Aber der Wandersmann braucht darum freilich sich nicht zu grämen.

Und so besteigt er denn auch großmütig den preußischen Zug, um zwei

Stationen weit nordwärts nach Rackwitz zu fahren. Hei, wie jagt schon

beim Verlassen des Wagens der West ganz anders schneidig vom fernen

Landsberger Kapellenberge mit der kunstreichen Doppelkapelle aus

Barbarossas Zeiten herüber, als eben noch im gemütlichen Sachsen.

Rein ländliche Gefährte und Gefährten am kleinen Bahnhof, der auch in

seinem Ziegelrohbau und mit der Birkenallee als Zufahrt uns leise schon

die Überschreitung der Grenze veranschaulicht. Bald verläuft sich der

kleine Schwarm. Die unwahrscheinliche Stille und Weite der großlinigen

Ebene schluckte sie unversehens auf.

[Illustration: Abb. 4. =Theklakirche: Friedhof=]

[Illustration: Abb. 5. =Buschnaukirche=]

Denn meilenweite Felder umfrieden wie im Westen um Lützen, Großgörschen

und Kitzen, und im Südosten um Wachau und Liebertwolkwitz, so besonders

hier im Norden, fast unmittelbar jenseits des Weichbildes die Stadt.

Schon Breitenfeld, einst gleichfalls blutige Walstatt, drüben wenig

Kilometer von der Stadtgrenze, könnte ebensowohl ein Gutsbezirk in

Pommern sein mit seinen weiten, ausnahmslos dem Rittergut gehörenden

Flächen, der Brennerei und den Landarbeiterkasernen und mit dem dunklen

Forst, der auch in den letzten Jahren und Jahrzehnten noch so manche

blutigen Kämpfe zwischen Wilderern und Förstern erlebte.

[Illustration: Abb. 6. =Landschaft bei Hayna=]

[Illustration: Abb. 7. =Blick von Hayna nach Radefeld=]

[Illustration: Abb. 8. =Bei Gumlitz=]

Wundersam wandernde und wechselnde Wolkengebirge treiben uns entgegen.

Oh, ja, auch der Wanderer im Leipziger Lande kann es verstehen lernen,

hat er nur Sinn und Andacht dafür, was der Wilde Jäger unseren

Urvätern, was die Windsbraut den Romantikern mit ihrem Fernweh

bedeutete, und was auch uns neunmal Weisen und Geschäftstüchtigen

ein Luftschloß für ein narrendes und doch beglückendes Ding sein

kann. Stieg da nicht eben eines blau auf, dort links hinter

dem Kapellenberge? Ja, nein, doch ja. Und es ist diesmal wahrlich

kein Luftschloß nur: Der Petersberg ist es mit Kirche und Ruine des

Klosters, das vor achthundert Jahren sich Otto der Reiche, derselbe,

der 1160 Leipzig mit Stadtrecht begabte, als Alterssitz erkor, um hier

auf dem ~mons serenus~, dem Lauterberge des Mittelalters, der Wiege

seines Geschlechts und dem Himmel zugleich näher zu sein.

[Illustration: Abb. 9. =Hayna=]

[Illustration: Abb. 10. =Alt-Schkeuditz=]

[Illustration: Abb. 11. =Kirche zu Horburg=]

[Illustration: Abb. 12. =Kirchenportal Hayna=]

Unterdessen haben wir ein paar hundert Meter jenseits der Delitzscher

Staatsstraße ein anderes und kaum jüngeres, ganz einsam in den Feldern

wachendes Gotteshaus erreicht. Eine Fichtenhecke säumt es und hegt den

verwunschenen »Gottesacker«, darauf nur noch wenig Dutzend Gräber eines

abgelegenen Dörfchens, überdacht von hohen Lebensbäumen, träumen.

Der Rest der Kirchfahrt ward, spätestens im Dreißigjährigen Kriege,

Wüstung, wie so viele Orte des schlachtenreichen Leipziger Blachfeldes.

Aber wenn die Nebel aus den Erlen des nahen Löberbachs aufsteigen, dann

steigen auch die Tillyschen Reiter und die schwedischen Musketiere aus

ihren eingesunkenen Gräbern. Dann geht es hoch her: Der Würfelbecher

kreist, und die Knöchel klappern so laut auf das Kalbfell, daß der

abendliche Wanderer drüben nicht daran denkt, daß es vielleicht nur

das Rütteln des morschen Fensterladens der Glockenstube war, was ihn

schreckte, der Glockenstube des alten, einsamen Gotteshauses mit dem

Märchennamen Buschnaukirche.

[Illustration: Abb. 13. =Freiroda=]

[Illustration: Abb. 14. =Sonnenaufgang im Leipziger Tiefland=

(Freiroda)]

[Illustration: Abb. 15. =Blick über Röglitz in die Aue=]

Doch wir steuern im flutenden Lichte der gütigen Nachmittagssonne

unbeirrt weiter westwärts. Ja, bei windigem Wetter, – und der

Wind ist häufig längs der Nordgrenzen Sachsens, – bei Föhn- und

Äquinoktialstürmen zumal ist Wandern durch, nein Wandern über das

Leipziger Land, außerhalb der Auen, oft wie eine Seefahrt. Ungehemmt

brausen die Stürme hier dahin, jagen und hetzen hundertfältige

Wolkengebilde, Schleiern, Rauchfahnen, Reitern gleich, von der Saale

zur Mulde. Schneestürme, Wolkenschatten, Sonnengarben wandern auf

Sturmesflügeln märchenschnell und märchensam, stundenweit auf der

endlosen Ebene verfolgbar, über die meilenweite Fläche in einem jäh

wechselnden Reichtum der Farben, der an Hochgebirge und wiederum an

Meereslandschaften erinnert. Kein Hindernis hemmt Fuß oder

Auge: Nur ab und zu schüttere Pappel- und Pflaumenalleen, aussterbende

sperrige Windmühlen und ab und zu ein einsamer Baumriese, ein

vergessener Moränenhügel und bei klarem Wetter immer wieder einmal eine

verblauende Wald- oder eine leise, ferne Hügellinie. Von Menschenwerk

sind da und dort eine romanische Wehrkirche, ein hochgiebeliges

Herrenhaus aus der Reformations- oder aus der Barockzeit und neuerdings

einzelne Wassertürme und das großmaschige, zu mancher Stunde seidig

knisternde Netz der elektrischen Überlandleitungen noch immer dem

Wanderer im Leipziger Land vielfach bald nach dem Überschreiten der

Stadtgrenze die einzigen Landmarken. Und sie sind zugleich Symbole

der Herren des Landes im Mittelalter, in der neueren Zeit und in

der Gegenwart, der Kirche also, dann des Feudalherrn und nun der

Volksgemeinschaft.

[Illustration: Abb. 16. =Auwald bei Schkeuditz=]

[Illustration: Abb. 17. =Auenlandschaft zwischen Elster und Luppe bei

Schkeuditz=]

[Illustration: Abb. 18. =Elsteraue bei Quasnitz=]

[Illustration: Abb. 19. =Auwald= (Maslau)]

[Illustration: Abb. 20. =An der Luppe bei Quasnitz=]

[Illustration: Abb. 21. =Auwald= (Maslau)]

[Illustration: Abb. 22. =Parthenaue=]

Die seltenen Dörfer Hayna, Radefeld, Freiroda sind zeitlos und

typisch: Lehmmauern und vielfach schon norddeutsche Ziegelbauweise

längs der Dorfstraße, rührende ernste Gotteshäuser aus

Findlingsblöcken, noch nicht wie in den Städten überschattet von den

Menschenmassenbehausungen, sowie diese hier noch nicht überwuchert

werden von den Werkstätten. Und doch waren diese verwitterten

Kirchen leicht längere Jahrhunderte schon katholisch, als sie nun

protestantisch sind. In Hayna fesselt ein unverhofftes kunstvolles

Portal mit romanischem Tympanon aus der Kreuzzugszeit und davor

ein Gedächtnismal für die Helden des Weltkriegs in so einfachen edlen

Formen, wie einst die alten Mäler aus den Jahrzehnten nach 1813 rings

im Leipziger Lande.

[Illustration: Abb. 23. =An der Luppe bei Wehlitz= (Schkeuditz)]

[Illustration: Abb. 24. =Elsterlandschaft mit Anlandungen=]

[Illustration: Abb. 25. =Auenlandschaft bei Schkeuditz= (Auenrand)]

[Illustration: Abb. 26. =Auen(Luppen)landschaft bei Maslau=]

Und immer wieder weite leise Wellen blauenden Landes. Die Elsteraue

taucht auf. Schkeuditz lugt über ihren steilen Nordhang. Großdölzig,

Bienitz und Wachberg und wieder weites Leipziger Land dahinter, winkt

von Süden westwärts Röglitz, die Sommerresidenz des Merseburger

Geigenherzogs und seines Hofes, und Gröbers, Vorposten des Hallischen

Kohlenreviers, wo in den Tagen des unseligen Kapputsches so viele

Tapfere ihre Pflichterfüllung mit dem Tode besiegelten. Den Horizont

aber begrenzen vor den hauchzarten Linien der ersten Thüringer Berge

längs der Saale das vieltürmige Merseburg, das architektonische Kleinod

des Leipziger Landes, Dürrenberg, die jahrtausende alte Salzstätte

und eine preußisch tadellos ausgerichtete kilometerlange Linie von

dreizehn, weit über hundert Meter hohen Schornsteinen – gottlob vier,

fünf Stunden von uns entfernt: Das Leunawerk, das neueste große Denkmal

deutscher Hand- und Geistesarbeit und das neue westliche Grenzmal des

weiten, einsamen, unbekannten Leipziger Flachlandes.

[Illustration: Abb. 27. =Lehmiges Hochufer der Elster=]

[Illustration: Abb. 28. =Teich bei Wehlitz=]

[Illustration: Abb. 29. =Trockenrisse bei Hartmannsdorf= (Elsteraue)

(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]

* * * * *

Über die verraste mittelalterliche Salzstraße von Halle nach Schlesien

und über die Eisenbahn von Leipzig nach Halle steigen wir durch

Hänichen oder Schkeuditz nun bald den Hang der Elster- und Luppenaue

hinab, die sich vier Kilometer breit als Elsteraue von Pegau–Groitzsch

nach Leipzig und von Leipzig bis zur Saale zieht. Erst nach der letzten

der – nach Jeckels neuesten Forschungen – wohl vier Eiszeiten, ist

die Elsteraue in geologisch sehr junger, schätzungsweise hundert bis

hundertundfünfzigtausend Jahre zurückliegender Zeit durch Erosion

des nach dem Schmelzen des Inlandeises viel wasserreicheren Flusses

entstanden. Andere, ähnliche Auen des Leipziger Landes, sind vor

allem die der Pleiße und der Parthe, dann die der Saale und Mulde

zwischen Weißenfels und Halle und zwischen Grimma, mehr noch zwischen

Wurzen und Eilenburg. Diese für das Leipziger Land ganz besonders

kennzeichnenden Flußauen sind bald urwald- und sumpfartig. Bald aber

sind sie, wie besonders an der Mulde, insbesondere bei Nischwitz,

Püchau und Thalheim, aber auch an der Pleiße und an der Parthe,

mehr wald-, park- oder wiesenartig. So sind auch zahlreiche große

Parks in den Auen angelegt worden; von den öffentlich zugänglichen

sind wohl die schönsten die der Schlösser Knauthain, Machern,

Lützschena und Dölkau. Zu jeder Jahreszeit aber bescheren die Auen die

sinnfälligsten und mannigfachsten Natureindrücke im Leipziger Land.

Häufige Überschwemmungen verändern auch heute noch, oft binnen weniger

reißender Stunden, durch Dammbrüche auf weite Strecken, zumal an der

Elster bei Bösdorf und Eythra und bei Gundorf, das Land und machen

mühsam angelandeten Wiesen- oder gar Haferboden für lange Jahre wieder

zu Schilfland, wenn nicht gar zu Lehmlachen. Dem Naturfreunde freilich

gewähren sie, und zwar schon vielfach innerhalb des Gebiets seiner

Seestadt Leipzig, unerwartet eindrucksvolle und mannigfache Bilder.

[Illustration: Abb. 30. =Löwenzahn bei Abtnaundorf=

(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]

Und die Rückstände dieser Überschwemmungen, feine Ton- und

Sandteilchen, oft durch Trockenrisse weithin netzartig geädert wie

manche Porzellane, bringen eine in Sachsen unübertroffen üppige Wald-,

Sumpf- und Wiesenvegetation hervor.

[Illustration: Abb. 31. =Fahrende Siebmacher unter der Linde bei

Wehlitz=]

Freilich bis zur Kaisereiche bei Maslau, wohl dem größten Baume

Sachsens und seiner Grenzgebiete mit weit über acht Meter Umfang etwa

einen Meter über dem Boden, mit achtunddreißig Meter Höhe und hundert

Festmetern Kubikinhalt, ist der Weg zu weit und verschlungen, nun

langsam der Abend niedersinkt. Fast ein wenig unheimlich wird es im

weiten Röhricht und unter den Espen und Erlen, die im aufkommenden

Abendwinde gespenstisch schauern. Weben und werben dort auf den Wiesen

gen Papitz nicht Erlkönigs Töchter in den Weiden über den Wassern?

Locken nicht Irrlichter ganz nahe vom schmalen abschüssigen Damm in ihr

feuchtes Reich? Und jetzt hebt auch ein Käuzchen hier an zu klagen und

ein zweites antwortet drüben über der Luppe her als Stimme und Symbol

der fast plötzlich verwandelten dunkelblauschwarzen Einsamkeit. Und als

wir nun auf oft verwachsenem Jägerpfad nach der Gundorfer Ziegelei zur

Straßenbahn hinüberschreiten, denken wir an manche Mär, die auch unsere

Aue, so wie den längst viel nüchterner gewordenen alten Sumpfwald der

Schratte, den Schraden bei Ortrand, mit Gestalten der Sage beleben, an

den Schatz im Attnitzberge bei Oberthau und an den Mann ohne Kopf an

der Kahlen Hufe bei Kleinliebenau, an den Drachen zu Zschöcherchen und

an den Köckeritz bei Möritzsch mit seinen mancherlei altgermanischen

Funden und mit seinen Sagen vom Wilden Jäger. Vielleicht ist es nicht

restlos Zufall, daß gerade am Rande der Aue die althochdeutschen

Zaubersprüche zur Bannung böser Geister noch in der Zeit lebendig

waren, aus der auch unserem Leipziger Lande in den Merseburger

Chroniken und Zaubersprüchen erste literarische Urkunden überliefert

sind.

[Illustration: Abb. 32. =Sumpfdotterblume, Püchau bei Wurzen=

(Aus dem Naturkundlichen Heimatmuseum Leipzig)]

[Illustration: Abb. 33. =Gasthaus zur grünen Eiche in Eythra=]

[Illustration: Abb. 34. =Eiche bei Oberthau=]

[Illustration: Abb. 35. =An der Luppe bei Schkeuditz, unweit Gaststätte

»Waldkater«=]

=Literaturhinweise= (nur eine kleine Auswahl guter Werke).

1. Leipziger Land, herausgegeben vom Leipziger Dürerbund und

Wandervogel. 2. Auflage. 1912. Fritz Eckardts Verlag. 132

Seiten. Ein noch jetzt brauchbarer Führer unter Betonung des

Landschaftlichen und Geschichtlichen.

2. Leipziger Lehrausflüge. Herausgegeben von Kurt Krause. 1920.

Ferdinand Hirt und Sohn in Leipzig. 164 Seiten. Überwiegend

erdkundlich-geologisch. Auch für Anspruchsvollere.

3. Sächsische Wanderbücher, Rund um Leipzig. Herausgegeben von

Dr. Kurt Krause. 1924. Verlag von Kommerstädt und Schobloch,

Dresden-Wachwitz. 330 Seiten. Sehr inhaltsreich und gründlich;

hauptsächlich geologisch und siedelungsgeschichtlich. Bis Gera

und zur Dübener Heide reichend.

4. Leipziger Land im Bild, Heft 1. Herausgegeben von der

Sektion Jung-Leipzig des Deutschen und Österreichischen

Alpenverein 1912. Fritz Eckardts Verlag. Die leider

nicht fortgesetzte Veröffentlichung von neunundsiebzig

ausgezeichneten kennzeichnenden Landschaftsaufnahmen aus dem

Leipziger Land.

[Illustration: Abb. 36. =Alt-Schkeuditz=]

Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens Grenzdörfern

Von _Rudolf Moschkau_, Leipzig

Mit sieben Zeichnungen vom Verfasser

Zu den unscheinbarsten Blüten alter heimatlicher Volkskunst gehört eine

Gruppe von Hausornamenten, die mir an Sachsens Landesgrenze bei Leipzig

häufiger vorzukommen scheinen, als sonst in Leipzigs näherer Umgebung.

Daß hierbei die erst hundertjährige politische Grenze keinerlei Rolle

als Kulturscheide spielt, bedarf kaum der Erwähnung. Tatsächlich finden

sich die in Rede stehenden Verzierungsmuster an bäuerlichen Lehmhäusern

hüben wie drüben. Die reizvolleren Beispiele freilich traf ich jenseits

der grün-weißen Grenzpfähle auf provinzialsächsischem Boden an. In

unmittelbarer Umgebung der Großstadt dagegen hat großstädtische

Bauweise mit den alten Lehmhäusern auch die alte Verzierungsweise

verschwinden lassen. Ob heute die Technik der Lehmwandmusterung in

dem unberührteren landwirtschaftlichen Nachbargebiete, in dem sie

besser erhalten blieb, auch noch ausgeübt wird, entzieht sich meiner

sicheren Kenntnis. Ich bezweifle es; auf jeden Fall könnte es sich nur

um ein örtlich begrenztes, letztes Aufflackern einer verlöschenden

Gepflogenheit handeln.

Die Hausornamente bestehen aus geometrischen Furchen- und Stichmustern,

die in den noch bildsamen feuchten Lehm der eben fertiggestellten

Hauswände eingetieft wurden. Das drei- bis sechszinkige Gerät,

dessen sich der bäuerliche Handwerker hierzu bediente, ist kammartig

zu denken. Zu Gesicht ist mir ein solches Instrument bisher nicht

gekommen. Vielleicht genügte für einfache Muster das fünfzinkige Urbild

aller Kämme, die menschliche Hand. Wo die gemusterte Lehmwand vor

Schlagregen geschützt blieb, erhielten sich Furchen und Einstiche sehr

wohl.

So kann man noch ganze Außenwände, mit unbegrenzten Mustern

gefüllt, antreffen. Für Innenwände schuf man sich auf gleiche Art

einen billigen Tapetenersatz. Als Beispiel mag ein Bauernhaus

des siebzehnten Jahrhunderts aus Leipzig-Wahren dienen, das von

seinem Besitzer pietätvoll geschont ward. (Abb. 1.) Ohne Kalk- oder

Farbtünche geben seine Zimmerwände ein Bild armseliger und doch nicht

schmuckloser Einfachheit: Der Balkenrichtung angepaßt, verlaufen

vierfurchige Wellenbänder in Begleitung von Stichgruppen ziemlich

sorglos zwischen senkrechten Furchenbändern oder folgen schrägen

Streben des Balkenwerkes. An anderen Stellen tritt durch regelmäßige

Kreuzung geradliniger Bänder ein strengeres Rautenmuster mit gewellten

kurzen Mittelstrichen auf. Der Bauer hat die letztgenannte Art, eine

Wandfläche im Ganzen aufzuteilen, entschieden vor anderen Möglichkeiten

bevorzugt, so daß sie über weite Landstriche Sachsens und der

Nachbarländer Verbreitung gefunden hat.

Durch besseren Wetterschutz vor der Wandfläche begünstigt, zeigt das

Dachgesims die empfindlichen Kammuster in besserer Erhaltung. Die

ausgewählten Beispiele sprechen für sich selbst. Was die Konstruktion

des Simses angeht, so war ich um Ansichten in Übereckstellung bemüht.

An den Ecken liegen die wunden Stellen des Lehmhauses, die nicht selten

erkennen lassen, wie der Sims gebaut und mit Lehm verkleidet worden

ist. Die Muster selbst werden an dem überschatteten Sims von ungeübten

Augen leicht übersehen. Nur bei guter Erhaltung und Seitenbeleuchtung

sind sie so deutlich wie auf unseren Zeichnungen sichtbar. (Abb. 2–7.)

Was an der Bemusterung der Simse sogleich auffällt, ist der größere

Reichtum an Formen. Zickzack- oder Wellenbänder mit Überschneidungen

folgen der Hauptrichtung des Simses und werden meist begleitet von

Stichgruppen, die sinngemäß die freien Mittelfelder und Zwickel füllen.

Aus der Zahl der Furchen, die ein Band bilden, oder der Punktzahl

einzelner Stichgruppen ist die Zinkenzahl des verwendeten Kammes ohne

weiteres erkennbar. Eine Reihung einzelner Elemente wie in Abbildung

5 mag durch die Reihe der vorstehenden Dachbalkenköpfe eingegeben

worden sein. Diese Balkenköpfe werden gern durch Lehmauftrag verdeckt,

um eine glatte Durchführung des Musters über den ganzen Sims hin zu

ermöglichen. Da aber der dünnere Lehmauftrag an dem Balkenende weniger

fest haftet, treten sie meist wieder zutage, wie in Abbildung 4. Hier

hält überdies ein kahler, späterer Mörtelputz das freundliche alte

Girlandenmuster bis auf eine Bruchstelle verdeckt.

In geschmacklicher Hinsicht verdient dieser bescheidene Hausschmuck

fast ausnahmslos ein Lob. Es scheint, als ob die Hersteller Kenntnis

gehabt hätten von den Ornamentgesetzen der Reihung. Nicht nur, daß die

rhythmisch geordneten Zierteile und die rhythmisch bewegten Linien

Gefallen erregen – selbst der Rhythmus des unbegrenzten, denkbar

bescheidenen Musters in Abbildung 7 hat noch seinen Reiz – nein,

auch die Logik dieses Schmuckes ist zwingend: Der Schmuck ist werk-

und materialgerecht; denn der Kamm, der nur stechen und ritzen kann,

wird allein in diesem Sinne verwendet, und zwar an einem Material,

das eben diese Tätigkeiten mühelos erlaubt. Es sind nichts weiter als

Werkzeugspuren in gefälliger Anordnung, die so entstehen, keine andere

Herstellungsweise, kein fremder Werkstoff wird vorgetäuscht. Und auch

die Stelle, wo der Schmuck sitzt, ist sinnvoll gewählt. Es ist der

obere Wandabschluß des Hauses, wo das Muster wirkt wie der säumende,

abschließende Besatz eines Kleides.

[Illustration: _Bäuerliche Ritzkamm-Muster an der Innenseite der

Lehmfachwände des Hauses No. in Wahren bei Leipzig. 17. Jahrhundert._

Abb. 1]

[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in

Döllnitz westl. Schkeuditz_

Abb. 2]

[Illustration: _Bäuerliches Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer

Lehmscheune in Raßnitz westl. Schkeuditz._

Abb. 3]

Man sehe noch einmal ein Beispiel wie Abbildung 3 an, und man wird

gestehen, daß der so erzielte Eindruck von Harmonie zwischen baulichen

und schmückenden Gliedern ungetrübt ist. Ein ehrlicher, derber

Menschenschlag mit Sinn für Zweckmäßigkeit und Freude an bescheidener

Schmückung steht hinter solchem Werk. Aber noch ein anderer Eindruck

drängt sich uns auf: Der Eindruck, daß es »so lange her« sei, daß

hier eine uraltertümliche Kunstübung vorliegen müsse; und dem ist

auch so. Wer in Europas vorgeschichtlicher Kunst Bescheid weiß, der

kennt bereits diese Kreuzchen und Stichgruppen, Zickzack- und

Wellenmuster. Sie sind zu allen Zeiten in mehr oder weniger primitiven

Kulturen in Gebrauch gewesen. Vom Volk erfunden und angewandt, stellen

sie im eigentlichen Sinne primitives Gemeinschaftsgut dar.

[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit altem Ritzkamm-Muster

unter jüngerem schmucklosem Mörtelputz. Klein-Kugel, östlich Halle,

Kreis Halle._

Abb. 4]

[Illustration: _Ritzkamm-Muster am Dachgesims einer Lehmscheune in

Wöllmen südw. Eilenburg._

Abb. 5]

[Illustration: _Bäuerliches Wohnhausgesims mit Ritzkamm-Muster,

Kl.-Kugel, östl. Halle, Kr. Halle._

Abb. 6]

[Illustration: _Groß-Kugel, östlich Halle, Kreis Halle, Scheunengesims

mit Ritzkamm-Muster._

Abb. 7]

Schon die eiszeitlichen Fundstellen der Aurignackultur liefern auf

Knochengeräten schön entwickelte Beispiele. Auf nacheiszeitlichen

Rentierstäben der Yoldiaperiode tauchen sie wieder auf. Die reichste

Entwicklung aber findet das primitive, geometrische Ritzornament

in der Keramik der jüngeren Steinzeit Deutschlands. Hier läßt es

sich auch zum erstenmal an Häusern – Grabhäusern freilich, wie das

berühmte Merseburger Steinkistengrab, sowie an tönernen Hausmodellen

aus Mähren – neben bildhaft symbolischen Zeichen beobachten. Für die

viel spätere Zeit der Römerherrschaft bekundet Tacitus, Germania XVI,

in einer vielgenannten Stelle, daß die Germanen manche Teile des

Hauses mit feiner glänzender Lehmmasse überzögen, wodurch Malerei und

Zeichnung gleichsam vertreten würden. Die merkwürdigste technische

Übereinstimmung mit unseren Lehmwandmustern liefert jedoch der

slawische Kulturabschnitt unserer Heimatgeschichte. Die slawischen

Gefäße vom Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends kennen als

ausschließliche Verzierung nur die Ritzkammusterung. Sehen wir von

der viel kleineren Ausführung derselben ab, so ist die Ähnlichkeit

dieser tausendjährigen Gefäßmuster mit unserem Lehmhausschmuck

verblüffend. Davon kann sich jeder Besucher einer heimatlichen

Vorgeschichtssammlung, die slawische Scherben enthält, überzeugen.

Wenn heute noch in slawischen Ortschaften an der March[4], wie auch

anderwärts in slawischem Siedlungsgebiet, Lehmwände in gleicher Weise

mit Kammustern geschmückt werden, so darf auch eine ununterbrochene

Tradition wenigstens für slawische Stämme vermutet werden. Ebenso wird

für unsere Heimat eine Fortdauer vor- und frühgeschichtlicher Tradition

bis zur Gegenwart nicht zu bestreiten sein.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 7–10 · 第 3 / 6 段