Außer der primitiven Technik unseres Lehmhausornamentes weist aber

noch ein zweiter Umstand in die graue Vorzeit als den Nährboden

solcher Kunstübung, ein Umstand, der uns die Muster nicht mehr allein

aus reiner, primitiver Schmuckfreude herleiten läßt. Das ist das

Auftreten symbolartiger Bildzeichen. So erscheint, von mir freilich

nur erst einmal in Leipzigs Umgebung beobachtet (Wölpern, südöstlich

Eilenburg), in Verbindung mit Zickzackmusterung ein Bäumchen auf

gestellartigem Untersatz, beides in Stichmanier ausgeführt. Ganz

gleiche primitive Bäumchen mit aufwärtsweisenden Zweigen, wiederum

verbunden mit Dreieckzacken und Punktmusterung sind im Hannöverschen

als gelegentliche Malerei an Hausbalken bekannt. Auf Befragen eines

volkskundlich eingestellten Forschers gaben Einheimische eine bildliche

Ausdeutung der abstrakten Muster bis auf die Punktdreiecke, deren

Erklärung mit einem »zweideutigen Schmunzeln« abgelehnt wurde[5]. Sie

dürften wohl geschlechtliche Beziehung haben. Und da solche Zeichnungen

einer Braut im Hause gelten, so ist die Beziehung auf künftige

eheliche Fruchtbarkeit offensichtlich. Was hier im symbolischen Sinne

geschieht, ist in alten Zeiten als zeichnerischer Fruchtbarkeits-

und Abwehrzauber geübt worden. Darauf weist auch das Auftreten der

Symbolzeichen in jenen steinernen Grabkammern des Neolithikums hin, in

denen gerade das primitive Bäumchen, mit einem Sonnenrad beziehungsvoll

verbunden, wiederholt beobachtet worden ist.

So kann vergleichende Volkskunde und Vorgeschichte die bescheidensten

Zeugnisse heimatlicher Volkskunst in ein neues Licht rücken. Mochten

die heutigen Lehmwandmuster auch von ihren Herstellern nur als Schmuck

angebracht und empfunden worden sein, so gehen sie doch letzten

Endes auf alte Vorbilder zurück, in denen sich Schmuckwirkung mit

zauberischer Absicht verband. An anderem Bauzierat des Hauses läßt sich

diese Verwurzelung in primitiver magischer Denkweise vorgeschichtlicher

Kulturen deutlicher erkennen. Doch liegt hier durch die Sammlung

von Wetterfahnen, Giebelzeichen, Dachluken, Hausinschriften usw.

ein ungleich reicheres Material vor. Möchten sich auch für unsere

aussterbenden Lehmwandmuster einige Heimatforscher finden, die durch

zeichnerische Sammelarbeit das Material vermehren helfen, das auf

diesen Seiten nur erst teilweise veröffentlicht worden ist, und das

zusammenzutragen mir manche Freude bereitet hat.

Fußnoten:

[4] Mitteilungen der Anthropolog. Gesellschaft in Wien. Bd.

VII, S. 318, mit Abbildung.

[5] Zeitschrift für Ethnologie. Verhandlungen 1896, S. 589, mit

Abbildung.

Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig

Von Dr. _Gustav Schulze_, Leipzig

Es ist jetzt vielfach die Rede von großzügigen Bebauungs-

und Wirtschaftsplänen, durch die nicht nur die eigentlichen

Siedlungsflächen, Bau- und Industrieland, sondern auch die Adern des

Personen- und Güterverkehrs zu Wasser und Lande, Eisenbahnlinien,

Autostraßen, vor allen Dingen aber die Grünflächen, die Lungen der

Großstadt, weitblickend festgelegt werden sollen.

[Illustration: Abb. 1]

Künstlich angelegte Grünflächen, Promenaden, Volksparks werden immer

etwas Gewolltes, Unnatürliches an sich haben, die wahre Erholungsstätte

für alt und jung bleibt doch der Wald. Nur schade, daß er sich in

seiner natürlichen Unberührtheit, sei es auch nur Kulturwald, nur

selten noch nahe dem Weichbild einer Großstadt finden wird. Bei

Leipzig, dessen Lage ja, mit Unrecht allerdings! für besonders reizlos

gilt, wird man das am wenigsten vermuten und doch ist es der Fall. Zehn

Kilometer Luftlinie vom Marktplatz, vier Kilometer von der Stadtgrenze

entfernt, befindet sich ein echter Nadelwald von acht Quadratkilometern

Fläche, das Staatsforstrevier Harth. Der Name bedeutet soviel wie

Weidewald.

[Illustration: Abb. 2. =Aus der Harth=]

Die Harth, Leipzigs Stolz und meistgewähltes Ausflugsziel – jede

Leipziger Schulklasse tobt sich hier einmal wenigstens im Jahr aus,

– liegt auf einer diluvialen Halbinsel zwischen den kilometerbreiten

Talauen der Elster und Pleiße, die sich noch südlich der Stadt Leipzig

vereinen und als breiter Auwaldstreifen die westlichen Vororte von

dem eigentlichen Stadtkern scheiden. Die diluviale Tafel erhebt

sich etwa fünfzehn Meter über die Auen und erreicht innerhalb der

Harth im Südwesten ihren höchsten Punkt mit 133 Meter, an der Straße

südlich Prödel liegt die tiefste Stelle mit 122 Meter. Die geringe

Erhebung über den Grundwasserspiegel hat genügt, hier einen typischen

Trockenwald, eine kleine Heide entstehen zu lassen, der allerdings alle

dünenartigen Bodenwellen völlig fehlen. Die Eigenart der diluvialen

Bodendecke hat diese Heidebildung noch begünstigt.

[Illustration: Abb. 3. =Maientag im Harthwalde=]

[Illustration: Abb. 4. =Alter Kiefernbestand in der Harth=]

Den Boden der Harth bildet eine sechzig bis hundert Zentimeter dicke

Lößschicht, ein durchaus gleichförmiges Gebilde, dem Geschiebe

fast gänzlich fehlen. Dieser Löß liegt über lockeren und daher

leichtdurchlässigen altdiluvialen Flußschottern. So war es möglich,

daß durch Auslaugung der feinen Bestandteile und ihre Wegführung nach

unten eine Decke von sandartigem Habitus übrig blieb, die, physikalisch

betrachtet, wohl einen guten Boden darstellt, aber bei rund

fünfundachtzig Prozent Kieselsäure doch recht arm an Nährstoffen ist.

Sandliebende Pflanzen werden sich hier wohlbefinden und so entstand

ein echter Heidewald mit Kiefern, Fichten, Lärchen und Birken; den

Boden besiedeln Heidekraut und Heidelbeeren, Farne und Maiblumen, die

der Leipziger natürlich weit mehr schätzt als den Knoblauch, der ihm

zuzeiten die schönen Auenwälder fast vergällt.

[Illustration: Abb. 5. =Am Wege nach Zwenkau=]

[Illustration: Abb. 6. =Kiefernbestand in der Harth=]

Im Gegensatz zur feuchten, nebel- und mückenerfüllten Aue stellt die

Umgebung der Harth ideales Siedlungsgelände dar. Das mag schon immer

so gewesen sein, denn rings im Umkreis weisen Erdfunde, in der Harth

selbst der Rennstieg, Wallanlagen und Brandgräber mit Aschen- und

Knochenresten (Bronzezeit?) auf eine vorgeschichtliche Besiedlung

hin. Auch die Siedlungen der geschichtlichen Zeit haben sich aus

der Gefahrenzone des Überschwemmungsgebietes und vor seinen kalten

Nebeln hinaufgeflüchtet auf das diluviale Hochplateau. In engem

Kreise schließen Gaschwitz, Debitz-, Groß- und Probstdeuben, Stöhna,

Zeschwitz, Zwenkau, Prödel, Zöbigker und Großstädteln die Harth ein.

Es ist gar kein Zweifel, daß ihre ackerbautreibende Bevölkerung in

früheren Zeiten der Harth manchen Quadratmeter Boden abgerungen hat,

denn der Heideboden reicht viel weiter, als sich heute die Harth

erstreckt. Sie war darauf angewiesen, dort ihren Pflug anzusetzen,

denn die Aue eignete sich nur für Wiesenkultur. Alle diese Orte haben

sich bis heute frei von Industrieunternehmungen gehalten, und kein

giftiger Qualm, kein ohrenbetäubender Lärm belästigt hier den Erholung

suchenden Menschen. Die meisten der Orte wußten die Vorzüge ihrer Lage

wohl zu schätzen und hoben sie durch vorzüglich ausgebaute Straßen und

mustergültige Beschleusung. Wohlgepflegte Wege führen von all diesen

Orten hinüber zur Harth, und Gaschwitz, Deuben und Zwenkau schieben

sich heute schon mit Villenkolonien dicht an sie heran.

[Illustration: Abb. 7. =Lärchen in der Harth=]

Alles in allem, die Harth ist das Ideal eines natürlichen

Großstadtgrünfleckes. Die Eisenbahn hat die Bedeutung dieser Tatsache

voll erfaßt und bringt die Ausflügler der Altstadt, wie auch der

östlichen, südlichen und westlichen Vororte vom Hauptbahnhof, vom

Schönefelder, Stötteritzer, Gautzscher und vom Plagwitzer Bahnhof her

Sonn- und Wochentags mit vierundfünfzig Zügen heran, und von Gaschwitz,

Deuben, Großstädteln, Böhlen oder Zwenkau mit siebenundfünfzig Zügen

bei einer Fahrzeit von rund zwanzig Minuten wieder in die Großstadt

zurück. Bis zum Gaschwitzer Bahnhof, dessen Verkehr dem einer Großstadt

wenig nachsteht, ist die Strecke viergleisig ausgebaut, und die

neuzeitlich ausgestattete Bahnhofsanlage ermöglicht auch die glatte

Abwicklung des Feiertagsverkehrs, der durch Sonderzüge gewöhnlich noch

eine Steigerung erfährt.

[Illustration: Abb. 8. =Eichen in der Harth=]

Eine der besten Autostraßen Leipzigs führt über Connewitz, Gautzsch,

Zöbigker, Prödel geradlinig zur Harth, und über Knauthain, Eythra,

Zwenkau sowie Ötzsch, Städteln, Gaschwitz ist die Zufahrt im Auto nach

der Harth ebenfalls günstig.

Der Hauptvorteil der Harth gegenüber anderen Nadelwäldern in Leipzigs

weiterer Umgebung liegt darin, daß sie durch Fußgänger auf schattigen,

staubfreien Wegen fast von allen Teilen der Stadt aus zu erreichen

ist, ohne daß man dabei vom Groß- und Schnellverkehr belästigt wird.

Vom Westen und Süden der Stadt aus kann man ohne großen Umweg in der

Elsteraue über Lauer, Cospuden, Eythra, Zwenkau oder vom Osten aus in

der Pleißenaue über Lösnig, Dölitz, Markkleeberg, Crostewitz, Gaschwitz

zur Harth gelangen. Die Karte vermöchte dieses weitverzweigte Wegenetz

doch nicht vollständig wiederzugeben, darum wurde gar nicht erst der

Versuch gemacht, um den Eindruck der Geschlossenheit der Auen zwischen

Stadt und Harth nicht zu verwischen.

[Illustration: Abb. 9. =Am Rande der Harth bei Zwenkau=]

Schon auf der Wanderung zur Harth findet der Naturfreund vieles, was

sein Herz erfreut, breite schattige Wege durch den hochstämmigen

Auenwald oder enge verschlungene Pfade durch Weiden- und Erlengebüsch,

ständig wechselnde Bilder längs der zahlreichen Wasserläufe, lauschige

Plätzchen an stillen, von Wasserlinsen überzogenen Altwässern, breit

hingelagerte Ziegeleien inmitten blumiger Wiesen, in entlegenen

Talwinkeln und Flußschleifen verträumte alte Wassermühlen und

efeuumsponnene Herrenhäuser hinter halb ausgetrockneten Schutzgräben.

So gelangt man auf immer neuen, immer schönen Wegen in zwei, drei,

höchstens vier Stunden hinaus zur Harth. Und nun hat man den doppelten

Genuß. Der Laubwald ist reizvoll, es ist doch aber immer wieder

etwas Eigenes um den Nadelwald in seiner herben, straffen Schönheit.

Kerzengerade streben Fichten und Kiefern zum Himmel empor, in geraden

Reihen, Soldaten gleich, wies ihnen die sorgende Hand des Försters den

Platz. Gradlinig ziehen Schneisen und Wege dahin, weite Durchblicke

gewährend, die dunklen ernsten Massen gesäumt von lichten, freundlichen

Birken und Lärchen.

Mag an den Pfingstsonntagen die Harth noch so stark von Tausenden

und Abertausenden besucht sein – »hier ist des Volkes wahrer Himmel«

– der Kundige findet immer noch ein ruhiges, friedliches Plätzchen

in verschwiegenem Gebüsch und vergißt für einige glückliche Stunden

das Großstadtgetümmel und ruht und träumt, daß kluge Menschen und

ein weitblickender Staat aus diesem unersetzlichen Kleinod einen

Naturschutzpark gemacht hätten, den keine frevle Hand berühren darf

und wenn das mächtigste Braunkohlenflöz der Erde darunter läge. – Ein

schöner Traum, aber vielleicht wird er doch noch Wirklichkeit, wenn

auch die Gefahr groß ist, die der Harth vom Staatlichen Braunkohlenwerk

Böhlen her droht.

Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der

letzten Jahrzehnte

Von _Richard Schlegel_

Vergehen und Werden, Unbeständigkeit und Wechsel sind die ehernen

Gesetze, denen sich alles Naturgeschehen vom »ersten Schöpfungstage« an

beugt. Und dieser Wechsel im Aufbau unseres Planeten prägte in langen

erdgeschichtlichen Epochen die reich differenzierte Pflanzen- und die

mit ihr in innigster Wechselbeziehung stehende Tierwelt, deren Zahl

sich in Legionen verliert. Der Wechsel in der Vergangenheit rief der

Vielgestaltigkeit der Lebewesen sein Werde!, und der Wechsel in der

Zukunft beugt sie wieder unter seine zwingende, umformende Gewalt. Der

Wechsel in Bodenbeschaffenheit und Klima nagte an der Starrheit der

Art und schuf in den Rassen Abwechselung und Vielgestalt. Wie wirkt

aber der Wechsel auch in geschichtlich absehbaren Zeitabschnitten noch

heute verändernd und umgestaltend auf die uns umgebende Lebewelt? Das

zu verfolgen, soll hinsichtlich einer scharf umrissenen Tierklasse, der

Klasse der Vögel, der Zweck meiner kurzen Ausführungen sein, soweit

dies auf engbemessenem Raume möglich ist. Zu Untersuchungen nach

dieser Richtung bietet gerade ein Lebensraum mit einer Millionenstadt,

wie sie annähernd Leipzig ist, im rastlosen Wechsel des Werdens und

Veränderns die denkbar beste Gelegenheit. Ja, fordert sie den Natur-

und Heimatfreund, der jahrzehntelang nicht achtlos am lauten Herzschlag

des Naturgeschehens auch inmitten des hastenden Räderwerkes einer

Großstadt vorüberging, nicht geradezu zu solchen Vergleichen heraus?

Zwar dürfen wir nicht erwarten, daß in so kurzen, übersehbaren, am

Leben des Menschen gemessenen Zeitabschnitten sich die Veränderung der

Umwelt auch morphologisch und physiologisch im Vogel widerspiegelt,

solche Umformung mißt man mit Meilenmetern und Millionenjahren; sie

finden nur in biologisch-ökologischen Faktoren sichtbaren Ausdruck. –

Die lawinenartig wachsende Zunahme der Bevölkerungszahl in der

Vorkriegszeit forderte gebieterisch Neuland für Siedlungszwecke.

Wo einmal goldene Ähren im Winde nickten, und frischgrüne, bunt

durchwirkte Wiesenflächen die Häusermauern malerisch säumten, da

machen sich neue Straßen breit und greifen weit hinein in die einst

ländlich stille Landschaft, wo der Pflug friedlich seine Furchen zog.

Damit im Zusammenhange steht, daß die Wellen des Großstadtverkehrs

weit hinaus in ländliche Gefilde schäumen, auf die ehemals Ruhe und

Frieden ihre Fittiche breiteten. Verödet und entheiligt vom Tritt und

Lied naturfremder Wanderscharen liegen die Gefilde, wo einstmals unser

stolzester und ansehnlichster Vertreter der deutschen Vogelwelt, der

_Großtrappe_, in reicher Besiedlung heimatete und bis in Stadtnähe

heran dem Brutgeschäfte obliegen konnte. Nur noch ganz sparsame Reste

dürften es sein, die uns in südwestlichen und nördlich-nordöstlichen

Gebieten, nahe der preußischen Landesgrenze, erhalten geblieben sind.

Wir wünschen den Bestrebungen des sächsischen Heimatschutzes von Herzen

Erfolg bei seinen Bemühungen um Erhaltung dieses vaterländischen

Naturdenkmals ganz hervorragender Art. –

Noch in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstreckten

sich, vom hinteren Rosentale an, über Gohlis, Möckern und Wahren

hinaus ausgedehnte Ausstichsümpfe und Lachengebiete mit interessanten

feuchtigkeits- und wasserliebenden Pflanzengemeinschaften, die einer

ebenso interessanten und vielseitigen Lebewelt von der Amöbe bis zur

Wasserspitzmaus in lückenloser Aufstiegreihe die Daseinsbedingungen

schufen. Auf diesen wahrhaft klassischen Stellen, nun ausgefüllt

mit allem Unrat der Retorte Großstadt, baut gegenwärtig der

Schrebergärtner Salat und Sellerie. Hier »erfreuten« sich einst

_Höckerschwan_, _Zwergrohrdommel_, _Knäkente_, _Blaukehlchen_ und

allerlei heimliches, lichtscheues _Rallenvolk_ ungestörten Daseins.

Wiesen- und Gartengelände wurden gewonnen, aber die Mücken leben dort

scheinbar alle noch, und _Höckerschwan_ und _Blaukehlchen_ sind aus

der Liste Leipziger Brutvögel zu streichen. Andere Stellen gleicher

Beschaffenheit, beispielsweise die Luppensümpfe bei Gundorf, verlanden

mehr und mehr. Wo man noch im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts dort

auf den Schlammbänken und Seichtwasserstellen zur Zugzeit allerlei

artenreiches Stelzvogelvolk anzutreffen die sichere Aussicht hatte,

wetzt zwar noch Bläßhuhn und knärren die Entenerpel, aber Reichtum

und Vielseitigkeit gehören der Vergangenheit an. Die fortschreitende

Entwässerung des Geländes überhaupt war einer der einschneidendsten

Faktoren in der veränderten Physiognomie der Vogelwelt des Leipziger

Gebiets. Vom Nisten des _weißen Storches_ berichten uns Vogels Annalen

aus früheren Jahrhunderten, und selbst aus den dreißiger Jahren des

vergangenen Jahrhunderts sind uns noch drei Stadtbrutstellen bekannt.

Heute sind sämtliche Niststellen der näheren und weiteren Umgebung

verlassen, und selbst bis zur Elbe hin war 1924 Malkwitz, östlich

der Mulde, der einzige Ort überhaupt, der noch eines Nistpaares sich

rühmen durfte. In einer im Druck erschienenen Broschüre, Verlag von Max

Weg, Leipzig, über die Vogelwelt Nordwestsachsens, habe ich aller uns

bekannt gewordenen Niststätten eingehender gedacht. Wer sich näher für

das Werden und Verändern der Vogelwelt dieses Gebiets interessiert, den

verweise ich auf die dortigen Ausführungen. –

Ein Zeitgenosse Chr. L. Brehms, der alte Leipziger Ornithologe Heinrich

Kunz, berichtet uns, daß in den dreißiger Jahren des vergangenen

Jahrhunderts auf der sogenannten Kuhweide, einem sumpfigen, mit Hecken

durchsetzten Wiesengelände an der Frankfurter Straße, der _graurückige

Würger_ so häufig genistet habe, daß die Sammler die Eier überhaupt

nicht mehr beachteten, und daß auf Schimmels Teich – in der Gegend des

Reichsgerichts – u. a. auch die niedliche _kleine Rohrdommel_ und die

_große Rohrdommel_ gebrütet haben. Heute ist der graue Würger wohl

schon allenthalben in deutschen Gebieten als Seltenheit zu werten.

Den Schönefelder Rohrteich kannte Kunz als Brutort der _Rohrweihe_

und _Sumpfohreule_, Arten, von denen es heute wie im Märchen heißt:

»Es war einmal«. Teils ohne ersichtlichen Grund, teils des Eierraubs

wegen, wie behauptet wird, sind die _Lachmöwen_kolonien der Rohrbacher,

Haselbacher und Eschefelder Teiche sowie die Brutgebiete der _Fluß-_

und _Zwergseeschwalbe_ im Muldengebiete bei Wurzen bzw. an den

Rohrbacher Teichen gegenwärtig völlig erloschen. Hinsichtlich des

_Wachtelkönigs_ sei erwähnt, daß gegen Jahrzehnte zurückliegende Zeiten

eine stetige und sichere Abnahme zu verzeichnen ist. Ein jahreweises

Aufleben des Bestandes kann die Tatsache zwar verschleiern, aber

nicht entkräften. Das einstige Vorkommen erstreckte sich ausnahmslos

auf die ausgedehnten üppigen Wiesenflächen der heimatlichen Fluß-

und Bachläufe, sowie der grün umrahmten Teich und Lachengebiete, ohne

in den mehr trockenen Gebietsstrichen des Nordens und Ostens ganz zu

fehlen. Selbst ganz stadtnahe Wiesen beherbergten den Wiesenknarrer

jahrelang und nicht selten. Ich muß ferner als äußerst bemerkenswerte

Tatsache darauf hinweisen, daß nach dem Berichte des zuverlässigen

Oberförsters Fritzsche in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts

auch Wodans Vogel, der reckenhafte _Kolkrabe_, im nahen Harthwalde

Heimatsrecht genoß. Leider fehlen eingehendere Aufzeichnungen

hierüber, aber zwei Belegstücke im Zoologischen Universitätsmuseum

aus Connewitzer- und Kleinzschocherschem Gebiet zeugen noch von dem

Märchen aus vergangenen Zeiten. Bei der Sippe der Schwarzkittel

angekommen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß die letzten städtischen

_Saatkrähen_kolonien am Eingange zum Rosentale und an der nördlichen

Promenade 1895 bzw. 1908 erloschen. Von den weiteren einstigen

zahlreichen Kolonien der Leipziger Flußgebiete besteht gegenwärtig

nur die bei Kahnsdorf-Zöpen noch, vielleicht die einzige des engeren

Vaterlandes. Auch unsere schmucke, einst in Stadtnähe brütende

_Elster_ ist selten geworden und scheinbar noch völliger Vernichtung

preisgegeben; schade um den reizenden Burschen. Mir ist sie unter

solchen Umständen auch als Waidmann heilig. –

Was das ritterliche Geschlecht der gefiederten Räuber betrifft, so

bleibt die tief bedauerliche Tatsache bestehen, daß es mit ihrem

Bestande tief nach abwärts gegangen ist. Heute muß schon ein brütendes

_Bussard_pärchen als seltenes Beobachtungsobjekt gewertet werden. Wie

arm ist doch die Natur geworden, wenn wir der Zeiten gedenken, da

der _Fischadler_ nach Ludwig Thienemann noch Brutvogel »in der Nähe

Leipzigs« war und der König der Lüfte, der braune und rote Milan, im

Landschaftsbilde stolz seine Kreise zog, dahin, unwiederbringlich; »ein

Loch in der Natur« schließt sich nur in den seltensten Fällen wieder.

Ich kann an dieser Stelle leider nur andeutungsweise berichten und muß

wiederum auf die bereits erwähnte Broschüre verweisen. –

Noch dürfen wir Leipziger in unserem landschaftlich reizvollen

Niederungsgebiete uns gewiß einer reichen, sangesfrohen Kleinvogelwelt

erfreuen, aber auch an ihr sind mancherlei schädigende Einflüsse nicht

spurlos vorübergegangen. Die _Uferschwalben_kolonien peripher gelegener

Stadtteile gehören seit langen Jahren schon der Vergangenheit an; sie

wurden, auch weniger an Individuenzahl, in weiter abseits gelegene

ländliche Bezirke gedrängt. Der rotrückige _Würger_, der einstige

Hauptbrutpfleger des Kleinvogelmörders Kuckuck, ist dort infolge

seines Pflegeramtes schon mehr ein Seltling geworden, und Cuculus

sucht nach neuen Ammenvögeln. Von den einstigen wenigen Brutstellen

des prächtigen _Rotkopfwürgers_ ist uns nur die Aufzeichnung im

Schrifttum geblieben. Jammer und Empörung greifen mir gleichzeitig

ans Herz, wenn ich nun auch der Sängerkönigin _Nachtigall_ gedenken

muß. Wohin sind die Zeiten, da wir ihrem Schlage noch in Stadtnähe und

selbst in städtischen Grünlandstellen andächtig und ergriffen lauschen

und uns rühmen durften, das reichstbesiedelte Nachtigallengebiet

des Vaterlandes unser Eigen nennen zu können! Und alle dicht

bebuschten Auen der Flußläufe klangen im Wonnemonat wieder vom

Jubel der zahlreichen Sänger. Vielfach fielen das Buschholz und die

Heckensäume des Waldes, und Raubtier ~homo insipiens~ vollendete,

was dem tierischen Großstadtraubwild noch entgangen war. Selbst die

städtischen Anlagen wurden einer rücksichtslosen, gemeinen Fängerzunft

tributpflichtig. »Der Moor hat seine Schuldigkeit getan« in Stadt und

Stadtnähe, aber das tückische Schlaggarn lauert weiter draußen, wo

die Welt noch »vollkommener« ist im königlichen Sänger. Wie lange,

bis auch dort nur noch das rauhe Lied »des Raben« durch die Öde

hallt. Es ist erschreckend rückwärts gegangen mit dem Bestand unserer

Nachtigall. Selbst von den nordwestlichen Gegenden der Elsteraue, wo

man vor etwa fünf Jahren noch den Sänger in erfreulicher Zahl verhören

konnte, lauteten die letztjährigen Berichte niederschmetternd und

hoffnungslos. –

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 7–10 · 第 4 / 6 段