Am 20. September 1738 ward ich zu _Kolberg_ geboren und bekam dann den
Taufnamen _Joachim_. Mein Vater, Johann David Nettelbeck, war hier Brauer
und Branntweinbrenner und stand bei der Bürgerschaft in besonderer Liebe
und Anhänglichkeit. Dies Glück ist mir von ihm übererbt, und ich genieße
es noch jetzt, in meinem Alter, bei meinen lieben Mitbürgern. Meine
Mutter war aus des Schiffers Blanken Geschlecht. Auch meiner beiden
Paten -- nämlich der Kaufleute Herren Lorenz Runge und Grüneberg -- muß
ich hier dankbar erwähnen, weil so manche ihrer väterlich gemeinten
Vorstellungen und was sie mir sonst Gutes eingeprägt, bei mir einen
Eindruck gemacht, der mich durch mein ganzes Leben begleitet hat.
Seit ich kaum das Alter von dreiviertel Jahren erreicht, bin ich bei
meinen Großeltern väterlicherseits erzogen worden; aber sobald ich habe
lallen können, stand auch mein Sinn darauf, ein Schiffer zu werden. Dies
mag wohl daher kommen, daß mir dergleichen oftmals vorgeplaudert worden.
Mein Hang dazu trieb mich so gewaltig, daß ich aus jedem Holzspan, aus
jedem Stückchen Baumrinde, was mir in die Hände fiel, kleine Schiffchen
schnitzelte, sie mit Segeln von Feder oder Papier ausrüstete, und damit
auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte.
Meines Vaters Bruder war Schiffer; und keine größere Freude gab es für
mich, als wenn er mit seinem Schiffe hier im Hafen lag. Dann hatte ich
zu Hause keine Ruhe, sondern bat, man möchte mich nach der Münde lassen.
Oh, welch ein vergnügtes Leben, wenn ich auf dem Schiffe war und mit den
Schiffsleuten in ihrer Arbeit herumsprang!
Nicht viel geringer war meine Liebe und Freude am Gartenwesen, denn auch
mein Großvater war ein sonderlicher Gartenfreund, nahm mich beständig
mit in seinen Garten, gab mir sogar ein klein Fleckchen Land zum
Eigentum und ließ mich sehen und lernen, was zur Gartenarbeit gehörte.
Hier legte ich Obstkerne; ich verpflanzte, ich pfropfte und okulierte;
ich begoß und pflegte meine Gewächse. Meine Kernstämmchen wuchsen heran,
und sieben von diesen selbstgezogenen Bäumen sind noch (wie sehr es mir
auch um sie leid tat, da ich jetzt der Besitzer des nämlichen Gartens
bin) in der letzten französischen Belagerung umgehauen worden.
An dieses kleine, aber für mich unschätzbare Grundstück, dessen Pflege
noch in diesem Augenblicke die Freude meines Alters ausmacht, heften
sich ein paar meiner frühesten und lebendigsten Erinnerungen.
* * * * *
Ich mochte wohl ein Bürschchen von fünf oder sechs Jahren sein und noch
in meinen ersten Höschen stecken (also etwa um das Jahr 1743 oder 44),
als es hier bei uns, und im Lande weit umher, eine so schrecklich knappe
und teure Zeit gab, daß viele Menschen vor Hunger starben, denn der
Scheffel Roggen kostete einen Taler acht Groschen. Es kamen, von
landeinwärts her, viele arme Leute nach Kolberg, die ihre kleinen
hungrigen Würmer auf Schiebkarren mit sich brachten, um Korn von hier zu
holen, weil man Getreideschiffe in unserem Hafen erwartete, die der
grausamen Not steuern sollten. Alle Straßen bei uns lagen voll von
diesen unglücklichen ausgehungerten Menschen. Meine Großmutter, bei der
ich, wie schon gesagt, erzogen ward, ließ täglich mehrere Körbe voll
Grünkohl in unserm Garten pflücken, kochte einen Kessel voll nach dem
andern für unsere verschmachtenden Gäste, und _mir_ ward das gern
übernommene Ehrenämtchen zuteil, ihnen diese Speise in kleinen
Schüsselchen nebst einer Brotschnitte zuzutragen. Da rissen mir denn
Alte und Junge meinen Napf begierig aus der Hand, oder auch wohl
einander vor dem Munde weg. Ich kann nicht aussprechen, welch einen
schauderhaften Eindruck diese Szene auf meine kindliche Seele machte.
Endlich langte ein Schiff mit Roggen auf der Reede an, dem sich tausend
sehnsüchtige Augen und Herzen entgegenrichteten. Aber, o Jammer! beim
Einlaufen in den Hafen stieß es gegen eine Steinküste des Hafendammes
und nahm so beträchtlichen Schaden, daß es, im Strome selbst, nur wenige
hundert Schritte weiter, der Münder Vogtei gegenüber, in den Grund sank.
Sollte die kostbare Ladung nicht ganz verloren sein, so mußten
schleunige Anstalten getroffen werden, das verunglückte Fahrzeug wieder
über Wasser zu bringen. Dazu wurden dann zwei Schiffe benutzt, die eben
auch im Hafen lagen, und wovon das eine von meines Vaters Bruder geführt
ward. So war ich denn auch bei diesem Emporwinden, an welchem ich eine
kindische Freude hatte, beständig zugegen; ward mitunter auch wohl als
unnütz und hinderlich beiseite geschoben, und habe darüber all diese
einzelnen Umstände nur um so besser im Gedächtnisse behalten.
Ging nun gleich das Wiederflottmachen des Schiffes glücklich vonstatten,
so war doch das Korn durchnäßt, zum Vermahlen untüchtig und die Hoffnung
all der darauf vertrösteten Menschen vereitelt. Die Kolberger Bürger
kauften den beschädigten Roggen um ein Viertel des geltenden
Marktpreises, und da mein Vater damals königlicher Kornmesser im Orte
war, so ging auf diese Weise die ganze geborgene Ladung durch seine
Hände. Jeder suchte mit seinem Kauf so gut als möglich zurechtzukommen
und ihn aufs schnellste zu trocknen. Alle Straßen waren auf diese Weise
mit Laken und Schürzen überdeckt, auf welchen das Getreide der Luft und
Sonne ausgesetzt wurde. Kurze Zeit darauf erschien ein zweites großes
Kornschiff; und nun ward es endlich möglich, die fremde Armut zu
befriedigen.
Im nächstfolgenden Jahre erhielt Kolberg, durch des großen Friedrichs
versorgende Güte, ein Geschenk, das damals hierzulande noch völlig
unbekannt war. Ein großer Frachtwagen nämlich voll Kartoffeln langte auf
dem Markte an; und durch Trommelschlag in der Stadt und auf den
Vorstädten erging die Bekanntmachung, daß jeder Gartenbesitzer sich zu
einer bestimmten Stunde vor dem Rathause einzufinden habe, indem des
Königs Majestät ihm eine besondere Wohltat zugedacht habe. Man ermißt
leicht, wie alles in stürmische Bewegung geriet, und das nur um so mehr,
je weniger man wußte, was es mit diesem Geschenke zu bedeuten habe.
Die Herren vom Rate zeigten nunmehr der versammelten Menge die neue
Frucht vor, die hier noch keiner gesehen hatte. Daneben ward eine
umständliche Anweisung verlesen, wie diese Kartoffeln gepflanzt und
bewirtschaftet, desgleichen wie sie gekocht und zubereitet werden
sollten. Besser freilich wäre es gewesen, wenn man eine solche
geschriebene oder gedruckte Instruktion gleich mit verteilt hätte; denn
nun achteten in dem Getümmel die wenigsten auf jene Vorlesung. Dagegen
nahmen die guten Leute die hochgepriesenen Knollen verwundert in die
Hände, rochen, schmeckten und leckten dran; kopfschüttelnd bot sie ein
Nachbar dem andern; man brach sie voneinander und warf sie den
gegenwärtigen Hunden vor, die dran herumschnupperten und sie gleichmäßig
verschmähten. Nun war ihnen das Urteil gesprochen! »Die Dinger«, hieß
es, »riechen nicht und schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen
sie fressen. Was wäre uns damit geholfen?« -- Am allgemeinsten war dabei
der Glaube, daß sie zu Bäumen heranwüchsen, von welchen man zu seiner
Zeit ähnliche Früchte herabschüttle. Alles dies ward auf dem Markte,
dicht vor meiner Eltern Türe, verhandelt; gab auch mir genug zu denken
und zu verwundern und hat sich darum auch, bis aufs Jota, in meinem
Gedächtnisse erhalten.
Inzwischen ward des Königs Wille vollzogen und seine Segensgabe unter
die anwesenden Garteneigentümer ausgeteilt, nach Verhältnis ihrer
Besitzungen, jedoch so, daß auch die Geringeren nicht unter einigen
Metzen ausgingen. Kaum irgend jemand hatte die erteilte Anweisung zu
ihrem Anbau recht begriffen. Wer sie also nicht geradezu in seiner
getäuschten Erwartung auf den Kehrichthaufen warf, ging doch bei der
Auspflanzung so verkehrt wie möglich zu Werke. Einige steckten sie hier
und da einzeln in die Erde, ohne sich weiter um sie zu kümmern; andere
(und darunter war auch meine liebe Großmutter mit ihrem ihr zugefallenen
Viert) glaubten das Ding noch klüger anzugreifen, wenn sie diese
Kartoffeln beisammen auf einen Haufen schütteten und mit etwas Erde
bedeckten. Da wuchsen sie nun zu einem dichten Filz ineinander; und ich
sehe noch oft in meinem Garten nachdenklich den Fleck drauf an, wo
solchergestalt die gute Frau hierin ihr erstes Lehrgeld gab.
Nun mochten aber wohl die Herren vom Rat gar bald in Erfahrung gebracht
haben, daß es unter den Empfängern viele lose Verächter gegeben, die
ihren Schatz gar nicht einmal der Erde anvertraut hätten. Darum ward in
den Sommermonaten durch den Ratsdiener und Feldwächter eine allgemeine
und strenge Kartoffel-Schau veranstaltet und den widerspenstig
Befundenen eine kleine Geldbuße aufgelegt. Das gab wiederum ein großes
Geschrei und diente auch eben nicht dazu, der neuen Frucht an den
Bestraften bessere Gönner und Freunde zu erwecken.
Das Jahr nachher erneuerte der König seine wohltätige Spende durch eine
ähnliche Ladung. Allein diesmal verfuhr man dabei höheren Orts auch
zweckmäßiger, indem zugleich ein Landreiter mitgeschickt wurde, der, als
ein geborner Schwabe (sein Name war Eilert, und seine Nachkommen dauern
noch in Treptow fort), des Kartoffelbaues kundig und den Leuten bei der
Auspflanzung behilflich war und ihre weitere Pflege besorgte. So kam
also diese neue Frucht zuerst ins Land und hat seitdem, durch immer
vermehrten Anbau, kräftig gewehrt, daß nie wieder eine Hungersnot so
allgemein und drückend bei uns hat um sich greifen können. Dennoch
erinnere ich mich gar wohl, daß ich erst volle vierzig Jahre später
(1785) bei Stargard, zu meiner angenehmen Verwunderung, die ersten
Kartoffeln im freien Felde ausgesetzt gefunden habe.
* * * * *
Neben manchen anderen Kindereien war ich auch ein großer Liebhaber von
Tauben. Von meinem Frühstücksgelde sparte ich mir so viel am Munde ab,
daß ich mir ein Paar kaufen konnte. Das war nun eine Herrlichkeit! Da
aber meine Großeltern unter dem Posthause bei Herrn Frauendorf wohnten,
so gab es hier keine Gelegenheit, die Tauben ausfliegen zu lassen. Ich
machte daher mit dem sogenannten »Postjungen«, Johann Witte (nachherigem
Post- und Bankodirektor in Memel), einen Akkord, daß er meine Tauben zu
sich nehmen, ich aber täglich eine gewisse Portion Erbsen zum Füttern
hergeben sollte, die ich meinen Großeltern leider heimlich in den
Taschen wegtrug! Die Tauben vermehrten sich, hinfolglich auch die
Futtererbsen.
Bei all diesen Spielereien ward (wiederum leider!) die Schule versäumt;
ich hatte weder Lust noch Zeit dazu. Wenn meine Großmutter meinte, ich
säße fleißig auf der Schulbank, so schiffte ich in Rinnsteinen und
Teichen, oder ich verkehrte mit meinen Tauben; und das machte mir so
viel zu schaffen, daß ich weder bei Tag noch bei Nacht davor ruhen
konnte. Diese unruhige Geschäftigkeit hat mich auch nachmals bei weit
wichtigeren Dingen und selbst bis in mein Alter verfolgt. Freilich habe
ich mir wohl dabei weniger für mich als für andere meiner Mitmenschen zu
tun und zu sorgen gemacht.
Einigen Vorschub zu diesen Possen tat mir Pate Runge, der nicht Frau
noch Kinder hatte, mich sehr liebte und sich viel mit mir abgab. Endlich
aber nahm er mich einmal etwas ernsthafter ins Verhör (wie auch
zuweilen von Pate Grüneberg geschah), und gab mir zu bedenken, daß,
wenn ich Schiffer werden wollte, so müßte ich auch fleißig in die Schule
gehen, eine firme Hand schreiben und gut rechnen lernen, sonst dürft'
ich nie an so etwas denken. Mir fuhr das gewaltig aufs Herz. Ich sann
nach, was denn wohl von meinem jetzigen Tun und Treiben abgestellt
werden müßte? -- Was anders, als meine Tauben, die mir so viel Zeit
kosteten und doch so sehr am Herzen lagen! _Wie_ ich's aber auch bedenken
mochte, so war es doch nicht anders; ich mußte meine lieben Tierchen
fahren lassen, die sich indes ansehnlich vermehrt hatten! Dies geschah
denn auch mittels eines förmlichen schriftlichen Kontraktes, wodurch ich
den Johann Witte zu ihrem alleinigen Herrn und Besitzer einsetzte.
So war ich also meine Tauben los und nun kriegt' ich einen so brennenden
Trieb zur Schule, daß mich die Lernbegierde auf Schritt und Tritt
verfolgte. Ich wollte und mußte ja ein Schiffer werden! Auch alle meine
heiligen Christgeschenke, woran es meine Herren Paten nicht fehlen
ließen, hatten immer eine Beziehung auf die Schifferschaft. Bald war es
ein runder holländischer Matrosenhut, bald lange Schifferhosen, bald
Pfefferkuchen, als Schiffer geformt.
* * * * *
So mochte es in meinem achten Jahre sein, als Pate Lorenz Runge mir
unter anderen Weihnachtsbescherungen auch eine Anweisung zur
Steuermannskunst in holländischer Sprache verehrte. Dies Buch machte
meine Phantasie so rege, daß ich Tag und Nacht für mich selbst darin
studierte, bis mein Vater ein Einsehen hatte und mir bei einem hiesigen
Schiffer, namens Neymann, zwei wöchentliche Unterrichtstage in jener
edlen Kunst ausmachte. Dagegen blieben die anderen vier Tage noch zum
Schreiben und Rechnen bei einem anderen geschickten Lehrer, namens
Schütz, bestimmt. Ein Jahr später aber ward die Steuermannskunst die
Hauptsache und alles andere in die Neben- und Privatstunden verwiesen.
Mein Eifer für diese Sache ging so weit, daß ich im Winter oftmals bei
strenger Kälte, wenn des Nachts klarer Himmel war, und wenn meine Eltern
glaubten, daß ich im warmen Bette steckte, heimlich auf den Wall und
»Die hohe Katze« ging, mit meinen Instrumenten die Entfernung der mir
bekannten Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die Polhöhe
berechnete. Dann, wenn ich des Morgens erfroren nach Hause kam,
verwunderte sich alles über mich und erklärte mich für einen
überstudierten Narren. Schlimmer aber war es, daß man mich nun des
Abends sorgfältiger bewachte und mich nicht aus dem Hause ließ. Dennoch
suchte und fand ich oftmals Gelegenheit, bei Nacht wieder auf meine
Sternwarte zu kommen, was mir aber, wenn ich mich morgens wieder
einstellte, von meinem Vater manche schwere Ohrfeige einbrachte.
Ähnlicher Lohn ward mir auch sonst noch für ähnlichen Eifer! Zu oft
hatte ich gehört, daß ein Seemann vor allen Dingen lernen müsse, gut
klettern, um die Masten bei Tag und Nacht zu besteigen, als daß ich
nicht hätte begierig werden sollen, mich darin beizeiten zu üben. Hierzu
fand sich eine erwünschte Gelegenheit durch die nähere Bekanntschaft mit
dem Sohne des damaligen Glöckners. Er war in meinen Jahren, hieß David,
und wollte auch Schiffer werden. Mit diesem machte ich mich, außer der
Schulzeit, auf den Boden der großen Kirche in das Sparrwerk und die
Balkenverbindungen bis hoch unter das kupferne Dach hinauf. Hier stiegen
und krochen wir überall herum, daß wir uns in der gewaltigen Verzimmerung
dieses großen Gebäudes oftmals dergestalt verirrten, daß einer vom andern
nichts wußte. Kamen wir dann wieder zusammen, so konnten wir nicht genug
erzählen, _wo_ wir gewesen waren und _was_ wir gesehen hatten.
Bald ging es nun zu einem Wagestück weiter. Auch in die Spitze des
Turmes krochen wir in dem inwendigen Holzverbande hinauf -- so hoch, bis
wir uns in dem beengten Raume nicht weiter rühren konnten. Aber eben
diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam mir in der Folge recht gut zu
statten, um hier in der äußersten Spitze, wo ein Wetterstrahl am 28.
April 1777 gezündet hatte, das Feuer löschen zu können; wie ich zu
seiner Zeit weiter unten erzählen werde.
Und nunmehr genügte es uns nicht, bloß innerhalb uns von Balken zu
Balken zu schwingen: es sollte auch außerhalb des Gebäudes geklettert
werden! So machten wir uns denn auf das kupferne Dach; stiegen bei den
Glocken aus den Luken auf das Gerüst; von da auf den First des kupfernen
Kirchendaches, und indem wir darauf wie auf einem Pferde ritten,
rutschten wir längshin vom Turme bis an den Giebel und auf gleiche Weise
wieder zurück. Ein paar Hundert Zuschauer gafften drunten, zu unserer
großen Freude, nach uns beiden jungen Waghälsen in die Höhe. Auch mein
Vater war, ohne daß ich es wußte, unter dem Haufen gewesen, und so
konnte es nicht fehlen, daß mich, bei meiner Heimkunft, für diese
Heldentat eine derbe Tracht Schläge erwartete.
Aber die Lust zu einem wiederholten Versuche war mir dennoch nicht
ausgetrieben worden! Ich lauerte es nur ab, daß mein Vater verreist war,
und an einem schönen Sommertage, nachmittags um vier Uhr, als ich der
Zucht des Herrn Schütz entlaufen war, konnte ich nicht umhin, meinen
lieben Turm wieder zu besuchen. Ein Schulkamerad, David Spärke, eines
hiesigen Schiffers Sohn, leistete mir Gesellschaft. Diesen beredete ich,
den Ritt auf dem Kirchendache mitzumachen. Zuerst stieg ich aus der Luke
auf das Gerüst und von da auf den First des Daches. David Spärke kam mir
zuversichtlich nach, da er mich so flink und sicher darauf hantieren
sah.
Allein kaum war er mir sechs oder acht Fuß nachgeritten, so überfiel ihn
plötzlich eine Angst, daß er erbärmlich zu schreien begann, sich zu
beiden Seiten an den kupfernen Reifen festklammerte und nicht vor- nicht
rückwärts kommen konnte. Ich kehrte mich nach ihm um, kam dicht zu ihm
heran; und hier saßen wir nun beide, sahen uns betrübt ins Gesicht und
wußten nicht, wo aus noch ein. _Er_ wagte es nicht, sich umzudrehen, _ich_
konnte an ihm nicht vorbeikommen. Dabei hörte er nicht auf, in seiner
Seelenangst aus vollem Halse zu schreien. Auf der Straße gab es einen
Zusammenlauf und bald auch Hilfe. Denn der alte Glöckner mit seinem
Sohne und mehreren anderen kamen auf den Turm und zogen meinen Freund
David mit umgeworfenen Leinen rücklings nach dem Gerüste und so vollends
in die Luke hinein. Ich aber folgte, wie ein armer Sünder, zitternd und
bebend nach.
Des nächsten Tages kam mein Vater wieder nach Hause, und da gab es denn,
wie zu erwarten war, rechtschaffene, aber verdiente Prügel. Damit aber
nicht genug, meinte auch Herr Schütz, mein Lehrer, es müsse hier, der
übrigen Schulkameradschaft wegen, noch ein anderweitiges Beispiel zu
Nutz und Lehre statuiert werden, und bat sich's bei meinem Vater aus,
gleichfalls noch Gericht über mich halten zu dürfen. Das ward ihm gern
bewilligt. Meine Strafe bestand in einem dreitägigen Quartiere in dem
dunklen Karzer auf dem Schulhofe. Hier ward ich nachmittags, sobald die
Schulzeit abgelaufen war, eingesperrt und immer erst morgens um acht
Uhr, wo die Schule wieder anging, herausgelassen. Nur mittags durfte ich
nach Hause gehen, um zu essen; aber schon in der nächsten Stunde auf
meiner Schulbank mich einfinden und um vier Uhr meine traurige Wanderung
in die Finsternis wieder antreten.
Nächst der Unbequemlichkeit einer einzigen täglichen Mahlzeit bei einem
(Gott weiß es) gesegneten Appetite, war's meine größte Qual, daß ich von
den andern Schulbuben über mein Abenteuer noch ausgelacht ward. Niemand
hatte Mitleid mit meinem Unstern; ausgenommen ein einziges gutherziges
Mädchen, die älteste Tochter des Kaufmanns, Herrn Seeland. Wenn ich mich
recht entsinne, nannte man sie Dörtchen. Dörtchen also steckte mir den
letzten Abend, mit Tränen in den Augen, ihre Semmel zu; konnte es aber
nicht so heimlich abtun, daß es nicht von den anderen wäre gesehen und
verraten worden. Die Semmel ward mir vom Lehrer wieder abgenommen und
konfisziert. _Ich_ weinte; _sie_ weinte; Herr Schütz selbst konnte sich
dessen nicht erwehren. Ich bekam meine Semmel zurück: aber bloß -- wie
er hinzusetzte -- um das gute Kind zu beruhigen. -- Ich habe nachher, im
Jahre 1782 (also nach Verlauf von vierunddreißig Jahren!) die Freude
gehabt, dieses nämliche Dörtchen Seeland in Memel wieder anzutreffen.
Ihre Eltern waren in ihrem Wohlstande zurückgekommen, den sie damals
durch eine Auswanderung nach Rußland zu verbessern hofften. Ich hatte
jene Semmel noch nicht vergessen; und es hat mir wohlgetan, sie
einigermaßen vergelten zu können.
* * * * *
Endlich, da ich etwa elf Jahre alt sein mochte, sollte es, zu meiner
unsäglichen Freude, Ernst mit meiner künftigen Bestimmung werden. Meines
Vaters Bruder nahm mich auf sein Schiff, die Susanna, als
Kajüten-Wächter, und so ging meine erste Ausflucht nach Amsterdam. Hier
sah ich nun eine Menge großer Schiffe auf dem Y vor Anker liegen, die
nach Ost- und West-Indien gehen sollten. Täglich ward auf ihnen mit
Trommeln, Pauken und Trompeten musiziert, oder mit Kanonen geschossen.
Das machte mir allmählich das Herz groß! Ich dachte: Wer doch auch auf
so einem Schiffe fahren könnte! -- und das ging mir nur um so viel mehr
im Kopfe herum, als es damals unter all unsern Schiffsleuten, wie ich
oft gehört hatte, für einen Glaubensartikel galt: daß, wer nicht von
Holland aus auf dergleichen Schiffen gefahren wäre, auch für keinen
rechtschaffenen Seemann gelten könnte. Gerade _das_ aber machte ja mein
ganzes Sinnen und Denken aus! -- Wirklich findet man bei keiner Nation
eine größere Ordnung auf den Schiffen als bei den Holländern.
Wovon mir das Herz voll war, ging mir auch alle Augenblicke der Mund
über. Ich gestand meinem Oheim, wie gern ich am Bord eines solchen
ansehnlichen Ostindien-Fahrers sein und die Reise mitmachen möchte. Er
gab mir immer die einzige Antwort, die darauf paßte: Daß ich nicht klug
im Kopf sein müßte. Endlich aber ward dieser Hang in mir zu mächtig, als
daß ich ihm länger widerstehen konnte. In einer Nacht, zwei Tage vor
unserer Abreise, schlüpfte ich heimlich in unsere angehängte Jolle --
ganz wie ich ging und stand und ohne das geringste von meinen
Kleidungsstücken mit mir zu nehmen. Man sollte nämlich nicht glauben,
daß ich desertiert, sondern daß ich ertrunken sei, und wollte so
verhindern, daß mir nicht weiter auf den anderen Schiffen nachgespürt
würde. Unter diesen aber hatte ich mir eins aufs Korn gefaßt, von
welchem mir bekannt geworden war, daß es am anderen nächsten Morgen nach
Ostindien unter Segel gehen sollte. Das letztere zwar war richtig, aber
über seine Bestimmung befand ich mich im Irrtum, denn es war zum
Sklavenhandel an der Küste von Guinea bestimmt.
Still und vorsichtig kam ich mit meiner Jolle an der Seite dieses
Schiffes an, ohne von irgend jemand bemerkt zu werden. Ebenso ungesehen
stieg ich an Bord, indem ich mein kleines Fahrzeug mit dem Fuße
zurückstieß und es treibend seinem Schicksale überließ. Bald aber
sammelte sich das ganze Schiffsvolk (es waren deren vierundachtzig
Köpfe, wie ich nachmals erfuhr) verwundert um mich her. Jeder wollte
wissen, woher ich käme? wer ich wäre? was ich wollte? Statt aller
Antwort -- und was hätte ich auch sagen können? -- fing ich an,
erbärmlich zu weinen.
Der Kapitän war diese Nacht nicht an Bord. Man brachte mich also zu den
Steuerleuten, welche das Verhör ins Kreuz und in die Quere mit mir
erneuerten. Auch hier hatte ich nichts als Tränen und Schluchzen. »Aha,
Bursche!« legte sich endlich einer aufs Raten -- »ich merke schon! du
bist von einem Schiffe weggelaufen und denkst, daß _wir_ dich mitnehmen
sollen?« -- Das war ganz meine Herzensmeinung. Ich stammelte also ein Ja
darauf hervor, konnte mich aber diesmal nicht entschließen, noch weiter
herauszubeichten. Inzwischen hatte man einiges Mitleid mit mir, gab mir
ein Glas Wein samt einem Butterbrot und Käse, und wies mir eine
Schlafstelle an, mit dem Bedeuten, daß morgen früh der Kapitän an Bord
kommen werde, der mich vielleicht wohl mitnehmen möchte. -- Da lag ich
nun die ganze Nacht schlaflos und überdachte, was ich sagen und
verschweigen wollte.
Am andern Morgen mit Tagesanbruch fand sich der Lotse ein; der Anker
ward aufgewunden und man machte sich segelfertig; wobei ich treuherzig
und nach Kräften mit Hand anlegte. Unter diesen Beschäftigungen kam
endlich auch der Kapitän heran. Ich ward ihm vorgestellt, und auch seine
erste und natürlichste Frage war: Was ich auf seinem Schiffe wollte? --
Ich fühlte mich nun schon ein wenig gefaßter und gab ihm über mein Wie
und Woher so ziemlich ehrlichen Bescheid; nur setzte ich hinzu (und
diese Lüge hat mir nachmals oft bitter leid getan, denn mein Oheim war
gegen mich die Milde selbst, als ob ich sein eigen Kind wäre), dieser
habe mich auf der Reise oftmals unschuldig geschlagen, wie das denn auch
noch gestern geschehen sei. Ich könne dies nicht länger ertragen, und so
sei ich heimlich weggegangen und bäte flehentlich, der Kapitän möchte
mich annehmen. Ich wollte gerne gut tun.
Nun ich einmal so weit gegangen war, durfte ich auch die richtige
Antwort auf die weitere Frage nach meines Oheims Namen und Schiff nicht
schuldig bleiben. »Gut!« sagte der Kapitän -- »ich werde mit dem Manne
darüber sprechen.« -- Das klang nun gar nicht auf mein Ohr! Ich hub von
neuem an zu weinen, schrie, ich würde über Bord springen und mich
ersäufen, und trieb es so arg und kläglich (mir war aber auch gar nicht
wohl ums Herz!), daß nach und nach das Mitleid bei meinem Richter zu
überwiegen schien. Er ging mit seinen Steuerleuten in die Kajüte, um die
Sache ernstlicher zu überlegen; ich aber lag indes, von Furcht und
Hoffnung hin und her geworfen, wie auf der Folter, denn die Schande,
vielleicht zu meinem Oheim zurückgebracht zu werden, schien mir
unerträglich.
Endlich rief man mich in die Kajüte. »Ich habe mir's überlegt,« hub
hier der Kapitän an, »und du magst bleiben. Du sollst Steuermanns-Junge
sein und monatlich sechs Gulden Gage haben, auch will ich für deine
Kleidungsstücke sorgen. Doch höre, sobald wir mit dem Schiffe in den
Texel kommen, schreibst du selbst an deines Vaters Bruder und erklärst
ihm den ganzen Zusammenhang. Den Brief will ich selbst lesen und auch
für seine sichere Bestellung sorgen.« -- Man denke, wie freudig ich
einschlug und was für ein Stein mir vom Herzen fiel!
Jetzt gingen wir auch unter Segel. Allein ich will es auch nur gestehen,
daß, sowie ich meines Oheims Schiff so aus der Ferne darauf ansah, mir's
innerlich leid tat, es bis zu diesem törichten Schritte getrieben zu
haben. Trotz diesem Herzweh erwog ich, daß er nicht mehr zurückgetan
werden konnte, wofern ich nicht vor Beschämung vergehen sollte. Ich
machte mich also stark; und als wir im Texel ankamen, schrieb ich meinen
Abschiedsbrief, den der Kapitän las und billigte, und mein Steuermann an
die Post-Suite besorgen sollte.
Wie die Folge ergeben hat, ist jedoch dieser Brief, mit oder ohne Schuld
des Bestellers, nicht an meinen Oheim gelangt; entweder daß dieser zu
früh von Amsterdam abgegangen, oder daß das Blatt unterwegs verloren
gegangen. Mein Tod schien also ungezweifelt, denn man glaubte (wie ich
in der Folge erfuhr), ich sei in der Nacht aus der Jolle gefallen, die
man am nächsten Morgen zwischen anderen Schiffen umhertreibend gefunden
hatte.
Nachdem wir in Texel unsere Ladung, Wasser, Proviant und alle Zubehör,
welche der Sklavenhandel erfordert, an Bord genommen hatten, gingen wir
in See. Mein Kapitän hieß Gruben und das Schiff Afrika. Alle waren mir
gut und geneigt; ich selbst war vergnügt und spürte weiter kein Heimweh.
Wir hatten zwei Neger von der Küste von Guinea als Matrosen an Bord.
Diese gab mir mein Steuermann zu Lehrern in der dortigen
Verkehrssprache, einem Gemisch aus Portugiesisch, Englisch und einigen
Negersprachen; und ich darf wohl sagen, daß sie an mir einen gelehrigen
Schüler fanden. Denn mein Eifer, verbunden mit der Leichtigkeit, womit
man in meinem damaligen Alter fremde Sprachtöne sich einprägt, brachten
mich binnen kurzem zu der Fertigkeit, daß ich nachher an der Küste
meinem Steuermanne zum Dolmetscher dienen konnte. Und das war es eben,
was er gewollt hatte.
* * * * *
Unsere Fahrt war glücklich, aber ohne besonders merkwürdige Vorfälle. In
der sechsten Woche erblickten wir St. Antonio, eine von den Inseln des
grünen Vorgebirges, und drei Wochen später hatten wir unser Reiseziel
erreicht und gingen an der Pfefferküste, bei Kap Mesurado, unter sechs
Grad nördlicher Breite, vor Anker, um uns mit frischem Wasser und
Brennholz zu versorgen. Zugleich war dies die erste Station, von wo aus
unser Handel betrieben werden sollte.
Späterhin gingen wir weiter östlich nach Kap Palmas; und hier erst
begann der Verkehr lebendiger zu werden. Die Schaluppe wurde mit
Handelsartikeln beladen, mit Lebensmitteln für zwölf Mann Besatzung auf
sechs Wochen versehen und mit sechs kleinen Drehbassen, die ein Pfund
Eisen schossen, ausgerüstet. Mein Steuermann befehligte im Boot; ich
aber, sein kleiner Dolmetscher, blieb auch nicht dahinten und ward ihm
im Handel vielfach nützlich. Wir machten in diesem Fahrzeuge drei Reisen
längs der Küste, entfernten uns bis zu fünfzig Meilen vom Schiffe und
waren gewöhnlich drei Wochen abwesend. Nach und nach kauften wir hierbei
vierundzwanzig Sklaven, Männer und Frauen (auch eine Mutter mit einem
einjährigen Kinde war dabei!), eine Anzahl Elefantenzähne und etwas
Goldstaub zusammen. Bei dem letzten Abstecher ward auch der europäische
Briefsack auf dem holländischen Hauptkastell St. George de la Mina von
uns abgegeben.
Unser Schiff fanden wir bei unserer Rückkehr etwas weiter ostwärts,
nach der Reede von Laque la How oder Kap Lagos vorgerückt. Acht unserer
Gefährten waren in der Zwischenzeit infolge des ungesunden Klimas
gestorben. Dagegen hatte der Kapitän anderthalbhundert Schwarze
beiderlei Geschlechts eingekauft und einen guten Handel mit Elfenbein
und Goldstaub gemacht. Für alle diese Artikel gilt Kap Lagos als eine
Hauptstation, weil landeinwärts ein großer See von vielen Meilen Länge
und Breite vorhanden ist, auf welchem die Sklaven von den
Menschenhändlern (Kaffizieren) aus dem Inneren in Kanots herbeigeführt
werden.
Gerade in dieser Gegend war auch Kapitän Gruben bei den hier ansässigen
reichen Sklavenhändlern von alters her wohl bekannt und gern gelitten.
Dennoch war ihm schon auf einer früheren Reise hierher ein Plan
fehlgeschlagen, den er entworfen hatte, sich zum Vorteil der
holländischen Regierung an diesem wohlgelegenen Platze unvermerkt fester
einzunisten. Er hatte mit den reichen Negern verabredet, ein zerlegtes
hölzernes Haus nach europäischer Bauart mitzubringen und dort
aufzurichten, worin zehn bis zwanzig Weiße wohnen könnten und welches
durch einige daneben aufgepflanzte Kanonen geschützt werden sollte. Als
es aber fertig dastand, kamen diese Anstalten den guten Leutchen doch
ein wenig bedenklich vor. Sie bezahlten lieber dem Kapitän sein
Häuschen, das so ziemlich einer kleinen Festung glich, reichlich mit
Goldstaub; und als ich es sah, war es von einem reichen Kaffizier
bewohnt.
Nachdem wir von hier noch eine Bootreise, gleich den vorigen und mit
ebenso gutem Erfolge, gemacht hatten, gingen wir nach vier bis fünf
Wochen mit dem Schiffe weiter nach Axim, dem ersten holländischen
Kastell an dieser Küste, wo denn auch fortan der Schaluppenhandel ein
Ende hatte. Ferner steuerten wir, Cabo tres Puntas vorbei, nach Accada,
Boutrou, Saconda, Chama, St. Georg de la Mina und Moure. Überall wurden
Einkäufe gemacht; so daß wir endlich unsere volle Ladung, bestehend in
vierhundertundzwanzig Negern jedes Geschlechtes und Alters beisammen
hatten. Alle diese Umstände sind mir noch jetzt in meinem hohen Alter
so genau und lebendig im Gedächtnisse, als wenn ich sie erst vor ein
paar Jahren erlebt hätte.
Nunmehr ging die Reise von der afrikanischen Küste nach Surinam, quer
über den Atlantischen Ozean hinüber, wo unsere Schwarzen verkauft werden
sollten. Während neun bis zehn Wochen, die wir zur See waren, sahen wir
weder Land noch Strand, erreichten aber unseren Bestimmungsort
glücklich, vertauschten unsere unglückliche Fracht gegen eine Ladung von
Kaffee und Zucker, und traten sodann den Rückweg nach Holland an. Wir
brauchten dazu wiederum acht bis neun Wochen, bis wir endlich
wohlbehalten im Angesichte von Amsterdam den Anker fallen ließen. Es war
im Juni 1751, und die ganze Reise hin und zurück hatte einundzwanzig
Monate gedauert. Elf Leute von unserer Mannschaft waren während dieser
Zeit gestorben.
* * * * *
In Amsterdam ließ ich es mein erstes sein, nach Kolberg an meine Eltern
zu schreiben und ihnen Bericht von meiner abenteuerlichen Reise zu
erstatten. Denke man sich ihr freudiges Erstaunen beim Empfange dieser
Zeitung! Ich war tot und wieder lebendig geworden! Ich war verloren und
war wiedergefunden! Ihre Empfindungen drückten sich in den Briefen aus,
die ich unverzüglich von dort her erhielt. Segen und Fluch wurden mir
darin vorgestellt. Ich Unglückskind wäre ja noch nicht einmal
eingesegnet! Augenblicklich sollte ich mich aufmachen und nach Hause
kommen!
Es traf sich erwünscht, daß ich mich in Amsterdam mit einem Landsmanne,
dem Schiffer Christian Damitz, zusammenfand. Auf seinem Schiffe ging ich
nach Kolberg zurück. Von meinem Empfange daheim aber tue ich wohl am
besten, zu schweigen.
In meiner Vaterstadt blieb ich nun und hielt mich wieder zum
Schulunterricht, bis ich mein vierzehntes Jahr erreichte und die
Konfirmation hinter mir hatte. Dann aber war auch kein Halten mehr, ich
wollte und mußte zur See, wie der Fisch ins Wasser, und mein Vater
übergab mich (zu Ostern 1752) an Schiffer Mich. Damitz, der soeben von
Kolberg nach Memel und von da nach Liverpool abgehen wollte, und in den
er ein besonderes Vertrauen setzte. Beide Fahrten waren glücklich. Wir
gingen weiter nach Dünkirchen, wo wir eine Ladung Tabak einnahmen; dann
über Norwegen nach Danzig -- und so kam ich, kurz nach Neujahr, zu
Lande, um neunzehn Taler Löhnung reicher, nach Kolberg zurück. Ich
glaubte Wunder, was ich in diesen neun Monaten verdient hätte! Und noch
vor wenig Jahren brachten es unsere Matrosen wohl auf fünfzehn und mehr
Taler monatlich. So ändern sich die Zeiten!
In den beiden nächstfolgenden Jahren (1753 und 54) schwärmte ich auf
mehr als einem Kolbergschen Schiffe und unter verschiedenen Kapitänen
auf der Ost- und Nordsee umher, und war bald in Dänemark und Schweden,
bald in England und Schottland, in Holland und Frankreich zu finden.
* * * * *
Aber der alte Hang zum Abenteuern erwachte, so daß ich in Amsterdam, wo
ich mit Kapitän Joach. Blank, einem alten lieben Kolbergschen Landsmann
und Verwandten, zusammentraf, der Versuchung zu einem weiteren Ausflug
länger nicht widerstehen konnte, sondern mich, ohne weitere Erlaubnis
von Hause, flugs und freudig auf sein Schiff Christina, das nach Surinam
bestimmt war, als Konstabler verdingte. Als indes auf der Hinfahrt unser
Steuermann das Unglück hatte, über Bord zu fallen und zu ertrinken, kam
ich für diese Reise zu der Ehre, den Untersteuermann vorzustellen.
Man weiß, daß die Kolonie Surinam ihren Namen von dem Flusse führt, an
welchem auch dritthalb Meilen aufwärts die Hauptstadt Paramaribo gelegen
ist. An seiner Mündung ist er wohl zwei Meilen breit und bleibt gegen
sechzig Meilen landeinwärts, auch bei der niedrigsten Ebbe, für
kleinere Fahrzeuge noch schiffbar. Nur wenig geringer ist der mit ihm
verbundene Fluß Komandewyne, welcher bis gegen fünfzig Meilen aufwärts
befahren wird. Mit beiden steht noch eine Menge toter Arme oder Kreeks
in Verbindung, und an allen Ufern hinauf drängen sich die Zucker- und
Kaffeeplantagen, während alles übrige Land eine fast undurchdringliche
Waldung ausmacht. Eben dadurch wird diese Kolonie eine der ungesundesten
in der Welt; und wenn eine Schiffsequipage von vierzig Mann binnen den
vier Monaten, welche man hier gewöhnlich verweilt, nur acht bis zehn
Tote zählt, so wird dies für ein außerordentliches Glück gehalten.
Diese große Sterblichkeit hat aber zum Teil auch wohl ihren Grund in den
anstrengenden Arbeiten, wozu die Schiffsmannschaften nach hiesigem
Gebrauche angehalten werden: denn sie müssen ebensowohl den Transport
der mitgebrachten Ladung an europäischen Gütern nach den einzelnen
Plantagen, als die Rückfracht aus denselben an Kolonialwaren, besorgen.
Man bedient sich dazu einer Art von Fahrzeugen, _Punten_ genannt, die wie
Prahme gebaut sind und ein zugespitztes, mit Schilf gedecktes Wetterdach
tragen; so daß sie das Ansehen eines auf dem Wasser schwimmenden,
deutschen Bauernhauses gewähren. Zwei solcher Punten werden jedem
Schiffe zugegeben, und mir, als Untersteuermann, kam es zu, mit Hilfe
von vier Matrosen die Fahrten auf den Strömen damit zu verrichten, wozu
denn oft vierzehn Tage und noch längere Zeit erfordert wurden.
Bei unserer Ankunft gab es auf dem Schiffe ein kleines Abenteuer, das
unseren Schiffer eine Zeitlang in nicht geringe Sorge setzte, endlich
aber dennoch einen ziemlich lustigen Ausgang gewann. Unter der Ladung
nämlich, die wir in Amsterdam eingenommen hatten, befand sich auch eine
Kiste von etwa drei Fuß ins Gevierte, worüber der Kapitän zwar das
richtige Konnossement in Händen hatte, ohne gleichwohl beim Löschen vor
Paramaribo die Kiste selbst an Bord wieder auffinden zu können. Sie war
an einen dortigen Juden adressiert, dessen wiederholte Nachfrage trotz
alles Suchens unbefriedigt bleiben mußte. Diese Verlegenheit schlau
benutzend, brachte endlich der Hebräer nicht nur seine Klage bei dem
holländischen Fiskal (Kolonie-Richter) an, sondern reichte zugleich ein
langes Verzeichnis ein von goldenen und silbernen Taschenuhren,
Geschmeiden und anderen Kostbarkeiten, zu einem Belaufe von beinahe
viertausend Gulden an Wert, die in der Kiste enthalten gewesen. Der
Prozeß ging seinen Gang, und der Jude brachte seine Beweise so bündig
vor, daß das endlich erfolgte rechtskräftige Erkenntnis meinen Kapitän
zur völligen Schadloshaltung binnen vierzehn Tagen verurteilte, dem es
übrigens überlassen blieb, sich wiederum an seine Leute zu halten.
Ganz unerwartet aber fand sich nunmehr die verwünschte Kiste im hinteren
untersten Schiffsraum wieder auf, wo sie durch irgendein Versehen hoch
mit Brennholz überstaut gewesen war. Glücklicherweise hatte ihr Siegel,
das auch auf dem Konnossement abgedruckt war, keinen Schaden gelitten.
Aber zugleich kam es uns wunderlich vor, daß die Kiste beim Heben und
Schütteln sich gar nicht so anließ, als ob Sachen von der angegebenen
Art darin enthalten sein könnten. Dieser Verdacht ward dem Fiskal unter
der Hand gesteckt. Er kam selbst an Bord, überzeugte sich von
Richtigkeit des Konnossements und der Unversehrtheit des Siegels, und da
der Jude ein armer Teufel war, dem sich mit einer Geldstrafe nichts
anhaben ließ, so sollte er, wie es in aller Welt Brauch ist, für den
versuchten Betrug mit seiner Haut bezahlen.
Zuvörderst ward ihm gemeldet, daß sein Eigentum wieder zum Vorschein
gekommen sei und von ihm alsogleich am Bord in Empfang genommen werden
könne. Sein Erschrecken über diese Nachricht war drollig genug, aber dem
Frieden nicht trauend, verlangte er, man möchte ihm die Kiste in Gottes
Namen nur an Land und in sein Haus schaffen; bis auf seine beharrliche
Weigerung der Fiskal ihn durch zwei Neger mit Gewalt und gebunden an
Bord holen ließ. Hier mußte er in dessen Beisein die Kiste als die
seinige und als vollkommen unverletzt anerkennen; dann aber auch
öffnen, und nun kam ein gar bunter Inhalt zum Vorschein. Der ganze
Trödel bestand aus Redoutenanzügen und fratzenhaften Gesichtslarven; der
unglückliche Eigentümer aber ward, auf des Richters Geheiß, über seine
Kiste hingestreckt und von ein paar Matrosen mit ihren Tauendchen so
unbarmherzig zugedeckt, daß ihm wahrscheinlich alle ähnliche
Spekulationen für eine lange Zeit vergangen sein werden.
Eher hätte man Surinam damals eine _deutsche_, als eine _holländische_
Kolonie nennen können, denn auf den Plantagen, wie in Paramaribo, traf
man unter hundert Weißen immer vielleicht neunundneunzig an, die hier
aus allen Gegenden von Deutschland zusammengeflossen waren. Unter ihnen
hatte ich während dieser Reise Gelegenheit, auch zwei Brüder, des Namens
_Kniffel_, kennen zu lernen, die aus Belgard in Pommern gebürtig und also
meine nächsten Landsleute waren. Sie hatten in früherer Zeit als gemeine
holländische Soldaten sich hierher verirrt, aber Glück, Fleiß und
Rechtlichkeit hatten sie seither zu Millionären gemacht, welche hier
eines wohlverdienten Ansehens genossen. Am Komandewyne besaßen sie zwei
Kaffeeplantagen. Die eine hieß Friedrichsburg, und eine andere dicht
daneben, welche von ihnen selbst angelegt worden, hatten sie ihrer
Vaterstadt zu Ehren _Belgard_ genannt. Zu Paramaribo war eine Reihe von
Häusern, die eine Straße von vierhundert Schritten in der Länge
bildeten, ihr Eigentum und führte nach ihnen den Namen _Kniffels-Loge_.
Ebendaselbst hatten sie eine lutherische Kirche aufgeführt und zur
Erhaltung derselben für ewige Zeiten die Einkünfte der Plantage Belgard
gewidmet.
Diese Gebrüder standen schon seit längerer Zeit mit meinem Kapitän
Blank, als einem Kolberger und Landsmann, in besonders freundschaftlichem
Verkehr. Er versorgte sie und ihre Plantagen ausschließlich mit allem,
was sie aus Europa bedurften; und hinwiederum führte er alle ihre dortigen
Erzeugnisse nach Holland zurück. So geschah es auch bei der gegenwärtigen
Reise; daß ich denn oft von ihm mit Aufträgen an sie geschickt und ihnen
auf diese Weise bekannt und lieb wurde. Schon die vielfältigen Beweise von
Güte, die ich von ihnen erfuhr, würden mich veranlaßt haben, ihrer hier
zu gedenken, wenn nicht auch der Verfolg meiner Lebensgeschichte mir
wiederholt Gelegenheit gäbe, auf ihren Namen zurückzukommen.
* * * * *
Unsere Heimfahrt nach Amsterdam, die sechs Wochen währte, war glücklich,
aber ohne weitere Merkwürdigkeit. Wir waren vierzehn Monate abwesend
gewesen, und unser Schiff bedurfte einer völlig neuen Verzimmerung, die
sich bis in den November 1755 zu verzögern drohte. Dies dauerte mir zu
lange und gab die Veranlassung, daß ich in einen anderen Dienst, unter
Kapitän Wendorp, überging. Sein Schiff war nach Kurassao bestimmt; auf
der Rückreise ergänzten wir bei St. Eustaz unsere Ladung, und nach neun
Monaten, die ich hier kurz übergehe, warfen wir wiederum vor Amsterdam
wohlbehalten die Anker.
Hier warteten Briefe auf mich von meinen Eltern, von so drohendem Inhalt
und angefüllt mit so gerechten Vorwürfen, daß ich's wohl nicht länger
verschieben durfte, mich zum zweitenmal, als der verlorene Sohn, reuig
nach Hause auf den Weg zu machen. Doch fand ich gleich im voraus einigen
Trost in dem Vorschlage, daß meines Vaters Bruder bestimmt sei, des
Herrn Beckers Schiff, genannt die Hoffnung, mit einer Ladung Holz von
Rügenwalde nach Lissabon zu führen, und mit dem sollte ich fahren. Dies
war im Jahre 1756.
So ging ich denn als Passagier nach Danzig und traf es da eben recht,
daß zwölf junge und schmucke seefahrende Leute ausgesucht werden
sollten, um die sogenannte Herren-Borse aufs stattlichste zu bemannen.
Es war nämlich zu der Zeit der König August von Polen in der Stadt
anwesend, und auf der Reede lag eine zahlreiche Flotte von russischen
Kriegsschiffen vor Anker, der er einen Besuch abzustatten gedachte. Zu
dieser Lustfahrt, die Weichsel hinunter, sollte nun jene Staatsjacht
dienen. Zufällig kriegte man mich mit an, um die Mannschaft vollzählig
zu machen, und sowohl das Außerordentliche bei der Sache, als auch der
Dukaten, der dabei für jeden Mann abfallen sollte, machten mir Lust,
diesen Ehrendienst zu verrichten.
Das dauerte aber nur so lange, bis wir zum Schifferältesten Karsten
kamen, wo wir zu der Feierlichkeit mit einer Art von Uniform aufgeputzt
werden sollten, die mit blanken Schilden und vielen roten, grünen und
blauen Bändern verbrämt war. So ausstaffiert, hielt man mir zuletzt
einen Spiegel vor: -- aber wie erschrak ich, als ich sah, was für einen
Narren man aus mir gemacht hatte! Das war jedoch das wenigste! Allein
das Herz im Leibe wollte mir zerspringen, wenn ich dabei bedachte, daß
ich einen anderen, als meines eigenen Königs Namenszug im Schilde an
meiner Stirne tragen sollte. Die Tränen traten mir in die Augen. Mir
war's, als mutete man mir zu, meinen großen Friedrich zu verleugnen.
Gern hätte ich mir alles wieder vom Leibe gerissen und hätte den Handel
wieder aufgesagt, wenn es möglich gewesen wäre. Doch ich war einmal
unter den Wölfen und mußte mit ihnen heulen! Indes gelobte ich mir's,
diesen Makel dadurch wieder gut zu machen, daß ich den verheißenen
Dukaten dem ersten preußischen Soldaten zuwürfe, der mir begegnen würde.
Ein alter Husar wurde dies Glückskind, und der mag sich wohl nicht
schlecht verwundert haben, daß ein achtzehnjähriges Bürschchen wie ich
mit Gold um sich warf!
* * * * *
Im Monat August traf ich in Kolberg ein, fand meines Oheims Schiff
bereits in der Ausrüstung und ging mit diesem auf die Rügenwalder Reede,
wo wir unsere Ladung Holz einnahmen. Mit mir fuhr mein jüngerer Bruder,
sechzehn Jahre alt, als Kajütenwärter. Auch hatte mein Oheim seinen
eignen vierzehnjährigen Sohn mitgenommen, und es befanden sich unserer
in allem dreizehn Menschen an Bord. Aber gleich der Anfang dieser Fahrt
versprach wenig Gutes, da wir durch Sturm und widrige Winde dergestalt
aufgehalten wurden, daß wir erst mit Ausgang Oktober im Sunde anlangten.
Hier ging mein Oheim mit mir und noch drei anderen Matrosen in der
Segelschaluppe nach Helsingör an Land, woselbst seine Geschäfte ihn so
lange verweilten, daß wir erst abends um neun Uhr auf den Rückweg kamen.
Die See ging hoch, und unser Fahrzeug, das mit Wasser- und Bierfässern
und anderen Provisionen schwer beladen war, hielt wenig Bord. Zudem
stand uns ein steifer Südwind entgegen, der uns zum Lavieren nötigte;
und eben machten wir einen Schlag dicht hinter dem dänischen
Wachtschiffe vorüber, als ein harter Stoßwind so plötzlich aufstieg und
so ungestüm in unsere Segel fiel, daß die Schaluppe Wasser schöpfte,
umschlug und im Hui den Kiel nach oben kehrte.
Ich ergriff ein Ruderholz, und war so glücklich, mich über dem Wasser zu
erhalten. Wo die anderen blieben, sah ich nicht. Indes war unser Unglück
von dem dänischen Kriegsschiffe nicht unbemerkt geblieben; und sogleich
stieß ein Fahrzeug ab, uns zu retten. Allein es war stockfinster und von
uns Verunglückten keine Seele aufzufinden. Nur die Schaluppe kam ihnen
in den Wurf und ward geborgen; freilich aber war die ganze Ladung
davongeschwommen und ging verloren.
Unter uns Umhertreibenden mochte ich wohl der erste sein, der sich
glücklich aus diesem bösen Handel zog. Ich trieb nämlich gegen ein vor
Anker liegendes Schiff und erhielt mich so lange am Ankertau, bis die
Leute mich zu sich an Bord ziehen konnten. Mein guter Oheim hingegen
ward ebensowohl durch den harten Sturm als die schnelle Strömung beinahe
eine Viertelmeile weit bis unterhalb des dänischen Kastells
davongeführt. Aber indem er sich kümmerlich an einer Segelstange
festgeklammert hielt, brauchte er wohl eine Stunde, bevor er mit
Schwimmen das Land erreichte. Zwei Matrosen wurden durch eine
Lotsenjolle gerettet; einer aber blieb leider verloren.
Erst am Morgen fanden wir vier Geborgenen uns in Helsingör wieder
zusammen. Unsere Schaluppe ward uns von dem Wachschiffe wieder
zurückgegeben; wir ersetzten unsere verunglückte Ladung durch angekaufte
neue Vorräte, versahen uns mit frischen Rudern und kehrten sodann nach
unserem Schiffe zurück. Sobald Wind und Wetter wieder günstiger geworden
waren, säumten wir nicht, unsere Fahrt, trotz der späten und bösen
Jahreszeit, fortsetzen.
Am 2. Dezember nahmen wir, nicht ohne Beunruhigung, wahr, daß ein
gewaltiger Sturm aus Norden uns auf die flämischen Bänke geworfen hatte,
deren Gefährlichkeit wir nur gar zu wohl kannten. Nur zu bald bekamen
wir mehrere heftige Grundstöße, die unser Steuerruder aussetzten und uns
seiner verlustig machten. Um nicht augenblicklich auf den Strand zu
geraten, blieb nichts übrig, als uns auf der Stelle vor zwei Anker zu
legen. Es war zehn Uhr vormittags; das Land eine kleine halbe Meile
entfernt, und unser Ankerplatz, auf vier Faden Tiefe, mitten in der
schäumenden Brandung; während unsere Segel, die wir nicht mehr
festmachen konnten, im Winde flatterten. Welle für Welle stürmte über
das Verdeck hinweg, so daß wir uns sämtlich oben im Mast festsetzen
mußten.
Unsere Lage ward noch unerfreulicher, da wir uns hier im Angesichte der
flandrischen Küste befanden. _Hier_ war also österreichisches Gebiet, _wir_
preußische Untertanen, und Preußen mit Österreich seit kurzem im _Kriege_
begriffen. Mein Oheim verbot uns demnach zu verraten, daß wir von
Rügenwalde kämen und ein preußisches Schiff hätten. Vielmehr sollten wir
in der Aussage übereinstimmen: Schiff und Ladung sei schwedisches
Eigentum, komme von Greifswalde und sei nach Lissabon bestimmt. Sobald
der Sturm es nur zulasse, setzte er hinzu -- wolle er hinabsteigen, die
preußische Flagge vernichten und ebensowohl seine Schiffspapiere
beiseite zu bringen, als der bereitgehaltenen schwedischen Dokumente
aus der Kajüte habhaft zu werden suchen.
Wirklich auch entschloß er sich zu diesem gewagten Versuche: aber beim
Niedersteigen schwankte der Mast dergestalt und ein unglücklicher Schlag
des peitschenden Segels traf ihn so gewaltsam, daß es ihm unmöglich
wurde, sich länger zu halten. Er fiel, stürzte mit dem Rücken auf den
Rand des auf dem Verdecke stehenden Bootes, von da mit dem Kopfe gegen
die scharfe Ecke eines Pöllers, und endlich auf das Deck, welches die
Sturzwellen immerfort so hoch, als die Seitenborde ragten, mit Wasser
überschwemmt hielten; und so sahen wir ihn in diesem Wasser hin und her
gespült werden. Der Anblick war so gräßlich, daß wir ihn länger nicht
ertragen konnten. Ich wagte mich mit noch zwei Matrosen hinab; wir zogen
ihn mit Mühe auf das Kajütendeck, wo doch nicht jede Woge eine
Überschwemmung verursachte, und waren nun in der Nähe Zeugen von seinem
jammervollen Geschicke. Der Schlag des Segels hatte das linke Auge
getroffen, welches weit aus dem Kopfe nur noch an einer schwachen Sehne
hervorhing. Das Blut drang zugleich aus Mund, Nase und Ohren. Aus der
hohlen Brust stöhnte ein dumpfes Röcheln, ohne Spur eines Bewußtseins.
Trost- und ratlos schob ich ihm das hängende Auge in den Kopf zurück und
band ihm mein Halstuch darüber. Um und neben ihm lagen nun ich, sein
Sohn und noch ein getreuer Matrose in fester Umklammerung, um uns gegen
die Gewalt der Sturzseen zu erhalten, und unbeweglich bis gegen fünf Uhr
abends, da endlich unsere Ankertaue brachen und wir, bei halber Flut,
unaufhaltsam gegen den Strand getrieben wurden.
Endlich stieß das Schiff auf den Grund und hielt mit heftigen Stößen an,
solange das Wasser im Wachsen blieb. Erst als die Ebbe wieder eintrat,
saß es völlig fest: aber nun brachen sich auch die rollenden Wellen mit
solcher Macht dagegen, daß jede einzelne darüber wegschlug und Schaum
und Gischt die volle Höhe des Mastes emporgewirbelt wurden. Allmählich
brach auch das Gebäude in all seinen Fugen und wir sahen die Stücke
unter unseren Füßen eins nach dem anderen davontreiben. Sowie aber die
Ebbe sich immer weiter zurückzog, ließ auch die zertrümmernde Gewalt des
Wogendranges nach, die uns sonst unausbleiblich in den Abgrund mit
fortgerissen hätte; das Verdeck ward von Wasser frei und wir konnten
wieder einen Gedanken an Rettung fassen.
Es war Mondschein, und am Lande erblickten wir eine Menge von Menschen,
die uns aber, bei unserer noch beträchtlichen Entfernung vom Ufer, nicht
helfen konnten. Zwar banden wir ledige Wasserfässer an Taue und warfen
sie über Bord, in der Meinung, daß sie dorthinwärts treiben sollten;
allein die Strömungen der Ebbe rissen sie vielmehr in der
entgegengesetzten Richtung mit sich fort. Jetzt fiel uns ein, daß wir
einen Pudel auf dem Schiffe hatten, der wohl ans Land schwimmen und die
ersehnte Gemeinschaft mit jenen Helfern bewirken könnte, wenn wir ihm
ein Tau um den Leib bänden und dieses nach und nach fahren ließen. Es
geschah: doch das arme Tier wollte dem Schiffe nicht von der Seite; und
wenn auch eine Sturzwelle es eine Strecke mit sich fortschleuderte, so
kam es doch alsobald wieder zurückgeschwommen und winselte, an Bord
aufgenommen zu werden. Vergebens schlugen wir nach ihm mit Stangen und
Tauen, bis es uns endlich erbarmte und wir das treue Geschöpf wieder an
Bord nahmen.
So schlich die Mitternacht heran, wo uns deuchte, daß nunmehr die
Ebbezeit wohl abgelaufen sein müßte. Jetzt also befanden wir uns dem
Strande am nächsten, der, unserer Schätzung nach, zwei- oder dreihundert
Schritte entfernt sein mochte; und so war es denn auch an der höchsten
Zeit, alles aufzubieten, um, wo möglich, lebendig an Land zu kommen,
bevor die Flut wieder stiege, deren Gewalt ohnehin das Schiff nicht mehr
ausdauern konnte, ohne gänzlich in Trümmer zu gehen. Es mußte gewagt
sein! Sowie demnach eine Sturzwelle nach der anderen sich zu uns
heranwälzte, so sprang auch, der Reihe nach, jemand von uns über Bord
und ward sogleich mit der Brandung gegen das Ufer hin getrieben, wo die
Menschen uns aufzufangen und aufs Trockene zu bringen bereit standen.
Ich, samt meinem Bruder und dem Sohne meines Oheims -- wir waren die
letzten, die, um den Röchelnden her, mit den Armen fest verschlungen,
dies alles vom Kajütendeck mit ansahen, aber uns nicht entschließen
konnten, dies teure Jammerbild zurückzulassen. Wir schrien, wir
wimmerten, und wußten nicht, was wir mit demselben anfangen sollten. Vom
Strande her ward uns durch ein Sprachrohr unaufhörlich zugeschrien:
»Springt über Bord! Springt über Bord! Wächst das Wasser mit der Flut
wieder an, so seid ihr verloren! -- Springt! Springt!«
Angefeuert und beängstigt zugleich durch dies Rufen, zogen wir endlich
unseren Leidenden, dessen Bewußtsein völlig geschwunden war, hart an den
Bord des Schiffes und nahmen eine besonders mächtige Sturzwelle in acht,
mit welcher wir ihn in Gottes Namen dahinfahren ließen. Zu unserer
unaussprechlichen Freude sahen wir, wie er mit derselben im Fluge dem
Lande zugeführt wurde, und wie dort die guten Leute ihn auffingen, ehe
er noch von der See wieder zurückgespült werden konnte. Jetzt trieb ich
meinen Bruder, den entscheidenden Sprung zu wagen, dann den Sohn meines
Oheims; und ein Stein nach dem andern fiel mir vom Herzen, da ich sie
alsobald gerettet und in Sicherheit erblickte. Nun warf ich mich
gleichfalls, als der letzte, wohlgemut in die rollenden Wogen, und in
der nächsten Minute umfingen mich auch bereits hilfreiche Arme, die mich
den Strand hinauf ins Trockene trugen.
Es ergab sich, daß die Mehrzahl unserer menschenfreundlichen Retter aus
österreichischen Soldaten bestand, welche hier, seitdem ihre Kaiserin,
Maria Theresia, sich auch mit England im Kriege befand, zur Deckung der
Küste postiert standen und etwa alle zweitausend Schritte ein Wachthaus
am Strande hatten. In ein solches Gebäude ward nun auch unser armer
zerschmetterter Oheim von uns, mit Hilfe der Soldaten, an Armen und
Beinen getragen, und man deckte ihn mit allem, was sich an trockenen
Kleidungsstücken vorfand, sorgfältig zu, um ihn wieder zu erwärmen.
Neben ihm, zu beiden Seiten, lagen sein Sohn und ich, hielten ihn umfaßt
und nahmen ihm von Zeit zu Zeit das geronnene Blut aus dem Munde.
So mochte er etwa eine Stunde gelegen haben, als er zum erstenmal wieder
nach seinem unglücklichen Falle den Mund zu der hervorgestöhnten Frage
öffnete: »O Gott! Ist mir noch zu helfen?« -- Das war Musik in meinen
Ohren! Mit freudiger Hast erwiderte ich ihm: »Ja, ja, lieber
Vatersbruder! Gott kann -- Gott wird Euch noch wieder helfen. Wir sind
am Lande.« -- »So bringt mich denn zu einem Doktor!« war seine kaum
verständliche Antwort, und ich konnte ihn damit trösten, daß bereits
nach einem geschickt sei.
Dem war wirklich also: denn sofort nach unserer Landung war auch an die
nächste Garnison in Veurne, welches dreiviertel Meilen entfernt lag,
eine Meldung geschehen und um ärztliche Hilfe gebeten worden. Zugleich
erfuhren wir von den Soldaten, daß wir uns hier drei Meilen von Nieuport
und zwei Meilen von Dünkirchen befänden. Der Grund und Boden unter uns
war österreichisch, aber die französische Grenze, nach letzterem Orte
hinwärts, nur eine Viertelmeile entfernt. Als man uns (wie sofort
geschah) über unser Woher und Wohin befragte, so erklärten wir uns, der
früheren Abrede eingedenk, für Schwedisch-Pommern aus Greifswalde, die
eine Ladung Balken nach Lissabon hätten bringen wollen.
Am 3. Dezember, mit dem frühen Morgen, erschien ein Fuhrwerk, mit Stroh
gefüllt und einer Leinwanddecke versehen, welches angewiesen war, unsern
armen Oheim in das Lazarett nach Nieuport zu schaffen. Dieser Ort war
mir, aus Furcht einer möglichen Entdeckung unserer wahren Herkunft,
nicht recht gemütlich; dagegen vermeinte ich unserem Elende in
Dünkirchen vielleicht besseren Rat zu schaffen, wo ich vor ein paar
Jahren bereits gewesen war und einigermaßen des Ortes Gelegenheit
kannte. Ich schlug daher unserem Führer vor, seinen Kranken lieber nach
der französischen Grenzstadt zu bringen; und hierzu ließ er sich auch um
so bereitwilliger finden, da er eine Meile am Wege ersparte.
Mit schwerer Mühe ward der Oheim auf den Wagen gehoben. Ich und sein
Sohn legten uns zu beiden Seiten neben ihn und hielten ihn möglichst
sanft in unseren Armen, während mein Bruder den Wagen begleitete,
welcher den ebenen Weg längs dem Seestrande einschlug. Gott weiß aber,
daß ich wohl nie mehr geweint und gejammert habe, als auf dieser Fahrt.
Der geringste Anstoß des Wagens verursachte dem Kranken die peinlichsten
Schmerzen, daß er kläglich winselte und zugleich an den Stücken
geronnenen Blutes im Munde und Halse zu ersticken drohte, wie sehr ich
auch bemüht war, ihm Luft zu verschaffen.
So kamen wir endlich nachmittags (es war an einem Sonntage) in
Dünkirchen an. Ich ließ den Fuhrmann vor einem Wirtshause halten,
welches das Schild »zum roten Löwen« führte, denn hier hatte ich bei
meiner früheren Anwesenheit zuweilen ein Glas Bier getrunken und
rechnete mich also in meinem Sinne zu den Bekannten des Hauses. Das
hinderte jedoch nicht, daß ich hier mit meiner unerwünschten Begleitung
geradezu ab- und nach dem Klosterhospital hingewiesen wurde, wo der
rechte Ort für fremde Kranke und Gebrechliche sei. Wirklich auch waren
wir dort kaum angelangt und mein Oheim vom Wagen gehoben, so sahen wir
ihn auch von einem Schwarm katholischer Ordensgeistlicher umzingelt, die
ihn in Empfang nahmen und zuvörderst auf einen langen und breiten Tisch
ausstreckten, wo er bis auf die nackte Haut entkleidet wurde.
Hiernächst fand sich eine Anzahl von Doktoren und Chirurgen ein, welche
nun zu einer genaueren Untersuchung seiner Verletzungen schritten. Die
erste Operation geschah durch Lösung des Tuches, welches ich dem Armen
gleich nach seinem unglücklichen Falle um das Auge gebunden. Jetzt war
dieses mit dem geronnenen Blute an dem Verbande festgetrocknet und zog
sich mit demselben weit aus dem Kopfe hervor. Da es nur noch durch einen
dünnen Nervenstrang in der Augenhöhle befestigt hing, so war es freilich
rettungslos verloren, ward kurzweg abgeschnitten und auf eine Teetasse
hingelegt.
Bei weiterer Untersuchung ergab sich's, daß das linke Bein, oberhalb dem
Knie, im dicken Fleische gebrochen war; doch am bedenklichsten blieb die
Zerschmetterung eines Rückenwirbels, dicht unterm Kreuz, und die dem
armen Manne auch wohl die empfindlichsten Schmerzen verursachen mochte;
denn während man ihn nach der Kunst behandelte und die Gliedmaßen bald
so, bald anders reckte und dehnte, hörte er nicht auf zu winseln und zu
ächzen. Uns drei Jungen, die wir Zeugen von dem allem waren, schnitt
jeder Klageton tief durchs Herz; und wir heulten und lamentierten mit
ihm in die Wette, so daß man sich genötigt sah, uns aus dem Gemache
fortzuweisen.
Nachdem der Kranke endlich geschient und verbunden worden, legte man ihn
auf ein Feldbett, welches man in die Mitte des Zimmers hingestellt
hatte. Eine Klosternonne (Beguine) saß neben ihm und flößte ihm von Zeit
zu Zeit einen Löffel roten Weines ein, den sie auf einem Kohlenbecken zu
ihrer Seite erwärmte. Am Kopfende des Bettes aber standen wir arme
Verlassene und weinten unsre bitterlichen Tränen; und so währte das bis
abends, wo ein Pater uns andeutete, daß wir die Nacht über im Kloster
nicht bleiben könnten, sondern uns nach einer anderen Herberge umsehen
müßten. Diese fanden wir denn auch zu unserer notdürftigen Erquickung in
dem vorgedachten Wirtshause; doch brachten wir eine schlaflose,
trübselige Nacht zu und wußten nicht, wo Trost und Hilfe zu finden.
Kaum graute auch nur der Morgen, so machten wir uns wieder nach dem
Kloster auf den Weg, wo wir den Oheim noch in dem nämlichen Zustande,
wie gestern, fanden. Indes hatte man uns verständigt, daß heute Posttag
sei, und so ließ ich mir im Gasthofe Papier und Schreibzeug reichen und
brachte den Rest des Tages damit zu, sowohl an unsern Schiffsreeder,
Herrn Becker, als an meine Eltern nach Kolberg zu schreiben. Die Briefe
wurden versiegelt, und am nächsten Morgen standen wir wiederum, von
Herzen betrübt, am Bette unseres Kranken, ohne daß wir eine merkliche
Veränderung an ihm spürten. Ich beugte mich indes dicht zu seinem Ohre
und versuchte die Frage: »Lieber Vatersbruder, sollen wir auch nach
Kolberg schreiben?« Er hatte mich verstanden, denn er schüttelte mit dem
Kopfe, als ob er Nein sagen wollte. So schwach auch dieser
Hoffnungsstrahl seiner wiederkehrenden Besinnung war, so erfüllte er
mich doch mit Mut, daß wohl noch alles wieder gut werden könnte. Ich
glaubte darum auch, daß ich die Briefe unbedenklich abgehen lassen
dürfte, gab den anderen beiden einen verstohlenen Wink und eilte mit
ihnen nach dem Postkontor.
Unsere Abwesenheit mochte etwa dreiviertel Stunden gedauert haben. Doch
als wir wieder in das Kloster und das Krankenzimmer eintraten, fanden
wir zu unserer höchsten Bestürzung und unbeschreiblichem Schmerze nur
unseres guten Oheims Leiche vor. Sie ward auch alsbald aus dem Bette
genommen auf den nämlichen Tisch wie vorhin ausgestreckt, abermals
völlig entkleidet und der wiederholten genauen Besichtigung der Ärzte
unterworfen, wo sich denn die zuvor bemerkten Verletzungen noch
deutlicher bestätigten. Sobald uns aber die Doktoren verlassen hatten,
traten einige Pfaffen herzu und fragten mich: »Zu welchem Glauben dieser
unser Schiffskapitän sich bekannt habe?« Ich antwortete unbedenklich:
»Ei, zum Lutherschen!«
Sowie dies unglückliche Geständnis über meine Lippen floh, war es
gleich, als ob das Gewitter ins Kloster geschlagen hätte. Alles geriet
in Bewegung; der eine sprach hitzig mit dem andern; niemand wollte den
Seligen anfassen, und doch mußten die Ketzergebeine, ehe die Sonne
unterging, aus dem geweihten Bezirke fortgeschafft werden. Man steckte
uns endlich eine beschriebene Karte in die Hand, die an einen Tischler
lautete, welcher wohl die Lieferung der Särge für das Hospital auf sich
haben mochte. Denn als wir ihn uns endlich ausgefragt hatten, fanden wir
deren bei ihm einen reichlichen Vorrat vor und wurden bedeutet, unter
denselben einen nach der Größe unserer Leiche auszusuchen. Unsere Wahl
fiel auf den längsten, weil unser Oheim von einer ansehnlichen Statur
gewesen war, und mit diesem Sarge wanderten wir nun nach dem Kloster
zurück.
Hier trieb man uns, ohne sich zu irgendeiner Handreichung zu verstehen,
mit barschem Ernste, den Leichnam unverzüglich einzusargen und ihn aus
dem Gemache hinweg auf die Straße unter einen uns dazu angewiesenen
Schuppen zu bringen. Unsere Wehmut kannte keine Grenzen. Indes taten
wir, wie uns geboten worden; man reichte uns Hammer und Nägel, um den
Deckel zuzuschlagen, und nun hoben wir an, den Sarg mit den uns so
teuren Überresten eine kurze Strecke auf den Flur fortzuziehen und zu
schieben. Hier aber übermannte und lahmte der ungeheure Schmerz
plötzlich all unsere Kräfte, und wir fühlten uns, in ein lautes und
vereintes Jammergeschrei ausbrechend, ohne Vermögen, die geliebte Last
auch nur einen Schritt weiter zu bringen. Ich fiel vor dem einen Pater
auf die Knie und bat um Gottes willen, man möchte sich unser erbarmen,
denn wir könnten hier nichts mehr tun.
Jetzt gab es ein kurzes Gespräch unter den Anwesenden; ein Aufwärter
ward fortgeschickt, und binnen einer Viertelstunde erschienen vier Kerle
mit einer Trage, und jeder mit einem Spaten versehen. Sie packten die
Leiche an; und so ging der Zug zum Tore hinaus, etwa zweitausend
Schritte weit und gerade auf eine Kirche zu. Wir, die wir den Trägern
gefolgt waren, meinten, der Leichenzug eile dem Kirchhofe zu. Das war
aber weit gefehlt: denn es ging, neben dem Gotteshause vorüber, wohl
noch tausend Schritte weiter auf ein freies Feld; und da die Träger ihre
Last wohl zwanzigmal niedergesetzt hatten, um frischen Atem zu
schöpfen, so begann es bereits dunkel zu werden, bevor wir die
Grabstätte erreichten.
Es war ein Fleck am Wege, der nichts hatte, was einem Totenacker ähnlich
sah. Hier sollten wir nun ein Grab graben; da es aber den Kerlen damit
zu lange währte, nahmen sie uns verdrießlich die Spaten aus den Händen,
schaufelten und schalten uns »Ketzer«. Wir hingegen gaben alle mögliche
gute Worte; und sobald auch nur das Grab so tief geöffnet war, daß der
obere Sargdeckel unter Erde kommen konnte, senkten wir die Leiche mit
Weinen und Wehklagen hinein, füllten die Erde drüber her, nahmen unter
tausend heißen Tränen Abschied, und wanderten bekümmert wieder auf
unseren roten Löwen zu; -- doch nur, um nach einer ängstlich
durchseufzten Nacht gleich am nächsten Morgen wieder das Grab des lieben
Oheims aufzusuchen und auf demselben zu jammern.
Fürwahr, wer eine menschliche Seele hat, wird unser Elend mit uns
fühlen! Da saßen wir drei Jungen, von achtzehn bis zu vierzehn Jahren
herab, in der größten Leibes- und Seelennot -- in einem ganz fremden
Lande, auf dem freien Felde und über dem frischen Grabhügel unseres
geliebten Vaters und Führers! -- saßen, als eine arge Ketzerbrut von
jedermann gemieden und ausgestoßen, ohne einen Pfennig im Vermögen,
nichts _in_ und wenig _auf_ dem Leibe, in dieser rauhen Jahreszeit, ohne
Trost oder Hilfe von Menschen! _Betteln_ konnten und wollten wir nicht:
lieber hätten wir hier auf dieser Grabeserde des geliebten
Hingeschiedenen gleichfalls verscheiden und verschmachten mögen! Er
allein war in diesen trostlosen Augenblicken unser Gedanke und unsere
Zuflucht. »O Vatersbruder, erbarmt Euch!« riefen wir unaufhörlich, bis
wir uns müde geschrieen hatten und das Törichte unseres Beginnens
einsahen.
* * * * *
Jetzt erst konnten wir uns untereinander beraten, was wir in dieser
unserer gänzlichen Verlassenheit anzufangen hätten? Der Schluß fiel
dahin aus, daß wir des nächsten Morgens zu unserem Schiff und unseren
anderen Kameraden zurückkehren wollten. Wo _diese_ blieben, wollten auch
_wir_ bleiben und ihr Schicksal mit ihnen teilen. Unser einziger und
letzter Notanker aber war des verstorbenen Oheims Taschenuhr, die wir an
uns genommen hatten und, wenn uns zuletzt das Wasser an die Kehle ginge,
loszuschlagen gedachten. Ob dies schon im roten Löwen würde geschehen
müssen, wohin wir nun zunächst zurückkehrten, sollten wir alsbald
erfahren. Gesättigt und durch einigen Schlaf erquickt, kam denn auch am
Morgen darauf unsere bisherige Zeche zur Sprache. Doch der gute Wirt,
den unser trauriges Schicksal erbarmt hatte, war mit unserem Danke und
einem herzlichen Gott lohn's! zufrieden; wir aber wanderten ebenfalls in
Gottes Namen wieder den Strand entlang, um unsere zurückgelassenen
Unglücksgefährten aufzusuchen.
Noch waren wir indes keine Meile gegangen, als unser Schiffskoch, namens
Roloff, uns aufstieß und uns berichtete: die österreichischen
Strandwächter hätten unsere preußische Flagge von dem zertrümmerten
Schiffe am Ufer aufgefischt; die Mannschaft sei hierauf nochmals in ein
scharfes Verhör genommen worden und habe sich endlich zu ihrer wahren
Landsmannschaft bekennen müssen. Von Stund an habe man sie als
Kriegsgefangene und mit Härte behandelt, habe sie genötigt, die Trümmer
des Schiffes und der Ladung mit angestrengter Arbeit ans Land bergen zu
helfen, zugleich aber auch sie in so genauer Obacht gehalten, daß nicht
einer, ohne militärische Begleitung, sich nur bis zwischen die nächsten
Sanddünen habe entfernen dürfen. Dennoch sei es ihm selbst in dieser
letzten Nacht geglückt, seinen Aufsehern zu entwischen, und er gedenke
nunmehr nach Dünkirchen zu gehen, wo er in Sicherheit zu sein hoffe; --
uns aber rate er wohlmeinend, auf der Stelle wieder mit ihm umzukehren.
In der Tat war dieser Vorschlag der beste und ward unbedenklich von uns
angenommen. Indem ich aber in unserer neuen Not alles reiflich bei mir
überdachte, kam mir wieder der Kaufmann in Dünkirchen in Sinn, an
welchen Schiffer Damitz vor vier Jahren, als er mit mir von Liverpool
kam, seine Ladung Tabak abgeliefert hatte. Sein Haus war mir noch
erinnerlich: doch sein Name nicht. Indes beschloß ich, geradesweges zu
ihm zu gehen, ihm unsere Not zu klagen und ihn um Rat und Beistand zu
bitten. Daneben fiel mir bei, daß unser Schiff in Amsterdam für
Seeschaden und Türken-Gefahr versichert gewesen und daß der
Kommissionär, der dies Assekuranz-Geschäft besorgt hatte, den Namen
Emanuel de Kinder führte. Ich konnte demnach den Dünkircher Kaufmann
bitten, daß er an diesen Agenten unsers Reeders nach Amsterdam schriebe
und in unserem Namen um einen Vorschuß von einhundert Gulden für
Rechnung Herrn Beckers oder meines Vaters in Kolberg bäte. Damit ließ
sich dann schon hoffen, unsere Heimat wieder zu erreichen.
Alles dieses ging auch nach Wunsch in Erfüllung. Der Kaufmann war willig
und bereit, uns in der vorgeschlagenen Weise zu dienen. Binnen acht
Tagen ging auch eine Antwort von Emanuel de Kinder an ihn ein, mit der
Anweisung: daß, wenn wir des Nettelbecks Kinder wären, er uns die
hundert Gulden, oder falls wir es verlangten, auch das Zweifache auf
sein Konto vorschießen möge. Allerdings war das brav von dem
Amsterdamer: aber noch heute diesen Tag freut es mich, daß ich diese
Wohltat im Jahre 1783 -- also 27 Jahre nachher -- an seinem Sohne,
Florens de Kinder, habe vergelten können, indem ich mich, mit einer
reichen Ladung von Lissabon kommend, an diesen adressieren ließ; und
gewiß hat er hierbei, als Korrespondent, über 2000 Gulden gewonnen.
Ich war ein so guter Wirt, daß ich mich mit der Hälfte des angebotenen
Darlehns begnügte; und das um so lieber, da uns der Dünkircher belehrte:
Es sei auf diesem Platze der Brauch, daß Seefahrer, die an der dortigen
Küste ihr Schiff verloren, einen Sou (etwa vier Pfennige unseres Geldes)
für eine jede Meile bis nach ihrer Heimat, als Reisegeld, empfingen.
Zugleich erbot er sich, jemand von seinen Leuten mit uns nach dem
Stadthause zu schicken, um uns diesen Zehrpfennig auswirken zu helfen.
Dort war jedoch den Herren, denen wir Kolberg als unsere Vaterstadt
nannten, dieser Ort ein ganz unbekanntes Ding, denn damals hatten ihm
die wiederholten Belagerungen noch keinen Ruf in der politischen Welt
gegeben. Ich bat mir demnach eine Seekarte aus und wies in derselben die
Lage dieses Handelshafens nach; ward aber zugleich auch aufgefordert,
dessen Entfernung von Dünkirchen abzumessen. Dies trug über See gegen
190 Meilen aus; und ebensoviel Sous wurden auch jedem von uns dreien auf
der Stelle ausgezahlt.
So waren wir denn mit unserem Reisebedürfnis notdürftig ausgerüstet:
doch nun galt es die Frage, welchen Weg wir einschlagen sollten, um
wieder zu den unsrigen zu gelangen? Es war Winter und die See so gut wie
gesperrt. Zu Lande aber hätten wir uns durch die österreichischen
Niederlande wagen müssen, wo wir, als Preußen, Gefahr liefen, gleich an
der Grenze in Nieuport, Ostende, oder wo es sonst sei, angehalten zu
werden. Indes ereignete sich, über unser Erwarten, bald genug eine
Gelegenheit, die wir zu unserem Weiterkommen nicht glaubten versäumen zu
dürfen. Die Dünkircher Kaper hatten nämlich einen englischen Kutter als
Prise aufgebracht und denselben an einen Schiffer von Bremen namens
Heindrick Harmanns verkauft. Dieser belud denselben sofort mit losen
Tabaksstengeln und war willens, damit nach Hamburg zu gehen. Die gesamte
Schiffsmannschaft bestand, außer ihm selbst, nur aus zwei Matrosen; und
wir drei waren ihm als Passagiere um so lieber, da wir uns erboten,
gegen die Kost, die er uns reichen sollte, die Wache mit zu halten.
* * * * *
Vier Tage vor Weihnachten gingen wir in See. Es begann hart zu frieren,
und das ganze Fahrzeug nahm zuletzt die Gestalt eines großen Eisklumpens
an. Da wir so wenig auf dem Leibe hatten, wurden uns unsere Wachen
herzlich sauer. Uns fror jämmerlich; daher begruben wir uns, so oft die
Wachzeit zu Ende lief, im Raume tief in die Tabaksstengel; kamen aber
gewöhnlich ebenso erfroren wieder heraus, als wir hineingekrochen waren.
Unsere Schiffsleute verfuhren auch so unbarmherzig mit uns, daß sie uns
nicht in ihre Schlafkojen aufnehmen wollten, wiewohl dies, während sie
selbst sich auf der Wache befanden, füglich hätte geschehen können.
Ebensowenig ließen sie uns, zu unserer Erwärmung, das geringste von
ihren Kleidungsstücken zukommen; und selbst die kärglichen Mundbissen,
die wir erhielten, wurden uns nur mit Widerwillen und Brummen
hingestoßen.
So kamen wir vor die Mündung der Elbe. Da wir hier aber alles mit Eis
besetzt fanden und überdem auch sich ein Ostwind erhob, wurde der
Beschluß gefaßt, wieder umzukehren und an der holländischen Küste einen
Nothafen zu suchen. Vor der Insel Schelling fand sich auch ein Lotse zu
uns an Bord, der uns, schon bei später Abendzeit, zwischen die Bänke im
Vorwasser brachte. Weil uns indes der Wind entgegenstand und wir nicht
weiter hineinkommen konnten, warfen wir Anker, und der Lotse ging wieder
an Land, mit dem Versprechen, sobald der Wind sich umsetzte, zu uns
zurückzukehren. Aus den Äußerungen unseres Schiffers ging hervor, wie
erwünscht es ihm sei, gerade an diesem Punkte an Land gekommen zu sein,
denn sein Vater fahre als Beurtschiffer von Bremen nach Haarlingen, und
eben jetzt müsse die Reihe an ihm sein, so daß er hoffen dürfe, ihn an
letzterem Orte vorzufinden, von wo wir hier nur zwei oder drei Meilen
entfernt seien.
Es war gerade der erste Januar des Jahres 1757. Abends um zehn Uhr
setzte sich der Wind in Nordwesten; und indem er zu einem fliegenden
Sturme anwuchs, wurde das Schiff vom Anker getrieben; saß auch, ehe wir
uns dessen versahen, auf einer Bank fest, wo die Sturzwogen unaufhörlich
über das Fahrzeug hinwegrollten und bis hoch an die Masten
emporschäumten. Das Schiff war scharf im Kiel gebaut; so oft daher eine
Welle sich verlief, fiel es so tief auf die Seite, daß die Masten
beinahe das Wasser berührten. Gleichwohl erhielt uns Gottes
Barmherzigkeit, daß wir nicht vom Borde hinweggespült wurden. Diese
ängstliche Lage dauerte wohl vier bis fünf Minuten, bis endlich eine
besonders hohe und mächtige Welle uns hob und mit sich über die Bank
hinüberschleuderte.
So gelangten wir zwar für den Augenblick wieder in fahrbares Wasser:
doch ehe wir noch Zeit hatten, uns unserer Rettung zu freuen, jagte der
Sturm unser Fahrzeug vollends auf den Strand, und die brandenden Wellen
zogen aufs neue im schäumenden Gebrause über das Verdeck und unsere
Köpfe hinweg. Der Schiffer mit seinen beiden Leuten befand sich zufällig
auf dem niedriger liegenden Hinterteile des Schiffes, während wir drei
Passagiere uns vorn in der Höhe befanden und den Fockmast umklammert
hielten, um nicht von den spülenden Wogen mit fortgerissen zu werden.
Die Angst, mit etwas Hoffnung vermischt, machte uns mäuschenstille: jene
aber schrien und wimmerten, daß die Luft davon erklang, ohne daß wir
ihnen helfen, oder sie zu uns emporklimmen konnten.
Die Nacht war ziemlich dunkel; auf dem Lande lag Schnee, und rings um
uns her schäumte die Brandung; folglich war alles weiß, und es ließ sich
nicht unterscheiden, wie nahe oder wie fern wir dem trockenen Ufer sein
möchten. Je länger ich indes meine Aufmerksamkeit hierauf spannte, desto
gewisser auch deuchte mir's, daß beim Rücklauf der Wellen nur ein
kleiner Zwischenraum zwischen uns und dem Lande sein könne. Ich nahm
einen Zeitpunkt wahr, wo das Verdeck nach vorne frei von Wasser war, und
kroch an dem langen Bugspriet hinan, das nach dem Strande hin gerichtet
stand; da sah ich nun deutlich, daß jedesmal, wenn die See zurücktrat,
das Ufer kaum eine Schiffslänge von uns entfernt blieb.
Jetzt schien mir unsere Rettung länger nicht unmöglich. Ich nahm
behutsam den Rückweg zu meinen Gefährten, teilte ihnen meine glückliche
Entdeckung mit und sprach ihnen Mut ein, mir nach auf das Bugspriet zu
klettern. Sobald die nächste Welle sich weit genug zurückzöge, wollte
ich's zuerst versuchen, mich schnell an einem Tau (deren dort überall
eine Menge zerrissen hing) hinabzulassen; und wenn ich festen Boden
unter mir fühlte, sollten sie, auf mein gegebenes Zeichen, beim nächsten
Ablauf einer Woge, meinem Beispiele getrost nachfolgen. Auch den übrigen
schrie ich zu, sich auf diesem Wege zu retten; allein das Sturm- und
Wellengebrause war zu mächtig, als daß ich hätte können verstanden
werden.
Unser Wagestück gelang nach Wunsch; wir kamen glücklich an Land und
fielen alle drei voll Entzücken auf unsere Kniee, um dem göttlichen
Erretter unseren Dank darzubringen. Durchnäßt bis auf die Haut und
erstarrt vor Frost, war indes hier nicht der Ort und die Zeit, lange
hinter uns zu sehen. Vielmehr wanderten wir unverzüglich auf eine
Feuerbake zu, die hier auf dem Schelling zum Besten der Seefahrenden
unterhalten wird, und deren Licht wir etwa 2000 Schritte von uns
flimmern sahen. Wohl hundertmal fielen wir in der dicken Finsternis und
auf den unebenen Sanddünen über unsere eigenen Füße; aber innig froh,
dem tosenden Meere entronnen zu sein, hätten wir auch wohl größeres Leid
nicht geachtet, und gelangten endlich auch wohlbehalten zu dem
Feuerturme. Die Türe desselben ward im Dunkeln ausgetastet; vor uns
öffnete sich eine Wendeltreppe, die wir hinanstiegen; und droben im
Wachtstübchen fanden wir einen Mann auf der Pritsche ausgestreckt, dem,
bei unserem unerwarteten Eintritte, im Todesschrecken das Pfeifchen aus
dem Munde entsank, bis wir uns beiderseits besannen und näher
miteinander verständigten.
Auf den Bericht von unserer unglücklichen Strandung erklärte er uns,
daß er verpflichtet sei, dies Ereignis sofort im nächsten Dorfe, welches
kaum einige Tausend Schritte entfernt liege, anzuzeigen. Er lud uns ein,
ihn dorthin zu begleiten; kam uns erstarrten armen Burschen aber gar
bald aus dem Gesichte und überließ es uns, ihm, so gut wir konnten,
nachzuhumpeln. Unzähligemal purzelten wir auf diesem kurzen Wege; kamen
selbst in Gefahr uns zu verirren, und fanden uns nur dann erst zu dem
Dorfe hin, als wir eine Glocke gezogen hörten, welche das Zeichen gab,
daß alles Mannsvolk auf und empor sollte, um unser gestrandetes Schiff
aufzusuchen und zu bergen.
Wir wurden indes in ein Haus geführt, wo des Fragens nach unserem
erlittenen Unglücke kein Ende war, wo aber die guten Leute zugleich auch
trockene Kleider, Speisen, Warmbier und sogar Glühwein, und was sie
sonst irgend im Vermögen hatten, herbeibrachten, um uns zu erquicken.
Sie weinten in die Wette mit uns -- _wir_ vor Freude, _sie_ vor Mitleid;
und nicht eher verließen sie uns, als bis sie uns in einem warmen Bette
zur Ruhe gebracht hatten.
* * * * *
Am Morgen, da wir uns wieder ermuntert hatten, erfuhren wir, daß die
Dorfsmannschaft von ihrem nächtlichen Zuge wieder heimgekehrt sei. Sie
hatte das gestrandete Schiff in der Dunkelheit nicht finden können, war
aber, bei anbrechendem Tage, auf die einzelnen, längs dem Ufer
umhertreibenden Trümmer gestoßen, ohne jedoch weder einen lebendigen
Menschen, noch eine ausgeworfene Leiche anzutreffen. Wir blieben also
leider die einzigen Geborgenen! Es ward uns indes angeraten, uns zu
Mynheer de Drost, der die polizeiliche Aufsicht auf der Insel führte, zu
begeben und demselben unser Unglück vorstellig zu machen, da zudem eine
Kasse vorhanden sei, woraus armen Schiffbrüchigen Leuten, wie wir, eine
Unterstützung gereicht zu werden pflege. Auch möchten wir deren wohl um
so mehr bedürftig sein, da jetzt zwischen dem Schelling und dem festen
Lande alles mit Eis gestopft und so bald an kein Hinüberkommen zu
denken sei.
Dieser Vorschlag kam uns gar gelegen. Ohne uns also zu äußern, daß wir
noch mit Geld und mit einer Taschenuhr (beides hatte ich sorgfältig in
meinen Beinkleidern verwahrt) versehen wären, machten wir uns zu dem
Landdrosten auf den Weg, ihm unsere Lage zu schildern. Der brave Mann
hörte uns mit dem äußersten Mitleid an, ließ auch sofort einen Schneider
kommen, der uns eine tüchtige Jacke und Hosen anmessen mußte, und versah
uns mit doppelten Hemden, Halstüchern, Strümpfen, einer Filzmütze und
anderen Notwendigkeiten mehr. Hiermit auch nicht zufrieden, ließ er
einen Mann kommen, dem er uns in die Kost befahl; und so blieben wir in
dieser menschenfreundlichen Pflege bis in die Mitte des Januar, wo
endlich das Eis zwischen dem Schelling und Haarlingen aufging und wir
ein Schiff von dorther nach dem Schelling durchbrechen sahen.
Sobald dies Fahrzeug an Land gekommen war, beeilten wir uns, den
Schiffer, welcher schnell löschen und dann den Rückweg antreten wollte,
dahin zu vermögen, daß er uns einen Platz an seinem Borde gestattete.
Auf seine ausweichende Antwort, die uns wenig Hoffnung übrig ließ,
hielten wir's für das Geratenste, auf der Stelle unseren großmütigen
Gönner, den Drosten, anzutreten und ihm unser neues Anliegen
vorzutragen. Sogleich auch war er zur Vermittelung bereit, ließ den
Schiffer rufen, verdingte uns ihm als Passagiere bis Haarlingen und an
seinen eigenen Tisch, wie lang oder kurz die Überfahrt auch währen
möchte, und berichtigte die Kosten mit fünfzehn Gulden vor unsern Augen.
Es versteht sich, daß wir ihm aus Herzensgrunde und mit weinenden Augen
dankten, indem wir zugleich Abschied von ihm nahmen, um mit unserem
Schiffer zu gehen. Diesem halfen wir vergnügt löschen und eine neue
Ladung einnehmen; und so konnten wir schon nach 48 Stunden mit ihm vom
Schelling absegeln.
Wir brauchten einen Tag und beinahe die ganze folgende Nacht, um uns
durch das Eis zu arbeiten, bis wir mit dem Morgen vor Haarlingen
anlegten. Hier nahmen wir sofort unser kleines Bündel auf den Arm, und
waren im Begriff, längs dem Kai zum nächsten Tore hinauszuziehen, als
wir zufällig an einem Fahrzeuge vorüberschlenderten, welches, wie
mehrere andere, im Eise eingefroren war. Auf demselben stand ein kleiner
alter Mann, der uns anrief und dessen Neugier wir über unsere Umstände,
erst im allgemeinen und dann im besonderen, befriedigen mußten. Wir
taten es, als ehrliche Pommern, in aller Unbefangenheit, und nannten
letztlich auch den Namen »Heindrick Harmanns«, als des Schiffers, mit
dem wir unseren neuerlichen Unfall erlitten und der dabei ein Raub der
empörten Wogen geworden.
Kaum ging der unglückliche Name über meine Lippen, so schlug der alte
Mann die Hände über dem Kopfe zusammen und schrie, daß es in die Lüfte
klang: »Barmherziger Gott! Mein Sohn, mein Sohn!« Zugleich sank er auf
seine Knie nieder und mit dem Angesichte auf das Verdeck, und jammerte
unablässig: »Mein Sohn! o mein Sohn!« -- Uns schnitt der klägliche
Anblick durchs Herz; wir weinten mit ihm und konnten nicht von der
Stelle. Als wir uns beiderseits ein wenig erholt hatten, drang er in
uns, ihm in seine Kajüte zu folgen. Hier mußten wir ihm den ganzen
Verlauf umständlich erzählen; auch wollte er uns (als ob ihm dies
einigen Trost gäbe) den ganzen Tag nicht von seiner Seite lassen; aber
während er uns Kaffee, Wein und alles, was er nur bei der Seele hatte,
vorsetzte, überwältigte ihn immer von neuem der Gram um sein verlorenes
Kind und preßte auch uns Tränen der Rührung und des Mitleids aus.
Gegen den Abend, wo es uns endlich die höchste Zeit deuchte, unseren
Stab weiter zu setzen, hub er an: »Liebe Jungen, heute könnt und sollt
ihr nicht mehr von dannen. Ich will euch in ein gutes Haus bringen, wo
ihr euch die Nacht über erholen könnt. Aber morgen früh hol' ich euch ab
und gehe eine Strecke Weges mit euch. Ihr seid jung und unerfahren und
braucht Anweisung und guten Rat, wie ihr eure Reise weiter anzustellen
habt. Kommt denn, in Gottes Namen!«
Unser Führer schien in der Herberge, zu welcher er uns geleitete und wo
es von Biergästen wimmelte, gar wohl bekannt. Er erzählte seines Sohnes
und unser Unglück; auch wir mußten erzählen, und so verstrich der Abend,
bis der Wirt, in Ermangelung seiner abwesenden Ehegenossin, uns in ein
recht artiges Zimmer hinaufleuchtete, uns dreien ein großes, mit Betten
hoch ausgestopftes Nachtlager anwies und uns sodann eine freundliche
Ruhe wünschte. Wirklich tat sie uns not und wir krochen wohlgemut und
behaglich unter die Decke zusammen.
Leider aber hatten wir diesmal unsere Rechnung zwar nicht ohne den Wirt,
aber doch ohne die Wirtin gemacht; denn kaum war uns so ein süßes halbes
Stündchen zwischen Schlaf und Wachen verlaufen, so kam es unter Zank und
Gepolter die Treppe heraufgestürmt; unsere Zimmertür ward ungestüm
aufgerissen und eine gellende Stimme gebot uns, sofort das warme Nest zu
räumen und ihr sauberes Bettzeug nicht zu verunreinigen. Da half kein
Widerreden; wir sprangen auf, ließen die Ohren hängen und duckten uns in
einen Winkel zusammen, bis die Betten, die der Dame so fest ans Herz
gewachsen waren, mit einem Strohsack, einer Matratze und einer Art von
Pferdedecke vertauscht worden. Das war ein böser Wechsel, und den
unfreundlich genug ausgestoßenen Wunsch einer guten Nacht, womit uns die
gestrenge Hausfrau verließ, hinderte nicht, daß wir eine sehr böse Nacht
unter Frost, Verdruß und Schlaflosigkeit zubrachten.
Unser ehrlicher Vater Harmanns, der in seiner Kajüte geschlafen hatte
und dem wir am Morgen unser nächtliches Abenteuer mitteilten, nahm sich
den Affront, welcher seinen Schützlingen widerfahren war, mehr zu
Herzen, als wir erwarteten. Trotz unserer Vorstellungen las er der
Wirtin einen derben Text, sagte ihr und ihrem Hause, wo er so viele
Jahre verkehrt hatte, alle Gemeinschaft auf und wollte jede
Christenseele warnen, keinen Fuß über diese unwirtliche Schwelle zu
setzen. Wir hatten genug zu tun, den lieben alten Mann zu
beschwichtigen, der sich's nicht nehmen ließ, uns noch zu guter Letzt
durch ein vollständiges Frühstück satt zu machen, ja auch alle unsere
Taschen mit Brot, Käse, gekochtem Fleisch und was er sonst wußte und
hatte, vollzustopfen.
Das getan, ergriff er seinen Stab und wanderte mit uns zum Tore hinaus,
wie sehr wir ihn auch bitten mochten, umzukehren und seine Kräfte zu
schonen. Vielmehr hörte er nicht auf, uns eifrig wegen unseres besseren
Fortkommens zu beraten, und während dieser Besprechungen verlief ein
Stündchen nach dem anderen, es ward Mittag, und wir befanden uns in
Franecker. Hier zog er mit uns in ein Wirtshaus, ließ auftragen, als ob
wir uns für drei Tage sattessen sollten, und konnte sich endlich nur
schwer entschließen, uns das Valet zu geben. Noch drückte er uns beim
Abschiede zwei holländische Dukaten in die Hände; wir aber schieden mit
Tränen der Dankbarkeit von diesem Ehrenmanne und gelangten abends
wohlbehalten nach Leuwaarden, wo wir übernachteten.
* * * * *
Die nächste Tagereise brachte uns spät in der Dunkelheit nach Dockum,
aber es wollte uns nicht gelingen, hier eine Herberge zu finden.
Überall, wo wir anklopften, beleuchtete man uns sorgfältig von allen
Seiten und zog dann die Tür uns vor der Nase ins Schloß mit einem
frostigen: »Geht weiter mit Gott!« -- Es war eine kalte, stürmische
Nacht; wir irrten umher und jammerten, bis wir endlich bei einem
Hinterhause an einen Stall gerieten, wo ein Knecht noch den Dünger
auskehrte. Vergebens klagten wir auch diesem unser Leid und baten ihn,
uns die Nacht in seinen warmen Stall aufzunehmen; er fürchtete, sich
dadurch Scheltworte bei seinem Herrn zu verdienen, und uns blieb zuletzt
nichts übrig, als uns hinter einer Scheune zunächst dem Tore, wo es
etwas Überwind gab, zusammenzukauern und uns recht herzlich satt zu
weinen. Hatten wir eine Weile gesessen, so sprangen wir wieder auf und
rannten auf dem Platze hin und her, um nicht vor Frost zu erstarren. Es
ward uns aber wahrlich je länger je übler zumute.
Das währte so fort, bis nach Mitternacht, wo wir Räder rasseln und ein
Posthorn blasen hörten. Eine Kutsche hielt am Tore, und auch wir kamen
hinter unserer Scheune hervor, um zu sehen, was es gäbe? Bis die
Torflügel und Gatter sich öffneten, standen wir aus Langeweile um den
Wagen her, an welchem der Schlag von innen aufgemacht wurde und von
welchem ein lautes »Wer da?« an uns erging. Wir fanden keine Ursache,
unserer Personen, Drangsale und gegenwärtigen Not ein Hehl zu haben, und
unser unwillkürliches Zähneklappern legte genugsames Zeugnis ein, daß
wir die Wahrheit redeten.
Es fand sich nun, daß ein einzelner Mann im Wagen saß und daß ihm unser
trübseliger Zustand zu Herzen ging. Nachdem er seinem Unwillen durch
einige Verwünschungen gegen die hartherzigen Dockumer Luft gemacht, uns
um unsere Heimat befragt (freilich mochten wohl Pommern und Kolberg
böhmische Dörfer für ihn sein) und endlich noch erfahren hatte, daß
unser Weg zunächst auf Gröningen ginge, so überraschte er uns durch die
willkommene Einladung, zu ihm in die Kutsche zu steigen und ihn bis zu
dem genannten Orte zu begleiten. Es versteht sich wohl, daß wir arme,
erfrorene Schlucker uns das nicht zweimal sagen ließen. Der Wagen rollte
mit uns fort und wir mußten unserm Wohltäter die ganze Nacht hindurch
alle unsere erlebten Schicksale erzählen. Mit Tagesanbruch sahen wir uns
nach Gröningen versetzt und der Mann im Wagen fuhr seines Weges weiter,
doch nicht, ohne uns zuvor mit drei holländischen Gulden beschenkt zu
haben.
Wir sahen ihm mit herzlichem Danke nach, verfolgten aber gleichfalls
unsere Straße zum anderen Tore hinaus, nachdem wir bloß unseren
Brotbedarf erneuert hatten, und erlebten an diesem Tage kein ferneres
Abenteuer, als daß wir an einem Gittertore von einem barschen Kerle
angerufen und uns sechs Stüber Zollgeld abgefordert wurden. Unser
Protestieren, daß wir arme schiffbrüchige Leute seien, die man ja wohl
verschonen werde, half zu nichts; wir wurden in die Stube des Zollhauses
gezerrt und sollten zahlen. Nun wäre die Summe wohl zu erschwingen
gewesen und meine Kameraden winkten mir auch zu, nur in Gottes Namen den
Beutel zu ziehen; allein dieser, samt unserem ganzen kleinen Reichtum,
saß so tief und wohl verwahrt in meinen Beinkleidern, daß ich ein
billiges Bedenken trug, ihn vor diesen Zeugen zum Vorschein zu bringen.
Darüber saßen wir hier wohl eine gute halbe Stunde lang, gleichsam wie
im Arrest, und es ward mit uns um die sechs Stüber kapituliert.
Ganz wie vom Himmel kam uns jedoch ein Erlöser in der Person eines
Postboten, der zu uns eintrat, weil er hier Briefe abzugeben hatte. Er
ließ sich den Handel von beiden Parteien umständlich vortragen und
schlug sich, wie billig, auf unsere Seite, wobei es denn nicht ohne eine
nachdrückliche Gewissensrüge an den unbarmherzigen Zöllner abging.
Dieser aber blieb steif und unbeweglich auf seinem Zoll-Reglement und
seinen sechs Stübern bestehen, bis endlich unser eifriger Sachwalter den
eigenen Beutel zog, jenem das Weggeld hinwarf und nun uns triumphierend
aufforderte, in Gottes Namen unseres Weges zu gehen. Das taten wir denn
auch, ohne es an unserer Bedankung für seine Großmut mangeln zu lassen.
Nun aber gerieten wir in andere Nöte. Meine beiden Begleiter, der
angestrengten Märsche ungewohnt, hatten die Füße voller Blasen und
fanden sich auch anderweitig unbequem, so daß mir's immer schwerer fiel,
sie des Weges vorwärts zu bringen. Ging ich meinen guten Schritt vorweg
und sah dann hinter mich, so war der eine noch immer weiter als der
andere zurückgeblieben. Bat ich sie, sich zu fördern: -- sie wollten
nicht, sie konnten nicht; sie weinten. Es gedieh endlich soweit damit,
daß mein Bruder auf einem Düngerhaufen am Wege sitzen blieb und unter
heißen Tränen beteuerte: jetzt vermöchte er nicht weiter, ich möchte
nur meinen Weg vor mich hingehen; wollte ich ihm von unserem Gelde
nichts zukommen lassen, so möchte es darum sein. Es sei ihm ohnehin so
zu Sinne, als müsse er hier sitzen bleiben und Hungers sterben.
Meine Angst war unaussprechlich. Ich weinte mit ihm um die Wette; ich
tröstete, ich versprach ihm goldene Berge, wenn er nur aufstehen und es
versuchen wollte, mit mir fortzuhumpeln. Nur bis ans nächste Dorf noch
sollte er sich fortschleppen, bevor es Abend würde. Morgen wollten wir
ein Fuhrwerk nehmen und alles sollte besser werden. Unter solchem
kräftigen Zureden nahm ich ihn endlich unter die Arme, hinkte mit ihm
weiter und trug ihn mehr, als er ging, bis wir unser heutiges
abgekürztes Reiseziel erreichten. Ich hielt ihm indes Wort und wir
fuhren von Dorf zu Dorf, bis wir ins Oldenburgische kamen. Hier aber
nahmen wir die halbe Post und erreichten Lübeck; doch griff dies
schnellere und bequemere Fortkommen auch so gewaltig in unsere
Reisekasse, daß uns, wie knapp wir's auch unserem Munde abdarbten und
kaum mehr als das trockene Brot mit einem Wassertrunk genossen, endlich
doch der letzte Groschen aus den Händen zerronnen war.
Was blieb zu tun? Ich wandte mich in Lübeck an einen Kaufmann, Herrn
Sengbusch, der mir, von Kolberg her, dem Namen nach bekannt war, und
ersuchte ihn, uns auf unsere teuergehaltene Taschenuhr zwanzig Taler
vorzustrecken. Hierzu war der gute Mann auch willfährig; wir konnten
nunmehr mit der Post nach Stettin weiterfahren und fanden hier eine
Gelegenheit, die uns vollends nach Kolberg förderte, wo wir in der Mitte
des März mit einem baren Kassenbestande von sieben Groschen sechs
Pfennigen anlangten und von den Unserigen mit einer Freude, als wären
wir vom Tode auferstanden, empfangen wurden.
* * * * *
Fünf Tage lang war ich im lieben Vaterhause gewesen und von der Not kaum
wieder ein wenig zur Besinnung gekommen, als schon wieder ein neuer
Unglücksstern über mir aufging. Denn da hieß es: die Unteroffiziere von
unserem Bataillon, welches damals seine Winter-Quartiere in Torgau
hatte, hätten sich bei uns eingefunden, um frische Rekruten in diesem
ihrem Kanton auszuheben. Eine Schreckenszeitung für alle Eltern jener
Zeit, sowie für alles junge Volk, das eine Flinte schleppen konnte und
nicht mochte!
Diese entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte
aber auch ihre genugsame Rechtfertigung in der heillosen und
unmenschlichen Art, womit die jungen Leute beim Exerzieren, zumal von
den dazu angestellten Unteroffizieren, behandelt wurden. Unter den
Fenstern ihrer Eltern selbst, auf öffentlichem Markte, wurden sie von
diesen rohen Menschen bei solchen Einübungen mit Schieben, Stoßen und
Prügeln aufs grausamste mißhandelt, -- oft nur, um sie die Autorität
fühlen zu lassen, oft aber auch wohl in der eigennützigen Absicht, von
den Angehörigen Geschenke zu erpressen. Es war ein kläglicher Anblick,
wenn die Mütter bei solchen Auftritten in Haufen daneben standen,
weinten, schrien, baten und von den Barbaren rauh abgeführt wurden.
Klagen bei den Obern fanden nicht statt oder wurden verspottet, denn
diese dachten wie ihre Untergebenen und sahen mit kalter Geringschätzung
auf alles herab, was nicht den blauen Rock ihres Königs trug.
Wenn nun schon unsere Bürgersöhne sich damals so ungern unter die
militärische Fuchtel beugten, so wird es um so begreiflicher, daß die
jungen Seefahrer unter ihnen diesen Abscheu in noch verstärktem Maße
empfanden, je früher sie bereits auswärts die goldene Freiheit gekostet
hatten und je weniger ihre Hantierung mit dem gezwungenen
Soldatendienste übereinstimmte. Wer es also irgend vermochte, entzog
sich dieser Sklaverei lieber durch die Flucht ins Ausland und ging
dadurch dem Staate gewöhnlich für immer verloren. Aber auch der
Handelsstand hat es stets schmerzlich empfunden, der sich nun für die
Schiffahrt oft mit den untauglichsten Leuten behelfen mußte.
Hätte ich selbst nicht auch jenen Widerwillen gegen ein so gebundenes
Leben so lebhaft gefühlt, als irgendeiner unter meinen Seekameraden, so
durfte ich mich doch schon um meiner kleinen Statur willen nicht
tauglich zu einem regelrechten Soldaten halten und darum stand mir's
auch nie zu Sinn, meinem großen Friedrich, so sehr ich ihn auch
verehrte, in Reihe und Glied und mit dem Schießprügel auf der Schulter
zu dienen. Denke man sich also meinen Schrecken, als ein gutmeinender
Freund unter dem angekommenen Werberkorps (er hieß Lemcke) meinem Vater
insgeheim vertraute: sämtliche junge Burschen in der Stadt, von vierzehn
Jahren und darüber, wären bereits notiert, und um elf Uhr würden die
Tore geschlossen, die brauchbarsten darunter aufgegriffen und gleich mit
dem nächsten Morgen nach Sachsen auf den Transport gegeben werden.
Jetzt war es neun Uhr morgens. Hier galt es demnach kein Säumen; ich
sollte vorerst nach der Münde flüchten und mich dort verbergen. Nur zu
bald kam auch dorthin das Geschrei, daß alle Vorhersagungen meines
Warners pünktlich eingetroffen und das Ordonnanzhaus bereits voll von
neuen Rekruten stecke. Mein Vater ließ mir durch eine vertraute Frau
sagen, daß auch bei ihm genaue Haussuchung nach mir geschehen sei. Ich
möchte mich daher ungesäumt aufmachen und, zwei Meilen weiter am Strande
entlang, im Dorfe Bornhagen bei einem mir namhaft gemachten Bauern, dem
zu trauen sei, eine einstweilige Zuflucht suchen. Doch dieser gute Rat
kam leider zu spät; mein Aufenthalt war schon verraten!
Gleich am Nachmittage zeigten sich jene Werber überall auf der Münde und
umringten das Haus, worin ich steckte, von allen Seiten. Ich gewann nur
Zeit, mich auf den stockfinstern Boden zu flüchten, wo ich in der Angst
ein großes Fischernetz, das an den Sparren umherhing, über mir
zusammenzog, so daß ich meist darunter verdeckt lag. Kaum war dies
geschehen, so rührte sich auch etwas auf der Leiter, die unter das Dach
hinaufführte. Es war der Unteroffizier Schnell, der nun sein
Seitengewehr zog und mit der Spitze desselben in allen Winkeln blind
umhertastete. So ging er rund um mich und mein aufgetürmtes Netz umher,
ohne mich darunter zu vermuten, obwohl es mir nicht ganz den Kopf
verdeckte und mir dadurch Gelegenheit gab, seine Bewegungen einigermaßen
zu beobachten. Ich darf aber wohl sagen, daß mir dabei gar unheimlich
zumute war. Indes fand er mich nicht, und auch unten im Hause ward ich
standhaft verleugnet.
Nun war hier aber auch meines Bleibens nicht länger. Kaum graute der
Abend, so machte ich mich in Gottes Namen zu meinem Bauern auf den Weg,
nachdem man mir einen tüchtigen Schiffshauer zu meiner Sicherheit
mitgegeben -- weniger vor meinen Verfolgern, als um mich im Stadtholze,
welches ich passieren mußte, der Wölfe zu erwehren, die damals an
Menschen und Vieh viel Unglück anrichteten. Wirklich war es auch ein
wahres Wolfswetter mit Sturm und Schneegestöber, und Gott weiß, wie
blutsauer mir dieser Weg geworden; denn unzählige Male brach das Eis
unter mir ein, oder ich versank im Schnee, daß ich vollauf zu tun hatte,
um nur allemal wieder auf die Beine zu kommen. Endlich am Morgen
erreichte ich meine Freistatt und hielt mich dort zehn oder zwölf Tage
verborgen. Aber diese dünkten mir bald wie eine halbe Ewigkeit,
ebensowohl wegen des ganz ungewohnten Festsitzens, als wegen der
ermangelnden Nachrichten von Hause; bis mich's nicht länger ruhen ließ
und ich mich eines Abends wieder aufmachte, um in meinem alten Quartier
auf der Münde nachzufragen, ob ich mich wohl mit einiger Sicherheit
wieder zeigen dürfte.
Hier lauteten indes die Nachrichten so wenig tröstlich, daß mir nur die
sorgfältigste Verbergung übrig blieb. Doch wollte ich nicht gerne von
der Münde weichen, weil nächstens die Schiffahrt wieder aufgehen konnte
und ich dann hier bei der Hand war, um mit irgendeinem absegelnden
Schiffe zu entkommen. Mit einem ähnlichen Plane trugen sich noch mehrere
meiner jungen Kameraden; allein eben darum waren wir auch um so gewisser
bereits nach einigen Tagen verraten und eine neue Nachjagd ward auf uns
begonnen. Mitten in der Nacht erweckte mich ein leises Klopfen an den
Fensterladen des Kämmerchens, wo ich schlief, und die bekannte Stimme
einer getreuen Frauensperson rief mir zu: »Joachim, auf! auf aus den
Federn! die Soldaten sind wieder auf der Münde! Den, und den, und den
(die sie mir bei Namen nannte) haben sie schon beim Flügel gekriegt.
Mach', daß du davonkommst!«
Man glaubt mir's wohl, daß ich flugs und mit gleichen Füßen aus dem
Bette sprang. In der Bestürzung griff ich nach den ersten besten
Kleidern, die auf den Stühlen umherlagen und die ich für die meinigen
hielt. So stahl ich mich alsobald und im Hemde auf die Straße hinaus,
schüttelte meinen Fund auseinander, um mir davon etwas über den Leib zu
werfen, und bemerkte nun erst mit Schrecken, daß mir nichts als
Frauenkleider in die Hände gefallen waren. Was blieb zu tun? Ich warf
mir einen roten Friesrock über die Schultern und war im Begriff, mich
mit dem Reste noch besser auszustaffieren, als ich in meinem Anputzen
häßlich gestört wurde.
Es waren die Herren Soldaten, die kaum zehn Schritte von mir um eine
Ecke bogen. Ich suchte mein Heil in der Flucht: aber eben dadurch
verriet ich mich und hatte alsobald meinen alten Widersacher Schnell
nebst noch ein paar andern auf der Ferse hinter mir. Mein Lauf ging
geradeswegs nach einem im Hafen liegenden Schiffe zu, an dessen Bord sie
mir nicht so hurtig nachfolgen konnten. Zu meinem Glücke lag an der
anderen Seite des Schiffs ein Boot befestigt. Ich sprang hinein, fand
sogar ein Ruder darin vor, löste das Tau, stieß ab und ließ jenen in
eben dem Augenblicke das Nachsehen, als auch sie endlich das Verdeck
erreicht hatten.
Jenseits, in der Maikühle, ging ich an Land und überlegte nun etwas
ruhiger, was weiter zu tun sei. Ich befand mich so gut als nackend in
einer bitterlich kalten Märznacht und mußte vor allen Dingen meine Blöße
zu decken suchen. Also wanderte ich getrost zu der nächstgelegenen
Holzwärterei Grünhausen, klopfte den Bewohner (er hieß Krössin) hervor,
gab mich zu erkennen und bat um Aufnahme. Seine abschlägige Antwort
durfte mich nicht befremden, da es derzeiten hart verboten war,
Flüchtlinge meiner Art zu hegen, die vielmehr sofort angehalten und
ausgeliefert werden sollten. Ich beschränkte demnach meine Bitten auf
irgendeine Kopfbedeckung und ein Paar Strümpfe. Der ehrliche Kerl
reichte mir seine Schlafmütze vom Kopfe und ein Paar hölzerne Pantoffeln
von seinen Füßen und fügte den Rat hinzu, mich eiligst zu entfernen,
weil es auch bei ihm nichts weniger als sicher sei, da er gleichfalls
einen Sohn im Hause habe, dem, obwohl er krank und elend sei, von den
Soldaten nachgetrachtet werde.
So aufs abenteuerlichste ausstaffiert, begab ich mich nach der Maikühle
zurück, um eine anderweitige Zuflucht aufzusuchen. Es stand dort, wie
ich wußte, ein alter Schiffsrumpf hoch auf dem Strande, der im Sommer
als ein Bierschank benutzt zu werden pflegte. An diesem kletterte ich
hinan, stieg oben durch das Rauchfangloch und duckte mich da vor der
Kälte in einen Winkel zusammen. Darüber ging endlich die langweilige
Nacht zu Ende. Mit dem ersten Dämmerungsstrahle glosterte ich von meiner
Hochwarte herab überall umher; und da nach der Münde hinaus alles ruhig
schien, so wagte ich mich hervor, suchte mein verlassenes Boot wieder
auf und ruderte mich leise zu einem Schiffe heran, das nach Königsberg
gehörte und von Schiffer Heinrich Geertz geführt wurde. Dieser gute Mann
nahm mich willig auf und hielt mich länger als vierzehn Tage bei sich
verborgen.
Dennoch konnte hier meines Bleibens nicht ewig sein. Es war mir daher
eine erwünschte Zeitung, daß ein Kolberger Schiffer namens Martin
Albrecht, der dicht neben uns vor Anker lag, am nächsten Morgen mit
Ballast nach Danzig auszugehen gedenke. Zu diesem Schiffe führte mich um
Mitternacht mein Freund Geertz in aller Stille. Meine ganze
Reiseausrüstung bestand in einem Bündelchen mit Hemden und anderen
kleinen Notwendigkeiten, welches meine Mutter mir unter der Hand
zugeschickt hatte. Sobald ich an Bord hinübergestiegen war, dankte ich
meinem freundlichen Beschützer zum Abschied mit einem warmen Händedruck,
bat ihn, meinen besorgten Eltern meinen Gruß und Lebewohl zu bringen und
ließ nunmehr meinen guten oder bösen Stern weiter walten.
Auf dem Schiffe war alles stille. Niemand hatte mich wahrgenommen. Ich
öffnete die vordere Kabelgats-Luke, rutschte hinunter, machte die Luke
hinter mir zu und suchte mir auf den Tauen und Segeln, die hier verwahrt
lagen, ein Ruheplätzchen. Bald aber überlegte ich, daß dieses Versteck
mit Tagesanbruch auch sofort von Menschen wimmeln würde, die zu der
vorhabenden Abfahrt Segel und anderes Zubehör daraus hervorlangten, wo
es denn garstig für mich ablaufen könnte. Ich versuchte es also, mich
durch tausend Gegenstände, die sich mir hindernd in den Weg stellten,
tiefer in den Raum hinabzuminieren. Es glückte mir endlich damit: aber
zu gleicher Zeit hörte ich hinter dem Ballast etwas rascheln und
flüstern, das mir unheimlich vorkam. Gleichwohl kroch ich noch weiter
heran und unterschied bald menschliche Stimmen, die mir, je länger ich
sie behorchte, um so bekannter vorkamen. Kurz es gab hier eine ganz
unvermutete Erkennungsszene zwischen mir und elf andern jungen
Seekameraden, welche gleiche Not und gleiche Hoffnung hierher
zusammengebracht hatte.
Für den Augenblick hielten wir uns zwar geborgen: aber unter Furcht und
Zagen hatten wir nun zu erwarten, ob das Schiff vor seiner Abfahrt nicht
nach uns Flüchtlingen visitiert werden dürfte? Inzwischen brach der Tag
an und am Borde ward es über unseren Köpfen lebendig. Wir unterschieden
deutlich, wie man Anstalten machte, in See zu gehen; ja, ein wenig
später spürten wir, mit steigender Freude, das Schiff in Bewegung, dann
das Anschlagen der Brandung an die Seitenborde und endlich auch den
Abgang des Lotsen, der uns zum Hafen hinausbegleitet hatte. Da auch der
Wind gut sein mußte, so glaubten wir, nach Verlauf von noch einer
Stunde, weit genug von Kolberg, das uns ein Schreckensort geworden,
entfernt zu sein, um uns wieder ans Tageslicht hervorwagen zu dürfen.
Wir setzten also die Leiter an, schoben die große Luke auf und traten
wohlgemut auf das Verdeck hervor.
Das Erstaunen des Schiffers über unseren unerwarteten Anblick kannte
keine Grenzen; aber auch von seinem Volke mußten selbst die, welche
vielleicht um das Geheimnis wußten, sich billig verwundern, daß wir uns,
ihnen unter den Händen, in unserer Anzahl verdoppelt hatten. Eines
besonders freundlichen Empfangs hatten wir uns indes nicht zu rühmen.
Der Kapitän, der nur seine schwere Verantwortlichkeit erwog, tobte wie
besessen. »Könnt' ich nur gegen den Wind ankommen!« rief er, »ich
brächt' euch alle auf der Stelle nach Kolberg zurück und machte rein
Schiff. Aber ich weiß darum wohl, wohin ich euch abzuliefern habe.«
-- Zugleich verbot er seinen Leuten aufs strengste, sich um uns zu
kümmern und uns weder Essen noch Trinken zu reichen.