Ornis zeigen neben dem hemmenden Einfluß auch einen fördernden Wert.
Wo die Hand des Menschen ändernd im Landschaftsbilde eingreift, da
entzieht sie gleichzeitig gewissen Arten die Daseinsbedingungen. Der
Flucht der ursprünglichen folgt das Nachrücken anderer Arten, denen mit
der Veränderung ein günstiger Lebensraum geschaffen wurde. In meiner
kleinen Schrift: »Die im Stadtgebiet Leipzig brütenden Vögel« habe ich,
weiter ausgreifend, versucht, die einem gewissen zentripedalen Trieb
folgenden Arten namentlich aufzuführen und die Gründe ihrer Umformung
von scheuen Wald- in zutraulichere Stadtbrutvögel darzulegen. Breite,
mit Baumreihen besäumte Straßenfluchten, parkartige Kinderspiel- und
Schmuckplätze, Promenaden mit altehrwürdigen Baumriesen, Schreber-
und Familiengärten, Berufsgärtnereien, Lagerplätze, Villen- und
Institutsgrundstücke mit ansehnlichen Garten- und Parkanlagen und
stillgelegte oder noch benutzte Friedhöfe in mannigfacher Abwechselung,
bringen buntfarbige Gliederung und Vielgestalt in die kalte Starre
der Häusermassen. »Leipzig ist so nicht nur eine grün umgürtete,
sondern auch eine von Grün durchwirkte Großstadt, über derem lauten
Pulsschlag des hastenden Lebens der Wald stellenweise seinen grünen
Mantel breitet.« Als natürliche Folge davon hat nun, von den günstige
Nahrungs- und Fortpflanzungsmöglichkeiten bietenden Grünflächen
angezogen, sich eine artenreiche Kleinvogelwelt hier seßhaft gemacht.
In einer Arbeit über die Brutvögel der Friedhöfe (Mitteil. Sächs.
Heimatsch. X) konnte ich etwa vierzig, in der Abhandlung über die
Brutvögel der Stadt über sechzig Arten aufführen. Ich kann mich
im Rahmen dieser Arbeit wiederum nur auf das Auffälligste und
Bemerkenswerteste beschränken. – Das Vordringen der _Ringeltaube_
war in jahrzehntelang zurückliegender Zeit vereinzelt und selten;
erst während der letzten Jahre wird die Verbreitung allgemeiner und
häufiger. Es gibt an gewissen Stellen kaum eine mit höheren Baumreihen
bestandene Straße, kaum einen mit altem Baumbestand bestockten
Garten, insbesondere in Wald- und Parknähe, wo die Ringeltaube
nicht auch ihr leichtgefügtes, durchsichtiges Nest ins Astwerk der
Kronen setzt. Der _Turmfalk_ – ~nomen est omen~ – betreut auf
verschiedenen Stadtkirchtürmen schon seit Jahrzehnten die zahlreichere
Nachkommenschaft, und im vergangenen Jahre wurde mir auch die
Gewißheit, daß auch die _Schleiereule_, das zwar unsichtbare, aber zu
gewissen Zeiten um so lauter hörbare Wahrzeichen ländlicher Kirchtürme
auf dem Turme einer Vorortskirche zwei Gelege zeitigte. Dort, wo
die Grünanlagen auch Baumbestände vorgerückten Alters zeigen und zu
Höhlenbildung neigen, siedelt sich auch gern das _kleine Käuzchen_ an.
Die gleichen Stellen beziehen auch zwei Zimmerleute unserer Wälder
gern, der _kleine_ und _große Buntspecht_, insbesondere dann, wenn
die Ernährungsfrage durch naheliegende Waldteile günstig beeinflußt
wird. Mit dem fortschreitenden Alter städtischer Baumbestände treten
dieselben in erfreulichen Wettbewerb zum Walde. Ein charakteristischer
Sänger unserer Auwälder, der _Trauerfliegenfänger_, rückt in
vereinzelten Fällen aus waldnahegelegenen Gärten oder aus dem Walde
selbst zentralwärts vor, und der tropisch-schöne, im Walde recht
scheue _Pirol_, ist als Parkbrutvogel durchaus keine ungewöhnliche
Erscheinung mehr. Mit 1920 etwa breitet sich der überall nordwärts
vordringende _Girlitz_ von den Friedhöfen über das gesamte städtische
Grünland strahlenförmig aus. Die Anzeichen mehren sich, daß der
_Gimpel_ vielleicht in absehbarer Zeit schon in die Liste der Leipziger
Brutvögel eingereiht werden darf. Die vereinzelten Fälle seines
sommerlichen Vorkommens oder ein schüchterner Brutversuch in einer
Gartenkolonie des Südens lassen jedoch noch nicht erkennen, ob die
Vögel etwa entflogen waren. Es besteht ebenso die Möglichkeit, daß
sie als die vordersten Etappen aus westlich gelegenen Brutrevieren
gewertet werden müssen. Die _Gebirgsstelze_ ist fürs Gesamtgebiet
gegenwärtig ein ziemlich häufiger Flachlandsvogel geworden, und selbst
innerhalb des Häusermeeres an Stellen, die seines Lebenselementes, des
Wassers, nicht entbehren, Brutvogel. Mit der Umbildung scheuer Wald- in
zutrauliche Stadtvögel wird die Amsel wohl am zeitigsten mit den Reigen
eröffnet haben. Sie dürfte schon die Häufigkeit des Spatzen erreicht
haben, wenn der Schrebergärtner nicht Grund hätte, ihre vorbildliche
Fruchtbarkeit durch Gegenmaßnahmen zu neutralisieren und ihren Bestand
auf ein erträgliches Maß zu beschränken. Von der _Singdrossel_ wissen
wir ziemlich genau, wann sich die Umbildung zum Stadtvogel vollzog; der
Zuzug zur Stadt wird etwa von 1910/12 an allgemeiner und häufiger. Der
_Sumpfrohrsänger_ ist im Außengebiet von Leipzig als Getreidefeldsänger
überall verbreitet, und schon können wir die ersten bescheidenen
Versuche buchen, daß der _Teichrohrsänger_ an peripheren, stark
bebuschten Stellen, auch wenn sie des Wassers entbehren, als Brutvogel
auftritt. Dasselbe gilt von der _Sperbergrasmücke_, die, im allgemeinen
nur in wasser- und dornbuschreichem Flußauengelände nistend, seit
einigen Jahren sich auch in trockenem, östlichem Buschgebiet
verbreitete. Das kleine Volk der Laubsänger ist in allen drei
Arten, besonders im _Fitis-_ und _Weidenlaubsänger_ auf städtischen
Friedhöfen und in größeren Gärten durchaus keine Seltenheit mehr. Der
_Gartenrotschwanz_, im Walde ein ausgesprochener Höhlenbrüter, nimmt
lange schon in städtischen Gärten auch mit Mauernischen, Laubenwinkeln
und Epheugerank als Nistplatz vorlieb.
Schließlich entbehrt es sicher nicht eines gewissen Interesses,
wenn ich am Schlusse erwähne, daß im Gesamtgebiet der Leipziger
Flachlandsbucht außer einigen, jedenfalls entflogenen, beziehentlich
nicht sicher nachgewiesenen Vögeln, bisher zweihundertneunundsechzig
Arten nachgewiesen werden konnten, von denen etwa einhundertdreißig im
Gebiet brüten. Sieben Arten sind gegenwärtig jedenfalls aus der Liste
der Brutvögel zu streichen. Im Vergleiche zur Gesamtbesiedlung des
Vaterlandes bleibt unser Gebiet um etwa einunddreißig Arten gegen die
vaterländische zurück, ein erfreulicher Reichtum, der uns und kommenden
Geschlechtern erhalten bleiben möge.
Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit
Dr. _Paul Zinck_
In einer Stadt des Welthandels, der Wissenschaft und Musik, wie
Leipzig, in der nicht nur Angehörige aller deutschen Stämme sich
niedergelassen haben, sondern auch Glieder aller europäischen und auch
außereuropäischer Nationen sich ein Stelldichein geben, Volksbräuche
und andere volkstümliche Werte zu suchen, scheint auf den ersten
Blick ein törichtes Unterfangen zu sein, und doch haben sich in das
internationale Getriebe der modernen Meßstadt hinein zwei Volksfeste
gerettet, die von einem großen Teile der Bevölkerung noch gefeiert
werden und einen lokalen Charakter an sich tragen: das eine, das
Johannisfest, heute nur noch ein ernster Tag, ein Blumenfest der Toten;
das andere, der Tauchaer Jahrmarkt, kurz, »der Tauchsche«, ein Fest
überschäumender Lust der Jugend. Vielleicht dürfte es sich um der
Fernerstehenden willen doch lohnen, der Entwickelung beider Feste in
großen Umrissen nachzugehen.
Das Johannisfest _heute_! Ein Blumenhimmel tut sich vor unseren
Augen auf. Wart ihr schon am Johannismorgen auf Leipzigs Friedhöfen?
Da ist kein Tod, da flutet wechselvolles Leben! Selbst die Sonne
hat nicht lange Ruhe. Schon vor vier Uhr morgens ist sie erwacht.
Mit blankgeputzter, glänzender Scheibe steht sie am dunkelblauen
Morgenhimmel, und bald bestrahlt sie die festlich geschmückten Scharen,
die durch die blühenden, duftenden Rosengärten gedankenvoll wallen, mit
Kränzen und Sträußen und Girlanden beladen. Frische Thomanerstimmen
bringen mit ernsten, von Meister Bach gesetzten Chorälen großen Männern
Leipzigs, die man zur letzten Ruhe bettete, den Zoll der Dankbarkeit,
und in ihren Gesang mischt sich froher Finkenschlag und Amselsang.
Und alle halten sie Zwiesprache mit den lieben Dahingeschiedenen, die
Mutter mit dem Liebling, den eine tückische Krankheit dahinraffte,
der Sohn mit dem Vater, der ihm noch lange hätte ein treuer Berater
sein können, der Freund mit dem Freund, und wehmutsvoll umstehen Gatte
und Kinder das Grab der Guten, die des Hauses Mutter war. Da ist kein
Tod! Der Zauberstab des jungen Sommers hat alles zu einem neuen Leben
erweckt, zu einem stillverklärten Leben der Erinnerung, umstrahlt von
farbiger Blumenpracht, umweht von süßem Blütenduft. Schon lange, mehr
als hundert Jahre, feiert Leipzig am Tage Johannis des Täufers, dem
sein erster großer Friedhof geweiht ist, dieses sinnige Blumenfest der
Toten, während draußen das rasch pulsierende Leben der regen Handels-
und Meßstadt tost.
Aber auch in dieses Fest mischten sich ein halbes Jahrhundert lang
weltliche Töne, die nichts zu tun hatten mit dem Gedenken an die
Dahingeschiedenen. Am 24. Juni 1833 wurde das Johannistal eingeweiht,
eine Gartenkolonie, die zur Zeit der Baumblut in ein weißes Blütenmeer
verzaubert ist, vormals eine öde Sandgrube der Ostvorstadt, die
durch die Tatkraft des Stadtrats Dr. Seeburg in eine Erholungsstätte
für Hunderte von Mitbürgern verwandelt wurde. Die Einweihung wurde
mit der stillen Gedächtnisfeier auf dem Friedhofe verbunden; die
Gärtchen im Johannistale waren alle bunt geschmückt, das »Sandtor«,
durch das man das Tal betrat, die beiden Brunnen und das Doppelkreuz
am Pulverhäuschen mit Girlanden und Kränzen geziert. Kindergesänge,
Musik und Ansprachen wechselten miteinander ab. In den kommenden
Jahren genügte aber diese schlichte Feier den Zuschauern nicht mehr,
die ins Johannistal wallfahrteten; sie wollten derbere Genüsse haben.
Unter die Kränze und Blumengewinde und die in den Sachsenfarben
lustig flatternden Fähnchen der Gärten drängten sich bald Schankzelte
und Verkaufsstände; Gesang und Choralmusik wurden von Gassenhauern
vertrieben, vom frühen Morgen bis zum späten Abend huldigte man dem
Biertrinken und Bratwurstessen, und bald blieb es nicht mehr bei
kleinen Ausschreitungen, es kam zu Roheiten und Gemeinheiten. Fünfzig
Jahre war das Volksfest gefeiert worden, da machte ihm der Rat ein
Ende, indem er am 18. Juni 1883 beschloß, die Erlaubnis zur Errichtung
von Schankzelten und Verkaufsständen am Johannistage nicht mehr zu
erteilen.
Zwei eigenartigen, alten Bräuchen huldigte man aber bis ins zwanzigste
Jahrhundert hinein: Am Eingange des Johannistales verkauften
Handelsfrauen Glückshändchen, die Wurzeln einer nachts vorher
ausgegrabenen Orchidee mit fingerförmigen Nebenwürzelchen, die ihren
Trägern Glück bringen, vor allem die Taschen wieder füllen sollten,
und im alten Johannishospital schmückte man das Johannismännchen, eine
Holzfigur mit dem Lämmchen im Arm, die wahrscheinlich Johannis den
Täufer darstellen sollte, mit einem weißen Hemd mit Krause und einem
Blumenkranze, stellte wohl auch einen Johannistopf mit heilkräftigen
Kräutern und Blumen daneben. Dieser zweite Brauch reichte vielleicht
Jahrhunderte zurück, in eine Zeit, in der man den Johannistag in
Leipzig ganz anders beging als heute. Im Jahre 1786 verbot der Rat
der Stadt, das Johannismännchen auszustellen und am Gesundbrunnen
Kaffee zu kochen, und machte so Bräuchen ein Ende, die wohl gar in
vorchristlicher, altgermanischer Volksanschauung von geheimnisvollen
Kräften in der Natur wurzelten, die aber damals schon nicht mehr
verstanden wurden und deshalb Unsitten und Roheiten anderer Art Platz
gemacht hatten. Am Morgen des Johannistages strömte damals, wie der
Verfasser des Schriftchens »Tableau von Leipzig« (Benjamin Heidecke)
aus dem Jahre 1783 erzählt, jung und alt zum Grimmschen Tore hinaus zum
Johannishospital. Hier begaffte man das Männchen, hörte einer Predigt
zu und wanderte dann weiter hinaus zum Gesundbrunnen oder Marienborn
beim heutigen Napoleonstein. Viele tranken von seinem frischen Wasser,
ja sie füllten wohl – ähnlich wie in der Osternacht – schweigend eine
Flasche und nahmen sie mit sich nach Hause; die jungen Mädchen wuschen
sich mit dem Wasser, weil es schön machen sollte. Die meisten Leute
aber zogen zu Fuß, Pferd und Wagen hinaus zum Gesundbrunnen, ließen
sich dort den mitgebrachten Kaffee kochen, schmausten Kuchen und
Kirschen, schmückten sich mit Blumen, sangen, sprangen und tanzten
und trieben in den nahen Feldern allerlei Unfug, der schließlich in
grobe sexuelle Unsittlichkeiten ausartete. Der Gesundbrunnen oder
Marienborn soll am Johannistage des Jahres 1441 den Aussätzigen des
Johannishospitals von der Jungfrau Maria zur Genesung erschlossen
worden sein[6].
So reichen die letzten Wurzeln der Johannisbräuche bis in das späte
Mittelalter zurück. Wird es mit dem »Tauchschen« auch so sein?
Heutzutage könnte man fast der Meinung sein, daß enge Beziehungen
zwischen den Jagdgefilden der Rothäute und diesem Volksfeste
der Jugend bestehen. Schon tagelang vor dem ersten oder zweiten
Septembermontag, an dem in Taucha Jahrmarkt abgehalten wird, merkt
man in den Knabenklassen der Volksschule, daß »große Dinge« in der
Luft liegen, und kaum ist der Unterricht geschlossen, so ziehen auch
schon die ersten »Indianerhorden«, zum Teil halb nackt, mit roter
Paste bemalt, mit Federn geschmückt, mit allerhand Waffen ausgerüstet,
durch die Straßen; Kampfgeheul erschallt, und nicht lange dauert es,
so liegen die »feindlichen Stämme« einander in den Haaren. Hier und
dort tauchen sie blitzschnell auf und verschwinden wieder. Einmal hat
eine solche Horde ein Karussell auf dem Meßplatz im Sturm besetzt und
den Besitzer »gezwungen«, ihr kostenlos einen Ritt auf seinen feurigen
Rossen zu gestatten. In ganz ergötzlicher Weise hat H. Tetzner in einer
»Leipziger Straßenjungengeschichte im Leipziger Straßenjungenjargon«:
Die Sieger vom Tauchschen (Leipziger Kalender 1911) dieses Treiben
geschildert. Mit Einbruch der Dämmerung wird das Leben auf den Straßen
immer bunter. Hier und da tauchen bunte Laternen auf, von Kindern in
farbigen Papierkleidern getragen; allerlei vermummte Gestalten, Knaben
in Mädchen- oder Frauenkleidung, Mädchen in Männerkleidern, Rotkäppchen
und andere Märchengestalten beleben das wechselvolle Straßenbild;
Feuerwerkskörper werden abgebrannt; Buntfeuer beleuchtet magisch hier
und dort die Gassen. So wunderschön ist es, daß am nächsten Tage noch
einmal »Lumpen-Tauchscher« gefeiert wird. Und kein Kind denkt dabei
an das Nachbarstädtchen Taucha, das den Anlaß zu all dieser Freude
gibt. Vor achtzig Jahren und auch die folgenden Jahrzehnte noch
war es anders. Da spielte sich das Volksfest nur in den östlichen
Vorstadtdörfern Reudnitz, Anger-Crottendorf und Volkmarsdorf und in
Taucha selbst ab. Adolf Lippold entwirft in seinen »Erinnerungen eines
alten Leipzigers« ein anschauliches Bild von dem Tun und Treiben,
wie es vielleicht um das Jahr 1845 vor sich ging. War es schon früh
lebhaft, so zog es doch nachmittags und abends besonders die ganze
Leipziger Bevölkerung, alt und jung, in seine Kreise und zeitigte oft
so tolle Blüten, daß der Leipziger Rat wieder dann und wann – wie
auch heute noch – mit Verboten einschreiten mußte. Die »Elite« des
Publikums vergnügte sich in den Gastwirtschaften zum »Bienenkorb« und
zur »Goldnen Säge«, das mittlere und untere Volk im »Colosseum«, dem
jetzigen »Pantheon«; in den Dörfern draußen waren die uralte Kneipe
von »Staudtens Ruhe«, das »Lämmchen«, der »Kleine Kuchengarten« und
noch andere jetzt noch bestehende Gastwirtschaften von Zechenden und
Schmausenden besucht. An der Straße zwischen Leipzig und Reudnitz
war eine Reihe von Ständen mit Masken, Bärten, Schnurren oder
Waldteufeln von oft gewaltiger Größe, Pfeifen, Trommeln, Klappern und
»Döppertrompeten«, mit buntfarbigen Papiermützen, -hüten, -schürzen,
Fächern, Windmühlen, Pritschen und dergleichen aufgebaut; denn alt und
jung verkleidete sich, oft in zierlichen Rokokokostümen, als Bauern,
Tiroler, Soldaten oder auch als irgendwelche Schreckgestalten, und alle
bemühten sich, den Höllenlärm noch zu vergrößern. Der Tumult war oft
beängstigend, und noch in den achtziger Jahren war er oft so groß, daß
die Straßenbahn nur im Schritt durch die Menschenmenge fahren konnte.
Daneben kredenzten »ältliche Heben« in braunen Kännchen Bliemchenkaffee
oder Schokolade, und »Wiener Würstchen von Stöpel« dufteten weithin
über die Straßen. Nachmittags begannen dann auch die feindlichen
Parteien, damals Studenten und Handwerksgesellen, aufzutreten; mit
Hänseleien fing es an, mit Schlägereien, blutigen Nasen, zerbrochenen
Stöcken und Schirmen und eingetriebenen Zylinderhüten endete es.
Oft boten die Dienstmädchen, die im besten Sonntagsstaate, der
enganschließenden »Contouche« oder dem weitbauschigen, mit unzähligen
Falbeln besetzten Oberrock und der möglichst malerisch drapierten
Saloppe, auf den »Reitschulen« fuhren, den Anlaß dazu. Sie kokettierten
gern mit den Studenten, die in Pikeschen und Kanonenstiefeln und
mit langen mit Quasten und Schnuren geschmückten Pfeifen antraten,
und reizten dadurch die Gesellen, die im blauen Staubhemd, dem mit
Wachsleinewand überzogenen Zylinderhut, mit dem für die »Walze«
ausgerüsteten »Affen« und dem gewaltigen Knotenstock, einer
gefährlichen Waffe, erschienen. Einer der beliebtesten Aufzüge der
Studenten war der des Bärenführers. Angetan mit möglichst verschossenen
Pikeschen, einen roten Fez auf dem Haupte und Peitschen in den Händen,
einen Leierkasten, Tambourin und Pickelflöte dabei malträtierend,
führten sie ein unglückliches Menschenkind, das sich einige Groschen
verdienen wollte, als Bären verkleidet, von Kneipe zu Kneipe und
durch die sich quetschende Menge, der bei den Schlägereien gewöhnlich
die meisten Püffe bekam. Die Studenten dehnten ihr tolles Treiben
auch bis Taucha aus, das auch von anderen Leipzigern an diesem Tage
besucht wurde. In zwei- und vierspännigen Karossen, mit Vorreitern,
die kostümierten Wichsiers auf dem Bock, zogen Korpsbrüder und
Burschenschafter hinaus, um alles auf den Kopf zu stellen. Man sah sie
trotzdem nicht ungern kommen, besonders die Gastwirte und die jungen
Mädchen. –
Wie ist nun dieses eigenartige Volksfest entstanden, das von einem
Mummenschanz und dann wieder einem Maskenscherz der Erwachsenen sich
umgestaltete zu einem Licht- und Maskenfest der Kinder?
Ist es die Feier eines Sieges der Leipziger Bürger über die von
Taucha? Soll es eine Verhöhnung der Tauchaer sein, weil sie einmal
die Messen an sich hatten ziehen wollen, als ihre Stadt größer war
als Leipzig? Wustmann erwähnt in seiner Geschichte von Leipzig Taucha
nicht unter den Städten, die die Privilegien der Meßstadt ernstlich
schädigen wollten, und ein Sohn Tauchas selbst nennt es in einer
kürzlich erschienenen Schrift[7] eine heute noch lebendige Fabel, daß
Taucha einst viel bedeutender als das benachbarte Leipzig gewesen sei.
Die Stadt ist allerdings als Rivalin des markgräflich-meißnischen
Leipzig von Magdeburg aus gegründet worden, und Erzbischof Wichmann
suchte sie zu einem wichtigen Handelsplatz zu machen; aber schon 1355
kommt sie an die Markgrafschaft Meißen und 1569 gerät sie sogar in
unmittelbare Abhängigkeit von Leipzig. Soweit müßte dann mindestens
der »Tauchsche« in seinen Anfängen zurückreichen, aber kein alter
Leipziger Lokalhistoriker erwähnt den Brauch, auch Joh. Jak. Vogel
nicht, der doch gewissenhaft alle alten Bräuche in seinen »Annalen«
verzeichnet hat, wenn sie zu irgendwelchen Ausschreitungen Anlaß gaben.
Ich kann den Brauch nicht für allzu alt halten, und glaube, daß seine
Entstehung sich auf einfache, natürliche Weise erklären läßt. Allerorts
pflegt man gern die Jahrmärkte, Schützenfeste und andere Volksfeste
benachbarter Orte zu besuchen, weil man meint, sich dort etwas mehr
»austun« zu können als zu Hause, und vor allem die Herren Studenten
waren jederzeit dazu geneigt. Warum sollten dann die Leipziger nicht
auch nach Taucha gehen? Unterwegs blieb mancher Trinkfeste schon in
einer der vielen Gastwirtschaften hängen, und schließlich wurde in
diesen und ihrer Umgebung mehr geboten, als in der kleinen Stadt,
die man gar nicht mehr besuchte. Und Mummenschanz hat man wie bei
allen Völkern auch in Leipzig jederzeit gern getrieben, nicht nur um
unerkannt der rauhen Wirklichkeit und den Behörden ein Schnippchen zu
schlagen, sondern auch aus tieferen, kultischen Gründen: Die heiligen
Christspiele – J. J. Vogel nennt sie deshalb ~larvae natalitiae~ –
arteten ebenso in solchen aus, wie die Spiele der Fastenzeit und die
Passionsspiele. Ganz besonders wurde der Mummenschanz in der Fastenzeit
aufs ausgiebigste betrieben und zwar mit soviel die öffentliche Ordnung
und Sicherheit gefährdenden Begleiterscheinungen, daß der Rat besonders
im 17. Jahrhundert aller zwei bis drei Jahre das ganze Treiben verbot.
Könnte da nicht, da sich das Volk doch einmal im Jahr austoben
wollte, als Ersatz für diese Fastnachtsmummereien der »Tauchsche«
aufgekommen sein, in dessen Verkleidungen sich – allerdings, wie
das bei Volksbräuchen üblich ist, ~post festum~ – Zeitmoden und
-liebhabereien wie Rokoko, Alpensport, Indianerschwärmerei, in bunter
Reihe widerspiegeln.
Nebenher sei bemerkt, daß von allen sonstigen Fastenbräuchen sich
nur ein weit verbreiteter, und zwar ganz verblaßt, in die Gegenwart
gerettet hat; es ist das »Ascheabkehren« am Aschermittwoch.
Bettelkinder laufen heute noch an diesem Tage mit Tannenreisern in die
Häuser, um unter Herleiern des Verschens »Asche abkehren, langes Leben,
müßt mer och en Dreier geben« Gaben zu heischen. Nur ein anderer in
Leipzig noch üblicher Vers
»Asch’ abkehrn is Mode
mit der grünen Knote.
Bin e kleener Keenig,
gebt mer nich zu wenig,
gebt mer nich zu viel,
sonst kriegt ihr ’n Besenstiel«
läßt in seiner zweiten Zeile ahnen, daß man es hierbei mit einem
uralten Fruchtbarkeitsbrauche, dem Schlagen mit der Lebensrute, zu tun
hat.
Wenn ich mich des Raumes wegen in meinen Ausführungen auch nur auf
heute noch übliche Volksfeste und -bräuche beschränken möchte,
so möchte ich doch noch in Kürze das Leipzig eigentümliche
»Fischerstechen« erwähnen, das gewöhnlich am 3. August aufgeführt
wurde, wenn dasselbe auch während des Krieges eingeschlafen ist und
an allgemeinem Interesse auch schon vor dem Kriege eingebüßt hatte.
Wir haben es dabei mit einem der in vielen deutschen Städten beliebten
Handwerker- und Zunftfeste zu tun. Es ist sicher eine Nachahmung des
im Mittelalter berühmten Ulmer Fischerstechens. Mit einem festlichen
Umzuge, der vor dem Hause des Oberfischermeisters zu einer kurzen
Ovation Halt macht, wird das Fest eröffnet. Dann geht es zum Teiche –
anfangs in Apels, später in Reichels Garten, zeitweilig wohl auch zu
dem in der Großen Funkenburg –, wo die Kämpfer die bereitgehaltenen
Kähne besteigen, während die alten Herren, die in Frack und
Schnallenschuhen und mächtigem Dreimaster dem Zuge voranschritten,
mit der Musik und den Gästen auf einem festlich geschmückten Boote
Platz nehmen. »Mit hoch erhobener Stange, auf der äußersten Spitze
des Kahnes stehend, versuchen nun die jungen Leute, sich gegenseitig
ins Wasser zu stoßen. Die Kähne werden je zwei und zwei handgemein,
und unter jauchzenden Zurufen der Zuschauer und unter dem Tusch
der Musik nimmt bald hier, bald dort ein überwundener Streiter ein
unfreiwilliges kaltes Bad. Selbst die unechten Mohren, die im Zuge
einen Bären führten, bleiben nicht verschont und steigen – weiß
gewaschen wieder aus den Wellen. Einen anderen Teil des Festes macht
das Aalfangen aus. Über den ganzen Teich ist eine Leine ausgespannt,
an welcher ein lebendiger Aal befestigt ist, um den sich nun die
jungen Fischer bemühen. Boot auf Boot gleitet rasch unter der Leine
hinweg, und der Reihe nach suchen die Fischer den schlüpfrigen Fisch
zu erlangen; nach vielen Mißerfolgen gewöhnlich erst gelingt es diesem
oder jenem, das Tier zu erhaschen und sich so zum Helden des Tages
zu machen.« Das erste Fischerstechen wurde jedenfalls am 12. Mai
1714 zu Ehren Augusts des Starken, der seinen Geburtstag in Leipzig
feierte, gehalten und aufs glanzvollste ausgestattet. Kaufmann Apel
hatte sogar Gondelführer aus Venedig kommen lassen. Der König war so
entzückt, daß er den Fischern das Recht verlieh, jedes Jahr ein solches
Wasserturnier abzuhalten und dabei eine Fahne mit dem kursächsischen
Wappen zu führen. Die älteste Beschreibung des Fischerstechens lieferte
ein komischer Kauz namens Johann Christian Trömer (pseudonym: Deutsch
Francos Jean Chrêtien Toucement) 1717 in poetischer Form und einem
wunderlichen »deutsch-französischen Kauder- und Schauderwelsch« ~à la~
Riccaut de la Marliniere; sie beginnt:
»Die Königk aus der Pohl Sie ahn die kroßen Knad,
Und seh die Fischer-Steck mit Ihre Ohffen-Statt.
Ick ahb ock all keseh, und ahb nock nit verkeß,
Drum ick will reckt beschreib, wie diese Lust keweß.«
[Illustration: =Fischerstechen.= Nach Aquarell von Georg Emanuel Opiz]
Wird dieser einzige uns gebliebene Zunftbrauch vergangener Tage wieder
aufleben? Auf dem großen Elsterbecken draußen vor dem Frankfurter Tore
würde Tausenden Gelegenheit gegeben werden können, ihn sich anzuschauen
zum Ruhme der alten »Seestadt« Leipzig.
Fußnoten:
[6] Vergleiche zum Johannisfeste des Verfassers Buch »Leipzigs
Sagen im Spiegel seiner Geschichte« und Ernst Kroker, Das
Johannisfest und Johannistal (Leipz. Kalender 1911).
[7] Dr. Uhlemann, Taucha. Das Werden einer Kleinstadt auf
flurgeschichtlicher Grundlage aufgebaut. Obersächsische
Heimatstudien, herausgegeben von Prof. Kötzschke und Dr.
Uhlemann, Heft 2.
De Heimat[8]
Von _Franz Ehregott Hauptvogel_
Es is e därft’ches Fleckchen Erde,
uff den mar hier geboren sinn.
Gee Wasser hamm mar, geene Berche,
bloß plattes Land uff Meilen hin.
Fast nischt wie Felder un wie Wiesen,
ä gelwer, dann ä griener Strich.
Bedenkt mar andre da – nee wärklich,
verwehnt hat de Natur uns nich.