plötzlich auch ward jedes Gaffers Mund wieder laut: »Wer hat das getan?
Wer hat das Schiff in den Grund gehauen?« Jeder hatte aber auch gleich
die durcheinandergeschriene Antwort bei der Hand: »Nettelbeck! Ei, das
ist ein Stückchen von Nettelbeck!« -- Nettelbeck aber kehrte sich an
nichts, ging ruhig nach Hause und war in seinem Herzen überzeugt, daß er
recht getan habe.
Gleich des andern Tages, vormittags neun Uhr, trat in voller Angst mein
Schwiegervater zu mir ins Haus und fuhr auf mich ein: »Nun haben wir's!
Ein schönes Unglück habt Ihr angerichtet mit dem in Grund gehauenen
Schiffe! Da sind eben drei Kaufleute und der holländische Schiffer, samt
einem Advokaten, auf der Admiralität und klagen wider Euch auf vollen
Ersatz alles Schadens. Nun sitzt Ihr in der Brühe!« -- Und noch hatte er
seine Hiobspost kaum geendet, so war auch schon der Admiralitätsdiener
zur Stelle, der mich auf den Lizent, gleich in dieser nämlichen Stunde,
vor das Admiralitäts-Kollegium beschied. »_Die_ sind rasch dahinter her,«
dachte ich bei mir selbst, und mir ward doch nicht ganz wohl dabei
zumute.
Als ich ankam, fand ich's ganz so, wie's mein Schwiegervater verkündigt
hatte. Mir ward ein schon fertiges Protokoll vorgelesen, des Inhalts,
daß ich es sei, der unberufenerweise das Schiff zum Sinken gebracht und
dadurch einen Schaden von so vielen Tausenden angerichtet habe. Ich
sollte jetzt die Wahrheit dieser Angaben anerkennen, von der Ursache
Rede und Antwort geben und allenfalls anführen, was ich zu meiner
Verteidigung vorzubringen wüßte.
»Tausend Augen« -- sagte ich -- »haben es mit angesehen, wie das Schiff
hinten hinaus in hellem Feuer stand; und je mehr Luftlöcher die Leute
ins Verdeck hieben, desto mehr Nahrung gaben sie dem inwendigen Brande.
Hätte das nur noch eine halbe Viertelstunde so fortgedauert, so nahm die
Flamme dergestalt überhand, daß es kein Mensch mehr auf dem Schiffe
aushalten konnte und dieses mitsamt der Ladung preisgegeben werden
mußte. Allein wenn und während es nun in voller Glut stand -- wie sollte
es da fehlen, daß nicht auch die Taue mitverbrannten, an denen es am
Bollwerk befestigt lag; daß die flammende Masse stromabwärts und unter
die vielen andern dort liegenden Schiffe trieb und diese mit ins
Verderben zog? -- Ja, was leistete uns Bürgschaft, daß dieser
Schiffsbrand nicht ebensowohl auch die dicht am Bollwerk befindlichen
Speicher und die unzähligen Hanfwagen davor ergriff? und daß darüber
nicht ganz Königsberg in Rauch und Asche aufging? -- Jetzt ist großes
und gewisses Unglück mit um so geringerem Schaden abgewandt, als Schiff
und Ladung wohl noch wieder zu bergen sein werden. Ich bin daher auch
des guten Glaubens, daß ich in keiner Weise strafbar gehandelt, sondern
nur meine Bürgerpflicht geleistet habe.«
Der Direktor, Herr Schnell, diktierte diese meine Verantwortung selbst
zu Protokoll, und der Advokat ermangelte nicht, dagegen allerlei Einrede
zu tun. Darnach ward ich abermals befragt, ob ich weiter noch etwas zu
meinen Gunsten vorzubringen habe? -- »Nicht ein Wort!« erwiderte ich. --
»Meine Sache muß für sich selber sprechen.« Die Verhandlung ward zu
Papier gebracht, und dies mußten alle Parten unterzeichnen. Dann wurden
wir bedeutet, einstweilen abzutreten, weil unser Handel klar genug sei,
um noch in dieser nämlichen Sitzung zum Spruche zu kommen.
»Desto besser!« dachte ich. -- »Wenn nur die gestrengen Herren drinnen
auch Vernunft annehmen wollen!« und über diesem »Wenn« kam es denn doch
bei mir zu einem Herzpochen, das mir diese halbe Stunde Verweilens sehr
bänglich machte. Wer weiß, ob es meinen Gegenparten viel besser erging?
-- Endlich hieß es, daß wir wieder vortreten möchten; und nun gab man
uns sogleich auch die gefällte Sentenz zu vernehmen, deren Inhalt der
Hauptsache nach etwa dahin lautete:
»Die Admiralität erkenne, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht
und löblich gehandelt, indem er durch schnelle Versenkung des in Rede
stehenden brennenden Schiffes größeres Unglück von dem Handelsstande und
der Stadt abgewandt. Nächstdem aber behalte sich das Kollegium vor, ihm
dessen Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu
bezeugen. Falls auch der Gegenpart mit diesem Erkenntnisse zufrieden
sei, solle derselbe mit dargebotener Hand sich bei beregtem Nettelbeck
bedanken, daß er Schiff und Ladung vor noch größerem Schaden bewahrt
habe.«
Nach geschehener Vorlesung stand der Direktor, Herr Schnell, von seinem
Sitze auf, schüttelte mir treuherzig die Hand und sagte: »Ich tue das
als Erkenntlichkeitsbezeugung im Namen aller Schiffer, die auf dem
Pregel liegen, und im Namen der Stadt, die durch Ihren Mut und
Besonnenheit einem großen Unglücke entgangen ist. Sie sind ein wackerer
Mann!«
Kaufleute, Schiffer und Advokat sahen einander an und gaben etwas
verlegene Zuschauer bei dieser Szene ab. Endlich traten sie einer nach
dem anderen zu mir und gaben mir ihre dankbare Hand. Die Vernünftigeren
unter ihnen gaben zu gleicher Zeit zu verstehen, sie wären nur darum zur
Klage gegen mich geschritten, um sich bei ihren Assüradeurs, Reedern und
Korrespondenten hinlänglich zu decken.
Schon waren wir im Begriffe, aus der Gerichtsstube wieder abzutreten,
als der Direktor mich zurückrief und anhub: »Schiffer Nettelbeck! Wie
ist's? Haben Sie nicht im vorigen Jahre der Witwe Roloff ihren im Pregel
versunkenen Bording glücklich wieder in die Höhe gebracht? -- Ich
dächte, Sie wären ebensowohl der Mann dazu, Ihr Kunststück auch an
diesem Schiffe hier zu wiederholen? -- Meine Herren!« sich zu den
Kaufleuten wendend -- »Sie sollten sich diesen Vorschlag überlegen! Was
meinen Sie?«
Alsobald legten mir die Gefragten die Sache eindringlich vor. »Je nun,«
erwiderte ich, »vieles in der Welt läßt sich machen, wenn es mit
Vernunft und Geschick angegriffen wird. Wir beide, der Schiffsherr und
ich, wollen hingehen, untersuchen und das Ding an Ort und Stelle
reiflicher überlegen. Läßt sich was beginnen, so wollen wir in Gottes
Namen Hand ans Werk legen.« -- Sogleich auch machten wir uns auf den
Platz, aber alsbald auch ward mir's klar, daß der Schiffer eine
Schlafmütze war, von dem ich keinen erklecklichen Beistand erwarten
durfte. Lieber also ließ ich ihn ganz aus dem Spiele, ging zu meinem
guten, ehrlichen Freunde, dem Schiffszimmermeister Backer, und bat ihn,
daß er mir bei meinem Vornehmen helfen möchte. Der war auch zu allem
bereit und willig, und so schritt ich denn getrost an die Ausführung.
Nach dem Plane, den wir entworfen hatten, erbat ich mir von ein paar
guten Freunden zwei Fahrzeuge zu meiner Verfügung, wobei denn natürlich
alle Gefahr und der Ersatz des etwa zugefügten Schadens auf meine
Rechnung ging, für den Gebrauch derselben aber eine billige Vergütung
bedungen wurde. Indem ich nun diese Bordinge zu beiden Seiten des
versenkten Schiffes postierte und meine Winden und Hebezeuge darauf
anbrachte und in Bewegung setzte, ging die Arbeit rasch und glücklich
vonstatten. Wir hoben die ungeheure Last unter dem Wasser aus dem tiefen
Grunde so weit in die Höhe, daß man bereits auf das Verdeck etwas mehr
als knietief treten konnte, und ich binnen kurzem den Augenblick
erwartete, wo dieses vollends emportauchen würde.
Jetzt aber plötzlich stockten alle meine Maschinen. Ich hatte die beiden
Bordinge durch die Winden dergestalt anstrengen lassen, daß sie vorn mit
dem Bordrande dicht auf dem Wasser lagen, während die Hinterteile sich
bis zum Kiel in die Höhe kehrten. Brach jetzt irgend etwas an den Tauen,
die unter dem Schiffe durchgezogen waren, so waren Unglück und Schaden
gar nicht zu berechnen. In dieser peinlichen Lage mußten demnach vor
allen Dingen noch ein paar Ankertaue unter den Schiffskiel gebracht
werden, in denen das Schiff nunmehr mit vollerer Sicherheit hing, und
nun galt es ein Mittel, es noch um so viel zu erleichtern, damit nur die
großen Luken auf dem Verdecke nicht mehr vom Strome überflossen würden
und die anzubringenden Pumpen dann freies Spiel gewännen.
Da sich jedoch der Schiffskörper um keine Linie mehr rücken lassen
wollte, so verfiel ich darauf, ich müßte jene Luken um so viel erhöhen,
daß sie über dem Wasserspiegel emporragten. Das war zu bewerkstelligen,
wenn ich ebensoviel Kasten oder Verschläge von wenigstens zwei Fuß Höhe
und gleichem Umfange mit den Luken dergestalt wasserdicht auf denselben
und dem Verdecke befestigte, daß sie gleichsam einen Brunnenrand
vorstellten. Was nun aus diesen Kasten geschöpft wurde, war dann
ebensogut, als sei es aus dem Raume geschöpft, in welchem auf diese
Weise das Wasser endlich doch abnehmen mußte. Dann aber hob sich das
Schiff von selbst, ohne daß es ferner meiner Maschinen bedurfte.
Kaum war dieser Gedanke zur Welt geboren, so ließ ich mir einen
Zollstock geben, um unter dem Wasser das genaue Maß der Luken in Länge
und Breite zu nehmen, rief meine Leute zu mir nach der Baustelle und gab
ihnen an, was zu tun sei. In Zeit einer Stunde (während welcher alles in
Erwartung dessen stand, was werden sollte) kam ich mit den fertigen
Kasten und meinen Arbeitsleuten zurück und hatte die Freude, zu sehen,
daß jene vollkommen wohl anschlossen.
Hunderte von müßigem Pöbel standen als Zuschauer am Bollwerke. Ich
wandte mich zu ihnen und rief: »Heran mit Eimer und Gerät, wer Lust hat,
mit Wasserschöpfen jede Stunde einen halben Gulden zu verdienen!« -- Ho,
das war, als hätte ich sie zur Hochzeit gebeten! Es stürzten gleich so
viel Arbeiter herbei auf das nasse Verdeck, daß sie um die Kastenränder
nicht alle Raum zum Hantieren hatten. Ich ließ sie ihr Wesen treiben und
stieg derweilen ins Boot, um mit dem Bootshaken das Loch unter Wasser
aufzusuchen, welches meine Hände hineingehauen hatten. Dann aber sah ich
mich nach einem Sacke um (oder war es ein Stück altes Segeltuch, ich
weiß es nicht), um jenes Loch zu stopfen und dadurch neuen Zufluß zu
hindern.
Bei jedem Schöpfen, das so viele Eimer zugleich taten, wurden vielleicht
fünfzig und mehr Kubikfuß Wasser -- erst aus den Kästen, dann tiefer aus
dem Schiffsraume hervorgefördert. In eben dem Maße nun, als durch diese
Erleichterung das Schiff wieder an eigener Hebekraft gewann, erlangten
auch die beiden Fahrzeuge, zwischen denen es in der Schwebe hing, ihre
verlorene Wirksamkeit wieder. Sie hoben sich vorn wieder; und so mit
einem Rucke brachten sie nun das Schiff glücklich in die Höhe, daß es
durch sich selber flott wurde und das Verdeck über Wasser zu stehen kam.
Jetzt konnten auch die Hanfgebinde an den Lastbändern aus dem Raume
hervorgelangt werden. Mit der erleichterten Ladung aber trat auch immer
mehr und mehr Bord hervor, bis endlich auch mein gehauenes Loch über dem
Wasser zum Vorschein gelangte und sonach mein Werk für abgetan gelten
konnte. Ich schlug also ein Kreuz darüber und ging, weil ich mich
trefflich abgemattet fühlte, in des Herrn Namen nach Hause, während mein
Freund Backer und der Schiffer das übrige besorgen mochten.
Einige Tage darauf ward ich abermals vor die Admiralität gefordert. Ich
fand dort die Herren Kaufleute, die mir vorerst ihren Dank für mein
glücklich gelöstes Versprechen bezeugten, dann aber auch sich für meine
angewandte Bemühung mit mir abzufinden wünschten. Auf meiner Rechnung,
die ich ihnen des Endes einreichte, standen bloß die beiden Bordinge,
die ich gebraucht hatte, jeder mit zwanzig Talern angesetzt, samt einer
Kleinigkeit für Abnutz an Tauen, Winden und anderen Gerätschaften, die
denn auch sogleich und ohne allen Anstand bewilligt wurden. Da ich
indes, was mich selbst betraf, keine Forderung machen wollte, so boten
sie mir ein Douceur von hundert preußischen Gulden, samt zehn Pfund
Kaffee und zwanzig Pfund Zucker. Ich nahm, was mir gegeben wurde, und
schenkte davon fünfundzwanzig Gulden für die Armen, um ihnen auch einmal
einen guten Tag zu machen.
* * * * *
Zu Ostern 1764 war ich endlich auch nach vieler Mühe und Sorge mit
meinem Schiffbaue im reinen. Das Gebäude und alles, was dazu gehörte,
war nun wohl ganz nach meinem Sinne geraten; aber Freude konnte ich
dennoch nur wenig daran haben, denn wie so ganz anders waren die Zeiten
geworden, seit ich in vorigem Jahre den Kiel dazu legte! Mit den guten
Zeiten für die Reederei hatte es ein plötzliches und betrübtes Ende
genommen. Ich will nicht sagen, daß ich auf lauter solche Frachten, wie
jene nach Riga, zu vierzig Rubel die Last, gerechnet hätte, allein noch
im Jahre zuvor standen die Frachten auf Amsterdam zu fünfundvierzig
holländischen Gulden und jetzt, wo beim Frieden in allen Verkehr eine
Totenstille eintrat, galt es Mühe, eine Fracht dahin um elf Gulden zu
finden. Erst im Oktober gelang es mir, auf den genannten Platz für
sechzehn Gulden abzuschließen.
Während nun mein Schiff in der Ladung begriffen war, kam ich eines Tages
von der Börse, um am Borde mit eigenen Augen nachzusehen. Das Schiff
hatte sich etwas vom Bollwerke abgezogen; dennoch dachte ich den Sprung
wohl hinüber zu tun, traf es aber so unglücklich, daß ich über ein
Ankertau stolperte und mir den rechten Fuß aus dem Gelenke fiel. Da lag
ich nun und mußte nach Hause getragen werden. Das Bein schwoll an und
während daran gezogen, gesalbt und gepflastert wurde, hatte ich die
grausamsten Schmerzen auszustehen. An ein Mitgehen mit meinem Schiffe,
wie ich es willens gewesen, war nun gar nicht zu denken. Aber _wen_
nunmehr in meine Stelle setzen?
Zum Steuermanne unter mir hatte ich einen gewissen Martin Steinkraus
angenommen, der zwar bereits selbst ein Schiff geführt, aber dabei eben
keine Ehre eingelegt hatte. Er war gleich mir ein geborner Kolberger und
mir von meinen übrigen Landsleuten, halb wider meinen Willen,
angebettelt worden. Jetzt, da ich im Bette lag, ward ich abermals mit
Fürbitten von allen Seiten dermaßen bestürmt, daß ich mich endlich in
einer unglücklichen Stunde betören ließ, diesem Menschen mein Fahrzeug
anzuvertrauen. An guten Ermahnungen und Instruktionen ließ ich es auf
keine Weise ermangeln. Auch gab ich ihm sofort zweihundert Gulden bar in
die Hände, um sich damit in Pillau frei in See zu bringen.
Desto verwunderlicher deuchte mir's, daß, als er kaum von Königsberg
abgegangen und drei Tage vor Pillau gelegen, das Kontor von Seif und
Kompagnie daselbst mir eine Anweisung von zweihundert Gulden
präsentieren ließ, welche mein Schiffer auf meine Rechnung bezogen
hatte. Gleich darauf war er Mitte November in See gegangen. Späterhin
kamen noch verschiedene ähnliche Assignationen, zusammen im Belaufe von
etwa dreihundert Gulden zum Vorschein, die er zum Teil bar aufgenommen,
zum Teil auf allerlei Schiffsbedürfnisse verwandt hatte, als ob er mit
lediger Tasche von mir gegangen wäre.
Alles dieses gestattete mir kaum noch einigen Zweifel, daß dieser Mensch
es auf Betrug abgesehen habe und mußten mir vollends die Augen aufgehen,
als ich, nachdem er anfangs Dezember den Sund passiert war, durch das
Haus von Dorß eine neue Assignation, lautend auf fünfundachtzig Taler,
empfing, die doch nur für Sundzoll und aufgelaufene Kosten verausgabt
worden sein konnten, ungeachtet ich aus Erfahrung wußte, daß ein Schiff
von der Tracht wie das meinige, dort nur zwölf bis fünfzehn Taler zu
zahlen haben könne.
Im Januar 1765 liefen Briefe aus Gotenburg an mich ein mit der
Hiobspost: Schiffer Steinkraus sei dort eingelaufen, habe die Einleitung
zu einer Havarie gemacht und zu dem Ende gleich anfänglich zweitausend
Gulden aufgenommen. Im Februar wiederum Briefe aus Gotenburg: Schiffer
Steinkraus habe sich genötigt gesehen, die zur Ausbesserung nötigen
Gelder bis auf sechstausend Gulden zu vermehren und sich auszahlen zu
lassen!
Jetzt ward mir der unsaubere Handel denn doch zu bunt! Wollte ich nicht
mit dem Stabe in der Hand mein Eigentum mit dem Rücken ansehen, so mußte
ich eilen, dem unverschämten Räuber durch meine persönliche Gegenwart
einen Zügel anzulegen. In dieser Absicht ging ich im März mit Schiffer
Martin Blank als Passagier nach Amsterdam ab, wo ich meinen Urian
entweder schon zu treffen, oder doch zu erwarten gedachte. Er hatte
aber gar nicht die Eile gehabt, die ich bei ihm voraussetzte, sondern
erst in den letzten Tagen des April, nachdem ich schon mehrere Wochen
nach ihm ausgesehen, ließ mir Schiffer Johann Henke von Königsberg, der
eben auch im Hafen lag, sagen: Steinkraus sei soeben angekommen und habe
mit dem Schiffe vor der Lage geankert. Jetzt verlor ich keinen
Augenblick, mich nach der Wasserseite zu begeben. Je üblere Dinge ich
ahnte, um so sorgfältiger hatte ich auch bereits im voraus meine
Maßregeln überlegt und mit meinen dortigen Korrespondenten, den Herren
Kock und van Goens, die erforderlichen Abreden genommen.
In der Ferne sah ich mein Schiff liegen, das mir durch die arglistige
Bosheit eines Taugenichts so teuer zu stehen kommen sollte. Ich ließ
mich durch einen Schuitenfahrer an den Bord desselben übersetzen, fand
aber beim Hinaufsteigen auf dem Verdecke keine lebendige Seele. Voll
Sinnens ging ich auf demselben einige Minuten lang umher, und indem ich
mir Masten, Taue, Segel, Anker -- alles die alten wohlbekannten
Gegenstände -- genauer darauf ansah, konnte ich mit steigender
Verwunderung immer weniger begreifen, was denn mit den aufgenommenen
ungeheuren Summen daran verändert oder gebessert worden.
Endlich kam der Schiffsjunge aus dem Kabelgat zum Vorschein und machte
trefflich große Augen, als er seinen Herrn und Meister so unverhofft
erblickte. Ich säumte nicht, den Burschen in ein näheres Verhör zu
nehmen; und nun erzählte er mir denn, halb aus Treuherzigkeit, halb aus
Furcht, mehr als mir lieb war und ich zu wissen verlangte. Sein Schiffer
samt den übrigen Leuten hatte sich sogleich nach der Ankunft im hellen
Haufen ans Land begeben. Der neue Steuermann (denn der von Königsberg
mitgegangene war -- ein Unglück mehr für mich! -- in Gotenburg
gestorben) befand sich nur noch allein an Bord und verzehrte in der
Kajüte sein Mittagsmahl. Dort suchte ich ihn mir auf, gab mich als
seinen Reeder zu erkennen und wechselte einige gleichgültige Worte mit
ihm, bevor ich nach dem Lande zurückfuhr. Er war auf keine Weise der
Mann dazu, mir die nähere Aufklärung, die ich brauchte, zu geben.
Da es nun aber einmal auf eine Überraschung abgesehen sein sollte, so
postierte ich mich, dem Schiffe gegenüber, am Bollwerke und beschloß,
hier geduldig zu warten, bis mein guter Freund, der dort notwendig
passieren mußte, in eigener werter Person zum Vorschein kommen würde.
Nach etwa zwei Stunden Harrens, die mir lang und sauer genug wurden,
erschien auch ein Trupp ganz wilder und besoffener Matrosen, in denen
ich unschwer mein Volk erkannte, und hinter ihnen her taumelte, in
keinem besseren Zustande, der Schiffer Steinkraus an mir vorüber.
Ich folgte ihnen und wartete bis zu dem Augenblicke, wo sie sämtlich in
die Schaluppe steigen wollten, um nach dem Schiffe überzusetzen. Hier
klopfte ich dem Schiffer unversehens auf die Schulter und rief:
»Willkommen in Amsterdam!« -- Er blickte hinter sich, ward starr wie
eine Bildsäule und auch so blaß, als er mich endlich erkannte. Ich
änderte indes nichts in meiner höflichen Gelassenheit, wie bitter mir's
auch ankam, meinen gerechten Groll zu verbeißen; denn ehe ich gegen ihn
losfuhr, wie er's verdient hatte, mußte ich mir erst seine Gotenburger
Havarierechnung haben vorlegen lassen, um zu wissen, ob und wie diese
gegen meine Assekurateurs zu rechtfertigen wäre, die in Amsterdam zur
Stelle waren und auf mein Schiff achttausend Gulden gezeichnet hatten.
Jene Havarie aber betrug, soviel mir vorläufig bewußt war, noch etwas
mehr sogar, als diese Summe.
Ich setzte mich nun, als ein schwerlich sehr willkommener Gast, mit in
das Boot und begleitete ihn an Bord. Unmittelbar darauf holten wir das
Schiff in die Lage zu den übrigen vor Anker, wo es, nach meinem Wunsche,
neben dem vorbenannten Henke zu liegen kam. Dies gab mir die
Bequemlichkeit, mich entweder an meinem eigenen Borde, oder bei diesem
meinem Freunde in der Nähe zu verweilen und gute Aufsicht zu halten,
während die Ladung gelöscht und das Schiff bis auf den untersten Grund
leer wurde. Hier vermißte ich denn nun zunächst achtzig eichene Planken,
die ich in Königsberg zum Garnieren des Schiffbodens mitgegeben hatte.
Wo konnten _die_ geblieben sein? Ich erhielt die Auskunft vom Schiffer,
daß sie in Gotenburg, zugleich mit der übrigen gelöschten Ladung, ans
Land gekommen und dort, ohne sein Wissen und Willen, vom Schiffsvolke
von Zeit zu Zeit beiseite gebracht und heimlich verkauft worden. Das
Volk hinwiederum wälzte alle Schuld von sich ab und behauptete, der
Schiffer selbst habe die Planken verkauft.
Nicht besser stand es um einen Schiffsanker von achthundert Pfund, der
mir auf meinem vorigen Schiffe und bei einer früheren Reise am Bollwerke
zu Pillau in einem Sturme zerbrochen worden. Da die beiden Stücke in
Königsberg nicht wieder zusammengeschmiedet werden konnten, so hatte ich
sie dem Steinkraus mitgegeben, um dies in Amsterdam bewerkstelligen zu
lassen. Aber auch dieser Anker war abhanden gekommen, und bei näherer
Untersuchung ergab sich's, daß er das größere Stück und die Matrosen das
kleinere an den Mann zu bringen gewußt und das Geld geteilt hatten.
Nunmehr kam die Reihe an die Gotenburger Papiere, die Havarie
betreffend, und da standen mir denn wahrlich die Haare zu Berge! Alles
befand sich in der greulichsten Unordnung, als ob es mit rechtem
Vorbedachte verwirrt worden sei, um jede klare Einsicht unmöglich zu
machen. Ich wußte nimmermehr, wie ich meinen Assekurateurs diese
Rechnungen vorlegen sollte, ohne daß sie sie von Anfang bis zu Ende für
nichtig erklärten. Selbst meinen Schuft beim Kopfe nehmen zu lassen, war
nicht ratsam, wenn ich jene Versicherer nicht selber in Alarm setzen
wollte, über gespielten Betrug bei der Havarie zu schreien und mich für
meine eigene Person in das böse Spiel zu verwickeln.
Allein desto sorgfältiger mußte ich zu verhindern suchen, daß der Bube
nicht heimlich das Weite suchte. Ich hatte ihn also bei Tag und Nacht
wie meinen Augapfel zu hüten und durfte ihn gleichwohl mein Mißtrauen
nicht merken lassen. Nichtsdestoweniger mußte sich's fügen, daß, als
ich zwei Tage später mit ihm die Börse besuchte, wo es immer ein dichtes
Gewimmel gibt, er mir unter den Händen entschlüpfte. Die Börsenzeit ging
zu Ende, aber kein Steinkraus war zu sehen! Meine schwache Hoffnung, daß
er sich an Bord begeben haben könnte, spornte mich ihm dahin nach, aber
sie schlug fehl. Er war und blieb für mich verschwunden.
War meine Lage vorhin schon kritisch, so schien sie nunmehr vollends
rettungslos. Ich hatte meinen Assekurateurs des Schiffers
Havarie-Rechnung notwendig vorlegen müssen, bei welcher sie, auch wenn
alles in bester Ordnung war, dennoch nur zu guten Grund hatten, den Kopf
zu schütteln und sich zu besinnen, ob sie zur Zahlung einer so enormen
Summe verpflichtet wären. Jetzt, da jener sich unsichtbar gemacht hatte,
wiesen sie jede Anforderung auf das bestimmteste zurück und verlangten,
daß ich ihnen vor allen Dingen den Schiffer, der die Havarie gemacht
hätte, zur Stelle schaffte, damit er selbst Rede und Antwort gäbe, denn
mit _ihm_ und nicht mit _mir_ hätten sie es zunächst zu tun. »Mein Gott!«
entgegnete ich, »wenn er nun aber ins Wasser gefallen und ertrunken
wäre?« Das könnte nur ein Kind glauben, war ihre höhnische Antwort, und
es schiene nun nicht, daß sie nötig haben würden, um dieser achttausend
Gulden willen den Beutel zu ziehen.
Dagegen war nun diese Summe auf das Schiff wirklich verbodmet, und die
gesetzliche Zeit bereits verflossen. Der Bodmerei-Geber verlangt sein
vorgeschossenes Geld, welches die Versicherer mit hinlänglichem Fug sich
zu zahlen weigerten. Ich befand mich im entsetzlichsten Gedränge, denn
was blieb mir übrig, als den Verkauf meines Schiffes geschehen zu
lassen, damit die Bodmerei gedeckt werden könne? -- Es schien unmöglich,
daß noch irgend etwas mich armen geschlagenen Mann aus diesem Unglücke
herausrisse!
So saß ich eines Tages im größten Herzenskummer in einem Wirtshause, wo
vor mir auf dem Tische ein holländisches Zeitungsblatt lag. In trübem
Sinnen nahm ich es unwillkürlich zur Hand, aber ich wußte selbst nicht
was ich las, bis meine Augen auf eine Anzeige fielen, des Inhalts: Es
sei zu Schlinger-Want (ungefähr eine Meile von Amsterdam, jenseits des
Y) ein ertrunkener Mann gefunden worden, dessen Kleidung und übrige
Kennzeichen zugleich näher angegeben wurden. Der Prediger des Ortes, von
welchem er dort begraben worden, forderte hier die etwaigen Angehörigen
dieses Verunglückten auf, der Kirche die wenigen verursachten
Begräbniskosten zu entrichten.
»Himmel!« dachte ich bei mir selbst, »wenn dieser Ertrunkene vielleicht
dein Steinkraus sei sollte!« -- Tag und Zeit und manche von den
angegebenen Merkmalen trafen mit dieser Vermutung gut genug zusammen.
Zwar konnte ich an seinem bösen Willen, mir zu entlaufen, nicht
zweifeln: allein wie wenn ihn nun sein erwachtes Gewissen zu einer
raschen Tat der Verzweiflung getrieben oder wenn Gottes rächende Hand
ihn schnell ereilt? Immer erschien mir sein Tod unter diesen Umständen
ein Glücksfall, und wie gerne glaubt man, was man wünscht? -- Es kostete
mir also auch wenig Mühe, mich zu überzeugen, daß hier von niemand
anders als von meinem entwichenen Schiffer die Rede sei; und dieses
Glaubens bin ich auch noch bis zur heutigen Stunde, da ich nie wieder in
meinem ganzen Leben auch nur die entfernteste Spur seines Daseins
aufgefunden habe.
Ließ sich nun auf die Art erweisen, daß der Mann, mit welchem meine
Assekurateurs einzig und allein ihren streitigen Handel ausmachen
konnten und wollten, nicht mehr unter den Lebendigen war, so mußten sie
seine Rechnungen annehmen, wie sie dalagen und standen, oder den klaren
Beweis über die Betrüglichkeit derselben führen, was ihnen schwer fallen
durfte. Ich als Reeder hingegen war nun befugt, mich buchstäblich an
meine Police zu halten und auf alle Entschädigung zu dringen. In der
_Form_ war dann das Recht auf meiner Seite, nur ob auch dem _Wesen_ nach --
darüber hatte ich bei mir selbst einige Bedenklichkeiten, die ich nicht
sofort loswerden konnte. Daß Steinkraus bei der Havarie mit Lug und
Trug umgegangen sein müsse, schien, wenn auch nicht klar erweislich,
doch nur zu glaublich. Meine eigne Hand und Gewissen war gleichwohl rein
und frei von jeder, auch der entferntesten Teilnahme an jeglichem
Unrechte. Hatte ich seiner Ehrlichkeit nicht selbst mein Gut und
Vermögen anvertraut? War ich nicht selbst von ihm schändlich betrogen
worden? Konnte _ich_ ausmitteln, wie groß oder klein der Betrug sein
möchte, den er in Gotenburg gespielt? Und _wem_ konnte und sollte es
dennoch zukommen, den Schaden desselben zu tragen?
Es mag vielleicht Moralisten geben, die imstande sind, Haare zu spalten
und Recht und Unrecht auf der Goldwage abzuwägen. Ich gestehe, daß ich
dies in meiner Einfalt nicht vermag und auch damals nicht vermochte; --
ja, _damals_ vielleicht noch weniger, da Glück und Fortkommen in der
Welt an meinem Entschlusse hingen und mein Gemüt ungestüm bewegt war.
Doch wollte ich keinen Schritt in dieser Sache tun, ohne mich mit meinem
wackeren und verständigen Freunde, dem Schiffer Johann Henke, beraten zu
haben. Auch er schüttelte dabei anfangs den Kopf und äußerte mancherlei
Bedenken, bis ich ihm meine Gründe und meinen Glauben näher
auseinandersetzte, wo er mir dann endlich beistimmte und seinen treuen
Beistand verhieß. Das Urteil eines so rechtlichen Mannes war bei mir von
entscheidendem Gewichte.
Wir entschlossen uns demnach, sofort in meinem Boote nach Schlinger-Want
hinüberzufahren und den Ortsprediger aufzusuchen. Indem ich diesem nun
das Zeitungsblatt vorzeigte, machte ich ihm meine Anzeige, daß jener
ertrunkene Mann, nach den angegebenen und von mir noch näher bestimmten
Kennzeichen, mein Schiffer gewesen, und wie ich in der Absicht käme, ihm
die aufgewandten Begräbniskosten dankbarlich zu vergüten. Diese
letzteren nun, welche einundzwanzig Gulden betrugen, wurden sofort
entrichtet und freundlich angenommen, wogegen ich eine Quittung in Form
eines Totenscheines erhielt und nunmehr getrost meines Weges ging.
Gleich am anderen Tage nun wandte ich mich auf der Börse an meinen
Schiffs-Makler, Herrn Schwartwant, durch dessen Vermittelung mein
Geschäft mit den Assekurateurs war betrieben worden. »Nun sehen Sie, wie
richtig meine Vermutung eingetroffen ist,« sagte ich, indem ich ihm
meinen Schein vorzeigte. -- »Der Steinkraus hat wirklich seinen Tod im
Wasser gefunden. Seien Sie nun so gütig den Herren davon Mitteilung zu
machen und anzufragen, was sie nunmehr in der Sache tun oder lassen
wollen?« -- Das ganze Gesicht des Mannes nahm sofort eine fröhliche
Miene an. »Ich gratuliere Ihnen, lieber Kapitän Nettelbeck,« rief er mit
einem Händedruck. -- »So mißlich Ihr Spiel bisher stand, so halte ich es
doch von jetzt an gewonnen.«
Nun ging er stehenden Fußes, um die beiden Herren Versicherer im
Börsengewühle auszusuchen, während ich ihm von ferne folgte. Bald auch
stieß er auf einen von ihnen, dem er mein Dokument mitteilte, indem er
es mit einem angelegentlichen Vortrage begleitete. An der ganzen
Physiognomie und Gebärdung des anderen nahm ich wahr, wie ihn diese
Nachricht überraschte, aber auch, daß er wohl geneigt sein möchte,
gelindere Saiten aufzuziehen. Dies bestätigte mir der Makler, indem er
mir den Vorschlag brachte, morgen auf der Stadt-Herberge einer Konferenz
beizuwohnen, wozu ich mir dann einen Assistenten mitbringen möchte.
Zu diesem Beistande konnte ich wohl keinen erfahreneren und geachteteren
Mann erkiesen, als meinen alten Patron, den Kapitän Joachim Blank, mit
welchem ich vormals wiederholte Reisen nach Surinam gemacht und der sich
hier jetzt zur Ruhe gesetzt hatte. Er fügte sich auch freundlich meiner
Bitte; und so erschienen wir zur bestimmten Zeit am gemeldeten Orte,
während auch meine Gegenparteien beiderseits samt einem anderen
Schiffskapitän und einem Advokaten zugegen waren. Nach einigem Hin- und
Widerreden und Streiten kam es denn auch endlich zu einem Vergleiche,
dessen Billigkeit wir samt und sonders erkannten. Ich ließ nämlich die
Hälfte meiner Forderung nach und zeichnete viertausend Gulden
Bodmeierei auf mein Schiff, wogegen meine Herren Assekurateurs die
andere Hälfte mit gleicher Summe an die Bodmerei-Geber in Gotenburg
abzuzahlen auf sich nahmen.
* * * * *
So kam ich bei diesem schlimmen Handel noch mit einem blauen Auge davon,
behielt mein Schiff als freies Eigentum und konnte damit fahren nach
Lust und Belieben, um meine Scharte wieder auszuwetzen. Ich beschloß mit
Ballast nach Noirmoutiers abzugehen, dort eine Ladung Salz für eigene
Rechnung einzunehmen und in Königsberg loszuschlagen. Zum Ankaufe jener
Ware wollten mir meine Amsterdamer Korrespondenten, die schon genannten
Herren Kock und van Goens, gegen Bodmerei auf Schiff und Ladung die
Gelder in Frankreich formieren.
Ehe ich jedoch zum Werke schreiten konnte, hatte ich zuvor noch reine
Rechnung mit meinem Schiffsvolke zu machen, welches, außer dem neu
hinzugekommenen Steuermanne und einem Jungen, aus sechs Matrosen
bestand. Dies verwilderte Gezücht hatte nicht minder gottlos gelebt und
hausgehalten, als der nichtsnutzige Schiffer selbst; und weil auch _er_ in
keinen reinen Schuhen steckte, hatte er's ihnen nicht abschlagen dürfen,
während der Reise Vorschuß über Vorschuß zu zahlen. Dabei waren auch
hierin seine Papiere so konfus, daß ich darnach den eigentlichen Betrag
ihrer aufgenommenen Gelder auf keine Weise ausmitteln konnte. Auf jeden
Fall aber waren sie so beträchtlich, daß sie sie in Jahren und Tagen
nicht wieder abverdienen konnten.
Hier blieb mir nun nichts übrig, als bald den einen bald den anderen
besonders vorzunehmen, sie durch gute Worte treuherzig und kordat zu
machen, und dann wieder auch durch unversehene Zwischenfragen in die
Klemme zu nehmen, so daß stets ein Spitzbube den andern verriet. Allein
ebensowenig als sie gegen _mich_ reinen Mund gehalten, konnte es unter
ihnen selbst auf die Länge ein Geheimnis bleiben, wie ich es darauf
anlegte, ihnen hinter die Schliche zu kommen. Sie hielten es demnach
nach einer gemeinschaftlichen Beredung für das Geratenste, mir allesamt
auf einmal zu entlaufen, und diesen Vorsatz führten sie auch des anderen
Tages richtig aus; doch nicht, ohne daß ich es sogleich erfahren und
auch den Ort am Lande entdeckt hätte, wo sie sich aufhielten.
Dahin verfügte ich mich augenblicklich mit Gerichtsdienern und traf auch
glücklich das ganze Nest beisammen, wo sie dann mit Gewalt aufgehoben
und an Bord meines Schiffes begleitet wurden. Am besten hätte ich
freilich getan, sie laufen zu lassen; allein so wenig sie auch übrigens
taugten, so waren sie doch erfahren und tüchtige Kerle zur Arbeit, die
hier in der Geschwindigkeit nicht wohl durch andere zu ersetzen waren.
Zudem hoffte ich, daß wenn ich mich ihrer nur bis zur wirklichen Abfahrt
versichern könnte, ich sie wohl wieder zu Zucht und Ordnung herumbringen
wollte.
Mit diesem Plane beschäftigt, nahm ich also einige Matrosen von den
neben mir liegenden Schiffen für Tagelohn zu Hilfe, um sofort die Anker
zu lichten und von Amsterdam nach der Bucht bei Dirkerdam abzusegeln,
die etwa eine Meile von dort entfernt liegt. Hier warf ich aufs neue
Anker, entließ meine gemieteten Matrosen und hoffte, daß ich's nunmehr
den meinigen schwer genug machen wollte, von Bord zu kommen, um
ihretwegen auch in meiner Abwesenheit wohl sicher zu sein. Denn ich
konnte es nicht vermeiden, für meine Person des nächsten Tages noch
einmal nach dem verlassenen Hafen zurückzukehren, um neben meiner
Ausklarierung noch eine Menge anderweitiger Geschäfte zu besorgen und
einen Lotsen mitzubringen.
Vor der Abfahrt übergab ich dem Steuermann mein verdächtiges Volk in
besondere sorgfältige Aufsicht. Das Boot ließ ich aufs Deck setzen und
anschließen, damit sich dessen niemand bedienen könne, und mein
Stellvertreter sollte nicht vom Deck weichen und die Nacht kein Auge
schließen, um überall gleich bei der Hand zu sein, bis ich mit dem
frühen Morgen mich wieder an Bord zeigen würde. Dann versammelte ich
die Ausreißer und stellte ihnen Himmel und Hölle vor, und wie schändlich
sie handeln würden, Vater und Mutter und Freunde auf Nimmerwiedersehen
im Stiche und sich zu Hause nie wieder dürfen blicken zu lassen.
Zugleich versicherte ich ihnen, daß meinerseits alles Vorgegangene
vergeben und vergessen sein und selbst ihre, vom vorigen Schiffer
empfangene Vorschüsse in den Schornstein geschrieben sein sollten. Das
alles schienen sie auch zu Herzen zu nehmen und versprachen mir eine
gebührliche Aufführung.
Nunmehr rief ich eine vorbeifahrende Schuite an, die nach Amsterdam
ging, und ließ mich von derselben an Bord nehmen. Es war nachmittags um
drei Uhr, und des nächsten Morgens um acht Uhr befand ich mich, nach
beendigten Verrichtungen, bereits wieder auf dem Rückwege und im
Angesichte meines Schiffes. Es nahm mich sofort wunder, daß ich kein
Boot darauf erblickte. Ebensowenig sah ich eine menschliche Seele auf
dem Verdecke. Ich sprang endlich selbst hinauf, und mit steigender
Bestürzung fand ich die Tür der Kajüte von außen mit einem Brecheisen
gesperrt. Auf mein Rufen keine Antwort. Nun riß ich die Tür mit Gewalt
auf, da lag mein Steuermann, mehr tot als lebendig, auf dem Boden längs
ausgestreckt.
Stöhnend erzählte er mir, was während meiner Abwesenheit vorgegangen.
Gleich nach meinem Abgange hatte er an dem Zusammenstecken der Köpfe und
dem heimlichen Flüstern unter den Leuten deutlich wahrgenommen, daß sie
etwas im Schilde führten. Endlich waren sie zu ihm herangetreten, um ihm
zu erklären, daß sie mit dem Boote ans Land zu gehen verlangten; wollte
er sich's beikommen lassen, bei den Vorüberfahrenden um Hilfe zu rufen,
so gedächten sie ihn über Bord zu werfen und wie einen Hund zu ersäufen.
Gleichwohl hatte er, mit Abmahnen, Drohen und endlich mit lautem Rufen
über zugefügte Gewalt, getan, was seine Pflicht von ihm forderte; war
aber auch augenblicklich von den Bösewichten ergriffen, geknebelt,
gestoßen, geschlagen und mit verstopftem Munde trotz allem Sträuben in
die Kajüte gesperrt worden, worauf sie sich des Bootes bemächtigt und
davongemacht hatten.
In dieser ganzen Zeit nun hatte der arme zerschlagene Mann vor Schmerz
und Ermattung sich kaum zu regen vermocht. Wie mir dabei zumute war, mag
man sich leichtlich vorstellen. Das Schiff hier auf offener Reede vor
Anker, kein Volk an Bord, der Steuermann krank und keines Gliedes
mächtig, mein Boot geraubt.
Was war zu tun? Ich mußte mich entschließen, das Schiff unter der
unzulänglichen Aufsicht des kranken Mannes zu lassen, um sowohl ihm
selbst ärztliche Hilfe, als mir eine neue Mannschaft zu verschaffen.
Also ging mein Weg nochmals nach Amsterdam, wo ich andere sechs Matrosen
und einen Jungen, wie sie mir zuerst in den Wurf kamen, heuerte, dann
einen Lotsen nahm und einen Wundarzt aufsuchte, der mir den Steuermann
verbinden und bepflastern und sagen sollte, ob dieser die Reise ohne
Lebensgefahr werde mitmachen können. Nachdem ihm der Doktor die Glieder
etwas zurechtgesetzt und ihn mit Medikamenten reichlich versehen hatte,
war jener der Meinung, es solle weiter keine Gefahr haben, wenn er sich
nur schonen wolle, und nahm seinen Abschied.
Ich machte mich darauf mit meinem neuen Schiffsvolke an die Ankerwinde,
um unter Segel zu gehen. Da sah ich denn nun klar, was für schlechten
Kauf ich gemacht hatte. Nur zwei waren befahrene Matrosen, während die
übrigen kaum wußten, was auf dem Schiffe hinten oder vorn war. Wahrlich,
mir graute innerlich, die Reise anzutreten. Mein bestes Vertrauen mußte
ich in mich selbst und in die günstige Jahreszeit setzen, denn es war
jetzt zu Anfang Mai, da ich aus dem Texel lief. In der Mitte des Monats
kam ich vor Noirmoutiers glücklich vor Anker.
* * * * *
Hier fand ich drei Schiffe vor, deren Kapitäne zu meinen guten Freunden
gehörten, nämlich Neste, mit einem Dreimaster aus Danzig, und Fries und
Jantzen, beide Königsberger. Alsbald kamen sie sämtlich zu mir an Bord,
allein so willkommen sie mir selbst waren, so unerwünscht war mir die
Zeitung, daß schon sie drei Frühergekommenen hier ihre Ladung an Salz
nicht völlig aufzubringen vermöchten, und gleichwohl das Muid mit
fünfundachtzig Livres aufwiegen sollten. Nach längerer Beratschlagung
fanden wir es für das dienlichste, uns nach den nächstgelegenen
Salzhäfen Croisic, Bernif und Olonne zu verteilen, um anderswo, wenn
möglich, besseren Markt zu finden, wobei das Los entscheiden sollte, wer
hier zu bleiben und wohin ein jeder in seinem Boote zu gehen und
vorläufig seinen Handel für alle abzuschließen hätte; letzteres jedoch
nur mündlich, damit jeder Gelegenheit behielte, an dem wohlfeilsten
Preise teilzunehmen.
Als nun die Lose gezogen wurden, traf mich die Fahrt nach Croisic,
welche nicht nur die weiteste (da die Entfernung von Noirmoutiers zehn
bis zwölf Meilen beträgt), sondern auch die gefährlichste war; denn sie
geht durch den offenen Ozean, ohne durch Vorgebirge oder Inseln
geschützt zu sein. Mein im Texel neu angeschafftes Boot stand auf Deck
und ward nun sofort über Bord gesetzt, allein sowie es das Wasser
berührte, drang dieses auch zu allen, durch die lang ausgestandene Hitze
ausgetrockneten Nähten hinein. Es schien unmöglich, mich in diesem
Zustande hineinzuwagen! Aber schon sah ich meine Freunde Neste und Fries
in ihren Fahrzeugen abstoßen, um sich auf ihre ihnen zugefallenen Posten
zu begeben. Ich zitterte vor Ehrbegierde, ihnen in Pünktlichkeit nicht
nachzustehen!
Nun hatte ich außer jenem Boote noch eine kleine fichtene, sogenannte
Berger Jölle. Flugs sah ich sie mir darauf an, ob sie mich in diesem
Falle der Not nicht ebensowohl nach Croisic sollte tragen können? --
Wozu längeres Bedenken? Es mußte gewagt sein! -- Ich ließ Mast und
Segel auf ihr einrichten und bestieg sie mit zwei Mann. Um mir jedoch
nicht offenbar ein Tollmannsstückchen zuschulden kommen zu lassen,
wollte ich es zuvor auf eine kleine Probe anlegen, segelte vom Schiffe
abwärts, legte bei, machte diese und jene Wendungen und bestärkte mich
solchergestalt in meiner Zuversicht, daß ich nichts Unmögliches wagte.
Eiligst versah ich mich nun noch an Bord mit einem durchgeschnittenen
halben Oxhoft, welches ich zum sicheren Reisebehälter für einen Kompaß,
Brot, Fleisch, einige Flaschen Wein und Branntwein und andere kleine
Bedürfnisse bestimmte. Noch nahm ich einen Bootsanker, ein Tau und drei
Regenröcke für uns ein, und so versehen trieb ich meine beiden Gefährten
zum Einsteigen, rief ein herzhaftes: »Nun, mit Gott!« und stieß ab. Zwar
ward mir's, ehe wir noch fünfzig Klafter gesegelt waren, hell und klar,
daß ich meine Jolle mit all den Siebensachen zur Ungebühr überladen und
daß ich den dümmsten Streich in meinem ganzen Leben begangen hatte, drei
Menschenleben in die augenscheinlichste Gefahr zu setzen; aber sollte
ich mir die Schande antun, noch einmal umzukehren? -- Lieber wäre ich
dem Tode in den offenen Rachen gesegelt!
Bis ich um die kleine Insel Piquonnier herumkam, ging auch alles gut.
Hier aber rollte mir die spanische See von der Seite her in langen und
hohen Wogen mächtig entgegen; der steife Wind stand von dorther gerade
aufs Land und es sah ganz danach aus, daß wir hier mit Gemächlichkeit
ersaufen könnten. Gleichwohl hätte man alles von mir fordern können, nur
nicht, daß ich hier noch umsatteln sollte. »Du willst der Gefahr
standhalten!« sagte ich zu mir selbst und faßte mein Steuer nur noch
fester in die Faust.
Nach vier oder fünf Stunden begann indes der Einbruch der Nacht, und mit
der Dunkelheit schien auch der Wind mehr Stärke zu gewinnen. Keiner von
uns sprach ein Wort, aber meine Matrosen drängten sich immer näher an
mich, der ich am Ruder saß und die Schote des Segels zugleich in der
Hand gefaßt hielt. Allmählich fingen die beiden rohen Kerle, ergriffen
vom Gefühl ihrer Lage, bitterlich an zu weinen. Ihre Todesangst ließ
mich nicht ohne Mitgefühl, denn wie konnte ich die Schuld von mir
abwälzen, ihnen samt mir durch meinen unzeitigen Ehrgeiz dieses nasse
Grab gegraben zu haben? -- Ich sagte ihnen zu ihrer Beruhigung, ich
wolle vom Winde abhalten und, da wir an der Mündung der Loire schon
vorüber wären, in die ich uns sonst geflüchtet haben würde, geradezu auf
das Land steuern. Dort würde es freilich eine hohe Brandung geben, daher
sie, sobald wir in diese hineingerieten, sogleich zu beiden Seiten der
Jölle ins Wasser springen, sich an ihren Bord hängen und, sobald sie
Grund unter den Füßen fühlten, das Fahrzeug mit der Spitze scharf gegen
den Strand halten müßten, damit es nicht in die Quere unter die See
käme. Wenn dann die letzten Sturzwellen vom Ufer zurückrollten und den
Boden trocken lassen wollten, hätten sie sich mit aller Macht
entgegenzustemmen, damit nicht auch das leichte Boot mit zurückgespült
würde. Alles das und noch mehreres band ich ihnen fest auf die Seele und
sie gelobten auch, es treu zu beobachten. Es kam aber anders.
Um ihnen nun Wort zu halten, steuerte ich gerade auf die Küste. Die
Jölle schoß wie ein Pfeil durch die Wogen und nach einer guten halben
Stunde drang uns auch schon das schreckliche Gebrüll der Brandung in die
Ohren. Nun sahen wir angestrengt vor uns hin nach dem weißen Schaume;
allein die Nacht ward so finster und unser Fahrzeug flog so schnell, daß
wir uns plötzlich mitten darin befanden. Ehe wir uns auch nur besinnen
konnten, erblickten wir kurz hinter uns den beschäumten Kamm einer Woge,
die sich bis zur Höhe unseres Mastes aufbäumte, dann brausend über uns
niederschoß und uns zu unterst zu oberst in ihren Abgrund mit sich
fortriß.
Nun trat die See für ein paar Augenblicke zurück; ich bekam den Kopf in
die Höhe und die Füße spürten Grund. Ehe die nächste brandende Welle
wiederkehrte, hatte ich meine Sinne glücklich gesammelt; ich hielt
stand, und da sie mir diesmal nur bis unter die Arme reichte, so eilte
ich guter Dinge dem Strande zu, wo ich mich in weniger als einer Minute
in voller Sicherheit befand. Meine beiden Gefährten hatten ebenso gutes
Glück. Wir fanden uns bald wieder zusammen, nur unsere Jölle war wieder
mit in die See gerissen worden, bis sie endlich mit dem Kiel nach oben
plötzlich an Land trieb. Aber alles, was darinnen gewesen war, ging uns
verloren, ohne daß wir in der Dunkelheit etwas davon aufzufischen
vermochten. Wir mußten uns also begnügen, unser Fahrzeug am Strande so
hoch hinaufzuziehen, daß es gesichert war, von den Wellen nicht mehr
erreicht zu werden.
Hierauf gingen wir landeinwärts, um zu Menschen zu kommen, sahen auch
aus der Ferne ein Licht schimmern, auf welches wir freudig zutrabten und
wo wir dann bei einem Bauern übernachteten und uns trockneten. Morgens
begaben wir uns samt unserem Wirte nochmals zum Strande zurück, um nach
unserer Jölle und dem verlorenen Gepäcke zu sehen. Jene fanden wir noch
auf ihrer alten Stelle; aber auf dieses mußten wir, zu unserm Verdrusse,
völlig verzichten. Zwar auch mit unserem Fahrzeuge gerieten wir in
Verlegenheit, da die See noch nicht wieder fahrbar geworden, bis unser
Bauer, dem ich mich durch einen meiner Matrosen verständlich machen
konnte, uns aus der Verlegenheit half. Wir hatten bereits erfahren, daß
wir uns hier anderthalb Meilen von Pollien (ebenfalls ein Salzhafen, wie
das noch zwei Meilen weiter entfernte Croisic) befänden, und dahin erbot
er sich, gegen gute Bezahlung, unser Puppenfahrzeug über Land zu
transportieren, indem er es zwischen zwei seiner Esel hinge.
Wirklich hielten er und seine Esel redlich Wort! In dem lustigsten und
niegesehenen Aufzuge zogen wir zu Pollien ein, und die ganze Stadt lief
über dem seltsamen Schauspiele zusammen. Meine erste Erkundigung war
sofort nach dem angesehensten Salzhändler des Ortes. Man nannte mir
einen Kaufmann, namens Charault, und während ich zu ihm hineinging, ward
die Jölle vor seiner Türe niedergelassen. Meine Aufnahme war freundlich;
auch brachte ich sogleich eine Unterhandlung wegen des gesuchten Salzes
in Gang, wobei es zu dem Ausschlage kam, daß ich volle Ladung für alle
vier Schiffe, das Muid zu vierundfünfzig Livres, akkordierte und zwar
dortigen Gemäßes, welches noch um fünf Prozent größer ist, als auf
Noirmoutiers. Ich durfte mir also schmeicheln, einen vorteilhaften
Handel abgeschlossen zu haben.
Nun ging meine nächste Sorge dahin, mein Boot wieder zuzutakeln und
meine Rückfahrt damit anzutreten. »Wie? In _der_ Nußschale?« fragte Herr
Charault, indem er es von allen Seiten verwundert ansah. »Lassen Sie das
Dingelchen hier in Gottes Namen stehen, bis Sie mit Ihrem Schiffe
kommen, es abzuholen. Ich gebe Ihnen meine Barke, die Sie mir dann ja
wieder mitbringen können.« -- Der Vorschlag war aller Ehren wert; allein
dann wäre ich dem Manne fester verbunden gewesen, als ich wünschte,
falls meine Freunde anderwärts vielleicht noch besser gemarktet haben
sollten. Also schlug ich diese Güte dankbar aus und setzte mich, zwei
Tage später, mit meinen Leuten guten Mutes wieder in die _Nußschale_, wie
er's genannt hatte. Dadurch gab ich nun zwar den Müßiggängern im Orte
ein neues Schauspiel, indem sie sich zu Hunderten auf den Sunddünen
sammelten, um uns abfahren zu sehen; allein das Wetter war schön, der
Wind günstig, und Noirmoutiers nach einer ruhigen Fahrt von zwölf bis
vierzehn Stunden glücklich wieder erreicht.
Hier waren die beiden andern Abgeschickten schon vor mir angelangt und
alles hatte uns so gut wie verloren gegeben. Daher mischten sich in
ihren herzlichen Willkomm zugleich auch heftige Vorwürfe über meine
Tollkühnheit, die sie sehr richtig dem wahren Grunde zuschrieben und
worauf ich freilich nur wenig zu erwidern hatte, da ich vollkommen
fühlte, wie sehr sie verdient waren. Bei alledem hatte ich doch, wie
sich's nunmehr ergab, das vorteilhafteste Geschäft gemacht; nur waren
die beiden Königsberger, da sie mich nicht mehr rechneten, kurz zuvor in
Noirmoutiers eine neue Verbindlichkeit eingegangen, wodurch sie dort
zurückgehalten wurden, wiewohl sie das Muid mit achtzig Livres zu
bezahlen genötigt waren. Und doch schlug diese Trennung wiederum zum
Glücke für mich aus, denn als ich nun mit Kapitän Neste in Pollien
anlangte, konnte Herr Charault kaum uns beide befriedigen. Ich zwar, als
der erste, ward schnell genug befrachtet, dagegen aber mußte jener noch
die nächste Springflut und das darauf folgende Salzerzeugnis abwarten,
um seine volle Ladung zu bekommen.
* * * * *
Unterm 12. Juni schrieb ich nunmehr an meine Korrespondenten, die Herren
Kock und van Goens in Amsterdam, daß ich heute mit der Ladung meines
Schiffes begänne und ihnen auftrüge, die Assekuranz auf dasselbe zu
achttausend holländischen Gulden, für die Salzladung aber mit
zweitausend Gulden, von hier auf Königsberg zu besorgen. Sechs Tage
später wiederholte ich diese nämliche Order, mit dem Beifügen, daß ich
bereits segelfertig läge und nur auf einen günstigen Wind wartete. Zum
Überflusse aber ließ ich auch noch am 22. Juni ein drittes Avis abgehen,
worin ich mich auf meine früheren Schreiben bezog und die geschehene
Versicherung von Schiff und Ware als besorgt voraussetzte, oder auch
neuerdings dringend aufgab, indem ich in diesem Augenblicke bereits in
See sei und bloß zu größerer Sicherheit noch an mein Verlangen erinnern
wolle.
Indes überfiel mich bereits am 24. Juni ein so harter Sturm, daß ich nur
vor einem kleinen Sturmsegel unterm Winde liegen konnte. Eine besonders
schwere Sturzwelle zertrümmerte mein Steuerruder acht Fuß über dem
unteren Ende, so daß von diesem Augenblicke an alles Steuern damit ein
Ende hatte und auch in offener See an kein Ausbessern zu denken war. Um
gleichwohl das Schiff nach Möglichkeit bei einem regelmäßigen Gange zu
erhalten, suchte ich es mit den Vorder- und Hintersegeln zu zwingen.
Indem aber der Wind geradezu aufs Land stand, ward meine Lage dadurch
noch wesentlich verschlimmert; denn nun war ich genötigt, Segel über
Segel aufzusetzen, um nur das Schiff hart an den Wind zu halten und vom
Strande ferne zu bleiben. Demungeachtet liefen wir, des Schiffes nur
unvollkommen mächtig, bald in den Wind, bald wieder fielen wir vor den
Wind, und da wir eine solche Menge Segel machen mußten, so bekamen auch
Stangen und Masten schier über ihre Kräfte zu tragen.
Wirklich geschah auch gar bald, was ich gefürchtet hatte, denn mit einer
schweren Buy (Stoßwind), die sich plötzlich erhob, brach der große Mast,
acht oder zwölf Fuß überm Deck, entzwei und stürzte samt der ganzen
Takelage über Bord, und nicht nur das allein, sondern dies ganze Gewirre
von Rundhölzern -- Mast, Stangen und Raaen -- stieß nun auch
unaufhörlich und mit solcher Macht gegen die Seiten des Schiffes, daß
wir uns auf dem Verdecke kaum stehend erhalten konnten und jeden
Augenblick erwarten mußten, Planken und Fütterung zertrümmert zu sehen.
Nichts blieb übrig, als schnell alles Tauwerk, das mit dem gestürzten
Maste noch zusammenhing, zu kappen, um loszukommen.
Eigentlich aber hob unsere wahre Not jetzt erst an, da unser
schwerbeladenes Schiff gleich einem Klotze auf dem Wasser trieb -- ein
Spiel der Wellen, die sich unaufhörlich drüber hin brachen und uns
überspülten. Selbst die Kajüte schwamm beständig voll Wasser; unsere
Lebensmittel wurden naß und unsere Ladung hatte kaum ein besseres
Schicksal zu erwarten, da wir das eindringende Wasser mit beiden Pumpen
kaum zu bewältigen vermochten. Über dies alles trieben wir
augenscheinlich immer näher dem Lande zu, indem wir nachts um elf Uhr
bereits in einer Tiefe von vierzig Faden Grund fanden. Ungesäumt ward
jedoch der Anker ausgeworfen und ich ließ das Ankertau hundert Faden
nachschießen. Nun lag das Schiff bequem gegen die hohe See, wie eine
Ente, die auf ihrem Teiche schwimmt, und der Sturm ward glücklich
ausgehalten.
Des andern Tages, sobald das Wetter sich abgestillt hatte, hoben wir
unser Bugspriet aus, befestigten es, sogut es gehen wollte, an dem
Stumpf des abgebrochenen Mastes, takelten diesen Notmast nach
Möglichkeit zu und zogen daran ein paar Segel auf, die wir noch in
Vorrat besaßen. Der Wind hatte sich gedreht und blies aus Ostsüdost,
längs dem Lande hin, so daß wir hoffen durften, uns von diesem zu
entfernen. Um aber auch das mangelnde Steuerruder durch irgend etwas zu
ersetzen, ließ ich ein Ankertau, vom Hinterteil hinaus, etwa zwanzig
Klafter lang an einem großen Klotze treiben, und indem von vorne
gleichfalls an jeder Seite ein Tau mit diesem Klotze zusammenhing, ließ
sich das Schiff daran zur Notdurft links oder rechts umholen, obwohl
freilich nicht daran zu denken war, mittels eines so unzulänglichen
Behelfs einen ordentlichen Kurs zu halten. Vielmehr trieben wir bei
anhaltendem Ostwinde, auf Gottes Gnade, immer weiter in die spanische
See und auf das atlantische Meer hinaus, und erkannten es für unser
größtes Glück, daß wir noch ein dichtes Schiff behalten hatten.
In der Tat kann man sich unsere Lage nicht mißlich genug denken. Leben
und Seele war gleichsam aus unserm Schiffe gewichen. Jeder Veränderung
des Windes preisgegeben, trieben wir hierhin und dorthin auf dem
unermeßlichen Ozean. An eine Berechnung von Kurs und Distanzen war gar
nicht mehr zu denken. Zwar gaben mir meine Beobachtungen an Sonne und
Sternen zuzeiten die Breitengrade an, unter welchen wir uns befanden;
allein über unsere Länge war auch nicht einmal eine ungefähre Schätzung
anzustellen, noch weniger richtige Rechnung zu führen. Es war aber
sicher genug, daß wir uns in weiter Entfernung von allen europäischen
Küsten befinden mußten, da die Winde meist östlich und südlich waren.
Auch erblickten wir während dieses ratlosen Umhertreibens nur zweimal
ein fremdes Segel; zuerst ein englisches und demnächst ein schwedisches
Schiff, welche zwar beide uns beizukommen suchten, aber durch das
schlechte Wetter daran verhindert wurden. Sie gereichten uns also zu
keiner Hilfe, sondern mußten sich begnügen, uns durch das Sprachrohr zu
beklagen und besseres Glück zu wünschen. Doch gewährte uns dieses
Zusammentreffen den Trost, daß sie uns ihre beobachtete Länge
mitteilten, so daß wir uns doch einigermaßen belehrten, auf welchem
Punkte des Erdballes wir uns befänden.
Schon hatten wir auf diese Weise sechs Wochen lang nutz- und hilflos auf
dem Weltmeere umhergekreuzt, als uns, unter der am 2. August
beobachteten nördlichen Breite von achtundfünfzig Grad dreiunddreißig
Minuten (so hoch hinauf nach Norden waren wir verschlagen) ein
gewaltiger Sturm aus Südwesten ereilte. Am 6. August sprang der Wind
nach Westen um und das Wetter ward so furchtbar, als ich es je erlebt
habe. Alle unsere andere Not und Gefahr aber ward noch durch die
Besorgnis vermehrt, daß wir bei Nacht gegen die Lewisinseln und die dort
zahlreich umherliegenden Klippen geworfen werden könnten. Diese Furcht
schwand erst dann, als wir uns am 9. August mitten zwischen den
orkadischen Inseln und im Angesichte von Fairhill erblickten. Da auch
zugleich der Wind nach Nordwesten ging und kräftig zu blasen fortfuhr,
so wuchs uns der Mut, daß wir unser Schiff nach Ostsüdost zu treiben
zwangen, um die norwegische Küste zu erreichen und dort Hilfe zu finden.
Am 13. trat uns diese gewünschte Küste auch wirklich zu Gesicht und am
folgenden Tage abends kamen wir ihr so nahe, daß wir deutlich die
zahllosen, teils emporragenden, teils blinden Klippen vor uns erkannten,
an welchen die tobende See hoch in die Lüfte zerschäumte. Dieser Anblick
schlug unsere Freudigkeit um ein großes nieder, ja diese verwandelte
sich gar bald in eine peinliche Todesangst, da wir die Unmöglichkeit
fühlten, unser unlenksames Schiff davon abzusteuern.
Doch nicht Untergang, sondern Rettung hatte der gütige Himmel diesmal
über uns beschlossen! Mitten zwischen den grausigen steilen
Klippenwänden trieb unser Schiff, wie von unsichtbaren Händen gelenkt,
hindurch in eine Bucht, wo ich Ankergrund und stilles Wasser fand. Es
war abends um neun Uhr, als ich hier den Anker fallen ließ und nun erst
mit voller Besinnung an die schreckliche Vergangenheit zu denken
vermochte, der wir, in einem Fahrzeuge ohne Mast und Ruder, auf einem
unermeßlichen Irrwege, unter Hunger, Durst, allem nur erdenklichen
Drangsal und stetem Todeskampfe, nach sieben ewig langen Wochen endlich
glücklich entronnen waren.
Unser Nothafen hieß Bommel-Sund, wie wir noch in der nämlichen Nacht von
einigen Leuten erfuhren, die vom Lande zu uns an Bord kamen und mir
behilflich waren, das Schiff noch tiefer in die Scheren hinein in
Sicherheit zu bringen. Am Morgen fuhr ich selbst ans Land, um mir Hilfe
zu suchen, denn es fehlte mir geradezu an allem, um weiter aus der
Stelle zu kommen. Allein Mast, Ruder und Takelwerk, wie ich's brauchte,
war in dieser ganzen Gegend nicht zu erlangen, und so mußte es mir
genügen, daß ich hier Fahrzeuge und Leute annahm, die mich zwischen den
Klippen entlang täglich eine kleine Strecke weiterbugsierten. So
gelangte ich kümmerlich am 19. August in den Hafen von Fahresund.
* * * * *
Hier wandte ich mich unverzüglich an das Handelshaus Lund und Kompagnie,
welches auch nicht ermangelte, mir schnellen und tätigen Beistand zu
leisten, damit ich mein Schiff wieder in gehörigen Stand setzte. Um
nichts zu versäumen, ließ ich vor allen Dingen mein Schiffsvolk eine
gerichtliche Erklärung über unsere Unglücksfälle ablegen, versah mich
mit allen übrigen erforderlichen Zeugnissen und übersandte dies alles an
meine Korrespondenten nach Amsterdam, mit dem Auftrage, mir auf Grund
der von ihnen bewirkten Versicherung meines Schiffes einen Kreditbrief
zur Ausbesserung meines Schiffes zu übermachen.
Demnächst ging ich nun mit Eifer an dieses Werk selbst, wo es denn
allerdings mehr zu schaffen gab, als ich vermutet hatte. Beim Ausladen
des Schiffes fand sich's, daß zehn bis zwölf Lasten Salz verschmolzen
waren. Ich ließ nun den Boden kielholen, ein neues Steuerruder
einhängen, einen neuen Mast aufrichten, besorgte alle fehlenden
Rundhölzer, Segel und Takelwerk, ersetzte, was gebrochen, verfault oder
sonst verdorben war, und setzte mich so allmählich wieder instand, die
offene See zu halten. Freilich war dies alles nicht möglich ohne den
bedeutenden Aufwand von 4400 Talern dänisch Kurant, und ich konnte mich,
um mich von meinem Schaden zu erholen, nur an die auf mein Schiff
gezeichnete Assekuranz halten.
So weit war ich, als ich von den Herren Kock und van Goens ein Schreiben
empfing, worin sie mir empfahlen, mich in meinen Ausgaben möglichst zu
menagieren, indem es ihnen nicht möglich gewesen wäre, für mein Schiff
und Ladung eine Versicherung zu bewirken. -- Als hätte der Donner vor
meinen Füßen eingeschlagen, so überraschte und erschütterte mich dieser
trockene Bericht! Zugleich aber gingen mir auch plötzlich die Augen auf
über das Schelmenstück, das man mir gespielt hatte. Wie? Auf drei,
nacheinander folgende Avisos, in der sichersten Jahreszeit und auf einem
Platze, wie Amsterdam, sollte für keine Prämie, hoch oder niedrig, eine
mäßige Assekuranz zu beschaffen gewesen sein? Oder wenn in Holland kein
Mensch sein Geld an eine so geringe Gefahr hätte setzen wollen, stand
dann meinen Beauftragten nicht Hamburg, Kopenhagen oder London, oder
jeder andere Handelsort frei und offen? -- Allein es war klar (und in
diesem Urteile hatte ich alle Sachverständigen auf meiner Seite), daß
die feinen Herren es für zuträglicher gehalten hatten, die Assekuranz
gar nicht auszubieten, sondern es immerhin im Vertrauen auf meine
Tüchtigkeit und die anderweitigen günstigen Umstände zu wagen. Lief die
Fahrt glücklich ab, wie zu hoffen war, so würden sie nicht vergessen
haben, mir die Assekuranz-Prämie gehörig anzurechnen; nun aber, da ich
Havarie hatte, entschuldigten sie sich als Schurken, wie es auch die
Folge sattsam erwiesen hatte.
Was war nun zu tun? -- Ich saß in der Klemme, und mußte abermals auf
Schiff und Ladung Bodmerei zeichnen. Indes erhielt es mich noch
einigermaßen bei gutem Mute, daß ich der gewissen Hoffnung lebte, das
saubere Paar seiner Schelmerei zu überweisen und so wieder zu dem
Meinigen zu gelangen. Ich ging also wieder in See und langte bald darauf
glücklich in Königsberg an. Kaum aber hatte ich meine Ladung Salz dort
gelöscht, so trat auch der Bodmereigeber auf und forderte sein auf das
Schiff vorgestrecktes Geld zurück, welches sich, mit allen Nebenausgaben
auf die Summe von 7000 Talern belief. Da ich nun auch noch in einigen
andern Schulden steckte, so kam ich von Tag zu Tag immer mehr ins
Gedränge, denn an ein Ende des Prozesses, den ich nun zunächst gegen
Kock und van Goens in Amsterdam angestrengt hatte, war noch nicht zu
denken.
Vielmehr ward hier nun ein Federfechten begonnen, das Jahr und Tag
dauerte und immer bunter und verwickelter wurde. Endlich ward mir der
Handel und die Rabulisterei für meinen armen schlichten Menschenverstand
zu arg. Ich packte meine dicken Prozeßakten zusammen und legte sie, in
tiefster Devotion, Sr. Majestät dem Könige vor, mit inständigster Bitte,
Sich Ihres allergetreuesten Untertanen anzunehmen und diesen Prozeß
gegen Kock und van Goens durch den Preußischen beglaubigten Minister im
Haag ausmachen zu lassen.
Während aber nun meine Sache diesen gemächlichen Gang ging, mußte ich,
um meine Gläubiger zu befriedigen, zuvörderst meine Ladung, dann aber
auch mein schönes liebes Schiff, samt allem, was ich um und an mir
hatte, soweit es langte, losschlagen. Das unschuldige Opfer eines
schändlichen Betruges, stand ich da, und konnte kaum das Hemd mein
nennen, das ich auf dem Leibe trug! Meine letzte Hoffnung beruhte auf
dem Ausgange des Prozesses; und auch hier schwand mir mein anfänglicher
Mut mehr und mehr, je tiefere Blicke ich in das Gewebe rechtlicher
Schikane tat, das hier von meinen Gegnern angezettelt wurde, um
womöglich Weiß in Schwarz zu verdrehen.
Dieser unselige Rechtshandel bedrohte aber nicht bloß mein geringes
Vermögen, sondern griff zugleich tief in meinen ganzen Lebensgang ein
und legte meinem aufstrebenden Geiste Hemmketten an, die ihm je länger
je unerträglicher fielen. Nach der Einbuße meines eigenen Schiffes hätte
ich wenigstens als Schiffer für fremde Rechnung fahren und meinen
mäßigen Erwerb suchen können: allein allaugenblicklich gab es, des
Prozesses wegen, in Königsberg gerichtliche Termine, wo ich zur Stelle
sein und Rede und Antwort geben sollte. Gleichwohl wollten Frau und
Kinder (denn auch der Ehesegen hatte sich nach und nach bei mir
eingestellt) auf eine ehrliche Weise ernährt sein. Was blieb mir demnach
übrig, als daß ich mich noch einmal unter das alte verhaßte Joch
bequemte, und, als Setzschiffer, auf einem Leichter-Fahrzeuge, zwischen
Königsberg, Pillau und Elbing hin und her tagelöhnerte, um nur mein
kümmerliches Brot zu verdienen.
Drei mühselige Jahre blieb mein Schicksal in dieser Schwebe; und Gott
weiß, wie sauer, ja bitter sie mir geworden sind! Endlich ging vom
Preußischen Gesandten im Haag ein großes Schreiben an mich ein, mit der
Verkündigung, mein Prozeß sei in letzter Instanz glücklich gewonnen. --
Gottlob! hätte ich gerne aus tiefer erleichterter Brust gerufen, wäre
nur nicht unmittelbar die Hiobspost damit verbunden gewesen: Kock, der
eine meiner Widersacher, sei gestorben, nun sei der Bankerott des Hauses
ausgebrochen, von den übrigen Gläubigern auf alle Effekten Beschlag
gelegt worden und zur Befriedigung meiner Anforderung leider nichts
übrig geblieben. -- So war ich denn ein ruinierter Mann; hatte mir die
schönsten Jahre meines Lebens gleichsam stehlen lassen, mir den Leib
unaufhörlich voll geärgert, und mochte nun in Gottes Namen anfangen, zu
meinem künftigen Glücke, wo ich wüßte und könnte, wieder den allerersten
Grundstein zu legen!
* * * * *
Da ereignete sich's im Jahre 1769, daß der Geheime Finanzrat Delatre,
welchen König Friedrich II. an die Spitze der neuen Regie aus Frankreich
berufen hatte, und der damals alles bei ihm galt, nach Königsberg kam.
Sein neuestes und weitaussehendes Projekt, womit er dem Monarchen große
Summen fremden Geldes ins Land zu ziehen verhieß, ging da hinaus, daß
von dem Überflusse an dem schönsten Schiffsbauholz in den königlichen
Forsten in Stettin für königliche Rechnung eine Anzahl großer Fregatten
erbaut, armiert und ausgerüstet, und dann zu gutem Preise an auswärtige
Mächte abgelassen werden sollten. Friedrich war auch auf diesen
Vorschlag eingegangen; und so lag denn bereits ein Schiff von vierzig
Kanonen bei Stettin auf dem Stapel.
Ich weiß nicht, auf welche Weise ich dem Franzosen bekannt und als der
Mann empfohlen worden sein mochte, dem die Ausrüstung, Einrichtung und
Führung dieses Schiffes vor andern anzuvertrauen wäre. Kurz, er ließ
mich zu sich rufen, erklärte mir seine Meinung, und bot mir endlich
diese Kapitänsstelle unter solchen Bedingungen an, daß ich, bei
hinlänglicher Überzeugung, dem von mir geforderten Dienste gewachsen zu
sein, auch kein Bedenken fand, mich für dies Unternehmen zu
verpflichten. Der Kontrakt wurde von beiden Seiten in bester Form
abgeschlossen; und ich ging unverzüglich nach Stettin ab, um meine
Funktion anzutreten.
Während nun hier der Königliche Schiffsbaumeister, Herr Catin, die
Fregatte in ihrem Bau nach Kräften förderte, war ich meinerseits nicht
minder geschäftig, Masten, Segel, Tauwerk und jedes andere Zubehör in
fertigen Stand zu setzen. Sobald sie demnach im Mai 1770 glücklich vom
Stapel gelaufen war, tat ich mein bestes, daß sie schon in den nächsten
vier Wochen, zu Anfang des Juni, für völlig ausgerüstet gelten konnte.
Dem damaligen Gouverneur, Herzog von Bevern zu Ehren, erhielt sie den
Namen Duc de Bevre und war wirklich ein schönes und tüchtiges Gebäude.
Erfreut über den hurtigen Fortgang, hatte mir mein Gönner Delatre bei
Sr. Majestät das in seiner Art erste Patent als Königlich Preußischer
Schiffskapitän samt der Berechtigung zur Tragung der königlichen Uniform
und eines Säbels mit dem Portepee ausgewirkt, die mir vom Herzoge mit
eigenen Händen überreicht wurden.
Doch war ich nicht der einzige, der sich in diesem neuen Zweige des
königlichen Militärdienstes angestellt sah; sondern die preußische
Flagge sollte nun auch einen eigenen Admiral aufzuweisen haben. Dazu
schlug Herr Delatre seinen eigenen Bruder vor, -- einen jungen, im
Seewesen ganz unerfahrenen Menschen, der indes früher als Unterleutnant
auf einer französischen Fregatte gedient hatte, mit derselben im letzten
Kriege den Engländern in die Hände gefallen und eben erst, durch des zu
Glück und Ehren gelangten Bruders Vermittlung, aus dem Schuldgefängnisse
hervorgekrochen war. Er kam nach Stettin, und ich war gerade nicht
sonderlich erbaut, meinen neuen Herrn Admiral kennen zu lernen, und
zugleich zu erfahren, daß ihm das Kommando der nächsten zu erbauenden
Fregatte zugeteilt werden sollte. Bis dahin hatte er nun freilich wenig
oder gar nichts zu tun; und so verführte der Müßiggang den luftigen
Patron zu einer Menge alberner Streiche, die ihm wenig zur Ehre
gereichten. Unaufhörlich gab es Neckereien und blutige Händel mit den
Offizieren von der Garnison, so daß er am Ende sich kaum mehr durfte
blicken lassen, um nicht der schimpflichen Ahndung eines gerechten
Unwillens anheim zu fallen.
Gegen Ende des Juni ging ich mit meinem Schiffe die Oder hinab, und war
angewiesen, auf der Reede von Swinemünde eine Ladung Balken einzunehmen,
die ich nach Cadix bringen und dort, wo möglich, mitsamt dem Schiffe
losschlagen sollte. Es kostete jedoch nicht wenig Not und Mühe, bevor
ich das große und tiefgehende Gebäude über die Bank am Ausflusse des
Stromes zu schaffen und mich außen auf der Reede vor Anker zu legen
vermochte. Ich hatte dabei einen sehr untätigen Zuschauer an meinem
Admiral, der mir die unverlangte Ehre erzeigte, mich bis hierher zu
begleiten.
Sobald ich meinen gelegenen Ankerplatz gefunden, befahl ich, die Stangen
und Raaen niederzulassen, wie es Seemannsbrauch ist, wenn ein noch
unbeladenes Schiff auf der Reede liegt, um das übermäßige Schwanken
desselben zu vermeiden. Dieser notwendigen Anordnung widersetzte sich
aber der Patron, zur Befriedigung seiner kindischen Eitelkeit, die das
Schiff noch länger in Parade sehen wollte. Vergeblich bedeutete ich ihm,
daß es hier mehr auf Sicherheit, als auf stattliches Ansehen ankomme,
und daß ich wissen müßte, was ich zu tun hätte. Das Fäntchen erboste
sich, trotzte und pochte, und wollte durchaus seinen Willen haben.
Freilich kam es da bei mir eben an den Unrechten. Ich wich ihm keinen
Daumen breit.
Nun war vollends Feuer bei ihm im Dache! Er parlierte mir, rot um den
Kamm wie ein Puter, allerlei dummen Schnack vor, und trat endlich
drohend auf mich ein, indem er die Hand an das Gefäß seines Degens
schlug. »Oho Bürschken,« sagte ich, und besah ihn mir schmunzelnd von
unten bis oben -- »das wollen wir dir wohl anstreichen!« -- Ich ging in
die Kajüte, schnallte mir meinen Säbel um, und kam wieder aufs Verdeck,
um ihm das Weiße im Auge zu sehen. Weil sich seine Galle aber immer noch
nicht legen wollte, seine geläufige Zunge wie ein Rohrsperling
schimpfte, und bei jedem dritten Worte die Faust immer wieder nach dem
Degen fuhr, riß mir endlich auch die Geduld. Ich legte ebenfalls die
Hand, und eben nicht sanft, an meinen Säbel und forderte ihn auf, zur
Stelle mit mir ans Land zu kommen, damit ich sähe, was Vater und Mutter
aus ihm gefuttert hätten, -- wie wir Pommern zu sagen pflegen.
Ich sprang voran in die Schaluppe und bot sechs Matrosen auf, die Riemen
zur Hand zu nehmen. Mein Urian kam auf mein wiederholtes Winken mir
nachgestiegen. Ich stellte mich ans Ruder und steuerte nach dem
Packwerk; war mit einem Satze am Lande und warf, meines Gegners
gewärtig, mir Hut und Rock vom Leibe, der denn auch bald hinter mir
dreinfackelte. Wir zogen beide blank und standen verbittert einander
gegenüber. Monsieur machte mir mit seinem Degen allerlei Figuren und
Firlefanz vor der Nase, bis ich mit einem abgepaßten Hiebe von unten
herauf ihm unterhalb des Gefäßes eins quer in den Arm zog; und mit der
nämlichen Wendung gab ich ihm einen Denkzettel hinters linke Ohr, so daß
er, wenn er nicht an dem einen, doch an beiden genug haben konnte.
Nun, er _verlangte_ eben auch nicht mehr; warf flugs den Degen an die Erde
und schüttelte die verwundete Hand mit einem etwas verstörten Gesichte.
Auch ich schleuderte meinen Sarras über Seite, um aus seinem Rocke, der
im Sande lag, ein Schnupftuch hervorzusuchen, welches ich, nachdem ich
ihm das Blut vom Ohre gewischt, fein säuberlich um die lahme Hand
wickelte. Dann machte ich dem Herrn ein Kompliment, sogut ich's ohne
Tanzmeister gelernt hatte, und ließ ihn stehen, indem ich wieder in die
Schaluppe stieg und nach dem Schiffe zurückfuhr.
Zwei Tage nach diesem Abenteuer erhielt ich einen schriftlichen Befehl
des Herrn Geh. Finanzrat Delatre, angesichts dieses in Stettin zu
erscheinen. Ich erwiderte darauf: »Das Schiff, welches ich kommandierte,
läge in See, und ich wäre für dessen Sicherheit verantwortlich. Ich
würde mich einstellen, sobald man mir einen Stellvertreter schickte, der
der Mann dazu wäre, es in versicherte Aufsicht zu nehmen.« Dies Notabene
hatte denn auch die Wirkung, daß bald nachher ein gewisser Schiffer
Stöphase, einer unserer besten preußischen Seemänner, zu mir an Bord kam
und sich durch schriftliche Orders als meinen Nachfolger auswies.
Zugleich wurde aber auch der Befehl zu meiner unverzögerten Gestellung
in Stettin erneuert und geschärft; und ich tat, was man haben wollte.
Mein ungnädiger Gönner, mit dem ich es hier zu tun hatte, ließ mich gar
hart an, daß ich so gröblich gegen die Subordination im Dienste
gehandelt. Ich war aber auch kurz angebunden, schenkte ihm über seinen
Herrn Bruder, den Admiral, klaren Wein ein, und bewies dessen Ungeschick
in einem gepfefferten Texte so kräftig, daß eben nicht sonderlich viel
darauf zu antworten blieb. Aber es war einmal sein _Bruder_, dem er nicht
ganz abstehen konnte, und so ergriff er um so lieber ein leicht von mir
hingeworfenes Wort, um mir, wenn ich nicht anders wollte, meine
Dienstentlassung anzukündigen. -- »Herzlich gern!« war meine Antwort.
-- »Vorbehalt jedoch, daß meine Tätigkeit zum königlichen Dienste nicht in
Abrede gestellt werde.«
»Wer zweifelt daran, Herr? Wenn Sie sich nur fügen wollten ...«
»Gehorsamer Diener!« erwiderte ich: »Da mag es wohl liegen! Aber wenn
auch mein Kopf etwas hart ist, so erinnert er sich doch an eine Klausel
in meinem Kontrakte, daß mir, falls ich einst meines Seedienstes
entbunden würde und gegen meine Taugsamkeit nichts einzuwenden wäre,
ebensowohl eine Gratifikation von zweihundert Talern als meine
rückständige Monatsgage zugute kommen solle. -- Wohl denn, ich habe
bisher meine Schuldigkeit getan: jetzt erwarte ich ein Gleiches von der
Regierung.« -- Die Zahlung geschah auf der Stelle; und so kriegte denn
mein Königliches Seekommando ein baldiges und betrübtes Ende.
* * * * *
Mein Vornehmen war jetzt, nach Königsberg zu meiner Familie
zurückzugehen und eine Gelegenheit zu suchen, wo mir's möglich würde,
die Arme ein wenig freier zu rühren. Auf dem Wege dahin sprach ich indes
bei meinen Eltern in Kolberg ein; und sei es nun, daß es hauptsächlich
ihr dringendes Zureden vermochte, oder daß die alte Vorliebe für meine
Vaterstadt wieder lebendig in mir erwachte, während ich gegen
Königsberg, wo mir so vieles den Krebsgang genommen hatte, einen
heimlichen Widerwillen spürte: -- genug, ich glaubte wohl daran zu tun,
wenn ich meinen dortigen Wohnsitz aufgäbe, um mich fortan hier unter
den Meinigen häuslich niederzulassen. Anstatt also meine Reise
fortzusetzen, ließ ich vielmehr Weib und Kind zu mir herüberkommen und
begann mich hier häuslich einzurichten.
Aber Kolberg war doch der Ort nicht, wo meinesgleichen auf die Länge
seine Rechnung finden konnte. Der Seehandel hatte damals hier eben auch
nicht viel zu bedeuten, und die Kolberger Schiffer waren gar zahme
Leute, die sich eben nicht weit in die Welt hinaus vertaten. Es gab
daher auch wenig Anschein, daß ich hier so bald ein braves Schiff unter
die Füße würde bekommen können; und wurden mir gleich binnen Jahr und
Tag zu wiederholten Malen kleine Jachten zur Führung angeboten, um damit
die Ostseehäfen zu besuchen, so war dies doch ein zu enger Spielraum für
mich, als daß ich mich darauf hätte einlassen mögen. Lieber errichtete
ich eine kleine Navigationsschule, worin ich junge Seefahrer für ihr
Fach tüchtig auszubilden suchte; und noch jetzt, in meinem hohen Alter,
habe ich das Vergnügen, einige brave Schiffer am Leben zu wissen, die
ich als meine Schüler betrachten darf.
Man wird sich jedoch leicht denken, daß all dies Tun und Treiben nur ein
Notwerk blieb, dessen ich gern entbunden gewesen wäre, und daß ich mich
in meiner Lage mit jedem Tage mißmutiger und unzufriedener fühlte. Auf
die Länge konnte das nicht so bleiben. Was aber dem Fasse vollends den
Boden ausschlug, war ein Schimpf, der mir von einem Manne widerfuhr, um
den ich wohl ein besseres verdient gehabt hätte. Dieser Kaufmann K.
nämlich, für den ich vormals, als eigener Schiffsreeder Güter und
Frachten mit Ehren über See gefahren hatte, glaubte ein Werk der
Barmherzigkeit an mir zu tun, wenn er mir das Glück widerfahren ließe,
unter seinem unwissenden Bauer-Schiffer als Steuermann zu dienen. Meine
ganze Seele fühlte sich über diesen erniedrigenden Vorschlag entrüstet.
Es war, als ob jeder Bube in Kolberg mit Fingern auf mich wiese; und so
ließ mir's auch länger keine Ruhe, als bis ich mich im Jahre 1771 als
Passagier nach Holland auf den Weg machte; in voller und gewisser
Zuversicht, daß dies Land mir für mein besseres Fortkommen in allen
Fällen die gewünschte Genüge leisten werde.
Mein eigentlicher Plan bei diesem rasch gefaßten und ausgeführten
Entschlusse war auf die Küste von Guinea gerichtet, wo die Art des
Handelsverkehrs mir bei meiner ersten Ausflucht bereits bekannt geworden
war; und da ich mich der damals erlernten Landessprache noch immer
mächtig fühlte, im Navigationswesen es mit manchem aufnahm und mir auch
sonst zutrauen durfte, Herz und Verstand am rechten Flecke zu haben, so
war ich darauf aus, mich auf irgendeinem dorthin bestimmten Schiffe als
Ober-Steuermann anzubringen. In Amsterdam zwar gab es hierzu, für diesen
Augenblick, keine Gelegenheit; als ich mich aber durch Freunde und
Bekannte in gleicher Angelegenheit an das Haus Rochus und Copstadt in
Rotterdam empfehlen ließ, erhielt ich auch sofort einen Ruf dahin und
ward mit den Reedern einig, auf einem ganz neuen Schiffe, namens
Christina, unter Kapitän Jan Harmel, als Ober-Steuermann die Fahrt auf
die Küste von Guinea anzutreten.
* * * * *
Im November des nämlichen Jahres gingen wir von Goree unter Segel.
Unsere Ladung bestand in solchen Artikeln, wie die Afrikaner sie gegen
Sklaven, Goldstaub und Elefantenzähne am liebsten einzutauschen pflegen.
Die Schiffsmannschaft betrug hundertsechs Köpfe, und das Schiff führte
vierundzwanzig Sechspfünder, weil Holland damals mit dem Kaiser von
Marokko in Mißhelligkeiten geraten war; weswegen allen Schiffen, die des
Weges fuhren, aufgegeben worden, sich gegen jeden etwaigen Anfall der
Korsaren gehörig auszurüsten. Aus dem nämlichen Grunde versäumten wir
auch nicht, sobald wir in den Ozean gekommen waren, unser Schiffsvolk
täglich in der Bedienung des Geschützes und in anderen kriegerischen
Handgriffen zu üben, damit wir's mit den Marokkanern um so besser
aufzunehmen vermöchten und, falls es zum Schlagen käme, jeder am Borde
wüßte, wohin er gehöre und wie er es anzugreifen habe. Und daß es
hiermit nicht etwa von unserem Kapitän nur für die Langeweile gemeint
war, kann ich sofort durch ein Beispiel belegen.
Um mich aber hierüber noch mit einigen Worten auszulassen, sei
zuförderst bemerkt, daß ein Kapitän auf dieser Art von Schiffen sich
seinen Dienst insofern bequem genug macht, als er sich (dringende
Notfälle ausgenommen) die Nacht hindurch an nichts kehrt, sondern abends
um acht Uhr ruhig zu Bette geht und vor sechs Uhr morgens nicht wieder
zum Vorschein kommt. Er verläßt sich lediglich auf seine vier
Steuerleute, deren je zwei zusammen in ihren vierstündigen Wachen
abwechseln, und begnügt sich, morgens beim Aufstehen den Rapport über
alles, was nächtlich vorgefallen ist, anzunehmen und mittags um zwölf
Uhr bei der Beobachtung der Sonnenhöhe zugegen zu sein, um den Stand des
Schiffs nach Länge und Breite in das Schiffstagebuch einzutragen.
Solchergestalt kam ich (nachdem Kapitän Harmel mir schon früher
aufgegeben hatte, von unserem Konstabler ein Faß halbgefüllter
Kartuschen anfertigen zu lassen) einst in dieser Zeit des Morgens zu ihm
in die Kajüte, um meinen nächtlichen Rapport abzustatten, und
verwunderte mich nicht wenig, als ich ihn am Tische, den Kopf auf beiden
Händen liegend, wie im tiefen Traume sitzen sah -- übrigens nackt und
bloß, bis auf ein paar leinene Hosen und das Hemd, das an beiden Armen
bis hoch an die Achseln hinauf aufgestreift und mit roten Tüchern
festgebunden war. Das gelockte Haar hing ihm rings um den Kopf auf den
Tisch hinab, und vor ihm lag ein blanker Schiffshauer.
Wie wild und furchtbar er mir in diesem Aufzuge auch erschien, so fing
ich doch an zu lachen; und eben wollte ich fragen, was diese Maskerade
zu bedeuten habe, als er mich martialisch anblickte, den Säbel ergriff,
aufsprang, an mir vorbeieilte und, indem er aufs Verdeck stürzte, aus
vollem Halse schrie: »Ho, da der Feind! Ho, da der Feind! -- Feuer! Vom
Steuerbord Feuer!« -- In der ersten Überraschung meinte ich wirklich, er
sei toll geworden; sobald ich jedoch seine wahre Meinung ahnte, den Mut
und die Geistesgegenwart seiner Schiffsmannschaft auf die Probe zu
setzen, so schrie ich tapfer mit: »Feuer! Steuerbord Feuer!« und es gab
einen Lärm am Borde, der hinten und vorn und aus allen Winkeln gräßlich
zusammendröhnte.
Da nun auch schon seit einiger Zeit unsere Kanonen, mit Kugeln geladen,
bereitstanden, so währte es auch keine drei Minuten, daß die ganze volle
Lage gegen den eingebildeten Korsaren abgefeuert wurde. Sofort hieß es:
»Schiff gewendet!« und als dies im Nu geschehen war: »Feuer! Vom
Backbord Feuer! Am Steuerbord geladen! -- Wieder wenden! Vom Steuerbord
Feuer! Am Backbord geladen!« -- und so lustig fort, bis der Konstabler
zu mir herantrat, um zu melden, daß das Oxhoft voll Kartuschen glücklich
in die Luft geplatzt sei. Ich brachte die Meldung an den Kapitän, und
»Gut!« -- sagte dieser -- »Nun laß die Marokkaner nur kommen!«
»Aber« -- unterbrach er sich plötzlich -- »Entern -- _entern_ wollen die
Hunde! Die sollen sich bei uns die Nasen verbrennen! Hallo! Allmann auf
seinen Posten!« -- Flugs traten, angewiesenermaßen, vierzig Mann auf dem
halben Deck zusammen; jeder ergriff sein geladenes Gewehr aus der dort
in Bereitschaft stehenden Kiste. Hier war das Kommandieren an _mir_:
»Feuer über Steuerbord!« während andere, die in Reserve standen, ihnen
die frisch geladenen Büchsen zureichten und die abgeschossenen
empfingen. So folgte Lage auf Lage; und die Kerle hielten sich so wacker
dazu, daß wir unsere Lust und Freude daran hatten.
Dabei begab sich's nun, daß ein Matrose seinem Nebenmann das Gewehr zu
nahe an sein langes struppiges Haar hielt, welches vom Zündpulver
ergriffen ward und augenblicklich in lichten Flammen stand. Zur Strafe
solcher Ungebühr ward der Schmied, der in solchen Fällen den Sergeanten
vorstellt, hervorgerufen, um den Unvorsichtigen als Arrestanten
abzuführen, während noch das Manöver mit dem Handgewehr so lange
fortgesetzt wurde, bis der Tambour (der so lange aus Kräften
fortgewirbelt hatte) Befehl erhielt, Appell zu schlagen und vom
geschlagenen Feinde nichts mehr zu sehen war.
Nun sollte der Arrestant ins Verhör: aber der hatte seine Zeit so gut
abgepaßt, daß derweile, da seine Wächter dem Spektakel zugafften, er
sich glücklich über Seite machte; doch nur so lange, bis er in seinem
Versteck erwischt worden und nun seinen nachlässigen Wächtern vorn in
der Back Gesellschaft leistete, bis ihm seine Strafe diktiert worden. Er
sollte auf dem halben Deck durch sechzig Mann vierundzwanzigmal Gassen
laufen, doch kam der arme Schelm mit sechsmal ab und mochte sich, so wie
seine mit derben Fuchteln bestraften Wächter, an der reichlichen Portion
Branntwein trösten, die ihnen gegeben wurde, sich ihren wunden Buckel zu
waschen.
Dies Pröbchen von strenger Subordination mag zugleich beweisen, mit
welchem Ernst und Regelmäßigkeit der Dienst auf den holländischen
Schiffen damals versehen wurde, daher ich auch stets auf denselben die
beste Ordnung gefunden habe. Nicht so bei den Engländern, wo man
dergleichen als Kleinigkeiten ansieht, die mit Fußtritten, Faustschlägen
und Rippenstößen abgemacht werden; und von solcher barbarischen Willkür
bin ich stets ein abgesagter Feind gewesen.
* * * * *
Wenige Tage später, etwa in der Mitte Oktobers, da wir uns unter dem
einundvierzigsten Grade nördlicher Breite und ungefähr neunzig Meilen
von der portugiesischen Küste entfernt befanden, erblickten wir in den
Vormittagsstunden ein Schiff vor uns über dem Winde, das uns, da wir den
Kopf immer voll von Seeräubern hatten, verdächtig vorkam. So wie schon
früher, teils aus Vorsicht, teils um unsere Mannschaft zu üben,
geschehen war, so oft ein Segel in unserer Nähe auftauchte, so ward auch
jetzt im Augenblicke an unserem Borde alles zum Gefechte bereit gemacht.
Allein indem unsere Blicke aufmerksam auf jenes Schiff gerichtet
blieben, wurden wir mit Verwunderung gewahr, daß es gar keinen geraden
Kurs hielt, sondern bald nördlich, bald östlich am Winde lag. Alle Segel
waren fest gemacht, bis auf das Vorder-Marssegel, das frei im Winde
flog, während dieser aus Südwesten her sich fast zum Sturm verstärkte,
so daß wir selbst unsere Marssegel hart eingerefft führen mußten.
Indem es nun solchergestalt vor uns vorüber taumelte, so daß wir ihm
bald über den Wind kamen, wußten wir immer weniger, was wir aus dieser
Erscheinung machen sollten, und da es wenigstens noch anderthalb Meilen
von uns entfernt lag, so konnten wir auch nicht entdecken, was es
eigentlich im Schilde führte. Nichtsdestoweniger schien es uns
wohlgetan, dies in der Nähe etwas genauer zu untersuchen, um unserer
Schanze desto besser wahrzunehmen. Indem wir also unsere Flagge hinten,
sowie vorne die Gisse und einen Wimpel an der Spitze des großen Mastes
aufsetzten, um unsere Bravour zu zeigen und uns den Anschein eines
Kriegsschiffes zu geben (wie denn auch unser Schiff aus der Ferne
wirklich ein ganz stattliches Ansehen hatte), so richteten wir unseren
Lauf gegen den wunderlichen Unbekannten; doch so, daß wir ihm oberhalb
Windes blieben.
Als wir dem Fremden auf die Hälfte näher gekommen waren, taten wir einen
blinden Schuß gegen ihn, als Aufforderung, unsere Flagge zu respektieren
und uns die seinige zu zeigen. Diese kam gleichwohl nicht zum Vorschein;
selbst dann nicht, da wir im Abstande von einer halben Meile jenes
Signal wiederholten. Ja, sogar der dritte Gruß dieser Art, im steten
Näherrücken, verfehlte die gehoffte Wirkung: denn keine Flagge ließ sich
blicken. Unter der Zeit war das fremde Schiff in den Bereich unseres
Geschützes gekommen; und wir bedachten uns nun nicht länger, ihm auf gut
Glück eine scharfe Kugel zuzuschicken. Diese schlug auch hart vor ihm
nieder: aber seine Flagge verzog noch immer, sich uns zu zeigen.
»Er _soll_ und _muß_ es!« rief unser Kapitän. -- »Konstabler, schießt ihm
eine Koppelkugel in den Rumpf, und seht wohl zu, daß Ihr trefft!« --
Gesagt, getan! Wir waren ihm jetzt so nahe, daß sich unmöglich fehlen
ließ; und die Kugel fuhr ihm in den Bug, daß wir die Holzsplitter
umherfliegen sahen. Dennoch keine Flagge! -- So etwas ging über all
unseren Begriff. Allein nun wurden wir immer hitziger und beschlossen,
ihm oberhalb Windes so dicht als immer möglich auf den Leib zu rücken.
Dies geschah auch, indem wir kaum im Abstande eines Flintenschusses an
ihm vorüber liefen und zugleich ihn mit dem Sprachrohr anriefen. Auf
unser drei- bis viermaliges Holla! keine Antwort. Ebensowenig erblickten
wir eine Menschenseele am Borde. Nur ein großer schwarzer Hund richtete
sich über die Borte empor, uns heiser anzubellen. Indes trieb uns der
starke Wind nach wenig Augenblicken vorüber; doch vermochten wir im
Vorbeisegeln zu erkennen, daß die Finkennetze und Schanzgitter längs der
ganzen Seite mit Weißkohlköpfen vollgepackt waren, und daß auch einige
Stücke frisches Fleisch unter der großen Mars in der Luft aufbewahrt
hingen. Ja, einige von unseren Matrosen, die sich oben im Mastkorbe
befanden, wollten zu gleicher Zeit bemerkt haben, daß auf dem Verdeck
des fremden Schiffes menschliche Leichname ausgestreckt umhergelegen.
Diese vermeintliche Entdeckung war gleichwohl zu unstatthaft, um bei uns
übrigen Glauben zu finden. Was sollte diesen Unglücklichen den Tod
gebracht haben? Das Schiff schien unversehrt und gut; kein Feind hatte
mit Feuer und Schwert darauf gehaust. An ansteckende Seuchen, an
Verhungern und Verdürsten war ebensowenig zu denken: denn die frischen
Lebensmittel, die wir wahrgenommen, bewiesen, daß das Schiff erst ganz
vor kurzem einen europäischen Hafen verlassen haben müsse. Genug indes,
daß uns hier ein Rätsel aufgegeben war, dessen Lösung uns ebenso eifrig
wie fruchtlos beschäftigte.
Inzwischen legten wir um und hielten diesmal unseren Strich noch näher
an das verödete Schiff, ohne es an unserem wiederholten und
durchdringenden Holla! Holla! fehlen zu lassen. Immer noch sahen wir
kein lebendiges Wesen und hörten keine Stimme, als das Bellen des
Hundes, der nach uns herüberwinselte. Es schien nun wohl entschieden,
daß das Schiff leer und verlassen von Menschen sein müsse: aber eben
dies weckte in mir und anderen mehr die Lust, die Schaluppe auszusetzen
und zu einer genaueren Untersuchung dieses wunderbaren Vorfalles
hinüberzufahren: denn so, wie sich die Sache anließ, kam es hier
vielleicht bloß darauf an, ein herrenloses Eigentum als gute Prise in
Besitz zu nehmen.
Meine hierauf gerichteten Vorschläge fielen jedoch bei dem Kapitän in
taube Ohren. Er meinte, der Wind bliese zu frisch und die See ginge zu
hoch, als daß er Boot und Menschen einem solchen Wagnis preisgeben
könnte; und auch im besten Falle werde es um den Rückweg, gegen den
Sturmwind an, noch mißlicher stehen. Erpicht, wie ich auf den Handel
war, stellte ich ihm vor, wie es füglich so einzurichten wäre, daß die
Schaluppe mit Wind und Wellen geradezu auf das fremde Schiff
lossteuerte, und das unserige, nach erfolgter Besichtigung, sich
jenseits unter den Wind legte, um uns mittels dieses Manövers gemächlich
wieder an Bord zu nehmen. »Nettelbeck!« rief er -- »das wird der Teufel
nicht mit Euch wagen!«
»Das käme noch drauf an!« meinte ich -- »Laßt einmal hören! -- Jungens,«
rief ich, indem ich auf das halbe Deck vortrat, unseren Leuten zu --
»wer von euch hat die Courage, mit mir in unserer Schaluppe nach jenem
Schiffe hinüberzufahren? Wenn wir das vielleicht als gute Prise in
Besitz nehmen könnten!«
»Ich -- ich -- ich!« schallte mir's von allen Seiten entgegen. -- »Und
was sagt Ihr _nun_, Kapitän?« wandte ich mich an unseren Befehlshaber.
»Fahrt meinetwegen, wenn Ihr Lust habt, zu ersaufen!« gab er mir
verdrießlich zur Antwort; und ich hielt ihn sogleich, wenigstens wegen
des ersteren, beim Worte. Die Schaluppe ward mit dem größten Feuer
angegriffen, in die Takel gehängt und über Bord gesetzt. Noch hatte sie
ihr nasses Element nicht erreicht, als ich mich bereits hineinstürzte.
Alles stürzte mir nach und wollte mich begleiten, so daß ich genug zu
steuern und abzuwehren hatte, um nicht mehr als die beschlossene Zahl
von zwölf Mann hinüber zu lassen, die ich namentlich aufrief und als
tüchtige zuverlässige Kerle kannte. Da auch, von dem neulichen
Scheingefecht her, die offene Gewehrkiste noch auf dem Verdeck vorhanden
war, so wurden uns Pistolen und Hauer in solchem Überflusse zugelegt, ja
sogar in die Schaluppe geworfen, daß ich genug mit Händen und Füßen
abzuwehren hatte.
So gingen wir nun mit unserem Fahrzeuge vor See und Wind gerade auf das
Schiff zu, welches auch kaum in der Weite eines Pistolenschusses vor uns
auf den Wellen trieb. Leichter und glücklicher, als ich selbst gehofft
hatte, legten wir uns ihm an Bord; und gehörig bewaffnet stieg ich
sofort mit elf Mann auf dasselbe hinüber, während der zwölfte im Boote
zurückblieb und dieses mit einem Schlepptau hinten angehängt wurde. Auf
dem Verdeck fanden wir, wie zu vermuten war, niemand als jenen Hund, der
uns freundlich zuwedelte und die Hände leckte, und einen Behälter mit
lebendigen Hühnern und Enten, die noch Gerste und frisches Wasser im
Troge hatten. Überall lagen Kleidungsstücke zerstreut umher. Die
Schaluppe stand, wie sich's gehört, im Boote; alles ordentlich
befestigt; kein Takel hing über Bord, woraus man hätte schließen mögen,
daß etwa ein Fahrzeug zur Flucht der Mannschaft ins Wasser gelassen
worden, weil das Schiff vielleicht leck geworden und man das Sinken
befürchtet hätte.
Dies zu ergründen, stellte ich sofort meine Leute an beide Pumpen; und
mittlerweile daß sie diese in Bewegung setzten, ging ich auf dem Schiffe
von hinten nach vorn und nach allen Seiten, besah mir's oben und unten
und nahm endlich wahr, daß die Tür zur Kajüte niedergehauen war. Sogar
das Beil, womit dies geschehen sein mochte, lag noch daneben. Ich
erschrak nicht wenig über diesen unvermuteten Anblick: denn nun schoß
mir's aufs Herz, daß hier gottlose Buben gehaust haben müßten, die den
Kapitän oder sonstigen Befehlshaber ermordet haben müßten und sich in
diesem Augenblicke vielleicht absichtlich im unteren Raume versteckt
hielten. Voll von dieser Vorstellung, hielt ich es auch nicht für
ratsam, mich dahinunter zu wagen.
Unterdes hatten meine Begleiter wacker an den Pumpen gearbeitet und
erklärten nach etwa zwölf bis fünfzehn Minuten: das Schiff sei rein und
die Pumpen zögen kein Wasser mehr. »So kommt denn alle!« rief ich --
»nehmt eure Wehren zur Hand, spannt den Hahn und folgt mir dicht
zusammengeschlossen nach.« -- In solcher Ordnung nun stiegen wir
zuvörderst in die Kajüte hinab, wo der zertrümmerte Eingang uns nichts
als einen vollen Greuel der Verwüstung erwarten ließ. Dem war jedoch
keineswegs also, sondern überall das Geräte in bester Ordnung, als ob
gar nichts vorgefallen. Ich hob den Deckel von einer Seitenbank empor
und fand den Sitz angefüllt mit Weinflaschen, die sorgsam in Stroh
gepackt waren. Zu näherer Untersuchung zog ich eine daraus hervor, hielt
sie gegen das Licht und fand sie mit rotem Clairet gefüllt. Eine
Schieblade im Tische, die ich hervorzog, enthielt allerlei Tafelgerät,
Messer, Gabeln usw. Ich nahm ein Messer, schlug jener Bouteille den Hals
ab, und wir machten ein Schlückchen nach dem andern, bis uns der Boden
entgegenleuchtete. Nun machten meine Gefährten nicht übel Miene, auch
dem Reste auf gleiche Weise zuzusprechen: allein, bange vor den
möglichen Folgen, rief ich mein »Halt! Keinen Tropfen mehr!« dazwischen
und schritt sofort zu einer weiteren Untersuchung.
In einer anderen Schieblade, die ich öffnete, fiel mir ein starkes Pack
Briefe in die Hände, deren Aufschriften sämtlich nach Port au Prince,
Martinique, Guadeloupe und andern französischen Inseln lauteten. Ich
griff einige auf gut Glück daraus hervor und steckte sie zu mir, um sie
demnächst bei besserer Muße genauer zu untersuchen. Für den Augenblick
aber ward meine volle Aufmerksamkeit von einer Luke angezogen, die sich
in der Mitte des Fußbodens der Kajüte vorfand und angelweit offen stand.
»Hier wird es doch der Mühe wert sein, hinunterzusteigen,« sagte ich zu
meinen Leuten; -- »wäre es auch nur, um zu erfahren, womit das Schiff
geladen sein mag.« -- Zu gleicher Zeit ließ ich mich an den Händen
hinab, ohne jedoch mit den Füßen Grund zu erreichen. »Nun, es wird ja so
tief nicht mehr sein!« dachte ich bei mir selbst, ließ oben fahren und
purzelte auf einen Haufen, den ich alsbald für Steinkohlen erkannte.
Indem ich über dies unbequeme Lager hinüberkroch, geriet ich, bald hier
bald dort im Dunkeln umhertappend, an Fässer, Ballen und Packen in
Bastmatten gehüllt, die mich auf eine vermischte Ladung schließen
ließen. Unwillkürlich aber stieg mir bei dieser irren Beschäftigung auch
die Befürchtung zu Kopf, daß in diesem Chaos auch wohl Menschen stecken
und mir auf den Dienst lauern könnten. Schon war mir's, als ob sie mir
überall auf dem Nacken säßen, als würde bei jedem nächsten Tritte eine
grimmige Faust mich anpacken. Vergeblich sträubte sich mein Mut und
suchte diesen feigherzigen Gedanken abzuschütteln. Mich ergriff ein
Zittern, das mich mit einer Gänsehaut überlief und wohl oder übel wieder
nach dem Tageslichte hin zurückdrängte. Erst dann ward mir wieder wohl,
als ich oben an der Luke ein paar von meinen Gefährten erblickte, die
auf den Knien lagen und in den Raum hinabsahen. An ihren dargereichten
Händen ward ich wieder emporgezogen.
Inzwischen war auch mein Kapitän bei seinem Manövrieren dem Schiffe
wieder nahe genug gekommen, um mir durchs Sprachrohr zuzurufen, wie es
an meinem Borde stände. Ich antwortete, das Schiff sei fest und dicht
und alles darauf in guter Ordnung, aber nicht Mann noch Maus darauf zu
spüren. Er befahl mir darauf, ihm die Schaluppe mit acht Mann hinüber
zu schicken, weil er selbst willens wäre, den Fund in Augenschein zu
nehmen. Das erstere geschah; als er jedoch auf dem Herwege noch etwa
achtzig Klafter von meinem Borde entfernt war, erhob sich plötzlich ein
so heftiger Wirbelwind, daß man sich auf unserem eigenen Schiffe
genötigt sah, die Segel eiligst einzuziehen. Dieser Zufall benahm meinem
Kapitän den Mut. »Kommt! kommt! Zu mir herüber!« rief er mir aus dem
Fahrzeuge zu; und indem er an meine Seite legte, hörte er nicht auf mit:
»Her zu mir, in die Schaluppe! Fort! fort!« -- bis ich ihm den Willen
tat, mit dem Rest meiner Leute zu ihm einstieg, und solchergestalt mit
ihm nach unserem Schiffe zurückruderte. Als wir dort ankamen, ward die
Schaluppe unter die Takel gebracht, emporgehoben und wieder an ihrem
Platze befestigt.
Sobald wir nun wieder in Ordnung und zur Besinnung gekommen waren, galt
es die Frage: Was mit dem herrenlosen Schiffe zu tun oder zu lassen sei.
-- Ich und mehrere mit mir stellten dem Kapitän auf das triftigste vor,
daß es doch Sünde und Schande sein würde, wenn wir diesen Fund so um
nichts und wieder nichts aufgeben wollten. Allein wie dringend wir ihm
auch anlagen, so schien doch sein Widerwille gegen jedes weitere
Vornehmen zu diesem Zwecke so gut als unbezwinglich, und, wohlerwogen,
war es ihm eigentlich auch nicht zu verdenken, wenn er üble Lust
bezeigte, sich mit einem Handel dieser Art zu schaffen zu machen. Die
Sache hing aber so zusammen:
Auf seiner vorigen Fahrt nach der Küste von Guinea hatte Kapitän Harmel
von einem englischen Sklavenschiffe Besitz genommen, das infolge einer
unter den Schwarzen ausgebrochenen Meuterei von diesen überwältigt
worden war. Sie hatten, beinahe hundert Köpfe stark, die ganze
Schiffsmannschaft bis auf einen Steuermann und zwei Matrosen ermordet,
welche unter dem Beding verschont worden waren, daß sie die Neger in
deren Heimat zurückführen sollten. Auf diesem Zuge nun fielen sie meinem
Kapitän in die Hände, und es munkelte nicht nur, daß er mit ihnen, wie
mit der Schiffsladung, nicht zum besten gewirtschaftet, sondern daß
auch das Schiff selbst von seinen daraufgesetzten Leuten verwahrlost und
bei St. Georg de la Mina gestrandet sei. Hierüber hatten die Reeder
desselben in England gegen Harmel ein gerichtliches Verfahren
eingeleitet und wollten ihn für nichts besseres als einen Seeräuber
erklärt wissen. Dieser Prozeß schwebte noch vor den holländischen
Gerichten, und je zweifelhafter es war, wie das Endurteil ausfallen
könnte, um so weniger mochte er allerdings Neigung in sich spüren, etwas
Frisches auf sein Kerbholz zu bringen.
Wir jedoch, die wir die Sache mit ganz anderen Augen ansahen, drangen so
ungestüm und unablässig in ihn, das Schiff zu besetzen, daß er endlich
einwilligte, die große Schiffsglocke läuten zu lassen und einen
allgemeinen Schiffsrat zu halten. Es ward beschlossen, daß zwölf von den
Unseren das Schiff zur Notdurft bemannen und ich die Ehre haben sollte,
es nach einem holländischen Hafen in Sicherheit zu bringen.
»Gut gemeint, aber schlecht beraten,« war meine Einrede, »und so muß ich
mich der zugedachten Ehre höflichst bedanken. Wer möchte wohl eine
solche Kommission so losen Fußes auf sich nehmen? Denn wie? wenn nun auf
dem Wege nach Europa irgendein englisches, französisches oder
anderweitiges Kriegsschiff auf mich stieße und nach meinen
Schiffspapieren fragte? Möchte ich zehnmal versichern und schwören, daß
es mit dem Funde ehrlich und christlich zugegangen, wer würde mir's
glauben und mich nicht vielmehr für einen argen Freibeuter erklären und
mir und all meinen Gefährten die hanfene Schleife zuerkennen? -- Und
steckt nicht noch dort die Kugel im Schiffsrumpfe in dem gesplitterten
Barkholze, die wir vorhin abgeschossen haben und die Zeugnis von
gebrauchter Gewalt gegen uns ablegen würde? Im besten Falle würden wir
in ein finsteres Loch gesteckt und könnten schwitzen, bis wir schwarz
würden, bevor die Mannschaft der Christina, die unterdes in den
afrikanischen Gewässern umherschweifte, vernommen werden könnte und uns
wieder aus der Patsche hülfe.«
Meinem Bedenken war nicht füglich zu widersprechen, doch fand und
ergriff man endlich den Ausweg, daß, zu meiner besseren Beglaubigung,
ein schriftliches Zeugnis über den ganzen Hergang, mit all seinen
besonderen Umständen, ausgefertigt und von der gesamten Harmelschen
Schiffsmannschaft eigenhändig unterzeichnet werden sollte. Da es nun in
Holland herkömmliche Einrichtung ist, daß vor dem Auslaufen eines jeden
Schiffes die gesamte Besatzung ihre Namenszüge bei der Admiralität in
die Schiffsregister eintragen muß, um vorkommenden Falles dadurch
bewahrheitet zu werden, so konnte die Echtheit dieser Urkunde in
Rotterdam unfehlbar ausgemittelt werden und diesem Beweise unserer
Ehrlichkeit nichts zur Gültigkeit abgehen. Auch ich erklärte mich nun
mit einem solchen Passe zufrieden.
Inzwischen nahte der Abend bereits heran, und bei dem stürmischen Wetter
schien es am ratsamsten, jene Ausfertigung bis zum nächsten Morgen zu
verschieben; damit jedoch dem fremden Schiffe bis dahin, falls es länger
sich selbst überlassen bliebe, kein Zufall zustieße, sollte der
Untersteuermann Peters dasselbe mit zehn Matrosen vorläufig sogleich in
Obhut nehmen. Seine Instruktion lautete dahin, sich mit dem Schiffe so
nahe als möglich an dem unserigen zu halten, und es wurden die Signale
verabredet, woran beide sich während der Nacht erkennen wollten. Zwar
kannten wir ihn als einen nicht sonderlich gewiegten Seemann, doch
schien der Dienst, wozu er beordert worden, um so weniger bedenklich, da
ich ihn binnen zwölf oder fünfzehn Stunden abzulösen gedachte, um sodann
das Schiff nach Holland heimzuführen.
So fuhr denn Peters mit seiner Mannschaft in unserer Schaluppe hinüber;
die Segel wurden dort den unserigen gleichgestellt, und das Schiff
gewann wieder einen festen und regelmäßigen Gang, bei welchem es, etwa
in der Entfernung eines Kanonenschusses, uns zur Seite blieb. Mit
Einbruch der Nacht steckten wir unsere Laterne aus, und dort geschah ein
Gleiches. Ich versah die erste Wache von acht bis zwölf Uhr und nahm mit
meinen Leuten wahr, daß sich das jenseitige Licht je mehr und mehr
entfernte und endlich zwischen zehn und elf Uhr gar erlosch.
Augenblicklich ward dies dem Kapitän gemeldet und hierauf beschlossen,
einen Stückschuß abzufeuern, um unserem Gefährten unsere Richtung
anzugeben.
Der Erfolg war keineswegs befriedigend. Wir wiederholten nun diese
Signalschüsse von Zeit zu Zeit die ganze Nacht hindurch, ja steckten
endlich selbst scharfe Patronen auf, um den Knall zu verstärken und in
desto weitere Ferne gehört zu werden. Unter steigender Unruhe graute
endlich der Morgen heran, alles eilte an den Masten hinauf, um sich
rings umher umzusehen. Umsonst! Freund Peters samt unserer Prise war und
blieb verschwunden!
Unsere Bestürzung war nicht gering. Wie war dies zugegangen? Was _war_
geschehen? Was _konnte_ geschehen sein? Ein unermeßliches Feld eröffnete
sich unseren Mutmaßungen und Zweifeln. Manche waren der Meinung, unsere
Leute wären samt dem Schiffe gesunken; so wie es auch zuvor schon von
seiner eigentlichen Besatzung um irgend eines nicht mehr zu stopfenden
Lecks willen verlassen worden sein möchte. Dem mußte ich aber mit Fug
entgegnen, daß ich samt allen, die mit mir an Bord gewesen, das Schiff
dicht und gut befunden, daß wir das wenige Wasser, das sich am Kiele
gesammelt, mit leichter Mühe ausgepumpt, und daß ich ja auch selbst in
den Raum hinabgestiegen gewesen, ohne etwas von eingedrungenem Wasser zu
spüren. Billig also ward diese Voraussetzung verworfen.
Möglicher aber schien es uns und stieg bald zur ängstlichen Besorgnis,
daß allerdings doch Leute im Schiffe versteckt gewesen, die bei Nacht
unversehens hervorgebrochen, die unsrigen überwältigt und ermordet und
sich, unter Begünstigung der Finsternis, davongemacht hätten.
Gewalttätigkeit und Meuterei schien, wie die zersplitterte Kajütentüre
bewies, allerdings vor der Begegnung mit uns auf dem Schiffe
stattgefunden zu haben. Wußten sich nun die Empörer schuldig, so war es
wohl natürlich, daß sie, als sie uns unter Flagge und Wimpel auf sich
zukommen und sie mit Kanonenschüssen begrüßen sahen, in der
Unmöglichkeit, uns zu entkommen, sich lieber in die geheimsten Winkel
verkrochen hatten und es auf den Zufall ankommen lassen, ob wir sie
entdecken oder ob sie vielleicht den Mantel der Nacht gewinnen würden,
um mit dem Schiffe wieder durchzugehen. Wir hatten also wohl nur zu viel
Ursache, das Schicksal unserer armen zwölf Gefährten zu bedauern.
Allein selbst wenn wir ihnen auch das bessere Los wünschen wollten, daß
sie -- sei es durch Zufall, Ungeschicklichkeit, oder gar durch
vorsätzlichen bösen Willen, -- in der Nacht von uns abgekommen, so waren
sie darum noch wenig besser beraten; und nicht nur sahen sie sich all
den Gefahren ausgesetzt, die ich gescheut und zu vermeiden gesucht
hatte, sondern es stand auch überhaupt gar sehr dahin, ob sie jemals
Holland oder irgendeine andre Küste wohlbehalten erreichen möchten. Der
Steuermann war, wie schon gesagt, ein Dummbart, welcher der Führung
eines Schiffes auf einen so weiten Weg keineswegs gewachsen war. Doch
hätte es auch besser um sein Wissen gestanden, so fehlte es ihm auch zu
einem solchen, nimmer von ihm zu erwartenden Wagestück ganz an einem
festen Punkte, welchen er bei seiner Schiffsrechnung hätte zum Grunde
legen können, denn in der Eile, womit seine Absendung betrieben wurde,
war entweder nicht daran gedacht, oder überhaupt für die kurze Zeit
seines Dienstes nicht für nötig gehalten worden, ihm unsere zuletzt
beobachtete Länge und Breite mitzugeben. Ebensowenig fand er dort
Instrumente nach holländischer Art (wie er sie allein gewohnt war), um
die Sonnenhöhe zu nehmen; und fielen ihm auch die dort geführten
Schiffsjournale und Seekarten in die Hände, so blieben sie ihm doch
ebenso unnütz zum Gebrauche, da sie in französischer Sprache verzeichnet
waren. Immer also gaben wir, nicht ohne Kummer, ihn und die Seinen
verloren.
Erst einige Tage nachher klärte sich wenigstens einiges, was uns an
diesem Schiffe rätselhaft war, um etwas auf, aber den völligen
Zusammenhang der Dinge, sowie das weitere Schicksal desselben, sollte
uns erst in späterer Zeit und auf verschiedenen Wegen zur Kenntnis
kommen. Jene ersten Entdeckungen ergaben sich uns, als ich zufällig den
Schanzloper wieder auf den Leib zog, welchen ich zu jenem Male, da ich
auf dem fremden Schiffe gewesen, getragen. Indem ich nämlich zufällig in
die Tasche griff, kamen mir die Briefe wieder in die Hände, welche ich
damals zu mir gesteckt hatte, ohne mich ihrer bis jetzt wieder zu
erinnern. Ich eilte mit meinem Funde zu dem Kapitän in die Kajüte, und
es gab kein Bedenken, die Briefe zu öffnen, damit wir einst im
entstehenden Falle um so leichter von unserm bestandenen Abenteuer Rede
und Antwort zu geben vermöchten.
Zwar waren diese Papiere, wie wir nunmehr ersahen, französisch abgefaßt
und also uns beiden unverständlich; allein wir hatten einen
französischen Matrosen namens Josephe an Bord, welcher sofort gerufen
wurde, um uns als Dolmetscher zu dienen. So bestätigte sich denn unsere
frühere Vermutung, daß das verlassene Schiff ein französisches gewesen.
Es war von Havre de Grace ausgegangen, und zwar nur vier Tage früher,
als wir von Goree in See gelaufen. Martinique hatte sein Bestimmungsort
sein sollen. Name des Schiffes sowie des Kapitäns sind mir wieder
entfallen, auf die Sache selbst aber werde ich noch weiterhin wieder
zurückkommen.
Inzwischen beförderten wir unsere Reise nach Möglichkeit, kamen ins
Gesicht von Madeira und Teneriffa, passierten die Kapverdischen Inseln
und erblickten am 24. Dezember die Küste von Guinea unter vier Grad zehn
Minuten nördlicher Breite, liefen anfangs nach der Sierra Leona hinauf
und warfen endlich am 4. Januar 1772 vor Kap Mesurado den Anker.