Zwar ward es mit diesem Befehle nicht so gar genau genommen und unsere

Freunde steckten uns immerfort etwas von ihren Mundportionen zu; allein

da wir volle acht Tage in See blieben, so litten wir gleichwohl

grausamen Hunger und Durst und waren darum von Herzen froh, als endlich

die Anker im Danziger Fahrwasser fielen. Hier deutete der Schiffer

seiner Mannschaft in unserer Gegenwart (und also auch wohl nicht ohne

geheime Absicht) an: »Er gehe in diesem nämlichen Augenblicke an Land

und nach Danzig zum preußischen Residenten, um ihm uns Deserteure

anzumelden und uns in seine Hände zu überliefern. Bis dahin sollten sie

uns an Bord festhalten und mit Leib und Leben für uns einstehen.«

Vergeblich wandten sie ihm ein: »Die Partei sei gar zu ungleich, da

ihrer nur fünf Mann, wir aber zwölf Köpfe stark wären.« -- »Was

kümmert's mich?« war seine Antwort, »und wenn es auch Mord und Totschlag

gibt, so laßt sie nicht laufen!«

Das hieß nun wohl deutlich genug: Immerhin, laßt sie laufen! -- Kaum

hatte er auch nur den Rücken gewandt, so machten wir uns zum Abzuge

fertig. Zum Schein gab es zwischen uns und dem Schiffsvolk ein

unbedeutendes und unblutiges Handgemenge, worauf wir unseres Wegs

gingen, uns sofort über die Weichsel setzen ließen und längs dem

Seestrande die Richtung nach Königsberg einschlugen. So mochten wir ein

paar Stunden wacker zugeschritten sein, als wir den Weg zu beschwerlich

fanden und darum gern auf den Vorschlag einiger Gefährten hörten, die

ihn früher schon mehrmals gemacht hatten und das Fortkommen an der

anderen Seite der Nehrung, längs dem frischen Haff, als angenehmer und

gemächlicher priesen. Sogleich schlugen wir uns nach dieser Seite

hinüber und entgingen dadurch, ohne es zu ahnen, einer Gefahr, die das

bisherige Spiegelfechten leicht in bitteren Ernst verwandelt haben

würde.

Denn seinerseits hatte der Kapitän in Danzig nicht umhin gekonnt, seine

Pflicht zu tun. Wir waren gesucht, vermißt und auf fernere Anzeige bei

der Ortsobrigkeit sofort verfolgt worden. Ein Kommando von einigen

Danziger Stadtdragonern setzte uns längs dem Seestrande nach und würde

uns gar bald eingeholt haben, wenn wir uns nicht bereits landeinwärts

gelenkt hätten. So verfehlten sie uns und kehrten unverrichteter Dinge

nach Danzig zurück, während wir ohne weitere Anfechtung Königsberg

erreichten und, vor weiterer Entdeckung sicher, uns im Gewühl dieses

lebendigen Handelsplatzes verloren.

* * * * *

Es traf sich sehr gelegen, daß es hier, bei eben wieder eröffneter

Schiffahrt, Mangel an unterrichteten Seeleuten gab, die als Steuerleute

gebraucht werden konnten. Daher währte es kaum zwei oder drei Tage, bis

wir uns samt und sonders, und meist in jener Eigenschaft, mit Vorteil

angebracht hatten. Ich selbst fand einen Platz als Steuermann auf einer

kleinen Jacht von fünfzig Lasten und fünf Mann Equipage. Mein Schiffer

hieß Berend Jantzen und war mit einer Ladung Hanf nach Irwin in

West-Schottland bestimmt; sollte aber, um die französischen Kaper zu

vermeiden, oben herum durch die Nordsee und die Orkaden steuern.

Wir gingen unter Segel; aber schon im Sunde erlebten wir das Unglück,

daß das eiserne Band eines Wasserfasses beim Zerspringen dem Schiffer

von hinten gegen die Wade schlug und dadurch das Bein so heftig gegen

eine scharfe Holzecke schleuderte, daß wir ihn in die Kajüte tragen

mußten und er an dem Schaden mehrere Monate lang das Bett zu hüten

hatte. Da nun er so wenig als einer unserer Matrosen, an welchem sich

bald ein venerisches Übel offenbarte, auf dem Deck ausdauern konnte,

unser Schiffsjunge aber (eigentlich ein verdorbener Tischlergeselle) bei

dem geringsten Sturmwetter mit Seekrankheit zu tun hatte; so beruhte

nunmehr die Führung des Schiffes einzig auf mir und einem Matrosen; und

ich darf wohl gestehen, daß mir bei der Sache nicht gar zu wohl zumute

wurde.

In der Tat gehört auch die Schiffahrt in diesen Gewässern, zwischen

Schottland und der Insel Lewis und den übrigen zahlreichen Hebriden hin,

zu den gefährlichsten, die es geben kann; nicht nur des engen

Fahrwassers zwischen den Inseln und der vielen Klippen wegen, sondern

hauptsächlich weil hier so starke Strömungen gehen, daß es oft überall

brandend aufschäumt und nicht anders aussieht, als ob alles rings umher

dicht mit blinden Klippen besät wäre. Noch unglücklicher aber ist es,

daß die holländischen Seekarten, deren wir uns damals allein bedienen

konnten, hier durchaus unzuverlässig sind und jeden Augenblick

irreführen. Das begegnete denn auch mir, und so darf man sich denn nicht

wundern, daß ich hier endlich gar nicht mehr aus oder ein wußte.

In dieser Bedrängnis kam uns ein englisches Schiff zu Gesicht, welches

zwischen zwei hohen Landspitzen hervorsegelte und von welchem ich

richtigeren Bescheid zu erlangen hoffte. In dieser Absicht richtete ich

die Segel nach jener Seite hin, indem ich zugleich die preußische Flagge

aufsteckte, welche bekanntlich weiß ist und in der Mitte den schwarzen

Adler führt. Aber auch die französische Flagge ist von weißer Farbe; und

da sich bei dem mäßigen Winde die meinige zu wenig entfaltete, um den

Adler anstatt der Lilien erblicken zu lassen, so ward ich von dem

Engländer für einen französischen Kaper angesehen, und er setzte bei dem

stillen Wetter so viel Segel auf, als sein Schiff nur tragen konnte, um

mir zu entgehen. Ich tat desgleichen, um Jagd auf ihn zu machen; und so

machten wir uns beiderseits Not und Mühe, bis zuletzt nachmittags der

Wind völlig erstarb, als ich nur noch eine kleine Viertelmeile von dem

Flüchtling entfernt war.

Meinen Zweck verfolgend setzte ich nunmehr mit Hilfe meines Matrosen und

des Jungen die Jolle aus und ließ mich von ihnen an den jenseitigen Bord

hinüberrudern. Als Vorwand meines Besuches sollte mir ein mitgenommenes

leeres Wasserfaß und die kleine Notlüge dienen, daß uns unser

Trinkwasser ausgegangen. Wir kamen dem Schiffe auch glücklich zur Seite,

wo wir mit Verwunderung alles zum Gefechte in Bereitschaft fanden,

während sie selbst, beim nähern Anblick von uns drei Köpfen, über ihre

ausgestandene Furcht lachen mußten.

Meine Bitte um frisches Wasser schien unverdächtig und fand willigen

Eingang. Unter der Zeit aber, daß es gezapft und in mein Faß übergefüllt

wurde, nahm ich die Gelegenheit wahr, ganz unbefangen nach dem Namen

dieses und jenes Landes, das uns eben im Gesichte lag, zu fragen. So

erfuhr ich, daß dort hinaus Kap Cantrie, hierwärts aber die Insel

Lamlach gelegen sei. Ich war nun zu meiner großen Beruhigung wieder

orientiert, ohne mir die arge Blöße gegeben zu haben, meine Unwissenheit

einzugestehen.

Irwin, unser Bestimmungsort, liegt im Grunde einer tiefen runden Bucht,

in welche, als wir ihre Höhe erreichten, ein Sturm aus Nordwest gerade

hineinblies. Da sie mir durchaus unbekannt war, bekanntlich aber

schlechten Ankergrund hat, so wäre es verwegen gewesen, mich bei diesem

Winde und Wetter in sie hineinzuwagen. Ich steuerte also gegen die Insel

Arron, um dort vielleicht eines Lotsen habhaft zu werden; allein

vergebens kreuzte ich zwei Tage umher. Meine weiße Flagge spielte mir

abermals den Streich, daß alles auf der See vor mir floh und vom Lande

niemand sich zu mir heranwagte, weil ich für einen Franzosen gehalten

wurde. Zuletzt näherte ich mich dem Strome von Port-Glasgow, und hier

gelang es mir dann, einen Lotsen zu finden, der mich nach Irwin brachte.

Ich berührte nur kurz, daß wir, nachdem auch unser Schiffer wieder auf

die Beine gekommen, von hier mit Ballast und unter neutraler Flagge nach

der Insel Noirmoutiers an der westlichen Küste von Frankreich gingen, wo

wir eine Ladung Seesalz einnahmen und uns dann nach Königsberg auf den

Heimweg machten. Leider konnten wir's im Kanal in der Nähe von Dover

nicht vermeiden, nach und nach mit sieben englischen Kapern

zusammenzugeraten. Alle diese Schnapphähne -- Kerle mit wahren

Galgenphysiognomien -- stiegen zu uns an Bord und wußten in allem, was

ihnen anstand (und ihnen stand fast alles an!) reinen Tisch zu machen:

Kessel und Pfannen, Tauwerk und losgebundene Segel, Seekarten und Kompaß

mußten mit ihnen wandern. Was der eine uns ließ, daß nahm der andere.

Ja, endlich zogen sie uns sogar die Kleider vom Leibe.

Wir hatten eben Dover gegenüber beilegen müssen, als mir, bei dem

letzten unerwünschten Zuspruche solcher Art, einer von diesen

Taugenichtsen, zudringlicher als die übrigen alle, die langen

Schifferhosen von den Beinen streifte. Das hätte ich verschmerzen mögen;

aber bei der Gelegenheit fiel ihm auch ein Notpfennig von etwa 13 Rubeln

in die Augen, die ich ins Hemd eingenäht hatte und hier für sicher genug

hielt. Kaum aber erreichte der süße Ton des Silbergeklappers sein Ohr,

so griff er gierig zu, hieb mit seinem Hauer mir den Hemdzipfel vom

Leibe, zählte seine Beute über und trieb die britische Großmut so weit,

mir davon einen Rubel zurückzugeben. Dabei verbot er mir, diesen dem

Schiffer zurückzustellen, welchem, seiner Meinung nach, der ganze Fund

wohl eigentlich gehören möchte.

Ich war aber über diese Behandlung dermaßen erbittert, daß ich

augenblicklich das Ruder aufholte, die Segel abbraßte und, da der Wind

südlich war, nach dem Lande zuhielt. »Was soll das bedeuten? Wo hinaus?«

fragten die Kerle, die mir auf dem Verdeck am nächsten standen. -- »Wo

hinaus?« antwortete ich, von der inneren Wut übermeistert, »geradeswegs

nach Dover, wo ihr Schelmgezüchte noch heute am lichten Galgen baumeln

sollt!« -- Flugs kam auf diese Drohung das ganze Pack aus Kajüte, Roof,

Kabelgat und Raum, wohin sie sich zum Rauben verteilt hatten, im dichten

Kreise um mich her zusammen. So viel Hände, so viel Pistolen wurden mir

auch an den Kopf oder Hauer auf die Brust gesetzt; doch schoß oder stach

niemand. Dagegen rissen sie mich bei den Haaren aufs Deck nieder, einige

hielten mich an Kopf und Füßen fest, andere schlugen mit den flachen

Klingen auf mich drein, daß mir schier Hören und Sehen verging. Endlich

wollten doch die Barmherzigsten meine weitere Mißhandlung nicht

gestatten; doch ging es nicht ohne einige Fußtritte ab, und einer, der

mir nun noch die Stiefeln von den Füßen zog, schlug mir sie zum

Beschlusse um die Ohren, zog sie selbst auf der Stelle an und machte

sich darauf mit seinen feinen Gesellen, zusammen dreizehn an der Zahl,

an Bord ihres Kaperschiffes zurück.

Mein Zustand war so jämmerlich, daß unser Schiffsvolk mich für halb tot

in meine Koje trug. Nicht genug aber, daß ich, der ich mich kaum regen

konnte, der Regierung des Schiffes abging, sondern nun entstand auch in

der nächsten Nacht ein Sturm, gegen den die übrigen sich zu schwach

fühlten, die Segel einzunehmen. Dies hatte die Folge, daß bald auch der

große Mast brach und mit seiner ganzen Takelage über Bord ging. Nun

trieben wir, als ein Wrack, in der See, und hätten wahrscheinlich

unseren Untergang gefunden, wenn nicht tags darauf eine holländische

Fischer-Schuyt in unsere Nähe gekommen und bereitwillig gewesen wäre,

unser Schiff nach dem Texel und von dort nach Medemblyk zu schleppen, wo

sich die bequemste Gelegenheit fand, es wieder zu vermasten und in

segelfertigen Stand zu setzen.

* * * * *

Als es zugerüstet war, fühlte ich mich noch zu krank und elend, um

wieder mit an Bord zu gehen. Ich mußte also in Medemblyk zurückbleiben

und begab mich dort zu einem Kompaßmacher, dem ich seine Kunst gründlich

ablernte, und diese ist mir in der Folge von großem Nutzen gewesen.

Zugleich schrieb ich in meine Heimat und erhielt auch bald eine

Aufforderung von meinem Vater, ungesäumt nach Kolberg zurückzukommen.

Die Gefahr, zum Soldaten ausgehoben zu werden, sei jetzt nicht zu

fürchten, da er als Bürgeradjutant sich den Festungskommandanten

v. Heyden besonders geneigt wisse und daß es mehr als eine Weise gebe, dem

Vaterlande rechtschaffen zu dienen. Überdem sei es sehr wahrscheinlich,

daß der Festung binnen kurzem eine Belagerung von den Russen

bevorstände. Es sei also das beste, daß ich nach Hause käme, um mit

meinen Eltern zu leben und zu sterben. Schlüge ich jedoch diese

Ermahnung in den Wind, so möchte ich auch fernerhin nimmer wagen, mich

seinen Sohn zu nennen. Kurz, neben dem glühenden Patriotismus, der sein

Herz beseelte, schimmerte immerdar noch die Besorgnis hindurch, daß ich

meiner alten Begierde nach Abenteuern hier in Holland abermals den Zügel

schießen lassen und mit leichtem Sinn in die weite Welt gehen möchte.

Was blieb mir unter diesen Umständen anders zu tun, als mich

unverzüglich auf das Schiff eines Landsmannes zu setzen, der zu

Amsterdam lag und unter Danziger Flagge fuhr, und es so einzurichten,

daß ich auf der Kolberger Reede, im Vorüberfahren, von ihm an Land

geschickt wurde. Drei oder vier Wochen darauf begann die erste, von dem

russischen General Palmbach geleitete Belagerung meiner Vaterstadt. Nun

ist es bekannt, daß schon von alten Zeiten her die Einwohner von Kolberg

durch ihren Bürgereid verpflichtet sind, zur Verteidigung der Festung

Leib und Leben, Gut und Blut daranzusetzen. Sie blieben also auch bei

dieser Gelegenheit, als brave Preußen, nicht hinter ihrer Schuldigkeit

zurück. Meines Vaters Posten insonderheit forderte, daß er in dieser

Zeit stets um die Person des Kommandanten sein mußte; und wo er war, da

war auch ich, um ihm, als ein flinker und rühriger junger Mensch, zur

Hand zu gehen. Der alte wackere Heyden sah meinen guten Willen; und das

gewann mir sein Wohlgefallen in dem Maße, daß ich beständig in seiner

Nähe sein und bleiben mußte. Ich konnte solchergestalt für seinen

zweiten Bürger-Adjutanten gelten und wurde oftermalen auf den Wällen von

ihm gebraucht, seine Befehle nach entfernten Posten zu überbringen. In

der Tat war dies eine gute Vorschule für mich, um zu lernen, was unter

solchen Umständen zum Festungsdienste gehört; und die Lektion ist mir

noch im späten Alter trefflich zugute gekommen!

Man weiß, daß diese Belagerung, obgleich ernstlich genug gemeint und mit

überlegener Kraft begonnen, dennoch durch die Entschlossenheit unseres

Anführers und seine geschickten Gegenanstalten fruchtlos blieb und daß

die Russen, nachdem sie eine Menge Pulver unnütz verschossen hatten,

nach einigen Wochen wieder abziehen mußten. Sobald aber auch nur der

Platz wieder frei geworden, war dort meines Bleibens nicht länger. Ich

machte eine Fahrt nach Amsterdam, von der ich hier nichts Besonderes

anzuführen habe, und traf hier wieder mit meinem alten wertgehaltenen

Kapitän Joachim Blank zusammen, den ich vor drei Jahren ungern

verlassen hatte. Er hatte gerade eine neue Reise nach Surinam vor, wo es

denn keines langen Zuredens bei mir bedurfte, um auf seinem Schiffe

meine alte Stelle als Steuermann anzunehmen.

* * * * *

Es war gegen Ende Dezember 1758, als wir, mit einer großen Flotte von

Kauffahrern und unter Bedeckung von drei holländischen Kriegsschiffen

aus dem Texel mit einem tüchtigen Sturm aus Nordosten in See gingen.

Allein es gibt so mancherlei Verzug und Beschwerde, sich -- zumal bei

den langen Winternächten -- im Gedränge einer solchen zahlreichen Konvoi

zu befinden, daß wir uns die erste beste finstere Nacht zunutze machten,

uns heimlich von unserer lästigen Begleitung abzudrücken und unser Heil

in uns selbst zu suchen. Der anhaltende günstige Wind ließ uns auch bald

einen weiten Vorsprung gewinnen; so daß wir binnen kurzem die östlichen

Passatwinde erreichten und die gesamte Fahrt vom Texel bis in den Fluß

von Surinam, -- eine Strecke von zweitausend Meilen -- in der

ungewöhnlich kurzen Zeit von zwanzig Tagen zurücklegten.

Meine Beschäftigungen an diesem unserem Bestimmungsorte waren die

nämlichen, die ich schon früher angeführt habe. Ich befuhr beide Ströme

in der Kolonie, versah die Plantagen mit den bedürftigen Artikeln

unserer Ladung, und brachte von dort eine neue Rückfahrt an Zucker und

Kaffee zusammen. Dies setzte mich nun mit einer Menge Plantagendirekteurs

in Verbindung, die großenteils meine näheren oder entfernteren Landsleute

waren und mir sämtlich viele Liebe und Güte erwiesen. Ihrer unbegrenzten

Gastfreundlichkeit danke ich die vergnügtesten Tage meines Lebens, die

unstreitig in diesen achtmonatigen Aufenthalt in dieser Kolonie fielen.

Auf unserer Heimfahrt nach Amsterdam hatten wir einen der vermögendsten

Plantagenbesitzer an Bord, den die Sehnsucht nach dem vaterländischen

Himmel zurück nach Europa trieb. Er hieß _Polack_, war ein geborener

Wiener und in seiner Jugend als gemeiner Soldat nach Surinam geraten.

Glück und Tätigkeit hoben ihn hier allmählich zu einer glänzenden Lage

empor. Eine der größten Kaffeeplantagen, genannt »der Maas-Strom« und am

Kommendewyne gelegen, war sein Eigentum, das er unlängst seinem aus

Europa zu sich berufenen Schwestersohne zum Geschenk übergeben hatte.

Nie sah ich einen rührenderen Anblick, als wie ich ihn von dort in

unserer Schaluppe an Bord abholte. Alle Sklaven der Pflanzung,

vierhundert Männer, Weiber und Kinder an der Zahl, hatten sich

versammelt, um ihrem alten gütigen Herrn das Lebewohl zu sagen. Sie

fielen rings um ihn nieder, weinten, umfaßten seine Füße und Hände und

umklammerten seinen Leib, als wollten und könnten sie ihn nimmer von

sich lassen.

Sobald wir unter Segel gegangen waren, ersuchte uns Herr Polack, dem

Schiffsvolke bekannt zu machen, daß er demjenigen, der ihm zuerst

ansagen könne: er sehe europäische Erde -- ein Geschenk von fünfzig

Dukaten zugedacht habe. Diese Nachricht verbreitete unter allen eine

gespannte Aufmerksamkeit; und der Wetteifer, eine so leicht zu

verdienende Belohnung vor den übrigen davonzutragen, wuchs mit jedem

Tage, der uns unserm heimatlichen Erdteile näher brachte. Selbst als

wir, in der achten Woche unserer Fahrt, unserer Schiffsrechnung nach,

dieses Ziel erreicht zu haben glauben durften, blieb dennoch eine

Ungewißheit von einem Dutzend Meilen übrig, da, wie bekannt, in jenen

Zeiten die genaue Bestimmung der zurückgelegten Längengrade mehr auf

einer mutmaßlichen Schätzung, als auf astronomischen Berechnungen oder

der Sicherheit der Seeuhren beruhte.

Jetzt wimmelte es schon seit einigen Tagen auf unsern Masten und Stangen

von Menschen, die mit angestrengten Blicken nach Europa ausschauten.

Eines Nachmittags, als ich meine Wache beendigt hatte und ehe ich mich

in meine Koje verfügte, stieg ich nach oben, um mich nach allen Seiten

umzusehen; wie dies denn nicht bloß damals, sondern zu allen Zeiten,

meine unverbrüchliche Weise war. Mein erster Blick nach dem östlichen

Horizont zeigte mir etwas, das beinahe wie eine entfernte Küste am Rande

aufblickte. Dennoch stieg mir einiger Zweifel auf, ob nicht eine ähnlich

gestaltete Wolke, oder eine Nebelbank, mich täuschte. Allein je länger

und sorgfältiger ich mir die Erscheinung überlegte, desto

zuversichtlicher ward meine Überzeugung, daß ich recht gesehen. Um mich

her und hoch über mir saßen Matrosen, denen gleichwohl von meiner

Entdeckung noch kein Schatten ahnte.

Auch ich schwieg still, begab mich aufs Verdeck hinunter und flüsterte

unserem Ober-Steuermann ins Ohr: »Gelt Freund, ich sehe die englische

Küste! Ich steige jetzt wieder nach oben; und wenn ich dann den Arm

gerade nach dem Lande hin ausstrecke, so macht danach hier unten mit dem

Kompaß die Peilung.« -- Unbefangen nahm ich meinen alten Sitz im

Mastkorbe wieder ein; überzeugte mich dann zuvor, ob unten mein Gehilfe

mit seinem Instrumente fertig stand, und deutete nun bestimmt nach der

erblickten Küste hin. Kaum nahmen meine Nachbarn umher diese Bewegung

wahr, so schrien sie auch allesamt, wie aus einer Kehle: »Land! Land!

Land!« -- aber zu spät! Ich hatte ihnen bereits vorgefischt!

Als ich mich wieder unten zeigte, forderte mich unser Kapitän auf, zu

Herrn Polack in die Kajüte zu gehen und ihm zum Anblick von Europa zu

gratulieren. Mein Ehrgefühl aber wollte es nicht zulassen, mir irgend

den Schein zu geben, als habe ich mich unter die Bewerber zu seiner

ausgesetzten Prämie gedrängt. Nicht so aber dieser Ehrenmann, der mich

selbst zu sich hinab nötigte, mir das bestimmte Päckchen Gold in die

Hand drückte und mich bat, es zu irgendeinem Andenken an ihn und diese

Reise zu verwenden. Am 1. Dezember 1759 erreichten wir Amsterdam; und

unsere Fahrt hatte diesmal ein rundes Jahr, weniger einige Tage,

gewährt. Von unserer Bemannung, die vierundvierzig Köpfe betrug, hatten

wir neun Menschen durch den Tod verloren.

* * * * *

Untätigkeit und träge Muße waren mir unleidlich. Ich engagierte mich

daher sofort wieder, als Unter-Steuermann, auf das Schiff unter Kapitän

Siewert, welches schon im Texel lag, nach St. Eustaz bestimmt war und

kurz vor Anfang des Jahres 1760 die Anker lichtete. Die späte Jahreszeit

ließ uns eine schwere stürmische Fahrt in der Nordsee und im Kanal

erwarten. Auch traf diese Befürchtung nur zu pünktlich ein, denn wir

büßten nicht nur mehrere Segel, sondern auch Stangen und Raaen ein und

fünf Matrosen, samt dem Schiffszimmermann, hatten das Unglück, ohne

Rettung über Bord gespült zu werden. So kamen wir, in einem äußerst

beschädigten Zustande, in St. Eustaz an; bewirkten jedoch binnen vier

Wochen unsere Ausbesserung und Rückladung, und mochten kaum die Hälfte

unseres Weges nach Holland zurückgelegt haben, als wir von einem

englischen Kriegsschiffe genommen wurden. Die gesamte Mannschaft, bis

auf vier Mann, mußte an dessen Bord hinüberwandern, und so wurden wir im

Monat Mai nach Portsmouth aufgebracht. Unser Prozeß, ob recht oder

unrecht, kam zu einer kurzen Entscheidung: denn da man für gut fand, in

unserer Fracht französisches Eigentum zu wittern, so wurden Schiff und

Ladung kondemniert, die Mannschaft aber mit der ausgezahlten Gage von

einem Monat abgefunden. Noch verdrießlicher aber war uns das

Erschwernis, welches wir fanden, England zu verlassen.

Unter diesen Umständen blieb mir nichts übrig, als Dienste auf einem

englischen Schiffe, unter Kapitän Keppel, zu nehmen. So kam ich Anfang

Juli nach Danzig, von wo ich sofort an meine Eltern nach Kolberg schrieb

und ihnen meine Lage schilderte. Dies hatte die, für mich sehr

überraschende Folge, daß meine gute Mutter persönlich mit der Post nach

Danzig kam, sich hinter den preußischen Residenten steckte und durch

diesen es mit leichter Mühe dahin brachte, daß ich, als preußischer, und

also Untertan einer befreundeten Macht, von dem englischen Schiffe

entlassen wurde. Unmittelbar darauf ging ich mit meiner gütigen

Befreierin nach unserer Vaterstadt ab.

* * * * *

Kaum fünf oder sechs Wochen hatte ich im väterlichen Hause zu meiner

Erholung zugebracht, so trat für Kolberg der Zeitpunkt jener zweiten

denkwürdigen Belagerung ein; und da die Russen diesmal, beides zu Wasser

und zu Lande, operierten, so war auch der Hafen gesperrt, und ich saß

also wieder in der Kaltschale! Indes tat ich meinen Dienst, wie ich

wußte und konnte, ebenso, wie vor zwei Jahren; nur ging es diesmal noch

um vieles wärmer her. Glücklicherweise dauerte unser Notstand nur etwa

drei Wochen, da dann die Festung durch den braven General Werner, wie

durch ein Wunder, entsetzt wurde.

Während dieser Zeit des siebenjährigen Krieges blieb den preußischen

Schiffen und Seeleuten, um ihrem Erwerbe nachzugehen, kaum etwas anderes

übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren. In solcher

Weise ging ich auch im Oktober von Danzig nach Königsberg, und von

Königsberg mit einem Schiffe in See, das nach Amsterdam bestimmt war und

von Karl Christian, einem in Pillau ansässigen Schiffer, geführt wurde.

Ich hatte mich als Steuermann verdungen. Es war im November 1760; und so

fehlte es in dieser vorgerückten Jahreszeit auch wiederum nicht an

häufigem Sturm und Unwetter, womit wir besonders in der Nordsee viel zu

schaffen hatten.

Wir bekamen einen Leck, mit dem es binnen kurzem sehr bedenklich wurde,

weil die Ratzen die inwendige Fütterung des Schiffsbodens durchgefressen

hatten; wo denn das Getreide, welches unsere Ladung ausmachte, in den

unteren Kielraum geraten war und unsre Pumpen verstopft hatte. Der Sturm

ward je länger je heftiger, und wir fühlten uns dem Sinken nahe. In

dieser Not blieb uns nichts übrig, als das Schiff vor dem Winde

hinlaufen zu lassen, die Luken zu öffnen und von unserer Ladung so viel

wie möglich über Bord zu schaffen. Aber noch immer konnten wir keinen

Hafen sehen oder erreichen, als wir mit Einbruch der Nacht in die

Scheren an der südlichsten Spitze von Norwegen gerieten, wo wir zwar mit

Mühe auf siebzig bis achtzig Klafter vor Anker kamen, aber doch nicht

verhindern konnten, daß das Hinterteil des Schiffes auf eine Klippe

stieß. Durch die Gewalt dieses Stoßes zerbrach das Ruder samt dem

Hintersteeven, und das Wasser im Raume stieg mit jeder Viertelstunde

höher. Wir brachten eine Nacht voll entsetzlicher Angst zu und sahen

unsern gewissen Tod vor Augen.

Endlich aber dämmerte etwas Tageslicht auf und zeigte uns eine Öffnung

zwischen den Scheren, die wir augenblicklich benutzten, indem wir unser

Ankertau kappten, zugleich aber auch eines Lotsen mächtig wurden, der

uns in den Hafen von Klewen, nahe bei Mandal, führte. Froh des

geretteten Lebens besserten wir hier unser hart beschädigtes Schiff aus;

konnten aber erst im März 1761, und mit stark verminderter Ladung,

wieder in See gehen; worauf wir denn im April unsern Bestimmungsort

erreichten, unser Getreide löschten und dann einige Wochen später mit

Ballast nach der Insel Noirmoutiers, weiter segelten, um hier eine

Ladung Seesalz als Rückfracht nach Königsberg einzunehmen.

* * * * *

Während unserer Reise dahin und bei dem schönen Wetter, das wir im Kanal

trafen, beschäftigten wir uns nebenher damit, die Kajüte neu auszumalen.

Dem Schiffer ward bei dieser Arbeit übel, und er legte sich in seine

Koje, während ich selbst einer Verrichtung auf dem Deck nachging. Kaum

eine halbe Stunde nachher kam auch _er_ wieder hervor; sah ganz wild und

verstört aus und fragte mit Ungestüm: Was für Land dies sei, und wo ich

mit dem Schiffe hin wolle? Mit Verwunderung nahm ich seinen

ungewöhnlichen Zustand wahr, brachte ihn jedoch durch gütliches Zureden

in die Kajüte und auf sein Lager zurück; hatte aber kaum den Rücken

gewandt, als ich hinter mir ein erstaunliches Brüllen und gleich darauf

ein Gepolter hörte, welches mich bewog, der Ursache nachzugehen.

Da fand ich denn den Kapitän, der aus seinem Bette herabgetaumelt war,

auf dem Boden der Kajüte ausgestreckt lag, aus Mund und Nase stark

blutete und ein Loch in den Kopf gefallen hatte. Sein Anblick war

fürchterlich; und es schien sich kaum noch eine Spur von Leben in ihm zu

regen. Ich machte flugs Lärm; unser Volk kam mir zu Hilfe; wir flößten

ihm Wasser und Branntwein ein; rieben ihn, verbanden ihm seine Wunde und

brachten ihn wieder zu sich. Auch sein gesundes Bewußtsein schien

wiedergekehrt, so daß wir ihn mit guter Zuversicht vom Verdeck, wo wir

ihn behandelt hatten, wieder in seine Koje zur Ruhe legen konnten. Zu

noch besserer Vorsicht blieb ich bei ihm und streckte mich auf den

Kleiderkasten, der vor seinem Bette angebracht war.

Nichtsdestoweniger überfiel es ihn gleich darauf von neuem; er taumelte

über mich weg auf den Fußboden der Kajüte; war starr, besinnungslos und

einem Sterbenden ähnlich, bis wir ihn abermals aufs Deck an die frische

Luft brachten, wo er sich denn allmählich wieder erholte. Ich verfiel

darauf und bin auch noch jetzt der Meinung, daß der Grund dieser

sonderbaren Wirkung in den frischen Ölfarben zu suchen sei, womit wir

eben hantiert hatten; zumal in dem sogenannten Königsgelb, das wir zum

Anstrich einiger Leisten dicht an seiner Koje gewählt und dessen

schädliche Ausdünstungen er unmittelbar mit dem Atem in sich gezogen

haben konnte. Wir behielten ihn darum auch auf dem Verdeck und dann in

einem luftigen Raum, bis wir ihn vollkommen wieder genesen glaubten.

Einige Tage später befanden wir uns morgens unter Quessant, als ich eben

mit meiner Wache fertig war; und da der Kapitän aufs Deck kam, um mich

abzulösen, bedeutete ich ihm: »Dort haben wir Quessant. Wir dürfen

nicht südlicher steuern, als Südsüdwest, wenn wir nicht hier in die

Bucht zwischen den Klippen verfallen wollen.« -- Ich war auch zu dieser

wohlgemeinten Weisung um so befugter, weil ich ohnehin auf dem Schiffe

meist alles allein zu leiten hatte, denn mit des Mannes Steuerkunst war

es herzlich schlecht bestellt, indem er zwar einige Reisen nach

Ostindien, aber nur als Zimmermann, gemacht hatte. Seine Anstellung als

Schiffer hatte er lediglich der Gunst einiger Reeder in Königsberg, den

Verwandten seiner Frau, zu danken. Auch wurden von seinen früheren

Fahrten allerlei seltsame Dinge erzählt, die sein Ungeschick zu einem

solchen Posten sattsam bewiesen. Als Seemann konnte er es übrigens mit

dem Bravsten aufnehmen.

Während ich in meine Koje zur Ruhe ging, nahm jener sein Werkgerät und

machte sich an der Zimmerung des Bootes etwas zu schaffen. Ehe mir aber

noch die Augen recht zufielen, kam er aus demselben hervor, trat zu dem

Matrosen am Steuer und fragte: »Was steuert Ihr?« -- »Südsüdwest, Herr!«

war die Antwort. -- »Ei, warum nicht gar! Steuert Südsüdost!« befahl der

Schiffer. Ich erschrak und geriet immer mehr in Nachdenken, was ihn zu

dieser Widersinnigkeit veranlassen könne. Kaum zehn Minuten später kam

er nochmals und gebot dem Manne am Ruder, vollends gegen Südost zu

steuern. Sogleich sprang ich auf, überzeugte mich, daß dieser wirklich

den anbefohlenen Kurs hielt, und rief nun augenblicklich dem Kapitän zu:

»Um Gottes willen! Mit dem Südostkurs sind wir ja gleich im Unglück! Wir

müssen wieder südwestlich steuern.«

Der harte Kopf tat, als hörte er mich nicht, und gab keine Antwort. Ich

rannte zu dem Matrosen und donnerte auf ihn ein: »Steuert Südwest!« --

Der Schiffer, dies hörend, warf seine Zimmeraxt über Seite, kam heran

und gebot seinerseits: »Steuert Südost!« -- Was blieb mir jetzt übrig,

als dem Kerl die Ruderpinne aus der Hand zu reißen und so meinen Willen

zu erzwingen? -- bis jener sie mir wiederum mit Gewalt entriß und

wütend erklärte, daß es bei Südost verbleiben solle.

So abgewiesen, ging ich in den Roof, wo ich mein Wachtvolk herausrief

und nun auch meinerseits erklärte: »Der Schiffer wolle uns mit seinem

Eigensinn ins Unglück bringen; wir führen mit diesem Kurs dem Verderben

in den offenen Rachen. Gleich hin nach vorn und ausgeschaut nach Klippen

und Brandung!« -- In der Tat auch war kaum eine halbe Stunde verlaufen,

so schrien die Leute: »Ho da! Klippenbrandung vor uns!« -- Jetzt hielt

ich mich auch nicht länger; griff, wie ein Sturm, ins Ruder, holte es

hart an die Backbordseite, und sah mit Herzbeben rings umher ein

Labyrinth von Klippen weiß aufschäumen.

Auch der Kapitän sah, was vorging, und schlich bleich und zitternd nach

der Kajüte, während ich, mit Hilfe der übrigen, das Schiff wendete und,

da mir der Wind günstig in die Segel stand, auch das kaum verhoffte

Glück hatte, mich mit Kreuzen und Lavieren endlich wieder aus dem

Untergang drohenden Gedränge wieder herauszufinden. Von unserm Schiffer

war und blieb nichts zu sehen, bis zur Essenszeit, da er mich, wie

gewöhnlich, zu Tische rufen ließ. Kaum trat ich in die Kajüte, so fiel

er mir um den Hals, gestand, er sei ganz von Sinnen gewesen, und bat

mich, alles Geschehene zu vergessen; mit heiliger Zusicherung, daß er

mir künftig ganz meinen Willen lassen wolle. Ich schärfte ihm jedoch ein

wenig das Gewissen durch Vorstellung, wie nahe es daran gewesen, daß wir

alle durch seine Schuld Kinder des Todes geworden. Er erkannte das, gab

gute Worte, und damit war die Sache abgetan.

Auf der Heimreise hatten wir den Kanal bereits wieder passiert und bei

Nacht die Leuchtfeuer bei Dover deutlich erkannt, indem wir bei einem,

zum Sturme werdenden West-Südwest-Winde herliefen. Weiterhin in der

Nordsee, wo diese mehr Breite gewann, fanden wir gewaltig hohe Wogen,

die unsrem tief mit Salz geladenen Schiffe durch öfteres Überstürzen

sehr beschwerlich fielen. Eben war meine letzte Nachtwache von zwölf

bis vier Uhr zu Ende. Ich ging demnach zum Kapitän in die Kajüte, um ihm

zu sagen, daß seine Wache beginne, daß es gewaltig stürme und daß,

wofern der Wind nicht bald nachließe, es nötig werden möchte, die Segel

einzunehmen und gegen den Wind zu legen. Anders sei mir bange, daß uns

nicht Boot, Wasserfässer und selbst Menschen durch die Sturzwellen über

Bord gerissen würden.

Müde suchte ich meine Lagerstätte, ohne jedoch einschlafen zu können.

Ich hörte den Kapitän aufs Deck hervorkommen und wieder in die Kajüte

zurückkehren, wobei er Morgen- und Bußlieder zu singen begann. Das

deuchte mir an ihm um so verwunderlicher, da er während der ganzen

Reise, außer der Zeit des gewöhnlichen Schiffsgebetes, nie ein

geistliches Buch in die Hände genommen, noch eine Gesangnote angestimmt

hatte. »Das mag wohl gar ein Zeichen vor seinem Ende sein,« sagte ich zu

mir selbst. »Nun, so ist es doch immer das Schlimmste nicht, was er tun

kann.«

Eine Stunde später trat er an mein Bett, um mich zu fragen, ob ich

schliefe? -- »Kann man es wohl bei Eurer seltsamen Musik?« war meine

Antwort. Nun sagte er mir: es werde nicht anders sein, als daß wir die

Segel einreffen und gegen den Wind würden drehen müssen. Zugleich bat er

mich, daß ich mich etwas in die Kleider würfe und mit meinen Leuten auf

dem Platze wäre, während er selbst mit seinem Wachvolke die Kliefhack

(Besane) einnehmen wolle. -- Flugs sprang ich mit gleichen Füßen aus den

Federn, machte Lärm und brachte meine Mannschaft auf die Beine. Aber

noch steckte ich selbst erst halb in einem Stiefel, so begann der Mann

am Ruder ein helles Geschrei, ohne daß ich eine Veranlassung dazu

begriff. Ich stürzte hervor -- »Kerl, bist du toll? Was ficht dich an?«

-- »Mein Gott! mein Gott! Da vorn muß ein Unglück passiert sein. Sie

lamentieren alle ganz kläglich durcheinander.«

In drei Sprüngen war ich vorn am Bug. »Was ist's? was fehlt euch?

sprecht!« -- »Ach, daß Gott erbarme! der Schiffer ist über Bord!« --

»Nun denn, nicht lange besonnen! Frisch, daß wir ihm helfen!« --

Sogleich griff ich nach allem Tauwerk, das mir zunächst zur Hand kam,

und ließ die Enden über Bord laufen, damit sich der Unglückliche

vielleicht daran halten möchte. Das gleiche tat ich hinten auf dem

Kajütendeck, aber immer noch, ohne zu wissen, nach welcher Seite ich ihn

eigentlich zu suchen hatte, da das Schiff eine fliegende Fahrt lief.

Endlich nahm ich wahr, daß er hinten im Kielwasser in die Höhe tauchte,

sich in einer Entfernung von zehn oder zwanzig Klaftern hinter dem

Schiffe zum Schwimmen umwarf und nun mit Macht zu rudern begann. Daß er

ein fertiger Schwimmer sei, der in Ostindien wohl Strecken von mehr als

einer Viertelmeile zurückgelegt habe, hatte er selbst mir oftmals

erzählt, und auch wohl hinzugesetzt: Er glaube gar nicht, daß er

ersaufen könne.

Sobald ich seiner ansichtig wurde, holte ich das Ruder nach der

Steuerbordseite, um das Schiff bei dem Wind zu legen und dadurch

möglichst aufzuhalten. In dieser Stellung aber legte es sich (da es

ohnehin der tiefen Ladung wegen nur wenig Bord hielt) so übermäßig auf

die Seite, daß sogar die Kajütentür unter Wasser geriet und dasselbe wie

zu einer Schleuse hineinstürzte. In dieser Lage standen wir, wenn sie

noch einige Minuten anhielt, in der augenscheinlichsten Gefahr, auf der

Stelle zu sinken. Ich mußte mich entschließen, das Ruder wieder nach der

andern Seite zu holen, um das Schiff in die Höhe zu bringen, bevor es

seinen Schwerpunkt verlöre.

Wohl brach mir mein Herz, wenn ich an den armen Kapitän gedachte, den

wir noch von Zeit zu Zeit mit dem stürmenden Elemente kämpfend

erblickten, sooft die Woge ihn emporhob. Es gab kein Mittel mehr, uns in

seiner Nähe zu erhalten, da das Schiff, vom Winde gejagt, gleich einem

Pfeile durch die Fluten dahinschoß. Der Unglückliche war nicht zu

retten, selbst wenn wir unser eigenes Leben hätten preisgeben wollen!

Sogar jetzt, wo ich mich frei von der unsäglichen Bestürzung fühle, die

in jenen schrecklichen Augenblicken auf uns alle drückte, weiß ich

nicht, was noch anderes und mehr zu seinem Beistande von uns hätte

versucht werden können.

Mittlerweile hielt der Sturm noch immer an, ohne jedoch härter zu

werden. Ich wagte es daher, das Schiff vor dem Winde hinlaufen zu

lassen, bis sich mit dem nächsten Tage das Wetter allmählich wieder

besserte. Nun aber lag mir eine andere schwere Sorge auf dem Herzen, wie

ich bei übernommener Führung des Schiffes den mancherlei

Verantwortlichkeiten entgehen wollte, die über den Nachlaß unseres

unglücklichen Kapitäns entstehen konnten. Unser ganzer Vorrat an Brot,

Grütze, Erbsen und übrigen Lebensmitteln war in der Kajüte aufbewahrt,

und Koch und Kochsmaat hatten täglich und stündlich ihren Gang in

dieselbe, um das Nötige hervorzuholen. Zugleich aber lagen hier auch des

Schiffers Habseligkeiten umher, und ich wußte, daß es ihm nicht an Geld

und Geldeswert gefehlt hatte. Noch mehr: er hatte mir zuzeiten einen

bedeutenden Vorrat von Kostbarkeiten an Gold und Silber vorgewiesen, zu

deren Einkauf in Amsterdam ihm von seinen Königsberger Freunden Auftrag

gegeben worden. Auch diese mußten in der Kajüte und, wie ich vermutete,

in seinem Kasten befindlich sein.

Um mich dieserwegen auf jede Weise zu sichern, ließ ich gleich am andern

Tage das ganze Schiffsvolk, bis auf den Matrosen, der das Steuer versah,

in die Kajüte zusammenkommen. In ihrer Gegenwart nahm ich ein

schriftliches Verzeichnis von sämtlicher Habe unseres verstorbenen

Schiffers auf; wir packten dies alles in die vorhandenen Kisten, Kasten

und Säcke, und schritten dann zu einer allgemeinen Versiegelung

derselben, damit weiter keine Hand daran rühren dürfte. Das dazu

gebrauchte Petschaft aber ward von mir vor ihrer aller Augen durch das

Kajütenfenster in die See geworfen.

Da bei dieser Verhandlung alle und jede Behältnisse hatten geöffnet

werden müssen, um nachzusehen, ob sie keine Schiffspapiere enthielten,

die mir im Sunde oder sonst nötig werden konnten, so erstaunte ich nicht

wenig, daß sich hierbei nirgends weder Gelder und Barschaften, noch

seine Taschenuhr und silbernen Schuh- und Knieschnallen, noch endlich

auch jene vorerwähnten goldenen und silbernen Galanteriewaren vorfinden

ließen. Unsere Meinung fiel endlich dahin aus, daß der verunglückte

Eigentümer diese Sachen wohl hier und da versteckt haben möchte, um sie

vor den gierigen Blicken und langen Fingern der Kapermannschaften zu

sichern, die je zuweilen ungelegene Besuche an unserm Borde machten.

Allein wie sorgfältig wir auch jeden Winkel der Kajüte durchsuchten, so

ließ sich doch nicht die mindeste Spur des Verlorenen entdecken.

Des dritten Tages nachher war ich im Sunde, und zwei Tage später vor

Pillau. Der Wind stürmte gerade auf das Land zu, es ging eine hohe See;

und wie gern ich auch lieber geradeswegs auf Königsberg gegangen wäre,

so blieb hier doch nichts anderes zu tun, als in den Pillauer Hafen

einzusetzen. Allein auch dies blieb ein Wagestück, wozu Mut gehörte.

Sobald jedoch die nötigen Vorbereitungen getroffen, die Kajütenfenster

vermacht und die Leute auf ihrem Posten waren, ließ ich das Schiff vor

dem Winde laufen. Glücklich trafen wir das Fahrwasser zwischen den

Haken; zugleich aber überflutete uns in der Brandung eine Sturzwoge nach

der andern von hinten her, das Schiff stieß auf den Grund, hob sich

jedoch mit der nächsten nachfahrenden Welle wieder, und ich wäre mit dem

bloßen Schrecken davongekommen, hätte nicht diese nämliche Welle uns das

Steuerruder aus den Angeln gehoben und davongeführt. Noch aber verlor

ich die Besinnung nicht, steuerte mit den Segeln, sogut ich vermochte,

und kam endlich bei Pillau, ohnweit des Bollwerks, wohlbehalten vor

Anker.

Mein kühnes Beginnen hatte eine Menge neugieriger Menschen am Bollwerke

versammelt, und das nur um so mehr, als man bald auch unser Schiff

erkannte. Ich meinerseits bemerkte unter diesen Zuschauern mit

wehmütiger Empfindung unseres verunglückten Schiffers Frau, die ihre

Kinderchen zur Seite hatte und eifrig nach uns aussah. Kaum trat ich

ans Land und fiel ihr in die Augen, so rief sie mit sichtbarer

Beängstigung: »Gott im Himmel! wo ist mein Mann?« -- Alles, was zugegen

war, umstand mich und fragte: »Wo ist Schiffer Karl Christian?« --

»Krank! krank!« war meine zwar vorbereitete, aber durch Ton und Gebärde

nur schlecht beglaubigte Antwort. Ich suchte nur mich loszumachen und

eilte zum reformierten Prediger, dem Beichtvater der armen Frau, dem ich

den ganzen traurigen Vorfall erzählte mit der Bitte, ihr die Todespost

auf eine gute Weise beizubringen und mit seinem Troste nahe zu sein.

Das geschah denn auch auf der Stelle. Ich selbst fand mich demnächst

auch ein, um der leidige Bestätiger seiner Zeitung zu sein; und ich darf

wohl sagen, daß mir das ein schwerer und bitterer Gang geworden. Am

nächsten Morgen, wo ich hoffen konnte, daß die unglückliche Witwe sich

der Weheklage etwas begeben und zu mehr Fassung gekommen sein würde,

ging ich wiederum zu ihr und kündigte ihr an, daß, da ich mit dem

Schiffe unverweilt nach Königsberg hinaufgehen müßte, ich ihr heute noch

ihres verstorbenen Mannes Sachen und Gerätschaften vom Schiffe ins Haus

schicken würde. Zugleich aber mußte ich ihr leider auch ankündigen, daß

sowohl seine Barschaften als eine Menge anderer Sachen von Wert auf

eine, uns allen unbegreifliche Weise unter seinem Nachlasse vermißt

würden, wofern sich nicht etwa noch in seinen Papieren darüber eine

nähere Auskunft ergäbe.

* * * * *

Nach diesem betrübenden Abschiede langte ich mit dem Schiffe bei

Königsberg an und meldete mich bei den Reedern desselben. Hier war es

sofort das erste, daß wir sämtliches Schiffsvolk zu einer eidlichen

Erklärung über alle einzelnen Umstände des dem Schiffer widerfahrenen

Unglücks aufgefordert wurden. Wir alle, und ich insonderheit, mußten uns

auf gleiche Weise von jedem Verdachte einer Veruntreuung seines

Eigentums reinigen und unsere Unkenntnis, wohin die verschwundenen

Sachen gekommen, erhärten. Hätte nur diese gerichtliche Prozedur

zugleich auch meine Unschuld vor den Augen der Welt und der giftigen

Stimme der Lästerung zu rechtfertigen vermocht! Aber leider! fiel hier

die Sache ganz anders! Ich mußte mir hinter meinem Rücken Dinge

nachsagen lassen, an die meine Seele nie gedacht hatte. Ich galt wohl

überall für den Dieb, der Witwen und Waisen verkürzt habe, und mußte es

dulden, daß oftmals auch in meinem Beisein mit spitzigen Worten auf

dergleichen gedeutelt wurde. Wie oft, aber auch wie schmerzlich bitter

habe ich's Gott geklagt und darüber im stillen meine Tränen geweint!

Die nächste Wirkung dieses unseligen Verdachtes war, daß, nachdem das

Schiff ausgeladen worden, ich, anstatt die Führung desselben zu erhalten

(wie sonst wohl geschehen wäre), es an den Schiffer Christian Kummerow

übergeben mußte. Ja, meine ganze Lebenslage schien hierüber eine andre

Richtung nehmen zu wollen. Als verlobter Bräutigam einer Tochter des

Segelmachers Johann Meller in Königsberg und mit großen Aussichten und

Plänen, war ich vormals ausgefahren: jetzt kam diese Heirat zwar

wirklich zustande; aber ich ließ die Flügel mächtig hängen und

beschränkte meinen in die weite Welt strebenden Sinn nunmehr auf den

engen Verkehr eines kleinen Bording-Reeders, und meine weitesten Reisen

begrenzten sich in dem spannenlangen Raume zwischen Königsberg, Pillau

und Elbing. Es war der leidige Gang eines Langohrs in der Mühle!

Wäre aber mein freier, immer ins Weite gestellte Sinn eines solchen

Austernlebens nicht schon an sich selbst frühzeitig müde geworden, so

waren doch Zeit und Umstände ebensowenig dazu gemacht, mir diese Unlust

durch anderweitige Vorteile zu vergüten. Mein Bordingskahn war ein altes

Fahrzeug, das meinem Schwiegervater gehörte, und worauf ich ihm die

Hälfte des taxierten Wertes von zweitausend preußischen Gulden bar

ausgezahlt hatte. Es währte auch nicht lange, so ward ich, gleich vielen

andern meinesgleichen, von den Russen, die damals in ganz Preußen den

Meister spielten, gepreßt und zum Transport von Proviant und

Militäreffekten von Pillau nach Elbing und Stuthof gebraucht. An

Bezahlung war hierbei im geringsten nicht zu denken: desto reichlicher

aber gab es hier üble Behandlung und allerlei Verdrießlichkeiten zu

verdauen, die mir die Galle ins Blut jagten. Ich entschloß mich daher

kurz und gut, der Pauke ein Loch zu machen.

Eben lag ich auf dem Frischen Haff bei Stuthoff vor Anker. Ich war ledig

und sollte nach Pillau gehen. Ein russischer Soldat war mir an Bord zur

Aufsicht gegeben, der keinen Augenblick von mir weichen sollte. Dennoch

war leicht ein Vorwand gefunden, ihn ans Land zu locken und dort bei der

Flasche so angelegentlich zu beschäftigen, daß ich mich auf mein

Fahrzeug zurückschleichen, den Anker lichten und meines Weges

davonsegeln konnte. Der arme Kerl, der mich indes nur zu bald vermißte,

lief mir wohl eine halbe Meile am Strande nach, schrie und beschwor mich

bei all seinen Heiligen, daß ich ihn wieder einnehmen möchte. Dazu hatte

ich nun freilich keine Ohren; ich spannte vielmehr noch ein Segel mehr

auf und kam ihm so bald aus dem Gesichte, bis ich auf dem Pregel bei

Fischhof anlegte. Hier wimmelte es eben von Schiffen, welche Bordings

brauchten, um ihnen einen Teil ihrer Fracht nachzuführen, und wo ich auf

eine bessere Ernte zu rechnen hatte.

Wirklich auch akkordierte ich hier sogleich eine gute Fracht nach

Pillau; doch machte ich, zu meiner Sicherheit, dem Schiffer die

Bedingung, daß ich jenem Orte nicht näher als über den Grund in der

Rinne (dem Fahrwasser) kommen dürfte, und daß er mich, sobald ich ihm

die Güter wieder an Bord gegeben, durch seine Leute sogleich aufs Haff

zurückbugsieren helfen sollte. So dachte ich denn dies Spiel noch öfter

zu wiederholen, ohne den Russen in die Scheren zu geraten und sie

obenein ins Fäustchen auszulachen. Diesmal zwar gelang es, aber dennoch

war der Handel, als ich Fischhof wieder erreichte, schon verraten, und

ein paar bekannte Lotsen, die von Pillau kamen, warnten mich, dort dem

Frieden nicht zu trauen, indem mir von meinen Widersachern bereits

aufgepaßt werde.

Das Schiff, dessen Güter ich diesmal eingenommen hatte, war indes schon

vor mir nach Pillau abgesegelt, und es blieb nichts übrig, als ihm

nachzufolgen; aber zu gleicher Zeit verließ mich mein Schiffsvolk

heimlich, dem es wohl bange werden mochte, mit mir bei den Russen in die

Patsche zu kommen. Ich sah mich also auf meinem Bording allein, ohne mir

Rat zu wissen, bis am andern Tage ein betrunkener Mensch (er war

Nachtwächter in Pillau) seines Weges von Königsberg, längs des Dammes

einhergetaumelt kam, dem ich die freie Fahrt nach Hause anbot, wenn er

an Bord kommen und mir etwas helfen wollte. Das ward gerne angenommen;

und obwohl er sich einigermaßen wunderte, daß er mich so

mutterseelenallein hantieren sah, so beruhigte ihn doch meine

Versicherung, daß sich mein Volk wohl finden werde; er half mir mein

Fahrzeug losmachen und die Segel aufziehen, sogut er's in seinem

Zustande vermochte, und suchte dann bald einen Winkel, sein Räuschchen

vollends auszuschlafen.

Der Wind war günstig und ich steuerte, sogut es gehen wollte, auf Pillau

zu. Gegen den Abend sah ich das Schiff, welches ich suchte, bereits in

der Rinne vor Anker liegen. Allein in eben dem Augenblicke, wo ich mich

ihm an Bord legte, erblickte ich auch ein Boot mit russischen Soldaten

angefüllt, die sich mir näherten und es unfehlbar auf mich gemünzt zu

haben schienen. Nun galt es denn im Ernste! Auf mein Bitten versprach

mir indes der Schiffer, nicht nur mich in seiner Jolle und durch seine

Leute alsogleich bei dem Schwalkenberge an Land bringen zu lassen,

sondern auch meinen Bording, sobald er ledig geworden, hinter den Haken

in Sicherheit zu schaffen.

Schnell warf ich mich nun in das Boot und schlüpfte in der

eingebrochenen Dunkelheit an meinen Verfolgern glücklich vorüber. Der

Wind ging heftig aus Westen, und es gab eine hohe See. Obenein kamen

wir, noch in weiter Entfernung vom Lande, auf den Grund zu sitzen, so

daß das Boot hoch voll Wasser spülte. Während die Kerle fluchten und

schöpften, bedachte ich mich nicht lange, über Bord zu springen. Ich kam

auf der Bank bis an den halben Leib ins Wasser, sowie ich aber dem Ufer

näher watete, geriet ich immer tiefer -- jetzt bis unter die Arme, dann

bis an den Hals -- hinein, und endlich mußte ich mich zum Schwimmen

bequemen. So erreichte ich triefend das Land und ging nach Lockstädt, wo

ich nicht nur Gelegenheit fand, mich am warmen Ofen zu trocknen, sondern

mir auch ein Pferd bestellte, auf welchem ich früh vor Tage mich

davonmachte und zu Mittag Königsberg mit dem Vorsatze erreichte, mich im

Hause meines Schwiegervaters zu verbergen.

Doch etliche Stunden später fand sich auch bereits ein russischer

Offizier mit vier Mann Wache und in Begleitung des Bordings-Faktors

Mager ein, um mich hier aufzusuchen und festzunehmen. Sie trafen

sogleich auf der Hausflur mit mir zusammen, und der Faktor, welcher sich

stellte, mich nicht zu kennen, fragte mich, wo der Schiffer Nettelbeck

zu finden sei? Ich stutzte einen Augenblick, ermutigte mich aber doch

alsbald zu dem Bescheide: Den würden sie wohl in Pillau suchen müssen.

»Nein! nein!« unterbrach mich der Offizier, welcher deutsch sprach, »wir

wissen, daß er hier schon wieder zu haben ist. Wir wollen ihn wohl

herausklopfen.« -- Klopft nur, dachte ich, und schritt ganz lässig zur

hinteren Hoftüre hinaus. Kaum aber hatte ich diese auch nur im Rücken,

so hätte man sehen sollen, was für lange Beine ich machte, um in den

Garten und über alle Zäune, Planken und Hecken hinweg an den neuen

Graben zu kommen, wo ich bei einem guten Freunde, Heinrich Topen, eine

neue Zuflucht zu finden wußte.

Hier blieb ich unentdeckt, während im Hause meines Schwiegervaters jeder

Winkel aufs sorgfältigste nach mir durchstöbert wurde. Dagegen ward in

Pillau mein Bordingskahn nicht so bald ledig, als ihn die Russen in

Beschlag nahmen, neu bemannten und bis spät in den Herbst hinein zu

ihrem Gebrauch verwandten, wo sie ihn endlich, rein ausgeplündert und

der Segel und des Tauwerkes beraubt, als ein Wrack liegen ließen.

Vergebens bat ich schriftlich einige Freunde in Pillau, nach meinem

Eigentum zu sehen, denn niemand wollte sich damit befassen, um sich

nicht vielleicht mit den Russen böse Händel zu machen.

Endlich verblutete sich die Geschichte, so daß ich es allmählich wagte,

aus meinem Verstecke hervorzukommen; und im Frühling 1762 durfte ich

mich selbst wieder in Pillau blicken lassen. Mein Fahrzeug stand hier am

Damm auf dem Grunde, von welchem ich es vor allen Dingen abbrachte. Dann

setzte ich es nach Möglichkeit wieder instand und führte es nach

Königsberg, um seiner nur zu jedem Preise loszuwerden und nun die Arme

ein wenig freier zu rühren. Zu diesem Ende erstand ich wieder ein zwar

nicht großes, aber tüchtiges Seeschiff, »der Postreiter« genannt, von

fünfundvierzig bis fünfzig Lasten, und fand auch sogleich eine

erwünschte Ladung von Malz, nach Wolgast bestimmt, die für

zweiundzwanzig holländische Gulden die Last bedungen wurde. Nun säumte

ich nicht, unter russischen Pässen meine erste Reise dahin anzutreten.

Als ich in Wolgast vor Anker gekommen, vertraute mir Herr Cantzler, der

Empfänger der Ladung, daß dieselbe für die Preußen in Stettin bestimmt

sei, und bat mich, so lange zu verweilen, bis er eines Fahrzeuges

habhaft geworden, das sie heimlich, bei Nacht und Nebel, dorthin

schaffen solle.

Ich ließ mir das gefallen. Als aber die Ankunft des Schmugglers sich von

einem Tage zum anderen verzog, ward mir Zeit und Weile lang; und

zugleich auch erwachte in mir der Patriotismus, meinen pommerschen

Landsleuten in Stettin etwas zuliebe zu tun. So machte ich mich denn auf

zu Herrn Cantzler und stellte ihm vor: mein Fahrzeug ginge nicht zu tief

und wäre wohl geeignet, übers Haff und dessen Untiefen zu passieren.

Wäre es ihm recht, so unternähme ich es wohl selbst, die Ladung nach

Stettin zu bringen, da ich dieser Gegend hinreichend kundig wäre.

»Mir schon recht!« erwiderte der Handelsherr erfreut. -- »Will _Er_ sein

Schiff dran wagen, Herr: die _Ladung_ muß gewagt werden! -- Wie hoch die

Fracht?« -- Wir wurden um fünfhundert Taler einig. -- »Aber sehe sich

der Herr wohl vor!« setzte jener warnend hinzu. -- »Auf dem Haff liegt

eine ganze Flotte von unseren schwedischen armierten Schiffen. Das wird

Künste kosten!« -- Was war zu machen? Der Schritt war einmal getan; und

wäre mir der Handel nun auch leid geworden, so erlaubte mein Ehrgefühl

doch nicht, jetzt noch zurückzutreten.

Vorerst ging ich mit meinem Schiffe die Peene hinauf, bis unfern an den

sogenannten Bock am Eingange des Haffs. Hier sah ich die schwedische

Armierung in einem weiten Halbzirkel vor mir liegen und in der Mitte

derselben eine Fregatte, so daß das Ding nicht wenig bedenklich aussah

und ich meinem Mute wacker zusprechen mußte. Indes peilte ich noch bei

Tage mit dem Kompaß, wo hinaus die größte Öffnung zwischen den

Fahrzeugen war. Die Nacht fiel rabendunkel ein, der Wind war frisch, mit

Regen und Donnerwetter vergesellschaftet, und alles schien mein

Unternehmen begünstigen zu wollen.

Um elf Uhr endlich hob ich den Anker und segelte glücklich und ohne

Hindernis durch die Flotte, deren eigne aufgesteckte Feuer mir sogar die

Richtung noch deutlicher angaben. Schon hatte ich sie eine Viertelmeile

im Rücken und glaubte mich geborgen, als unerwartet ein Schuß nach mir

hinfiel, der, wie ich jetzt erst bemerkte, von einer auf Vorposten

ausgestellten Galley kam. Himmel! wie sputete ich mich, jedes Segel

aufzusetzen, das mein Schiffchen nur tragen konnte, welches überdem, zu

meinem Troste und seinen Namen rechtfertigend, ein trefflicher Segler

war. Nicht lange aber, so blitzte noch ein zweiter Schuß von der Seite

nach mir auf, und dieser kam von einem anderen Vorpostenschiffe, dem ich

ebensowenig Rede zu stehen gesonnen war.

Nunmehr machten beide Galleyen die ganze Nacht hindurch Jagd auf mich

und kamen mir in der Tat nahe genug, daß unter den unzähligen Kugeln,

womit sie mich begrüßten, vier durch meine Segel gingen. Mit

Tagesanbruch war ich New-Warp gegenüber. Hier aber kamen mir bereits

drei von unseren preußischen armierten Fahrzeugen entgegen, die

gewöhnlich bei Ziegenort lagen und durch das nächtliche Schießen

alarmiert worden waren. Unter ihrem Schutze hinderte mich denn nichts,

meinen Bestimmungsort zu erreichen und meine Fracht abzuliefern.

* * * * *

Während ich hier lag, kam der Friede mit Rußland zustande. Die

Konjunkturen benutzend, machte ich schnell hintereinander eine Reihe

glücklicher Fahrten: von Stettin nach Kolberg mit Salz, woran es dort

nach der dritten Belagerung und bei den zerstörten Salzkoten dringend

fehlte; von hier mit einer Ladung Wein nach Königsberg und wiederum

dahin zurück mit Roggen. Auf dieser letzteren Reise kreuzte ich bei

widrigem Winde unter der Halbinsel Hela vor Danzig, und hier sah ich ein

großes russisches Schiff auf dem Strande stehen, an dessen Bord es einen

gewaltigen Lärm gab. Da das Wetter gut war, kam mich die Lust an, mein

Boot auszusetzen und näher heranzufahren. Man ließ mich aber sogar das

Verdeck betreten, ohne meine Anwesenheit gewahr zu werden oder zu

beachten. Alles lief darauf verwirrt durcheinander und das nur um so

mehr, je ärger der russische Landoffizier, der hier das Kommando zu

führen schien, drauf losschlug und wetterte. Seeleute und Soldaten waren

gleichfalls Nationalrussen, und was und wie sie es angriffen, um das

Schiff wieder abzubringen, war durchaus verkehrte und törichte Arbeit.

Wenig erbaut durch dieses Schauspiel, warf ich noch einige Blicke durch

die offene Luke in den Raum und sah, daß das Schiff mit metallenen

Kanonen, Bomben, Kugeln und dergl. geladen war. Es stand mit dem

Vorderteil hoch auf dem abschüssigen Strande, während das Hinterteil

noch tief im Wasser lag. Ich stieg nun in mein Boot zurück, um die Tiefe

dicht am Schiffe noch genauer auszumessen, und ging dann abermals an

Bord, indem ich dem Gedanken nachhing: ob es nicht tunlich sein sollte,

die schwere, aber wenig Raum füllende Ladung ganz in den hintersten Raum

zu bringen, das Schiff solchergestalt vorn zu erleichtern, zugleich

einen Anker nach hinten in die See hinauszubringen und durch vereinte

Arbeit an der Ankerwinde dem Fahrzeuge einen Schuß nach hinten in die

Tiefe zu verschaffen, wo es dann leicht wieder flott werden dürfte.

Diesen Vorschlag setzte ich nunmehr einem russischen Sergeanten

auseinander, der etwas Deutsch konnte und sich an mich gewandt hatte,

nunmehr aber den Offizier in seiner Prügelei, womit derselbe noch immer

wie rasend fortfuhr, unterbrach und ihm meine Meinung mitteilte. Je mehr

der Mensch vorher den Kopf verloren hatte, um so gewisser erschien ich

ihm jetzt als ein Engel vom Himmel. Er war von meinem Vorschlage ganz

wie elektrisiert, fiel mir um den Hals und drang mir sogar seinen Stock

auf, mit der Bitte, alles zu kommandieren und anzuordnen, wie ich es für

das beste erachten würde. Mit so voller Gewalt bekleidet, griff ich auch

sofort mein Werk mit Feuer an. Der Anker ward ausgebracht, während

alles, was eine Hand rühren konnte, die Bomben, Kugeln usw. möglichst

nach hinten transportieren mußte. Dadurch senkte sich das Schiff hier

wirklich auch so tief, daß das Wasser fast bis an die Kajütenfenster

stieg, ohne daß gleichwohl der Kiel hier den Grund erreichte. Jetzt ließ

ich mit Gewalt den Anker aufwinden, und -- siehe da! nach zwei oder drei

Stunden Arbeit lief das Schiff gleichsam wie vom Stapel und war

glücklich wieder flott geworden.

Nie habe ich einen erfreuteren Menschen gesehen, als diesen Offizier,

sobald mein Stück Arbeit gelungen war. Er herzte und küßte mich, ich

mußte ihm meinen Namen sagen, den er sich in seine Schreibtafel

zeichnete, und zugleich schrieb er ein russisches Billet an den General

Romanzow, der damals in Kolberg befehligte, und das er mir zur treuen

Abgabe bei meiner Ankunft anempfahl. Als ich mich endlich wieder

entfernen wollte, ließ er mir das Boot von seinem Vorrate an Hirse, Mehl

und Grütze dergestalt voll laden, daß ich im Ernste zu sinken fürchtete,

und da kein Weigern und Verbitten etwas fruchten wollte, zuletzt nur

über Hals und Kopf auf meine Abfahrt denken mußte. So erreichte ich denn

wieder mein Schiff, welches inzwischen in einiger Entfernung Anker

geworfen hatte.

Ein paar Tage später langte ich in Kolberg an, wo ich nicht säumte, mich

dem General Romanzow vorzustellen und mein Billet zu überreichen. Es war

kein Uriasbrief gewesen: denn der edle Mann hatte es kaum gelesen, als

er mir unter herzlichem Händedrucke dankte, daß ich seinem Monarchen

Schiff und Ladung erhalten hätte. Er wollte wissen, wie er mir wieder

dienen könne, und nahm auf das erste leise Wort nicht nur meinem Vater

die damals über alle Maßen drückende Einquartierung ab, sondern erteilte

mir auch die nicht minder bedeutende Vergünstigung, bei der Maikühle und

Bleiche anlegen und dort meine Ladung löschen zu dürfen. Da in jenem

Zeitpunkte der Hafen von Schiffen vollgepfropft lag, so daß von der

Seemündung an bis hinauf zu dem Einflusse des Holzgrabens in die

Persante Bord an Bord sich drängte und die in der Mitte des Stromes

nicht ans Bollwerk kommen konnten, um ihre Fracht zu löschen, so mußten

manche wohl etliche Wochen warten, ehe sie dazu gelangten. Ich hingegen

ward, vermöge jener besonderen Erlaubnis, binnen zwei Tagen ledig.

* * * * *

Außer der erforderlichen Portion Ballast, die ich hier einnahm, bestand

meine Rückfracht nach Königsberg in etwa sechzig Passagieren -- den

Frauen, Jungen, Mädchen und kleinen Kindern eines preußischen

Bataillons, das nach der Einnahme von Kolberg nach Preußen abgeführt

worden war, und wohin nun diese sich begaben, um ihre Gatten und Väter

wieder aufzusuchen -- eine bunte, aber nicht eben angenehme Ladung!

Als ich mich in segelfertigem Stande befand, gab es einen Sturm aus

West-Süd-West, der mich auf meinem Wege trefflich gefördert und den ich

darum auf hoher See gar nicht gescheut haben würde, nur galt es die

Kunst, mit demselben zum Hafen hinauszukommen. Der Lotse, den ich

aufforderte, mich in See zu bringen, erklärte dies für geradezu

unmöglich, falls ich nicht mein Schiff stark beschädigen oder rechts am

Hafendamme gar sitzen bleiben und in Trümmer gehen wolle. Der Mann hatte

recht; ich aber verließ mich auf mein gutes und festes Schiff, das wie

ein Fisch wohl auch unter der höchsten und wildesten Brandung

durchschlüpfen würde. Diese Versicherungen, mein erklärter Vorsatz, das

Abenteuer allenfalls auch ohne ihn auf meine eigene Gefahr zu wagen, und

vornehmlich wohl fünf Silberrubel, die ich ihm entgegenspielen ließ,

ermutigten ihn endlich, sich meinem Verlangen zu fügen.

Kaum hatte ich ihn vom westlichen Hafendamme an Bord genommen und er das

Steuer ergriffen, während ich die Segel aufzog, so warf uns auch in der

nächsten Minute, trotz unserer vereinten Bemühungen, die erste hohe

Woge, die uns traf, mit wildem Ungestüm auf die entgegengesetzte Seite

an das östliche Bollwerk. Zwar hob die nächste Welle das Schiff von

neuem, aber danach faßten die hervorragenden Pfahlköpfe unter die

gleichfalls am Steuerbord vorstehenden Barkhölzer, daß die Trümmer davon

hoch in die Luft flogen; und da zugleich auch der Sturm uns jagte, so

schoß mein Fahrzeug längs dem Damme hin, schnitt sich an dessen

äußersten Spitze haarscharf gegen die Brandung ab und kroch

solchergestalt mit fliegender Fahrt unter zwei oder drei hochgetürmten

Sturzwellen durch, daß die Verdecke schwammen und mir selbst die Haare

zu Berge standen.

Nun war ich denn freilich in See; allein noch hatte ich in dem Getümmel

nicht Zeit und Gedanken finden können, meinen erlittenen Schaden zu

beurteilen. Die Verwüstung war indes jämmerlich genug. Mehr als fünfzehn

Fuß lang fand ich die Barkhölzer am Steuerbord rein abgestoßen, so daß

die Innenhölzer bloßlagen und ich kopfschüttelnd zu mir sagen mußte:

»Ei, ei, Nettelbeck! Das war wohl ebenso ein dummer Streich, als

letzthin, wo du dich durch die schwedische Flottille schlichest!« -- Ich

will's aber auch nicht leugnen, daß ich dergleichen unüberlegte

Stückchen vor und nach dieser Zeit wohl mehrere auf dem Kerbholze habe.

Gelingen sie, so heißt man gleichwohl ein gescheiter Kerl, ob man gleich

einen ganz anderen Titel verdient hätte.

Hier war nun aber noch immer guter Rat bei mir teuer, denn jenem Schaden

mußte sogleich auf irgendeine Weise abgeholfen werden. Nach kurzem

Besinnen ergriff ich jedoch eine Bressening (geteertes Segeltuch zum

Dichten der Luken), und nachdem ich sie in lange, schmale Streifen

zerschnitten und mich mit einem guten Vorrat von kleinen Pumpnägeln

versehen hatte, hängte ich mich in einige Taue über Bord hinaus und

befestigte jene doppelt gelegten Lappen längs dem erlittenen Schaden so

dicht, daß Nagel an Nagel traf. Inzwischen ging der Lotse mit seinem

Boote nicht ohne sichtbare Lebensgefahr an Land.

Jetzt erst, da ich wieder zu etwas Ruhe und Besinnung gekommen war, und

indem ich mit vollen Segeln wieder ostwärts steuerte, traf ein

verwirrtes Getöse, das wie Heulen und Schreien klang und unten aus dem

Schiffsraume zu kommen schien, in meine Ohren. Ich ließ die Luken

aufreißen, um zu sehen, was es da gäbe -- und da fand sich denn, daß

dieses entsetzliche Konzert von all den Weibern und Kindern herrührte,

die da drunten zusammengeschichtet lagen. Und wohl hatten sie genugsamen

Grund zum Lamentieren! Denn bevor ich meinen Schaden hatte ausbessern

können, war eine Menge Wassers in den Raum gelaufen; und da das Schiff

bei der hohen See unaufhörlich auf- und niederstieg, so spielte der mit

dem Wasser vermischte Ballastsand längs dem Raume und von einer Seite

zur anderen, so daß die Menschen knietief, ja bis über den halben Leib

darin versanken. Taumelnd und wehklagend, die Hände emporhaltend und

durcheinander sich überschreiend, gab es eine Gruppe, welche ein

lebendiges Bild von der allgemeinen Auferstehung darstellte, aber bei

allem verdienten Mitleid zugleich auch den Lachreiz unwiderstehlich

weckte, wenn der Blick daneben auf die Spinnräder, Haspel, Bettgestelle

und übrigen Siebensachen dieser armen Leute traf, welche in bunter

Verwirrung zwischen ihnen umhergekollert oder in dem aufgelösten Sande

begraben waren.

Hier mußte freilich schnelle Hilfe geschehen! Ausgepumpt konnte das

Wasser nicht werden, da die Wassergänge nach den Pumpen durch den

Ballast verstopft worden. Es blieb also nur übrig, das Wasser mit

Fässern auszuschöpfen, wodurch dann Ordnung und Friede wiederhergestellt

wurde. Unsere Fahrt ging indes so pfeilschnell vorwärts, daß ich nicht

nur am anderen Tage nachmittags um zwei Uhr, und also binnen

achtundzwanzig Stunden, Pillau erreichte, sondern auch noch den

nämlichen Abend um neun oder zehn Uhr in Königsberg am holländischen

Baume anlegen konnte.

* * * * *

Sobald ich hier mein Schiff repariert hatte, säumte ich nicht, mich nach

neuer Fracht umzusehen. Es war die Zeit, wo die russischen Truppen,

welche das Land seit mehreren Jahren besetzt gehalten, ernstliche

Anstalten trafen, Preußen wieder zu räumen, und wo eine ungeheure Menge

von Kriegseffekten nach Rußland heimgeschafft werden sollten. Für den

Seeweg fand dieser Transport ein großes Hindernis in dem Mangel an

Schiffen, da die Fahrzeuge fremder Nationen dazu nicht gezwungen werden

konnten, und die preußischen Schiffer dem Frieden nicht trauten.

Weniger bedenklich als andere, war ich unter diesen Umständen der erste,

der sich dazu entschloß, eine Fracht nach Riga anzunehmen; denn mir

wurden -- was nie zuvor erhört! -- zweiundvierzig Silberrubel für die

Last geboten, nebst völliger Befreiung von Lizent und allen Unkosten,

nicht nur in Königsberg und Pillau, sondern auch in Riga bis wieder in

offene See; und selbst freier Ballast sollte mir, wenn ich's verlangte,

im letzteren Hafen geliefert werden. Die Chartepartie darüber ward

geschlossen und sowohl von einem russischen General als von mir

unterzeichnet.

Noch am nämlichen Abend kam ich unweit des Lizents in das Weinhaus der

Witwe Otten, wo damals gewöhnlich der größte Zusammenfluß von Schiffern

aller Nationen war, und ließ im Gespräche dies und jenes von meiner

soeben übernommenen Fracht verlauten. Niemand konnte oder wollte meinen

Worten glauben, bis ich meine Chartepartie vorzeigte. Dann aber erhob

sich ein spöttisches Gelächter auf meine Unkosten. Ich wurde gefragt,

wie ich doch wohl nur glauben könnte, daß man mir meinen Akkord in Riga

erfüllen werde? Man prophezeite mir einstimmig, man werde mir dort

gerade nur soviel, als man Lust habe, oder auch wohl gar nichts geben;

und sollte inzwischen (wie es ganz danach aussähe) der Krieg zwischen

Rußland und Preußen wieder ausbrechen, so könnte mich's obendrein noch

mein Schiff kosten.

Diese Warnungen, denen ich ihren guten Grund nicht absprechen konnte,

gingen mir gewaltig im Kopfe herum. Allein ich war schon zu weit

gegangen, um mich jetzt noch zurückzuziehen; und gegen die rohe Gewalt,

die ich zu fürchten hatte und deren Opfer ich schon früher gewesen war,

ließ sich einzig nur durch eine hier wohl erlaubte List aufkommen. Mit

diesem Entschlusse begab ich mich gleich am frühen Morgen zu dem

gedachten russischen General und machte ihm glaublich, daß ich auf mein

Schiff schuldig sei und meine Kreditoren mich nicht von der Stelle

fahren lassen wollten, bis ich ihre Forderungen befriedigt hätte. So

bliebe mir denn nichts übrig, als um bare Vorausbezahlung meiner Fracht

zu bitten oder die Fracht nach Riga, wiewohl ungern, aufzugeben.

Der Mann hörte mich geduldig an, und wie sehr ihn auch mein Ansinnen zu

befremden schien, und seine Einwendungen, daß dergleichen gar nicht zu

bewilligen stände und ich mir an den schon bedungenen Vorteilen genügen

lassen könne, das Recht auf ihrer Seite hatten, so legte ich mich doch

nur um so geflissentlicher aufs Bitten, bis ich endlich mit dem

Kernschusse hervorrückte, von dem ich mir das beste versprach. -- »Nun

denn,« rief ich, »meine Chartepartie ist zwar auf zweiundvierzig Rubel

pro Last gezeichnet; aber lassen Sie mir bar Geld zahlen, und ich bin

mit vierzig zufrieden, während ich für den vollen Empfang quittiere.«

Es wirkte, wie ich gehofft hatte. Er stutzte, stand lange in Gedanken

und bestellte mich zum nächsten Morgen wieder zu sich, damit er sehen

könne, was sich tun ließe. Ich verfehlte nicht, mich auf die Minute

einzustellen. Da standen aber bereits meine Frachtgelder mit zweitausend

Rubeln aufgestapelt auf einem Tische vor mir, und ich hatte keine

weitere Mühe, als den Empfang von zweitausendeinhundert Rubeln zu

bescheinigen und mein klingendes Silber einzustreichen. -- Hat man je

dergleichen gehört? Es ist aber gewisse Wahrheit!

Noch an dem nämlichen Tage ging das Einladen vor sich. Und worin bestand

meine Fracht? In lauter Kommisstiefeln, paarweise zusammengenäht. Wohl

ein ganzes Regiment Soldaten kam damit hochbepackt aus einem

benachbarten Speicher anmarschiert und jeder einzelne warf seine Ladung

durch die Schiffsluke in den Raum wie Kraut und Rüben durcheinander, bis

endlich diese Stiefeln sich zu einem hohen Berge auftürmten. Als ich nun

dem Offiziere, welcher dabei die Aufsicht führte, Vorstellung tat, daß

hinten und vorn alles ledig bleibe und die Last durch den ganzen Raum

gleichmäßig verteilt werden müsse, so schickte er endlich einige

Mannschaft hinunter, die sich die Stiefeln wacker um die Ohren warf, bis

es hieß: »Das Schiff ist voll und es kann keine Maus mehr hinein!«

Da sah ich, daß ich trotz dieser wunderlichen Ladung immer noch nicht

ballasttief mit meinem Schiffe lag, so hielt ich bei dem General an, daß

er mir noch eine Anzahl Bomben oder Kugeln in den hinteren oder

vorderen Raum geben möchte, weil ich sonst die See nicht würde halten

können. Allein seine Antwort lautete: damit könne mir jetzt nicht

geholfen werden; auch bekäme ich noch einen Offizier, zwei Sergeanten

und zwanzig Gemeine aufs Schiff, für deren Personen und Sachen

gleichfalls noch Raum übrig bleiben müsse. Der Bescheid war nicht sehr

erbaulich, ich mußte mich jedoch damit behelfen, und so lag ich nun am

Lizent zum Auslaufen fertig.

* * * * *

Des nächsten Tages suchte mich ein russischer Offizier -- ein Livländer

namens Resch, der gut Deutsch sprach -- in meinem Hause auf, um mir

anzuzeigen, daß er zum Kommandeur auf meinem Schiffe bestellt sei, die

Fahrt nach Riga mit mir machen und sich mit seinem Kommando gegen Abend

an Bord einstellen werde. Der Mann war dabei so ungemein höflich, daß

ich sofort merkte, er müsse etwas auf dem Herzen haben. Und so war es

denn auch wirklich, denn er habe auch eine Frau, hieß es, von der er

sich unmöglich trennen könne. -- Nun, was konnte ich, wenn ich in der

Höflichkeit gegen ihn nicht gar zu arg abstechen wollte, weniger tun,

als von Vergnügen, Ehre und Schuldigkeit sprechen und meine guten

Dienste gegen einen halben deutschen Landsmann erbieten? Dagegen

verstand sich's, daß kein scharmanterer Herzensmann unter der Sonne

lebe, als Kapitän Nettelbeck.

»Aber noch eins!« unterbrach sich der Livländer in seinen

Versicherungen, »meine Frau ist in diesem Augenblicke verreist, um von

einer guten Freundin auf dem Lande Abschied zu nehmen und wird vor Nacht

schwerlich wieder eintreffen. Da Sie nun morgen mit dem frühsten die

Anker zu lichten gedenken, wäre es ja wohl das bequemste, wenn sie

gleich am Bord übernachtete?«

»Ei, warum nicht! Und wollen Sie mich jetzt gleich dahin begleiten, so

kann ich sogleich die vorläufigen Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen

und Ihnen die kleinen Bequemlichkeiten zeigen, auf welche die Frau

Gemahlin zu rechnen haben wird;« war meine Gegenrede. Wirklich war er

mit der Einrichtung der Kajüte und der ihr einzuräumenden Schlafstätte

ungemein zufrieden; während ich den Steuermann anwies, die Dame, sobald

sie sich zeigen würde, gebührend zu empfangen und ihr mit Kaffee, oder

was sie sonst fordern möchte, fein höflich an die Hand zu gehen. So

schieden wir, und ich ging meines Weges ruhig nach Hause.

* * * * *

Gleich nach Mitternacht aber erlitt diese Ruhe einen gewaltigen Stoß, da

sich plötzlich auf der Gasse ein Lärm, wie von einer Menge

zusammengelaufener Menschen erhob, die an meine Haustür und Fensterladen

pochten und laut und wiederholt meinen Namen riefen. Schnell fuhr ich

aus dem Bette empor; aber nicht gesonnen, in einer so bedenklichen Zeit,

als wir damals erlebten, mein Haus dem ersten besten zu öffnen, wollte

ich zuvor, daß die Polterer sich namenkündig geben sollten. So meldete

sich denn der Lizent-Buchhalter, den ich an der Stimme kannte, mit der

rätselhaften Nachricht, daß es auf meinem Schiffe unklar sei und ich

hurtig zum Rechten sehen möchte.

Ich erschrak von Herzen. »Mein Gott!« dachte ich, »ist mein Schiff

gesunken oder steht es in Brand?« -- Ich weiß nicht wie ich in die

Kleider und auf die Gasse kam. Hier endlich eröffnete mir der Buchhalter

das Verständnis. »Sie haben die Madame W. am Borde,« sagte er, »und nach

_der_ sind wir aus, um sie wiederzuhaben. Was Sie da sehen, sind ihre

beiden Kinder und ein heller Haufe von Knechten und Mägden aus ihrem

Hause.«

Nun fielen mir auf einmal die Schuppen von den Augen! Die angebliche

Offiziersdame hatte sich in eine liederliche, ihrem Manne entlaufene

Madame verwandelt! War mir's jedoch wenig recht, daß ich mit dem

schmutzigen Handel bemengt werden sollte, so mußte ich gleichwohl

überlegen, daß ich's in meinem jetzigen Verhältnisse, auch mit dem

Livländer nicht geradezu verderben durfte, und daß ich am besten täte,

den Knoten durch einen anderen lösen oder durchhauen zu lassen. So fuhr

ich unwillig auf den allzudienstfertigen Buchhalter ein: »Herr, scheren

Sie sich zum Geier! Was stören Sie zu dieser Zeit ehrliche Leute in

Schlaf und Ruhe!« -- und zugleich warf ich die Haustür wieder hinter mir

zu und ließ sie ferner schreien und klopfen, soviel ihnen selbst

beliebte. Gleichwohl jammerten mich die beiden Kinderchen -- ein Mädchen

von neun und ein Knabe von sieben Jahren -- in der innersten Seele. Sie

riefen unaufhörlich: »Ach Gott! ach Gott! meine Mutter!« bis sie es

endlich müde wurden und meine Tür verließen, oder vielmehr der Vater sie

heimholen ließ.

Noch vor Tagesanbruch, am 1. September, sah ich nach Wind und Wetter

aus, und da beide günstig waren, so eilte ich bereits um sechs Uhr, an

Bord zu kommen. Schon stand es aber auf dem Lizentplatz und neben dem

Schiffe gedrängt voll Menschen, die mir entgegenriefen: »Sie sollen uns

die Madame W. herausgeben!« Dagegen fand ich am Borde neben der Treppe

zwei Schildwachen, und neben der Kajütentüre zwei dergleichen

aufgepflanzt, und kaum war ich durch die letztere eingetreten, so kam

mir durch die Vorhänge meiner Schlafstelle ein Gesicht zum Vorschein,

das ich um so weniger verkennen konnte, da ich zum öfteren in

Schiffsangelegenheiten auf Herrn W.s Kontor zu tun gehabt hatte.

Dies Gesicht nun rief mir ganz frei und unbefangen einen »Guten Morgen!«

entgegen, den ich mit einer derben und gesalzenen Epistel erwiderte,

worin ich ihre lose Aufführung zu Gemüte führte und sie ermahnte, zu

ihrem braven Manne stehenden Fußes zurückzukehren, bevor Schimpf und

Schande für sie noch größer würde. Sie dagegen hub eine lange Schutzrede

an, worin der Mann übel genug wegkam, und ward endlich nur von dem

Offizier, den ich gar noch nicht in der Kajüte bemerkt hatte,

unterbrochen. Dieser sprang ungeduldig auf und rief: »Unnützes Geplauder

und kein Ende! Jetzt hurtig auf und davon! Das Kommandieren ist von nun

an an _mir_.«

Da dem nicht zu widersprechen war, so mußte ich ihm überlassen zu

handeln, wie er's verantworten konnte, ging hinaus, ließ die Segel

aufziehen und schickte zwei Matrosen ans Land, um die Taue hinten und

vornen abzulösen, womit das Schiff am Bollwerk befestigt lag. Aber das

zusammengelaufene Volk war nicht willens, den Handel so kurz Knie

abzubrechen. Meine Leute wurden umringt und an der Ausrichtung ihres

Geschäftes gehindert; so daß ich, um nicht noch ärgeren Lärm zu

veranlassen, sie an Bord zurückrief. Dagegen nahm ich einem russischen

Soldaten den Säbel von der Seite und kappte die Taue an beiden Enden,

und jetzt kam das Schiff zu Gange, obwohl alles, was am Lande war und

Arme hatte, es festzuhalten bemüht war. Der Lärm und das Getümmel

hierbei sind nicht zu beschreiben.

Noch aber gab sich der Haufe nicht zufrieden, sondern da das Schiff

notwendig weiter unten am holländischen Baume anlegen mußte, damit der

Baumschreiber meinen Paß visierte, so stürzte groß und klein im vollen

Lauf dahin und war schon lange vor mir zur Stelle. Während ich aber hier

meines Geschäftes wahrnahm, ging auch der Livländer ans Land und nach

dem hier postierten russischen Wachthause. Die Verständigung mit dem

kommandierenden Offizier war die Sache eines Augenblickes, und sowie die

Wache das Gewehr aufnahm und einige Kolbenstöße links und rechts

austeilte, war der Haufe auseinandergesprengt. Eine halbe Stunde später

lag uns Königsberg bereits in weiter Ferne im Rücken.

Nun fing aber auch Madame W. an, auf ihre Weise zu wirtschaften. Es war

zum Erstaunen, was sie in der kurzen Zeit an Bord zu schaffen gewußt

hatte und wie sie davon kochen und braten ließ, als ob auf dem Schiffe

Hochzeit wäre. Wir langten in aller Lust und Herrlichkeit noch desselben

Tages bei Pillau an; worauf wir am nächsten Morgen früh, bei stillem

Wetter in See gingen. Ehe wir noch aus dem Fahrwasser kamen, segelte

dicht hinter uns eine russische Fregatte zugleich mit uns aus, und das

Wetter war so still, daß man die Schiffe fast nicht auseinanderhalten

konnte, ohne daß es gleichwohl Gefahr dabei gehabt hätte.

Mein Livländer wurde durch all diesen schönen Anschein zum Übermut

verleitet. Er wollte Preußen zu Ehren noch einige Valet- und

Freudenschüsse tun und knallte auch wirklich mit seiner Flinte drei- bis

viermal in die Luft, ohne daß ich, mit der Leitung des Schiffes

beschäftigt, mich sonderlich um sein Beginnen kümmerte. Inzwischen

bemerkte ich doch bald nachher auf der Fregatte eine lebhaftere

Bewegung; eine Schaluppe von dorther legte bei mir an Bord und aus

derselben sprang ein Offizier wütend auf mein Verdeck und verlangte den

Schiffer zu sprechen. Als ich herantrat, zeigte er mir in einem Papier

mehrere Körner Hasenschrot, die auf der Fregatte aufgesammelt worden,

nachdem sie ein großes Loch ins Segel gerissen. Ich sollte nun Rede und

Antwort geben, wer der Täter gewesen?

Der Täter aber, der geahnt haben mochte, was passieren würde, war binnen

der Zeit in die Kajüte gegangen, in der Geschwindigkeit in seine Uniform

gefahren und trat soeben wieder hervor, um über den Ankömmling mit

gezogenem Degen herzufallen. Es entstand zwischen beiden ein

Handgemenge, welches endlich zugunsten des Fregattenoffiziers dadurch

entschieden wurde, daß die Matrosen aus der Schaluppe herzusprangen,

meinen Leutnant von hinten packten, banden und über Hals und Kopf in das

Boot warfen, ohne daß zu meiner großen Verwunderung nur irgendeiner von

unserer Schiffsbesatzung Miene machte, sich in den Streit zu mischen,

oder seinem Anführer Beistand zu leisten.

Da mir nun der Livländer einmal als Kommandant zugeteilt worden war, so

glaubte ich nicht ohne ihn davonfahren zu dürfen. Allein damit ich auch

nicht ohne Not aufgehalten würde und desto bälder ihn oder einen andern

wieder an Bord bekäme, schien es mir am geratensten, ihn auch nach der

Fregatte zu begleiten. Dies Verlangen ward mir ohne Anstand bewilligt.

Doch bald ergab sich's, daß es nicht dahin ging, woher die Schaluppe

gekommen war, sondern nach dem russischen Admiralschiffe, welches nebst

noch fünf Kriegsschiffen, draußen auf der Reede ankerte. Hier kam es

auch sogleich zu einem Verhöre und protokollarischer Aufnahme; der

Unfugstifter ward bedeutet, daß ihn seine Strafe in Riga erwarten werde

und daß er für diesen Augenblick seine Reise fortsetzen möge, damit der

kaiserliche Dienst nicht leide. Mit diesem Bescheide kehrten wir nunmehr

wieder an unsern Bord zurück.

Hier wollte nun der Narr hauen und stechen und haderte mit seinen

Leuten, daß sie ihn so feigherzig im Stiche gelassen. Wiewohl er sich

endlich beruhigte, so nahm doch am nächsten Morgen an seinem Beispiele

auch Madame den Mut, mit dem Soldaten, der ihr zur Aufwartung gegeben

war, unsäuberlich zu verfahren. Bald hatte er das Bett nicht gut

gemacht, bald die Teller nicht gehörig gescheuert, bald etwas noch

Schlimmeres versehen, und endlich lief ihr die Galle dermaßen über, daß

sie dem armen ungeschickten Kerl mit eigener hoher Hand eine gewichtige

Maulschelle zuteilte. Allein diese Keckheit bekam ihr übler, als sie

wohl gedacht hatte. Der ganze Trupp fühlte sich durch diese Mißhandlung

eines Kameraden von unberufenen Fäusten an seiner militärischen Ehre

gekränkt; alles spie Feuer und Flamme, drang auf den Leutnant ein und

bestand auf der bündigsten Genugtuung. Um den furchtbaren Lärm zu

stillen und noch derbere Ausbrüche einer rohen Gewalt zu verhüten, blieb

dem edlen Ritter zuletzt nichts übrig, als die Schöne unter seine eigene

Fuchtel zu nehmen; und das tat er denn, seiner Zärtlichkeit unbeschadet,

auch so herzhaft und nachdrücklich, daß endlich die lautesten Schreier

selbst sich für befriedigt erklärten. Nur Madame W. schien von dieser

fühlbaren Liebesprobe schlecht erbaut zu sein.

Ein paar Tage darauf kamen wir ins Gesicht von Dünamünde, und da der

Wind nach Osten umging, legten wir uns auf der Reede vor Anker. Das

stand indes meinem Schiffskommandanten nicht an, der augenblicklich in

den Hafen gebracht sein wollte und, da ich ihm die Unmöglichkeit

vorstellte, aller früheren Höflichkeit vergaß und mich für einen

Pfuscher in meinem Handwerke erklärte. Eine schnöde Antwort blieb nicht

aus, und die endliche Folge war der Versuch zu einer tätlichen

Mißhandlung, der ich für den Augenblick ein ruhiges Schweigen

entgegensetzte. Aber zu gleicher Zeit steckte ich auch eine Notflagge

auf, deren Bedeutung mein Widersacher nicht ahnte. Nicht lange, so kam

der Lotsenkommandeur mit seinen Leuten mir auf die Seite. Anstatt jedoch

seine verwunderten Fragen zu beantworten, sprang ich zu ihm ins Boot und

verlangte, zu dem Militärkommandanten in Buller-Aa geführt zu werden, wo

ich dann meine Klage gegen den Livländer anbrachte und bat, entweder

diesen vom Schiffe zu entfernen oder einen andern Schiffer an Bord zu

setzen, der es nach Riga führe. Ersteres ward auch ohne Anstand

bewilligt und der unruhige Gast auf der Stelle durch einen andern

Offizier ersetzt und ans Land geführt.

Niemand war mit diesem Wechsel unzufrieden, als Madame W., die jetzt ein

zungenfertiges Geschnatter anhub und mir eine Reihe von Ehrentiteln gab,

welche ich hier nachzuschreiben nicht Lust habe. Ich bat sie, sich zu

menagieren, wenn sie nicht etwa wolle, daß ich sie durch meine Leute

beim Kopfe kriegen, ins Boot werfen, am nächsten Strande aussetzen und

in die dickste Wildnis laufen ließe. Diese unbehagliche Aussicht, an

deren augenblicklicher Erfüllung mein Ernst nicht zweifeln ließ, brach

ihren kindischen Trotz. Sie griff nunmehr nach einem Gesangbuche, das

sie schwerlich mit Absicht eingepackt hatte, begann Bußlieder zu singen

und badete ihr Antlitz in Tränen. Da ihr das nun nicht schaden konnte,

so ließ ich sie gewähren.

Des anderen Tages um Mittag kam ich die Düna hinauf nach Riga, meldete

mich beim Kommandanten und bat um baldigsten Befehl zur Ablieferung der

geladenen Effekten; mit abermaliger Vorwendung der, unter meinen

Umständen wohl verzeihlichen Notlüge, daß mein Schiff leck und ich in

Gefahr sei, hier noch am Bollwerke zu sinken. Man hatte keinen Grund,

meine Aussage zu bezweifeln, mochte sogar wohl für die Ladung fürchten,

und so erschien denn bereits in nächster Stunde ein unzählbarer Schwarm

abgeschickter Soldaten, die, nach der schon beschriebenen russischen

Manier, auch wieder bei mir aufräumten. Ihr Gedränge um die Schiffsluken

her gestattete ihnen kaum Zeit und Raum, sich ihre zehn Paar Stiefel und

darüber über die Schultern zu schlagen, und damit fort wie die Ameisen!

Abends um sieben Uhr war mein Schiff ledig, wie mit Besen gefegt.

Da mir, kaum fünfzehn oder zwanzig Schritte entfernt, am Bollwerke ein

Berg Ballast vor der Nase lag, so legte ich nun augenblicklich mein

Schiff hart daran, dung acht russische Soldaten zu einem halben Rubel,

mir diesen Sand über Bord hineinzuschaufeln, und nachdem ich an den

Vor- und Hintersteven mit Kreide bezeichnet hatte, wie tief geladen

werden sollte, ließ ich sie, unter Aufsicht meiner Leute, tapfer

fortarbeiten, während ich selbst mich ruhig aufs Ohr legte. Am Morgen

war alles getan, und ich hätte in dem nämlichen Augenblicke wieder

absegeln können, wenn nur meine Papiere schon wieder in Ordnung gewesen

wären. Zu dieser Besorgung hatte ich mir noch keine Zeit gelassen.

Jetzt aber ging ich zu den Herren Zietze und Colbert, an welche ich

mich, für alle möglichen Fälle, von Königsberg aus hatte adressieren

lassen, besorgte vormittags meine Ein- und nachmittags meine

Ausklarierung und konnte nunmehr gehen wohin ich wollte.

Indem ich nun die Anstalten zur Abreise eifrigst besorgte, weil ich

immer noch den russischen Behörden nicht recht traute und darum gerne je

eher je lieber außer ihrem Bereiche gewesen wäre, -- trat ich auch von

ungefähr in die Kajüte. Siehe da! Die Königsberger Schöne saß da und

rang die Hände und wollte vergehen in Angst und Wehmut, denn ihr

Vielgetreuer war noch nicht wieder zum Vorschein gekommen! Ich tat ihr

den wohlmeinenden Vorschlag, sie sollte mit mir in ihre Heimat

zurückkehren und es auf ihres schwer beleidigten Mannes Edelmut ankommen

lassen, ob er ihr verzeihen und sie wieder auf- und annehmen wolle, wo

denn leicht ein Schleier über ihre leichtsinnige Tat zu werfen sein

werde. Doch dies war keine Musik in ihrem Ohre. Lieber, versicherte sie,

wolle sie es auf das äußerste ankommen lassen und hinter irgendeinem

Zaune sterben und begraben werden. Schwerlich dachte das unglückliche

Geschöpf, daß in diesem Augenblicke ein prophetischer Geist aus ihr

spräche, wie die Folgezeit erwiesen hat.

So blieb ihr denn nur übrig, ihr Bündel zu schnüren. Meine Leute griffen

zu und halfen die Bagage aus dem Schiffe ans Bollwerk bringen, wo sie

sich trostlos und verlassen oben drauf setzte. Die Segel wurden

angezogen, die Taue gelöst und so ging es von dannen! Während ich ihr

noch meinen Abschied nachrief, begann sich bereits ein Kreis von

Menschen um sie her zu versammeln.

* * * * *

Statt ihrer hatte ich einen herrenlosen Schiffer aus Pillau, der aber in

diesen Gewässern wohl bekannt war, als Passagier an Bord genommen, und

da mir noch immer der Boden unter den Füßen brannte, so ließ ich mir

seinen Vorschlag gefallen, ohne irgendeinen weiteren Aufenthalt die

offene See zu suchen, wobei er selbst mir als Lotse dienen wollte. Das

geschah und geriet glücklicher, als meine Keckheit es verdiente. Denn

niemand hielt mich an, und des dritten Tages nachher warf ich bereits

wieder in Pillau den Anker. Weil jedoch mein Schiff in der Bordingszunft

zu Königsberg eingeschrieben war, so blieb ich hier noch liegen, um eine

Bordingsfracht den Pregel hinauf zu erwarten.

Zwei Tage darauf erschien Schiffer Kummerow mit jenem nämlichen Schiffe,

worauf im vorigen Jahre der gute Christian verunglückte, auf der Reede

und steuerte, trotz einem fliegenden Sturme, mutig in den Hafen. Sobald

er vor Anker gekommen, war ich mit meinen braven Landsleuten, den

Schiffern Paul Todt und Johann Henke zu dem Neuangekommenen, der

gleichfalls ein ehrlicher Kolberger war, an Bord gefahren. Beim

Eintritte in seine Kajüte sahen wir, daß ihm die Brandung beim Einlaufen

hinten die Fenster und Porten in Stücke geschlagen hatte, und daß

drinnen alles voll Wasser stand. Er hatte nun zum Schaden auch noch den

Spott, indem wir ihn redlich auslachten. Ich erinnerte mich dabei, daß

ich mit diesem nämlichen Schiffe und in einem ähnlichen Sturmwetter hier

in den Hafen gesegelt, aber die Besonnenheit gehabt, die Hinterporten

zuvor fallen zu lassen.

Bei der fortgesetzten Neckerei hub endlich unser Wirt im halben Unwillen

an: »Basta, ihr Herren! Ihr sollt am längsten gespottet haben. -- Heda,

Junge! Den Koch herbei! -- Koch, auf dem Platze ans Land gefahren, und

holt mir den Tischler, soundso genannt. Er soll sich mit Handwerkszeug

versehen, um hier die Einschiebrahmen loszumachen, damit sie zum Glaser

in die Kur gebracht werden können.« -- Während nun sein Wille

ausgerichtet wurde, der Tischler aber, ohne daß wir uns weiter daran

kehrten, seine Arbeit begann, saßen wir daneben bei einem Glase Wein,

wobei wir vergnügt und wohlgemut alte und neue Geschichten nach

Seemannsweise auf die Bahn brachten.

Ganz von ungefähr fielen hierbei meine Blicke auf den emsig

beschäftigten Tischler und nahmen mit Verwunderung wahr, wie dieser

hinter der Verkleidung, wo die Fensterrahmen eingeschoben gewesen waren,

allerlei Sachen hervorlangte und mit dem krummen Stiele seines

Schnitzers immer noch nach mehreren angelte. Das Blut schoß mir aufs

Herz und ins Gesicht, denn ich erkannte augenblicklich, Stück für Stück,

das verschwundene Eigentum des verstorbenen Schiffers Karl Christian. Da

war seine Uhr, seine Garnitur silberner Schnallen, ein Beutel mit

einigen hundert Talern dänisch Kurant, ein Schächtelchen mit Pretiosen

an goldenen Ringen und Ohrgehängen, desgleichen silberne Schlösser zu

großen Bügeltaschen nach damaliger Mode, und was sonst noch mehr, das

der gute Mann vormals in Amsterdam eingehandelt und unterwegs, aus

Furcht vor Kaperei, hier in Sicherheit gebracht hatte. -- Hier hatte es

kein Mensch gesucht und _wir_ es eher in jedem andern Versteckwinkel

geahnt!

Guter Gott! Und ich hatte mich müssen darum gleichwohl einen Dieb heißen

lassen! Aber der Himmel ist gerecht und barmherzig. Er fügte es, daß die

Wahrheit noch nach Jahr und Tag wunderlich ans Licht kam, daß es sogar

in meiner Gegenwart und vor vieler Zeugen Augen geschehen mußte! Wären

wir nicht alle zugegen gewesen -- wer weiß, wie weit die Ehrlichkeit des

Finders Stich gehalten, ob je ein Hahn danach gekräht und ich nicht Zeit

meines Lebens Dieb geheißen hätte. -- Ja, allemal wenn ich an diese

Geschichte denke, schlage ich meine Hände in die Höhe und danke Gott.

Der Name des Herrn sei gelobt!

Nun raffte ich in der Bestürzung alles zusammen und damit ans Land zu

der Witwe meines ehemaligen Schiffers. »Hier, meine liebe Frau!« rief

ich außer Atem -- »hier bringe ich Ihnen den Schatz von Ihrem seligen

Herrn, wofür ich so lange habe Dieb heißen müssen. Soundso ist das durch

Gottes Leitung wieder aufgefunden worden; und nun danken auch Sie Gott

und seien fröhlich.«

So gab es also Freude von allen Seiten. Bald auch wurde die Geschichte

in Königsberg und in der ganzen Umgegend ruchbar. Jeder hielt es für ein

halbes Wunder; jeder wollte von mir selbst noch näheren Bericht

erfahren; und war ich vorher hier und da wohl zweideutig über die Achsel

angesehen worden, so wurde ich seitdem von Bekannten und Unbekannten mit

unverdienter Güte und Liebe behandelt.

* * * * *

Mein gutes Glück, das ich in diesem Jahre mit meinem kleinen Schiffe

gehabt hatte, machte mich, wenn auch nicht übermütig, doch

zuversichtlich. Ich war ein junger Mensch und wollte mich noch besser in

der Welt versuchen, um es desto gewisser in der Welt zu etwas zu

bringen. Meiner Ansicht nach mußte ich ein neues und größeres Schiff

haben, womit ich mich in die Nordsee und über den Kanal hinauswagen

dürfte, anstatt bloß in der Ostsee, wie in einer Entenpfütze,

umherzuleiern. Nebenher verließ ich mich auch wohl auf mein Geschick,

womit ich mir das Glück, auch wenn es mir den Rücken kehren wollte, wohl

zu erzwingen gedachte. Leider hatte oder achtete ich damals die

Erfahrung noch nicht, daß zum Laufen kein Schnellsein hilft, und sollte

es erst noch zu meinem Schaden lernen.

Überhaupt habe ich es erst später begriffen, daß lediglich alles vom

Glücke abhängt und dieses durch Fleiß und Geschick allein sich nicht

erzwingen lassen will. Wohl aber hätte ich es an meinen eignen dummen

Streichen (woran ich es leider nie habe fehlen lassen) abnehmen können,

daß diese den Dummbart oft dem Glücke weiter in den Schoß führen, als

ein andrer mit den weisesten Überlegungen auszurichten vermag. Doch will

ich damit nicht gesagt haben, daß man den letzteren mit Vorbedacht aus

dem Wege gehen solle. Muß man in der Ausführung ja doch immer noch dem

lieben Gott die größere Halbschied überlassen. --

Kurz, ich verkaufte meinen kleinen und glücklichen Postreiter, setzte

mir's in den Kopf, ein funkelnagelneues Schiff von etwa achtzig Lasten

auf den Königsberger Stapel zu setzen, und war den größten Teil des

Jahres 1763 mit dem Ausbau desselben beschäftigt, ohne den Ort zu

verlassen. In das nämliche Jahr traf auch der unglückliche große Brand

in Königsberg, wobei der Löbenicht, Sackheim und ein Teil vom Roßgarten

im Feuer aufgingen. Als der erstgenannte Stadtteil so plötzlich und an

allen Orten zugleich in Flammen stand, befand ich mich mit wohl noch

tausend andern Menschen auf der Holzwiese, dicht am Pregel, dem Löbenich

gegenüber. Hier bemerkten wir auf der Ladebrücke, hinter dem Hospital,

arme gebrechliche Bewohner desselben, welche darauf ihre letzte

kümmerliche Zuflucht gesucht hatten. Denn hinter ihnen standen ihre

Zellen, samt der Hospitalkirche, in lichtem Brande; zur einen Seite

nicht minder der Mönchhof, und zur andern, neben der Brücke, ein großer

Stapel Brennholz; so daß den Unglücklichen nur übrig blieb, sich in den

Pregel zu stürzen oder ihr Schicksal auf jener Ladebrücke abzuwarten.

Schon aber schien die Flamme sie auch in diesem letzten Bergewinkel

ereilen zu wollen! Wir sahen deutlich von jener Seite, wie bereits

einigen Lahmen und Krüppeln die Kleider auf dem Leibe angeglommen waren,

während andere, die noch etwas rühriger waren, Wasser schöpften und

damit ihre Unglücksgefährten wiederholt übergossen, um sie vor dem

Verbrennen zu retten. Sie konnten dies auch um so füglicher, da zugleich

ein starker Orkan aus Norden wütete (der eben den Brand so unaufhaltsam

verbreitet hatte) und wodurch auch das Stromwasser so aufgestaut wurde,

daß es fast die Höhe der Brücke erreichte.

Hier sollte und mußte nun in so dringender Gefahr den armen Leuten

unverzüglich geholfen werden! Fahrzeuge waren in der ganzen Gegend

nirgends abzusehen. Ich lief indes über die Kuttelbrücke nach dem

Hunde-Gat, sprang in ein Boot, das zu einem dort liegenden Schiffe

gehörte; und da zum Glück ein Ruder drinnen lag, so war ich mit Hilfe

des starken Windes binnen fünf bis zehn Minuten wieder an der

Ladebrücke. Man denkt sich's leicht, wie ich hier von den armen Menschen

bestürmt wurde. Immer wollte einer vor dem andern aufgenommen sein, und

mir blieb endlich nichts übrig, als eilig mit dem Boote und den zuerst

Eingesprungenen abzustoßen, wenn nicht alles auf der Stelle mit und

unter mir versinken sollte. Ich brachte indes meine Ladung nach der

Holzwiese in Sicherheit, und so gelang es mir in dreimaligem Hin- und

Herfahren, sie alle glücklich aus der Klemme zu schaffen.

Als ich jedoch mich der Brücke nochmals näherte und den Platz

wohlbedächtig mit meinen Blicken musterte, während bereits die

Laufbretter hier und da die Flammen durchzüngeln ließen, nahm ich,

fünfzehn oder zwanzig Schritte von mir entfernt, etwas wahr, das sich

brennend auf dem Boden bewegte und anfangs von mir für ein glimmendes

Bett gehalten wurde, das der Sturmwind vor sich herwälzte. Als ich aber

die Brücke bestiegen hatte und es in der Nähe untersuchte, fand ich, daß

es eine alte Frau war, die, wie ich späterhin erfuhr, an einer Seite des

Leibes völlig vom Schlage gerührt worden. Ich hob sie auf, um sie nach

meinem Fahrzeuge zu tragen: allein der Qualm und Gestank der schwelenden

Kleider stieg mir so unerträglich zu Kopf und Brust, daß ich von meinem

Vornehmen abstehen mußte. Doch ergriff ich die Unglückliche an Hand und

Fuß, zerrte sie so -- wenngleich ein wenig unsanft -- nach dem Boote und

brachte sie hinüber, wo sie mir von den vielen umstehenden Menschen

abgenommen wurde.

Gleich darauf stieß ich wieder ab, um womöglich irgendeinem Bedrängten

in dieser Not retten zu helfen, und kam an das Löbenichtsche

Schlachthaus, das gleichfalls in hellem Feuer stand und wo noch, wie ich

durch die niedergebrannten Planken wahrnehmen konnte, eine Menge

ausgeschlachteten Viehes umherhing. »Mein Gott!« dachte ich -- »wie

vielen hundert Menschen könnte das noch zur Erquickung dienen, denen das

Unglück heute nichts als das liebe Leben gelassen hat!« Ein großer

fetter Ochse, der der Treppe nach dem Wasser am nächsten hing, fiel mir

besonders in die Augen. Ich schnitt ihn ab, wälzte ihn hinunter und

schleppte ihn hinter meinem Fahrzeuge her ans jenseitige Ufer, wo ihn

mir ein Reiter abnahm und vollends aufs Trockene brachte. Wo er weiter

geblieben und wem er zugute gekommen ist, weiß ich nicht.

Indem ich mich nun aufs neue nach der Löbenichtschen Seite

hinübermachte, stieß ich dort auf eine korpulente Frau, die ihre Hände

nach mir aufhob und rief: »O Schifferchen, erbarme Er sich, helf' Er!

rett' Er! -- Das ist mein Haus, was mit den andern im Brande steht, und

mein Mann ist ausgereist auf den Viehhandel. Alle meine Leute haben mich

verlassen, und was Er hier um mich liegen sieht, hab' ich mit meinen

eigenen Händen aus dem Feuer gerissen.« -- Dabei wies sie auf einen Berg

von Betten, Kleidungsstücken und dergleichen.

Ich ließ mich nicht zweimal bitten; wir warfen beide Hals über Kopf von

den Sachen bunt durcheinander in das Boot, soviel es nur fassen konnte,

und nun schlug ich ihr vor, diese Ladung ans jenseitige Ufer

hinüberzuschaffen, dann aber wiederzukommen und sie selbst mit dem Rest

in Sicherheit zu bringen. Das war aber keine gute Disposition, wie ich

sogleich inne ward, als ich die Holzwiese erreichte; denn hier gab es

zwar hundert geschäftige Hände, die mir die geretteten Sachen abnahmen,

als ich mich aber danach umsah, ob sie auch in gute Verwahrung kämen,

lief der eine hierhin, der andere dorthin; dieser zog mit einem Bette

ab, jener mit einem Laken oder einem Armvoll Kleider, und als ich das

letzte Stück aus den Händen gab, hatte sich bereits die ganze Ladung

verkrümelt.

»Frauchen!« sagte ich bei meiner Wiederkehr -- »das sieht betrübt mit

Ihrem Eigentum aus! -- Ich fürchte, Sie kriegt in Ihrem Leben keine

Faser wieder davon zu sehen. Soundso ist mir's damit gegangen.« -- Die

Unglückliche weinte und seufzte. Indes schleppten wir noch einen

schweren Kleiderkasten an und ins Boot und was sie noch von

Gerätschaften geborgen hatte. Sie selbst trug ich, trotz ihrer

Wohlbeleibtheit, indem ich bis an den halben Leib durchs Wasser watete,

gut oder übel ebenfalls hinein und fuhr ab. Unterwegs gewann sie wieder

etwas Mut und Redseligkeit. Sie nannte mir ihres Mannes Namen (den ich

aber wieder vergessen habe) und daß er ein Branntweinbrenner gewesen,

samt ihren andern häuslichen Umständen. Die ganze Brandgeschichte, vom

ersten Feuerlärm an, und ihren Schreck, und was sie und ihre Nachbarn

gedacht und gesagt und vermutet -- das alles bekam ich anzuhören und

wahrscheinlich noch sehr vieles mehr, wenn wir nicht schon früher bei

der Holzwiese angelangt gewesen wären.

Hier ward das unordentliche Getümmel der räuberischen Dienstfertigkeit

um die arme Frau fast noch ärger als bei meiner ersten Landung. Endlich

drängte man mich ganz von ihr ab, und ich sah sie nur noch aus der Ferne

auf ihrem Kasten sitzen, um wenigstens _diesen_ zu behaupten. Wieviel ihr

von dem übrigen geblieben oder wiedergebracht worden, weiß Gott; denn

meine Augen haben sie nachher in dem weitläufigen Orte niemals

wiedergesehen.

Für diesmal wollte ich nun sehen, was in einer andern Gegend, auf der

Sackheimerschen Seite, passierte. Nicht lange, so traf ich abermals mit

einer alten Frau zusammen, die am Wasser stand und mir entgegenschrie:

»Ach Herzens-Schifferchen, goldenes! Hierher, zu _mir_ hin! Ich will Ihm

auch gerne einen Sechser geben.« -- Ich mußte lachen, so wenig mir's bei

der allgemeinen grausamen Not auch lächerlich ums Herz war. -- »Nun, und

wo soll ich hier denn angreifen?« -- »Ach du mein Gottchen! Diesen

Kasten hier, wenn Er mir den doch nach der Holzwiese schaffen wollte.

Mein ganzes armes Hab und Gut steckt zusammen drinnen! Ich bin eine

geschlagene Frau, wenn ich den missen soll!«

Nun freilich, da mußte schon Hand zum Herzen getan werden! Sie übergab

mir eine lange schmale Kiste, die mir nun zwar bei dem flüchtigen

Blicke, den ich mir darauf zu werfen abmüßigte, keine sonderlichen

Schätze zu bergen schien, aber doch, unter gemeinschaftlicher

Daranstreckung unserer Kräfte, glücklich ins Boot geschoben und, weil

sie darin der Länge nach keinen Platz fand, mit Mühe querüber ins

Gleichgewicht gerückt wurde, wiewohl das Fahrzeug, da sie hochstand,

heftig damit schwankte. Auch ging es mit der Fahrt noch immer gut genug,

bis wir auf Stromesmitte auch in den Bereich des Sturmwindes gerieten,

welcher uns dergestalt packte, daß sich das Boot ganz auf die Seite

legte und Wasser schöpfte. Was ich immer tun mochte, dem Übel

abzuhelfen, blieb vergeblich, und unsre Gefahr zu sinken ward mit jedem

Augenblicke dringender. »Aber, liebe Frau, was _hat_ Sie denn in dem

unbeholfenen verwetterten Kasten?« fragte ich endlich mit einiger

Ungeduld. -- »Ach, mein Ein und Alles! Meine Hühner und Enten, womit

ich handle und die mir Eier legen.« -- »Ei, so hole denn der Henker

lieber den ganzen Kram!« schrie ich giftig, -- »als daß wir hier unsere

Haut darum zu Markte tragen!« -- und damit schob ich den Kasten fein

säuberlich über Bord und ließ ihn treiben, wohin er wollte. Nun aber

erhob sich über mich ein Sturmwetter von ganz anderer Art, und ich

kriegte Ehrentitel zu hören, wie ich sie mir nimmer vermutete. Aber wie

sollte ich es anders machen? Das Boot stand am Umkippen und war schon

hoch voll Wasser gelaufen.

Wir waren darüber beinahe bis an den Sackheimschen Baum getrieben. Ich

machte mich also eilig von meiner lästigen Begleiterin los, stieg ans

Land, befestigte das Fahrzeug und half anderweitig bei dem Feuer bergen

und retten, wo und wie ich immer vermochte. Darüber blieb ich nun von

meiner eigenen Schwelle entfernt vom Sonntag abends, da das Feuer

anging, bis Dienstag nachmittags, wo endlich seine zerstörende Wut sich

legte. Während dieser entsetzlichen Frist kam ich verschiedentlich mit

Bekannten aus unserem Stadtende, am Lizent und der Gegend umher,

zusammen. Da ward denn immer die erste angelegentliche Frage, wie es in

der Nachbarschaft stehe, freudig beantwortet: »Gottlob! Wir haben bis

jetzt keine Not vom Feuer, wohl aber vom Sturm hohes Wasser in Straßen

und Häusern, daß man überall darin mit Kähnen umherfahren kann.« --

Ein ähnlicher Orkan stieg einige Zeit nach jenem unvergeßlichen Unglück

so gewaltig auf, daß alle Schiffe, mit denen der Pregel, vom Grünen

Baume an, bedeckt war, sich teils einzeln von ihren Befestigungen am

Bollwerk losrissen, teils untereinander abdrängten, und selbst die

mitten im Strome geworfenen Anker dagegen nicht aushielten. Die

Verwirrung und das Gedränge ward mit jedem Augenblicke größer. Endlich

packte sich alles an der Grünen Brücke in eine dichte wüste Masse

zusammen; die Masten stürzten über Bord und die Bugspriete knickten wie

Rohrstengel. Der Schaden war unermeßlich, und als man endlich wieder zur

Besinnung kam, hatte man sich billig zu verwundern, daß nicht alles und

jedes zugrunde gegangen.

Gleichwohl betraf dieses Schicksal unter andern auch einen ledigen

Bording von fünfzig Lasten, der zwischen den andern Schiffen so

eingeklemmt ward, daß er endlich, als die geringere Masse, von ihnen

niedergedrückt und dergestalt völlig in den Grund versenkt werden mußte,

daß keine Spur von ihm zu erblicken war. Dies Gefäß gehörte einer Witwe

Roloff, meiner guten Freundin und Gevatterin, zu, die in ihrer Not und

mit weinenden Augen auch zu mir kam, ob ich ihr in ihrem Unglück nicht

helfen könne. Ich versprach mein Möglichstes, und sobald nur der Sturm

sich abgestillt hatte und die Schiffe sich wieder auseinandergewirrt,

traf ich Anstalten, den Bording mit Winden und Tauen aus dem Grunde

wieder emporzuheben, was mir denn auch mit vieler Mühe und Arbeit

gelang, so daß das Fahrzeug auf eine sichere Stelle gebracht und der

erlittene Schaden ausgebessert werden konnte.

* * * * *

Einige Zeit nachher, während ich noch an meinem Schiffe baute, kam eines

Tages das Geschrei zu mir auf die Baustelle: auf dem Pregel am Grünen

Krahn stehe ein holländisches Schiff, mit hundertundzwanzig Lasten Hanf

geladen, in lichtem Brande. Sofort machte ich mich, samt allen meinen

Schiffszimmerleuten, deren jeder mit seiner Axt versehen war, auf den

Platz und sah, wie das Feuer klafterlang, gleich einem Pferdeschweif,

hinten durch die Kajüt-Porten emporflackerte. Alle Menschen, soviel sich

deren bereits herbeigemacht hatten, waren damit beschäftigt, Löcher in

das Verdeck zu hauen und von oben hinab Wasser in den brennenden Raum zu

gießen. Offenbar aber gewann dadurch der Brand unterm Deck nur um so

größeren Zug und war auf diese Weise mit nichten zu dämpfen.

Ein so widersinniges Verfahren konnte ich nicht lange gelassen mit

anblicken. So packte ich denn flugs den Schiffer am Arm und schrie ihm

zu: »Ihr arbeitet Euch ja damit zum Unglück, daß Ihr dem Feuer noch mehr

Luft macht. _Versenken_ müßt Ihr das Schiff! Hört Ihr? Versenken! Was da

lange Besinnens?«

Es lief aber alles verwirrt durcheinander und kein Mensch konnte oder

wollte auf mich hören. Da griff ich einen von meinen Schiffszimmerleuten

auf, sprang mit ihm in das Boot, welches zum brennenden Schiffe gehörte

und zeigte ihm eine Planke, dicht über dem Wasser, wo er in Gottes Namen

ein Loch ins Schiff hauen sollte. »Das lass' ich wohl bleiben!« war

seine Antwort -- »ich könnte schlimmen Lohn dafür haben!«

Dieser Widerstand erhitzte mich noch mehr. Ich riß ihm die Axt aus den

Händen und bedachte mich keinen Augenblick, ein ganz hübsches Loch hart

überm Wasserspiegel durchzukappen. Als ich den guten Erfolg sah, legte

ich mich auf den Bauch und hieb immer tiefer einwärts, bis endlich das

Wasser stromweise da durch und in den Schiffsraum drang. Das eben hatte

ich gewollt, und nun eilte ich spornstreichs aus dem Boote auf das

Verdeck, wo sich hundert und mehr Menschen drängten, und schrie:

»Herunter vom Schiff, was nicht versaufen will! In der Minute wird's

sinken!«

Anfangs hörte man mich nicht; da ich es aber immer und immer wiederholte

und zugleich auch das Schiff begann, sich stark auf jene Seite zu

neigen, so kam auf einmal der Schrecken unter die Leute; alles lief nach

dem Lande, in banger Erwartung, was weiter geschehen würde. In der Tat

legte sich das Schiff so gewaltig seitwärts, als ob es umfallen wollte;

aber im Sinken richtete es sich plötzlich wieder empor und fuhr so,

geraden Standes, plötzlich bis an die Gaffel-Klaue in die Tiefe, die

hier zur Stelle wohl sechsunddreißig bis vierzig Fuß betragen mochte.

Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt · 第 10 / 18 题