Die subtropische Hitze, die einst die Braunkohlenwälder dem

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Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

7 bis 10

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Vom Werden und Sein des Leipziger Landes – Vom Auenwald –

Leipziger Land – Altertümliche Lehmwandmuster aus Nordwestsachsens

Grenzdörfern – Die Harth und ihr Wert für die Großstadt Leipzig –

Werden und Verändern der Vogelwelt im Leipziger Gebiet innerhalb der

letzten Jahrzehnte – Leipziger Volksbräuche in alter und neuer Zeit –

De Heimat – Bücherbesprechungen

Einzelpreis dieses Heftes 6 Reichsmark

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Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden

Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1926

_Zur freundlichen Beachtung!_

Im Grundstück _Dresden_-A., Altmarkt 4

(neben Goldmann) haben wir im 1. Stock

_Ausstellungsräume_

eröffnet, wo monatlich abwechselnd kleinere Ausstellungen aus dem

weiten Tätigkeitsgebiet unseres Vereins stattfinden sollen.

Als erste Ausstellung ist von jetzt ab eine

Weihnachts-Verkaufsausstellung

heimatlicher Volks- und Kleinkunst

veranstaltet. Wir bitten um regsten Besuch.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

/4 Band XV Heft 7/10 1926 4/

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 30. September 1926

Vom Werden und Sein des Leipziger Landes

Von _Richard Buch_

Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Es hat lange gedauert, bis man der Eigenart und damit der Schönheit

des Leipziger Landes gerecht geworden ist. Noch vor fünfzig, sechzig

Jahren galt unsere Heimat wegen ihres Mangels an ausgeprägter oder

auch nur deutlicher Romantik ganz allgemein für öde, reizlos und

langweilig. Diejenigen, die heute noch mit Geringschätzung auf sie

herabsehen, können sich auf berühmte Namen berufen (H. v. Treitschke,

Ratzel u. a.). Und wer es liebt, »klassische Zeugen« für sich in

Anspruch zu nehmen, der könnte hinweisen auf Goethe, auf jene bekannte

Beurteilung der Leipziger Gegend in den aus Dichtung und Wirklichkeit

gewobenen Lebenserinnerungen des Dichters. Es war ja, nach Goethes

eigenen Worten, neben anderen Umständen vor allem der Mangel an schönen

und erhebenden Natureindrücken, der ihn während seines Leipziger

Aufenthalts jener Richtung des Schaffens zutrieb, die ihn alles in sich

selbst suchen ließ und so seine Dichtungen zu Bruchstücken einer großen

Konfession machte.

Aber die Anschauungen haben sich gewandelt. Wie sich in der Kunst ein

Wechsel vollzogen hat von der sogenannten »erhabenen Landschaft«, die

kaum ohne ruinengekrönte Felsen und stürzende Wasserfälle zu denken

war, bis zur Darstellung des schlichten im Sonnenflimmer daliegenden

Ährenfeldes, so hat sich auch in der Landschaftsbetrachtung ganz

allgemein ein Wandel geltend gemacht, bei dem das Was hinter das Wie

der Erscheinung stark zurückgetreten ist. In unseren Tagen, wo uns die

Kunst gelehrt hat, daß keine Gegend ohne Schönheit ist, wo die einst

landschaftlich gänzlich verachtete Heide für Tausende zum Gegenstand

schwärmerischer Verehrung geworden ist, wo ein Richard Linde uns die

herben Reize der weiten Geest- und Marschbreiten an der Niederelbe

in Wort und Bild begeistert verkünden durfte, da kann es auch nicht

mehr als Wagnis gelten, von den Schönheiten unserer Leipziger

Heimat zu reden. Seitdem uns die Malerei die Augen dafür geöffnet

hat, daß selbst im flachen, eintönigen Bauernland jede schlichte

Ackerfurche im Wechselspiel von Licht und Farbe eine Fülle malerischer

Eindrücke offenbaren kann, wird kein sinniger und empfänglicher

Betrachter unserer Leipziger Landschaft in Abrede stellen, daß auch

sie Schönheiten über Schönheiten in sich birgt. Freilich liegen die

Schönheiten nicht an der Straße. Sie sind dem Tagesgetriebe entrückt.

Man muß sie suchen, mit der Seele suchen. Darum aber kann man sie auch

still genießen, sie mit ruhigen geistigen Atemzügen in sich aufnehmen.

Und wer das gelernt hat, der weiß, daß man sich Stimmungen nicht nur

in den Bergen oder am weiten unendlichen Meere suchen kann, und der

versteht, daß eine gemütvolle Heimatkunst, wie sie ein Max Heiland

und andere Landschafter neben und nach ihm gepflegt haben, auch im

Leipziger Lande wohl eine Stätte haben kann.

Wenn man sich der anmutigen Züge unserer Landschaft freuen will, dann

darf man sich nicht an anderen Gegenden verdorben haben. In fremden

Landen sich umgeschaut zu haben, ist der Betrachtung der schlichten

Heimat noch niemals abträglich gewesen; man darf nur keine falschen

Maßstäbe aus der Ferne mitbringen und sie unberechtigter Weise auf die

Heimat übertragen. Unser Leipziger Land ist _Tiefland_, Flachland, ein

Teil jener großen Ebene, die sich von Frankreich bis zu den baltischen

Provinzen breitet. Als Ebene will das Leipziger Land betrachtet, als

Ebene landschaftlich genossen sein. Wer unsere Gegend ob ihres Mangels

an überraschenden Gegensätzlichkeiten tadelt, wer sie verachtet und

langweilig schilt, weil ihr kühnanstrebende, reizvolle Steilformen

fehlen, der verlangt – ja was verlangt der eigentlich? – der verlangt,

daß das beschauliche, abgeklärte Alter das himmelstürmende, trotzige

Feuer der Jugend besitzen soll.

Denn unsere Landschaft ist, erdgeschichtlich betrachtet, alt – sehr

alt; sie zeigt durchaus die milden, vom Abendschimmer verklärten

Züge des Greisenantlitzes. Unsere so hochgeschätzte Alpenlandschaft

mit ihren zackigen Firnen, mit ihren tollkühnen, sich überstürzenden

Wildbächen, mit ihren kindlich-träumerisch blickenden blauen Seeaugen

ist von knabenhafter Jugendlichkeit gegen unser weites flachwelliges

Tiefland. Im Gleichklang ihrer weichen, ruhigen Formen läßt uns

diese Ebene kaum mehr ahnen, daß auch hier einst kühne Bergwellen

mit zackigen Kämmen und hochaufstrebenden Firsten sich dahingezogen

haben. Es war einmal! Aber nicht vor hundert oder vor tausend

Jahren wie im Märchen, sondern vor Zeiten, denen gegenüber unser

Vorstellen und Denken versagt. – »Mitteldeutsche Alpen« hat man

dieses Gebirge urvergangener Tage genannt; »variskisches Gebirge«

pflegt es die Wissenschaft zu nennen. – Das Wasser, das talwärts

stürzende, strömende, fließende, rieselnde, sickernde Wasser mit

seiner unwiderstehlich nivellierenden, einebnenden Macht hat das

vielgestaltige Bergland so lange erniedrigt, bis die letzten Hügel und

Bergkämme entfernt und die letzten Rinnen und Schluchten mit Schutt-

und Trümmermassen ausgefüllt waren, bis die abtragenden Gewässer

im trägen Lauf dahinschlichen, bis selbst dem Winde, dem treuen

Arbeitsgenossen des nagenden Tropfens, kein Angriffspunkt mehr blieb,

weil er die letzten Splitterstäubchen des letzten Felsenkammes längst

über die weite Niederung hingebreitet hatte.

Tief, tief im Schoße unserer Heimaterde, unter weitausgedehnten

Lehm-, Kies-, Sand-, Braunkohlen- und Porphyrdecken, in Tiefen, die

zum Teil nur das Auge der Wissenschaft erreicht, die sich nur den

Mitteln der modernen Technik erschließen, da liegt heute der felsige

Rumpf _unserer_ Alpen begraben, der übrig gebliebene Kern, der

Stumpf dieser Uralpen. Meilenlange Risse und Spalten haben ihn in

der Folgezeit zerrüttet. Gigantische Schollenverlagerungen, die die

Erde bang erzittern ließen, haben bewirkt, daß die uralte Grauwacke

des unterirdischen Gebirgsklotzes bis in die Höhen der heutigen

Erdoberfläche »verworfen« wurde, so daß die Menschen einer späteren

Zeit unmittelbar vor den westlichen Toren Leipzigs (Kleinzschocher)

und auch südlich der Stadt (Otterwisch, Hainichen) im Flachlande

Steinbrüche, richtige Steinbrüche, anlegen konnten. Leider ist es

trotz angestrengter Bemühungen nicht möglich gewesen, die merkwürdigen

Steinbruchswände von Kleinzschocher als die interessantesten

geologischen Naturdenkmäler der Leipziger Umgebung vor der Verschüttung

zu bewahren.

Seitdem das Wasser das nordsächsische Grauwackengebirge abtrug, ist

es der bildende und formende Meister unserer Landschaft bis heute

geblieben. Als rollende Meereswoge, als verlandender Sumpfsee, als

breiter Wannenfluß und vor allem als blaues kristallnes Inlandeis

hat es erniedrigend und auffüllend, hier grobschichtig formend, dort

feingliedrig ziselierend, an dem Antlitz unserer Heimat gearbeitet,

langsam und oft unmerklich, so daß sich seine tausendjährigen

Arbeitsstunden zu Jahrmillionen der Erdgeschichte rundeten.

Nur noch einmal in dieser langen Geschichte unserer Heimat, und zwar

noch im Frührot derselben, als der gewaltige Gebirgsabtragungsprozeß

noch im Gange war, hat sich die Erde bei uns darauf besonnen, daß ihr

noch andere Werkmeister zu Gebote stehen als der stetig und still

schaffende Wassertropfen. Dämonenhafte Mächte aus Plutos unterirdischem

Reiche türmten mit titanenhafter Kraft und gewaltigem Ungestüm

aus glutigem Magma und heißen Aschenmassen trotzige Berge, breite

Felsdecken und runde Aschentuffhügel empor. Keines Menschen Auge hat

das grandiose Schauspiel ihrer Tätigkeit geschaut; aber wir wissen:

die größten Lavaausbrüche mit ihren verheerenden Begleiterscheinungen,

die die Menschheit erlebt hat, verschwinden im Vergleich zu den

Ereignissen, die damals unsere Heimat erschütterten. Die Luft war

weithin durch Aschenmassen verfinstert, aus denen Steine, Aschen

und rauschender Regen niederstürzten. Ausgedehnte Sumpfwälder

versanken unter Aschenschichten. Farnbäume, Riesenschachtelhalme

und altertümliche Nadelhölzer wurden von strömenden Schlammassen

verschlungen; glühende Lava, deren rotglutiger Schein die Finsternis

kaum zu durchdringen vermochte, brach in rascher Folge an den

verschiedensten Stellen unserer Heimat hervor, hier runde Quellkuppen,

dort breite Decken formend; kochend heiße Schlammströme verhärteten zu

roten ungeschichteten Tuffen.

[Illustration: Abb. 1. =Blick von der Kirche zu Röglitz ins Auenland=]

Der weithin schauende Rochlitzer Berg, die dunkelbewaldeten

Porphyrkolmen (Kohlenberg), die heute aus der Gegend von Beucha und

Brandis in die Leipziger Ebene grüßen, die burgengekrönten Felsen bei

Colditz und Grimma, die in einem tiefeingeschnittenen malerischen

Tale die heutige Mulde bergen, die breiten Porphyrdecken, die sich

bei Buchheim, Ebersbach, Frohburg und anderorts zum Teil unterirdisch

dahinziehen, der Petersberg bei Halle, von dem in frühgeschichtlicher

Zeit fromme Klosterglocken ins Land hineinriefen, die Höhen, die

im Norden bei Landsberg in blauer, dunstiger Ferne schimmern, der

kleine Kreuzberg drüben bei Taucha-Cradefeld, an dem der Leipziger

Rat seine Straßensteine bricht, diese und viele andere Erhebungen

wurden damals geboren, in der ersten Hälfte der Dyaszeit, in der

Zeit des Rotliegenden, wie die Gelehrten sagen. – Heute ertönt

in den erstarrten Porphyrbergen der Umrandungszone der Leipziger

Tieflandsbucht das lustige Klingklang der Steinhämmer und das dumpfe

Dröhnen der Schotterschlagmaschinen, denn das reichbesiedelte Leipziger

Land braucht Werksteine für Häuser, Monumentalbauten und Denkmäler

und Steinschlag für die Wege im weichen Boden des Schwemmlandes. Das

gewaltigste Wahrzeichen der Leipziger Ebene türmt sich empor aus

den grünlichen Quadern des harten Beuchaer Granitporphyrs, und eben

erstehen vor dem alten Lotterbau auf dem Leipziger Marktplatz aus dem

warmgetönten rötlichen Rochlitzer Porphyrtuff die Eingänge zu der

großen Untergrundmeßhalle. – Der Steinbruchsbetrieb hat vielfach die

Schönheit der Landschaft beeinträchtigt, er hat aber auch Bilder von

besonderer Eigenart geschaffen, wie die Beuchaer Kirchwand, deren

starren Linien sich die oft gemalte trutzige Wehrkirche da oben auf

der Höhe so wunderbar anpaßt. Geheimnisvoll wie kleine grüne Bergseen

muten uns oft die tiefen klaren Wasseransammlungen an, die zwischen

den moosfarbenen und flechtengrauen Bruchwänden alter aufgelassener

Steinbrüche träumen.

[Illustration: Abb. 2. =Kirche zu Beucha=]

Nach den vulkanischen Umwälzungen der Rotliegendenzeit hat in

unserer Heimat, wie gesagt, nur noch das Wasser erdbildend und

landschaftsgestaltend gewirkt. Die Einebnung der variskischen

Alpenzüge, Hand in Hand mit einer starken Senkung des mitteldeutschen

Bodens gestattete es, daß ein weites flaches Meer, vom Ural bis in

die Mitte Englands reichend, über den größten Teil Deutschlands

hinweggriff. Es war das Zechsteinmeer, das an Ausdehnung, Gliederung,

Tiefe und Salzgehalt proteusartig wechselnd, dem deutschen Vaterlande

seine gewaltigen Steinsalzlager mit den heute darüberliegenden uralten

Hallorten und Sulzbädern, ferner die wichtigen Kalilagerstätten und

den versteinerungsreichen Kupferschiefer schenkte, der schon zu den

Zeiten bergmännisch gewonnen wurde, da Luthers Vater zu Eisleben und

Mansfeld ein armer Häuer »gewest«. – Unser Leipziger Land ist vom

Zechsteinmeer wahrscheinlich mit der Randzone berührt worden, aber

die Niederschlagsgesteine dieser Zone – Plattenkalke und schöne bunte

Letten oder Tone – sind zu unbedeutend, als daß sie Einfluß auf das

Landschaftsbild unserer Gegend hätten gewinnen können. Steinbrüche bei

Ottenhain-Geithain geben uns von ihrem Dasein Kunde.

Der nicht vom Zechsteinmeer bespülte Teil unseres Vaterlandes war

Flachküste. Dünenhügel und Dünenkämme mögen ihr das Gepräge gegeben

haben. Je mehr sich das Zechsteinmeer zurückzog und in seinen Resten

der Eindampfung verfiel, mußte sich dieser Wüstencharakter über

Deutschland verbreiten. Sand, Sand, unendlicher Sand, das wurde

die Signatur des trocken gelegten Landes. »Die Luftströmungen, die

über der sonnendurchglühten Ebene emporstiegen, führten von allen

Seiten stürmische Winde herbei«, und mit ihnen zogen samumartig

rötliche Sandmassen daher, deren ungeheures Material den vom Wasser

zerstörten Graniten und Gneisen der südlichen Züge der variskischen

Alpen entstammte. – »Buntsandsteinzeit« hat man diese Wüstenperiode

der Erdgeschichte genannt, denn die vielfarbigen Sande sind in der

Folgezeit zu festem Sandstein verkittet worden. Vielfach mag das

fließende und nagende Wasser die bunten Sandsteinbänke wieder beseitigt

haben, auch bei uns in unserer Heimat. Aber da, wo Schnauder und

Rippach ihre Bachbetten in das Leipziger Land gruben, da können wir

ihre Reste noch heute beobachten. Weiter nach Süden, Westen, an der

Elster und an der Saale gewinnen sie dann auch bestimmenden Charakter

für die Landschaft.

In der Buntsandsteinzeit grüßen wir schon das Morgenrot jener

umfassenden, Jahrmillionen dauernden Erdepoche, die, als Mittelalter

der Erdgeschichte bezeichnet, drei Schöpfungsperioden einschließt: die

Trias-, Jura- und Kreidezeit. Es ist der Abschnitt der Erdentwicklung,

wo sich die aufbauende Tätigkeit der Ozeane und Meere ins Allgewaltige

steigert. Aus dem Muschelkalkmeere schlagen sich die zweihundert Meter

mächtigen Muschelkalkbänke nieder, von deren Höhe heute stolze Burgen

ins freundliche Saaletal herabschauen. Im Jurameer, in dessen Wogen

sich die fabelhaften durch Viktor Scheffels feuchtfröhliche Laune

so berühmt gewordenen Saurier tummelten, bauen sich aus tierischen

Kalkresten die gewaltigen Juragebirge auf. In den Flachseen der

Kreidezeit bilden sich aus den Kalkgehäusen unzähliger mikroskopischer

Kleintiere die weißen Felsen der Schreibkreide, auf Rügen zum Beispiel

und in der Champagne, aus eingeschwemmten und eingewehten Sandmassen

aber auch die Quadersandsteine unserer Sächsischen Schweiz. Von all

diesen Schöpfungsvorgängen aber bleibt unsere Heimat unberührt.

Während sich das Land umher senkt und so den ozeanischen Fluten

Zutritt gewährt, bleibt das böhmische Massiv mit einem nordwestlichen

Ausläufer, also auch unsere Scholle, Festland, oft inselartiges

Festland. Und so fehlen in der Schichtung unseres heimatlichen Bodens

wichtige erdgeschichtliche Nachweise; die Chronik unserer Heimaterde

zeigt hier eine schmerzliche Lücke.

Als nun die Neuzeit der Erdgeschichte anbricht, als die Alpen von

heute zu strahlender Schönheit aufsteigen, als von der Eifel bis

zum schlesischen Gebirge erneut lava- und aschespeiende Vulkane

lohen und die Basaltkuppen des Erzgebirges der Tiefe entquellen,

als zwischen Schwarzwald und Wasgenwald der Graben einbricht, der

heute die lachenden Fruchtgefilde des Oberrheins birgt, als die

südliche Flanke des Erzgebirges zur böhmischen Tiefe hinabsinkt, da

liegt unsere Heimat inmitten all dieses gewaltigen Geschehens da

als eine weite flache, nach Norden und Westen sich senkende offene

Wanne. Die weiten Porphyrdecken, die die vulkanischen Gewalten der

Rotliegendenzeit einst ausbreiteten, sind an der Oberfläche längst in

Verwitterungsschutt zerfallen, und die feinsten Teile dieses Schuttes

hat das aufbereitende Wasser als ausgedehnte Lehm- und Sandschichten

über das flache Wannenland hingelagert. Subtropisches Klima, wie es

heute etwa am Mississippi herrscht, brütet über der Heimat. Zwischen

flachwelligen Höhen breiten sich weite Sumpfgewässer und Moore

aus. Auf ihren Verlandungszonen und auf dem Waldmoorboden wachsen

üppige Sumpfzypressen. An den Ufern grünen Zimt- und Feigenbäume,

blühen prächtige Magnolien, duften blühende Oleander, stehen Myrte

und Lorbeer. Von den flachen Landrücken grüßen immergrüne Eichen,

Ahorne, Birken und andere Waldbäume meist heutigen Charakters. – In

regenreichen Perioden räumen breite, wasserreiche Flüsse die Täler

des sich hebenden erzgebirgischen Nordflügels, der mittelsächsischen

Hügelketten und des heutigen Vogtlandes aus, mit den gewaltigen

Schuttmassen das Flachland immer mehr einebnend und die überschwemmten,

untergehenden Moordecken und Sumpfwälder unter mächtige Schichten von

Sand und Schlamm bettend. Da sich das Flachland senkt, bricht von

Norden her das Meer ein. Bis dahin, wo heute die Blütenpracht der

Röthaer Obsthaine unser frühlingstrunkenes Auge entzückt, plätschern

die Wellen der Flachsee. Seicht und breit mündende Ströme tragen von

Süden her Kies- und Sandbänke in die See hinein. Und wenn es dem

schürfenden Wasser gelang, im südlichen Teil der Tieflandsbucht längst

begrabene, verkohlende Moordecken anzuschneiden, dann führen sie wohl

in braunschmutzigen Fluten das Material herbei, um es zwischen die

Schichten des Deltas als bodenfremde Braunkohlenflöze und -schmitzen

einzulagern. Und als dann das Meer sich wieder nordwärts zurückzieht,

grünen noch einmal üppige Sumpfwälder empor, um schließlich wiederum

unter den Sinkstoffen der Flüsse eingeschichtet zu werden.

Die hohen Schornsteine, die heute an der Wyhra, im Altenburger Land

und in der weiten Lützener Ebene wegweisend am Horizonte emporragen,

kennzeichnen die Stellen, wo menschlicher Fleiß die ausgedehntesten

und mächtigsten Flöze, die immer bedeutungsvoller werdenden

braunen Schätze der Tertiärzeit abbaut. Die tiefen, sich weithin

erstreckenden Tagebaue, die grüne Saaten verschlingen und Dorf und Wald

bedrohen, die keuchenden Bagger, die hochaufgeschütteten Erdhalden,

die fauchenden und zischenden Zechenbahnen, die neuerstandenen

Brikettfabriken und Kraftwerke mit hochaufragenden Schloten, die

Eisenbahnladeplätze mit ihren Schienensträngen und Wagenreihen, die

neuzeitlichen Arbeiterviertel in den Dörfern, deren alte Bauernhäuser

sich verschüchtert um das verwitterte Dorfkirchlein scharen, die

landfremden Kohlenarbeiter mit ihrer dem Tagesberuf angepaßten Tracht,

– das und noch vieles andere zeigt, wie eng menschliches Sein und

Schicksal von heute mit der unendlichen Vergangenheit der heimatlichen

Scholle verbunden ist. Ist es _nur_ neue Form, die wir hier im

Braunkohlengebiet schauen, oder ist es nicht auch neue Schönheit? – Die

Kunst, die schon eifrig hier ihre Motive sucht, wird uns auch lehren,

in diese von menschlichem Willen und menschlicher Kraft so stark

beeinflußte Landschaftsgestaltung unsere Seele hineinzutragen.

[Illustration: Abb. 3. =An den Braunkohlenwerken Dora und Helene bei

Lobstädt=]

Das Relief, das die Heimat am Ende der Braunkohlenzeit zeigte, haben

die kommenden Jahrtausende der erdgeschichtlichen Entwickelung

nicht ganz verwischen können. Der flache Höhenzug zwischen Pleiße

und Parthe zum Beispiel, der heute das Völkerschlachtdenkmal trägt

und sich nach Nordwesten bis zum Leipziger Alten Theater, bis in

den Mündungswinkel der Pleiße und Parthe hineinschiebt, dieser

unbedeutende Rücken, der den Kern unserer Stadt, die Altstadt trägt und

ihm Schutz vor den Überschwemmungen der Pleiße bot, ist tertiären oder

braunkohlenzeitlichen Alters. Ihm verdanken wir, daß bei uns die Kinder

am »Barfußberge« spielen, daß wir in Connewitz ein »Oberdorf«, in der

Südvorstadt eine »Hohe Straße« verzeichnen können. Von seiner Höhe

grüßt heute an Stelle der alten Zwingburg Dietrichs des Bedrängten die

Matthäikirche.

Den stärksten Einfluß auf die Formung des heutigen Landschaftsbildes

im Leipziger Kreise hat die jüngstvergangene erdgeschichtliche Periode

erlangt, die Eiszeit oder die große Schneezeit (Diluvium). Wasser war

es wieder, das hier die letzte Arbeit meisterte, – Wasser, diesmal in

Gestalt des blauen Gletschereises.

Die subtropische Hitze, die einst die Braunkohlenwälder dem Sumpfboden

unserer Heimat entlockt hatte, war längst einem kühleren Klima

gewichen. Die mittlere Jahrestemperatur war langsam stetig gesunken,

so daß sie noch um einige Grade tiefer lag als unser heutiges

Jahresmittel. Dazu hatte das Klima ozeanischen Charakter angenommen.

Die Niederschläge mehrten sich; im hohen Norden Europas, sowie in den

Bergen der Alpen und auf den Höhen der deutschen Mittelgebirge häuften

sich die Schneemassen. Bald quollen in den Bergen die Firnbecken über.

Von den Alpen, vom Schwarzwald, vom Odenwald, vom Harz und von den

Sudeten stiegen die Gletscher in die Vorlande. Und von den höchsten

Höhen Skandinaviens verbreitete sich nach allen Seiten hin dickes

Inlandeis, wie wir es heute aus Grönland kennen. Vom Ural bis Holland

und England begrub es Nordeuropa unter seine gewaltige Last. Auch

über unsere Heimat schreitet das Eis bei seinem stärksten Vorstoß von

Norden her in einer Dicke von dreihundert Metern hinweg. Erst der Fuß

des Erzgebirges gebietet ihm Halt. – Wie ein Riesenbagger schürft das

langsam vorrückende Eis das Land unter sich auf. Es bricht gewaltige

Blöcke und Platten der norwegischen und schwedischen Felsgesteine los,

es hebt ganze Schollen der feuersteinreichen Kreide auf Rügen ab, es

preßt die ungeheuren Lager von weichen Tonen und lockeren Sanden in

der norddeutschen Ebene auf und schleppt alles im Weiterschreiten

und Weitergleiten als Grundmoräne in seiner Sohle mit sich fort. Wo

das Eis über anstehende Felskuppen hinweggleitet, da scheuert es das

harte Gestein mit dem feinen Sand-, Ton- und Kalkschlick seiner Sohle

ganz blank und kratzt in die fast spiegelglatten Flächen feine Ritzen

und Schrammen hinein. Wenn drüben bei Beucha oder Kleinsteinberg

die Steinbrecher neue Sprengungen vornehmen wollen und vorher die

fruchtbare Ackerkrume vom Porphyrgestein abdecken, dann finden sie

solche »Gletscherschliffe« als Erinnerungsmerkmale der eiszeitlichen

Vergangenheit unserer Heimat. – Als die klimatischen Verhältnisse

Europas ganz allmählich sich denen von heute näherten, da trat das Eis

seinen Rückzug nach Norden an. Oft aber unternahm es bei eintretenden

Klimaschwankungen erneute Vorstöße, so daß auch für unsere Heimat

Zeiten der Vereisung mit Zwischeneiszeiten wechselten, in denen die

Leipziger Tieflandsbucht eisfrei blieb. Mit Sicherheit sind wenigstens

zwei stärkere Vereisungen unserer Gegend anzunehmen. Das zurückgehende

Eis ließ als kostbares Geschenk den mit Blöcken und Steinen

gespickten zähen Lehmbrei seiner Grundmoräne zurück, den sogenannten

Geschiebelehm. Er bildet heute die fruchtbare Ackererde unserer Felder

mit ihrem Reichtum an Lesesteinen, mit ihren zahlreichen einsamen Irr-

und Wanderblöcken in stiller Feldflur.

Zwischen Saale und Elster im Westen, zwischen Pleiße und Parthe im

Osten und vor allem im Norden ins Provinzialsächsische hinein hat

der Geschiebelehm unübersehbare tischglatte Gemarkungen geschaffen.

Hier werden wir uns des Flachlandcharakters unserer Heimat am

deutlichsten bewußt. Hier reiht sich Feld an Feld, Ackerstreifen an

Ackerstreifen. Nichts als die regelnde Hand des menschlichen Fleißes

ist in dem schachbrettartigen Getäfel erkennbar. Geradlinig ist alles,

die Straßen und Schienen oft wie mit dem Lineal gezogen. Selbst das

langgestreckte Straßendorf bringt wenig Abwechselung in das Bild. Und

doch ist dieses flache Bauernland schön und wird dem, der es kennen

lernt, zum tiefen Erlebnis. Der weite in die Ferne hinausführende

Horizont, der hohe unendliche Himmel mit seiner zu Herzen gehenden

Wolkensprache, die unerschöpflichen Feinheiten der Luftperspektive,

die unvergleichlichen Sonnenuntergänge, die prachtvollen Gewitter,

die in der Ebene viel mehr dem Auge als dem Ohre predigen, das alles

wirkt bedeutend – und erhebend. Glücklicherweise steigert sich die

Ebenflächigkeit nirgends zur Monotonie. Das bunte Mosaik der Felder,

die im Blütenschnee schimmernden Reihen der Straßenbäume, die von

blumigen Wiesengründen begleiteten und von Erlen und Weiden gesäumten

Bäche und Rinnsale, die weithin blinkenden Teiche, die duftigblau

fernschimmernden Waldsäume der Diluvialwaldungen, die zahlreichen mit

ihren Dächern und Türmen aus segenspendenden Obstbäumen hervorlugenden

Dörfer, die weithin leuchtenden Wassertürme, das alles gruppiert

sich zu immer neuem, fortwährend wechselnden Bildern von schlichter,

lieblicher Schönheit. Vieles ist in dieser Landschaft charakteristisch

und typisch. Nicht zuletzt das Menschenleben. Der »uralt heilige Beruf

des Landmannes«, in Bildern von unerschöpflicher Schönheit tritt er uns

hier entgegen. Der ernst schreitende Säemann, der rüstige Schnitter,

die flinke Garbenbinderin, der hochbeladene Erntewagen, der Pflüger

mit den strebenden Rossen. »Oft sind sie zu fünf, sechs oder mehr auf

der sonnigen Erdscheibe zu sehen, bis zu Fernen, in denen sie sich zu

winziger Kleinheit verlieren«. Und darüber im blauen Frühjahrshimmel

windzerrissene Märzwolken. Wenn es wahr ist, daß Schönheit mit der

Schlichtheit wächst, hier im flachen Bauernland wird es Ereignis.

[Illustration: Abb. 4. =Die Femlinden auf Ehrenberger Revier im

Leipziger Auenwald=]

Indem das Inlandeis bei seinen einstigen vor- und rückläufigen

Bewegungen die Erhebungen des Bodens einebnete und die Senken mit dem

Material seiner Grundmoräne ausfüllte, hatte es dem Leipziger Land

noch einförmigere Linien verliehen, als es wohl schon am Ausgange

der Braunkohlenzeit aufgewiesen hatte. Gleichsam unzufrieden mit

dieser seiner Arbeit, brachte es vor seinem endgültigen Rückzuge

ganz neue belebende Züge in das Bild der Landschaft. Da wo der Rand

des Inlandeises auf längere Zeit, Jahrhunderte, Jahrtausende, zur

Ruhe, zum Stillstand kam, häuften sich die Gesteinstrümmermassen

des Gletschers zu langen Hügelreihen, zu riesigen eiszeitlichen

Stirn- oder Endmoränen. Die von den Steilwänden des Gletscherrandes

herabstürzenden, gurgelnden Schmelzwässer durchspülten unaufhörlich

die gewaltigen Schuttanhäufungen der Endmoräne und entführten ihr die

lehmigen und tonigen Bindemittel, so daß schließlich nur noch lose

Haufwerke von Sanden, Kiesen, Blöcken und Gesteinsgrus blieb.

[Illustration: Abb. 5. =Blick von der Beuchaer Kirche über den

Steinbruch nach dem Kohlenberg=]

Der bewaldete Bienitz mit dem benachbarten Wach- und Sandberg im Westen

Leipzigs und die zahlreichen Höhen, die uns nördlich und östlich der

Parthe grüßen, sind solche Endmoränenzüge. Wallartig geschlossen und

nur am Bienitz durch die breite Elster-Luppen-Niederung unterbrochen,

erstrecken sie sich von Dehlitz drüben bei Weißenfels an der Saale bis

nach Eilenburg an der Mulde hin. Während sie aus weiter Ferne geschaut

fast untertauchen in dem gewaltigen Gleichklang unserer Ebene, treten

sie, aus der Nähe betrachtet, oft recht auffällig hervor. Einzeln für

sich gesehen riesigen Maulwurfshaufen gleichend, bieten sie Freunden

schöner Linienführung in ihrer Aneinanderreihung (Gordemitz) großen

Genuß. Da wo die Gegenstücke unserer Landschaft, Moränenhügel und

Aue unmittelbar nebeneinander auftreten (Parthenlauf), wo sich dem

sanftanstrebenden Decksandhügel die Aue mit blumigen Wiesen anlehnt,

da ist die Landschaft von überraschender Lieblichkeit. Die Windmühle

mit den lustig im Winde sich drehenden Flügeln auf kahler luftiger

Moränenhöhe und die stille Wassermühle am Auenfluß, tief eingebettet

in das Grün buschiger Erlen und Weiden, mit dem schwerfälligen

unterschlächtigen Mühlrade, sind Symbole einer Gegensätzlichkeit,

die man im Leipziger Land nicht sucht. Oft sind die sandigen Hügel

von Beständen der genügsamen Kiefer gekrönt. Ihr düsteres Grün gibt

einen feinen Kontrast zur hellgrauen, spärlichen Ackerscholle oder zum

gelblich-weißlichen Sande der abgebrochenen Sandgrubenwand. Wenn man

da oben sitzt und das Auge die sandig welligen Abhänge hinabgleiten

läßt, wenn man den weichen, sonnenheißen Sand durch die Finger rieseln

läßt und das sandholde Pflanzen- und Tierleben belauscht, dann kommt

Heidestimmung über einen, und Heidesehnsucht quillt im Herzen auf.

Häufig tragen die Hügel kleine trutzige Wehrkirchen (Panitzsch, Thekla,

Frankenhain u. a.) aus den Zeiten, da unser Land heißumstrittener

Kolonialboden war und deutsche Ansiedler die neugewonnene Heimat gegen

die von Osten heranbrandenden slawischen Sturmfluten verteidigen

mußten. Obwohl die Moränenhügel die Höhe von einhundertundachtzig Meter

nirgends überschreiten, sieht der anspruchslose Bewohner der Ebene doch

in ihnen Berge. Als Wach-, Kreuz-, Wein-, Fuchs-, Galgenberge usw. sind

sie in den Heimatkarten verzeichnet. Gelegentlich hat man sie sogar

mit Aussichtstürmen geschmückt. Und es lohnt sich reichlich, einen

solchen Ausguck zu besteigen. Bei der Ebenflächigkeit des Landes gibt

es Ausblicke von überraschender Tiefe ins weite, weite Land hinein.

Wo zwischen die Hügelreihen einsame Dörfer eingebettet liegen, da

atmet die Heimat fast den Frieden und die Abgeschiedenheit stiller

Gebirgsdörfchen.

Als sich das nordische Eis unserer Heimat näherte, schob es mächtige

Eiszungen in die breiten Strombetten der heimatlichen Gewässer vor.

Haushohe Stauwehre von Eis zwangen unsere Elster und Pleiße, die

ursprünglich in nördlicher Richtung flossen, nach Westen dem Eisrande

entlang auszubiegen. Auch die Mulde gab damals ihren nördlichen Lauf

in der Gegend von Grimma auf und wälzte ihre durch Gletscherwässer

verstärkten Fluten in zwei breiten Armen dem Lauf der heutigen Gösel

und Parthe folgend über Leipzig der Saale zu. In der Eiszeit entsteht

so die breite Entwässerungsrinne zwischen Leipzig und Merseburg,

in der jetzt alles fließende Wasser des Leipziger Landes der Saale

zuströmt. – Nach der Eiszeit brach für Norddeutschland und auch

für unsere Ebene eine Trockenperiode an, eine Steppenzeit, in der

gewaltige, lößaufhäufende Staubstürme über die Gegend dahinbrausten.

Die Flüsse büßten mehr und mehr ihre Wasserfülle ein. – Und nach dieser

Steppenperiode nahm dann infolge erneuter klimatischer Veränderungen

unsere heutige Pflanzenwelt von der Heimat Besitz. Blumige Wiesen und

schimmernde Laubwälder breiteten ein farbenfreudiges Gewand über die

Landschaft. Trotz reichlicherer Niederschläge aber blieben die Flüsse

jetzt klein und unbedeutend bis auf den heutigen Tag. – Nur wenn im

Frühjahr die Schneeschmelze eintritt, scheinen sich die schwächlichen

Epigonen der riesigen Eiszeitströme ihrer gewaltigen Vergangenheit

zu erinnern. Sie steigen aus ihren schmalen Ufern und verwandeln

die breite Aue in einen blinkenden See. Dann gibt es südlich bei

Markkleeberg und im Nordwesten bei Modelwitz und Papitz trotz aller

Dämme und Flutrinnen eine Fülle reizvollster Überschwemmungsbilder.

– Die gelbe Flußtrübe der Überschwemmungsfluten setzt sich zu Boden,

und eine dünne Schlammkruste bleibt zurück. Der Märzwind trocknet sie,

und aus den tausend Rissen und Sprüngen sproßt hoffnungsfreudig neues

Grün hervor. Unzählige Male ist die Flußaue so überschwemmt worden. Aus

den dünnen Schlammschichten ist eine mächtige Lehmdecke geworden. Es

ist der Aulehm unserer Flußtäler, ein feuchter, schwerer, steinfreier

Lehm, der zahlreichen Ziegeleien ein ausgezeichnetes Material liefert.

Unter ihm liegen zuweilen Sand- und Schottermassen, die die Flüsse hier

ablagerten, wenn sie besonders transportfähig waren.

[Illustration: Abb. 6. =Auenwaldbild bei Rübsen=]

Aus der Höhe von Papitz schauen wir heute hinein in die lachende Aue.

Wie eine ebene Tafel ist das Schwemmland der Aue eingelagert in die

höher gelegene Geschiebelehm- und Endmoränenlandschaft. Bald ist der

Gegensatz von Aue und Auenrand scharf, bald klingen die Höhen des

Randes sanft in die Aue hinein aus. Es sind zwei verschiedene Welten,

die sich hier berühren, Hochland und Tiefland, Steppe und Wasserland,

Geest und Marsch, Ackerland und Bruchland, Kultur und Wildnis, uralte

Gegensätze, die sich auf Erden so oft wiederholen. – Wasser, Wiese

und Wald sind die drei Landschaftselemente, die sich in der Aue in

immer neuen überraschenden Gruppierungen zusammenfinden und so den

Reichtum an Landschaftsbildern ergeben, der die Aue auszeichnet. Ihrer

eigensten Natur nach ist die Aue uraltes Wasserland. Wasser quillt im

sumpfigen Boden; Wasser rinnt in den Flüssen mit ihren vielen Armen

und Gräben; Wasser erfüllt die zahlreichen Überschwemmungstümpel,

die stillen Altwässer, die verträumten Lachen, die waldumgürteten

Sümpfe, die schilfreichen alten Lehmstiche; Wasser braut um Busch

und Baum, wenn am Abend den tiefen Wiesengründen graue Nebelschwaden

entsteigen. Was die Aue unter allen Landschaftsformen der Heimat

obenanstellt, das ist der prächtige Auwald mit seinem Reichtum an

Laubbaumarten, mit seinen weichen Blättermassen und seinen weichen

runden Laubformen, mit seinen vielhundertjährigen Rieseneichen, seinem

dichten aus Strauchwerk und Stockausschlag bestehendem Unterholz, mit

seiner eigenartigen Frühlingsflora und seinen üppigen Schattenstauden

im Sommer. Wo sich dieser Wald kulissenartig hinausschiebt in die

Wiesenlandschaft der Aue, da gibt es Bilder von hoher landschaftlicher

Wirkung; im Mondenlicht gesehen sind diese Bilder von überraschender

Plastik, so daß sie das Auge fast körperlich aufnimmt. Im Strahl der

Herbstsonne lohen die reichen Blättermassen der zahlreichen Baumarten

in einer unvergleichlichen Farbensymphonie auf. Herbstfahrten durch

die Aue! Einen höheren Naturgenuß kann es kaum geben! Die Laubgänge

leuchten rot und gelb, als blicke farbendämmerndes Licht durch bunte

Kirchenfenster. Von Tag zu Tag werden Farben flammender, bis der erste

Frost der Herrlichkeit ein jähes Ende bereitet. – Die Auenwiesen,

die besonders in der Elster-Luppen-Aue (Oberthau) in manchmal kaum

übersehbarer Weite hingebreitet sind, können sich an Blumenreichtum und

Farbenpracht nicht mit Gebirgswiesen messen. Der kühle Aulehm ist der

Farbenfülle nicht günstig. Zumeist ist es eine bestimmte Pflanze, die

mit ihrer Blütenfarbe die Wiese eine Zeit lang beherrscht. Das tiefe

Gelb der duftenden Schlüsselblume wird abgelöst vom zarten Blaßblau

des Wiesenschaumkrautes; das prächtige Rosa des Wiesenknöterichs

weicht dem Scharlachrot des Ampfers usw. – Die menschlichen

Siedelungen fliehen die Aue wegen der Überschwemmungsgefahr. Es sind

zumeist Einzelsiedelungen, die uns in der Aue begegnen, Gasthäuser

an Querwegen, Wassermühlen und Ziegeleien. Gering ist die Zahl der

Auendörfer. Aber oben auf dem Auenrand, da reihen sich schon seit

vorgeschichtlichen Zeiten die Siedelungen aneinander wie die Perlen an

der Schnur. Die Großstadt hat die Wassernatur des Landes überwunden und

die Aue erobert. Aber in hundert Zügen hat ihr das Wasser den Charakter

der »Auenstadt« aufgeprägt. Als köstliches Geschenk der engen Beziehung

seiner Stadt zur Auenlandschaft schätzt der Leipziger, daß er wenige

Minuten von dem alten Marktplatz, dem Mittelpunkt der Stadt, und vom

Hauptbahnhof, dem heißklopfenden Herzen des Großstadtverkehrs, in

Waldungen eintreten kann, die nach Roßmäßlers Urteil zu den schönsten

in Deutschland zählen.

[Illustration: Abb. 7. =Auenlandschaft bei Oberthau=]

* * * * *

So liegt das Leipziger Land vor uns als ein Geschenk des Wassers:

Schwemmland von uraltem Schwemmlandscharakter. – Das menschliche

Schicksal von Jahrtausenden ist heute in diese große Schwemmlandstafel

eingegraben. »Alles Schaffen, alles Hoffen und Leiden, alles Gewinnen

und Verlieren längst vergangener Menschengeschlechter ist hier

verzeichnet.« Selbst da, wo die Landschaft noch am ursprünglichsten

zu uns spricht, im weiten Wasserland der Aue, gibt es wohl keinen

Schrittbreit Boden, den menschlicher Wille nicht beeinflußt hätte.

Und doch kann die Landschaft die Züge, die ihr die Weltenjahre

erdgeschichtlicher Vergangenheit aufgedrückt haben, nirgends

verleugnen. Die Urnatur des Landes, gewissermaßen die Wildnis, schaut

überall durch den dünnen Schleier der Kultur hindurch. »Gewaltiger

als der Mensch ist die Natur, die ihn selbst mit unlösbaren Banden

umspannt.«

Vom Auenwald

Von Professor Dr. _Naumann_

Als Muster eines Auenwaldes bezeichnet Roßmäßler die artenreichen,

feuchtkühlen Laubwälder der Leipziger Umgebung. Er sagt darüber: »Die

Nähe eines gepflegten Auenwaldes schützt die große Stadt der Tiefebene

vor dem Hereinbrechen der Langweiligkeit, welche dem vordringenden

Feldbau auf dem Fuße folgt. Und in solch glücklicher Lage befindet sich

Leipzig, welches aus seinem westlichen Tor unmittelbar in einen der

schönsten Auenwälder Deutschlands tritt.«

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Dresden-Blasewitz

Abb. 1. =Am Hemmschuh bei Rehefeld, im Vordergrund Märzbecher=]

Jeder Auenwald verdankt seine Entstehung und seine Zusammensetzung der

überschwemmenden Tätigkeit eines Flußsystems.

[Illustration: Abb. 2. =Karte des Auwaldgebietes westlich von Leipzig;

das Flußnetz der weißen Elster und Luppe umfassend=

Durch die starke Verkleinerung der Karte sind die Beschriftungen schwer

zu erkennen, und sind deshalb die im Aufsatz genannten malerischen

Gegenden, Wasserläufe und dergleichen zur schnelleren Auffindung auf

der Karte mit Pfeilen und Nummern versehen worden, die in der

nachstehenden Erläuterung erläutert sind.

=Erläuterung=:

1 = Weiße Elster

2 = Luppe

3 = Hundewasser

4 = Burgauer Forstrevier

5 = Polenz

6 = Park vom Lützschenaer Rittergute

7 = Malerische Altwassertümpel zwischen Gundorf und Lützschena

8 = Auwaldzauber der Luppelandschaft bei Leutzsch

9 = Malerische Baumbestände an der Luppe in der Gegend von

Maslau und Horburg

10 = Maslauer Eiche

11 = Kaisereiche

12 = Polenzeiche

13 = Königseiche

]

Während der Oberlauf des Flusses sich eingeengt sieht durch die

ansehnlichen Bodenerhebungen eines Berglandes, dringt der Mittellauf

meist durch liebliches Hügelgelände. Solch begleitende Höhen lassen

eine breite Überschwemmungszone kaum aufkommen. Der schmale Ufersaum

ist meist blockreich und schotterbedeckt, so daß sich Baumbestände

auf vereinzelte Weiden, Erlen und Espen beschränken, wie wir an den

schmalen Uferstreifen unserer Erzgebirgsflüsse wahrnehmen können. Der

meist gewundene Lauf ist einer ruhigen und steten Ablagerung feinerer

Anschwemmungsprodukte nicht günstig, und infolge des noch starken

Gefälles im jugendlichen Strom bleiben nur kiesige Massen an den

Uferrändern, während die aufschwemmbaren Produkte bis weit hinab ins

Niederland geführt werden. Hierzu kommen die reißenden Schmelzwässer

des Frühjahrs, welche etwa angehäuften Feinboden wieder zerstören.

Nur selten zeigt sich in breiteren Gebirgsmulden, wie am Hemmschuh

bei Rehefeld im Flußgebiet der Wilden Weiseritz, ein auwaldähnlicher

Holzbestand, welcher als Auwaldpflanze noch den _Märzbecher_ führt.

(Abb. 1.) Der Prallhang der Bergflüsse bietet den Holzgewächsen gar

keinen Raum, und der kiesige Gleithang ist meist mit _strauchigen

Weiden_[1], einem _~Salicetum~_, bestanden.

Erst in der Niederung fließt der Strom in majestätischer Breite

und altersträger Ruhe ohne besondere Richtungsänderung dahin. Nach

starkem Herbstregen oder durch die Schmelzwässer des Frühlings

tritt er weit über seine Uferränder hinaus und setzt feinkörnige

fruchtbare Verwitterungsmassen ab, die wir als _Aulehm_ bezeichnen,

und welche aus Ton und feinem Sande bestehen. Nur dann weicht der

Strom der Niederung von seiner eingeschlagenen Hauptrichtung ab, wenn

sich ihm leichtgewellte Höhenzüge, wie bei der Elbe der Fläming,

entgegenstellen, oder wenn seitliche, wasserreiche Zuströme ihm eine

andere Richtung aufdrängen, wie dies bei der Weser durch die Aller

geschieht. Dort, wo mehrere gleichgerichtete Flüsse sich auf engem Raum

vereinigen, wo also ein engmaschiges Flußnetz gewebt ist, wird sich die

günstigste Gelegenheit zur Auwaldbildung finden, und hier dürfen wir

auch typische Auenwälder erwarten. _In Sachsens Nordwesten, in Leipzigs

Umgebung_, ist ein solches Gebiet geschaffen durch den Zusammenfluß

von Elster, Parthe, Pleiße und Luppe (Abb. 2), und die malerische

Gruppierung verschiedenartigster Laubbäume am Hundewasser gibt uns

einen Begriff von den Schönheitswerten solcher Bestände.

[Illustration: Abb. 3. =Das den Polenz im Süden umfließende Hundewasser

mit Weißbuchen und Ulmenaltholz=]

Schon im Jahre 1912 fand eine Anregung unseres Landesvereins

Heimatschutz auf Schaffung eines _Auwaldschutzbezirkes_ durch die

einsichtige Stadtverwaltung Leipzigs Erfüllung, indem vom Rate

der Stadt beschlossen wurde, einen Teil des sogenannten Burgauer

Forstreviers, den Polenz, der in der Nähe des Parkes vom Lützschenaer

Rittergute liegt und dem Verkehr nur schwer zugänglich ist, bis

auf weiteres in der bisherigen Gestaltung zu erhalten, d. h. von

forstlicher Nutzung abzusehen. Dieser Teil wird von einem Elsterarm,

eben dem Hundewasser, umflossen und zeigt den Typus des Auenwaldes

mit seiner üppigen Vegetation noch recht unverfälscht. Weißbuchen

und Ulmenaltholz bilden längs des Ufers eine Laubwand von gewaltiger

Wirkung (Abb. 3). Auch der Anblick des Polenz von Osten her zeigt

uns einen geschlossenen Laubwalddom, hinweg über einen vorgelagerten

Hochwasserspiegel, welcher trotz wechselnder Wasserfülle den stolzen

Fischreihern vorübergehend als Aufenthalt dient (Abb. 4).

[Illustration: Abb. 4. =Östliche Seite des Polenz mit vorgelagertem

Hochwasserrest= (nur zeitweise Wasser vorhanden)]

Zum eigentlichen Heimatschutzgebiet aber wurde dieser köstliche

Landesteil erst im Jahre 1922. Von diesem Jahre konnte man durch eine

entsprechende Tafel mit der Inschrift:

=Naturschutzgebiet=

Urwüchsiger Auenwald

des Elstergebietes

Mit zahlreichen Baumarten (außer Rotbuche)

mit reichhaltigem Unterholz

mit üppigem Kräuterwuchs

Helft alle dazu, dieses Naturdenkmal

unversehrt der Nachwelt zu erhalten.

Der Rat der Stadt Landesverein

Leipzig Sächsischer Heimatschutz

gemeinsam unterzeichnet vom Heimatschutz und der Stadt Leipzig den

Auwald am Hundewasser als »geschützt« bezeichnen. Abbildung 5 zeigt

den Eingang zum Schutzgebiet, und der Blick fällt auf ein Baumgemisch

von Eschenaltholz und stattlichen Rüstern. Wohl gibt es noch andre,

vielleicht auch naturwissenschaftlich reichere Orte in Leipzigs

Flußnetz, aber wir dürfen mit dieser Wahl zufrieden und Leipzigs

Stadtverwaltung recht dankbar sein. Zwischen Gundorf und Lützschena

finden sich malerische Altwassertümpel, die als Reste früherer

Überschwemmungen verblieben sind (Abb. 6), und noch immer einer

interessanten, leider immer weniger werdenden Groß- und Kleintierwelt

günstige Lebensbedingungen gewähren. Diese Plätze sind daher als

Sammelgebiet ein Dorado für Aquarienliebhaber geworden, und man ist

damit umgegangen, dort eine biologische Arbeitsstätte zu schaffen.

Leider wollte man auch Ansiedelungsversuche mit verschiedenen, auch

fremdländischen Tieren machen. Ein solches »Ansalben« ist höchst

bedenklich! Als _Naturschutzgebiet im eigentlichen Sinne_ darf man

derartige Orte, selbst wenn sie für bestimmte naturwissenschaftliche

und Liebhaberzwecke der Allgemeinheit entzogen sind, nicht betrachten.

Ein solches muß sich selbst überlassen bleiben, d. h. frei von

forstlichen Eingriffen und frei von neugieriger Begängnis gehalten

sein, um für unsere Nachfahren das Walten einer ursprünglichen Natur zu

retten.

[Illustration: Abb. 5. =Eingang zum geschützten Auwaldgebiet der Burgau

im Stadtwald zu Leipzig=]

[Illustration: Abb. 6. =Zwischen Gundorf und Lützschena=]

Nahe Leutzsch liegt ein stiller Auwald-Zauber über einer

Luppenlandschaft, und man kann es der städtischen Forstverwaltung

(Forstmeister Zacharias) nicht genug danken, daß auch dieser Winkel

in seinem ursprünglichen Zustand gepflegt und erhalten wird (Abb. 7).

Auch weiter westlich, in der Umgebung von Maslau und Horburg (vgl.

Karte Abb. 2) bietet die Luppe malerische Baumbestände und wird mit dem

wechselnden Grün und dem Silbergrau der Weiden, deren Spiegelbild in

dem ruhenden Wasser zu uns leuchtet, zu einem landschaftlichen Kleinod

(Abb. 8). Aber nicht bloß die herrlichen Baumgestalten entzücken uns;

das träg fließende Wasser schmückt sich am Ufer weithin mit flüsterndem

Ried und raschelndem Röhricht, und eine reizvolle Spiegeldecke

lichtgrüner Schwimmpflanzen belebt anmutig die majestätische Ruhe (Abb.

9). Kaum satt kann sich das Auge trinken an dieser grünen Dämmerpracht,

durchfunkt von den Goldblüten der Mummel. Darum darf wohl ein zweites

Bild des Maslauer Auenwaldes (Abb. 10) auch dem verwöhnteren Leser

nicht überflüssig erscheinen.

[Illustration: Abb. 7. =Luppenlandschaft, im jetzigen Zustand gepflegt

und erhalten von der Leipziger Städtischen Forstverwaltung=

(Forstmeister Zacharias)]

[Illustration: Abb. 8. =Auenlandschaft bei Horburg=]

Auch im Muldenlande, südlich von Leipzig, zeigen die restlichen

Baumbestände um Rochlitz noch den Charakter des Auenwaldes, wie er sich

vor Zeiten, anstelle der jetzigen fruchtbaren Auwiesen und Felder, zu

beiden Seiten des Flusses ausgebreitet hat (Abb. 11).

[Illustration: Abb 9. =Auenwald bei Maslau= (Luppe)]

[Illustration: Abb. 10. =Auenwald bei Maslau= (Schwimmpflanzendecke)]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 7–10 · 第 1 / 6 段