Krankheiten am Borde des neuangekommenen Schiffes

herrschen, bevor die Erlaubnis zum Einlaufen gegeben werden kann. Dies

war gleichwohl unser Fall nicht, da wir (was verhältnismäßig sehr wenig

sagen will) binnen den vier Monaten, die ich mich nunmehr auf diesem

Schiffe befand, nicht mehr als vier von unseren Matrosen und sechs

Sklaven verloren hatten. Als daher jene Herren uns am nächsten Tage

besuchten, fanden sie kein Bedenken, uns in die Kolonie zuzulassen.

Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt · 第 12 / 18 题