In der norddeutschen Niederung erlangen naturgemäß die periodischen

Überschwemmungsgebiete ihre weiteste Ausdehnung und erzeugen, wie

_Drude_ sagt, scharfe Gegensätze zwischen Heide- und Auenwald.

Hier werden auch die Flußauen, soweit der Eisgang das Aufkommen

von Baumbeständen hindert, von sumpfigen Grasfluren und Grünmooren

begleitet, wie uns die Abbildung 12 eines Flußtales in Posen durch den

reichen Bestand an Wollgras mit seinen weißleuchtenden Fruchtfahnen

dartut. Am Horizont erkennt man den dunkelgrünen Wall des Auenwaldes,

soweit nicht _dauernd_ nasses Gelände einen _Bruchwald_ schafft, einen

Sumpfwald aus Erlen und stattlichen Weiden, durchsetzt mit Birken und

Schwarzpappeln[2].

[Illustration: Abb. 11. =Muldenlandschaft bei Lastau= (zwischen

Rochlitz und Colditz)]

Der _Auenwald_ ist ein _ausgesprochener Laubmengwald_, der Nadelbäume

ursprünglich völlig ausgeschlossen hat; wenn sie heute darin

erscheinen, verdanken sie ihren Ursprung dem Zufall oder künstlicher

Anpflanzung[3].

Wie schon früher bemerkt, ist der Auwaldboden größtenteils

zusammengesetzt aus Feinsand und Ton. Solcher Feinboden ist

wenig luftdurchlässig und wird daher nur in geringem Maße das

Sauerstoffbedürfnis tiefgreifender Wurzeln befriedigen können. Es

bleiben daher auf solchem Überschwemmungsboden Bäume mit lufthungrigen

Wurzeln ausgeschaltet: _die sandgewohnte Kiefer, die bergfrohe Tanne

und die sonst anspruchslose Fichte_. Es fehlt daher zumeist auch die

Rotbuche, welche blockreiches Gelände bevorzugt. Wenn die Fichte im

Gebirge trotzdem in versumpften, torfmoosbedeckten Böden auftritt, so

ist sicherlich ihre Wurzel gebettet in Boden von gröberer Struktur,

also »luftumgeben«. Schließlich wird der ~Sphagnum~-Bestand und der von

ihm gebildete Moostorf den Fichtenwald doch ersticken.

[Illustration: Abb. 12. =Flußtal in Posen=]

An dieser Stelle möchte ich ganz besonders auf das

_Sauerstoffbedürfnis_ aller lebenden Pflanzenorgane, also auch der

Wurzel, aufmerksam machen. Auch Wurzeln müssen atmen, um sich die zum

Wachstum nötige Betriebswärme zu schaffen. Wie es unter den Bakterien

aërobe, d. h. sauerstoffbedürftige und anaërobe Arten gibt, die mit

geringen Sauerstoffmengen auskommen können, so besteht sicher für

die Wurzeln der verschiedenen Waldbäume ebenfalls ein abgestuftes

Sauerstoffbedürfnis. Dasselbe ist noch wenig studiert, wird aber so

manches Standortsrätsel bei Formationen und Assoziationen der Lösung

entgegenführen.

Bäume, deren Wurzeln vorübergehenden Sauerstoffmangel vertragen können,

werden auf periodisch überschwemmten Standorten, also Auwaldböden,

gedeihen. Hierzu scheinen graduell geordnet: Eiche, Hainbuche, Ulme und

Esche zu gehören. Andere Bäume müssen dauernd mit der äußerst geringen

Sauerstoffmenge in stagnierenden Gewässern fürlieb nehmen. Dies sind

die Moor und Bruch gewohnten Erlen, Espen, Birken und Weiden. In den

berühmten Sumpfwäldern (~cypress-swamps~) von Florida und Südgeorgien

gedeiht auch eine nadelwerfende Konifere ~Taxodium distichum~, da sie

ihr Luftbedürfnis durch über die Erde ragende Atemwurzeln decken kann.

Natürlich können auch Erle, Espe und Birke im Auenwald eingesprengt

erscheinen, sind aber die Hauptbestandteile der Bruchwälder.

[Illustration: Abb. 13. =Wurzelknöllchen der Erle= (~Mycorrhiza~)]

Für die _Rotbuche_ ist zur Besiedelung des Auenwaldes neben dem

ungestillten Sauerstoffbedürfnis wohl auch die Kalkarmut des

ausgelaugten Schwemmlandbodens ein Hindernis.

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 14. =In den Donau-Auen bei Melk, Bodenbedeckung durch ~Cardamine

amara~=]

In der Auenwaldfrage verdient auch eine eigenartige _symbiotische

Erscheinung_ unsere Aufmerksamkeit: Das Zusammenwirtschaften von

Baumwurzeln und Pilzmycel, die _Mycorrhiza_. Noch ist der Nutzen der

Mycorrhiza für den Baum nicht völlig geklärt, doch läßt sich annehmen,

daß diese verpilzte Wurzel eine Nützlichkeitserscheinung darstellt,

die auch in die Frage der Besiedelung von Überschwemmungsböden

hineinspielt. Auch die _pilzdurchsetzten Wurzelknöllchen aller

Erlenarten_ mögen hier Erwähnung finden. Abbildung 13 zeigt uns

solche später verholzende, traubige Wurzelknöllchen, welche bis zur

Größe einer Kinderfaust heranwachsen können. Diese Gebilde werden

hervorgerufen durch in das Wurzelgewebe eindringende Pilzfäden,

welche in bakterienähnliche Kleinstäbchen bzw. kugelige Zellketten

zerfallen. Nach Kulturversuchen von Nobbe und Hiltner, Tharandt, wissen

diese Pilze den freien Stickstoff der Luft zu binden, so daß der von

Stickstoffsalzen ausgelaugte Schwemmland- bzw. Uferboden den Erlen ein

freudiges Gedeihen ermöglicht.

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 15. =Wilder Hopfen auf der Pillnitzer Elbinsel=]

Während bei uns die _Schwarzerle_ sich meist auf Bruchland findet,

spielt in den prächtigen Auenwäldern der Donau (vgl. Schlußverzierung,

aufgenommen von L. Kniese, Pillnitz) die _Weiß-_ oder _Grauerle_ eine

hervorragende Rolle, wie ich auf meinen Wanderungen in der Wachau

beobachten konnte. In den Donauauen Ungarns vergesellschaftet sie sich

mit der südosteuropäischen Schwarzpappel, mit stolzen Baumweiden und

der prächtigen Silberlinde zu Baumbeständen, in welchen als häufige

Liane der Hopfen rankt, Jelängerjelieber die Zweige umspinnt und

die Waldrebe ihre weißen Blütenzweige von Ast zu Ast in reizvollen

Girlanden zieht, während der Boden von üppigem Kräuterwuchs, in

Abbildung 14 von bitterem Schaumkraut, weithin bedeckt ist. Wir

könnten meinen, das Bild eines tropischen Regenwaldes vor uns zu

sehen, wie auch bei diesem hopfendurchrankten Teil der Pillnitzer

Elbinsel (Abb. 15). Auch die Pillnitzer Insel besitzt übrigens noch

schöne Schwarzpappeln, und es ist meines Erachtens eine müßige Frage,

ob dieselben einheimisch sind. Bei Gelegenheit solcher Uferbegleiter

sei noch auf eine spezifische, d. h. artverschiedene Eigenschaft

der Bäume hingewiesen: auf das _leichte oder schwere Vernarben_

von Wunden. Es sind besonders die Eisschollen, welche beim Eisgang

des Frühjahres die Stämme schürfen und den Bäumen oft häßliche und

gefährliche Rindenwunden schlagen. Manche Baumarten würden dadurch

zu dauernder Kümmerung verurteilt, aber _Weichhölzer, zumal Pappel

und Weide, heilen sich rasch wieder aus_. Auch der _Wurzeltracht_ der

Bäume muß bei der Besiedelungsfrage Aufmerksamkeit geschenkt werden,

gibt es doch _Tief- und Flachwurzler_. Flachwurzelnde Bäume sind

selbstverständlich in dem tiefgründigen Auwaldboden bei dem Flutendrang

jährlicher Überschwemmungen völlig ausgeschlossen. Bei der diesjährigen

anhaltenden Frühsommerüberschwemmung sind auf der Pillnitzer Elbinsel

so manche Baumriesen durch Flutendrang und durch Unterspülung und

Wirbelbildung gefallen (Abb. 16) andere Holzleichen zeigen ein vom

Sturm gewaltsam abgerissenes Wurzelsystem (Abb. 17), so daß geradezu

wertvolle Zerstörungsbilder eines Urwaldes geschaffen sind.

Nachdem ich die allgemeinen Ursachen der Auwaldbildung und die

natürliche Auswahl der dazu geeigneten Bäume besprochen habe, soll

ein typischer Auenwald eine plastische Schilderung erfahren und dazu

dürften die Auenwälder der Leipziger Umgebung besonders geeignet sein.

Als Charakterbäume derselben zeigen sich: _Stieleiche_, _Hainbuche_,

_Esche_ und _Ulme_ oder Rüster. Selten finden sich Spitzahorn und

Linde ein. Die machtvollste Erscheinung ist unbestreitbar die Eiche.

Es ist die besondere Art der _Stieleiche_, welche im Auenwald zur

Herrschaft gelangt. In Mitteleuropa besitzen wir zwei, durch allerlei

Übergänge miteinander verbundene Unterarten der Eiche: Die Stieleiche

mit _langgestielten_ Einzelfrüchten und _herzförmigem_ Blattgrund und

die Steineiche mit _kurzstieligen_ Fruchtbüscheln und keilförmigem

Blattgrund.

[Illustration: Abb. 16. =Durch Hochwasser geworfene Bäume der

Pillnitzer Elbinsel=]

[Illustration: Abb. 17. =Abgerissene Wurzeln eines durch Sturm und

Hochflut 1926 geworfenen Baumriesen der Pillnitzer Elbinsel=]

Ich erinnere mich von meiner Studienzeit her noch einer _Rieseneiche_

im Auenwald bei Leutzsch. Sie sollte ein tausendjähriges Alter haben

und besaß einen Stammdurchmesser von zwei Meter. Auf der Fahrstraße

Leipzig–Leutzsch–Böhlitz–Ehrenberg sehen wir noch jetzt berühmte

Eichenbestände von ähnlichem Ausmaß (Abb. 18), und eine Eiche der

Maslauer Auwaldbestände darf sich in ihrer Wuchskraft und stolzen

Baumschönheit diesen Veteranen getrost zur Seite stellen (Abb. 19). In

Abbildung 20 erblicken wir einen solchen Auwaldriesen im _Rhedenholz

bei Roßwein_ längs der Freiberger Mulde.

[Illustration: Abb. 18. =Leipzigs berühmte Eichenbestände an der

sogenannten »Weide«=]

[Illustration: Abb. 19. =Maslauer Eiche=]

Alte Eichen beanspruchen mit ihren weitausgreifenden Ästen einen

weiten Standraum und gestatten bei der Lockerheit ihrer Krone dem

hereinflutenden Licht einen Durchgang, der dem Auwaldinneren einen

grüngoldenen Schimmer von zauberhaftem Reiz gewährt. Von Ulmenarten

findet sich besonders die Feldulme mit glatter Blattoberseite und

kurzer Blattspitze. Doch kommt auch die rauhblättrige Bergulme im

Überschwemmungsgebiet der Elster und Saale vor. Eine wohltuende

Abwechslung bieten im Auenwald auch _Farbe und Musterung der Stämme_:

Glattrindige, grüngelbe Espen neben weißstämmigen Birken, der dunkle

Borkenstamm der Eiche neben den graugemusterten Säulen der Hainbuche,

die braune Schuppenborke der Feldulme neben dem Silbergrau der Eschen.

[Illustration: Abb. 20. =Eichenbestand im Rhedenholz bei Roßwein=]

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 21. =Bestand von Aronstab= (~Arum maculatum~)]

Bei der reichen Artenzahl der Waldbäume von verschiedener Wuchskraft

und Wuchshöhe, bei wechselnder Verästelung und vielgestaltigem

Blattbau, ist die einfallende Lichtmenge immerhin groß genug, um auch

einen artenreichen Unterholzbestand aufkommen zu lassen. _Gerade

das Unterholz_, welches eine reiche Vogelwelt beherbergt und dem

lieblichsten Sänger, der Nachtigall, ihre leichtsinnig ausgewählten

niederen Brutplätze bietet, ist ein besonderer Wesenszug des

Leipziger Auenwaldes. Auch hierbei herrscht eine reichhaltige

Mannigfaltigkeit der Arten. Dr. Reiche sagt in einer netten, in

den Dresdner Isis-Berichten 1886 veröffentlichten Skizze, daß das

_Unterholz_ in gleicher Zusammensetzung sich innerhalb Sachsens

nur zweimal, um _Leipzig_ und _Meißen_, entwickelt findet. Es

besteht aus _Ulmen_, _Feldahorn_, _Hasel_, _Weißdorn_, _Faulbaum_,

_Traubenkirsche_, schwarzem Holunder, Pfaffenhütchen und – als

besondere Erscheinungen – aus _Liguster_ und _Hartriegel_. Die

meisten derselben schmücken sich im Spätsommer und Herbst mit

saftig-fleischigen Früchten, die eben der Vogelwelt diese grünen

Laubhallen zum beliebten Aufenthalt machen. Die gefiederte Welt

besorgt gewiß auch die weitere Ansaat dieser Pflanzen, und wir

sollten bei unseren Formationsbetrachtungen dem zoogenen Einfluß weit

mehr Aufmerksamkeit schenken. Wasserläufe, welche als Kanäle oder

Flußverzweigungen den Auenwald reichlich durchziehen, schmücken ihre

Ufer weithin mit Strauchweiden (vgl. Abb. 8). Infolge der späteren

Belaubung von Eiche und Esche wirkt die Frühlingssonne lebenweckend

auf den sonst feuchtkühlen Auwaldboden und zaubert eine Fülle

frühblühender Kräuter hervor, deren meist breite und tiefgrüne Blätter

als erster Lenzesschmuck dem winterfahlen Waldboden entsprießen.

Erst heben sich nach Reiches Schilderung die grünen Spitzen der

Laubblätter des massenhaft vorhandenen _Märzbechers_ empor, ihnen folgt

das kräftige Blattwerk des _Aronstabs_ (Abb. 21) und das zarte Grün

des _Bärenlauches_ (Abb. 22), der alsbald seine weißen Sterndolden

entfaltet, aber leider auch seinen Knoblauchduft, welcher unser

Entzücken über die Waldespracht etwas herabstimmt. Zur Osterzeit läuten

die Großglocken des _Märzbechers_, es leuchten die trübpurpurnen oder

weißen Trauben des _Lerchensporns_, die rotknospigen Blaublüten des

_Lungenkrautes_, die goldgelben Blütenbüschel des _Goldsterns_, die

Blumensonnen der _Feigwurz_. Dazu erfreuen _weiße und gelbe Anemonen_

und Blütendolden der _Himmelschlüssel_ unser Auge, und ein zarter Duft

wird von dem niedlichen _Moschusblümchen_ in die Lenzluft gehaucht.

In den pflanzenreichen Auwäldern der Eger südlich Theresienstadt

mit ihren Millionen von Märzbechern (Abb. 23) gesellt sich zu den

genannten Pflanzen noch der Blaustern der Scilla und das zarte

_Gedenkemein_ (~Omphalodes~), die beide auch in _Sachsens Elbegebiet_

als Reste früheren Auwaldes, wenn auch als Seltenheiten, erhalten

geblieben sind (Abb. 24). Eine ähnliche entzückende Auenwaldflora aus

Frühlingsblühern gewebt, schmückt in Sachsen auch den _Jahnalauf bis

Riesa_ und streckenweise auch die _Ufergehölze der Döllnitz_, so daß

wohl als sicher gelten darf, daß auch die jetzigen Wermsdorfer Forsten

früher ein Auenwaldgebiet darstellten, welches sich über Wurzen bis

nach Leipzig hinzog. Auch _an der Röder_ war sicherlich ein Auenwald

entwickelt, und der Schloßgarten zu Wachau bei Radeberg (Abb. 25)

bietet uns noch einen Restbestand. Überhaupt hat sich Auwaldgelände

zu Parkanlagen englischen Stiles besonders geeignet und ist vielfach

entsprechend benutzt worden.

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 22. =Bärenlauch= (~Allium ursinum~)]

[Illustration: Abb. 23. =Märzbecher im Auenwald der Eger bei Budin=]

[Illustration:

Aufnahme des Verfassers

Abb. 24. =Scillabestände in einem Grasgarten an der Elbe=

(Auenwaldrest)]

[Illustration: Abb. 25. =Schloßpark Wachau bei Radeberg, auf altem

Auwaldgelände=]

All die vorher genannten Lenzesboten müssen sich beeilen, an die

Sonne zu dringen, ehe der zartgrüne Schleier des Unterholzes sich

dichter webt, und ehe noch das grüne Laubdach in geschlossener Schwere

dem Sonnenlicht den Zugang wehrt. Das doppelte Laubdach von Ober-

und Unterholz hemmt aber nicht bloß das Licht, sondern sättigt auch

die Waldluft reichlich mit Wasserdampf, so daß die _Blätter_ der

bodendeckenden Pflanzen _den Bau von Hygrophyten_ (Feuchtpflanzen)

zeigen: breite und zarte, chlorophyllreiche und daher dunkelgrüne

Blattspreite ohne jede Trockenschutzeinrichtung. Da sind selbst die

Blätter der Waldgräser breit, biegsam, bogenförmig herabgeneigt und

besitzen Spaltöffnungen auf Ober- und Unterseite. Von solchen nenne ich

die _Waldhirse_ mit ihrem schwankenden Gehälm, das _Waldrispengras_ mit

dem oberseits abgespreizten Blatt, den stattlichen _Riesenschwingel_

und den grünen _Hundsweizen_, vier Gräser, die sich auch im Auwald der

Pillnitzer Elbinsel finden. Im Frühsommer sprießen die _Waldveilchen_ –

im Leipziger Auwald auch das seltene pfirsichblättrige –, _Maiblumen_

duften und die _Weißwurz_ schüttelt ihre Hängeglöckchen, während die

familienverwandte giftige _Einbeere_ mit der Vierzahl ihrer Blatt-

und Blütenorgane kokettiert. Die meisten Gewächse schließen ihre

Blütezeit im Juni ab, denn alsdann wird für den nötigen Lichtgenuß

das Laubdach zu dicht. Darunter sind viele Allerweltspflanzen wie

_Brennessel_, _Zaungiersch_, _Benediktenkraut_, _Knoblauchshedrich_,

_Gamanderehrenpreis_. An Wasserläufen und Wasserlachen, die der Sonne

Zugang gewähren, so daß das Waldesdunkel zu Halbschatten herabgemindert

ist, entwickeln sich meterhohe Hochstauden, ich nenne davon

_Kerbelrübe_, _Waldklette_, _Engelwurz_ und _Krausdistel_. Eine große

Anzahl der genannten Pflanzen finden sich noch heute _als Begleiter

unserer Zäune und Hecken_, vielfach auch in bäuerlichen Grasgärten.

Es sind eben die _Reste vergangener Auwaldherrlichkeit_, die durch

Rodungen seit vielen Jahrhunderten unwiederbringlich dahin ist. Es ist

sicher, daß in allen Flußniederungen Auenwälder vorherrschten, daß aber

auch jene tiefgründigen Gelände, die durch jährliche, schichtenweise

Bodenanschwemmung sich allmählich _selbst über die Schwemmlandzone

erhöhten_, die auch durch hohe Dämme leicht vorm Hochwasser geschützt

werden konnten, von den Ansiedlern zuerst zu Wohnstätten, zu Wiese und

Weide benutzt wurden. Der stolze Auenwald wurde der Axt überantwortet,

bot er doch zur Zimmerung von Buhnen und Wohnstätten vortreffliches

Material. Die ursprünglichen Wälder der Niederung verschwanden und

an ihrer Stelle wogen segenschwere Getreidefelder oder breitet sich

das grüne Meer der Graswiese. _Wo aber, wie in Leipzigs Umgebung und

auf unserer Pillnitzer Elbinsel, sich jene Naturgebiete von höchster

Eigenart, jene Lebensgemeinschaften von charakteristischer Prägung

noch erhalten haben, sollten sie nach Möglichkeit geschont werden._ So

hat sich auch unser Landesverein dieser schwindenden Ursprünglichkeit

angenommen, und es ist ihm gelungen, durch Mitarbeit und Geneigtheit

von staatlichen und städtischen Behörden die _Elbinsel zu Pillnitz_,

vor allem aber die weit reichere _Auwaldherrlichkeit um Leipzig_ im

Burgauer Forstrevier in ihrer Eigenart als Schutzgebiete erhalten zu

sehen.

[Illustration]

Fußnoten:

[1] ~Salix Caprea~, ~cinerea~, ~fragilis aurita~ u. Bastarde.

[2] Spreewald und Oderbruch.

[3] So dankbar wir dem Finanzministerium für den Schutz der

Pillnitzer Insel sein müssen, so bedauerlich ist es, daß

es noch immer Widerständen nachgibt, welche die störenden

Fremdbilder, vor allen Dingen die undeutschen Robinien (als

Bienenfutter!!) erhalten möchten.

Leipziger Land

Von Dr. Dr. _Karl Berger_, Leipzig

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Leipziger Land! Ihm ist dies Heft gewidmet. Vermögen aber nicht erst

recht wenige selbst von den Leipzigern damit eine bestimmte Vorstellung

zu verbinden? Und doch kam das glückliche Wort schon vor dem Krieg auf.

Damals, als – trotz des Offenstehens aller Grenzen – jäh zunehmend die

lastende innere Leere der unaufhaltsam Wälder, Felder und Menschen

fressenden Großstädte gerade die Besten aus Hörsälen und Werkstätten

sehnsüchtig am Wochenende ausziehen lehrte, um Wiesen, Wolken und Wind

wiederzufinden und mit Auge und Lunge ein wenig davon für den Werktag

sich einzufangen. Damals, also zugleich mit dem alten Wandervogel und

mit den Pfadfindern, ward »Leipziger Land« zuerst Heimatfreunden rings

um das Völkerschlachtdenkmal zur Bezeichnung voll leisen Wohllauts und

voll spröder Innigkeit für die Leipziger Landschaft als eigenes und

heimatliches Wandergebiet.

Das Leipziger Land umfaßt annähernd gerade die Leipziger

Tieflandsbucht. Denn die Auen der Saale und Mulde rahmen es nicht nur

mit breitem silbergrünen Samt im Westen und Osten ein: Sie scheiden

es auch durchaus fühlbar von den Vorbergen Thüringens jenseits

Weißenfels und Roßbach und auch von den sandigen, ins Märkische

hinübergeleitenden Heiden und den fetten Lößlehm-Fruchtebenen, wie

sie wenige Stunden nordöstlich und südöstlich von Wurzen beginnen

und bis Wittenberg und Meißen reichen. Und hebt nicht auch im Norden

der Linie Wettin–Petersberg–Eilenburg die Landschaft der Cöthener

Zuckerrüben-Kultursteppe und des Bitterfelder Braunkohlenreviers sich

ebenso ab wie im Süden, etwa die jenseits von Teuchern–Borna, besonders

seitdem auch sie der Bergbau immer mehr verwandelt?

Freilich droht auch dem Leipziger Land mannigfache Gefahr, daß durch

fortschreitende Industrialisierung seine Ursprünglichkeit und, was

schlimmer, seine Eigenart, die Weite seiner einsamen Ebenen und die

Unberührtheit seiner Auenlandschaften beeinträchtigt, ja mehr als

vielleicht bei eingehenderer Würdigung ihrer herben und verhaltenen

Schönheit nötig wäre, zerstört wird. Freilich, die Umgebung einer

Großstadt ist nun einmal der Nährboden, aus dem diese ihre beste Kraft

zieht. Und je mehr diese in tausendjährigem Wuchs aufblüht und ihre

Mauerkrone rundet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit daß, von ihr

überschattet, gerade zarteste Gebilde in ihrem Umkreis verkümmern. Dazu

tritt die zunehmende Dezentralisation der Industrie und das gleichfalls

an sich aus ethischen wie gesundheitlichen Gründen begrüßenswerte

Trabantensystem der modernen Großstadterweiterung, d. h. die bewußte

Anlegung von größeren, die Hauptstadt entlastenden Verkehrs- und

Siedlungsmittelpunkten in deren weiterem Umkreise, also im Gegensatze

zur bisherigen mechanischen Vorstadtbildung. Für das Leipziger Land

kommt noch in Sonderheit der, zumal im Süden um Borna und Böhlen, seit

dem Kriege unaufhaltsam zunehmende Braunkohlentagebau hinzu, der der

Landschaft so ganz besonders tiefe Wunden schlägt.

[Illustration: Abb. 1. =Theklakirche=]

Das alles erfüllt die Leipziger Heimatfreunde mit schwerer, ja mit

immer mehr zunehmender Sorge um die Zukunft der gewiß oft bescheidenen

und vielfach recht spröden Reize der Leipziger Umgegend. Dem

Fremden aus reicheren Landstrichen mögen sie simpel und jene Sorgen

unverständlich erscheinen. Aber auch karge Erde ist als Muttererde

heilig. Und es sind vielleicht nicht immer die Klügsten, aber oft

die Weisesten und Besten, denen sie es am meisten ist. Es handelt

sich hier auch nicht um die Sorgen einiger Dutzend oder etlicher

Hundert Ästheten oder Altertümler. Was bedeutet denn das wachsende

Drängen der vielen Ruder- und Schwimmvereine, Baugenossenschaften und

einzelnen Siedler nach Naturnähe, nach Ruhe und Fernblick, oft trotz

vieler Unbequemlichkeiten und Kosten? Was vor allem die große Zunahme

der »Schrebergärten«, – jener für die anderen deutschen Großstädte

vorbildlich gewordenen Schöpfung des verdienten Leipziger Arztes

Dr. Schreber vor zwei Menschenaltern, – auch nach Beendigung der

Lebensmittelblockade? All das beweist doch schlagend, wie jede neue

Generation unseres mechanisierten Maschinenzeitalters unbewußt oder

bewußt, still oder leidenschaftlich, zunehmende Sehnsucht nach der

Verbindung mit der Allmutter Natur empfindet, ja empfinden muß. Und

der wäre kein Staatsmann und kein Volkswirt, der den rechnungsmäßigen

Hektarertrag für Kleingartenland um den Goldwert all der unzähligen

Sonnenstunden aufzuwerten unterließe, die der Garten vor der Stadt –

ebenso wie rechtes, echtes Wandern über Land – gerade dem Bewohner

einer so dichtgebauten Stadt wie Leipzig bedeutet, die keine lachenden

Uferhöhen oder lockenden Bergwälder hier und da als Straßenabschluß

oder als Platzkulisse, so wie etwa Dresden oder Plauen, besitzt.

* * * * *

[Illustration: Abb. 2. =Theklakirche=]

Innerhalb des Leipziger Landes fehlt es fast völlig an umfänglichen

Ortschaften, wie sie das Erzgebirge oder die südöstliche Lausitz so

zahlreich aufweist, wenn man absieht von den mit Leipzig verwachsenen

Industrie- und Arbeiterwohnsitzgemeinden, die indes zum größten Teil

in den letzten fünfzehn Jahren und schon vorher um 1890 einverleibt

worden sind. So liegt keine Gemeinde von mehr als 10000 Einwohnern im

eigentlichen Leipziger Lande. Merseburg, Eilenburg, Wurzen, auch Borna

liegen schon an seinen Grenzen. Städte wie Naunhof, Zwenkau, Delitzsch,

denen größtenteils die Industrie ihr Gepräge als Landstadt noch nicht

oder nur teilweise genommen hat, und Bauerndörfer überwiegen noch

immer, im ganzen betrachtet, die Industrie- und räumlich und ihrer Zahl

nach fast auch die Arbeiterwohnsitzgemeinden. Auch Einzelsiedlungen, so

häufig im Dresdner Lande und um Hamburg oder Berlin, sind jenseits des

Leipziger Stadtgebietes, etwa von der Pleißenaue abgesehen, noch recht

selten, z. T. auch wohl infolge der nahen Landesgrenze, die die Stadt

im Halbkreis umzieht und manche Verkehrserschwerungen nach wie vor im

Gefolge hat, die ungerechtfertigtsten, und in der großen Handelsstadt

besonders schmerzlich empfundenen, bekanntlich im Eisenbahnverkehr.

[Illustration: Abb. 3. =Theklakirche: Neuer Eingang=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 7–10 · 第 2 / 6 段